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 <title>Kritische Ausgabe Plus - Gesamt</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/taxonomy/term/154/2</link>
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 <language>de</language>
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 <title>Der Kuss der Tosca</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/der-kuss-der-tosca</link>
 <description>&lt;p&gt;Italien pflegt noch seine gro&amp;szlig;en abendlichen Fernsehshows und Galas. Da wird dann ausgiebig gesungen und man h&amp;ouml;rt oft die &amp;rsaquo;Gassenhauer&amp;lsaquo; des Opern-Repertoires. Ich mag Oper, bin aber ein konventioneller Konsument wie die Rai-Zuschauer auch: &lt;em&gt;Tosca&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;Carmen &lt;/em&gt;also.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Da gibt es die ber&amp;uuml;hmte Szene in &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Giacomo_Puccini&quot;&gt;Giacomo Puccinis&lt;/a&gt; Oper &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Tosca&quot;&gt;&lt;em&gt;Tosca &lt;/em&gt;&lt;/a&gt;(uraufgef&amp;uuml;hrt am 14. Januar 1900), als am Ende des zweiten Aktes die S&amp;auml;ngerin Floria Tosca den Tyrannen von Rom, Scarpia, ersticht. Meine Lieblingsszene! K&amp;uuml;rzlich habe ich Stunden damit verbracht, auf YouTube viele verschiedene Interpretationen der f&amp;uuml;nf Minuten langen Szene aus f&amp;uuml;nf Jahrzehnten anzuschauen. Drei Minuten dauert es, bis das Messer trifft; dann dauert es noch weitere drei, bis der Tyrann sein Leben aushaucht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/poser_rom.jpg&quot; style=&quot;width: 600px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;small&gt;Schauplatz von Oper und Konzert in Rom: das neue Auditorium (Foto: Manfred Poser)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Fr&amp;uuml;chte dieses Studiums m&amp;ouml;chte ich hier ausbreiten. Man lernt dabei. Musik und Text sind in der Oper ja festgelegt; doch dem Regisseur und seinen Interpreten bleibt gen&amp;uuml;gend Freiraum, etwas Eigenes zu schaffen. Der Vorteil an der Mordszene ist, dass sie &amp;uuml;berschaubar ist. Scarpia und Tosca wechseln wenige S&amp;auml;tze. &amp;Uuml;berdies spielt ein Teil am Schreibtisch, denn Scarpia muss mit der Feder Toscas Schutzbrief ausfertigen. Das ist gewisserma&amp;szlig;en der literarische Bestandteil.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Text und Musik&lt;/h5&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Scarpia: Io tenni la promessa. (&lt;em&gt;Ich habe mein Versprechen gehalten.&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt;
	Tosca: Non ancora. Voglio un salvacondotto onde fuggir dallo Stato con lui. (&lt;em&gt;Noch nicht. Ich will einen Schutzbrief und mit ihm das Land verlassen.&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt;
	Scarpia: Partir dunque volete? (&lt;em&gt;Ihr wollt also abreisen?&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt;
	Tosca: S&amp;iacute;, per sempre! (&lt;em&gt;Ja, f&amp;uuml;r immer!&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt;
	Scarpia: Si adempia il voler vostro. (&lt;em&gt;Ihr Wunsch wird erf&amp;uuml;llt.&lt;/em&gt;) &amp;ndash; E qual via scegliete? (&lt;em&gt;Und welchen Weg wollt Ihr nehmen?&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt;
	Tosca: La pi&amp;ugrave; breve! (&lt;em&gt;Den k&amp;uuml;rzesten.&lt;/em&gt;)&lt;br /&gt;
	Scarpia: Civitavecchia?&lt;br /&gt;
	Tosca: S&amp;iacute;.&lt;br /&gt;
	Scarpia: Tosca, finalmente mia! &amp;hellip; (&lt;em&gt;Tosca, endlich bist du mein!&lt;/em&gt;)&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Doch dann trifft ihn das Messer Toscas. &lt;em&gt;Verfluchte!&lt;/em&gt; schreit er, sie antwortet mit &lt;em&gt;Das ist der Kuss Toscas!&lt;/em&gt;, er r&amp;ouml;chelt minutenlang, st&amp;ouml;hnt &lt;em&gt;Verfluchte!&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;Ich sterbe! Zu Hilfe!&lt;/em&gt; Sie schleudert ihm &lt;em&gt;Stirb endlich, Verdammter!&lt;/em&gt; entgegen, und der zweite Akt endet mit dem Satz Toscas: &lt;em&gt;Und vor diesem Mann zitterte ganz Rom.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mittlerweile kenne ich die Musik genau und singe auch mit, was, wie ich aus zuverl&amp;auml;ssiger Quelle wei&amp;szlig;, fr&amp;uuml;her italienische V&amp;auml;ter in der Badewanne taten. &lt;em&gt;Lucevan le Stelle&lt;/em&gt; sangen sie dann, die ber&amp;uuml;hmteste Arie aus der Oper, gesungen von Toscas Liebhaber, dem Maler Cavaradossi. Den l&amp;auml;sst Scarpia foltern, dann gibt er einem Lakaien den Auftrag, eine Hinrichtung zu simulieren. Danach: Scarpia und Tosca alleine. &lt;em&gt;Io tenni la promessa.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dazu nur ganz sparsamer Hintergrund. Als Tosca dann antwortet, geht sie bei &lt;em&gt;lui&lt;/em&gt; mit der Stimme in die H&amp;ouml;he, und nun betten sich die Streicher darunter; Scarpia darf sehr lyrisch seine beiden S&amp;auml;tze singen, stark akzentuiert: &amp;raquo;Par&lt;em&gt;tir&lt;/em&gt; dun&lt;em&gt;que&lt;/em&gt; vo&lt;em&gt;lete&lt;/em&gt; ... Si a&lt;em&gt;demp&lt;/em&gt;ia il &lt;em&gt;vo&lt;/em&gt;ler &lt;em&gt;vos&lt;/em&gt;tro.&amp;laquo; Und dann kommt das Orchester mit einem wundersch&amp;ouml;nen Motiv, darin schon das Unheil anklingt. Ungeheure Spannung, Tosca entdeckt den Dolch, Scarpia schreibt und ahnt von nichts, und dann wird die Musik pl&amp;ouml;tzlich leicht, fast verspielt &amp;ndash; und als Scarpia ruft &lt;em&gt;finalmente mia!&lt;/em&gt;, bricht alle Wucht hervor; das Schicksal hat sich vollzogen.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Die Interpretationen&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Erst wenn man sich die verschiedenen Interpretationen anschaut und sie vergleicht, merkt man, wie sich Intonation, Singtempo und die Stimmen unterscheiden. Ich stelle die Ausschnitte kurz vor, aber nat&amp;uuml;rlich ist es unwichtig und &amp;auml;u&amp;szlig;erlich, ob einer schreibt, geht oder stehen bleibt; es muss im Kontext stimmig sein. Wer inszeniert, muss die Geschichte und die Musik durch die Darsteller illustrieren und motivieren; innerhalb des unnat&amp;uuml;rlichen Settings muss alles so ablaufen, als m&amp;uuml;sse das so sein, als w&amp;auml;re es die nat&amp;uuml;rlichste Sache der Welt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es gibt mindestens zehn Versionen der Mordszene aus f&amp;uuml;nfzig Jahren, auf YouTube zu finden unter &lt;em&gt;Scarpia&amp;rsquo;s murder scene&lt;/em&gt;. Mein Lieblingsclip:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;iframe allowfullscreen=&quot;&quot; frameborder=&quot;0&quot; height=&quot;315&quot; src=&quot;http://www.youtube.com/embed/z4PlDiZOQiE&quot; width=&quot;420&quot;&gt;&lt;/iframe&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Rajna Kabaiwanska und Sherrill Milnes (1976). Sie stehen einander dicht gegen&amp;uuml;ber, Milnes singt sehr klar, ber&amp;uuml;hrt sch&amp;uuml;chtern ihre Hand und geht augenblicklich zum Schreibtisch und schenkt ihr ein L&amp;auml;cheln (0:45; &lt;em&gt;kinda nice&lt;/em&gt;, kommentiert eine Seherin). Das ist sch&amp;ouml;n aus Toscas Perspektive gefilmt. Er ist der einzige, der richtig konzentriert schreibt, w&amp;auml;hrend Tosca etwas &amp;uuml;bertrieben durch den Raum torkelt, und als sie &lt;em&gt;Civitavecchia &lt;/em&gt;best&amp;auml;tigt, nickt er zufrieden, ein guter B&amp;uuml;rokrat, versunken in sein Schreiben; das gef&amp;auml;llt mir.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dann liegt da das Messer, sie dreht sich unheilvoll zu ihm um, der sorgf&amp;auml;ltig das Schreiben schlie&amp;szlig;t, und er geht auf sie zu, gerade als die Musik leicht wird: Das ist perfekt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dann h&amp;auml;tten wir noch Magda Olivero und Giulio Fioravanti (1960), Renata Tebaldi und Giangiacomo Guelfi (Tokio 1961) und auch die Callas mit Tito Gobbi als Scarpia (&lt;a href=&quot;http://www.youtube.com/watch?v=K7ghElp-NGw&quot;&gt;London 1964&lt;/a&gt;): Hier geht er beim lyrischen St&amp;uuml;ck brav an den Schreibtisch, sie steht vor ihm, schaut ihm zu. Er kitzelt schelmisch mit der Feder ihre Hand, dann geht sie weg, trinkt, leidet, und er l&amp;ouml;scht exakt dann die Kerzen, als die Musik sich &amp;auml;ndert: kein schlechter Einfall. Wild sticht sie zu, die Callas!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Interessant ist die Paarung Kiri Te Kanawa und Ingvar Wixell (&lt;a href=&quot;http://www.youtube.com/watch?v=cYCqJQHqU4Y&quot;&gt;Paris 1984&lt;/a&gt;): Man sieht geradezu, wie sie &amp;uuml;berlegt, als sie das Messer findet. Sie wirkt cool: Sie wird es tun. Kommentar eines Zuschauers: Sie schreit nicht so wie die anderen. Stimmt, sie ist die einzige &lt;em&gt;kaltbl&amp;uuml;tige&lt;/em&gt; Tosca. In der Szene mit Kristine Opolais und Stephen Kechulius (&lt;a href=&quot;http://www.youtube.com/watch?v=D_Can-hH2ro&quot;&gt;Athen 2007&lt;/a&gt;) ist bemerkenswert, wie Tosca kurzentschlossen das Messer nimmt und ihn trifft, wie sie ihm am Schreibtisch die Waffe nochmal in den R&amp;uuml;cken rammt: sehr gewaltt&amp;auml;tig.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Ende Scarpias f&amp;uuml;hrt allerdings nicht zu einem gl&amp;uuml;cklichen Ende. Oper ist tragisch. Toscas geliebter Maler stirbt, und sie springt aus einem Fenster der Engelsburg. &lt;em&gt;Mammamia!&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/der-kuss-der-tosca#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse/ausrei%C3%9Fversuche">Ausreißversuche</category>
 <pubDate>Thu, 10 May 2012 23:01:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Marcel Diel</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4809 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
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 <title>Was passiert zwischen den Panels?</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/was-passiert-zwischen-den-panels</link>
 <description>&lt;p&gt;Das sogenannte Gutter, die Leerstelle zwischen den einzelnen Panels, die stets vom Leser gef&amp;uuml;llt werden mu&amp;szlig;, ist das wichtigste Prinzip der Narrativit&amp;auml;t von Comics. Im Band &lt;em&gt;Dick Boss&lt;/em&gt;, einer Gemeinschaftsproduktion von Zeichner Nicolas Mahler und verschiedenen Autorinnen und Autoren, wird das Spiel mit den Leerstellen auf raffinierte Weise auf die Spitze getrieben. Das Buch vereint zw&amp;ouml;lf Versionen einer Kriminalgeschichte, die alle mit dem gleichen Bildmaterial, einem festgesetzten Set von 16 ganzseitigen Panels, arbeiten und diese jeweils neu arrangieren und mit neuem Text in Verbindung bringen.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Das Rohmaterial f&amp;uuml;r dieses spannende Experiment ist Nicolas Mahlers gezeichneter Kurzkrimi, dessen Protagonist von der Figur des holl&amp;auml;ndischen Privatdetektivs Dick Bos inspiriert ist, die 1940 von dem Zeichner Alfred Mazure geschaffen wurde. Er war der erste kommerziell erfolgreiche Comicheld in den Niederlanden und Mahlers &amp;raquo;Ich war Dick Boss&amp;laquo; &amp;ndash; die erste Geschichte des Bands &amp;ndash; darf als Hommage an seinen 1974 verstorbenen Sch&amp;ouml;pfer gelesen werden. Seine Geschichte stellt den Privatdetektiv als stets von sich selbst &amp;uuml;berzeugten Agenten und Frauenhelden dar, der sich auch aus schwierigen Situationen zu befreien wei&amp;szlig;. Damit f&amp;uuml;hrt Mahler in seinen Zeichnungen auch ein Set vom krimitypischen Bausteinen ein: ein heimt&amp;uuml;ckischer Schlag auf den Hinterkopf, ein an einen Stuhl gefesselter Mann, eine Femme fatale, ein Umschlag mit einer geheimnissvollen Botschaft und nat&amp;uuml;rlich eine Schie&amp;szlig;erei. Sie bilden die Eckpunkte der Handlung, die durch die einzelnen Bilder vermittelt werden.&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dass dies die Kreativit&amp;auml;t der Autoren, die nun mit Mahlers Zeichnungen arbeiten und diese neu arrangieren und betexten, keineswegs einschr&amp;auml;nkt, beweisen die versammelten Geschichten von unter anderen Tilman Rammstedt, Dietmar Dath, Michael Stavaric und Clemens J. Setz, die mitnichten alle klassische Kriminalf&amp;auml;lle erz&amp;auml;hlen. Das liegt zum einen am fantasievollen Umgang der Autoren, die alle noch nicht mit dem Medium Comic gearbeitet haben, mit dem Bildmaterial, zum anderen aber auch an Mahlers reduziertem Zeichenstil. Der gro&amp;szlig;e kr&amp;auml;ftige Herr im Anzug, der sich dem Leser in der ersten Geschichte als Dick Boss vorstellt, wird von Mahler oft von hinten gezeigt oder die Panels sind so zugeschnitten, dass sein Gesicht nicht zu sehen oder vom Rauch der Pistole verdeckt ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	&lt;strong&gt;Eine Figur mit Charakter&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ohnehin ben&amp;ouml;tigt der Zeichner nur wenige, pr&amp;auml;zise gesetzte Striche, um seine Figuren zu erschaffen. &amp;raquo;Die Figuren von Nicolas Mahler haben keine Augen, keine Ohren, keine M&amp;uuml;nder &amp;ndash; aber sie haben zweifellos Charakter.&amp;laquo; Diese Feststellung stammt aus der Preisbegr&amp;uuml;ndung des Max-und-Moritz-Preises, den Mahler 2006 zum ersten Mal, damals f&amp;uuml;r seinen Comic &lt;em&gt;Das Unbehagen&lt;/em&gt;, erhielt. Das gleiche kann mit Fug und Recht &amp;uuml;ber die zw&amp;ouml;lf Versionen des Dick Boss gesagt werden, die im vorliegenden Band versammelt sind. So haben die unterschiedlichen Autoren und Autorinnen nicht nur h&amp;ouml;chst skurrile Geschichten geschaffen, die von Schreibblockaden, Fesselsex, dem Leben eines Postbeamten, der Liebe und dem Sterben erz&amp;auml;hlen, jeder und jede verleiht Dick Boss dar&amp;uuml;ber hinaus einen ganz eigenen Charakter.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;Dick Boss&quot; src=&quot;/sites/default/files/u89/Mahler_DickBoss.jpg&quot; style=&quot;height: 230px; width: 150px; float: right&quot; /&gt;Nachdem Nicolas Mahler in der ersten Geschichte aus der Perspektive Dick Boss&amp;rsquo; erz&amp;auml;hlt und sich der Privatdetektiv auf diese Weise selbst vorstellt, liefert Simon Froehling in der zweiten Geschichte ein &amp;raquo;Beobachtungsprotokoll&amp;laquo;, das die Aktivit&amp;auml;ten des Mannes mit dem Decknamen Dick Boss verfolgt und mit dieser Au&amp;szlig;enperspektive als Gegenpol zur ersten Erz&amp;auml;hlung erscheint. Franz Adrian Wenzl macht den Protagonisten zu einem Postboten namens Charles Leichtfried, dem sein Berufsleben nicht glamour&amp;ouml;s genug ist, Dietmar Dath l&amp;auml;sst ihn gegen den Wahnsinn k&amp;auml;mpfen, der zu normal f&amp;uuml;r seine Therapeutin ist und Michael Stavarics Protagonist pr&amp;auml;sentiert sich als M&amp;ouml;chtegernpoet. Diese, stets mit einem Augenzwinkern entworfene, charakterliche Vielfalt der Figur und die Geschehnisse, in die sie verwickelt wird, bereiten gro&amp;szlig;es Lesevergn&amp;uuml;gen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dick Boss&lt;/em&gt; bietet ein wunderbares Kaleidoskop an Geschichten, mit denen keine Langeweile aufkommt, obwohl sich immer das gleiche Bildmaterial wiederholt. Dass die immer neue Kombination der Panels gelingt, liegt nicht nur an der bereits beschriebenen Offenheit von Mahlers Zeichnungen. Dieses Gelingen ist auch auf das spezifische Verh&amp;auml;ltnis von Text und Bild zur&amp;uuml;ckzuf&amp;uuml;hren. Wie in einigen anderen seiner Werke arbeitet Mahler auch hier ausschlie&amp;szlig;lich mit ganzseitigen Panels, die in ihrer Mitte durch das Bild dominiert werden. Oben und unten sind jeweils unterschiedlich gro&amp;szlig;e Textk&amp;auml;sten abgeteilt, die von den Autoren mit einem eigenen Text ausf&amp;uuml;llt sind. Auf diese Weise entsteht eine f&amp;uuml;r das Medium Comic eher untypische, sehr strikte Trennung von Schrift und Bild. Sprechblasen, Schriftelemente im Bild oder gar Soundwords sucht man in &lt;em&gt;Dick Boss&lt;/em&gt; vergeblich. Was in anderen Comics st&amp;auml;rker &amp;uuml;ber die Integration von Schrift im Bild vermittelt wird, leistet hier allein der Text, der w&amp;ouml;rtliche Rede und Erz&amp;auml;hlerkommentare enth&amp;auml;lt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es handelt sich jedoch keineswegs &amp;rsaquo;nur&amp;lsaquo; um kurze, illustrierte Erz&amp;auml;hlungen. Das wird besonders in Clemens J. Setz&amp;rsquo; &amp;raquo;Der Tod ist ein Papagei&amp;laquo; deutlich. Setz l&amp;auml;sst Dick Boss in seiner Geschichte gleich zu Beginn durch die Kugel seines Rivalen Johnny Weasel zu Tode kommen. Die verbleibenden 13 Panels verwendet er auf Reflexionen &amp;uuml;ber das Sterben und findet dabei zu jedem von Mahlers Bildern einen Vergleich, der ebenso witzig wie tiefsinnig ist. Dass der von den Autoren und Autorinnen hinzugef&amp;uuml;gte Text nicht nur die einzelnen Zeichnungen zu einer jeweils neuen Geschichte verbindet, sondern auch die Leerstellen innerhalb der Panels f&amp;uuml;llt, beweist die Bearbeitung von Setz am eindr&amp;uuml;cklichsten. &lt;em&gt;Dick Boss&lt;/em&gt; ist daher nicht nur eine &amp;auml;u&amp;szlig;erst unterhaltsame Sammlung von Kurzcomics, der Band lenkt den Blick des Lesers au&amp;szlig;erdem auf das f&amp;uuml;r den Comic so bedeutende Moment der Leerstellen und f&amp;uuml;hrt vor, auf welch produktive Weise sich Bild und Text erg&amp;auml;nzen k&amp;ouml;nnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dick Boss. 12 Stories. Wien: Luftschacht Verlag 2010. 225 Seiten. ISBN: 978-3902373625. 9,90 Euro.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/was-passiert-zwischen-den-panels#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Mon, 30 Apr 2012 14:32:17 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Ute Friederich</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4805 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
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 <title>»Zwischen zwei Welten« - Neuerkundungen im Werk des Schriftstellers, Reporters und Seefahrers Heinrich Hauser.</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BBzwischen-zwei-welten%C2%AB-neuerkundungen-im-werk-des-schriftstellers-reporters-und-seefahrers</link>
 <description>&lt;p&gt;Ein erfolgreicher Schriftsteller, dessen scharfe Beobachtungsgabe und humanistische &amp;Uuml;berzeugung ihn ganz selbstverst&amp;auml;ndlich zur offenen Kritik an der Naziherrschaft treiben, mu&amp;szlig; seine Heimat verlassen und in die USA emigrieren. Seine Frau und die beiden Kinder sind bereits in New York. Die Frau arbeitet in einem Warenhaus, er &amp;uuml;bernimmt den Haushalt, kauft aus Geldmangel Schlachtabf&amp;auml;lle, an denen die Familie fast stirbt.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;Heinrich Hauser&quot; src=&quot;/sites/default/files/u89/hauser_4_2.jpg&quot; style=&quot;height: 256px; width: 200px; float: left&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
	Doch das Ganze nimmt eine au&amp;szlig;erordentliche Wendung. Gerade als das Ehepaar bereit ist, den letzten Halt, einander n&amp;auml;mlich, aufzugeben, um vielleicht &amp;uuml;ber neue Beziehungen den Kindern eine Zukunft zu sichern, pr&amp;auml;sentiert das Schicksal einen deus ex machina: einen Verleger, der die d&amp;uuml;steren Texte des gehetzten Europ&amp;auml;ers ver&amp;ouml;ffentlicht. Geld kommt ins Haus, und der intellektuelle Familienvater beschlie&amp;szlig;t etwas Ungeheures ...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Heinrich Hauser (1901-1955) schrieb Romane, Reiseb&amp;uuml;cher und Firmenschriften. 1938 emigrierte er in die USA, wo er sich als Autor, &amp;Uuml;bersetzer und Farmer durchschlug. Aus dieser Zeit stammen die Ver&amp;ouml;ffentlichungen aus dem Nachla&amp;szlig;, die in &lt;em&gt;Sinn und Form&lt;/em&gt;, der &lt;em&gt;Kritischen Ausgabe&lt;/em&gt; und dem Weidle Verlag in diesem Fr&amp;uuml;hjahr erschienen sind. Diesen Texten und dem Werdegang des Autors ist der Abend gewidmet. Seine im Rahmen von Ruhr.2010 wiederaufgelegte Ruhrgebietsreportage &amp;raquo;Schwarzes Revier&amp;laquo; konnte bereits ein breites Publikum f&amp;uuml;r den bis dahin fast vergessenen Autor gewinnen. Die nun erstmalig ver&amp;ouml;ffentlichten Texte zeigen die Breite seines Schaffens.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	&lt;em&gt;Montag, 07. 05. 2012, 20 Uhr&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
	&lt;em&gt;Buchhandlung &amp;amp; Galerie B&amp;ouml;ttger&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
	&lt;em&gt;Maximilianstra&amp;szlig;e 44&lt;br /&gt;
	Der Eintritt ist frei.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BBzwischen-zwei-welten%C2%AB-neuerkundungen-im-werk-des-schriftstellers-reporters-und-seefahrers#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/bonn">Bonn</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/kritische-ausgabe">Kritische Ausgabe</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur">Literatur</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/sinn-und-form">Sinn und Form</category>
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/vergessene-autoren">Vergessene Autoren</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/weidle-verlag">Weidle Verlag</category>
 <pubDate>Mon, 30 Apr 2012 08:18:32 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Benedikt Viertelhaus</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4804 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
</item>
<item>
 <title>Heilige Texte</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/heilige-texte</link>
 <description>&lt;p&gt;Vor zwei Jahren, am 27. April, starb nach langer Krankheit John Bruno Hare (JBH), knapp 55 Jahre alt. Er ist der Begr&amp;uuml;nder des&amp;nbsp;&lt;a href=&quot;http://www.sacred-texts.com/index.htm&quot;&gt;&lt;em&gt;Internet Sacred Texts Archive&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; (ISTA), das er in 13 Jahren zu einem unsch&amp;auml;tzbaren Kompendium heiliger Texte aus allen Epochen und allen Weltregionen gemacht hat. ISTA geh&amp;ouml;rt zu den 20.000 meistkonsultierten Seiten im Internet.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Man findet den Koran, die &amp;auml;gyptischen Weisheitsb&amp;uuml;cher, das I-Ging, Weisheit aus dem Talmud und die B&amp;uuml;cher Zorah und Zefer Jetzirah, die Veden der Inder und die wichtigen Werke der Gnosis. John Bruno Hare f&amp;uuml;llte das Archiv, das immer frei zug&amp;auml;nglich sein sollte, mit 2000 Texten aus der &lt;em&gt;public domain&lt;/em&gt;, und das hie&amp;szlig; Kl&amp;auml;rung der Rechte, Erwerb, Scannen, Umwandlung durch eine eigene Software, Lektorat, manchmal auch &amp;Uuml;bersetzung und Kommentierung, wobei eine Handvoll Freiwilliger weltweit half.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;John Bruno Hare (1955-2010)&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/jbh.jpg&quot; width=&quot;300&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		John Bruno Hare (1955&amp;ndash;2010). (Foto mit freundlicher Genehmigung von &lt;a href=&quot;http://www.sacred-texts.com/index.htm&quot;&gt;ISTA&lt;/a&gt;)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;JBH war Linguist, Anthropologe, Gesch&amp;auml;ftsmann, Spieledesigner und sogar Musiker. &amp;raquo;He wore many hats&amp;laquo;, hei&amp;szlig;t es metaphorisch in einem Nachruf auf der Startseite &amp;uuml;ber ihn. Noch ein Jahr vor seinem Tod sorgte er daf&amp;uuml;r, dass ISTA weiter aktiv und frei zug&amp;auml;nglich sein konnte. Unter den FAQs lautet eine Frage an JBH: Warum hast du das gemacht? &amp;ndash; Um etwas Gutes f&amp;uuml;r die Leute zu tun (to do something nice for people). &amp;ndash; W&amp;uuml;rdest du auf meine Seite verlinken? &amp;ndash; Leider nein. Bei der Seite geht&amp;rsquo;s nicht um Links, es geht um Texte. &amp;ndash; Darf ich Material von der Seite verwenden? &amp;ndash; Klar. Die meisten Beitr&amp;auml;ge haben kein Copyright.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In den einf&amp;uuml;hrenden Worten zu einzelnen B&amp;uuml;chern sp&amp;uuml;rt man den Kenner. So leitet John Bruno Hare etwa Abelsons Buch &amp;uuml;ber die j&amp;uuml;dische Mystik von 1913 ein:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	&amp;raquo;Obwohl die Kabbala neuerdings &amp;rsaquo;trendy&amp;lsaquo; geworden ist, gibt es eine F&amp;uuml;lle gut geschriebener, gelehrter B&amp;uuml;cher, die eine gr&amp;ouml;&amp;szlig;ere Perspektive auf das Gebiet des j&amp;uuml;dischen Mystizismus zulassen. Abelson stellt die Kabbala in den Kontext einer langfristigen Evolution des j&amp;uuml;dischen mystischen Gedankens und beginnt bei den Essenern und dem Merkabah-Mystizismus der Talmud-&amp;Auml;ra. Er erkl&amp;auml;rt, wie Neuplatonismus, Gnosis, Christentum und andere Str&amp;ouml;mungen den j&amp;uuml;dischen Mystizismus beeinflussten und wiederum von diesem befruchtet wurden. Dies ist ein gro&amp;szlig;artiges Hintergrundwerk f&amp;uuml;r alle, die sich f&amp;uuml;r die Kabbala und den Mystizismus interessieren.&amp;laquo;&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Die Seite wurde am 9. M&amp;auml;rz 1999 freigeschaltet. Im ersten Jahr z&amp;auml;hlte sie eine Viertelmillion Aufrufe, doch schon 2004, nachdem Yahoo sie gelistet hatte, verzeichnete ISTA diese Zahl pro Tag! Heute sind es manchmal eine Million Seitenaufrufe t&amp;auml;glich. Das spirituelle Wissen der Menschheit hat seine Leser. Von Beginn an wollten JBH und seine Mitarbeiter das Wissen der unterrepr&amp;auml;sentierten traditionellen Kulturen zug&amp;auml;nglich machen: Folklore, Mythen und religi&amp;ouml;se Texte der Indianer und asiatischer oder pazifischer Kulturen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im September 2008 wurde nach zehn Jahren ein Meilenstein erreicht: Die 49 B&amp;auml;nde der Heiligen B&amp;uuml;cher des Ostens (Sacred Books of the East) wurden eingegliedert. Die ausufernden Fu&amp;szlig;noten und die kursiven Zeichen verlangten nach einer besonderen technischen Auszeichnungssprache, die STML hie&amp;szlig;, Sacred Texts Markup Language. Die originalen Texte der Oxford University Press seien wunderbar gewesen, hei&amp;szlig;t es: exquisite Typografie und perfekt redigiert (&amp;rsaquo;manche hatten null Druckfehler&amp;lsaquo;).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Einigen wir uns darauf, dass das &lt;em&gt;Internet Sacred Texts Archive&lt;/em&gt; eine wunderbare Sache ist. Viel Geld wird damit nicht verdient, man bietet eine DVD mit dem Material feil und verlie&amp;szlig; sich immer auf ehrenamtliche Mitarbeit. Heute, nach dem Tod von JBH, hat Sasha Brodsky in Santa Cruz (Kalifornien) die schwere Aufgabe, den Bestand des Projekts zu sichern. Denn dazu braucht man Geld, auch wenn heilige Texte Werke aus dem Erbteil der Menschheit sind, mit dem niemand Geld verdienen wollen sollte. Eigentlich ist es eine Seite, die von Kulturministerien vieler L&amp;auml;nder unterst&amp;uuml;tzt werden m&amp;uuml;sste. Aber wenn es um Geld f&amp;uuml;r geistige Dinge geht, f&amp;uuml;hlt sich nat&amp;uuml;rlich niemand zust&amp;auml;ndig. Geld flie&amp;szlig;t nur, wenn wieder einmal ein Stararchitekt ein monumentales Museum bauen soll. Das gibt Sichtbarkeit und Prestige.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Geister und das Copyright&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Heilige Texte. Der Mensch war oft nur &lt;em&gt;Channel&lt;/em&gt; f&amp;uuml;r &amp;uuml;berirdisches Wissen, ein &lt;em&gt;Ghostwriter&lt;/em&gt; in einem anderen Sinne. Juliet Goodenow hat etwa 1923 das Buch &lt;em&gt;Vanishing Nights&lt;/em&gt; des 1901 verstorbenen englischen Parapsychologen &lt;a href=&quot;http://en.wikipedia.org/wiki/Frederic_William_Henry_Myers&quot;&gt;Frederic Myers&lt;/a&gt; &amp;uuml;bertragen, und Geraldine Cummins war seine Sekret&amp;auml;rin (oder &lt;em&gt;amanuensis&lt;/em&gt;) bei den B&amp;uuml;chern &lt;em&gt;Road to Immortality&lt;/em&gt; (1933) und &lt;em&gt;Beyond Human Personality&lt;/em&gt; (1935). Hier war der Geist wichtiger als die Autorin; beim heutigen Ghostwriter bleibt der Autor, der dem Prominenten sein Schreibtalent leiht, unsichtbar &amp;ndash; wie ein Geist.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/poser_eremit.jpg&quot; style=&quot;width: 529px; height: 345px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;small&gt;Der Autor ist immer der Eremit. (Foto: Manfred Poser)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Konnten die Myers-Erben Tantiemen beanspruchen? Ist ein Verstorbener eine Rechtspers&amp;ouml;nlichkeit? Schon Ende der 1950er Jahre musste der medial begabte brasilianische Schriftsteller &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Chico_Xavier&quot;&gt;Chico Xavier&lt;/a&gt; (1910&amp;ndash;2002) vor Gericht, weil die Witwe von &lt;a href=&quot;http://pt.wikipedia.org/wiki/Humberto_de_Campos&quot;&gt;Humberto de Campos&lt;/a&gt; Geld aus B&amp;uuml;chern wollte, die Xavier nach Jenseitsdiktat verfasst hatte und die nach Ansicht von Kennern voll der &amp;uuml;blichen Manierismen des Autors steckten. Das Gericht verf&amp;uuml;gte in dem Fall, Tote h&amp;auml;tten nicht dieselben Rechte wie Lebende.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Xavier war ein Nationalheld, in&lt;em&gt; Parnassus&lt;/em&gt; &lt;em&gt;From Beyond the Grave&lt;/em&gt; &amp;uuml;bertrug er 259 postum verfasste Gedichte von bekannten brasilianischen und portugiesischen Poeten. Chico ver&amp;ouml;ffentlichte in seinem langen Leben 458 Werke, was einer allein niemals schafft. Er h&amp;auml;tte wie der gro&amp;szlig;e Vision&amp;auml;r &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/William_Blake&quot;&gt;William Blake&lt;/a&gt; (1757&amp;ndash;1827) sagen k&amp;ouml;nnen: &amp;raquo;Ich bin nur der Sekret&amp;auml;r; die anderen sind in der Ewigkeit.&amp;laquo; Statt &lt;em&gt;the others&lt;/em&gt; h&amp;auml;tte Blake auch &lt;em&gt;the authors&lt;/em&gt; sagen k&amp;ouml;nnen, trickreich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Schweizerische Bundesgericht bestimmte in einem Verfahren in den 1980er Jahren: &amp;raquo;Jenseitige Wesen aber sind keine Subjekte schweizerischen Rechts (Art. 11 ZGB) und k&amp;ouml;nnen daher nicht gedankliche Vorstellungen rechtswirksam zum Ausdruck bringen.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber das hat mich vom Thema abgebracht. Heilige Texte aus den Kulturen sind Wissen, das man keiner Person zuordnen kann. Es entstand durch Eingebungen in der Versenkung. Wir m&amp;uuml;ssen diesen Texten mit Ehrfurcht gegen&amp;uuml;bertreten; sie zeigen, was der Mensch ist und was er sein kann. Sie sind ewig und werden jeden Museumsbau &amp;uuml;berdauern.&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/heilige-texte#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse/ausrei%C3%9Fversuche">Ausreißversuche</category>
 <pubDate>Thu, 26 Apr 2012 23:01:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Marcel Diel</dc:creator>
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</item>
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 <title>Identitäten am Fluss</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/identit%C3%A4ten-am-fluss</link>
 <description>&lt;p&gt;Die Memel ist ein Fluss, der in Wei&amp;szlig;russland seinen Ursprung hat und in die Ostsee m&amp;uuml;ndet. Seine 937 Kilometer durchflie&amp;szlig;en Litauen, das ehemalige Ostpreu&amp;szlig;en und das Kurische Haff. Er ist der murmelnde, schweigende Fluss und erinnert stumm an seine vergangenen Tage als Teil der Bernsteinstra&amp;szlig;e von der Ostsee zum Mittelmeer. Uwe Rada verleiht ihm in &lt;em&gt;Die Memel&lt;/em&gt; viele Stimmen. Das erinnert den Rezensenten auch an seine ganz pers&amp;ouml;nliche Familiengeschichte.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Vor einigen Jahren wurde meine Gro&amp;szlig;mutter bett&amp;auml;grig. Zunehmende Altersdemenz machte es immer schwieriger mit ihr zu sprechen. Oft murmelte sie f&amp;uuml;r sich dahin; ihre Stimme wurde dabei immer leiser. Irgendwann bemerkte die Familie, was sie da fast lautlos vor sich hin fl&amp;uuml;sterte: die Texte von Kirchenliedern, nicht auf Deutsch, sondern auf Litauisch. Sie war im Memelland geboren und aufgewachsen, in jener vergessenen, ehemals zu Ostpreu&amp;szlig;en geh&amp;ouml;renden Region (im heutigen Litauen), n&amp;ouml;rdlich von K&amp;ouml;nigsberg. Ihre Selbstwahrnehmung, und dadurch auch die Wahrnehmung unserer Familie, war stets die einer Deutschbaltin, einer deutschen Landwirtin in einem von mehreren V&amp;ouml;lkern besiedelten Gebiet. Auf ihrem Hof hatte sie auch litauische Knechte gehabt, von denen sie aber immer mit einer Mischung aus Abf&amp;auml;lligkeit und G&amp;ouml;nnerhaftigkeit erz&amp;auml;hlte. Ihr Akzent war uns immer schon aufgefallen, wir hatten ihn stets f&amp;uuml;r &lt;span class=&quot;Unicode&quot;&gt;&amp;rsaquo;&lt;/span&gt;typisch ostpreu&amp;szlig;isch&lt;span class=&quot;Unicode&quot;&gt;&amp;lsaquo; &lt;/span&gt;gehalten. Jetzt aber, im Zustand altersbedingter Umnachtung, schien sie des Deutschen &amp;uuml;berhaupt nicht mehr m&amp;auml;chtig zu sein. War es f&amp;uuml;r sie vielleicht doch immer nur eine Zweitsprache gewesen? Verschwammen im Memelland die Kulturen, Sprachen und Identit&amp;auml;ten seiner Bewohner?&lt;/p&gt;
&lt;h2&gt;
	&lt;strong&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;https://lh6.googleusercontent.com/-QvztBy60XJg/T5AGRHExkhI/AAAAAAAAEJ4/KZRncHCMALw/s144/800px-Memel.Jurbarkas.jpg&quot; style=&quot;width: 211px; height: 163px; border-width: 1px; border-style: solid; margin: 20px; float: left;&quot; /&gt;Der Fluss und sein Diskurs&lt;/strong&gt;&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Solchen und &amp;auml;hnlichen Fragen geht der Autor und &lt;em&gt;taz&lt;/em&gt;-Redakteur Uwe Rada in seinem Buch &lt;em&gt;Die Memel. Kulturgeschichte eines europ&amp;auml;ischen Stroms&lt;/em&gt; nach. Wie der Titel schon andeutet, geht es hier nicht um eine nationale, auch nicht um eine ethnisch zentrierte, genauer betrachtet auch nicht um eine chronologische oder &amp;uuml;berhaupt irgendwie systematische Geschichtsschreibung. Vielmehr wird von Anfang an deutlich, dass Rada etwas vom Diskurs des Flusses erz&amp;auml;hlen m&amp;ouml;chte, der ihm ans&amp;auml;ssigen Kulturen und Ethnien. Er folgt damit dem Trend zur geografisch orientierten Geschichtsdarstellung anhand von bedeutenden Flussl&amp;auml;ufen, der Deutschland aus dem angels&amp;auml;chsischen Raum erreicht hat. Seine einflussreichen Vorbilder sind &lt;em&gt;Die Themse. Biographie eines Flusses &lt;/em&gt;von Peter Ackroyd und &lt;em&gt;Donau. Biographie eines Flusses &lt;/em&gt;von Claudio Magris sowie, von Rada selbst, &lt;em&gt;Die Oder. Lebenslauf eines Flusses. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zu entdecken gibt es an der &lt;em&gt;Memel &lt;/em&gt;mehr als genug, besonders f&amp;uuml;r Deutsche. Schon im ersten Kapitel &lt;span class=&quot;Unicode&quot;&gt;&amp;raquo;&lt;/span&gt;Weder Maas noch Memel. Die Deutschen und ihr verlorener Strom&lt;span class=&quot;Unicode&quot;&gt;&amp;laquo;&lt;/span&gt; zeigt Rada, wie stiefm&amp;uuml;tterlich deutsche Erinnerungspolitik mit der Flussregion umgeht. Im Laufe des Buches zeigt sich, dass allen Anrainerstaaten der Memel eine eigenwillige Unsch&amp;auml;rfe im Umgang mit &amp;#39;ihrem&amp;#39; Fluss zu eigen sind. Das beginnt schon mit der unterschiedlichen Benennung der Memel (Nemunas - litauisch, Нёман - wei&amp;szlig;russisch, Неман&lt;i&gt; &lt;/i&gt;Neman &lt;i&gt;- russisch, &lt;/i&gt;&lt;i&gt;Niemen &lt;/i&gt;&lt;i&gt;- &lt;/i&gt;polnisch) je nach Volks- und Staatszugeh&amp;ouml;rigkeit.&lt;/p&gt;
&lt;h2&gt;
	&lt;strong&gt;Grenze und Bindeglied&lt;/strong&gt;&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Rada untersucht in &lt;em&gt;Die Memel&lt;/em&gt; diese unscharfe Kultur genau. Wer lebt am &amp;quot;schweigenden Fluss&amp;quot; und wie lebte man zusammen? Dabei wird der Text auch zu einer Sammlung von Einzelbeobachtungen, die erst in der F&amp;uuml;lle die Bedeutung des Flusses erahnen lassen: Die Memel war f&amp;uuml;r viele V&amp;ouml;lker Teil einer abgestrittenen und doch in der Region existenten gemeinsamen Kultur. Die wechselnden politischen Gegebenheiten um die Memel, ihre&amp;nbsp; Rolle als Grenzfluss f&amp;uuml;r unterschiedliche Territorien und M&amp;auml;chte, wirken dabei (auch f&amp;uuml;r den interessierten Laien mit passender Familiengeschichte) schwindelerregend verwirrend. Dabei erinnert die deutsche und polnische Wahrnehmung der Region, wie Rada herausstellt, noch immer an die mittelalterliche Antinomie zwischen Deutschem Orden auf der einen Seite und nichtchristianisierten litauischen St&amp;auml;mmen auf der anderen. Der Mythos vom &amp;raquo;Ende der Zivilisation jenseits des Stroms&lt;span class=&quot;Unicode&quot;&gt;&amp;laquo;&lt;/span&gt; wirkt bis heute und ist ein zentrales Element der Region. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Gebiete diesseits und jenseits des Flusses im 19. Jahrhundert zum Spielball der Nationen wurden und mal zu Russland, mal zu Preu&amp;szlig;en, mal zum K&amp;ouml;nigreich Polen geh&amp;ouml;rten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Rada bem&amp;uuml;ht sich dabei in &lt;em&gt;Die Memel&lt;/em&gt; mehr zu bieten als eine blo&amp;szlig;e Aneinanderreihung von Jahreszahlen und Herrschernamen. Sein Interesse gilt den Befindlichkeiten der an den Ufern des Flusses lebenden Menschen. Er l&amp;auml;sst sie aus unz&amp;auml;hligen historischen und literarischen Quellen zu Wort kommen: preu&amp;szlig;ische Siedlern, litauische, polnische, wei&amp;szlig;russische und russische Bauern bis zu j&amp;uuml;dischen Holzh&amp;auml;ndlern. Damit werden die einzelnen Texte, gekonnt arrangiert, zum bunten kultureller Reigen von der M&amp;uuml;ndung bis zur Quelle. Dadurch wird klar, dass das Zusammenleben der Region kaum jemals mit mit konstruierten nationalen Identit&amp;auml;ten oder Staatsgrenzen &amp;uuml;bereinstimmte. Das erl&amp;auml;utert Rada auch am Beispiel einzelner Personen, etwa des Autors Adam Mickiewic, der sowohl von Polen, als auch Wei&amp;szlig;russland und Litauen als Nationaldichter gennannt wird. Keine der Personen l&amp;auml;sst sich dabei auf eine Nationalidentit&amp;auml;t reduzieren. Rada h&amp;auml;tte wohl auch gut meine Gro&amp;szlig;mutter als Beispiel w&amp;auml;hlen k&amp;ouml;nnen.&lt;/p&gt;
&lt;h2&gt;
	&lt;strong&gt;Der Fluss rauscht, der Text auch&lt;/strong&gt;&lt;/h2&gt;
&lt;h2&gt;
	&lt;strong&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;https://lh5.googleusercontent.com/-2mCd2cbXDgs/T5AGWnZWATI/AAAAAAAAEKA/ZjMEjdxIAHA/s800/uwe-rada_die-memel.png&quot; style=&quot;width: 195px; height: 321px; border-width: 2px; border-style: solid; margin: 20px; float: right;&quot; /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Rada gelingt es in&amp;nbsp;&lt;em&gt;Die Memel &lt;/em&gt;beim Leser ein Bewu&amp;szlig;tsein f&amp;uuml;r diese komplexe Region und ihre Entwicklungen entstehen zu lassen. Seine ausgew&amp;auml;hlten Texte finden dabei den richtigen Zugang zur jeweiligen politischen oder historischen Situation: So verdeutlicht er die nachhaltigste St&amp;ouml;rung des multikulturellen Miteinanders durch den Kalten Krieg, mit einer Reisebeschreibung durch das heutige Dreil&amp;auml;ndereck Polen-Wei&amp;szlig;russland-Litauen und weist damit auf die Narben hin, die ein bis heute kaum zu erweichendes Grenzregime dem Traum von Europa hier zugef&amp;uuml;gt hat. Rada gelingt mit &lt;em&gt;Die Memel&lt;/em&gt; eine mimetische Abbildung des Str&amp;ouml;mens und Rauschens des Flusses. Der Preis daf&amp;uuml;r ist fehlende Chronologie. Die Memel ist keine Einf&amp;uuml;hrung in osteurop&amp;auml;ische Geschichte und einem ungeschulten Leser werden am Ende Textes viele Fragen nach Einordnung und Zusammenhang bleiben. So bleibt die (oft wiederholte) Behauptung des multikulturellen Zusammenlebens insgesamt substanzlos. Auch klingt im Text jenes ahistorische, emotionalisierende Raunen an, das Rada selbst gern vermieden sehen m&amp;ouml;chte, wenn er von der nationalistischen Vereinnahmung des Flusses spricht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei einer Autorenlesung von &lt;em&gt;Die Memel&lt;/em&gt; im K&amp;ouml;lner Lew Kopelew Forum waren erwartungsgem&amp;auml;&amp;szlig; nur jene wei&amp;szlig;haarigen Zuh&amp;ouml;rer zu Gast, die die im Text erw&amp;auml;hnten Orte noch aus eigener Lebenserfahrung kannten. Etwas mehr Systematik und Anschaulichkeit h&amp;auml;tten dem Buch zweifellos gut getan, um auch ein Lesepublikum jenseits von Experten und &amp;#39;Betroffenen&amp;#39; zu erschlie&amp;szlig;en. Was bleibt, ist ein verworrener und verwirrender Einblick in das Zusammenleben von Menschen in einem Gebiet, das der polnische Intellektuelle Krzysztof Czyzewski als Lehrst&amp;uuml;ck f&amp;uuml;r das Versprechen vom Europa der Regionen sieht:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;&amp;raquo;Wenn ich die Bestrebungen der Europ&amp;auml;er richtig verstehe, den Widerspruch zwischen dem nachdr&amp;uuml;cklichen Abstecken der Grenzen und deren st&amp;auml;ndigem Durchbrechen, so sollte das k&amp;uuml;nftige Europa ein Europa der Regionen sein. Denn es scheint, dass nur eine solche Form es dem modernen Europ&amp;auml;er erm&amp;ouml;glicht, zu einem Zentrum zu finden, in dem er sich verwurzelt f&amp;uuml;hlt, das ihn in seiner Andersartigkeit definiert und ihm zugleich die Teilnahme an den Angelegenheiten der Welt, am Allgemeinen, gew&amp;auml;hrt. Das Europa der Regionen ist wie eine Kugel, deren Mitte &amp;uuml;berall und deren Grenze nirgendwo zu finden ist.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Uwe Rada: Die Memel.&amp;nbsp; Kulturgeschichte eines europ&amp;auml;ischen Stroms. M&amp;uuml;nchen: Siedler Verlag 2010. 368 Seiten. ISBN: 978-388680-9301. 19,95 Euro.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/identit%C3%A4ten-am-fluss#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Thu, 19 Apr 2012 12:39:26 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4802 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
</item>
<item>
 <title>Der Untergang der Titan(ic)</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/der-untergang-der-titanic</link>
 <description>&lt;p&gt;Am 15. April 1912 ging der englische Luxusdampfer &lt;em&gt;RMS Titanic&lt;/em&gt; unter und riss mehr als tausendf&amp;uuml;nfhundert Menschen in den Tod. Es war die Schiffskatastrophe, die in den 100 Jahren seither die Menschheit am st&amp;auml;rksten besch&amp;auml;ftigte. Zu diesem Fall ist ja alles gesagt worden &amp;ndash; wenngleich, nach einem Bonmot von Karl Valentin, &lt;em&gt;noch nicht von allen&lt;/em&gt; &amp;ndash;, und es wird alles auch schon immer fr&amp;uuml;her gesagt, weit vor dem Jahrestag, weil man schneller sein will als die anderen. Am Jahrestag selbst steht man dann wie ein Zusp&amp;auml;tgekommener da. Wissen wirklich schon alle alles? Oder lesen sie das Falsche?&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;h5&gt;
	Die &lt;em&gt;Titan&lt;/em&gt; und die &lt;em&gt;Titanic&lt;/em&gt;&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;F&amp;uuml;r ein Buch, das nie zustande kam, hatte ich den 16-seitigen Artikel &lt;em&gt;Die paranormalen Erlebnisse im Zusammenhang mit dem Untergang der &amp;rsaquo;Titanic&amp;lsaquo;&lt;/em&gt; von &lt;a href=&quot;http://en.wikipedia.org/wiki/Ian_Stevenson&quot;&gt;Ian Stevenson&lt;/a&gt; &amp;uuml;bersetzt, der 1960 in der Zeitschrift der &lt;em&gt;American Society for Psychical Research&lt;/em&gt; (ASPR) erschienen war. Daraus kann ich nun zitieren:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;raquo;Als Beleg f&amp;uuml;r menschlichen Irrsinn, gekr&amp;ouml;nt durch Arroganz und Ignoranz, steht der Untergang der &lt;em&gt;Titanic&lt;/em&gt; ziemlich einzigartig da. Ihre Erbauer hatten angek&amp;uuml;ndigt, sie sei unsinkbar, und Wissenschaftler und die &amp;Ouml;ffentlichkeit glaubten ihnen. [...] Kapit&amp;auml;n Smith erhielt am Tag der Kollision f&amp;uuml;nf Warnungen vor Eisbergen in der unmittelbaren N&amp;auml;he des Schiffes. Diese verunsicherten ihn zwar, doch nicht so sehr, als dass er die Geschwindigkeit der &lt;em&gt;Titanic&lt;/em&gt; verringert oder sie ganz zum Stehen gebracht h&amp;auml;tte.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/titanic.jpg&quot; style=&quot;width: 600px; height: 441px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;small&gt;&lt;em&gt;Die Titanic verl&amp;auml;sst Southampton am 10. April 1912&lt;/em&gt; (Foto: &lt;a href=&quot;http://en.wikipedia.org/wiki/Francis_Godolphin_Osbourne_Stuart&quot;&gt;F.G.O. Stuart&lt;/a&gt;, Quelle: &lt;a href=&quot;http://commons.wikimedia.org/wiki/File:RMS_Titanic_3.jpg?uselang=de&quot;&gt;Wikimedia Commons&lt;/a&gt;)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gleich das erste von 12 Beispielen paranormaler Erfahrungen muss uns interessieren:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;raquo;Im Jahr 1898 schrieb ein Autor namens &lt;a href=&quot;http://en.wikipedia.org/wiki/Morgan_Robertson&quot;&gt;Morgan Robertson&lt;/a&gt; einen Roman mit dem Titel &lt;em&gt;Futility &lt;/em&gt;[Vergeblichkeit], in dem er den Bau und eine fr&amp;uuml;he Reise eines gro&amp;szlig;en Dampfschiffs beschrieb, das er &lt;em&gt;Titan&lt;/em&gt; nannte. Auf dieser Fahrt im April sank das Schiff nach einer Kollision mit einem Eisberg. Die &lt;em&gt;Titan&lt;/em&gt; wurde wegen ihrer wasserdichten Bauelemente f&amp;uuml;r unsinkbar gehalten. Auch sie hatte zu wenige Rettungsboote, und daher kostete ihr Untergang eine erschreckend hohe Zahl von Menschen das Leben. Weitere Details der &lt;em&gt;Titan&lt;/em&gt; und ihres Untergangs &amp;auml;hnelten denen der &lt;em&gt;Titanic&lt;/em&gt;, wie folgt:&lt;/p&gt;
&lt;table border=&quot;0&quot; cellpadding=&quot;0&quot; cellspacing=&quot;0&quot;&gt;
&lt;tbody&gt;
&lt;tr&gt;
&lt;td style=&quot;width:307px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width:192px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Titan&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width:115px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Titanic&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;/tr&gt;
&lt;tr&gt;
&lt;td style=&quot;width:307px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;Zahl der Personen an Bord&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width:192px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;3000&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width:115px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;2207&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;/tr&gt;
&lt;tr&gt;
&lt;td style=&quot;width:307px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;Zahl der Rettungsboote&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width:192px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;24&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width:115px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;20&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;/tr&gt;
&lt;tr&gt;
&lt;td style=&quot;width:307px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;Geschwindigkeit bei der Kollision&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width:192px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;25 Knoten&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width:115px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;23 Knoten&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;/tr&gt;
&lt;tr&gt;
&lt;td style=&quot;width:307px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;Verdr&amp;auml;ngungstonnage des Schiffs&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width:192px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;75000&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width:115px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;66000&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;/tr&gt;
&lt;tr&gt;
&lt;td style=&quot;width:307px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;L&amp;auml;nge des Schiffs&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width:192px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;800 Fu&amp;szlig;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(245 m)&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width:115px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;882,5 Fu&amp;szlig;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;(269 m)&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;/tr&gt;
&lt;tr&gt;
&lt;td style=&quot;width:307px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;Zahl der Schrauben&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width:192px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;3&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;td style=&quot;width:115px;&quot;&gt;
&lt;p&gt;3&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;/td&gt;
&lt;/tr&gt;
&lt;/tbody&gt;
&lt;/table&gt;
&lt;p&gt;Andere Beispiele sind hellseherischer Natur:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;raquo;Am 20. April befanden sich Mr. und Mrs. Jack Marshall mit ihrer Familie auf dem Dach ihres Hauses, das eine Aussicht &amp;uuml;ber den Solent gegen&amp;uuml;ber der Isle of Wight gestattet. Als sie die &lt;em&gt;Titanic &lt;/em&gt;auf ihrer Jungfernfahrt vorbeifahren sahen, klammerte sich Mrs. Marshall an den Arm ihres Ehemanns und rief aus: &amp;rsaquo;Dieses Schiff wird sinken, bevor es Amerika erreicht haben wird.&amp;lsaquo; &amp;ndash; Wenige Stunden vor der Kollision mit dem Eisberg &amp;auml;u&amp;szlig;erte einer der Erste-Klasse-Passagiere, der Pr&amp;auml;sident der Grand Trunk Railroad, Charles M. Hays, dass bald die Zeit kommen w&amp;uuml;rde &amp;rsaquo;f&amp;uuml;r das gr&amp;ouml;&amp;szlig;te und erschreckendste Ungl&amp;uuml;ck auf See&amp;lsaquo;. Sp&amp;auml;ter in jener Nacht, kurz nachdem das Schiff den Eisberg gerammt hatte, blieb Mr. Hays jedoch gelassen und soll gesagt haben: &amp;rsaquo;Dieses Schiff kann nicht sinken.&amp;lsaquo;&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	W. T. Stead&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/William_T._Stead&quot;&gt;William Thomas Stead&lt;/a&gt;, der 1849 geborene englische Journalist und Herausgeber sowie Spiritualist, ging mit der &lt;em&gt;Titanic &lt;/em&gt;unter. Stevenson blickte zur&amp;uuml;ck:&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:left; padding:2px 6px 6px 0; margin:2px 6px 6px 0&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;W. T. Stead&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/wtstead.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		W. T. Stead (Quelle: &lt;a href=&quot;http://www.loc.gov/pictures/collection/ggbain/&quot;&gt;George Grantham Bain Collection&lt;/a&gt;, U.S. Library of Congress, ohne Datum)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;&amp;raquo;In den 1880-er Jahren publizierte Stead in der &lt;em&gt;Pall Mall Gazette&lt;/em&gt;, deren Herausgeber er war, einen literarischen Artikel, in dem er den &amp;Uuml;berlebenden einer gro&amp;szlig;en Schiffskatastrophe erz&amp;auml;hlen lie&amp;szlig;. [...] Stead h&amp;auml;ngte an den Artikel eine editorische Notiz an, die sich so liest: &amp;rsaquo;Dies ist genau, was geschehen k&amp;ouml;nnte und was geschehen wird, wenn Passagierschiffe mit zu wenig Rettungsbooten in See stechen.&amp;lsaquo; 1892 ver&amp;ouml;ffentlichte Stead einen weiteren Artikel in der &lt;em&gt;Review of Reviews&lt;/em&gt;, in dem er den Untergang eines Dampfers durch die Kollision mit einem Eisberg beschreibt sowie die Rettung seines einzigen &amp;uuml;berlebenden Passagiers durch die &lt;em&gt;Majestic&lt;/em&gt;, ein Schiff der White Star Line. Die echte &lt;em&gt;Majestic&lt;/em&gt; wurde damals von Kapit&amp;auml;n Smith befehligt, der in der Folge Kapit&amp;auml;n der &lt;em&gt;Titanic&lt;/em&gt; wurde und beim Untergang starb. [...] 1909 hielt Stead eine Rede vor dem Cosmos Club, in der er sich selbst als Schiffbr&amp;uuml;chigen portr&amp;auml;tierte, der um Hilfe ruft.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das mit der Schiffskatastrophe kann freilich in der Luft gelegen haben, man musste nicht Hellseher sein. &amp;ndash; Ein Besatzungsmitglied der &lt;em&gt;Titanic&lt;/em&gt; will Stead lesend im Raucherzimmer des Schiffes gesehen haben, als der Ozeandampfer unterging: &lt;em&gt;very British&lt;/em&gt;. 1922 erschien das Buch &lt;em&gt;The Blue Island&lt;/em&gt; von Estelle Stead, seiner Tochter. Sie schrieb: &amp;raquo;Zwei Wochen nach der Katastrophe sah ich das Gesicht meines Vaters und h&amp;ouml;rte ihn so klar und deutlich wie damals, als er sich von mir verabschiedete und die Titanic betrat. Das war bei einer Sitzung mit Etta Wriedt, dem bekannten amerikanischen Direktstimmenmedium. Bei dieser Sitzung sprach ich zwanzig Minuten mit meinem Vater.&amp;laquo; In dem Buch stehen Durchgaben von Stead von &lt;em&gt;dr&amp;uuml;ben&lt;/em&gt;, wor&amp;uuml;ber ich schon &lt;a href=&quot;http://futura99.de/2010/12/25/die-blaue-insel/&quot;&gt;an anderer Stelle geschrieben&lt;/a&gt; habe.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Vorwort stammt von &lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/sir-arthur-conan-doyle-lebt&quot;&gt;Sir Arthur Conan Doyle&lt;/a&gt;, der Stead gut gekannt hatte. &amp;raquo;Als Literaturkritiker m&amp;ouml;chte ich sagen, dass der klare Ausdruck und die &amp;auml;u&amp;szlig;erst humorvolle Sprechweise ziemlich charakteristisch f&amp;uuml;r Ihren Vater waren&amp;laquo;, lie&amp;szlig; sich der Meister im September 1922 aus Sussex vernehmen, eine gewisse Skepsis nicht unterdr&amp;uuml;ckend, aber gleichwohl dem B&amp;uuml;chlein Gl&amp;uuml;ck w&amp;uuml;nschend.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch Spiritualisten sind manchmal leichtfertig, weil sie nicht als leichtgl&amp;auml;ubig gelten wollen. Stead lie&amp;szlig; sich von mehreren Medien beraten, darunter Mr. W. de Kerlor. Im September 1911 &amp;ndash; auch dies aus Stevensons Artikel &amp;ndash; sagte ihm dieser beim ersten Gespr&amp;auml;ch voraus, Stead werde nach Amerika reisen, obwohl dieser zu der Zeit keine solchen Pl&amp;auml;ne hatte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bald darauf hatte das Medium einen Traum, der sich auf Stead bezog: &amp;raquo;Ich tr&amp;auml;umte, dass ich mitten in einer Schiffskatastrophe war; eine Menge Menschen (mehr als tausend) k&amp;auml;mpfte im Wasser ums &amp;Uuml;berleben, und ich war einer davon. Ich konnte ihre Hilfeschreie h&amp;ouml;ren.&amp;laquo; Mr. de Kerlor erz&amp;auml;hlte Stead diesen Traum und wiederholte seine Warnung, dass das schwarze Schiff, das er schon vorher gesehen hatte, &amp;rsaquo;Beschr&amp;auml;nkungen, Schwierigkeiten und den Tod&amp;lsaquo; bedeute. Diese Ank&amp;uuml;ndigungen beeindruckten Stead wenig. Er antwortete: &amp;raquo;Oha; nun ja, Sie sind wohl ein sehr d&amp;uuml;sterer Prophet.&amp;laquo; Hinterher ist man immer schlauer.&lt;/p&gt;
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 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/der-untergang-der-titanic#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse/ausrei%C3%9Fversuche">Ausreißversuche</category>
 <pubDate>Thu, 12 Apr 2012 23:01:34 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Marcel Diel</dc:creator>
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 <title>Leipzig, zum ersten Mal</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/leipzig-zum-ersten-mal</link>
 <description>&lt;p&gt;Der j&amp;uuml;ngste Kritische-Ausgabler erkundet die Leipziger Buchmesse. Es sollte ein Kulturschock werden; genauer gesagt, der erste Schritt in eine schockierend bunte, kommerzielle, atemberaubende und immer wieder faszinierende Literatur- und Kulturwelt, die sich mit gro&amp;szlig;er Geste (wie jedes Jahr) in Leipzig pr&amp;auml;sentierte.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;
&lt;p&gt;Ich war vorher noch nie in Leipzig, noch nicht einmal im Osten der Bundesrepublik. Erwartungen hatte ich keine. Von Fotos vergangener Messen hatte ich Besucher und Pressest&amp;auml;nde in Erinnerung, Wurstbuden und viele B&amp;uuml;cher, vor allem B&amp;uuml;cher. Auch die Erz&amp;auml;hlungen und Anekdoten meiner Kollegen im Auto halfen kaum, mich auf das vorzubereiten, was mich wenige Stunden sp&amp;auml;ter erwarten sollte. Am Mittwochabend kamen wir p&amp;uuml;nktlich auf dem Messegel&amp;auml;nde an und ich machte mich mit Lesezeichen, Postern und der neuesten Kritischen-Ausgabe ger&amp;uuml;stet auf den Weg zu unserem Stand, um ihn aufzubauen. Eigentlich war aber kaum mehr zu tun, als die Magazine in das Regal einzur&amp;auml;umen, den Tisch aufzubauen und die Plastikfolie vom Teppich zu entfernen. &amp;Uuml;berall um uns herum taten andere Aussteller dasselbe. Die weiten G&amp;auml;nge lagen voller Papierm&amp;uuml;ll und sahen doch noch leer aus. Besucher sollten noch kommen. Stattdessen begr&amp;uuml;&amp;szlig;ten sich um uns herum freundlich die Nachbarn f&amp;uuml;r diese Tage. Auch wir sch&amp;uuml;ttelten den Kollegen der Dahlemer Verlagsanstalt die Hand: &amp;raquo;Auf gutes Gelingen&amp;laquo; wurde gew&amp;uuml;nscht und gescherzt, man &amp;raquo;habe ja noch die Ausdauer&amp;laquo;. Was das hie&amp;szlig;, sollte ich erst Tage sp&amp;auml;ter erfahren. Danach fuhren wir zu unseren &amp;Uuml;bernachtungsm&amp;ouml;glichkeiten und ich muss sagen, dass ich die Gastfreundschaft in Leipzig wirklich zu sch&amp;auml;tzen wei&amp;szlig;.&lt;/p&gt;
&lt;h2&gt;
	&lt;strong&gt;Besucherhordenansturm&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;https://lh3.googleusercontent.com/-gCez9OkzlhI/T3yAgvBMkTI/AAAAAAAAEIs/C-kPPUkv8_o/s450/Buchmesse1.jpg&quot; style=&quot;width: 296px; height: 235px; border-width: 2px; border-style: solid; margin: 20px; float: left;&quot; /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Dann kam der Donnerstag und 163.000 Besucher. 163.000 Menschen waren dieses Jahr auf der Buchmesse &amp;ndash; und ich. Um zu verstehen, wie sehr mich die schiere Menge an Besuchern &amp;uuml;berw&amp;auml;ltigte, muss man wissen, dass ich aus einer Kleinstadt komme (kaum mehr als ein Dorf) mitten im idyllischen M&amp;uuml;nsterland. Ich war Menschenmassen dieser Gr&amp;ouml;&amp;szlig;enordnung einfach nicht gewohnt. Die vom Vortag scheinbar vertrauten G&amp;auml;nge mit den sauber platzierten Ausstellungsexemplaren verwandelten sich pl&amp;ouml;tzlich zu einem Labyrinth der unz&amp;auml;hligen Angeboten und M&amp;ouml;glichkeiten. Keine zehn Meter von unserem Stand entfernt arbeitete mein Orientierungssinn an der Grenze der Belastbarkeit. Der Versuch alles wahrzunehmen und sich ein Bild zu machen scheiterte ganz einfach an der &amp;Uuml;berreizung meiner Sinne. Meine naive Idee eines sachlichen Gesamt&amp;uuml;berblicks, den ich hier h&amp;auml;tte wiedergeben k&amp;ouml;nnen, verwarf ich schon am ersten Tag noch vor zw&amp;ouml;lf Uhr.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nachdem ich mich auf den Takt des Gedr&amp;auml;nges und Geschiebes, des Bequatschens und Beschauens eingestellt hatte, entdeckte ich auch den Grund f&amp;uuml;r die ganze Aufregung: Gro&amp;szlig;artige Autoren gaben sich hier die Klinke in die Hand! Und diese plauderten auch gerne mal aus dem N&amp;auml;hk&amp;auml;stchen, immer Zitatf&amp;auml;hig, versteht sich. Felicitas Hoppe (&lt;em&gt;Iwein L&amp;ouml;wenritter; Abenteuer - was ist das?&lt;/em&gt;) etwa tat kund, dass sie, wenn sie ein Buch schreibe, es so angehe, &amp;raquo;wie fr&amp;uuml;her Jacken f&amp;uuml;r Kinder gekauft wurden: immer eine Nummer zu gro&amp;szlig;, damit man reinwachsen kann.&amp;laquo; Benjamin Lebert (&lt;em&gt;Crazy&lt;/em&gt;) &amp;nbsp;stellte vollmundig sein neues Buch &lt;em&gt;Im Winter dein Herz&lt;/em&gt; vor. Dazwischen fanden Poetry Slams statt, wurde Wein und Orangensaft ausgeschenkt und die besten verkleideten Besucher fotografiert. An jedem Stand war man sich murmelnd einig, dass die Cosplay-Szene auf der diesj&amp;auml;hrigen Buchmesse &amp;raquo;&amp;uuml;beraus stark vertreten&amp;laquo; sei. Dabei schaute manch wei&amp;szlig;haariger Literat griesgr&amp;auml;mig drein. F&amp;uuml;r mich aber machten diese bunten Figuren aus Manga, Games und Anime die Messe noch bunter und abenteuerlicher. Dabei konnte man gerade in der Halle f&amp;uuml;r Comics und Mangas vergleichsweise wenige von ihnen sehen.&lt;/p&gt;
&lt;h2&gt;
	&lt;strong&gt;Pers&amp;ouml;nlich pr&amp;auml;sent&lt;/strong&gt;&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Nach dem ersten Tag verwandelte ich mich vom &amp;uuml;berforderten Beobachter zum neugierigen Teilnehmer. Meine Pressesinne erwachten, sozusagen. Wo immer es sich ergab suchte ich das Gespr&amp;auml;ch mit Autoren, Verlegern und &amp;uuml;berhaupt allen Leuten, die glaubten, etwas zu sagen zu haben. Ich sog die Stimmung der anderen Aussteller und Autoren auf und stellte fest, dass neben dem erwarteten Zukunftspessimismus f&amp;uuml;r das gedruckte Wort auch gesunder Optimismus und Leidenschaft zugegen war. Kurz: Nach dem ersten Kulturschock war es fantastisch in Leipzig dabei zu sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch die Arbeit am &amp;rsaquo;Heimatstand&amp;lsaquo; der Kritischen-Ausgabe lernte ich zu sch&amp;auml;tzen. Ich beantwortete bald routiniert die Fragen interessierter Besucher, tauschte mich mit den Kollegen aus, tauschte Spenden gegen Probemagazine und verteilte flei&amp;szlig;ig Promo-Material an jeden, dessen Besuchertaschen noch nicht v&amp;ouml;llig &amp;uuml;berquollen. Jeden Tag lernte ich dabei mehr &amp;uuml;ber die Literaturlandschaft und das Messegeschehen; etwa, dass in Deutschland noch immer Lyrik publiziert wird, ein Wunder f&amp;uuml;r mich, aber ein sch&amp;ouml;nes. Besonderes Interesse entwickelte ich f&amp;uuml;r die vielen kleinen Verlage, deren St&amp;auml;nde im Schatten gro&amp;szlig;er Namen wie Bastei L&amp;uuml;bbe oder Reclam kaum auffielen, daf&amp;uuml;r aber ein abwechslungsreicheres und differenzierteres Sortiment an Texten anboten. Ich lernte Magazine kennen, deren Namen kaum jemand auf der Messe kannte und die trotzdem hohe Auflagen und namhafte Autoren vorwiesen. Ich erfuhr von aktuellen Trends, dem z&amp;ouml;gerlichen Absatz von E-Books und dem steigenden Stellenwert von hochwertigen Covern. Ich tauchte in das lebendige Gesch&amp;auml;ft rund um Text und Buch ein und wurde f&amp;uuml;r die Tage der Messe v&amp;ouml;llig davon verschluckt.&lt;/p&gt;
&lt;h2&gt;
	&lt;strong&gt;Puste aus &amp;hellip;&lt;/strong&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;https://lh5.googleusercontent.com/-4iek0ONPeR0/T3yAgjpeOcI/AAAAAAAAEIo/jG4kvwB0r0I/s450/Buchmesse2.jpg&quot; style=&quot;border-width: 2px; border-style: solid; margin: 20px; float: right; width: 289px; height: 217px;&quot; /&gt;&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Am letzten Tag fand ich mich selbst in einem der bereitgestellten Massagesessel wieder, am Ende meiner Ausdauer. W&amp;auml;hrend ich meine schmerzenden F&amp;uuml;&amp;szlig;e ausruhte, dachte ich an die passenden Worte zu Beginn der Messe und merkte, dass Leipzig Besuchern wie Ausstellern auch k&amp;ouml;rperlich alles abverlangt. Mit Respekt vor allen, die nach diesem Messe-Marathon noch immer standen, antworteten, sich informierten und h&amp;ouml;flich l&amp;auml;chelten, zog ich mein pers&amp;ouml;nliches Res&amp;uuml;mee: Das Gesch&amp;auml;ft mit B&amp;uuml;chern ist hart, aber noch lange lange nicht tot.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/leipzig-zum-ersten-mal#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur">Literatur</category>
 <pubDate>Wed, 04 Apr 2012 17:13:24 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4800 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
</item>
<item>
 <title>Sir Arthur Conan Doyle lebt!</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/sir-arthur-conan-doyle-lebt</link>
 <description>&lt;p&gt;Im vergangenen Dezember kam der Film &lt;a href=&quot;http://wwws.warnerbros.de/sherlockholmes2/&quot;&gt;&lt;em&gt;Spiel im Schatten&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; in die Kinos, gedreht von Guy Ritchie. Robert Downey jr. spielt den Sherlock Holmes, Jude Law den Doktor Watson. Es ist die Fortsetzung von &lt;em&gt;Sherlock Holmes&lt;/em&gt;, und man k&amp;ouml;nnte sagen, dass der geniale, in London t&amp;auml;tige Detektiv die ber&amp;uuml;hmteste literarische Gestalt aller Zeiten ist.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Heuer j&amp;auml;hrt sich zum 125. Male das Erscheinen des ersten Holmes-Bandes, &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Eine_Studie_in_Scharlachrot&quot;&gt;Eine Studie in Scharlachrot&lt;/a&gt;.&lt;/em&gt; Die Helden sind Raucher. Holmes: &amp;raquo;Ich hoffe, Sie st&amp;ouml;rt der Rauch eines starken Tabaks nicht. Oder doch?&amp;laquo; Watson: &amp;raquo;Ich rauche immer &lt;em&gt;Ship&amp;rsquo;s&lt;/em&gt;.&amp;laquo;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Conan_Doyle&quot;&gt; Sir Arthur Conan Doyle&lt;/a&gt; (1859&amp;ndash;1930) war damals knapp 30 Jahre alt und schrieb 40 Jahre weiter, erweckte den Meisterdetektiv wieder zum Leben, den er die Schweizer Reichenbach-F&amp;auml;lle hatte hinabst&amp;uuml;rzen lassen, und beendete den Zyklus 1927.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Neu erschien au&amp;szlig;erdem &lt;em&gt;Das Geheimnis des wei&amp;szlig;en Bandes&lt;/em&gt;, geschrieben von &lt;a href=&quot;http://en.wikipedia.org/wiki/The_House_of_Silk&quot;&gt;Anthony Horowitz&lt;/a&gt; und der erste &amp;rsaquo;echte&amp;lsaquo; &lt;em&gt;Holmes&lt;/em&gt; seit Conan Doyles Ableben, da von der Conan-Doyle-Stiftung autorisiert. Er wird nun &amp;ndash; eigentlich unerh&amp;ouml;rt &amp;ndash; zum Hauptkanon gez&amp;auml;hlt, gilt also als f&amp;uuml;nfter Roman, erg&amp;auml;nzend zu den 56 Erz&amp;auml;hlungen (wenn ich richtig gez&amp;auml;hlt habe). War der Meister &amp;uuml;berhaupt einverstanden? Man hat ihn wohl nicht gefragt. Oder es nicht f&amp;uuml;r n&amp;ouml;tig erachtet. Ist ja schon lange tot.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Philosoph Roger Straughan sieht das vermutlich anders; er h&amp;auml;tte gewiss eine Methode gefunden, Conan Doyle einen neuen Roman zu entlocken. Allerdings muss man sagen, dass so etwas noch nie &amp;uuml;berzeugend gelungen ist. Die Kommunikation mit der unsichtbaren Welt ist m&amp;uuml;hevoll und mit M&amp;auml;ngeln behaftet. Straughan hat 2009 sein Buch &lt;a href=&quot;http://www.o-books.com/books/study-in-survival-a&quot;&gt;&lt;em&gt;A Study in Survival&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; ver&amp;ouml;ffentlicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich war elektrisiert, denn das war traumhaft: Botschaften aus dem Jenseits anhand von Passagen aus &lt;em&gt;B&amp;uuml;chern&lt;/em&gt;, noch dazu von einem ber&amp;uuml;hmten Autor, der sich dazu herabl&amp;auml;sst, als sein eigener &lt;a href=&quot;http://kritische-ausgabe.de/artikel/der-bibliotheken-engel&quot;&gt;Bibliotheken-Engel&lt;/a&gt; zu fungieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Kurzfassung: Ein Engl&amp;auml;nder, der in seinem Berufsleben Studenten an das philosophische Denken gew&amp;ouml;hnte, ist &amp;uuml;berzeugt, dass sein Lieblingsautor Conan Doyle, den er kurz ACD nennt, ihm die Hand f&amp;uuml;hrt. Zehn Jahre lang stellte er sich, wenn er ein Problem hatte, vor die 2,5 Regalmeter mit den B&amp;uuml;chern des Autors, griff blind eins heraus und las, was ihm in die Augen sprang. Er fand die Treffsicherheit der Stellen unglaublich; das konnte kein Zufall sein. Er begann zu experimentieren, und je mehr Zeit verging, desto &amp;uuml;berzeugter wurde er.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/straughan.jpg&quot; style=&quot;width: 413px; height: 221px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;small&gt;Straughans B&amp;uuml;cherwand mit der Conan-Doyle-Gesamtausgabe (Foto: R. Straughan)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Der Hund von Baskerville&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Es fing damit an, dass Sgott, Straughans Hund, im Sterben lag. Dann war es vorbei. Herrchen ging zu Bett, fragte sich, ob sein Hund hatte leiden m&amp;uuml;ssen, und nahm zerstreut einen 1000-seitigen Band mit Holmes-Kurzgeschichten zur Hand. Stie&amp;szlig; auf die Stelle: &amp;raquo;Sein Abgang war so rasch und schmerzlos, wie man sich nur w&amp;uuml;nschen konnte.&amp;laquo; Wie? Erst war es nur ein Spa&amp;szlig;, doch immer &amp;ouml;fter stie&amp;szlig; er auf Stellen mit Hunden, und als er einen neuen kaufen wollte, fand er etwas mit Hunden (Mehrzahl), an der Stra&amp;szlig;e nach Ascot. Da war ein Zwinger, und tats&amp;auml;chlich waren Roger Straughan und seine Frau bald Besitzer von zwei Hunden. Er fragte also &amp;ouml;fter im Geiste nach Rat, schloss die Augen und griff dorthin, wo seine Hand hinwollte.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Sir Arthur Conan Doyle&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/conan-doyle.jpg&quot; width=&quot;300&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Sir Arthur Conan Doyle (Quelle: &lt;a href=&quot;http://memory.loc.gov/ammem/awhhtml/awpnp6/Bain_coll.html&quot;&gt;George Grantham Bain Collection&lt;/a&gt;, U.S. Library of Congress; ohne Datum)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;&amp;raquo;Die Treffsicherheit dieser Lesungen raubte mir den Atem&amp;laquo;, schreibt der Philosoph. (Wer das Ph&amp;auml;nomen kennt, versteht das gut.) Bald musste er sich eingestehen, dass es zu viele Koinzidenzen waren, um noch mit purem Zufall erkl&amp;auml;rt werden zu k&amp;ouml;nnen. Es musste &amp;raquo;eine externe, intelligente Kraft&amp;laquo; dahinterstecken. Im Conan-Doyle-Buch &lt;em&gt;Through the Magic Door&lt;/em&gt; fand er: &amp;raquo;Die Pers&amp;ouml;nlichkeiten der Autoren sind in die blassesten Schatten verblichen wie ihre K&amp;ouml;rper, die im unfassbaren Staub verschwanden, und dennoch ist ihr Geist hier, dir zu Diensten. [...] Die Toten sind eine solch gute Gesellschaft!&amp;laquo; B&amp;uuml;cher als Br&amp;uuml;cke zwischen dem lebenden Leser und dem toten Autor.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Freilich, eine Stelle auf Seite 72 schw&amp;auml;cht Straughans Argumentation. Er gibt zu, dass nur mehr als ein Drittel der Lesungen ihn total &amp;uuml;berraschte und zutreffend war, und dass in weniger als der H&amp;auml;lfte der F&amp;auml;lle die Methode kein &amp;uuml;berzeugendes Resultat erbrachte. Das brachte wohl Tom Ruffles in der &lt;em&gt;Fortean Times&lt;/em&gt; Anfang 2010 dazu, dem Autor &amp;rsaquo;selektive Wahrnehmung&amp;lsaquo; &lt;a href=&quot;http://www.forteantimes.com/reviews/books/2698/a_study_in_survival_conan_doyle_solves_the_final_problem.html&quot;&gt;vorzuwerfen&lt;/a&gt;. Dennoch sind 35 Prozent spontane Treffer &amp;uuml;ber 10 Jahre hinweg mehr, als man sich ertr&amp;auml;umen kann, zumal es um pr&amp;auml;zise Sachverhalte geht und nicht um das Raten von Kartensymbolen.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Conan Doyle glaubte ans Weiterleben der Toten&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Ich glaube nicht mehr an die Beweiskraft von Zahlen in der Parapsychologie, vielleicht nicht einmal mehr an das Fach an sich. Roger Straughan legt sich immer wieder die Frage vor, ob es wirklich sein kann, dass ... Er argumentiert und ist eigentlich skeptisch bis zuletzt. Was hilft es? Wer dies alles f&amp;uuml;r Unsinn h&amp;auml;lt, ist nicht zu &amp;uuml;berzeugen. Man kann &amp;uuml;ber hunderte Seiten &amp;uuml;berzeugend argumentieren, und dann kommt bestimmt einer wie Tom Ruffles und senkt den Daumen. Man muss das Buch lesen und wird &amp;uuml;berzeugt sein. Es ist eine gute Geschichte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Conan Doyle lie&amp;szlig; sich 1916 vom Weiterleben der Toten &amp;uuml;berzeugen und gab bis zu seinem Tod 1930 alles, um auch andere zu &amp;uuml;berzeugen &amp;ndash; er hielt Lesungen in allen Teilen der Welt, schrieb B&amp;uuml;cher (etwa 1927 &lt;em&gt;Phineas Speaks&lt;/em&gt;, im Volltext &lt;a href=&quot;http://www.jhardaker.plus.com/pdf/Pheneas%20Speaks.pdf&quot;&gt;hier&lt;/a&gt; nachzulesen) &amp;ndash;, um seiner Welt von einer k&amp;uuml;nftigen Welt zu k&amp;uuml;nden, die nicht unbedingt eine bessere w&amp;auml;re, sondern eine, deren Aussehen von der individuellen Lebensf&amp;uuml;hrung abhinge.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Straughan bekam n&amp;uuml;tzlichen medizinischen Rat, Hinweise auf Cricket (Conan Doyle war auch passionierter Sportler, liebte Skifahren und Autorennen), und meistens schlug der Charakter des gro&amp;szlig;en Autors durch: Er war gro&amp;szlig;herzig, ironisch, gr&amp;uuml;ndlich und wurde schnell ungeduldig wie alle Genies. Wenn Straughan eine Frage nochmal stellte, musste er meistens lesen: &amp;rsaquo;Das habe ich schon einmal gesagt.&amp;lsaquo; Gegen Ende des Buchs schreibt der Philosoph: &amp;raquo;Nicht zum ersten Mal sp&amp;uuml;rte ich, dass ich in einer Konversation steckte, und nun hatte ich keine Zweifel mehr, mit wem ich diese Konversation f&amp;uuml;hrte.&amp;laquo; Und dann, als Roger Straughan, nunmehr pensioniert, an das Buch dachte, das dann erscheinen sollte, holte er sich wieder Rat bei ACD ein. Und was las er sogleich? &amp;raquo;I am your friend, and I wish to help you.&amp;laquo; Es war aus den &lt;em&gt;Collected Stories&lt;/em&gt;, Seite 718. Wer w&amp;uuml;rde solch ein Angebot ausschlagen?&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;* * *&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Letzten Oktober, auf einer Frankreich-Reise, erschien mir mein von 26 Jahren verstorbener Vater im Traum. Er sagte, er h&amp;auml;tte gern ein Buch von Kipling verlegt, und da w&amp;uuml;rde ich mehr &amp;uuml;ber ihn erfahren. Gelesen hat mein Vater aber nie. Kipling, das kam &amp;uuml;berraschend. Ich selber kenne &lt;em&gt;Kim&lt;/em&gt;, aber sonst interessierte er mich nicht besonders. Das gemeinte Buch konnte nur &lt;em&gt;Something about me&lt;/em&gt; sein, die Autobiografie, kurz vor seinem Tod 1936 erschienen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Rudyard_Kipling&quot;&gt;Rudyard Kipling&lt;/a&gt;, der Literatur-Nobelpreistr&amp;auml;ger von 1904, besprach sich oft mit seinem Vater, der auch Autor war. Hatte dieser eine Arbeit vollendet, war er immer unzufrieden und meinte, alles neu schreiben zu m&amp;uuml;ssen. Sein Sohn denkt genauso, und dann kam die Stelle, die mir in die Augen sprang: &amp;raquo;... aber, wenn es m&amp;ouml;glich ist, werden er und ich das in einer besseren Welt tun und derart, dass sich die Erzengel dar&amp;uuml;ber wundern.&amp;laquo; Das war es wohl, was mir mein Vater hatte sagen wollen.&lt;/p&gt;
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 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/sir-arthur-conan-doyle-lebt#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse/ausrei%C3%9Fversuche">Ausreißversuche</category>
 <pubDate>Thu, 29 Mar 2012 23:02:35 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Marcel Diel</dc:creator>
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 <title>Huren und Hetären</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/huren-und-het%C3%A4ren</link>
 <description>&lt;p&gt;Das &amp;auml;lteste Gewerbe der Welt hat &lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/sade-defoe-pasolini&quot;&gt;noch einen&lt;/a&gt; Beitrag verdient. Es hat Schriftsteller immer in seinen Bann gezogen, da sie das Verbotene und Verruchte dem banalen Treiben der Welt vorziehen. Den Sonderling zieht es hin zu den Randgebieten der Gesellschaft, und beide, Huren und Autoren, verkaufen sich, m&amp;uuml;ssen sich manchmal verkaufen und hoffen, dabei ihre Seele bewahren zu k&amp;ouml;nnen.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/young_forsale.jpg&quot; style=&quot;width: 600px; height: 401px;&quot; /&gt;&lt;small&gt;&amp;rsaquo;For Sale&amp;lsaquo; (&amp;rsaquo;Verk&amp;auml;uflich&amp;lsaquo;), &lt;/small&gt;&lt;/em&gt;&lt;small&gt;&lt;em&gt;Karikatur &lt;/em&gt;&lt;em&gt;von &lt;a href=&quot;http://en.wikipedia.org/wiki/Art_Young&quot;&gt;Art Young&lt;/a&gt;, erschienen im &amp;rsaquo;Puck&amp;lsaquo;, Dezember 1911. Links im Halbdunkel eine Prostituierte; rechts Honoratioren mit Angabe, wof&amp;uuml;r sie sich verkaufen. (Quelle: &lt;a href=&quot;http://www.loc.gov/pictures/collection/ggbain/&quot;&gt;Bain Collection&lt;/a&gt;, Library of Congress, Washington D.C.) &lt;/em&gt;&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Frau als &amp;rsaquo;minderwertiges Wesen&amp;lsaquo; (Augustinus), als &amp;rsaquo;Missgriff der Natur&amp;lsaquo; (Thomas von Aquin): Das war fr&amp;uuml;hes Mittelalter. Aber noch tausend Jahre sp&amp;auml;ter war es n&amp;ouml;tig, das Buch &lt;em&gt;Ein Pl&amp;auml;doyer f&amp;uuml;r die Rechte der Frau&lt;/em&gt; zu schreiben. &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Wollstonecraft&quot;&gt;Mary Wollstonecraft&lt;/a&gt; (1759&amp;ndash;1797) tat das 1792, da anscheinend der Ruf der franz&amp;ouml;sischen Revolution nach Gleichheit nicht ausgereicht hatte und Br&amp;uuml;derlichkeit wohl nur f&amp;uuml;r M&amp;auml;nner galt. Es war auch das Jahr von Marquis de Sades &lt;em&gt;Juliette&lt;/em&gt;. Marys Tochter, &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Shelley&quot;&gt;Mary Shelley&lt;/a&gt; (1797&amp;ndash;1851), schrieb sp&amp;auml;ter den &lt;em&gt;Frankenstein&lt;/em&gt; (1818). &amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Folge mir! &amp;nbsp;&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Im alten &amp;Auml;gypten, vor mehr als 3000 Jahren also, gab es schon Bordelle. Der Geschlechtsakt wurde mit den &amp;raquo;Werken der Hathor&amp;laquo; umschrieben. Unter den &amp;auml;gyptischen Dirnen gab es, wie uns &lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/die-m%C3%A4chtige-frau&quot;&gt;Frau F&amp;uuml;rstauer&lt;/a&gt; erz&amp;auml;hlt, wahre K&amp;ouml;niginnen, die Hof hielten und sich manchmal dazu herablie&amp;szlig;en, die favorisierte Konkubine eines M&amp;auml;chtigen zu werden. Doch die &amp;raquo;Hathoren&amp;laquo; hatten Konkurrenz: die T&amp;auml;nzerinnen und Tempelmusikantinnen, die auf Gehei&amp;szlig; der Priesterschaft ihre Reize gegen Geld an alle verkauften, die sie haben wollten. Erst waren die vielen religi&amp;ouml;sen Feste, dann wurde die Tempelprostitution zu einem legalen Gesch&amp;auml;ft.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch im alten Griechenland lief das Gesch&amp;auml;ft fast mit g&amp;ouml;ttlicher Billigung ab. Nach dem &lt;em&gt;Kleinen Pauly&lt;/em&gt;, dem Lexikon der Antike (Stichwort &lt;em&gt;Prostitution&lt;/em&gt;), gab es in Mesopotamien, Lydien und Numidien Heiligt&amp;uuml;mer, &amp;raquo;wo sich einheimische Frauen in Tempelbordellen den Fremden gegen Geld hingaben&amp;laquo;. Aphrodite war die G&amp;ouml;ttin der (k&amp;ouml;rperlichen) Liebe, und an ihren Tempeln in Korinth, in Akisilene und Armenien waren meist M&amp;auml;dchen aus wohlhabenden Familien t&amp;auml;tig.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/taenzerinnen.jpg&quot; style=&quot;width: 600px; height: 439px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;small&gt;&lt;em&gt;T&amp;auml;nzerinnen im alten &amp;Auml;gypten. (Ausschnitt eines Gem&amp;auml;ldes aus dem 19. Jahrhundert&lt;/em&gt;.)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zu Beginn des f&amp;uuml;nften Jahrhunderts vor Christus sollen &amp;uuml;ber tausend &lt;em&gt;Hierodulen&lt;/em&gt; &amp;ndash; so nennt sie der &amp;ouml;sterreichische Gelehrte &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Albin_Lesky&quot;&gt;Albin Lesky&lt;/a&gt; &amp;ndash; am Tempel der Aphrodite Melenide auf Kunden gewartet haben. Die gew&amp;ouml;hnliche Prostituierte hie&amp;szlig; &lt;em&gt;p&amp;ograve;rne&lt;/em&gt; (&amp;pi;ό&amp;rho;&amp;nu;ή), doch daneben gab es die &lt;em&gt;Het&amp;auml;ren&lt;/em&gt; (Gef&amp;auml;hrtinnen), die angesehene und f&amp;uuml;rstlich entlohnte &amp;rsaquo;Escort-girls&amp;lsaquo; f&amp;uuml;r Soldaten und Adelige abgaben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nach Griechenland war die Prostitution im 7. vorchristlichen Jahrhundert eingedrungen, und Solon lie&amp;szlig; bald in Athen ein Bordell errichten. Die Damen waren Sklavinnen, also k&amp;auml;uflich, und trugen einen Spruch auf der Schuhsohle, der sich (dem Boden) einpr&amp;auml;gte: &amp;Alpha;&amp;Kappa;&amp;Omicron;&amp;Lambda;&amp;Omicron;&amp;Gamma;&amp;Omicron;Ϊ (Folge mir!). Tarif: 1 Obolos, wie f&amp;uuml;r die &amp;Uuml;berfahrt &amp;uuml;ber den Styx, und der Satiriker Lukian erg&amp;auml;nzte seine witzigen Toten-Gespr&amp;auml;che mit den Het&amp;auml;ren-Gespr&amp;auml;chen. Lesenswert! In Rom waren die Dirnen Ausl&amp;auml;nderinnen, Freigelassene oder Sklavinnen. Caligula erhob eine Dirnensteuer: 1 concubitus. Kondome in Form von Ziegenblasen sollen in Gebrauch gewesen sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Um die Zeitenwende schrieb &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Ovid&quot;&gt;Ovid&lt;/a&gt; das ber&amp;uuml;hmt gewordene Buch &lt;em&gt;Ars amatoria&lt;/em&gt;, einen un&amp;uuml;bertroffenen Ratgeber der Verf&amp;uuml;hrungskunst. Leider nahm Kaiser Augustus daran Ansto&amp;szlig; und verbannte den genialen Sch&amp;ouml;pfer der &lt;em&gt;Metamorphosen&lt;/em&gt; ans Schwarze Meer, wo er, Roms beraubt, zugrunde ging. In Rom wurde auch die Rute zur Steigerung der Erregung eingesetzt; schade, dass hier der Platz fehlt, aber nachzulesen ist dies in der &lt;em&gt;Geschichte der Pornographie&lt;/em&gt; (1964) von &lt;a href=&quot;http://en.wikipedia.org/wiki/H._Montgomery_Hyde&quot;&gt;H. Montgomery Hyde&lt;/a&gt;, einem meiner &amp;uuml;blichen Zufallsfunde in einem Antiquariat: 40 Seiten &amp;uuml;ber Prostitution in der Antike, 30 &amp;uuml;ber Keuschheit und Minne im Mittelalter.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Autoren schrieben mit &amp;rsaquo;erstaunlicher Freiheit&amp;lsaquo;&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Im Mittelalter nahmen die Pfarrer Prostituierten keine Beichte ab. Auch Juden, die mit Geld handelten, und sogar christliche Kaufleute blitzten ab. Wie konnte man, derart verdammt, leben? In dieser Epoche haben wir das &lt;em&gt;Decamerone&lt;/em&gt; von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Giovanni_Boccaccio&quot;&gt;Giovanni Boccaccio&lt;/a&gt;, zwischen 1348 und 1353 geschrieben. Die &lt;em&gt;Canterbury Tales&lt;/em&gt; von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Geoffrey_Chaucer&quot;&gt;Geoffrey Chaucer&lt;/a&gt; im 15. Jahrhundert und das &lt;em&gt;Heptameron&lt;/em&gt; in Frankreich von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Margarete_von_Angoul%C3%AAme&quot;&gt;Margarete von Angoul&amp;ecirc;me&lt;/a&gt; (1558) waren gelungene Nachfolgewerke. Auch der Romanzyklus &lt;em&gt;Gargantua und Pantagruel &lt;/em&gt;(ab 1532) von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Rabelais&quot;&gt;Fran&amp;ccedil;ois Rabelais&lt;/a&gt; (1494&amp;ndash;1553) war derb und lie&amp;szlig; keine W&amp;uuml;nsche offen. &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_de_Bourdeille,_seigneur_de_Brant%C3%B4me&quot;&gt;Pierre de Brant&amp;ocirc;me&lt;/a&gt; malte um 1600 in seinem &lt;em&gt;Vies des dames galantes&lt;/em&gt; die &amp;raquo;h&amp;ouml;fischen Sitten dieser Epoche mit ihrer schamlosen Promiskuit&amp;auml;t&amp;laquo;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Buch &lt;em&gt;Kama-Sutra&lt;/em&gt; mag auch nach 1600 Jahren noch in Umlauf gewesen sein, und eine Dame gestand ihrem Liebhaber laut Brant&amp;ocirc;me, &amp;raquo;dass B&amp;uuml;cher und &amp;auml;hnliche Mittel ihr sehr geholfen h&amp;auml;tten&amp;laquo;. Triumph des Buches! Besonders hilfreich waren Abbildungen verschiedener Stellungen, doch manchen Damen am Hofe war das zu viel, sie verfielen in &amp;raquo;ekstatische Sinnenlust und danach in eine Ohnmacht&amp;laquo;.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:left; padding:2px 6px 6px 0; margin:2px 6px 6px 0&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/humphrey_whore.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		&amp;rsaquo;The Whore&amp;rsquo;s Last Shift&amp;lsaquo; (&amp;rsaquo;Letzte Schicht der Hure&amp;lsaquo;), 1779 (Quelle: &lt;a href=&quot;http://www.loc.gov/pictures/collection/cpbr/&quot;&gt;British Cartoon Prints&lt;/a&gt;, Library of Congress, Washington D.C.)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Im achtzehnten Jahrhundert h&amp;auml;tten die popul&amp;auml;ren Autoren, meint Montgomery Hyde, mit erstaunlicher Freiheit geschrieben. Die B&amp;uuml;cher &lt;em&gt;Moll Flanders&lt;/em&gt; von &lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/sade-defoe-pasolini&quot;&gt;Daniel Defoe&lt;/a&gt;, &lt;em&gt;Tom Jones&lt;/em&gt; von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Fielding&quot;&gt;Henry Fielding&lt;/a&gt; und &lt;em&gt;Tristram Shandy&lt;/em&gt; von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Laurence_Sterne&quot;&gt;Laurence Sterne&lt;/a&gt; gaben pr&amp;uuml;den Lesern Stoff zur Emp&amp;ouml;rung. Doch das sind drei richtig gute B&amp;uuml;cher, Klassiker der Literatur. Die 1749 erschienenen &lt;em&gt;Fanny Hill: Memoirs of a Woman of Pleasure&lt;/em&gt; von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/John_Cleland&quot;&gt;John Cleland&lt;/a&gt; (1709&amp;ndash;1792) dagegen sind als Pornographie einzustufen, aber: dennoch ein Meisterwerk. Jeder kennt &lt;em&gt;Fanny Hill&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Danach wurden in England immer mehr pornographische B&amp;uuml;cher ver&amp;ouml;ffentlicht, &amp;raquo;besonders zwischen 1820 und von 1860 an. Nur wenige dieser Produkte waren von literarischem Wert, aber sie alle erfreuten sich beachtlichen Absatzes.&amp;laquo; Gerade in der viktorianischen Epoche bl&amp;uuml;hte das Gesch&amp;auml;ft, und ein Zensur-Gesetz, der &lt;em&gt;Obscene Publications Act &lt;/em&gt;von 1857, st&amp;ouml;rte nur unwesentlich. Schon 300 Jahre zuvor hatte der Vatikan im Konzil zu Trient den &lt;em&gt;Index Librorum Prohibitorum&lt;/em&gt; geschaffen. Noch 1948, als die Liste verbotener B&amp;uuml;cher zuletzt erneuert wurde, kamen &lt;em&gt;Pamela&lt;/em&gt; von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Samuel_Richardson&quot;&gt;Samuel Richardson&lt;/a&gt;, alle Balzac-Romane, etwas von Stendhal und Zola hinein, und &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Alberto_Moravia&quot;&gt;Alberto Moravia&lt;/a&gt; kam 1951 mit &lt;em&gt;La Romana&lt;/em&gt; zu der Ehre, auf den Index gesetzt zu werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Buch &lt;em&gt;Glanz und Elend der Kurtisanen&lt;/em&gt; von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Honor%C3%A9_de_Balzac&quot;&gt;Honor&amp;eacute; de Balzac&lt;/a&gt; (1799&amp;ndash;1851) &amp;uuml;ber die Liebe der Esther von Gobseck zu Lucien de Rubempr&amp;eacute; ist nun eindeutig Weltliteratur, ein 650-seitiges Sittengem&amp;auml;lde aus dem Paris im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Rimbaud und Baudelaire lie&amp;szlig;en d&amp;uuml;ster funkelnde Erotik auch in die Lyrik einflie&amp;szlig;en, und so wurde das 19. Jahrhundert zu einem S&amp;auml;kulum zwischen Repression und Befreiung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und damit w&amp;auml;re der Streifzug durch die schriftlichen Erotika der Menschheit auch schon wieder zu Ende. Es ist ein Teil der Literaturgeschichte, und kein unwichtiger. Die Erregung des Bibliophilen kann durchaus auch eine sexuelle sein, und ein franz&amp;ouml;sisches Zitat ist hier angebracht: &lt;em&gt;Honi soit qui mal y pense.&lt;/em&gt; Ein Schuft ist der, der B&amp;ouml;ses dabei denkt.&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/huren-und-het%C3%A4ren#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse/ausrei%C3%9Fversuche">Ausreißversuche</category>
 <pubDate>Thu, 15 Mar 2012 23:02:13 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Marcel Diel</dc:creator>
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 <title>Narration auf einer einsamen Insel</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/narration-auf-einer-einsamen-insel</link>
 <description>&lt;p&gt;&amp;raquo;Videospiele sind jetzt Kunst&amp;laquo;. Diesen und &amp;auml;hnliche umstrittene S&amp;auml;tze liest man dieser Tage in Rezensionen von &lt;em&gt;Dear Esther&lt;/em&gt;. Er ist der Minimalkonsens, auf den sich ratlose Spieleredakteure &amp;uuml;ber den ganzen Globus geeinigt haben um das unzug&amp;auml;ngliche Werk von Dan Pinchback und Robert Briscoe zu beschreiben. Nat&amp;uuml;rlich m&amp;uuml;sste der Satz korrekt lauten: &amp;raquo;Videospiele sind als Medium zur Kunst f&amp;auml;hig und &lt;em&gt;Dear Esther&lt;/em&gt; ist ein Beispiel daf&amp;uuml;r&amp;laquo;. Aber stimmt das &amp;uuml;berhaupt? Aus literaturtheoretischer Sicht interessant ist zumindest die Verbindung von vorgelesenen Texten und interaktivem Spieleerlebnis, da es den Kern von &lt;em&gt;Dear Esther&lt;/em&gt; ausmacht.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Bruch mit allen Spielregeln&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dear Esther&lt;/em&gt; ist ein PC-Programm. Es kann im Internet auf der Vertriebsplattform Steam heruntergeladen werden. Installiert und gestartet wird es wie andere Programme auch. Wie g&amp;auml;ngige PC-Spiele (oder Film DVD) hat es ein kleines Titelmen&amp;uuml;, samt Optionen und Kapitelauswahl. Damit h&amp;ouml;ren jedoch bereits die Gemeinsamkeiten auf. Der &amp;sbquo;Spieler&amp;lsquo; startet ohne ein Tutorial an der K&amp;uuml;ste einer verlassenen Insel. Per Maus und den Tasten W,A,S und D, kann er sich bewegen und umherschauen, jedoch mit keinem virtuellen Gegenstand interagieren. Die einzige Option neben der Bewegung, ist das zoomen, um Details an Gegenst&amp;auml;nden oder Texturen sichtbarer zu machen. Un&amp;uuml;blich f&amp;uuml;r Videospiele ist eine Erz&amp;auml;hlerstimme, die in klarem Englisch zu Anfang kaum verst&amp;auml;ndliche Texte vortr&amp;auml;gt. Die Erz&amp;auml;hlung beginnt mit dem Titel, &lt;em&gt;Dear Esther&lt;/em&gt;, und stellt sich damit bewusst in die literarische Tradition eines gewidmeten Tagebuchs oder Briefromans. Diese Untertitel werden w&amp;auml;hrend des Vorlesens eingeblendet und &amp;uuml;berlagern regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig die Spielumgebung. Herausragend aber ist, was f&amp;uuml;r ein Videospiel fehlt, n&amp;auml;mlich typische Funktionen wie Inventar, Lebensbalken, Minikarte oder Hilfeanzeige. In &lt;em&gt;Dear Esther&lt;/em&gt; gibt es keine Mechanik zu meistern, keine Aufgabe zu bew&amp;auml;ltigen. Man ist allein, ohne Beiwerk zwischen sich und der virtuellen Umgebung, geworfen in ein unbekanntes. Heidegger h&amp;auml;tte daran wohl seine Freude gehabt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Unbekanntes Ich, auf einer Insel, sucht &amp;hellip;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	&lt;em&gt;&amp;quot;Dear Esther, I sometimes feel as if I&amp;#39;ve given birth to this island ...&amp;quot;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Dieser Satz steht am Anfang von &lt;em&gt;Dear Esther&lt;/em&gt;. Dabei ist ein Steg zu sehen &amp;uuml;ber dunklem Wasser, ein verfallener Leuchtturm am Rand einer kargen Insel, &amp;uuml;ber dessen grasbewachsenen H&amp;uuml;geln in der Ferne ein Sendemast in gleichm&amp;auml;&amp;szlig;iger, fast hypnotischer Ruhe rot blinkt. Wer aber ist Esther? Ist der Text ein vorgetragener Brief, eine Erinnerung oder ein innerer Monolog? Spricht man selbst, oder wird gesprochen? Schnell wird klar: Diese Anfangsworte sind der erste Anhaltspunkt der Sinnsuche, die der Spieler/Leser damit zwangsl&amp;auml;ufig beginnt. Bereits im verlassenen Haus neben dem Pier finden sich weitere Hinweise: verborgene Objekte wie blutige Nierenschalen, B&amp;uuml;cher, Autoreifen oder eine in den Sand gezeichnete goldene Spirale. Dazu tr&amp;auml;gt beim Betreten einiger Orte die Erz&amp;auml;hlerstimme weitere Texte vor. Fragen werden keine beantwortet, auch wenn die Hinweise auf verschiedene Personen schlie&amp;szlig;en lassen: Esther, Paul und Donelly, einen r&amp;auml;tselhaften Einsiedler der Insel. Auch zahlreiche Wracks an der K&amp;uuml;ste lassen auf mehrere Bewohner der Insel schlie&amp;szlig;en. Zu sehen bekommt der aufmerksame Rezipient aber nur am Rand seines Blickfeldes verschwindende Geistergestalten. Der surreale Charakter der Insel wird durch brechende Elemente innerhalb der Landschaftstexturen unterstrichen (so scheinen durch Stein oder Hausw&amp;auml;nde kaum lesbare Texthinweise durch). Ist die Insel &amp;uuml;berhaupt real? Sind Erz&amp;auml;hler und Protagonist selbst ein Geist? Eine Aufl&amp;ouml;sung am Ende bleibt aus. Stattdessen ist der Rezipient selbst aufgefordert aus den Texten und Beobachtungen in der virtuellen Umgebung einen Sinn zu schlussfolgern. Dabei spielt auch der Zufall eine Rolle, da mit jedem Programmstart bestimmte Objekte auf der Insel ihren Platz ver&amp;auml;ndern und an einigen Orten andere Texte erscheinen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Mehr als eine Kurzgeschichte&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Herausforderung, die &lt;em&gt;Dear Esther&lt;/em&gt; stellt, ist narrativistische Detektivarbeit. Aus den Texten und Objekten entstehen erst im Versuch des Verstehens durch den Spieler/Leser mehrere Handlungsstr&amp;auml;nge, die durch Symbole (etwa die Zahl 21, Blut, V&amp;ouml;gel oder Briefe) ineinander &amp;uuml;bergehen. Einige Elemente erfordern dabei tats&amp;auml;chliche Detektivarbeit, wie die in H&amp;ouml;hlen zu findenden Formeln chemischer Molek&amp;uuml;le (z.B. Ethanol, was einen Hinweis auf Alkohol als Thema gibt). Dabei ist der literaturwissenschaftliche Blick der richtige, will die Geschichte von &lt;em&gt;Dear Esther&lt;/em&gt; nicht gespielt, sondern interpretiert werden. Sinnsuchende Fans haben bereits Wikis gegr&amp;uuml;ndet und tragen Hinweise und Symbole zusammen, auch wenn sich die Geschichte durch die zuf&amp;auml;lligen Elemente einer endg&amp;uuml;ltigen Auslegung gekonnt entzieht und sich eindeutigem Sinn durch konstruierte Widerspr&amp;uuml;che verweigert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Dear Esther&lt;/em&gt; fesselt aber noch auf eine zweite Weise, die der literaturwissenschaftliche Ansatz nicht fassen kann: durch Atmosph&amp;auml;re. Die Insel selbst, mit ihren verschlungenen Wegen und den zahlreichen Ruinen wird zum elementaren Bestandteil der Erz&amp;auml;hlung. Die M&amp;ouml;glichkeit, sich virtuell an diesem Ort zu bewegen, verst&amp;auml;rkt die Immersion und l&amp;auml;sst den Rezipienten an der Einsamkeit der namenlosen Spielfigur, ohne weitere Worte, teilhaben. Weit eher als bei einer gew&amp;ouml;hnlichen Kurzgeschichte ist der Spieler/Leser emotional in die Narration eingebunden. Daf&amp;uuml;r sorgt neben der visuellen Komponente auch der d&amp;uuml;ster stimmige Soundtrack von&amp;nbsp; Jessica Currey. In Verbindung von Text, visueller Beobachtung und akustischer Begleitung entsteht eine bedr&amp;uuml;ckende Melancholie als signifikanter Grundton, die f&amp;uuml;r manche Rezipienten (in Verbindung mit virtueller Einsamkeit, Blutspuren und bizarren Hinweisen) an das Genre des Horrors hinan reicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Ein neues Genre am d&amp;uuml;steren Horizont&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Programm als Spiel oder Text zu bezeichnen, w&amp;auml;re eine eindimensionale Inbeschlagnahme und wird dem pr&amp;auml;sentierten Inhalt und komplexen Zusammenspiel der einzelnen Elemente nicht gerecht. Viel eher ist &lt;em&gt;Dear Esther&lt;/em&gt; eine gelungene Verbindung, eine visuell-interaktive Geschichte, der es nicht um die Herausforderung (Videospiel) oder den vermittelten Inhalt (Erz&amp;auml;hlung) geht, sondern um das Erlebnis der Narration und der Geschichte als Erlebnis. In der Notwendigkeit einer Interpretation einzelner Symbole und der Sinnverweigerung mancher Chiffren grenzt &lt;em&gt;Dear Esther&lt;/em&gt; dabei an die Lyrik, oder durch die Verbindung von Rezipient und Inhalt auf Umberto Ecos Konzept des offenen Kunstwerks. Das muss nicht jedem gefallen und gerade Spielefans reduzierten Interaktionsm&amp;ouml;glichkeiten, die so wenig mit dem Medium der Games zu tun haben und zu tun haben wollen. Tats&amp;auml;chlich ist das Programm &lt;em&gt;Dear Esther&lt;/em&gt; (gewollte) Kunst und pr&amp;auml;sentiert an der medialen Schnittstelle zwischen Spiel und Literatur ein neues Genre, welches erst heute, im Zeitalter des gewohnten Umgangs mit Computern und virtuellen Medien, m&amp;ouml;glich ist. Das Notgames Fest 2011 in K&amp;ouml;ln, am Rande der Gamescom, gab diesen semi-interaktiven audiovisuellen Erz&amp;auml;hlungen&amp;nbsp;den (nicht unumstrittenen) Namen &amp;quot;Notgames&amp;quot;. Parallellen zur Wortsch&amp;ouml;pfung des &amp;quot;Comix&amp;quot; in den 1960ern, um das Medium Comic als Kunstform in der &amp;ouml;ffentlichen Wahrnehmung zu etablieren, sind nicht von der Hand zu weisen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dabei ist &lt;em&gt;Dear Esther&lt;/em&gt; nicht der erste Vertreter der Notgames. Bereits 2009 erschien mit &lt;em&gt;The Path&lt;/em&gt; des Entwicklerstudios Tales of Tales eine von der Presse gelobte Horror-Geschichte um sieben Schwestern und das Grauen im Wald, mit zahlreichen Anspielungen auf Rotk&amp;auml;ppchen. Anders als &lt;em&gt;The Path&lt;/em&gt; spielte &lt;em&gt;Dear Esther&lt;/em&gt; bereits sechs Stunden nach Ver&amp;ouml;ffentlichung die Entwicklungskosten wieder ein (16.000 verkaufte Exemplare) und zeigte damit eindrucksvoll ein Interesse des Marktes an dieser neuen Erz&amp;auml;hlform. Damit ist zu hoffen, dass weitere Entwickler den Mut aufbringen eigene Notgames zu produzieren und die M&amp;ouml;glichkeiten der Kunst im Medium Computer weiter auszuloten. Der Beweis, dass das neue Genre nicht an surrealen Horror gebunden ist, w&amp;auml;re n&amp;auml;mlich noch anzutreten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;em&gt;&lt;span style=&quot;background-color: rgb(230, 236, 249);&quot;&gt;Dan Pinchbeck, Robert Briscoe (thechineseroom): Dear Esther. F&amp;uuml;r PC &amp;uuml;ber Steam 2012. 7,99&amp;euro;. &lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/narration-auf-einer-einsamen-insel#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/notgames">Notgames</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/videospiel">Videospiel</category>
 <pubDate>Tue, 06 Mar 2012 16:28:35 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
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 <title>Sade, Defoe, Pasolini</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/sade-defoe-pasolini</link>
 <description>&lt;p&gt;Vor 40 Jahren hat der franz&amp;ouml;sische Soziologe &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Roland_Barthes&quot;&gt;Roland Barthes&lt;/a&gt; das Buch &lt;em&gt;Sade, Fourier, Loyola&lt;/em&gt; geschrieben. Darin geht es um Liebe und Macht, denn der Marquis propagierte das B&amp;ouml;se, &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Fourier&quot;&gt;Charles Fourier&lt;/a&gt; eine Republik der Liebe, und &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Ignatius_von_Loyola&quot;&gt;Ignatius von Loyola&lt;/a&gt; setzte auf Strenge und Gehorsam. Ihr Wirken &amp;uuml;berspannte zweieinhalb Jahrhunderte &amp;ndash; wie auch das meiner drei Protagonisten.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Es fing an mit meiner Lekt&amp;uuml;re der &amp;uuml;ber zweitausend Seiten der &lt;em&gt;Histoire de Juliette&lt;/em&gt; von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Donatien_Alphonse_Fran%C3%A7ois_de_Sade&quot;&gt;Donatien Alphonse Fran&amp;ccedil;ois, Marquis de Sade&lt;/a&gt; (1740-1814). Der Marquis schl&amp;uuml;pft in die Rolle der Ich-Erz&amp;auml;hlerin Juliette, einer Sado-Hure, die ihre libertinistischen, kriminellen Abenteuer in Europa schildert. Es war logisch, daran &lt;em&gt;Roxana&lt;/em&gt; anzuschlie&amp;szlig;en, den Roman mit dem Untertitel &lt;em&gt;The Fortunate Mistress&lt;/em&gt;, verfasst von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Defoe&quot;&gt;Daniel Defoe&lt;/a&gt; (1661-1731). Er ist bekannt durch seinen ersten Roman &lt;em&gt;Robinson Crusoe&lt;/em&gt;, den er als 59-J&amp;auml;hriger ver&amp;ouml;ffentlichte. Roxana kam als Edel-Prostituierte zu viel Geld, und auch Defoe erz&amp;auml;hlt als Roxana. &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Pier_Paolo_Pasolini&quot;&gt;Pier Paolo Pasolini&lt;/a&gt; (1922-1975) st&amp;ouml;&amp;szlig;t hinzu, weil in seinem postum ver&amp;ouml;ffentlichten Roman &lt;em&gt;Petrolio&lt;/em&gt; &amp;auml;hnliche Motive auftauchen.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/poser_oskarshamn.jpg&quot; style=&quot;width: 600px; height: 378px;&quot; /&gt;&lt;/em&gt;&lt;small&gt;Weiblicher Akt vor einem Haus bei Oskarshamn, S&amp;uuml;dschweden (Foto: Manfred Poser, 2010)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sagen wir also: Es geht um den Themenkreis &lt;em&gt;Mann und Hure&lt;/em&gt; &amp;ndash; um Geld und Gewalt, Tragik und Untergang. Die Lekt&amp;uuml;re von Defoe hat mich auf diesen Beitrag gebracht; hier konnte man sch&amp;ouml;n vergleichende Literaturwissenschaft betreiben. &lt;em&gt;Roxana&lt;/em&gt; ist der letzte Roman seines Autors, 1724 ver&amp;ouml;ffentlicht, und die eigent&amp;uuml;mliche Art zu erz&amp;auml;hlen l&amp;auml;sst uns fragen: Was war das f&amp;uuml;r eine Zeit damals? Voltaire war aktiv, der Aufkl&amp;auml;rer Denis Diderot noch jung, Spinoza schon gestorben, Giambattista Vico, der neapolitanische Philosoph, auch, und Emanuel Swedenborg fing an, aus dem Jenseits zu berichten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es war das Zeitalter des Rationalismus. Spinoza bewies haarklein und wie ein Mathematiker die Hypothesen, die er sich vorlegte. Vico ackerte alle Perioden der Menschheit durch und ging der Entstehung von Religion und Poesie nach. Und bei Defoe finden wir das auch: &amp;Uuml;ber Seiten hinweg sondieren Roxana und ihr Mann, ein holl&amp;auml;ndischer Kaufmann, ihre Verm&amp;ouml;gensverh&amp;auml;ltnisse, es geht dauernd um Geld, und wenn sie scherzhaft etwas von ihrem Mann wissen will, gliedert sie ihre Fragen in erstens und zweitens. Defoe war auch einmal Kaufmann und &lt;em&gt;homo oeconomicus&lt;/em&gt;, f&amp;uuml;r den Geld keine geringe Rolle spielte. Er stand auch einmal am Pranger.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:250px; float:right; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img src=&quot;/sites/default/files/u84/marquisposa1820.jpg&quot; style=&quot;width: 250px; height: 332px;&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Der Marquis von Posa aus Schillers &amp;raquo;Don Karlos&amp;laquo; &amp;ndash; hier ein Kost&amp;uuml;mbild um 1820 &amp;ndash;, dem der Autor dieser Kolumne seinen Spitznamen verdankt. (Quelle: &lt;a href=&quot;http://www.goethezeitportal.de/wissen/illustrationen/friedrich-schiller/don-carlos/don-carlos-kostuembilderbogen.html&quot;&gt;Goethezeitportal&lt;/a&gt;)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Andererseits hat man Angst vor dem Eingreifen des Teufels, aber st&amp;auml;rker noch ist der Glaube an die himmlische Gerechtigkeit (&amp;raquo;... die fr&amp;uuml;her oder sp&amp;auml;ter, wie ich meinte, erwarten zu m&amp;uuml;ssen, auf mich oder meine Habe herniederkommen w&amp;uuml;rde, wegen des f&amp;uuml;rchterlichen Lebens, das ich gef&amp;uuml;hrt hatte&amp;laquo;). Ungl&amp;uuml;ck ist immer Strafe f&amp;uuml;r irgendetwas, auch da wird genau gerechnet (und der Calvinismus hat das zur Lehre erhoben: Wer erfolgreich ist, gef&amp;auml;llt augenscheinlich Gott). Also Ungl&amp;uuml;ck, und dann kommt die Ohnmacht. Gro&amp;szlig;e Gem&amp;uuml;tsbewegungen f&amp;uuml;hren damals zum kurzzeitigen Verlust des Bewusstseins, und sogar de Einbu&amp;szlig;e des Lebens wird bef&amp;uuml;rchtet. Die Gem&amp;uuml;tsbewegung entspricht also dem Anlass, klare Sache. (So wie der Libertin bei Sade seine Vorstellungen eins zu eins in die Tat umsetzt.)&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Buch endet mit ihrer gl&amp;uuml;cklichen Heirat, und erw&amp;auml;hnt werden am Ende noch &amp;raquo;calamities&amp;laquo;, in die sie geraten sollte, weil eine Tochter drohte, ihre Vergangenheit zu enth&amp;uuml;llen; aber Daniel Defoe h&amp;auml;lt sich und die g&amp;ouml;ttliche Gerechtigkeit gerade noch zur&amp;uuml;ck, um den Untertitel von der gl&amp;uuml;cklichen M&amp;auml;tresse rechtfertigen zu k&amp;ouml;nnen. Sp&amp;auml;tere Herausgeber f&amp;uuml;hlten sich in ihrem Gerechtigkeitsempfinden beleidigt, und so erhielt die Roxana 1740, 1745 und 1775 angeklebte, von anderen Autoren verfasste Schl&amp;uuml;sse, die sie untergehen lie&amp;szlig;en. &amp;Uuml;brigens: die fortdauernde Wirkung von Literatur! Man gebe &lt;em&gt;Mistress Roxana&lt;/em&gt; in eine Suchmaschine ein und findet mehrere Dominas dieses Namens in deutschen St&amp;auml;dten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Welche Moral?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Moral und die Hure, das hat m&amp;auml;nnliche Autoren oft besch&amp;auml;ftigt. Welche Moral konnte man den Lesern zumuten? Musste es eine klare theologische Rechnung sein &amp;ndash; Verdammung oder Erl&amp;ouml;sung? Die &lt;em&gt;Histoire de Juliette&lt;/em&gt; des Marquis de Sade liegt au&amp;szlig;erhalb aller Kategorien, und Juliette lacht h&amp;ouml;hnisch &amp;uuml;ber alle Publizisten, die als Bannertr&amp;auml;ger der Moral (und vermutlich oft selbst erregt beim Schreiben) Prostituierte schilderten, die Gottes Strafe trifft. Der Marquis b&amp;uuml;rstet alles gegen den Strich, dreht alles um: Seitenweise wird das Gute des B&amp;ouml;sen gepredigt &amp;ndash; sogar der Papst h&amp;auml;lt Juliette eine Rede, in der er Morde guthei&amp;szlig;t &amp;ndash;, Dutzende werden gefoltert und get&amp;ouml;tet, die Tochter bringt den Vater um, die Mutter den Sohn, Juliette verr&amp;auml;t ihre beste Freundin, und gegen Ende muss sich einem der Eindruck aufdr&amp;auml;ngen, dass dies nicht eine m&amp;ouml;gliche andere Welt ist, sondern die H&amp;ouml;lle auf Erden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Immerhin, wenn jemand wie ich die zweitausend Seiten voll mit immergleichen sexuellen Ausschweifungen durchh&amp;auml;lt, dann spricht das f&amp;uuml;r den Autor, und das Finale ist gro&amp;szlig;artig: Juliette ist reich geworden und gut verheiratet, w&amp;auml;hrend ihre Schwester Justine tugendhaft und arm blieb; und als diese in Panik hinausrennt, trifft sie ein Blitz und t&amp;ouml;tet sie: Er tritt oben ein und unten wieder aus: g&amp;ouml;ttliche Gerechtigkeit &amp;agrave; la Sade. Er selber wurde 74 Jahre alt, wobei ihn doch, k&amp;ouml;nnte man meinen, zehn Mal der Blitz h&amp;auml;tte treffen m&amp;uuml;ssen, wenn es so etwas wie himmlische Gerechtigkeit g&amp;auml;be.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/pasolini59.jpg&quot; style=&quot;width: 600px; height: 321px;&quot; /&gt;&lt;/em&gt;&lt;small&gt;Pier Paolo Pasolini bei einer Reise 1959 in S&amp;uuml;ditalien (Fotograf unbekannt)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und nun Pasolini. In seinem Roman &lt;em&gt;Petrolio&lt;/em&gt;, einer Collage von Szenen und Skizzen, wird er autobiografisch. Er war homosexuell, und nach dem Abendessen mit der Mutter setzte er sich in seinen Alfa Romeo und fuhr die paar Kilometer vom Stadtviertel EUR in Rom zum Bahnhof Termini, wo man k&amp;auml;ufliche Jungs aufgabeln konnte. Hier nun ein blitzartiger Sprung zur&amp;uuml;ck an den Anfang, denn Roland Barthes (1915-1980) hielt es &amp;auml;hnlich, speiste mit der Mutter, doch abends musste er ausgehen, er trank einen Kaffee im &amp;raquo;Flore&amp;laquo;, und da hielt er Ausschau nach den &amp;raquo;B&amp;ouml;cklein&amp;laquo; (so Herv&amp;eacute; Algalarrondo in seinem Buch &lt;a href=&quot;http://www.parthasverlag.de/de/biografien,234,1/&quot;&gt;&lt;em&gt;Der langsame Tod des Roland Barthes&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;, 2010), und wenn das nicht so klappte, ging er zu einem Gigolo. Alle im Viertel kannten den Meister, nur der verg&amp;ouml;tterten &lt;em&gt;Mam&lt;/em&gt; erz&amp;auml;hlte er nie etwas.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Roman ist Carlo das &lt;em&gt;alter ego&lt;/em&gt;&lt;em&gt; &lt;/em&gt;Pasolinis, und am Anfang eines Kapitels hei&amp;szlig;t es: &amp;raquo;Viele Wochen lang frequentierte Carlo den Bahnhof, Ort unendlicher sexueller M&amp;ouml;glichkeiten.&amp;laquo; Besonders qu&amp;auml;lend ist die Anmerkung 55, &lt;em&gt;Die gro&amp;szlig;e Wiese der Casilina&lt;/em&gt;, auf der Carlo wartet, um eine Gruppe Jungs zu empfangen, einen nach dem anderen: Sandro, Sergio, Gianfranco, Fausto, Gustarello, Erminio, Gianni, Pietro.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;Uuml;ber 28 Seiten zieht sich das hin, und penibel werden die Begegnungen geschildert, f&amp;uuml;r die Carlo sich &amp;raquo;der Technik einer guten Nutte&amp;laquo; bedient, die hastig handelt und ihr eigenes Vergn&amp;uuml;gen daran verbergen muss. Pier Paolo Pasolini hat sich da entbl&amp;ouml;&amp;szlig;t, wie sich auf der gro&amp;szlig;en Wiese Carlo entbl&amp;ouml;&amp;szlig;t, und es ist keine Rede mehr von Moral, es ist nur Vollzug mit allen Entt&amp;auml;uschungen und &amp;Uuml;berraschungen, und das ist auch Literatur, die nur schildert und sich den Teufel darum schert, was die Leute davon halten.&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/sade-defoe-pasolini#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse/ausrei%C3%9Fversuche">Ausreißversuche</category>
 <pubDate>Thu, 01 Mar 2012 23:04:20 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Marcel Diel</dc:creator>
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 <title>Vampire mit Biss und Cowboystiefeln</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/vampire-mit-biss-und-cowboystiefeln</link>
 <description>&lt;p&gt;Vampire sind &amp;uuml;berall. Sie verstecken sich in Videospielen und Fernsehserien, lauern zwischen bedruckten Buchseiten auf ahnungslose Opfer, schauen verf&amp;uuml;hrerisch von Postern in Teenagerzimmern und flimmern in &amp;uuml;berschminkter Nahaufnahme in Kinos&amp;auml;len &amp;uuml;ber Leinw&amp;auml;nde. Kaum eine andere Mythengestalt kann es derzeit mit der Popularit&amp;auml;t der Blutsauger aufnehmen. Dass viele moderne Vampire es mit dem Mythos ihrer einstigen Vorv&amp;auml;ter nicht ganz so genau nehmen, ist zum Teil der wachsenden Vampirindustrie geschuldet. Flei&amp;szlig;ige Autoren bem&amp;uuml;hen sich, auch die letzten Winkel des &amp;uuml;berstrapazierten Trends auszuloten und eine eigene Version des Kinds der Nacht zu Papier zu bringen. &amp;raquo;Schreiben Sie doch einfach irgendetwas &amp;uuml;ber Vampire, das verkauft sich&amp;laquo;, ist l&amp;auml;ngst zu einem ein gefl&amp;uuml;gelten Wort unter Verlegern geworden. P.C. Cast (&lt;em&gt;House of Night&lt;/em&gt;), Stephanie Meyer (&lt;em&gt;Twilight&lt;/em&gt;) und viele andere haben dies w&amp;ouml;rtlich genommen. Dabei wirken einige Vertreter der Spezies &amp;rsaquo;Vampyr litterarius&amp;lsaquo; zahnloser als Graf Zahl aus der Sesamstra&amp;szlig;e. Doch es gibt auch einen Trend gegen den Trend: Und genau hier kommt &lt;em&gt;American Vampire&lt;/em&gt; ins Spiel.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Von blutigen Bissen im wilden Westen&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bereits das Cover von &lt;em&gt;American Vampire&lt;/em&gt; macht klar, dass es sich um einen eigenen Vampirmythos handelt, den Scott Snyder hier schreibt und Rafael Albuquerque zeichnet. &amp;Uuml;ber und unter dem Schriftzug des Titels verbinden sich die beiden Elemente, die im Comic zusammengef&amp;uuml;hrt werden sollen: Vampire und der Wilde Westen. Die Idee ist nicht neu: Als Rollenspiel und Buchserie &lt;em&gt;Deadlands&lt;/em&gt; zeigte Shane Lacy Hensley, wie lohnend eine Verbindung von Western und klassischem Horror sein kann. &lt;em&gt;American Vampire&lt;/em&gt; geht einen &amp;auml;hnlichen Weg und versetzt die Vampirgeschichte um den untoten Gesetzlosen Skinner Sweet ins Amerika des sp&amp;auml;ten 19. und fr&amp;uuml;hen 20. Jahrhunderts. Als Reflektorfigur dient dabei &amp;uuml;ber weite Strecken Pearl Jones, eine junge Stummfilmschauspielerin, die in die F&amp;auml;nge alten Vampiradels ger&amp;auml;t. F&amp;uuml;r diesen wiederum ist Skinner Sweet der erkl&amp;auml;rte Feind, da er einer neuen Spezies eines Vampir angeh&amp;ouml;rt: St&amp;auml;rker und ohne Schw&amp;auml;chen wie Anf&amp;auml;lligkeit gegen Sonnenlicht, f&amp;uuml;hrt Sweet einen Rachefeldzug und zieht Jones mit herein. Als sie stirbt, macht er sie selbst zum Vampir. Zusammenhaltende Erz&amp;auml;hlerfigur ist William Bunting, Augenzeuge und Verfasser von &amp;raquo;Bad Blood&amp;laquo;, eines fiktiven Vampirromans im Comic &amp;uuml;ber die erlebten Ereignisse.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/amvamp.jpg&quot; style=&quot;width: 250px; height: 385px; margin: 20px; float: left;&quot; /&gt;Die Zeichnungen von Alburquerque sind stimmig und fangen den Wechsel zwischen altem Wilden Westen und Moderne gut ein. Die Geschichte hingegen h&amp;auml;lt sich mit zu vielen Nebencharakteren auf, etwa James Book, einem Gesetzesh&amp;uuml;ter, der Sweet jagt und ebenfalls als Vampir endet. Dies w&amp;auml;re passend f&amp;uuml;r eine Geschichte, die sich Zeit l&amp;auml;sst, nicht aber f&amp;uuml;r einen vergleichsweise kurzen Vampircomic, dessen unruhige &amp;uuml;berlagernde Panelf&amp;uuml;hrung und h&amp;auml;ufigen Spr&amp;uuml;nge in der erz&amp;auml;hlten Zeit ein hastiges Tempo vorgibt. Andererseits m&amp;uuml;ssen ja auch irgendwo die Charaktere herkommen, die Sweet in gro&amp;szlig;en Panels und mit viel Blut ermordet. Und blutig ist &lt;em&gt;American Vampire&lt;/em&gt; allemal. Die Panels in denen Horror &amp;uuml;ber Deformation des menschlichen K&amp;ouml;rpers erzeugt wird, bleiben aber die Ausnahme. Ansonsten wird haupts&amp;auml;chlich gebissen und geschossen. Schade eigentlich, denn gerade die k&amp;ouml;rperlichen Szenen, etwa der Beginn des Kapitels Ein aufgehender Stern mit der sterbend durch die W&amp;uuml;ste wandernden, halbnackten Pearl Jones &amp;uuml;ber dem gekonnt platzierten Paratext des Titels, geh&amp;ouml;ren zu den st&amp;auml;rkeren Seiten des Werkes.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Blasse Gesichter unter breiten Hutkrempen&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ansonsten sind Snyders Vampire eher blasse Charaktere und zwar in mehr als nur der Hinsicht ihres untoten Hauttons. Vor allem Skinner Sweet wirkt abseits seiner Morde eher harmlos und &amp;auml;hnelt optisch einer cowboyhuttragenden Version des verstorbenen S&amp;auml;ngers Curt Cobain. Nur selten, etwa im Kapitel Ein Tropfen Blut gewinnt der Vampir d&amp;uuml;stere Gr&amp;ouml;&amp;szlig;e, wenn er auf einem aus Leichen und Schrott get&amp;uuml;rmten Thron, von Fackelschein erleuchtet seine Bande befehligt (comickundige Leser erkennen hier nat&amp;uuml;rlich das optische Zitat aus Todd McFarlanes &lt;em&gt;Spawn&lt;/em&gt;). Sweets Motivation aber bleibt unklar &amp;ndash; seine Gegenspieler, die alten Vampire, tauchen kaum auf. Auch Pearls Entwicklung von einem &amp;auml;ngstlichen Opfer zur monstr&amp;ouml;sen Vampir-Killerin wirkt mit weniger als vier Seiten eher unglaubw&amp;uuml;rdig. Der Fokus des Comics liegt auf der Action:&amp;nbsp; entgleisende Z&amp;uuml;ge, Handgemenge, Schie&amp;szlig;ereien, Verfolgungsjagden und Morde, wobei sich die Gewalt teils visuell deutlich, oft aber in guter Comic-Tradition zwischen den Panels im Kopf des Lesers abspielt. Ein grunds&amp;auml;tzliches Grauen aber kommt nicht auf. &lt;em&gt;Amercian Vampire&lt;/em&gt; ist f&amp;uuml;r klassischen Horror zu sehr dem Western verpflichtet. Das verwundert umso mehr, da der Altmeister der gut verkauften Horrorliteratur, Stephen King, am Comic mitwirkte. Doch dieser verfolgt ein ganz eigenes Projekt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Eine Kampfansage an Edward, Lestat und Co.&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;raquo;Vampire sind keine blassen Detektive, die Bloody Mary trinken [&amp;hellip;] keine netten Herren aus den S&amp;uuml;dstaaten, die an unerwiederter Liebe leiden. Keine magers&amp;uuml;chtigen Teenies. Oder Gespielen mit feuchten gro&amp;szlig;en Augen&amp;laquo;, schreibt Stephen King in seinem Vorwort &lt;em&gt;Bis aufs Blut &lt;/em&gt;und holt damit zum Rundumschlag gegen die Vampirdarstellung der letzten zwei Jahrzehnte aus. Als Co-Autor des Werkes ist sein Projekt eine Brutalisierung des Vampirmythos, dessen Emanzipation &amp;uuml;ber schmachtende Teenieherzen und der Deutungshoheit von &amp;raquo;soften Romantikern&amp;laquo;, kurz, die Darstellung des Vampirs als blutgieriger Killer. Aber gelingt dies wirklich im Werk?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Verbindung mit dem Westen ist der erste Schritt seines Programms, der eine barbarischere Kulisse, in dessen Wirklichkeit das Recht des St&amp;auml;rkeren und Treffsichereren vorherrscht. Hier kann der Vampir wieder zum J&amp;auml;ger und M&amp;ouml;rder werden und seinen Blutdurst ausleben, welcher in den High-School-Klassenzimmern (der von King kritisierten Werke) unterdr&amp;uuml;ckt wurde. Dabei schaffen Snyder und King das Programm einer Revolution, ein &amp;rsaquo;Wir-gegen-die&amp;lsaquo;, was sich auch auf die Handlungsebene wiederspiegelt. Skinner Sweet ist Vertreter der neuen Generation von Vampiren, ein getriebener Killer, der gegen seine angepassten, Anzug und Schirm tragende Vorg&amp;auml;ngerversionen k&amp;auml;mpft. Besonders deutlich wird dies in den Panels, in denen Sweets (und Pearls) physische Darstellung mit verzerrten Proportionen, gestreckten Gliedern und langen Klauenfingern ins Monstr&amp;ouml;se &amp;uuml;bergeht. Am Ende triumphiert Sweet &amp;uuml;ber seine Widersacher und jagt noch dem Augenzeugen und Schreiberling Bunting bei dessen Vortrag &amp;uuml;ber Vampire durch seine blo&amp;szlig;e Anwesenheit Furcht ein. Sweet triumphiert, weil er besser an den barbarischen Wilden Westen angepasst ist, der wiederum ein solches Wesen erfordert und hervorbringt, wodurch beide zur &amp;raquo;Nachtseite&amp;laquo; (so King im Vorwort) stilisiert werden. Figur und Setting verbinden sich zum anachronistischen Symbol einer Kehrseite des Vampirmythos und der Kultur des modernen Amerikas.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Doch &lt;em&gt;American Vampire&lt;/em&gt; kann Kings Gegenentwurf nicht liefern. Skinner Sweets Figur ist zu getrieben und fremdbestimmt, zu viele Aspekte seiner Person bleiben vage. Zu selten sind die blutigen Panels und zu oft zitiert der Comic doch die Klischees der Vampirliteratur, etwa im Kapitel Doppelbelichtung, als Pearls Mann Henry Preston ihr nach dem Angriff eines Vampirs freiwillig anbietet, von seinem Blut zu trinken und sie anschlie&amp;szlig;end mit ihm schl&amp;auml;ft. Der tagwandelnde, vampirjagende Vampirr&amp;auml;cher erinnert zu sehr an &lt;em&gt;Blade&lt;/em&gt; von Marvel Comics (erstmals erschienen bereits 1973 in &lt;em&gt;Tomb of Dracula&lt;/em&gt; #10). Auch Skinner Sweet selbst bleibt eine Antwort auf den Gegenentwurf schuldig. Als Erkl&amp;auml;rung ihrer Natur schreibt er Pearl auf einem Zettel &amp;raquo;SIE / Vorlieben: Blut, Mondlicht, Elder Zwirn [&amp;hellip;] / WIR &amp;hellip; / &amp;nbsp;Oh, ich will Dir die &amp;Uuml;berraschung nicht verderben.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Was w&amp;uuml;rde Stoker dazu sagen?&lt;/strong&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/amvamp2.jpg&quot; style=&quot;width: 250px; height: 380px; margin: 20px; float: right;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Stephen Kings Vorwort zu &lt;em&gt;American Vampire&lt;/em&gt; und dessen Programm gegen den Trend des angepassten Vampirs kann als R&amp;uuml;ckbesinnung auf fr&amp;uuml;here Horrorliteratur gelesen werden, als Vampire noch zum F&amp;uuml;rchten waren. King spricht damit, will man einigen Fanbriefen glauben, vielen Lesern aus der Seele. Doch ein Anzeichen f&amp;uuml;r eine Trendwende in der Popkultur noch dessen Ausl&amp;ouml;ser ist &lt;em&gt;American Vampire&lt;/em&gt; nicht. Auch verkennt King in der Kritik an den Romantikern den Ursprung des modernen literarischen Vampirs: Abraham &amp;raquo;Bram&amp;laquo; Stoker schrieb Dracula 1897 als r&amp;uuml;ckw&amp;auml;rtsgewandten Briefroman und Verneigung vor Autoren der vergangenen Schauerromantik wie Ann Radcliffe (&lt;em&gt;Thy Mysteries of Udolpho&lt;/em&gt;, 1794) oder Mary Shelley (&lt;em&gt;Frankenstein or The Modern Prometheus&lt;/em&gt;, 1818). Und welche literarische Figur k&amp;ouml;nnte eine bessere Projektionsfl&amp;auml;che f&amp;uuml;r eine romantische R&amp;uuml;ckschau, eine Vermischung von Zeitebenen und Anschauungen sein, als der Vampir, der als unsterblicher Augenzeuge alle Zeitalter und Trends durchlebt? Dracula diente Stoker als perfekte Leinwand und vereinte sowohl angepasste viktorianische Etikette als auch widerspr&amp;uuml;chliche anachronistische Z&amp;uuml;ge. &lt;em&gt;American Vampire&lt;/em&gt; hingegen meidet programmatisch die R&amp;uuml;ckw&amp;auml;rtsgewandtheit der Vampirfigur. Der Comic bleibt eine &amp;Uuml;berzeichnung in best&amp;auml;ndiger Angst vor dem Klischee, ohne bestimmten Topoi vollends zu entkommen. Immerhin bereichern King und Snyder den Vampirmythos um eine interessante, unverbrauchte Facette, au&amp;szlig;erhalb des Jugendromans. Alleine daf&amp;uuml;r hat das Werk den erhaltenen Eisner Award redlich verdient.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Scott Snyder, Rafael Albuquerque, Stephen King: American Vampire. &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Band 1. Stuttgart: Vertigo Verlag 2010. ISBN: 978-3-86201-025-7. 16,95 Euro.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/vampire-mit-biss-und-cowboystiefeln#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/comic">Comic</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/stephen-king">Stephen King</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/vampir">Vampir</category>
 <pubDate>Wed, 22 Feb 2012 04:05:32 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
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 <title>Die mächtige Frau</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/die-m%C3%A4chtige-frau</link>
 <description>&lt;p&gt;&lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/charles-dickens-und-die-gefallenen-frauen&quot;&gt;Charles Dickens&lt;/a&gt;&amp;rsquo; Heldinnen waren zumeist junge M&amp;auml;dchen, die leiden und dann tragisch sterben mussten wie die kleine Nell im &lt;em&gt;Old Curiosity Shop&lt;/em&gt;. Auch seine Schauspielerin Ellen Tennant war ja erst 18 und er 45. Jeder Autor hat seine Biografie, seine Vorlieben. Das Gegenbild der jungen, arglosen Heldin ist die m&amp;auml;chtige Frau, die Gro&amp;szlig;e Mutter. Sie ist ein &lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/faust-und-das-ewig-weibliche&quot;&gt;Archetypus&lt;/a&gt; im Sinne C. G. Jungs, und Schriftsteller &amp;ndash; nat&amp;uuml;rlich M&amp;auml;nner &amp;ndash; haben sie gestaltet.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;h5&gt;
	Sacher-Masoch&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Im 19. Jahrhundert muss man &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Leopold_von_Sacher-Masoch&quot;&gt;Leopold von Sacher-Masoch&lt;/a&gt; (1836&amp;ndash;1895) nennen, der in seinem Roman &lt;a href=&quot;http://gutenberg.spiegel.de/buch/4334/1&quot;&gt;&lt;em&gt;Venus im Pelz&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; (1870) eine m&amp;auml;chtige Frau schildert, Wanda.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	&amp;raquo;&amp;rsaquo;Wart&amp;rsquo; nur, du sollst mir noch wie ein Hund wimmern unter der Peitsche&amp;lsaquo;, drohte sie und begann mich zugleich zu peitschen. Die Hiebe fielen rasch und dicht, mit entsetzlicher Gewalt auf meinen R&amp;uuml;cken, meine Arme, meinen Nacken, ich biss die Z&amp;auml;hne zusammen, um nicht aufzuschreien. Jetzt traf sie mich im Gesicht, das warme Blut rann mir herab, sie aber lachte und peitschte fort.&amp;laquo;&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Der Erz&amp;auml;hler liebt Wanda, und sein Angebot, ihr Sklave zu sein, nimmt sie an. Sie erzieht und dem&amp;uuml;tigt ihn, verl&amp;auml;sst ihn aber, da sie &amp;ndash; paradoxe, aber nicht unlogische Wendung &amp;ndash; einen starken Mann suchte. Da war eine bislang unbekannte &amp;nbsp;Leidenschaft geschildert, eingebettet in schw&amp;uuml;le Atmosph&amp;auml;re, verst&amp;ouml;rend und erregend. In &lt;em&gt;Gottesmutter&lt;/em&gt; (1883) wird ein junger Mann, Sabadil, von Mardona, der Oberpriesterin einer Sekte, gefoltert. Sie ist die ideale Frau des Masochisten: kalt, grausam wie die Natur, strafend. Dennoch liebt sie Sabadil und wird geliebt, doch es geschieht ein Verrat, ein Missverst&amp;auml;ndnis, und daraus entspringt grausame Strafe.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;small&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/poser_srilanka.jpg&quot; style=&quot;width: 600px; height: 483px;&quot; /&gt;Weibliche Statuen in einer H&amp;ouml;hle auf Sri Lanka. (Foto: Manfred Poser, 2005)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich habe eine italienische Ausgabe, und auf der R&amp;uuml;ckseite steht ein gegl&amp;uuml;ckter Satz: &amp;raquo;Ein im h&amp;ouml;chsten Ma&amp;szlig;e dramatischer psychologischer Komplex (&lt;em&gt;nodo&lt;/em&gt;), der dazu beitr&amp;auml;gt, jene schw&amp;uuml;le (&lt;em&gt;torbida&lt;/em&gt;), mystisch-rituelle Atmosph&amp;auml;re zu schaffen, die aus Warten, Reue, Angst, Verlangen und Schuldgef&amp;uuml;hl besteht und das Werk des &amp;ouml;sterreichischen Schriftstellers charakterisiert.&amp;laquo; Die Faszination der m&amp;auml;chtigen Frau ist nicht nur das Verlangen nach der Peitsche; es ist weitaus subtiler.&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sacher-Masoch war ein Erfolgsautor, gesch&amp;auml;tzt von Victor Hugo, Emile Zola und Henrik Ibsen. In der Folge des Venus-Buchs erschien die &lt;em&gt;Psychopathia sexualis&lt;/em&gt; von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_von_Krafft-Ebing&quot;&gt;Krafft-Ebing&lt;/a&gt;, und pl&amp;ouml;tzlich fand sich Sacher-Masoch als Namensgeber einer sexuellen Pathologie wieder. Er und seine Anh&amp;auml;nger wehrten sich so verzweifelt wie vergeblich. Sein Werk ist vergessen, nur im Masochismus lebt Leopold fort.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bald nach &lt;em&gt;Venus im Pelz&lt;/em&gt; erhielt er gl&amp;uuml;hende, schw&amp;auml;rmerische Briefe, die mit &lt;em&gt;Anatol&lt;/em&gt; unterzeichnet waren. Sacher-Masoch nahm es als Spiel und genoss es, wollte aber ein Treffen, das der geheimnisvolle Anatol lange ablehnte. Es kam dazu, doch der r&amp;auml;tselhafte Briefschreiber verbarg sich. Es war nur zu erahnen, dass er gro&amp;szlig; war und seine Stimme voll und tief. Erst 1881, bei einem Gespr&amp;auml;ch mit Dr. Grandauer in Passau, wurde alles klar, wie Wanda von Sacher-Masoch in ihrem Buch &lt;em&gt;Meine Lebensbeichte&lt;/em&gt; erz&amp;auml;hlte: Anatol war mit ziemlicher Sicherheit der bayerische K&amp;ouml;nig &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_II._%28Bayern%29&quot;&gt;Ludwig II.&lt;/a&gt; (1845&amp;ndash;1886).&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Schreckliche Ehrfurcht&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;1886, im Todesjahr Ludwigs II., kam dann &lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/im-berg&quot;&gt;&lt;em&gt;She&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;. Es ist ein Abenteuerroman, der gro&amp;szlig;artige Schaupl&amp;auml;tze und viele Wendungen bereith&amp;auml;lt, und Spielbergs Indiana-Jones-Filme verdanken &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Rider_Haggard&quot;&gt;Rider Haggard&lt;/a&gt; einiges; doch Ayesha, die Sch&amp;ouml;ne und zugleich Diabolische, l&amp;auml;sst einiges zu w&amp;uuml;nschen &amp;uuml;brig. Sie taucht auf, in wei&amp;szlig;e Schleier gekleidet, verbreitet Furcht und Schrecken, doch als sie dann mit dem Erz&amp;auml;hler konferiert, den sie schw&amp;auml;rmerisch mit &amp;raquo;Oh Holly&amp;laquo; anspricht, wirkt sie wiederum zu brav und weibchenhaft, als dass sie einen faszinieren k&amp;ouml;nnte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;raquo;Schreckliche Ehrfurcht kann der Hohen Liebe vorausgehen und sie hervorrufen, und manchmal muss sie das auch&amp;laquo;, schreibt Rabbi &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Adin_Steinsaltz&quot;&gt;Adin Steinsaltz&lt;/a&gt; in seinem Buch &lt;em&gt;In the Beginning&lt;/em&gt; (1992) &amp;uuml;ber das chassidische Gedankengut. In der j&amp;uuml;dischen Kabbalah steht ja oben &lt;em&gt;Kether&lt;/em&gt; (die Krone), unten &lt;em&gt;Malkuth&lt;/em&gt; (die Erde). &lt;em&gt;Chockmah&lt;/em&gt;, die Weisheit &amp;ndash; ein m&amp;auml;nnliches Prinzip &amp;ndash;, projiziert sich auf &lt;em&gt;Binah&lt;/em&gt;, die Formgeberin und Gro&amp;szlig;e Mutter. Jedoch ist Chockmah der Regent des &amp;rsaquo;Pfeilers der Liebe&amp;lsaquo;. Binah dagegen beherrscht den linken Pfeiler, den &amp;rsaquo;Pfeiler der Strenge&amp;lsaquo;, denn Form diszipliniert den Geist. Ein Mann ist in eine Frau verliebt und wirbt um sie; seine Liebe hat sein Objekt und unterwirft sich den Gegebenheiten, wie der Geist sich in Form kleidet.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;small&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/poser_stphalle.jpg&quot; style=&quot;width: 600px; height: 377px;&quot; /&gt;Eine der dicken Frauen von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Niki_de_Saint_Phalle&quot;&gt;Niki de Saint-Phalle&lt;/a&gt;, h&amp;auml;ngend unter dem Dach des Hauptbahnhofs Z&amp;uuml;rich. (Foto: Manfred Poser, 2010)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In meinem &lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/someone-beside-you&quot;&gt;Roman&lt;/a&gt; steht:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	&amp;raquo;V&amp;ouml;llig &amp;uuml;berraschend der Auftritt: Das muss Cherry sein, im schulterfreien Kleid, eine Art Tarnanzug mit Schlitz im Kleid, hochhackige Schuhe, einen langen roten Schal in der Hand, den sie sich &amp;uuml;ber die Schulter wirft. Sie ist mager, nicht mehr ganz jung, vielleicht vierzig, mit hervorstehenden Wangenknochen, wild und gro&amp;szlig;artig: &amp;rsaquo;She was savage and superb, wild-eyed and magnificent&amp;lsaquo;, schrieb Joseph Conrad.&amp;laquo;&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;In seinem Buch &lt;em&gt;Heart of Darkness&lt;/em&gt; (1902) hat eine Afrikanerin am Flussufer ihren Auftritt, und das ist eine spektakul&amp;auml;re Szene.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Matriarchat&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Donatien_Alphonse_Fran%C3%A7ois_de_Sade&quot;&gt;de Sade&lt;/a&gt; bis &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Conrad&quot;&gt;Joseph Conrad&lt;/a&gt; reicht das 19. Jahrhundert, das sich inmitten von Viktorianismus und Industrialisierung fruchtlos und endlos mit der Beziehung zwischen den Geschlechtern herumschlug. 1861 erschien das Buch &lt;em&gt;Das Mutterrecht&lt;/em&gt; des Basler Wissenschaftlers &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Jakob_Bachofen&quot;&gt;Johann Jakob Bachofen&lt;/a&gt; (1815&amp;ndash;1887), der zu einem wichtigen Theoretiker des Matriarchats wurde. Er fing bei den Griechen an &amp;ndash; Venus/Aphrodite, G&amp;ouml;ttin der Liebe, die &amp;rsaquo;Gliederl&amp;ouml;serin&amp;lsaquo; &amp;ndash; und postulierte einen Het&amp;auml;rismus, dem die &amp;rsaquo;Gynaikokratie&amp;lsaquo; oder das Matriarchat folgte, um vom &amp;nbsp;Patriarchat entmachtet zu werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dazu fand ich in Konrad Federls Antiquariat in Landsberg am Lech das Buch &lt;em&gt;Eros im Alten Orient&lt;/em&gt;: &amp;raquo;Aus der Urflut erhob sich in der Vorstellung des &amp;Auml;gypters die befruchtende und lebenspendende weibliche G&amp;ouml;tter-Trinit&amp;auml;t Hathor, Nut und Isis.&amp;laquo; Aus dem Scho&amp;szlig; der Riesenkuh Hathor entsprang alle Tage die Sonne. Hinter ihr stand &amp;raquo;gewaltig in ihrem geheimnisvollen Dunkel die Gestalt der gro&amp;szlig;en Himmelsg&amp;ouml;ttin Nut&amp;laquo;, welche den Sonnengott auf ihrem R&amp;uuml;cken trug. &amp;raquo;Wie alle Urzeitg&amp;ouml;ttinnen war sie die Mutter ihres Vaters und die Tochter ihres Sohnes in einem.&amp;laquo; Das M&amp;auml;nnliche hing vom Weiblichen ab; entscheidend war die Trinit&amp;auml;t der Muttergottheit, die als &amp;raquo;Vater der V&amp;auml;ter, Mutter der M&amp;uuml;tter von Anbeginn der Welt existierte und diese schuf&amp;laquo;. M&amp;auml;nner waren von den Mysterien ausgeschlossen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Johanna_F%C3%BCrstauer&quot;&gt;Johanna F&amp;uuml;rstauer&lt;/a&gt; (geboren 1931) geschriebene Buch gehe auch auf &amp;raquo;gewagte Fragen&amp;laquo; ein, schreibt der Verlag in der Ausgabe von 1965. In jener Zeit wurde wohl mit den Ergebnissen der Forschung auch an die Erregungs- und Vorstellungsbereitschaft des Lesers appelliert. (Man sollte bei Wikipedia F&amp;uuml;rstauers&amp;nbsp; Ver&amp;ouml;ffentlichungsliste durchsehen: Da bleibt kein Wunsch offen.) N&amp;auml;chstens mehr davon.&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/die-m%C3%A4chtige-frau#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse/ausrei%C3%9Fversuche">Ausreißversuche</category>
 <pubDate>Thu, 16 Feb 2012 23:01:09 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Marcel Diel</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4792 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
</item>
<item>
 <title>Ein nachhaltiges Gefühl von Gleichgültigkeit</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/ein-nachhaltiges-gef%C3%BChl-von-gleichg%C3%BCltigkeit</link>
 <description>&lt;p&gt;&amp;raquo;Ja, sicher, warum nicht.&amp;laquo; &amp;ndash; Diese Erwiderung findet sich auf den mehr als 700 Seiten von Clemens J. Setz&amp;rsquo; &lt;em&gt;Die Frequenzen&lt;/em&gt; immer wieder und sie wird von immer anderen Figuren im Dialog mit ihnen nahe stehenden Personen ge&amp;auml;u&amp;szlig;ert. Sie l&amp;auml;sst die Gleichg&amp;uuml;ltigkeit erkennen, die sowohl die sozialen Beziehungen der Protagonisten kennzeichnet als auch das Verh&amp;auml;ltnis des Rezipienten gegen&amp;uuml;ber dem Text pr&amp;auml;gt. Zun&amp;auml;chst wirkt es auf den Leser, als w&amp;uuml;rde sich dieses Gef&amp;uuml;hl wie ein Leitmotiv durch den gesamten Roman ziehen und das ist wohl auch ein Grund daf&amp;uuml;r, dass der erste Leseeindruck nicht viel mehr als Gleichg&amp;uuml;ltigkeit gegen&amp;uuml;ber den Figuren des Romans hervorbringt.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/qawqfq_1.png&quot; style=&quot; margin: 20px; float: right; width: 239px; height: 600px;&quot; /&gt;&lt;/em&gt; &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Da sind vor allem Alexander und Walter, die beiden Protagonisten, aus deren Perspektiven der Roman abwechselnd in der ersten und dritten Person erz&amp;auml;hlt wird. Die beiden M&amp;auml;nner sind Jugendfreunde, die sich aus den Augen verloren haben und sich eher zuf&amp;auml;llig wiedertreffen. Walter versucht als Laiendarsteller die Gruppensitzungen der Therapeutin Valerie in die von ihr gew&amp;uuml;nschte Richtung zu lenken, Alexander hat seit kurzem eine Aff&amp;auml;re mit eben dieser Valerie. Von diesem Bindeglied zwischen ihren doch recht gegens&amp;auml;tzlichen Lebensl&amp;auml;ufen ahnen die beiden M&amp;auml;nner jedoch nichts. Was sie verbindet ist eine problembelastete Beziehung zu ihrem Vater. W&amp;auml;hrend Alexanders Vater ganz pl&amp;ouml;tzlich und ohne Erkl&amp;auml;rung die Familie verlie&amp;szlig;, qu&amp;auml;lt Walters Vater seinen Sohn mit &amp;Uuml;ber-F&amp;uuml;rsorge. Jeden noch so abwegigen oder halbherzig ge&amp;auml;u&amp;szlig;erten Berufswunsch versucht er mit dem gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Ernst zu unterst&amp;uuml;tzen, indem er Walter dank seiner Beziehungen Praktikumspl&amp;auml;tze in allen m&amp;ouml;glichen Branchen verschafft, immer in der Hoffnung, der Sohn werde eine ebenso gro&amp;szlig;e Karriere machen wie er selbst, der ber&amp;uuml;hmte Architekt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Die eingangs konstatierte Gleichg&amp;uuml;ltigkeit ist in Setz&amp;rsquo; Roman aber nicht lediglich aufseiten des Rezipienten so omnipr&amp;auml;sent. Auch die Vater-Sohn-Beziehung der beiden Protagonisten ist von einer Gleichg&amp;uuml;ltigkeit gepr&amp;auml;gt, die wie ein Schatten &amp;uuml;ber dem Leben der beiden liegt und sie f&amp;ouml;rmlich zu erdr&amp;uuml;cken scheint. Bereits bevor Alexanders Vater seine Frau und seinen Sohn an einem Wintertag bei einer Autopanne im wahrsten Sinne des Wortes stehen l&amp;auml;sst &amp;ndash; die beiden m&amp;uuml;ssen das festgefahrene Auto anschieben, mit dem der Vater dann kommentarlos wegf&amp;auml;hrt &amp;ndash; brachte auch seine Mutter ihm deutliches Desinteresse entgegen. Als er bei einem gemeinsamen Ausflug in den Park wegl&amp;auml;uft, w&amp;auml;hrend die Mutter sich mit einer Freundin unterh&amp;auml;lt, scheint diese sich kaum Sorgen um ihren Sohn zu machen. Erst gegen Abend kehrt Alexander wieder nach Hause zur&amp;uuml;ck: es ist alles wie immer.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Sie h&amp;auml;tte mich zwar kurz gesucht, sagte sie, aber da sie mich nicht gefunden h&amp;auml;tte, sei sie nach Hause gegangen. [...] Es war ein weiterer Testlauf gewesen, eine Simulation, so nahe der Wirklichkeit, wie man &amp;uuml;berhaupt kommen konnte. Aber das Ergebnis des Testlaufs war katastrophal: keines.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im Gegensatz dazu bekommt Walter die Gleichg&amp;uuml;ltigkeit seines Vaters nicht in Form von Desinteresse oder Nichtbeachtung zu sp&amp;uuml;ren. Vielmehr tr&amp;auml;gt das schier unstillbare Interesse an den Aktivit&amp;auml;ten und Karriereversuchen seines Sohnes eine solch gleichf&amp;ouml;rmige Empathie zur Schau, dass der Sohn sich am Ende nicht ernst genommen f&amp;uuml;hlt und selbst nur noch mit Gleichg&amp;uuml;ltigkeit auf den Vater reagieren kann.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Er wusste, dass er den Kampf verloren hatte. Nein, noch schlimmer, dass es &amp;uuml;berhaupt keinen Kampf gegeben hatte. Alles, wogegen er rebellierte, war weich und durchl&amp;auml;ssig.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So ruft auch die Tatsache, dass sich Walter bei einem Familienbesuch im Alkoholrausch auf der Couch im elterlichen Wohnzimmer &amp;uuml;bergibt und danach heimlich durch den Garten verschwindet, keine erkennbare Reaktion beim Vater hervor. Es scheint, als w&amp;auml;re das einsame Trinkgelage, in dessen Verlauf Walter sich mit einem Ahnenportr&amp;auml;t an der Wand unterh&amp;auml;lt, die einzige Form der Rebellion, zu der er noch f&amp;auml;hig ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Diese Familienkonstellationen lassen Alexander und Walter einsam erscheinen und bilden eine reichlich traurige Bilanz. Trotzdem f&amp;auml;llt es dem Leser schwer, den Eindruck distanzierter Gleichg&amp;uuml;ltigkeit zu durchbrechen und sich in die Protagonisten einzuf&amp;uuml;hlen. Selbst das Lachen &amp;uuml;ber Szenen, wie das besagte Zwiegespr&amp;auml;ch mit einem Wandbild, von denen man annehmen k&amp;ouml;nnte, dass sie ein gewisses Ma&amp;szlig; an Komik entfalten w&amp;uuml;rden, mag nicht gelingen. Vielleicht liegt es an der selbstbemitleidenden und resignativen Art, mit der sich Alexander und Walter auf sehr &amp;auml;hnliche Weise in ihr jeweiliges Leben f&amp;uuml;gen; vielleicht liegt es aber auch an der Breite, die diesen Szenen im ohnehin sehr umfangreichen Roman einger&amp;auml;umt wird, dass der Leser eher genervt als belustigt reagiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Am deutlichsten tritt dieser Effekt bei der Figur Alexanders zutage, dessen Slapstick-Einlagen als Altenpfleger genausowenig eine komische Wirkung entfalten, wie seine seltsame Marotte, scheinbar telefonierend durch die Stadt zu laufen. In Wahrheit w&amp;auml;hlt Alexander in diesen Situationen die Nummer der Zeitansage und beginnt dann ein Telefonat mit einem imaginierten Gespr&amp;auml;chspartner, das sich jedoch schnell zu einem selbstverliebten Monolog wandelt. Dies scheint ihm in Stresssituationen zu helfen, die Kontrolle &amp;uuml;ber seine Gef&amp;uuml;hle zu wahren, sp&amp;auml;testens beim dritten Auftauchen im Text f&amp;uuml;hrt es jedoch zu Langeweile aufseiten des Lesers, weil Alexander die immer gleichen Phrasen aneinanderreiht. Selbst die Pointe, dass auch Alexanders Mutter sich dieser Methode bedient und mit einem fiktiven Telefongespr&amp;auml;ch den Abschied des Sohnes nach einem Besuch hinausz&amp;ouml;gert, kann keine rechte Komik entfalten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Warum, fragt man sich, hat Setz&amp;rsquo; Roman 714 Seiten, wenn das zentrale Thema, die Entfremdung innerhalb der Familie und die Entfremdung von sich selbst, bereits auf Seite 218 mit einer eindr&amp;uuml;cklichen Charakterisierung Alexanders seinen H&amp;ouml;hepunkt erreicht:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Es schien mir, dass ich im Grunde nie etwas anderes getan hatte als vorzut&amp;auml;uschen. So zu tun &lt;em&gt;als ob&lt;/em&gt;. Diese zwei unscheinbaren W&amp;ouml;rter, &lt;em&gt;als ob&lt;/em&gt; &amp;ndash; vielleicht waren sie das Schl&amp;uuml;sselloch, durch das man mein Leben betrachten musste. [...] Ich sch&amp;auml;mte mich nicht einmal. Denn vor wem h&amp;auml;tte ich mich sch&amp;auml;men sollen, wenn mein Marionettentheater das war, was von allen &lt;em&gt;Alexander Kerfuchs&lt;/em&gt; genannt wurde. Ich war ein Kom&amp;ouml;diant, &amp;uuml;ber den ein einziger Mensch lachte &amp;ndash; und der war f&amp;uuml;r alle unsichtbar und wohnte als finsterer, rechthaberischer Einsiedler hinter meiner Stirn.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u82/Setz_CDie_Frequenzen_106910.jpg&quot; style=&quot;float: left; margin: 20px; width: 200px; height: 317px;&quot; /&gt;Diese Selbsterkenntnis Alexanders ber&amp;uuml;hrt und man w&amp;uuml;nscht sich, auf den folgenden 500 Seiten diesem &amp;raquo;finsteren, rechthaberischen Einsiedler&amp;laquo; n&amp;auml;her zu kommen. Bis zum Ende des Romans bleibt er jedoch weitgehend im Verborgenen. Wer zu solch tiefgreifender Selbsterkenntnis f&amp;auml;hig ist, dem nimmt man den stoischen Gleichmut, mit dem er jede weitere Reflexion dieses Befundes vermeindet, nicht recht ab. Wie, fragt man sich, hat Alexander sich damit arrangiert, seinen Mitmenschen weiterhin eine Rolle vorzuspielen? Indem er &amp;uuml;ber seine eigene Kom&amp;ouml;die lacht? Doch dieses Lachen kann der Leser nicht teilen, der Text pr&amp;auml;sentiert weiterhin den Heuchler und Schauspieler, das &amp;raquo;als ob&amp;laquo;. Das ist auf die Dauer anstrengend, weil man das Gef&amp;uuml;hl hat, die Marionettenpuppe Alexander mit seinem immer gleichen Spiel bereits zur Gen&amp;uuml;ge zu kennen. So wirkt der Aufbau des Romans wie eine Rube-Goldberg-Maschine, bei der eine m&amp;ouml;glichst komplizierte und &amp;uuml;ber viele Redundanzen f&amp;uuml;hrende Kettenreaktion in Gang gesetzt wird, um einen simplen Effekt zu erzielen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Trotz der &amp;uuml;berschaubaren Zahl an Figuren ist die Handlung von &lt;em&gt;Die Frequenzen&lt;/em&gt; komplex und &amp;ndash; bedingt sowohl durch die wechselnde Erz&amp;auml;hlperspektive als auch die wiederholten Zeitspr&amp;uuml;nge &amp;ndash; nicht immer einfach nachzuvollziehen. Neben den beiden Protagonisten, ihren Familien und ihrer Beziehung zu Valerie entspannt sich ein Gewirr aus weiteren Handlungsstr&amp;auml;ngen. Erz&amp;auml;hlt wird &amp;ndash; sowohl aus der Perspektive des Kranken als auch aus der Sicht der Pflegerin &amp;ndash; von Valeries Vater, der im Sterben liegt, von einem Paar aus ihrer Therapiegruppe, das mit sich, der Welt und ihrem Neugeborenen nicht zurechtkommt, von dem verwirrten Hausmeister aus Alexanders Haus und von dessen vernachl&amp;auml;ssigtem Nachbarsjungen. Dazwischen mischen sich Passagen, die aus der Perseptive eines streunenden Hundes geschildert sind. Erst in der R&amp;uuml;ckschau wird klar, dass diese einzelnen F&amp;auml;den zu einem gro&amp;szlig;en Netz versponnen sind, ohne dass den Figuren diese Verbindungen offenbar werden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Diese komplexe Konstruktion erinnert wiederum an die Funktionsweise einer Rube-Goldberg-Maschine und die Beschreibung ihres Funktionsprinzips ist wohl nicht ohne Grund dem ersten Teil des Romans als Motto vorangestellt. Doch was ist das Resultat der &amp;Uuml;berf&amp;uuml;hrung dieser Logik in ein &amp;auml;sthetisches Prinzip? Setz konstruiert seinen Roman aus einer Aneinanderreihung von Redundanzen sowie einem m&amp;ouml;glichst komplizierten Geflecht an Handlungsstr&amp;auml;ngen. Vor allem die Wiederholungen tragen dazu bei, dass die Lekt&amp;uuml;re des Romans streckenweise etwas anstrengend ist. Und auch die Verflechtung der zahlreichen Handlungsf&amp;auml;den wirkt mitunter konstruiert, vor allem, weil es am Ende keine echte L&amp;ouml;sung gibt. Was ist also der simple Effekt, den die Textmaschine erzielt? Es ist das ebenso hartn&amp;auml;ckige wie irritierende Gef&amp;uuml;hl der Gleichg&amp;uuml;ltigkeit, das einem noch lange nach der Lekt&amp;uuml;re nachh&amp;auml;ngt und das dazu f&amp;uuml;hrt, dass man immer wieder &amp;uuml;ber das Gelesene nachdenkt. Warum, fragt man sich, besch&amp;auml;ftigt einen dieser Roman so sehr, obwohl man w&amp;auml;hrend des Lesens eher indifferent und genervt reagiert hat? Man w&amp;uuml;rde Setz&amp;rsquo; Roman Unrecht tun, wenn man ihn kurzerhand als m&amp;uuml;hsames Buch abtun w&amp;uuml;rde, denn es ist genau dieser so nachhaltige und irritierende Effekt, der eine Einf&amp;uuml;hlung in die Protagonisten am Ende doch noch m&amp;ouml;glich macht: Er f&amp;uuml;hrt dem Leser die Entfremdung, die Alexanders und Walters Leben pr&amp;auml;gt, eindr&amp;uuml;cklich vor Augen, indem die erzeugte Gleichg&amp;uuml;ltigkeit ihn erleben l&amp;auml;sst, wie es sich anf&amp;uuml;hlt, gegen&amp;uuml;ber anderen Menschen abzustumpfen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	&lt;em&gt;Clemens J. Setz: Die Frequenzen. M&amp;uuml;nchen: btb Verlag 2011. 714 Seiten. ISBN: 9-783442-741113-01. 12,99 Euro.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
	&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
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 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/ein-nachhaltiges-gef%C3%BChl-von-gleichg%C3%BCltigkeit#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/k%C3%A4mmerlings">Kämmerlings</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Wed, 15 Feb 2012 07:33:47 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Ute Friederich</dc:creator>
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 <title>In der Welt der Wunder und Vokabeln Abel Nemas </title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/der-welt-der-wunder-und-vokabeln-abel-nemas</link>
 <description>&lt;p&gt;Der &amp;Uuml;bersetzer Abel Nema wurde zum Opfer eines Gewaltverbrechens. In der willk&amp;uuml;rlichsten Stra&amp;szlig;enflucht einer beliebigen Gro&amp;szlig;stadt finden Arbeiterinnen am fr&amp;uuml;hen Morgen seinen vielfach misshandelten K&amp;ouml;rper. Eine Tat, die trotz oder gerade aufgrund ihrer Brutalit&amp;auml;t in den gegenw&amp;auml;rtigen Diskursen einer sich vermeintlich in sozialen Konflikten zuspitzenden Urbanit&amp;auml;t kaum mehr zu einer nachhaltigen Aufmerksamkeit gereichen w&amp;uuml;rde, schon eher zur Best&amp;auml;tigung medialer Sensations- und Hysteriemechanismen.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Doch Ter&amp;eacute;zia Moras erster, 2004 erschienener Roman &lt;em&gt;Alle Tage&lt;/em&gt;, der mit dem Auffinden des schwerverletzten Abel Nemas einsetzt, entfaltet weder die klassischen Strukturmomente einer Kriminalgeschichte noch stereotype Topoi einer gesellschafts- oder medienkritischen Reflexion. Vielmehr er&amp;ouml;ffnet bereits die in einem &amp;uuml;berwiegend protokollarischen Bericht gehaltene Anfangsszenerie eine leicht irritierende und darin &amp;auml;u&amp;szlig;erst eindringliche, unaufgeregte Ruhe im Erz&amp;auml;hlfluss:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/qawqfq_1.png&quot; style=&quot;margin: 20px; float: right; width: 239px; height: 600px;&quot; /&gt;&lt;/em&gt; &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	&lt;q&gt;An einem Samstagmorgen zu Herbstbeginn fanden drei Arbeiterinnen auf einem verwahrlosten Spielplatz im Bahnhofsbezirk den &amp;Uuml;bersetzer Abel Nema kopf&amp;uuml;ber von einem Kletterger&amp;uuml;st baumelnd. Die F&amp;uuml;&amp;szlig;e mit silbernem Klebeband umwickelt, ein langer, schwarzer Trenchcoat bedeckte seinen Kopf. Er schaukelte leicht im morgendlichen Wind. Gr&amp;ouml;&amp;szlig;e: circa ... (sehr gro&amp;szlig;). Gewicht: ... (sehr d&amp;uuml;nn).&lt;/q&gt;&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Die Dramatik des Verbrechens &amp;ndash; &amp;raquo;schlie&amp;szlig;lich kann man sich, und sei man noch so f&amp;auml;hig, nicht selbst in so eine Lage bringen&amp;laquo; &amp;ndash; verbindet sich mit der Unaufgeregtheit des Berichts zu einem die Erz&amp;auml;hlung anleitenden Spannungsbogen: Wer ist Abel Nema und was ist mit ihm geschehen?&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;left&quot;&gt;&lt;strong&gt;Wer ist Abel Nema?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	In einem narrativen Kaleidoskop aus &amp;uuml;bergangslos ineinander verschachtelten R&amp;uuml;ckblenden, Kurzberichten einzelner Charaktere sowie eingestreuten Reflexionen des Protagonisten entfaltet der Roman eine &amp;uuml;berwiegend auktorial erz&amp;auml;hlte Migrationsgeschichte, die sich in zahlreichen, z. T. m&amp;auml;rchenhaft skurrilen Wechself&amp;auml;llen fortentwickelt. Ihren Ausgangspunkt nimmt die Odyssee Abel Nemas in der osteurop&amp;auml;ischen Kleinstadt &amp;raquo;S.&amp;laquo;, in der er als Sohn des Lehrerehepaars Mira und Andor Nema geboren wird und aufw&amp;auml;chst. Die wenigen, gleichwohl markanten geographischen Details lassen das Grenzgebiet rund um das ungarische Sopron durchscheinen, aus dem die heute in Berlin lebende Ter&amp;eacute;zia Mora stammt. In diesem laufen die Territorien &amp;Ouml;sterreichs, Ungarns sowie der Slowakei (bzw. vormals der Tschechoslowakei) an den Ufern des Neusiedler Sees zusammen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In ihrem Deb&amp;uuml;t Seltsame Materie &amp;ndash; eine Sammlung kurzer Erz&amp;auml;hlungen, in der sich auch das Prosast&amp;uuml;ck Der Fall Ophelia findet, f&amp;uuml;r das sie 1999 den Ingeborg-Bachmann-Preis erhielt &amp;ndash; bev&amp;ouml;lkert Mora diesen Schmelztiegel sprachlicher sowie kultureller Vielfalt mit den unterschiedlichsten Figuren, die sich mit den Gegebenheiten im Schatten sowie im Fall des Eisernen Vorhangs arrangieren, mit ihnen ringen oder an ihnen scheitern. Sie alle eint vor allem eins: das Leben mit der Grenze in dem Gef&amp;uuml;hl einer unhintergehbaren Fremdheit: &amp;raquo;Alles ist hier Grenze&amp;laquo;, wie die Protagonistin der Erz&amp;auml;hlung Der See mit Blick auf die geographischen, historischen sowie politischen Verstrickungen ihrer Kindheit an den R&amp;auml;ndern der Staatengebilde pointiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch Abel Nema teilt dieses Fremdheitsgef&amp;uuml;hl seiner grenznahen Heimat, in der sich bereits die Risse eines nahen politischen Umschwungs abzeichnen. Allerdings treiben ihn einschneidende, pers&amp;ouml;nliche Erlebnisse zum Aufbruch:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Das waren, im Wesentlichen, die ersten zw&amp;ouml;lf Jahre. Himmel, Erde. Am letzten Unterrichtstag des dreizehnten Jahres, acht Stunden vor Beginn der Sommerferien, stand Andor Nema fr&amp;uuml;h auf, verlie&amp;szlig;, darauf achtend, dass er weder seine Frau noch seinen Sohn weckte, die Wohnung und kam nicht mehr wieder.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Eine erfolglose Suche nach Andor f&amp;uuml;hrt seine Frau Mira und seinen Sohn Abel mit dem Ende der Sommerferien wieder zur&amp;uuml;ck in das kleinst&amp;auml;dtische &amp;raquo;S.&amp;laquo;, wo Miras Mutter den Platz Andors auf der verwaisten Seite des Ehebetts einnimmt. Kurz darauf verliebt sich Abel in seinen Mitsch&amp;uuml;ler Ilia Bor, dessen Zur&amp;uuml;ckweisung nach Abschluss ihrer gemeinsamen Schulzeit sein Empfinden fortan mit einer nachhaltigen Unsicherheit, einem ziel- und gestaltlosen Antrieb versieht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aus der entt&amp;auml;uschten Liebe heraus begibt sich Abel erneut auf die Suche nach seinem Vater. Bei Bora, einer Ex-Geliebten Andors, sp&amp;uuml;rt er dessen ehemaliges Versteck auf, trifft ihn jedoch auch dort nicht an. Vielmehr nimmt sein jugendliches Leben infolge eines Unfalls eine erneute Wendung. Durch eine offene Gasquelle entrinnt er nur knapp dem Erstickungstod.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	So organisierte etwas, so organisierte sich das Labyrinth in Abel Nemas bis dahin in allen Schulf&amp;auml;chern gleicherma&amp;szlig;en begabten und desinteressierten Verstand so lange um, bis alles, was bis dahin eine Rolle gespielt hatte, das Gewusel von Erinnerung und Projektion, Vergangenheit und Zukunft, das die G&amp;auml;nge verstopfte und in den Zimmern l&amp;auml;rmte, irgendwo verstaut war, in geheimen Wandschr&amp;auml;nken, und er, nun leer, bereit zur Aufnahme einer einzigen Art von Wissen: von Sprache. Dies ist das Wunder, das Abel Nema wiederfahren ist.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Doch schon das im Zuge des &amp;raquo;Wunders&amp;laquo; weitgehend verlorene Sinnempfinden (vor allem Geschmack, Geruch, Geh&amp;ouml;r) deutet an, dass sich Abel Nemas Leere von nun an allein in einer eindimensionalen Bewegung f&amp;uuml;llt. Er nimmt die Eindr&amp;uuml;cke und Gegebenheiten seiner Umwelt wie einen Datenstrom selektiv bzw. ged&amp;auml;mpft auf, um sich in ihnen m&amp;ouml;glichst unscheinbar einzupassen. Ein passives &amp;rsaquo;Erlernen&amp;lsaquo; tritt an die Stelle eines aktiven &amp;rsaquo;Verstehens&amp;lsaquo;, einer wechselseitigen Interaktion: &amp;raquo;Die Welt als Vokabel! Das ist mein Trost!&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u82/Mora_Alle%20Tage.jpg&quot; style=&quot;float: left; margin: 20px; width: 200px; height: 318px;&quot; /&gt;Die sich wandelnden politischen Umst&amp;auml;nde verhindern zudem eine R&amp;uuml;ckkehr in seine Heimat, so dass Abel Nema nach &amp;raquo;B.&amp;laquo; &amp;ndash; in vielen Ankl&amp;auml;ngen l&amp;auml;sst sich das Berlin der sp&amp;auml;ten 80er und 90er Jahre erkennen &amp;ndash; aufbricht, da ihn seine Mutter dort an Prof. Tibor B. vermittelt. Wie in dem von Ilia erfundenen Spiel &amp;raquo;Gottesurteile&amp;laquo; &amp;ndash; an &amp;raquo;jeder Stra&amp;szlig;enkreuzung, Abzweigung, etc. blieben sie stehen und gingen nicht eher weiter, als dass ihnen ein Zeichen gegeben wurde&amp;laquo; &amp;ndash; treibt er durch die wunderlichsten Zuf&amp;auml;lle und Begegnungen, ohne sich in seinem schweigsamen Auftreten oder empathiearmen Empfinden wesentlich zu ver&amp;auml;ndern. &amp;raquo;Ein Mensch ohne Menschheit&amp;laquo;, wie sein erster Mitbewohner Konstantin T&amp;oacute;ti bemerkt. Durch Tibor B. mit Stipendien versorgt eignet er sich im Sprachlabor zehn Sprachen an, die er unmittelbar akzentfrei beherrscht; er arbeitet als Dolmetscher und sp&amp;auml;ter als Redakteur f&amp;uuml;r Skurrilit&amp;auml;ten aller Art; er verbindet sich wiederholt mit den Musikern Kinga, Andre, Kontra und Janda; verkehrt regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig in der Rotlichtbar &amp;raquo;Klappsm&amp;uuml;hle&amp;laquo;; heiratet Tibors Witwe Mercedes, um seine Aufenthaltserlaubnis aufrechtzuerhalten, und baut allein zu ihrem Sohn Omar eine wechselseitige, interessierte Beziehung auf. Im Kontext seiner Scheidung von Mercedes spitzen sich die Verflechtungen der Erlebnisse Abels allerdings zu und er gewinnt durch ein erneutes &amp;raquo;Wunder&amp;laquo; nicht allein seinen Geschmackssinn zur&amp;uuml;ck.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Die Wunder der Allt&amp;auml;glichkeit&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;raquo;Manchmal verdichten sich, wie Eiter, die Dinge.&amp;laquo; Ter&amp;eacute;zia Mora erz&amp;auml;hlt von diesen sich in einer umbruchreichen, stets wandelnden (sozial, politisch, kulturell, etc.) Allt&amp;auml;glichkeit verdichtenden Dingen. Doch vor allem zeichnet sie in ruhigen, eindringlichen Konturen die paradoxe, h&amp;auml;ufig komisch-sympathische Tragik eines Individuums in den Wechself&amp;auml;llen einer wunderlich-dynamischen Welt. Auch wenn sich in diesem ungemein facettenreich arrangierten Roman verschiedene autobiographische Bezugspunkte abzeichnen, ist Alle Tage an keiner Stelle auf eine Migrationsreflexion zu reduzieren, vielmehr er&amp;ouml;ffnet Mora in ihren poetischen Sprachbildern ein grandioses Spektrum, das von der tragischen Liebesgeschichte, dem &amp;uuml;beraus klugen Gro&amp;szlig;stadtroman bis hin zur fragmentarisch pervertierten Heilsgeschichte reicht. Eine Vielschichtigkeit, die sie auch in ihrem neuesten Roman Der einzige Mann auf dem Kontinent im Kontext aktuellster Themenfelder (u. a. Wirtschaftskrise und anonymisierte Arbeitsverh&amp;auml;ltnisse) gelungen realisiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die in Alle Tage geschilderten &amp;raquo;Wunder&amp;laquo; Abel Nemas verschmelzen in ihren vielf&amp;auml;ltigen F&amp;uuml;gungen augenscheinlich mit den von ihm als Nebenerwerb gesammelten sowie redigierten Zufallsgeschichten des Alltags, wie sie ein nicht weiter detaillierter &amp;raquo;Redakteur&amp;laquo; in den knappen Zeilen, die Ter&amp;eacute;zia Mora ihrem Roman voranstellt, charakterisiert:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Wovon ich rede, sind herzzerrei&amp;szlig;ende undoder komische Geschichten. Extremes und Skurriles. Trag&amp;ouml;dien, Farcen, echte Trag&amp;ouml;dien. Kindliches, menschliches, tierisches Leid. Echte Ergriffenheit, parodierte Sentimentalit&amp;auml;t, skeptischer und ehrlicher Glaube. Katastrophen selbstverst&amp;auml;ndlich. Natur- und andere. Und ganz besonders: Wunder. Was die anbelangt, ist die Nachfrage stets enorm.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;Ter&amp;eacute;zia Mora: Alle Tage. M&amp;uuml;nchen: Luchterhand Literaturverlag, 2004. 432 Seiten. ISBN: 978-3630871851. 22,50 Euro.&lt;/em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/k%C3%A4mmerlings">Kämmerlings</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Mon, 06 Feb 2012 22:46:03 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Benedikt Viertelhaus</dc:creator>
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</item>
<item>
 <title>Über die Einsamkeit in der Vielheit der reizüberfluteten Möglichkeiten</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C3%BCber-die-einsamkeit-der-vielheit-der-reiz%C3%BCberfluteten-m%C3%B6glichkeiten</link>
 <description>&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;Wenn wir sterben, wogegen tauschen wir unser Leben ein?&lt;br /&gt;
		&amp;raquo;Die Erinnerung betr&amp;uuml;gt einen gerne&amp;laquo;, sagt Stine. &amp;raquo;Ich war gehemmt. Ich war unsicher. Ich hatte keinen Mut. Die Leute haben mich gefragt: Christine, haben Sie auch Mut zur Niederlage?&amp;laquo; Ich habe geantwortet, &amp;raquo;ich kann Versagen nicht verkraften. Dazu tut es zu weh.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;h5&gt;
	Am Anfang steht die Firma&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Wirtschaft, Globalisierung, Industrie, die ganz gro&amp;szlig;en Gesch&amp;auml;fte, das ganz gro&amp;szlig;e Geld, Banken, Finanzierungsprozesse, Kalkulation, Produkte, Kauf, Verkauf, Karriere, und noch mehr Karriere, Renditen, Mieten, rentable weniger rentable Immobilien, Grundst&amp;uuml;cke, Joint Venture, Trug und Betrug. All diese Begriffe bilden die terminologische Fassade des 2002 erschienenen Romans &lt;em&gt;Wenn wir sterben&lt;/em&gt; von Ernst-Wilhelm H&amp;auml;ndler. Erg&amp;auml;nzen kann man sie um das sogenannte Halbierungsspiel, oder Tornadospiel, beide von einer Romanfigur H&amp;auml;ndlers entwickelt, um die Produktion exponentiell zur eingesparten Arbeitskraft zu steigern &amp;ndash; unweigerlich muss man an das Unwort des Jahres 2004 denken, das damals zu heftigen Diskussionen f&amp;uuml;hrte: Humankapital.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;em&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/qawqfq_1.png&quot; style=&quot;margin: 20px; float: right; width: 239px; height: 600px;&quot; /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/em&gt;Aber hinter all diesen der Wirtschaft entstammenden Termini und Prozessen verbirgt sich vor allem die Frage nach der M&amp;ouml;glichkeit in einer solch materiell gesteuerten, schnelllebigen Zeit ein Mensch mit Konturen zu bleiben, oder ob es auf der anderen Seite m&amp;ouml;glich ist auf Konturen zugunsten einer Karriere innerhalb dieser Strukturen zu verzichten.&lt;br /&gt;
	Wenn man an dem Putz der Fassade aus wirtschaftlichen Prozessen kratzt, die H&amp;auml;ndler in diesem Roman beschreibt, bleibt ein Handlungsger&amp;uuml;st zur&amp;uuml;ck, dass eine Fallstudie &amp;uuml;ber den Menschen bildet, dieser blo&amp;szlig;gestellte Mensch wirkt v&amp;ouml;llig unfrei. H&amp;auml;ndler hat sich den Menschen zum Thema genommen und die Wirtschaft dient ihm als Mahnmal f&amp;uuml;r unsere heutige Welt, die Gefahr l&amp;auml;uft gesichtslos zu werden &amp;ndash; Kreativit&amp;auml;t schwindet zu Gunsten von Masse. Somit ist &lt;em&gt;Wenn wir sterben&lt;/em&gt; auch neun Jahre nach seinem Erscheinen von beachtlicher Aktualit&amp;auml;t &amp;ndash; wie z. B. die j&amp;uuml;ngsten Proteste der Occupy-Bewegung zeigen, die sich u.a. gegen eine allzu wirtschaftsfreundliche Politik wenden.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Keiner f&amp;uuml;r Alle &amp;ndash; alle f&amp;uuml;r keinen&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;	H&amp;auml;ndler beschreibt in seinem vierten Roman die Karriere dreier Frauen, die gemeinsam eine Firma f&amp;uuml;hren. Charlotte, die Leiterin der Firma, wird in den engsten Angelegenheiten von Stine und B&amp;auml;r beraten. Alle drei sind ungef&amp;auml;hr gleichen Alters, alle sind erfolgreich, alle sind auf ihre Art sch&amp;ouml;n &amp;ndash; das perfekte &amp;raquo;Triumvirat&amp;laquo;. Doch H&amp;auml;ndlers Roman ist kein Loblied auf die erfolgreiche F&amp;uuml;hrung eines Unternehmens, vielmehr handelt es sich dabei um einen Abgesang auf das Scheitern einer viel zu schnelllebigen Welt, in der die Menschen, die produzieren, von ihren eigenen Visionen und Produkten &amp;uuml;berholt werden. So kommt es wie es kommen muss, das &amp;raquo;Triumvirat&amp;laquo; br&amp;ouml;ckelt bevor es &amp;uuml;berhaupt zur vollen Bl&amp;uuml;te seiner Herrschaft gelangen kann. Stine lockt zuerst Charlotte und dann B&amp;auml;r in einen Hinterhalt, um die Firma alleine leiten zu k&amp;ouml;nnen. Unterst&amp;uuml;tzt wird sie dabei von ihrem Freund Egin und einem Makler. Der Verrat an ihren Kolleginnen kommt sie aber teuer zu stehen: Die Betr&amp;uuml;gerin Stine wird im Laufe des Romans selbst zur Betrogenen und muss die Firma an eine noch gr&amp;ouml;&amp;szlig;ere Okkupationsmacht, verk&amp;ouml;rpert durch eine weitere weibliche Figur namens Milla, abgeben. Milla kann Stine &amp;uuml;bertrumpfen, weil sie sich v&amp;ouml;llig von sich entfernt hat, quasi den lebendigen Teil von sich abgespalten hat, um auf die Weise funktionieren zu k&amp;ouml;nnen, wie das Business es von ihr erwartet. &amp;raquo;Die Welt ist dir so gro&amp;szlig; vorgekommen, aber seit du aus deiner Haut gefahren bist, hast du auf einmal den Eindruck, die Welt ist nur ein Zimmer.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Alle sind m&amp;uuml;de, niemand spricht es aus&lt;/h5&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Kundschafterinnen sind wir, die sich verkleiden, die sich befreit haben vom Komment der Kompositionen von Individuen, die die diskutierbaren Vergn&amp;uuml;gungen individueller Betrachtbarkeit hinter sich gelassen haben.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Wenn wir sterben&lt;/em&gt; ist eine Schau in die geistigen Abgr&amp;uuml;nde Karriereangetriebener Menschen. Das Leben dieser Menschen gestaltet sich als ein Sequel aus: Ich will erfolgreich sein, auch wenn ich nicht wei&amp;szlig;, warum, ich will nicht erfolgreich sein, auch wenn ich nicht wei&amp;szlig; warum, ich will nicht erfolgreich sein und ich wei&amp;szlig; warum.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Schon ganz zu Anfang des Romans wird deutlich, dass eigentlich jede Person ihrer Aufgabe nicht mehr gerecht werden kann, dabei ist es nicht das Arbeiten f&amp;uuml;r die Firma, das sie zerm&amp;uuml;rbt, sondern der Anspruch auf Unfehlbarkeit. H&amp;auml;ndler macht sehr schnell deutlich, wie seine Figuren innerlich zusammengeschrumpft sind, wenn sie von der M&amp;uuml;digkeit nach dem gesch&amp;auml;ftigen Hin und Her des Tages, von dem Genuss einer momentan suspendierten Welt sprechen: &amp;raquo;Wir merken, dass wir den Atem anhalten um besser zu sehen.&amp;laquo; &amp;raquo;Wir h&amp;auml;tten gerne so vieles, was unvereinbar ist&amp;laquo; und letztendlich bleibt nichts anderes &amp;uuml;brig als &amp;raquo;alle Kr&amp;auml;fte aufbieten zu m&amp;uuml;ssen, um dem Tag entgegenzuleben&amp;laquo;. Eines der st&amp;auml;rksten, weil immer wiederkehrenden Motive, ist der Wunsch nach Bedeutungsleere und Entschleunigung. So sitzt der Makler am liebsten in seinem Haus vor einem Fenster und schaut nach drau&amp;szlig;en:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Warum muss denn alles einen Sinn haben? Warum muss man immer so schlau sein und so aktiv? Man kann doch auch anders gl&amp;uuml;cklich werden. Ich bin jedenfalls &amp;uuml;berhaupt nicht ungl&amp;uuml;cklich, wenn ich aus dem Fenster gucke oder die Wand anstarre.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Doch es bleibt bei diesen Gedankenkonstrukten &amp;ndash; keine der Figuren weicht von ihrem Weg ab.&lt;br /&gt;
	Die Welt in H&amp;auml;ndlers Roman scheint sich in eine gro&amp;szlig;e Firma zu verwandeln, die stetig von den Menschen ausgebaut wird. So ist es auch nicht verwunderlich, wenn Charlotte in ihrer Fabrik ein organisches Wesen sieht, das eigener Handlungen f&amp;auml;hig ist:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Wie sollte man mit einer jungen Fabrik sprechen, die man in der Mitte seiner Jahre aufgebaut hat, seiner reifen Jahre sogar. [...] Die Fabrik war stumm, aber sie wollte reden. Dabei wusste die Fabrik schon immer alles, von dem Augenblick an, als sie fertiggestellt war.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Letztendlich ist es auch die Fabrik, die als einzige Instanz als &amp;raquo;die &amp;uuml;berlegene Ressource&amp;laquo; nicht gescheitert aus den intrigierenden Inszenierungen H&amp;auml;ndlers Roman-Figuren herausgeht.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	H&amp;auml;ndler schreibt und schreibt und der Leser wird nicht m&amp;uuml;de&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u82/titelbild_h%C3%A4ndler_jan-2012.jpg&quot; style=&quot;float: left; margin: 20px; width: 200px; height: 304px;&quot; /&gt;H&amp;auml;ndler wei&amp;szlig;, wovon er schreibt, da er selber Unternehmer ist, und so erscheint sein Geschriebenes einem Medium gleich, als die Stimme, die zwischen den einzelnen Firmeng&amp;auml;ngen herumwandelt und den Leser durch diese zu f&amp;uuml;hren gedenkt. Die Einzelschicksale der Protagonisten r&amp;uuml;cken in den Hintergrund ob der Sprachgewaltigkeit H&amp;auml;ndlers, der seine Kritik nie vordergr&amp;uuml;ndig als Parole zum Aufstand formuliert: So wird Charlotte nach ihrer Entmachtung kaum noch erw&amp;auml;hnt. Vielmehr ent&amp;auml;u&amp;szlig;ert er sie durch unterschwellige Anklage in einer manchmal schonungslosen, manchmal melancholischen Poesie des Entwurfs, die sich durch den ganzen Roman zieht. Dies geschieht auch durch die immer wiederkehrenden Motive der M&amp;uuml;digkeit, der Angst vor Machtverlust, der Angst vor Preisgebung von Gef&amp;uuml;hlen und der dadurch offenbarten Angriffsfl&amp;auml;che, der Angst verletzlich zu sein, indem man menschelt. Der in der Wirtschaft agierende Mensch, so scheint es, muss ein Roboter sein, um zu bestehen. So sagt Milla auch bezeichnenderweise, dass es in ihrem Gesch&amp;auml;ft nicht um Kreativit&amp;auml;t geht, sondern einzig um den Profit. Das Endergebnis misst sich an den Verkaufszahlen, gut ist, was der Masse gef&amp;auml;llt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	H&amp;auml;ndlers Schreibe ist ein Komposition aus Stillagen, Collagen, Rhythmen und Perspektiven. Beinahe beil&amp;auml;ufig greift er Bekanntes auf und pflanzt es in sein neues Handlungskonstrukt ein. So erinnert der Vergleich der Firma mit einem K&amp;auml;fer, der nur daran denkt &amp;raquo;dass der Feind versuchen k&amp;ouml;nnte ein St&amp;uuml;ck von ihm abzubei&amp;szlig;en&amp;laquo;, an Kafka und eine Verszeile aus Schillers Glocke: &amp;raquo;Drum pr&amp;uuml;fe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet&amp;laquo;, hat gleich wortw&amp;ouml;rtlich Einzug in den Roman gefunden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Es gibt keine wirkliche Profilzeichnung der vorkommenden Personen, es gibt keine Stringenz au&amp;szlig;er vielleicht die der &amp;Uuml;berschriften, durch die H&amp;auml;ndler fast zu akribisch versucht eine Ordnung in das Gewusel zu bringen, indem er sehr ausf&amp;uuml;hrlich schon auf das kommende Ausschau gibt, damit der Leser nicht ganz in dem Strudel dieses Gedankenkonglomerat untergeht. Mal rennt H&amp;auml;ndler ohne Interpunktion durch sein Szenario, mal entschleunigt er bewusst durch das Beschreiben langsamer Bilder und so unterst&amp;uuml;tzt die Klangfarbe seiner Sprache auf beeindruckende Weise den Inhalt seines Romans.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Was den Roman manchmal sperrig erscheinen l&amp;auml;sst, ist seine Freude an dem Jonglieren mit Erz&amp;auml;hlperspektiven: Mal Innen- mal Au&amp;szlig;enansicht, mal wird alles aus der Sicht eines kollektiven Wir betrachtet, mal erscheint es unm&amp;ouml;glich Fiktion von Realit&amp;auml;t zu trennen. So scheint es fast als h&amp;auml;tte H&amp;auml;ndler beabsichtigt, dass der Leser nicht immer folgen kann, wie die einzelnen Figuren sich zueinander verhalten, da er dem Leser in einer seiner &amp;Uuml;berschriften &amp;raquo;Jeder Figur ihre Erz&amp;auml;hlerin, doch wer ist &lt;em&gt;wir&lt;/em&gt;?&amp;laquo; die Verwirrung schon vorwegnimmt. Manchmal l&amp;auml;sst sich noch nicht einmal eruieren, wer gerade in den Fokus der Erz&amp;auml;hlung ger&amp;uuml;ckt ist: Seltsamerweise, und das ist auch eine St&amp;auml;rke dieses Romans, scheint diese Frage gar nicht so wichtig zu sein.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Am Ende muss man selber schauen, was der Tag bringt&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wirtschaft, Globalisierung, Werbung, Konsum sind nicht der Teufel, so einfach l&amp;auml;sst sich die Aussage H&amp;auml;ndlers Romans nicht herunterbrechen. Vielmehr geht es hier um eine kritische Betrachtung dieser Prozesse, um die Frage, ob der Mensch sich zu sehr anpasst an das, was ihm vorgesetzt wird.&lt;br /&gt;
	&amp;raquo;Das Ziel m&amp;uuml;sste nicht der Erfolg der Industrie sein, so f&amp;auml;ngt es an, deswegen kannst du nicht so anfangen, das Ziel m&amp;uuml;sste sein, den Menschen M&amp;ouml;glichkeiten aufzuzeigen, ihnen Vorschl&amp;auml;ge zu machen&amp;laquo; &amp;ndash; das hat H&amp;auml;ndler mit seinem Roman sicherlich getan.&lt;br /&gt;
	&amp;nbsp;&lt;br /&gt;
	&lt;em&gt;Ernst-Wilhelm H&amp;auml;ndler: Wenn wir sterben, Frankfurt am Main: Fischer, 2011. 475 Seiten. ISBN 978-3596190027. 10,99. Euro.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C3%BCber-die-einsamkeit-der-vielheit-der-reiz%C3%BCberfluteten-m%C3%B6glichkeiten#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/k%C3%A4mmerlings">Kämmerlings</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Mon, 06 Feb 2012 15:32:06 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Ute Friederich</dc:creator>
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</item>
<item>
 <title>Charles Dickens und die gefallenen Frauen</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/charles-dickens-und-die-gefallenen-frauen</link>
 <description>&lt;p&gt;Von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Charles_Dickens&quot;&gt;Charles Dickens&lt;/a&gt;&amp;rsquo; zwei Dutzend Romanen habe ich etwa die H&amp;auml;lfte gelesen, aber das ist schon 25 Jahre her, damals in Hamburg. &lt;em&gt;Nicholas Nickleby&lt;/em&gt;, &lt;em&gt;Little Dorrit&lt;/em&gt;, &lt;em&gt;Bleak House&lt;/em&gt;, &lt;em&gt;Great Expectations&lt;/em&gt; ... Es waren Feste. Er wurde vor 200 Jahren, am 7. Februar 1812, geboren, ein Wassermann-Sternzeichen wie ich. Also: ein eigener Kopf mit bl&amp;uuml;hender Fantasie; wortm&amp;auml;chtig und charmant; aber auch irgendwie fl&amp;uuml;chtig, immer auf dem Sprung; wenig Erotik und Sexualit&amp;auml;t. Da steht der Wassermann dr&amp;uuml;ber.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;In Z&amp;uuml;rich zeigt das Museum Strauhof am Ende der Augustinergasse (N&amp;auml;he Rennweg) noch bis 4. M&amp;auml;rz die gelungene Ausstellung &lt;a href=&quot;http://www.stadt-zuerich.ch/content/kultur/de/index/institutionen/museum_strauhof/Ausstellungsprogramm_2010/charles-dickens.html&quot;&gt;&lt;em&gt;Die Geheimnisse des Charles Dickens (1812&amp;ndash;1870)&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;. Ich erfuhr, dass es nur wenige Neuausgaben seiner Werke gibt: Dickens wird heute nicht mehr viel gelesen. Seine Werke bieten ebensoviel Atmosph&amp;auml;re wie Handlung, sind voll von kuriosen Charakteren und langen Schilderungen; zu anstrengend f&amp;uuml;r heute. Doch er wurde gelesen, und wie! Von 1840 bis 1870 war Charles Dickens der ber&amp;uuml;hmteste Engl&amp;auml;nder, und die ber&amp;uuml;hmteste Frau der Inseln war seine K&amp;ouml;nigin Victoria. Manchmal trafen sich die beiden auch.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/hollyer_dickens.jpg&quot; style=&quot;width: 540px; height: 360px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;small&gt;Der ber&amp;uuml;hmte Autor am Schreibtisch seines Swiss Cottage&lt;br /&gt;
	(Stich von Samuel Hollyer, 1826&amp;ndash;1919)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ich habe mir die Ausstellung angeschaut, und danach war mir der Autor so lieb wie davor (&lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/max-frisch-pers%C3%B6nlich&quot;&gt;Max Frisch&lt;/a&gt;, auch einer meiner damaligen Favoriten, kam nicht so sympathisch r&amp;uuml;ber). Dickens war vielleicht ein Ehrgeizling, der zudem &amp;uuml;berall die Z&amp;uuml;gel in der Hand behalten wollte (im Theater war er Autor, Regisseur und Hauptdarsteller in einer Person), aber er hatte ein gro&amp;szlig;es Herz und setzte sich immer f&amp;uuml;r Arme und Schwache ein.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;
	Das Urania Cottage&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Da andere sein riesenhaftes Werk w&amp;uuml;rdigen werden, konzentriere ich mich auf Dickens&amp;rsquo; soziales Engagement, denn er schrieb nicht nur &amp;uuml;ber die Verlierer der beginnenden Industrialisierung, sondern er tat auch etwas f&amp;uuml;r sie. Er gr&amp;uuml;ndete das &lt;em&gt;Urania Cottage&lt;/em&gt; in Shepherd&amp;rsquo;s Bush (London), ein Heim f&amp;uuml;r gefallene M&amp;auml;dchen, und elf Jahre lang begleitete er es. Das war nur m&amp;ouml;glich, weil er in Angela Burdett Coutts (1814&amp;ndash;1906) eine wohlhabende Erbin kennengelernt hatte, die in das Projekt einen kleinen Teil ihrer Reserven stecken wollte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So entstand sein &amp;raquo;Utopia im Westentaschenformat im Westen Londons&amp;laquo;, wie Jenny Hartley in ihrem 2008 erschienenen Buch &lt;a href=&quot;http://www.methuen.co.uk/charles-dickens-and-the-house-of-fallen-women/b/47&quot;&gt;&lt;em&gt;Charles Dickens and the House of Fallen Women&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; schrieb. Das Heim sollte &amp;raquo;ein kleines eigenes Universum sein&amp;laquo;, etwas wie ein Roman in drei Dimensionen, eine von ihm zu kontrollierende Welt. Trotz seiner vielen Arbeit nahm sich der Autor die Zeit, m&amp;ouml;gliche Kandidatinnen selbst zu suchen und zu befragen. Er hatte sich ja angew&amp;ouml;hnt, t&amp;auml;glich bis zu 20 Kilometer lange Fu&amp;szlig;m&amp;auml;rsche durch London zu unternehmen, auch nachts, und er wusste, wo er nachsehen konnte.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/loc_hartford.jpg&quot; style=&quot;width: 540px; height: 386px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;small&gt;M&amp;auml;dchen, die in Hartford (Connecticut) Zeitungen verkaufen, 1909&lt;br /&gt;
	(Foto: Lewis Wickes Hine (1874&amp;ndash;1940); Quelle: &lt;a href=&quot;http://www.loc.gov/pictures/&quot;&gt;US Library of Congress&lt;/a&gt;)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Denn es gab Tausende arme Jungs und M&amp;auml;dchen. Aus dem Jahr 1848 sind 17000 straff&amp;auml;llige Frauen in London bekannt, die oft nur kleine Diebst&amp;auml;hle begangen hatten und daf&amp;uuml;r mit Gef&amp;auml;ngnis und harter Arbeit bestraft wurden. Viele lebten sonst vom N&amp;auml;hen, noch mehr jedoch von der Prostitution. Und im viktorianischen England herrschte die Ansicht, das sei ein unaufhaltsamer Weg in den Untergang. Dickens teilte diese Ansicht nicht. Sein Heim stattete er &amp;raquo;mit all der W&amp;auml;rme aus, die seine Romane zelebrierten&amp;laquo;, und es sollte wenigen Gl&amp;uuml;cklichen vieles bieten. Von 1847 bis 1862 gab es das Haus, und im Schnitt lebten dort 53 M&amp;auml;dchen.&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;
	Die Regeln, das Ziel&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Die Regeln lauteten: kein Privatbesitz, keine Privatsph&amp;auml;re. Daf&amp;uuml;r war die Vergangenheit ausgel&amp;ouml;scht. Jenny Hartley hat wunderbar recherchiert. Das Urania Cottage muss &amp;raquo;gutes Theater&amp;laquo; gewesen sein. Es gab Zickenkriege. Manche M&amp;auml;dels verschwanden wieder, andere stahlen, es gab Dramen, und &amp;raquo;Generalissimo Dickens&amp;laquo; spielte sich als Richter auf, der aber nach anf&amp;auml;nglicher Strenge immer entschlossen war, Milde walten zu lassen. &amp;Uuml;brigens war er auch sehr penibel. Alles musste sauber und ordentlich sein.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Er selbst hat auch von dem Heim profitiert. 1848 erschien &lt;em&gt;Hard Times&lt;/em&gt;, 1853 &lt;em&gt;Bleak House&lt;/em&gt;, 1857 &lt;em&gt;Little Dorrit&lt;/em&gt;, und manche Urania-M&amp;auml;dels wurden in Romanen portr&amp;auml;tiert. Hartley fasst zusammen: &amp;raquo;Die Frau als Geheimnis, die Frau mit einem Geheimnis: Ihre Erfahrungen mit verbotenen Erlebnissen sollten Dickens&amp;rsquo; Arbeit in den 1850er Jahren antreiben und ein neues Genres pr&amp;auml;gen, die Gef&amp;uuml;hlsprosa (&lt;em&gt;sensational fiction&lt;/em&gt;).&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dickens&amp;rsquo; Engagement dauerte von 1847 bis 1858. Im Jahr davor hatte der 45-J&amp;auml;hrige die 18-j&amp;auml;hrige Schauspielerin Ellen &amp;rsaquo;Nelly&amp;lsaquo; Ternan kennengelernt, was zum Ende seiner Ehe f&amp;uuml;hrte. (Diese Beziehung, die bis zu seinem Lebensende andauerte und &amp;uuml;ber das Platonische hinausging &amp;ndash; oho! &amp;ndash;, wurde erst ein halbes Jahrhundert danach bekannt.) Das Jahr 1858, als sich Dickens nur mehr am Rande f&amp;uuml;r das Urania Cottage interessierte, wurde f&amp;uuml;r ihn zu einer Wende. Trauer und Unrast kamen &amp;uuml;ber ihn.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Er lebte teilweise ruhig in seiner Villa am Gad&amp;rsquo;s Hill Place; durch einen Tunnel konnte er auf die andere Stra&amp;szlig;enseite in sein kleines &lt;em&gt;Swiss Cottage&lt;/em&gt; wechseln, wo er wie immer fiebrig schrieb. Doch immer wieder brach er zu gefeierten Lesereisen in vielen L&amp;auml;ndern auf, bei denen er sich nicht schonte. Warum er, obwohl gewarnt und oft von &amp;Auml;rzten begleitet, darauf bestand, mit Leidenschaft und bis ans Ende seiner Kr&amp;auml;fte seine Werke zu rezitieren, bleibt eines seiner Geheimnisse. Am 8. Juni 1870 brach er zusammen. Er erlitt einen Gehirnschlag und starb am Abend darauf.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Jenny Hartley hat sich auf die Spur der Urania-M&amp;auml;dchen begeben. Das Zauberwort hie&amp;szlig; damals Emigration. Wer geeignet war, sollte auf einem Schiff nach Australien reisen und dort, wenn m&amp;ouml;glich, einen Ehemann und eine neue Existenz finden. Doch es gab kaum noch Spuren, abgesehen von Rhena Cole, die 1856 in Kanada einen Otis heiratete und b&amp;uuml;rgerlich wurde. Immerhin gibt es an dem Ort, an dem bis 1862 das Urania Cottage stand, das 1999 gegr&amp;uuml;ndete Limegrove Hostel f&amp;uuml;r arme Jungs der St. Christopher&amp;rsquo;s Fellowship. Hartley schreibt stolz: &amp;raquo;The spirit of Urania lives on.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/charles-dickens-und-die-gefallenen-frauen#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse/ausrei%C3%9Fversuche">Ausreißversuche</category>
 <pubDate>Thu, 02 Feb 2012 23:01:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Marcel Diel</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4788 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
</item>
<item>
 <title>Wenn aus Eisbergen Pfützen werden</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/wenn-aus-eisbergen-pf%C3%BCtzen-werden</link>
 <description>&lt;p&gt;Als Annja die Wohnung ihres Vaters aufsucht, findet sie ihn eingefroren in der eigenen K&amp;uuml;hltruhe liegen. Das Ger&amp;auml;t ist nicht an das Stromnetz angeschlossen und so liegt der Vater mysteri&amp;ouml;serweise ohne jegliche Energiezufuhr bei -18&amp;deg; Celsius auf Eis. Annett Gr&amp;ouml;schner beginnt ihren Roman Moskauer Eis gleich mit dieser Entdeckung und schafft damit zun&amp;auml;chst eine weniger frostige, als fast schon phantastische Atmosph&amp;auml;re.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Handelt es sich um einen Science-Fiction-Roman? Einen au&amp;szlig;ergew&amp;ouml;hnlichen Kriminalfall? Ein M&amp;auml;rchen? Nichts davon soll man in diesem Buch vorfinden, daf&amp;uuml;r aber umso mehr Erz&amp;auml;hlungen aus einem Leben in der DDR der Ressourcenknappheit und Spitzensportler, Geschichten von Speiseeis, K&amp;auml;lte und der Schw&amp;auml;che des Gro&amp;szlig;vaters f&amp;uuml;r seine Sekret&amp;auml;rinnen.&lt;br /&gt;
	&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;h2&gt;
	&lt;em&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/qawqfq_1.png&quot; style=&quot;margin: 20px; float: right; width: 239px; height: 600px;&quot; /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;&amp;raquo;Gehemmte Eisbl&amp;ouml;cke&amp;laquo; nennt Annjas Mutter ihren Ehemann und ihre Tochter in ihrem Abschiedsbrief, als sie die Familie verl&amp;auml;sst, um in Berlin ein neues Leben anzufangen. Annja ist damals noch ein junges M&amp;auml;dchen und ganz falsch ist diese dem omnipr&amp;auml;senten Thema &amp;rsaquo;Eis&amp;lsaquo; entsprungene Bezeichnung, die die Mutter verwendet, nicht, denn sowohl Klaus Kobe, der Gefrierforscher in zweiter Generation, als auch seine Tochter Annja sind k&amp;uuml;hle und distanzierte Charaktere. Doch ihre Beziehung zueinander ist weniger angespannt, als man denken k&amp;ouml;nnte: Es ist das klassische Bild des alleinerziehenden Vaters, der zwar den Bed&amp;uuml;rfnissen einer pubertierenden Tochter nicht immer gerecht wird, jedoch stets versucht, ein sicheres Heim zu schaffen. Allerdings bleibt er dabei immer der Gefrierforscher und so w&amp;auml;chst Annja im Grunde genommen im K&amp;auml;lteinstitut auf.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;Ich w&amp;uuml;rde ihn nat&amp;uuml;rlich sofort fragen, warum er sich f&amp;uuml;r so einen Versuch hergibt, und er w&amp;uuml;rde mir wahrscheinlich ausweichend antworten: &amp;raquo;Ich bin ja noch gut dran, ich friere blo&amp;szlig;, aber mein Kollege vom Gem&amp;uuml;seinstitut hat sich einkochen lassen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;
		&amp;raquo;Ich denke, ihr seid Wissenschaftler und keine Versuchskaninchen&amp;laquo;, w&amp;uuml;rde ich darauf entgegnen, und Vater w&amp;uuml;rde sagen: &amp;raquo;Ehe es ein Laie macht oder einer aus dem Westen, tue ich es lieber selbst.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Annja, die aus Berlin anreist, wo sie als junge Frau wohnt, ist zun&amp;auml;chst schockiert, als sie den eingefrorenen K&amp;ouml;rper ihres Vaters findet, entwickelt dann aber ein abgekl&amp;auml;rtes und teilweise sogar liebevolles Verh&amp;auml;ltnis zu der Truhe, die in der K&amp;uuml;che steht und um die sie t&amp;auml;glich herum t&amp;auml;nzeln muss, w&amp;auml;hrend sie ihre kranke Gro&amp;szlig;mutter pflegt. In den letzten Wochen des Jahres 1991, in denen sie sich um Gro&amp;szlig;mutter Kobe k&amp;uuml;mmert, versucht sie, das R&amp;auml;tsel der Truhe zu l&amp;ouml;sen und sucht nach Hinweisen f&amp;uuml;r den Zustand des Vaters.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Mit dem Eispickel durch die DDR&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Annett Gr&amp;ouml;schner pr&amp;auml;sentiert uns so die Familiengeschichte der Kobes, indem sie Annja in zahlreichen R&amp;uuml;ckblenden, die keiner Reihenfolge zu unterliegen scheinen und doch zu einem festen Netz aus naher und ferner Vergangenheit verwoben sind, ihre eigene Geschichte erz&amp;auml;hlen l&amp;auml;sst. Wie aus einer K&amp;uuml;hltruhe werden Kapitel f&amp;uuml;r Kapitel Anekdoten und Geschichten herausgenommen und aufgetaut - um der &amp;Uuml;ber-Metapher Gr&amp;ouml;schners treu zu bleiben. Der Roman ist in vier Teile gegliedert, die nach und nach immer tiefer in die Vergangenheit der Familie hinabtauchen. So wird zwar im ersten Teil schon angedeutet, dass Gro&amp;szlig;vater Kobe ein stets frivoles Verh&amp;auml;ltnis zu seinen Sekret&amp;auml;rinnen pflegte, das Seelenleben der Gro&amp;szlig;mutter und die Umst&amp;auml;nde dieser Beziehung werden aber erst im dritten und vierten Teil klar. Auch Annjas Leben vor der Entdeckung des eingefrorenen Vaters wird nur langsam erz&amp;auml;hlt: Wie ein dicker Eisblock taut die Figur Annjas die gesamte Dauer des Romans &amp;uuml;ber auf, bis man am Ende in einer Pf&amp;uuml;tze Wasser steht. Gr&amp;ouml;schner gelingt es durch schnelle Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit, die Informationszufuhr zwar langsam zu gestalten, jedoch trotzdem keine Langeweile aufkommen zu lassen. Gleichzeitig bleibt alles stets &amp;uuml;bersichtlich, nicht zuletzt wegen Annjas distanzierter, beobachtender Erz&amp;auml;hlweise. Allein die Geschichte um den eingefrorenen Vater bleibt bis zum Ende ungel&amp;ouml;st, das sei dem neugierigen Leser an dieser Stelle gesagt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Der Vater experimentiert im Labor, um das perfekte Speiseeis zu finden. Seine Tochter dient ihm dabei immer als Probandin &amp;ndash; ein Traum eines jeden Kindes! Jedoch nicht, wenn man sich in der DDR befindet und es im Wechsel an Milchfett oder Aromastoffen mangelt. Dass sich der Sohn mit der Herstellung von Eiscreme besch&amp;auml;ftigt, st&amp;ouml;rt den Gro&amp;szlig;vater, seinerzeit ebenfalls Gefrierforscher, in seinem Bild der leistungsorientierten DDR-Wissenschaft.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	&amp;raquo;Wir waren Spitze im Weltma&amp;szlig;stab, und was macht ihr, ihr fahrt das Ding gegen den Baum. Sensorische Qualit&amp;auml;tspr&amp;uuml;fung f&amp;uuml;r Eiskrem! Wir haben &amp;rsaquo;Blitzkost&amp;lsaquo; im Weltraum erprobt, wir haben die besten K&amp;uuml;hlh&amp;auml;user gebaut, wir waren dem Westen L&amp;auml;ngen voraus, und was macht ihr daraus? Eiskrem. Da&amp;szlig; ich nicht lache. Versager seid ihr!&amp;laquo;&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u82/Moskauer%20Eis.jpg&quot; style=&quot;margin: 20px; float: left; width: 200px; height: 331px;&quot; /&gt;Klaus Kobe dagegen verschiebt seine das Land betreffenden Ambitionen auf den Sport, den er sein Leben lang intensiv verfolgt. Schlie&amp;szlig;lich aber erfolgt der berufliche Durchbruch, er erfindet das &amp;raquo;Moskauer Eis&amp;laquo;, eine Eissorte, die fortan sehr beliebt ist unter den B&amp;uuml;rgern der DDR. Sp&amp;auml;testens jetzt erf&amp;auml;hrt der Leser, das der Buchtitel weniger mit Moskau, dem gro&amp;szlig;en und m&amp;auml;chtigen Bruder der DDR und dem dicken Eis auf den winterlichen sibirischen Seen zu tun hat. Das Eis verfolgt Annja durch das ganze Leben: Als sie das elterliche Haus verl&amp;auml;sst und nach Berlin geht, f&amp;auml;ngt sie an, als Eisverk&amp;auml;uferin zu arbeiten und verkauft das Eis ihres Vaters. Sp&amp;auml;ter stellt sie es als Arbeiterin in einer Fabrik selbst her und muss nach der Wende erleben, wie es von den neuen Marken aus der westlichen Welt verdr&amp;auml;ngt wird. Hat Annja vor allem in ihrer Schulzeit nicht das beste Verh&amp;auml;ltnis zum DDR-Staat und ist sie auch sonst weniger nostalgisch, als blo&amp;szlig; entt&amp;auml;uscht von dem, was man sich vom Westen versprach, h&amp;auml;ngen f&amp;uuml;r sie doch viele verkl&amp;auml;rte Erinnerungen am &amp;raquo;Moskauer Eis&amp;laquo;.&lt;br /&gt;
	&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Nostalgie statt &amp;rsaquo;Ostalgie&amp;lsaquo;&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Man erf&amp;auml;hrt sp&amp;auml;ter, dass sich Annja nach dem Tod der Gro&amp;szlig;mutter mithilfe des Erbes selbstst&amp;auml;ndig macht und in einem eigenen Betrieb das &amp;raquo;Moskauer Eis&amp;laquo; produziert. Damit geht also auch das Erbe des Klaus Kobe weiter.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Mein klappriger Mercedes braucht eine Weile, ehe er anspringt.&lt;br /&gt;
	&amp;raquo;Komm endlich&amp;laquo;, sage ich, &amp;raquo;du bist doch kein Trabant.&amp;laquo;&lt;br /&gt;
	Fr&amp;uuml;her habe ich immer ein Rad geschlagen, wenn ein Mercedes durch die Stra&amp;szlig;en auf der Insel fuhr. Ich wollte zeigen, da&amp;szlig; auch bei uns gl&amp;uuml;ckliche Kinder leben.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Annjas Erz&amp;auml;hlungen bergen keine &amp;rsaquo;Ostalgie&amp;lsaquo;. Es ist vielmehr die Vergangenheit an sich, von der sie schw&amp;auml;rmt, die Tatsache, dass man eine eigene Geschichte hat, die man nach dem Mauerfall aber fast vergessen h&amp;auml;tte. Die Eis-Thematik passt gut in den Kontext, auch wenn am Ende der (im &amp;uuml;bertragenen Sinne) st&amp;auml;ndig im Bild stehende Eisverk&amp;auml;ufer doch ein wenig aufdringlich ist. Erfreulicherweise ist die Protagonistin trotz k&amp;uuml;hler Art jedoch nicht vor Eis erstarrt, sie bleibt dynamisch genug, um die Familiengeschichte lebhaft erz&amp;auml;hlen zu k&amp;ouml;nnen. Annett Gr&amp;ouml;schner gelingt dabei inmitten des K&amp;auml;lteinstituts der Balanceakt, die DDR nicht zu idealisieren, sie aber trotz einer kritischen Beleuchtung als Teil der eigenen Vergangenheit und der eigenen Identit&amp;auml;t zu akzeptieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Annett Gr&amp;ouml;schner:&amp;nbsp; Moskauer Eis. Roman. Aufbau Taschenbuch, Berlin 2009. 288 Seiten. ISBN 978-3-7466-2580-5, 9,95 Euro.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
	&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
</description>
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/k%C3%A4mmerlings">Kämmerlings</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Mon, 30 Jan 2012 10:05:25 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Ute Friederich</dc:creator>
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<item>
 <title>Befindlichkeit und Verlust</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/befindlichkeit-und-verlust</link>
 <description>&lt;p&gt;In der Einleitung von &lt;em&gt;Stadt Land Flu&amp;szlig;&lt;/em&gt; versichert ein Autor namens &amp;raquo;C.P.&amp;laquo;, der Ich-Erz&amp;auml;hler seines Romans weise keinerlei biografische Deckung mit ihm selbst auf. Sein Romanwerk, so m&amp;ouml;chte er den Leser damit glauben machen, sei frei von der schn&amp;ouml;den Pl&amp;uuml;nderung des Autobiografischen &amp;ndash; keine &amp;rsaquo;Befindlichkeitsliteratur&amp;lsaquo; also, als welche so viele Produktionen der jungen und j&amp;uuml;ngeren Literatur gebrandmarkt worden ist. Ganz so einfach ist die Lage der Dinge dann aber doch nicht. Ein kurzer Blick in die Autorenbeschreibung des Verlages deckt auf: Christoph Peters stammt sehr wohl selbst aus Kalkar und hat Kunst (wenn auch nicht Kunstgeschichte) studiert. Die erz&amp;auml;hlerische Instanz &amp;raquo;C.P.&amp;laquo; bleibt im Dunkeln, das Werk entpuppt sich als Autobiofiktion.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;blockquote&gt;
&lt;p&gt;&amp;quot;Thomas Walkenbach war nicht mein Freund, der sich das Leben genommen und mir&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp;&amp;nbsp; seinen Nachlass anvertraut hat. Ich hatte weder privat noch beruflich je mit ihm zu tun. Ich war weder sein Untersuchungsrichter noch sein psychologischer Gutachter. Ich habe seine Papiere auch nicht beim Kauf meines Hauses auf dem Dachboden gefunden &amp;ndash; ich habe gar kein Haus. (S. 8)&amp;quot;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;h2&gt;
	Inventarisierung der Vergangenheit&lt;em&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/qawqfq_1.png&quot; style=&quot;margin: 20px; float: right; width: 239px; height: 600px;&quot; /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Die Einleitung von Peters Werk l&amp;auml;sst sich damit lesen als ironischer Kommentar zum kreativen Dilemma einer ganzen Autorengeneration, ein passender Auftakt zur (wie es sich f&amp;uuml;r moderne &amp;rsaquo;Befindlichkeitsliteratur&amp;lsaquo; geh&amp;ouml;rt) nicht-chronologisch erz&amp;auml;hlten und mehr als doppelb&amp;ouml;digen Handlung, deren Kern sich schnell zusammenfassen l&amp;auml;sst: Thomas Walkenbach, ein verkrachter Kunsthistoriker mit Hang zur Trunksucht, umkreist unruhig seinen Esstisch, auf dem ein unge&amp;ouml;ffneter Brief mit einem medizinischen Befund liegt. Rekapitulierend legt er einen Bericht &amp;uuml;ber sein bisheriges Leben vor, beginnend mit seiner Kindheit und Jugend in der b&amp;auml;uerlichen Umgebung von Kalkar, die er als untergangenes bukolisches Idyll beschreibt, das er aus der Gegenwart heraus versucht zu inventarisieren. Der Verlust dieser Welt, den er recht nostalgisch beklagt, geht einher mit dem Verlust eines ganzheitlichen Lebens oder Erlebens, das dem erwachsenen Walkenbach vollkommen abgeht.&lt;br /&gt;
	Dazu passend, pr&amp;auml;sentiert sich der zweite Teil des Romans fragmentarisch und unchronologisch als Reminiszenz der Geschichte der Liebe zu und Ehe mit der Zahn&amp;auml;rztin Hanna. Peters stellt dar, wie der Protagonist, seit dem Studium am Mittelrhein lebend (die Stadt mag Wiesbaden oder Mainz sein) die f&amp;uuml;nf Jahre &amp;auml;ltere und etwas verklemmte &amp;Auml;rztin langsam umgarnt, und wie sich schlie&amp;szlig;lich ihr gemeinsames Leben in v&amp;ouml;lliger Allt&amp;auml;glichkeit vollzieht &amp;ndash; abgesehen davon, dass Walkenbach in vollst&amp;auml;ndiger finanzieller Abh&amp;auml;ngigkeit von Hanna lebt, da er selbst au&amp;szlig;er fruchtlosen Studien &amp;uuml;ber das Leben des niederrheinischen Holzschnitzers Henrick Douwermann in seiner beruflichen und akademischen Entwicklung keine Fortschritte macht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Der unge&amp;ouml;ffnete Befund auf dem Esstisch, das wird schnell klar, hat etwas mit Hanna zu tun, die am chronologischen Ende der erz&amp;auml;hlten Handlung nicht mehr bei Walkenbach ist. Was mit ihr geschehen ist, bleibt im Unklaren: Ist sie gestorben, wird sie sterben, ist/war Walkenbach gar f&amp;uuml;r ihren Tod verantwortlich? Ihr Tod wie auch die gesamte Beziehung erscheint jedoch nicht als kriminologisches R&amp;auml;tsel; vielmehr versteht der Leser nach der Lekt&amp;uuml;re (und wirklich erst dann), wie realistisch diese Erz&amp;auml;hlweise ist, mit der hier &amp;uuml;ber ein Leben berichtet wird: n&amp;auml;mlich mit Auslassungen und Ausblendungen, die im Strom des Bewusstseins und des Erinnerns zwangsl&amp;auml;ufig auftreten (Dieser Strom &amp;uuml;brigens wird hier durch den Rhein verk&amp;ouml;rpert, der schlie&amp;szlig;lich, in guter H&amp;ouml;lderlinscher Tradition, Mainz und Kalkar nicht nur geografisch verbindet).&lt;/p&gt;
&lt;h2&gt;
	&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/7291447_23.jpeg&quot; style=&quot;width: 213px; height: 325px; margin: 20px; float: left;&quot; /&gt;Befindlichkeitsliteratur im st&amp;auml;rksten Sinn&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Der Ich-Erz&amp;auml;hler Walkenbach besch&amp;auml;ftigt sich immer von neuem mit dem Projekt einer&amp;nbsp; &amp;raquo;Philosophie der Zentralperspektive&amp;laquo; in der Malerei, scheitert jedoch auch immer wieder daran. Letztlich aber demonstriert der Text selbst in seiner Schreibweise die Wirkung einer individuellen Zentralperspektive: er zeigt, wie die Welt aussieht, wenn der &amp;uuml;bergeordnete, zweidimensionale, der &amp;rsaquo;g&amp;ouml;ttliche&amp;lsaquo; Blick fehlt (der vielleicht immer nur eine Illusion war). Die Selbstbeobachtung dieses Ehe- und Liebeslebens ist k&amp;uuml;hl-distanziert und (selbst-)ironisch geschrieben, so dass sich erst im &amp;rsaquo;Nachhall&amp;lsaquo; der Lekt&amp;uuml;re, dann aber umso schmerzlicher ein darunter verborgenes Gef&amp;uuml;hl von Verlust erschlie&amp;szlig;t. Die Bedeutung eines Augenblicks erweist sich zwangsl&amp;auml;ufig erst, wenn er vergangen ist &amp;ndash; f&amp;uuml;r den Ich-Erz&amp;auml;hler wie f&amp;uuml;r den Leser. &lt;em&gt;Stadt Land Flu&amp;szlig;&lt;/em&gt; ist somit Gegenwartsliteratur wie auch Befindlichkeitsliteratur im besten und st&amp;auml;rksten Sinne: Es ist ein Roman &amp;uuml;ber die Unf&amp;auml;higkeit, das von Richard K&amp;auml;mmerlings beschworene &amp;raquo;kurze Gl&amp;uuml;ck der Gegenwart&amp;laquo; zu verstehen &amp;ndash; oder auch nur zu erleben; und &amp;uuml;ber die Unf&amp;auml;higkeit, Befindlichkeit zu artikulieren: Letzten Endes kann sie sich immer nur in den Leerstellen der Beschreibung ausdr&amp;uuml;cken. Da, wo etwas fehlt, liegt Sinn und Bedeutung; gerade da, wo die Beziehung zu einem Menschen am unerkl&amp;auml;rlichsten scheint, ist die Trauer &amp;uuml;ber seinen Verlust am gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Peters hat mit seinem Deb&amp;uuml;t-Roman, der 1999 den aspekte-Literaturpreis gewonnen und ein nachhaltig ber&amp;uuml;hrendes Werk geschaffen. Etwas weniger kunsthistorischer Ballast h&amp;auml;tte ihm m&amp;ouml;glicherweise gut getan; die f&amp;uuml;r den Laien oft unverst&amp;auml;ndlichen Referenzen versperren immer wieder den Blick auf die gro&amp;szlig;en Themen seiner Geschichte. Aber letztlich sind sie damit wiederum nur realistischer Ausdruck der Selbstbespiegelung der Hauptfigur, die verzweifelt Analogien aus der Kunst bem&amp;uuml;ht, um das eigene verlorene Gl&amp;uuml;ck zu fassen zu bekommen &amp;ndash; und damit scheitern muss.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;em&gt;Christoph Peters: Stadt Land Flu&amp;szlig;. Frankfurt am Main: Frankfurter Verlagsanstalt, 1999. 278 Seiten. ISBN 978-3627000660.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <pubDate>Wed, 25 Jan 2012 16:52:49 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4786 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
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 <title>Im Schraubstock von Logik und Libido oder »Wir wollen alles sein«</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/im-schraubstock-von-logik-und-libido-oder-%C2%BBwir-wollen-alles-sein%C2%AB</link>
 <description>&lt;p&gt;Es gibt sie, jene unwirklichen Momente der Lekt&amp;uuml;re, die f&amp;uuml;r ein Schwindelgef&amp;uuml;hl beim Leser sorgen, weil weltgeschichtliche Ereignisse der Romanhandlung buchst&amp;auml;blich den Boden unter den F&amp;uuml;&amp;szlig;en weggezogen haben. Einen solchen Moment h&amp;auml;lt Thomas Lehrs im Jahr 1999 erschienener Roman &lt;em&gt;Nabokovs Katze&lt;/em&gt; bereit, als Protagonist Georg gegen Ende mit &lt;span style=&quot;font-style: italic;&quot;&gt;s&lt;/span&gt;einer Geliebten Mary in die 107. Etage des World Trade Centers f&amp;auml;hrt, um von oben auf das H&amp;auml;usermeer New Yorks hinabzublicken:&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;span style=&quot;color:#696969;&quot;&gt;&lt;em&gt;&amp;raquo;F&amp;uuml;r ein, zwei Sekunden glaubte er, die Glasscheibe zerschmelze vor seinen Augen, und er und Mary w&amp;uuml;rden mitsamt &lt;/em&gt;&lt;em&gt;der Bank zentimeterweise &amp;uuml;ber den Abgrund hinausgedr&amp;auml;ngt, auf dessen Boden man die Fu&amp;szlig;g&amp;auml;nger kaum mehr ausmachen konnte.&lt;/em&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Angesichts der nur zwei Jahre nach Ver&amp;ouml;ffentlichung des Romans geschehenen Ereignisse, angesichts dieser prophetisch anmutenden Vision, liest man diese Szene, in deren weiteren Verlauf Georg die Zwillingst&amp;uuml;rme des World Trade Centers wie die Kommandobr&amp;uuml;cke und Manhattan wie der Rumpf eines &amp;raquo;Weltdampfers&amp;laquo; vorkommen, mit einem ungl&amp;auml;ubigen Schaudern. &lt;em&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/qawqfq_1.png&quot; style=&quot;margin: 20px; float: right; width: 239px; height: 600px;&quot; /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Dass am wenigsten dem Autor selbst diese unheimlich anmutende &amp;Uuml;berblendung seines Werkes durch die Wirklichkeit entgangen ist,&amp;nbsp; l&amp;auml;sst sich an Lehrs j&amp;uuml;ngstem Roman&lt;em&gt; &lt;em&gt;September. Fata Morgana&lt;/em&gt;&lt;em&gt; &lt;/em&gt;(2010) &lt;/em&gt;deutlich ablesen. Allein wegen dieser kaum drei Seiten umfassenden, f&amp;uuml;r die Handlung eigentlich nebens&amp;auml;chlichen Sightseeing-Szene, in der Georg und Mary auf der bald einst&amp;uuml;rzenden Spitze der westlichen Zivilisation stehen, ist die Lekt&amp;uuml;re des f&amp;uuml;nfhundert Seiten starken Romans von Thomas Lehr unbedingt (noch einmal) zu empfehlen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Ein in halluzinogener Hinsicht h&amp;ouml;chst gelungener LSD-Trip&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nat&amp;uuml;rlich ist &lt;em&gt;&lt;em&gt;Nabokovs Katze&lt;/em&gt;&lt;em&gt; &lt;/em&gt;&lt;/em&gt;sehr viel mehr als eine blo&amp;szlig;e Hochhausbesteigung. Es ist die Geschichte von Georg, der nach einem misslungenen &amp;ndash; das hei&amp;szlig;t, in halluzinogener Hinsicht, h&amp;ouml;chst gelungenen &amp;ndash; LSD-Trip als F&amp;uuml;nfzehnj&amp;auml;hriger im Sommer 1972 beschlie&amp;szlig;t, keinen derartig verst&amp;ouml;renden Rausch mehr zuzulassen und stattdessen sein Leben der Klarheit und Vernunft zu widmen. So erscheint es nur konsequent, dass er sich nach dem der starken Wirkung der Droge geschuldeten Krankenhausaufenthalt in einer Buchhandlung Sartres &lt;em&gt;&lt;em&gt;Das Sein und das Nichts &lt;/em&gt;&lt;/em&gt;kauft, um &amp;raquo;den wahren Hintergrund der Dinge&amp;laquo; zu erfahren. Unmittelbar darauf jedoch trifft Georg unter dem Wehrturm des Provinzst&amp;auml;dtchens S., das der Leser ohne gro&amp;szlig;e Schwierigkeit mit Lehrs Geburtsstadt Speyer identifizieren wird, auf seine Bekannte Camille. Obwohl sie vorher nur &amp;uuml;ber ihre Clique lose miteinander befreundet waren, k&amp;uuml;ssen sie sich auf der Stelle.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was folgt, ist der episodenhaft beschriebene, &amp;uuml;ber zwanzig Jahre lang andauernde Entwicklungs- beziehungsweise Verwicklungsprozess von Georgs weiterem Leben, wobei der Protagonist mit zunehmendem Alter seine Umwelt immer mehr wie durch das k&amp;uuml;hle Objektiv einer Filmkamera beobachtet. Auf faszinierende Weise l&amp;auml;sst sich hier der Versuch beobachten, Zooms, Closeups, Schwenks und andere Techniken aus dem Medium Film in die Literatur zu &amp;uuml;bertragen. Dies mutet stellenweise etwas gewollt und k&amp;uuml;nstlich an, l&amp;auml;sst sich aber kaum vermeiden und erzeugt jene &amp;raquo;gewisse Laboratoriums-K&amp;auml;lte&amp;laquo;, die vom Autor durchaus beabsichtigt zu sein scheint. Zugleich wird die Atmosph&amp;auml;re der beschriebenen Jahrzehnte von Lehr mit herrlicher (Selbst)Ironie wiedergegeben, etwa wenn Georgs Jugendjahre in den Siebzigern kaleidoskopartig den &lt;em&gt;&amp;raquo;&lt;em&gt;Sch&amp;uuml;lerinnenreport&lt;/em&gt;&lt;/em&gt;&amp;laquo; mit &amp;raquo;transzendentalen Meditationstechniken&amp;laquo; mit &amp;raquo;US-Army-Parkas&amp;laquo; mit &amp;raquo;Jungsozialisten&amp;laquo; mit &amp;raquo;Tchibo-Stehcaf&amp;eacute;s&amp;laquo; mit &amp;raquo;Partykellern&amp;laquo; mit &amp;raquo;Pink-Floyd&amp;laquo; mit &amp;raquo;Liedermacherfesten&amp;laquo; mit &amp;raquo;Cunnilingus&amp;laquo; vermengen und verquirlen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Die Kolonisation der Erinnerung&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Obwohl Camille in diesem Sommer &amp;rsquo;72 nur einige Wochen mit ihm geht, kommt Georg nie wieder ganz von ihr los. Sein Leben, das er zun&amp;auml;chst der Mathematik und sp&amp;auml;ter, als Regisseur, dem Film widmet, ist ein nicht enden wollender Versuch der Ann&amp;auml;herung an und zugleich der Abkehr von Camille. &amp;nbsp;Eine Ehefrau und zahllose Geliebte pflastern dabei seinen Weg, wobei Lehr mit der Beschreibung expliziter Sexszenen nicht knausert und dabei eine geradezu barockhaft wirkende Bilderflut entfaltet. Da werden &amp;raquo;Kriegsbeile&amp;laquo; in &amp;raquo;Wigwams&amp;laquo; vergraben, da gibt es eine &amp;raquo;warm umwulstete Ca&amp;ntilde;on-Furche&amp;laquo;, einen &amp;raquo;Anus, so r&amp;uuml;hrend verletzlich wie ein vor Jahren ausgestochenes Auge&amp;laquo;, &amp;raquo;klitorale Kapellchen im Feenwald&amp;laquo; sowie &amp;raquo;Venusflaum und &amp;ndash;schaum und darunter schl&amp;auml;frige Nacktschnecken&amp;laquo;. Das hingebungsvolle, stellenweise leider arg bem&amp;uuml;ht wirkende Schwelgen in Metaphern, das sich keineswegs auf die Umschreibung menschlicher Geschlechtsteile und Beischlafpraktiken beschr&amp;auml;nkt, zieht sich wie ein roter Faden durch den Roman und demonstriert die grunds&amp;auml;tzliche (Ver)Formbarkeit und Relativit&amp;auml;t von Sprache und menschlichen Beziehungen, eines der zentralen Themen in Lehrs Werk.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Trotz aller Aff&amp;auml;ren und Liebschaften bleibt die &amp;raquo;camilloide Struktur des Universums&amp;laquo; f&amp;uuml;r Georg unver&amp;auml;ndert bestehen, wobei er sich keine Illusionen dar&amp;uuml;ber macht, dass er sich letztlich aus einigen &amp;uuml;ber die Jahre verstreuten Begegnungen eine Frau erfindet, die mit der Realit&amp;auml;t, mit der Camille, die schlie&amp;szlig;lich in Heidelberg verheiratet ist, zwei Kinder hat und ein gutb&amp;uuml;rgerliches Leben f&amp;uuml;hrt, nichts mehr gemeinsam hat. Er selbst nennt diesen Vorgang, den der Leser in &lt;em&gt;&lt;em&gt;Nabokovs Katze &lt;/em&gt;&lt;/em&gt;in zahlreichen Windungen und Schlaufen hautnah verfolgen kann, eine &amp;raquo;Kolonisation der Erinnerung&amp;laquo;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Auf Don Quijottes Spuren&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u82/Nabokovs%20Katze_neu.jpg&quot; style=&quot;float: left; margin: 20px; width: 200px; height: 340px;&quot; /&gt;Jene Berechenbarkeit, ja Ausrechenbarkeit des eigenen Daseins, die Georg bei Sartre, der Mathematik, beim Film und nicht zuletzt den Frauen zu finden erhofft, ist zum Scheitern verurteilt. Die Logik triumphiert nicht &amp;uuml;ber die Libido, aber die Libido triumphiert auch nicht &amp;uuml;ber die Logik. Georg ist vielmehr zwischen diesen beiden ihn ma&amp;szlig;geblich bestimmenden Polen bis ans Romanende eingeklemmt. Thomas Lehr versucht dabei anhand seines Protagonisten zu ergr&amp;uuml;nden, wie weit ein Mensch bereit sein kann, jegliche (m&amp;uuml;hsam) errungene Stabilit&amp;auml;t im eigenen Lebensplan zugunsten einer selbst geschaffenen Fiktion aufzugeben, alles hinter sich zu lassen und dem Wahnsinn in all seiner Negativit&amp;auml;t, aber eben auch Positivit&amp;auml;t, zu erliegen. Wenn Georg im sechsten Teil des Romans &amp;uuml;ber Nacht seine Frau verl&amp;auml;sst und einzig aus dem Grund nach Mexiko aufbricht, weil Camille seiner Meinung nach indianische Z&amp;uuml;ge tr&amp;auml;gt, die er dort wiederzufinden hofft, ist endlich jene Schwelle &amp;uuml;berschritten, &amp;uuml;ber die vor vierhundert Jahren bereits Cervantes&amp;rsquo; ber&amp;uuml;hmter &amp;rsaquo;Ritter von La Mancha&amp;lsaquo;&amp;nbsp;ging &amp;ndash; und nicht mehr zur&amp;uuml;ckkehrte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die tiefe Verunsicherung, die &lt;em&gt;Nabokovs Katze&lt;/em&gt; beim Leser hinterl&amp;auml;sst, liegt in der im Roman aufgezeigten M&amp;ouml;glichkeit begr&amp;uuml;ndet, dass jede zwischenmenschliche Beziehung auf einer (beiderseitigen) Erfindung, einer stark einsturzgef&amp;auml;hrdeten Konstruktion basieren k&amp;ouml;nnte. Jedes Aufeinanderzugehen, jede k&amp;ouml;rperlich-geistige Durchdringung w&amp;auml;re insofern einem ewigen Kampf mit Windm&amp;uuml;hlen gleichzusetzen. Abschlie&amp;szlig;end l&amp;auml;sst sich festhalten, dass &lt;em&gt;Nabokovs Katze&lt;/em&gt; dem Leser neben der eingangs erw&amp;auml;hnten Passage auf dem Dach des World Trade Centers rund um Georgs und Camilles Schicksal eine so vielschichtige, spannende, lehrreiche und nicht zuletzt traurig-fr&amp;ouml;hliche Geschichte pr&amp;auml;sentiert, dass die Lekt&amp;uuml;re sich auch (und gerade) heute, &amp;uuml;ber zehn Jahre nach der Erstver&amp;ouml;ffentlichung, uneingeschr&amp;auml;nkt empfiehlt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;em&gt;Thomas Lehr: Nabokovs Katze. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag, 2002 (2. Aufl.). 511 Seiten. ISBN3-7466-1741-3. 10,- Euro.&lt;/em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
</description>
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/k%C3%A4mmerlings">Kämmerlings</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Mon, 23 Jan 2012 12:06:42 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Grischka Grauert</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4785 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
</item>
<item>
 <title>Im Berg</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/im-berg</link>
 <description>&lt;p&gt;Ein Autor kriecht &amp;raquo;den Lichtern der Grubenlampen entgegen&amp;laquo; und hat eine Erleuchtung: Die Literatur ist wie ein Bergwerk. &amp;raquo;Sie war doch auch etwas wie Schichten und Stollen und Querschl&amp;auml;ge und Fahrten und verbrochene Strecken, und ein Feld darin hie&amp;szlig; &amp;rsaquo;Romantik&amp;lsaquo; und eine Strecke &amp;rsaquo;E. T. A. Hoffmann&amp;lsaquo;, und die n&amp;auml;chste Generation setzt da fort, wo die letzte aufgeh&amp;ouml;rt hatte ...&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Dann besucht er eine Tanzveranstaltung, &amp;raquo;darin sich in einem Rhythmus an- und abschwellenden L&amp;auml;rms aus erregten Rufen und Reden und Einbr&amp;uuml;chen scharrender Ger&amp;auml;usche etwas Ungutes vorzubereiten begann&amp;laquo; ... &amp;raquo;&amp;rsaquo;Dies ist der Seele wunderliches Bergwerk&amp;lsaquo;, h&amp;ouml;rte ich den Doktor einen Vers Rilkes wie als Kommentar zu Freud paraphrasieren&amp;laquo;. Eine f&amp;uuml;rchterliche Schl&amp;auml;gerei hebt an, und danach, &amp;raquo;derma&amp;szlig;en unbeteiligt erscheinend, dass man wu&amp;szlig;te, sie war Anlass des Kampfes gewesen, st&amp;uuml;rzte eine aufgedunsene rothaarige Frau schwer zu bestimmenden Alters ... ein Seidel Bier in sich hinein, die Beine beim Trinken weit gespreizt und den Scho&amp;szlig; zur Vorderkante des Stuhles geschoben ...&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Autor geht heim. &amp;raquo;In der T&amp;uuml;r stie&amp;szlig; ich mit der Rothaarigen zusammen, sie trug nun eine Kunstlederjoppe, grellrot, mit dicken gr&amp;uuml;nen W&amp;uuml;lsten &amp;uuml;ber den Schultern und unter der H&amp;uuml;fte ... und wir sahen uns einen Augenblick an, eins im j&amp;auml;hen Erkennen des andern, dann trennten uns die Nachdr&amp;auml;ngenden. &amp;ndash; Vom Doktor erfuhr ich, ohne dass ich ihn fragte, ihren Namen: Regina Kuypers, sie wohne im &amp;auml;u&amp;szlig;ersten Winkel der Altstadt, schon vor der Mauer, zwischen Alt- und Neustadt, in einer recht verrufenen Gegend, die allgemein nur &amp;rsaquo;dort drunten&amp;lsaquo; hie&amp;szlig;.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/poser_kairo.jpg&quot; style=&quot;width: 600px; height: 432px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;small&gt;B&amp;uuml;ste im &amp;Auml;gyptischen Museum Kairo (Foto: Manfred Poser, 1994)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ist das nicht wunderbar? Die Literatur als Graben im Unbewussten und die Lockung des grellen Weibs als Verk&amp;ouml;rperung alles Verdr&amp;auml;ngt-Triebhaften. Was an Georg B&amp;uuml;chner denken l&amp;auml;sst, wurde 1983 geschrieben, in der DDR. &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_F%C3%BChmann&quot;&gt;Franz F&amp;uuml;hmann&lt;/a&gt;, der am 15. Januar 90 Jahre alt geworden w&amp;auml;re, untertitelte sein Fragment &lt;em&gt;Im Berg&lt;/em&gt; mit &amp;raquo;Bericht eines Scheiterns&amp;laquo;. Im Juli des folgenden Jahres ist er gestorben und bleibt einer der weniger bekannten Autoren Ostdeutschlands. Er hat sich abgequ&amp;auml;lt mit dem Klassenbewusstsein des Schriftstellers und der Suche nach einem Ort f&amp;uuml;r ihn &amp;ndash; und unter der Erde, im Bergwerk, fand er eine Art Heimat. F&amp;uuml;hmann war ein Nachfahre der Romantiker.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Novalis&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Nun gehen wir zu diesen zur&amp;uuml;ck, 200 Jahre zur&amp;uuml;ck. &lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/mit-novalis-durchs-jahr&quot;&gt;Novalis&lt;/a&gt;, der Freiherr von Hardenberg (1772&amp;ndash;1801), studierte ab 1797 an der Bergakademie in Freiberg und arbeitete danach in der Salinendirektion Wei&amp;szlig;enfels an der Saale als Bergwerksingenieur. Dort wurde er zum Salinenassessor ernannt. Sein Roman &lt;em&gt;Heinrich von Ofterdingen&lt;/em&gt; blieb unvollendet. Im Kapitel f&amp;uuml;nf sagt ein alter Eremit dem Helden Heinrich: &amp;raquo;Wie ruhig arbeitet dagegen der arme gen&amp;uuml;gsame Bergmann in seinen tiefen Ein&amp;ouml;den, entfernt von dem unruhigen Tumult des Tages, und einzig von Wissbegier und Liebe zur Eintracht beseelt. Er gedenkt in seiner Einsamkeit mit inniger Herzlichkeit seiner Genossen und seiner Familie und f&amp;uuml;hlt immer erneuert die gegenseitige Unentbehrlichkeit und Blutsverwandtschaft der Menschen.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Alte rezitiert ein Gedicht, das er aus seiner Jugend kennt. Man kann sich nicht helfen, dahinter einen anderen Sinn zu sp&amp;uuml;ren und es etwa &amp;rsaquo;tongue in cheek&amp;lsaquo; zu lesen, wie der Engl&amp;auml;nder sagt: mit Humor. Vielleicht hat es Novalis Spa&amp;szlig; gemacht, &amp;uuml;ber den Bergmann zu sprechen und Sexualit&amp;auml;t zu meinen. So lesen wir es probeweise.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der ist der Herr der Erde,&lt;br /&gt;
	Wer ihre Tiefen misst,&lt;br /&gt;
	Und jeglicher Beschwerde&lt;br /&gt;
	In ihrem Scho&amp;szlig; vergisst.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wer ihrer Felsenglieder&lt;br /&gt;
	Geheimen Bau versteht,&lt;br /&gt;
	Und unverdrossen nieder&lt;br /&gt;
	Zu ihrer Werkstatt geht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Er ist mit ihr verb&amp;uuml;ndet,&lt;br /&gt;
	Und inniglich vertraut,&lt;br /&gt;
	Und wird von ihr entz&amp;uuml;ndet,&lt;br /&gt;
	Als w&amp;auml;r&amp;rsquo; sie seine Braut.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;[...]&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Er trifft auf allen Wegen&lt;br /&gt;
	Ein wohlbekanntes Land,&lt;br /&gt;
	Und gern kommt sie entgegen&lt;br /&gt;
	Den Werken seiner Hand.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ihm folgen die Gew&amp;auml;sser&lt;br /&gt;
	H&amp;uuml;lfreich den Berg hinauf;&lt;br /&gt;
	Und alle Felsenschl&amp;ouml;sser,&lt;br /&gt;
	Tun ihre Sch&amp;auml;tz&amp;rsquo; ihm auf.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Das Pumpwerk im Unbewussten&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Die Sexualit&amp;auml;t ist die heilige Hochzeit, der &lt;em&gt;hieros gamos&lt;/em&gt; der Griechen. Geist und Seele kommen zusammen, Yang und Yin, doch sicher ist es &amp;ndash; wie in der Literatur &amp;ndash; die im Unten angesiedelte Seele, die dabei die Oberhand beh&amp;auml;lt. Es ist plakativ, aber es ist so: Die Frau als die Seelenhafte empf&amp;auml;ngt den Mann, der in die Tiefen ihres Geschlechts eindringen muss, was auch zur literarischen Bilderwelt der Grotten und Schl&amp;uuml;nde, H&amp;ouml;hlen und Kl&amp;uuml;fte gef&amp;uuml;hrt hat. Literatur ist die Suche nach unserem Kern, die Suche nach Gott in uns, und die Liebe ist Religion und die Suche nach Gott im anderen, und nur M&amp;auml;nner k&amp;ouml;nnen das metaphorisch als Reise in den Berg gestalten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/lbbm_sulzburg.jpg&quot; style=&quot;width: 600px; height: 403px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;small&gt;Erotik im Fl&amp;ouml;z. Abeiter im fr&amp;uuml;heren Kalibergwerk Buggingen (&lt;a href=&quot;http://www.sulzburg.de/tourismus_freizeit/sehen_erleben/landesbergbaumuseum&quot;&gt;Landesbergbaumuseum Sulzburg/Baden&lt;/a&gt;, mit freundlicher Genehmigung)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Sigmund_Freud&quot;&gt;Sigmund Freud&lt;/a&gt; geh&amp;ouml;rt das Verdienst, hier Klarheit geschaffen zu haben. Er sch&amp;auml;tzte den 1887 erschienenen Roman &lt;em&gt;She: A History of Adventure&lt;/em&gt; (deutsch: &lt;em&gt;Sie&lt;/em&gt;) des englischen Autors &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Rider_Haggard&quot;&gt;Henry Rider Haggard&lt;/a&gt; (1856&amp;ndash;1925) und reichte ihn an &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Gustav_Jung&quot;&gt;Carl Gustav Jung&lt;/a&gt; weiter, der darin seine Gedanken best&amp;auml;tigt fand. Das Buch um die unsterbliche G&amp;ouml;ttin Ayesha hatte Jahrzehnte unerh&amp;ouml;rten und unerkl&amp;auml;rlichen Erfolg.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood schrieb 2002 in einem Vorwort zu dem Buch: &amp;raquo;Er [Haggard] konnte eine Probebohrung direkt im Unbewussten des englischen Viktorianischen Zeitalters vornehmen, wo &amp;Auml;ngste und W&amp;uuml;nsche &amp;ndash; besonders m&amp;auml;nnliche &amp;Auml;ngste und W&amp;uuml;nsche &amp;ndash; in der Dunkelheit wie blinde Fische umherschw&amp;auml;rmen ...&amp;laquo;. Der britische Kritiker V. S. Pritchett (1900&amp;ndash;1997) hatte zuvor am&amp;uuml;siert &amp;uuml;ber H. Rider Haggards Ruhm bemerkt: &amp;raquo;E. M. Forster sagte einmal, der Romancier senke einen Eimer ins Unbewusste hinab. Haggard installierte da ein wahres Pumpwerk. Er zapfte das ganze Reservoir der geheimen W&amp;uuml;nsche seiner Leser an.&amp;laquo; Beim &amp;uuml;bern&amp;auml;chsten Mal m&amp;uuml;ssen wir die Sache mit &lt;em&gt;She&lt;/em&gt; weiter vertiefen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/im-berg#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse/ausrei%C3%9Fversuche">Ausreißversuche</category>
 <pubDate>Thu, 19 Jan 2012 23:01:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Marcel Diel</dc:creator>
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 <title>Die ästhetischste Müllkippe der Welt</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/die-%C3%A4sthetischste-m%C3%BCllkippe-der-welt</link>
 <description>&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Die Redaktion der Kritischen Ausgabe w&amp;uuml;hlt sich tiefer in Richard K&amp;auml;mmerlings pers&amp;ouml;nlichen Literaturkanon und f&amp;ouml;rdert Erstaunliches zu Tage: Rainals Goetz &lt;em&gt;Abfall f&amp;uuml;r alle&lt;/em&gt;, ein Text, der 14 Jahre zu fr&amp;uuml;h erschien und schon 1998 am Puls der heutigen Zeit war; ein Werk f&amp;uuml;r und aus dem Internet, &amp;uuml;ber Gedankenabfall und an den Grenzen des Sagbaren.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;h2 class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Abfall f&amp;uuml;r Alle&lt;em&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/qawqfq_1.png&quot; style=&quot;margin: 20px; float: right; width: 239px; height: 600px;&quot; /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/h2&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Einer tanzt auf der &amp;raquo;M&amp;uuml;llkippe&amp;laquo; namens Deutschland und betrachtet die Reste popul&amp;auml;rer Kultur: Rainald Goetz, geboren 1954. Er studierte in M&amp;uuml;nchen und Paris Geschichte, Theaterwissenschaft und Medizin. Das Studium der Geschichte sowie der Medizin schlo&amp;szlig; Goetz jeweils mit einer Promotion ab. Seit 1983 ver&amp;ouml;ffentlicht Goetz Romane, Erz&amp;auml;hlungen, Theaterst&amp;uuml;cke, Berichte, etc. und wurde aufgrund seines literarischen Schaffens nach Frankfurt als Poetikdozent berufen. F&amp;uuml;r sein Gesamtwerk wurde Goetz mit dem Berliner Literaturpreis 2012 ausgezeichnet. Legend&amp;auml;r wurde Goetz bereits 1983 durch seinen Auftritt beim Ingeborg Bachmann Preis, den er nach Aufschneiden der eigenen Stirn, blut&amp;uuml;berstr&amp;ouml;mt beendete.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Dieser provozierende, wissbegierige Autor bietet in diesem Roman ein modernes Gedankenarchiv des allt&amp;auml;glichen Lebens, in dem Zeitungsartikel und Fernsehsendungen gleichwertig neben Theatervorf&amp;uuml;hrungen und Museumsausstellungen versammelt sind. In seinem &amp;OElig;uvre stellt &lt;em&gt;Abfall f&amp;uuml;r alle: Roman eines Jahres&lt;/em&gt; einen Versuch dar private Erlebnisse f&amp;uuml;r die &amp;Ouml;ffentlichkeit zug&amp;auml;nglich zu machen. Auf knapp 900 Seiten schreibt Goetz einen Rundgang durch die Erlebnisse eines Jahres und fragt sich dabei permanent selber nach der M&amp;ouml;glichkeit des Sagbaren.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Digital Nation 98&lt;/h2&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Erstaunlich an &lt;em&gt;Abfall f&amp;uuml;r alle&lt;/em&gt; ist die Tatsache, dass Goetz damit bereits 1998 ein Format schuf, das irgendwo zwischen Poesiealbum, Tagebuch, Facebook und Twitter die Grenzen des Interessanten und des Nervigen f&amp;uuml;r sich selbst und das literarische Publikum auslotet. Denn &lt;em&gt;Abfall f&amp;uuml;r alle&lt;/em&gt; ist zun&amp;auml;chst ein Internet-Tagebuch. Als solches verfasst, erscheint es bereits optisch als vom Buch unterschieden. Digitale vierstellige Zahlen markieren die Uhrzeiten der Niederschrift. Wochentag, Datum, Ort des Geschehens, alles wird gespeichert, eingetippt, in einem flie&amp;szlig;enden Textdokument versammelt.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;span style=&quot;color:#696969;&quot;&gt;&lt;em&gt;&amp;raquo;2324. K&amp;uuml;che aufger&amp;auml;umt. Harald Wieser mit Juhnke bei Jauch. Davor die Programmpl&amp;auml;tze des Fernhsehers neu geordnet. Davor ein Wigald Boning&lt;br /&gt;
		Protr&amp;auml;t in Spiegel Interview. Danach ein Film &amp;uuml;ber Spielmaschinen in den&lt;br /&gt;
		USA.&lt;/em&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;		&lt;span style=&quot;color:#696969;&quot;&gt;&lt;em&gt;warum lesen Sie&lt;br /&gt;
		nicht mal wieder n Buch?&lt;br /&gt;
		das Wetter&lt;/em&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;		&lt;span style=&quot;color:#696969;&quot;&gt;&lt;em&gt;meint Ulrich Wickert, zum Abschlu&amp;szlig; seiner Tagesthemen. Im Anschlu&amp;szlig; an&lt;br /&gt;
		den Bericht von der Leipziger Buchmesse.&amp;laquo; &lt;/em&gt;(S. 140/41)&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Von Ein-Wort-Eintr&amp;auml;gen, &amp;uuml;ber Einkaufszettel und andere Nebens&amp;auml;chlichkeiten, schafft Goetz es immer wieder intellektuelle H&amp;ouml;hen zu erklimmen und spektakul&amp;auml;re Reflexionsschleifen eing&amp;auml;nglich darzustellen. Diese synchronistische Daten-Darstellung kommt zun&amp;auml;chst befremdlich daher, da der Leser in diesem &amp;rsaquo;Pool-of-Consciousness&amp;lsaquo; einen langen Atem braucht, um Land zu sehen. Doch die Leuchtt&amp;uuml;rme der Pop-Kultur retten vor dem Untergang, denn fr&amp;uuml;her oder sp&amp;auml;ter taucht eine Referenz&amp;nbsp; auf, die den Leser wieder auf Kurs setzt.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Texttrotz&lt;/h2&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Eindrucksvoll decken sich bei der Lekt&amp;uuml;re von Abfall f&amp;uuml;r alle die Probleme des Lesers mit denen des Erz&amp;auml;hlers. Das Verh&amp;auml;ltnis von Fiktion und Realit&amp;auml;t, subjektiv und objektiv und eben Produktion und Rezeption werden umfassend behandelt und machen diesen Roman zu einer sehr intensiven Lekt&amp;uuml;re.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;p&gt;
	&lt;span style=&quot;color:#696969;&quot;&gt;&lt;em&gt;&amp;raquo;630. Pl&amp;ouml;tzlich kams mir: da&amp;szlig; das FIKTIVE nat&amp;uuml;rlich der Ort des PRIVATEN ist. Da ist es dann sozial gehalten und gefa&amp;szlig;t. Und da&amp;szlig; das Nichtfikitive, das sozusagen AUTHENTISCHE f&amp;uuml;rs ALLGEMEINE zust&amp;auml;ndig w&amp;auml;re. Also genau umgekehrt als man doch im ersten Moment so denken w&amp;uuml;rde, ganz automatisch auch denkt. Blo&amp;szlig; ein unklarer Instinkt einem sagt: irgendwas daran stimmt nicht so ganz. Daran hatte ich vor Morgengrauen rum gemacht, ergebnislos, an diesem Problem. Immer verzwirbelter. Unter der Dusche l&amp;ouml;ste sich das dann auf, im Wasser, ja. (&amp;hellip;) Gerade solche Allgemeinheiten sind ja zugleich das Allerprivateste. (&amp;hellip;) Blo&amp;szlig; ob sie f&amp;uuml;r andere genauso wichtig sind wie f&amp;uuml;r einen selber im Moment, ist sehr die Frage. &amp;laquo;&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;/span&gt; &lt;span style=&quot;color:#696969;&quot;&gt;(S. 125)&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Die titelgebende Frage nach dem Abfall ist die Frage nach dem Standort der Kunst innerhalb der zeitgen&amp;ouml;ssischen Welt. Gibt es eine Grenze zwischen High-Culture und Low-Culture? Ist eine Unterscheidung &amp;uuml;berhaupt zul&amp;auml;ssig? Und nat&amp;uuml;rlich: Liegt die Kunst im Objekt selbst oder im Verst&amp;auml;ndnis des Betrachters?&lt;/p&gt;
&lt;blockquote class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;p&gt;
	&lt;span style=&quot;color:#696969;&quot;&gt;&lt;em&gt;&amp;bdquo;Das Fernsehen ist DER &amp;ouml;ffentliche Raum &amp;uuml;berhaupt, &amp;uuml;ber allen, f&amp;uuml;r alle, das Firmament. Was jeder sehen kann, wie er will, nach vollkommen eigenem Ermessen, nach eigener Lust.&amp;rdquo;&lt;/em&gt; (S. 120)&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Abfall f&amp;uuml;r alle bietet eine programmatische Antwort auf diese Fragen, indem der Erz&amp;auml;hler mit sich selbst &amp;uuml;ber diese M&amp;ouml;glichkeiten und Standpunkte diskutiert, mit sich hadert, verwirft und neu ausprobiert. Die Kunst von Goetz&amp;nbsp; ist die Gabe der reflektierenden Beobachtung. In dem er darstellt ohne zu werten kann er Grenzen &amp;uuml;berwinden. Alles ist gleichwertig, alles hat die Berechtigung zum &amp;Auml;sthetischen. Doch wohin damit? Nat&amp;uuml;rlich auf den M&amp;uuml;ll, dann kann sich jeder rauspicken, was ihm am besten gef&amp;auml;llt.&lt;/p&gt;
&lt;h2 class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	ALLgemein&lt;/h2&gt;
&lt;blockquote class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;p&gt;
	&lt;span style=&quot;color:#696969;&quot;&gt;&lt;em&gt;&amp;raquo;1133. Andere machen Post, gehen mit dem Hund raus oder bringen ihre Kinder in die Schule. Ich mache Abfall. Und werde davon im guten Fall ruhiger, konzentrierter und geordneter f&amp;uuml;r die eigentliche Arbeit am Text.&amp;laquo;&lt;/em&gt;&amp;nbsp; (S. 129)&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/5047892_5047892_xl.jpg&quot; style=&quot;width: 200px; height: 310px; float: left; border-width: 0pt; border-style: solid; margin: 20px;&quot; /&gt;Die Pointe dieses &lt;em&gt;Roman(s) eines Jahres&lt;/em&gt; ist, dass sich Goetz ausgerechnet f&amp;uuml;r den Abfall entscheidet. &lt;em&gt;Abfall f&amp;uuml;r alle ist&lt;/em&gt; eine M&amp;uuml;llkippe f&amp;uuml;r Gesagtes, Gedachtes, Erlebtes, Verschwiegenes, das eben doch mitgeteilt werden will. F&amp;uuml;r das es keinen Ort gibt an dem es abgelegt werden k&amp;ouml;nnte, ausser in diesem Abfall-Format der Literatur. Das abweichende Format sowie die sprachliche und stilistische Rafinesse erzeugen den Eindruck von Anarchie im Text, als Text. &lt;em&gt;Abfall f&amp;uuml;r alle&lt;/em&gt; verwirft die geltenden Regeln der Kunst und probiert v&amp;ouml;llig Neues aus. Wild, chaotisch, zuweilen gehetzt teilt der Erz&amp;auml;hler seine Eindr&amp;uuml;cke mit. Pr&amp;auml;sentiert dem Leser schnelle Bilderfolgen, wie ein 90er-Jahre Technoclip. Immer mehr immer weiter immer schneller. Alles ist Kunst alles ist M&amp;uuml;ll: alles ist f&amp;uuml;r alle!&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;em&gt;Goetz, Rainald: Abfall f&amp;uuml;r Alle. Roman eines Jahres (Online-Tagebuch, 1998/99, 5.5.). Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1999. 864 Seiten. ISBN 987-3-518-45542-5. Euro 19,50.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/k%C3%A4mmerlings">Kämmerlings</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Wed, 18 Jan 2012 20:16:04 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
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 <title>»Man denkt noch rasch an Geld und solche Dinge«</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BBman-denkt-noch-rasch-geld-und-solche-dinge%C2%AB</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Das 23. Heft der &amp;raquo;Kritischen Ausgabe&amp;laquo; (&amp;raquo;K.A.&amp;laquo;) wird sich dem Themenschwerpunkt &amp;raquo;Geld&amp;laquo; widmen. Damit wendet sich die &amp;raquo;K.A.&amp;laquo; einem Begriffsfeld zu, dessen anhaltende Aktualit&amp;auml;t gerade mit Blick auf die finanzpolitischen Entwicklungen in Europa au&amp;szlig;er Frage steht. Aber nicht nur politisch ist dieses Thema immer wieder aktuell und wird es wohl auch im Jahr 2012 bleiben. Auch in Literaturproduktion und -wissenschaft hat es in den letzten Jahren gleicherma&amp;szlig;en verst&amp;auml;rkte Beachtung gefunden.Prominente Beispiele sind Christof Magnussons Roman &lt;em&gt;Das war ich nicht&lt;/em&gt; oder der Essay &lt;em&gt;Das Gespenst des Kapitals&lt;/em&gt; des Berliner Literaturwissenschaftlers Joseph Vogl. &amp;raquo;Geld&amp;laquo; wurde jedoch nicht erst nach der Jahrtausendwende als literarisches Thema entdeckt. Bereits im 18. Jahrhundert entwickelte es sich zu einem der gro&amp;szlig;en Motive der Literatur.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Der 1919 gestorbene, &amp;ouml;sterreichische Schriftsteller Peter Altenberg schrieb: &amp;raquo;Geld ist eine vollkommen gleichwertige Kraft zur Erhaltung unseres Organismus wie unsere &amp;uuml;brige Nervenkraft. Es ist ganz ebenso ein Erzeuger, Erhalter, Steigerer unserer Gesamt-Lebens-Energien.&amp;laquo; Geld ist also nicht lediglich ein Thema, das von der Literatur in vielf&amp;auml;ltiger Weise aufgegriffen wird, die Beziehung zwischen beiden ist komplexer, sind doch beide Mittel, die demselben Zweck dienen: dem Austauschen von Inhalten und dem Transport von Werten vermittelt durch bestimmte Zeichen. Und noch etwas wird in den Worten Peter Altenbergs deutlich: die Schnittstelle zwischen Geld und Pers&amp;ouml;nlichkeit bzw. das spannungsreiche Verh&amp;auml;ltnis zwischen Individualit&amp;auml;t und Kapitalismus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	F&amp;uuml;r ihr n&amp;auml;chstes Themenheft sucht die &amp;raquo;Kritische Ausgabe&amp;laquo; wissenschaftliche Beitr&amp;auml;ge, die sich dem oben skizzierten Thema widmen und es nicht nur aus literaturwissenschaftlichem Blickwinkel beleuchten, sondern sich dem Thema &amp;raquo;Geld&amp;laquo; auch aus der Perspektive anderer wissenschaftlicher Disziplinen n&amp;auml;hern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Wir m&amp;ouml;chten Sie zun&amp;auml;chst bitten, Ihr Thema in einem &lt;strong&gt;kurzen Expos&amp;eacute;&lt;/strong&gt; von etwa 3.500 Zeichen (inklusive Leerzeichen) zu skizzieren. Bitte schicken Sie dieses Expos&amp;eacute; bis einschlie&amp;szlig;lich &lt;strong&gt;Mittwoch, den 29.02.2012,&lt;/strong&gt; an: &lt;a href=&quot;mailto:heft@kritische-ausgabe.de&quot;&gt;heft@kritische-ausgabe.de&lt;/a&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	Sie erhalten dann bis zum &lt;strong&gt;31.03.2012&lt;/strong&gt; eine &lt;strong&gt;R&amp;uuml;ckmeldung &lt;/strong&gt;zu ihrem Expos&amp;eacute;, in der wir Sie ggf. um einen ausf&amp;uuml;hrlich formulierten Beitrag bitten, den Sie bitte sp&amp;auml;testens am &lt;strong&gt;31.05.2012&lt;/strong&gt; einreichen. Der Text sollte einen Umfang von 18.000 Zeichen (inklusive Leerzeichen und Anmerkungsapparat) nicht &amp;uuml;berschreiten. Erscheinungstermin des Heftes: Oktober 2012.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Wir freuen uns auf Ihre Beitr&amp;auml;ge!&lt;br /&gt;
	&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BBman-denkt-noch-rasch-geld-und-solche-dinge%C2%AB#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/gesamt/redaktion">Redaktion</category>
 <pubDate>Tue, 17 Jan 2012 07:00:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Ute Friederich</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4780 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
</item>
<item>
 <title>Einfältig? Nein, präzise, nüchtern &amp; sensibel! </title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/einf%C3%A4ltig-nein-pr%C3%A4zise-n%C3%BCchtern-sensibel</link>
 <description>&lt;p&gt;&amp;raquo;Die Erde dreht sich, und man kann nur warten, da&amp;szlig; sie sich weiterdreht und sich dadurch die Perspektive &amp;auml;ndert, so da&amp;szlig; man die Dinge eben auch mal wieder anders sieht.&amp;laquo; Insgesamt 29 kleinere und gr&amp;ouml;&amp;szlig;ere Perspektivwechsel, verpackt als Simple Storys, bilden beziehungsweise entschl&amp;uuml;sseln auf 320 Seiten den &lt;em&gt;Roman aus der ostdeutschen Provinz&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren, lebte vier Jahre in Altenburg, dem Hauptschauplatz seines 1998 im Berlin Verlag erschienenen Romans. Im selben Jahr erhielt er daf&amp;uuml;r den Berliner Literaturpreis mit Johannes-Bobrowski-Medaille.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Obschon sich viele Gr&amp;uuml;nde f&amp;uuml;r den Erfolg des Romans und dessen &lt;em&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/qawqfq_1.png&quot; style=&quot;margin: 20px; float: right; width: 239px; height: 600px;&quot; /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/em&gt;Auszeichnung finden lassen, wird schnell deutlich: Die &amp;auml;u&amp;szlig;ere Handlung ist keiner davon. Hat man diese und die Zusammenh&amp;auml;nge zwischen den etwa 20 Protagonisten erst einmal entwirrt und zusammengepuzzelt, wird man schmerzlich feststellen, dass man daran seine Zeit verschwendet hat &amp;ndash; sie sind einzig Instrument des Erz&amp;auml;hlers. Ingo Schulzes Intention, die Auswirkungen der Wende in Ostdeutschland, im von ihm gew&amp;auml;hlten Zeitraum von 1990 bis 1997, aufzuzeigen, erreicht den Leser auch ohne sie.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Die Geschichte einer Entwicklung, besser gesagt eines Zusammenbruches, des ehemaligen SED-Mitglieds Ernst Meurer wird auff&amp;auml;llig deutlich und aufwendig in den Roman eingeflochten. Ihm wird aufgrund eines noch vor der Wende verfassten Leserbriefs die Zugeh&amp;ouml;rigkeit zur Stasi nachgesagt, worauf er seine Arbeit als Schuldirektor k&amp;uuml;ndigt und aus der Partei austritt. Nachdem er im Februar 1990 auf einer Italienreise mit dieser Vergangenheit konfrontiert wird, setzen bei ihm Misstrauens- und Verschw&amp;ouml;rungs&amp;auml;ngste ein. Diese erreichen ihren H&amp;ouml;hepunkt mit Meurers Warnschuss aus seiner Gaspistole im Treppenhaus, mit dem er sich endg&amp;uuml;ltig Ruhe verschaffen will, und enden mit der anschlie&amp;szlig;enden Einweisung in die Psychiatrie. So platt bekommt der Leser die Akte Meurer selbstverst&amp;auml;ndlich nicht vorgelegt. Sie bildet sich aus Reiseberichten oder Psychiatriebesuchen, berichtet aus immer wechselnden Perspektiven, langsam heraus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Oder nehmen wir eines der wenigen pers&amp;ouml;nlichen Aufeinandertreffen zwischen Ost- und Westdeutschland in der zweiten Story. Connie Schubert kellnert im &amp;raquo;Wenzel&amp;laquo; &amp;ndash; Harry Nelson war ein gern gesehener Gast aus Frankfurt, der in der Gegend nach Bauland suchte. Diese Episode endet damit, dass Connie Schubert von Harry Nelson vergewaltigt wird und beide die Stadt nach kurzer Zeit in unterschiedliche Richtungen verlassen. Beide Personen tauchen im weiteren Verlauf nur noch als Randfiguren auf. Dennoch brennt sich die Geschichte ein. Vielleicht durch die prominente Stellung auf Nummer zwei, vielleicht dadurch, dass man schnell lernt Verkn&amp;uuml;pfungen zu erstellen oder alte F&amp;auml;den aufzugreifen und hier entt&amp;auml;uscht wird. Vielleicht aber auch, weil Connie zu den wenigen geh&amp;ouml;rt, die es rechtzeitig in den Westen geschafft haben und denen es dadurch besser ergeht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u82/Simple%20Storys_neu.JPG&quot; style=&quot;float: left; margin: 20px; width: 200px; height: 315px;&quot; /&gt;Doch mehr als diese sparsamen Informationen, die vom Erz&amp;auml;hler &amp;auml;u&amp;szlig;erst pr&amp;auml;zise gesetzt werden, braucht es nicht, um ein Gef&amp;uuml;hl f&amp;uuml;r die Bitterkeit, den Zerfall und die Problematiken der Zeit nach der Wende zu erhalten. Dass, wie beispielsweise in Ernst Meurers Fall, aus immer wechselnden Perspektiven auf die Geschehnisse geblickt wird, verbindet die Erz&amp;auml;hlungen ebenso geschickt miteinander, wie deren klarer und punktgenauer Stil.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Man trifft als Leser nur vereinzelt auf starke Gef&amp;uuml;hle oder gar innere Monologe, auch wenn in 16 der 29 Storys ein Ich-Erz&amp;auml;hler zu Wort kommt. Selbst die Wiedergabe unfassbarer Todesf&amp;auml;lle, wie dem des verkannten Schriftstellers Enrico Friedrich, der nach einem Selbstmord im Treppenhaus von seinen Nachbarn gefunden wird, ist n&amp;uuml;chtern und protokollarisch.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Friedrich lag eine Treppe h&amp;ouml;her unterm Fenster, das Gesicht nach unten, das rechte Bein unnat&amp;uuml;rlich verdreht. Erst nach einer Weile bemerkte ich das Blut, das ihm aus Mund und Nase lief. Sein linkes Auge war ge&amp;ouml;ffnet, das rechte nicht zu sehen. Niemand wollte Friedrich ber&amp;uuml;hren. [&amp;hellip;] Zuerst dachte ich, Friedrich habe wohl selbst gemerkt, da&amp;szlig; niemand sein Zeug lesen wollte, und sich deshalb kopf&amp;uuml;ber die Treppe heruntergest&amp;uuml;rzt. Petra sagte jedoch, das sei noch lange kein Grund, sich umzubringen.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;
	Eine weitere Besonderheit sind die Momente, in denen die Handlung durch das sensible Beobachten des Erz&amp;auml;hlers in den Hintergrund ger&amp;uuml;ckt wird. In &amp;raquo;Kapitel 16 &amp;ndash; B&amp;uuml;chsen&amp;laquo; trifft Schwesternsch&amp;uuml;lerin Jenny auf Marianne Schubert, mit deren Mann sie noch bis zu seinem Tod eine Aff&amp;auml;re hatte und sie unterhalten sich. Wor&amp;uuml;ber ist egal. Das Wesentliche ist die Aspirintablette im Wasserglas, die immer wieder das Gespr&amp;auml;ch unterbricht:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Sie zog das Glas zu sich heran und lie&amp;szlig; eine Aspirintablette aus der Verpackung ins Wasser fallen. [&amp;hellip;] Beide Frauen beobachteten die Aspirintablette, die sich am Glasboden wie eine Flunder bewegte. [&amp;hellip;] &amp;raquo;Wie Brausepulver&amp;laquo;, sagte Jenny. [&amp;hellip;] Die Tablette schwamm an der Oberfl&amp;auml;che. Einzelne St&amp;uuml;cke l&amp;ouml;sten sich ab und trieben zum Rand. Aus dem Glas spr&amp;uuml;hte es auf den Briefumschlag. [&amp;hellip;] Die Frau hielt das Glas mit der aufgel&amp;ouml;sten Tablette in der Hand. [&amp;hellip;] In dem leeren Glas war von der Tablette ein schmaler wei&amp;szlig;er Ring zur&amp;uuml;ckgeblieben. [&amp;hellip;] &amp;raquo;Ist Ihnen besser &amp;ndash; mit der Aspirin?&amp;laquo;&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;
	Nimmt man sich also die Zeit, alle Handlungsstr&amp;auml;nge und Konstellationen aufzul&amp;ouml;sen und den Roman anschlie&amp;szlig;end ein zweites Mal zu lesen, gleicht dieser das Entwirren und Puzzeln mit all seinen Besonderheiten aus und Erfolg und Auszeichnungen erweisen sich als durchaus angemessen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	&lt;em&gt;Schulze, Ingo: Simple Storys. Ein Roman aus der ostdeutschen Provinz. M&amp;uuml;nchen: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1999. 320 Seiten. ISBN 978-3-423-12702-8. Euro 9,90.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
	&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
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 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/einf%C3%A4ltig-nein-pr%C3%A4zise-n%C3%BCchtern-sensibel#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/k%C3%A4mmerlings">Kämmerlings</category>
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 <pubDate>Mon, 16 Jan 2012 07:00:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator />
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 <title>Gekommen um zu bleiben?</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/gekommen-um-zu-bleiben-1</link>
 <description>&lt;p&gt;Es ist kein gro&amp;szlig;es Geheimnis, da&amp;szlig; sich Gegenwartsliteratur weder als Ganzes erfassen noch sinnvoll kategorisieren l&amp;auml;&amp;szlig;t. Zu gro&amp;szlig; ist die Zahl der j&amp;auml;hrlichen Ver&amp;ouml;ffentlichungen, zu un&amp;uuml;bersichtlich die verschiedenen Str&amp;ouml;mungen. Anders als bei zeitlich weiter zur&amp;uuml;ckliegenden Publikationen, haben hier noch wenige Kr&amp;auml;fte gesiebt. Umso bemerkenswerter ist es immer wieder, wenn ein Kritiker wie zuletzt der Feuilletonredakteur der Welt Richard K&amp;auml;mmerlings mit seinem Buch &lt;em&gt;Das kurze Gl&amp;uuml;ck der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit `89&lt;/em&gt; eben diesen Versuch unternimmt, einen ersten &amp;Uuml;berblick zu bieten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Da&amp;szlig; dabei ein vor allem pers&amp;ouml;nlicher Einblick in die deutschsprachige Literatur aus etwas &amp;uuml;ber 20 Jahren herauskommt, wundert kaum. So betont &amp;nbsp;K&amp;auml;mmerlings in dem schmalen B&amp;auml;ndchen wiederholt, da&amp;szlig; einzelne B&amp;uuml;cher ihn selbst besonders gepr&amp;auml;gt haben, und so wird klar, warum einige Texte st&amp;auml;rkere Beachtung finden als andere, an die man selber vielleicht gedacht h&amp;auml;tte. Dennoch versucht er zu verdeutlich, was f&amp;uuml;r ihn Kriterien eines guten Romans sind. Seine Hauptforderung an Gegenwartsliteratur ist, da&amp;szlig; sie die Gegenwart verhandeln soll. Interessanterweise beginnt er das erste Kapitel, &amp;raquo;Jeschichte wird gemacht: Berlin als Topos des Terrors&amp;laquo;, jedoch nicht mit B&amp;uuml;chern, die &amp;uuml;ber die Gegenwart im strengen Sinne berichten, denn mit Terror ist, wenig verwunderlich, der Naziterror des vergangenen Jahrhunderts gemeint.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p style=&quot;margin-left:35.4pt;&quot;&gt;Der Gegenwartsroman der fr&amp;uuml;hen neunziger Jahre ist daher zuallererst ein Vergangenheitsroman, denn die R&amp;uuml;ckkehr dieser Vergangenheit war gerade ein Teil dieser Gegenwart.&lt;em&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/qawqfq_1.png&quot; style=&quot;margin: 20px; float: right; width: 239px; height: 600px;&quot; /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Somit wird klar, da&amp;szlig; er mit Gegenwart auch eine gewisse Kollektiverfahrung seiner Generation meint, die f&amp;uuml;r uns heute eine solch pr&amp;auml;gende Bedeutung verloren haben d&amp;uuml;rfte: Es ist schwer, Marcel Beyers recht komplexen Roman &lt;em&gt;Flughunde&lt;/em&gt; die Relevanz beizumessen, die K&amp;auml;mmerlings ihm gibt. Indem er darstellt, da&amp;szlig; hier ein Buch vorliegt, das &amp;raquo;angesichts der realen, neu zug&amp;auml;nglichen Topographie [...] selbst Arbeit am neuen Berlin Mythos&amp;laquo; ist, verdeutlicht er, da&amp;szlig; die NS-Vergangenheit damals besonders in die Gegenwart ragte: &amp;raquo;Beyers Roman reagiert seismographisch auf das Geschichtsgef&amp;uuml;hl der neunziger Jahre.&amp;laquo; Daran, da&amp;szlig; &lt;em&gt;Flughunde&lt;/em&gt; eigentlich ein historischer Roman ist &amp;ndash; der intelligent ist, aber kaum ber&amp;uuml;hrt &amp;ndash; &amp;auml;ndert diese Einordnung in die damalige Gegenwart kaum etwas, seine Wichtigkeit f&amp;uuml;r die damalige Zeit k&amp;ouml;nnen wir K&amp;auml;mmerlings heute nur glauben oder nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Seine Aufz&amp;auml;hlung, er wisse &amp;raquo;einfach nicht, was Julia Francks &lt;em&gt;Mittagsfrau&lt;/em&gt;, Daniel Kehlmanns &lt;em&gt;Vermessung der Welt&lt;/em&gt; oder Tellkamps &lt;em&gt;Turm&lt;/em&gt; mit der Gegenwart zu tun haben&amp;laquo;, k&amp;ouml;nnte man heute um Beyers &lt;em&gt;Flughunde &lt;/em&gt;guten Gewissens erweitern. Andererseits gilt f&amp;uuml;r &amp;Uuml;berbleibsel der DDR das gleiche wie f&amp;uuml;r das, was er f&amp;uuml;r Berlin der 90er Jahre feststellt: &amp;raquo;In Berlin ragen die Reste einer immer noch nicht bew&amp;auml;ltigten Vergangenheit in die Gegenwart.&amp;laquo; Warum, so dr&amp;auml;ngt sich beim Lesen auf, pa&amp;szlig;t also Tellkamps Roman dann nicht auf gleiche Weise in sein Gegenwartskonzept?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sieht man jedoch von seinem nicht immer nachvollziehbaren Beharren auf der Forderung nach Gegenw&amp;auml;rtigkeit der Literatur ab, erweist sich sein Einblick in die letzten Jahre deutschsprachiger Gegenwartsliteratur als sehr erhellend. Spannend sind nicht nur seine Erinnerungen an schon fast wieder Vergessenes, sondern nat&amp;uuml;rlich auch Hinweise auf Nichtwahrgenommenes. Aufgabe des Kritikers ist es, die neuen B&amp;uuml;cher zu sichten und zwischen Lob, Verri&amp;szlig; oder Nichtbeachtung zu entscheiden. Die Tendenz, Rezensionen im Daumen-hoch oder -runter Modus zu verfassen und B&amp;uuml;cher nicht weiter einzuordnen, hat in Zeiten von Amazonkundenrezensionen leider oft auch in Tageszeitungen Einzug gehalten und so fordern Rezensenten scheinbar immer seltener von sich, das gesamte Werk eines Autors gesichtet zu haben. Mitunter schaffen sie es sicher einfach auch aus Zeitmangel nicht, umfangreichere B&amp;uuml;cher in gleicher Genauigkeit wie schmalere zu betrachten, wie &lt;a href=&quot;http://jungle-world.com/artikel/2010/04/40262.html&quot;&gt;J&amp;ouml;rg Sundermeier in einem Artikel &lt;/a&gt;vergangenes Jahr andeutete. Konsequent ist K&amp;auml;mmerlings Versuch also vor allem auch in der Hinsicht, sich f&amp;uuml;r einen &amp;Uuml;berblick mehr Zeit und Raum zu geben, als dieser in den Tageszeitungen gegeben w&amp;auml;re, und somit auch alte F&amp;auml;den aus seinen Rezensionen wieder aufzunehmen.&lt;/p&gt;
&lt;h2&gt;
	K&amp;auml;mmerlings und die Literatur&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;K&amp;auml;mmerlings betrachtet die Literatur vor allem anhand von Themen des Zeitgeschehens seit 1989. Auf das Kapitel &amp;uuml;ber &amp;raquo;Berlin als Topos des Terrors&amp;laquo; folgen acht weitere Kapitel, die sich u. a. mit der Frage, warum Krieg in der deutschen Literatur trotz z.B. des Jugoslawienkonflikts kein Thema sei, der Wiedervereinigung oder zeitlosen Themen wie dem Tod besch&amp;auml;ftigen. Mit jedem der Abschnitte fokussiert K&amp;auml;mmerlings die Darstellung von vier bis f&amp;uuml;nf Werken, oft lobend, mitunter auch kritisierend, wenn sie zum Beispiel seiner Meinung nach das Thema knapp verfehlten, das er als das eigentliche Hauptthema erwarten w&amp;uuml;rde.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Seine Reise durch die Literatur der letzten Jahre schreibt K&amp;auml;mmerling in lockerem, mitunter s&amp;uuml;ffigem Ton und man merkt ihm seine Lust an der Literatur an. Da&amp;szlig; er hierbei auch gezielt den Wiederspruch sucht, zeigt, wie er seine Forderungen an die Literatur, die er im Vorwort ausf&amp;uuml;hrt, formuliert:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p style=&quot;margin-left:35.4pt;&quot;&gt;&lt;span style=&quot;color:#696969;&quot;&gt;&lt;em&gt;Das Historische im Roman darf kein Selbstzweck sein, schon gar nicht nur bunte Kulisse, sondern muss immer auch &amp;raquo;Vorgeschichte&amp;laquo; des Heute sein, wie eine Krankheit oder ein Verbrechen eine Vorgeschichte hat.&lt;/em&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Das schreibt er, nicht ohne zuvor &amp;auml;u&amp;szlig;erst pr&amp;auml;gnant &lt;em&gt;In seiner fr&amp;uuml;hen Kindheit ein Garten &lt;/em&gt;von Christoph Hein oder &lt;em&gt;Die Mittagsfrau&lt;/em&gt; von Julia Franck niedergeb&amp;uuml;gelt zu haben. Franck schildere in ihrem Roman &amp;raquo;eine Weimarer Republik [...], die wie von einem Kost&amp;uuml;mfilm &amp;uuml;ber die Goldenen Zwanziger abgepinselt wirkt.&amp;laquo; Das macht Freude und verspricht eine unterhaltsame Lekt&amp;uuml;re seines Buches.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mitunter sind die in den einzelnen Kapiteln fokussierten B&amp;uuml;cher zu ausf&amp;uuml;hrlich beschrieben und man h&amp;auml;tte sich einen breiteren Einblick in die Literaturproduktion der verhandelten Jahre gew&amp;uuml;nscht. So stellt er selbst fest, da&amp;szlig; &amp;raquo;moderne Klassiker&amp;laquo; wie Christa Wolf, Martin Walser oder Peter Handke &amp;raquo;zu kurz gekommen&amp;laquo; sind. Doch geh&amp;ouml;ren sie nicht zu dem, was er &amp;raquo;im weitesten Sinne als Zeitgenossenschaft&amp;laquo; empfindet. Dabei w&amp;auml;re gerade der Blick auf einen modernen Klassiker, den er in seiner Erkl&amp;auml;rung interessanterweise ausl&amp;auml;&amp;szlig;t, nicht minder wichtig, wenn man die gegenw&amp;auml;rtige Auseinandersetzung mit der Geschichte des Naziterrors als gegenw&amp;auml;rtig akzeptiert: In &lt;em&gt;Beim H&amp;auml;uten der Zwiebel&lt;/em&gt; beschreibt G&amp;uuml;nter Grass deutlich intensiver die Nazizeit als Marcel Beyer. Grass&amp;lsquo; Buch ist zugleich eine Auseinandersetzung mit dieser und das Eingestehen der eigenen Schuld, was ihn offensichtlich Jahrzehnte sp&amp;auml;ter noch besch&amp;auml;ftigt. Damit ist dieser Text gegenw&amp;auml;rtiger als Marcel Beyers &lt;em&gt;Flughunde&lt;/em&gt;, denn man sollte nicht vergessen, da&amp;szlig; gerade Grass durch seine in &lt;em&gt;Beim H&amp;auml;uten der Zwiebel &lt;/em&gt;umkreiste Mitgliedschaft in der Waffen-SS und die darauf folgenden Diskussionen Gegenwart erzeugte, wie es Literatur nur selten gelingt. Hier war weniger die Gegenwart Ausl&amp;ouml;ser f&amp;uuml;r den Roman als dieser Ausl&amp;ouml;ser einer breiten Debatte, die auch vor Leuten nicht verborgen blieb, die sich sonst kaum mit Literatur besch&amp;auml;ftigen.&lt;/p&gt;
&lt;h2&gt;
	Die besten zehn B&amp;uuml;cher der letzten 20 Jahre&lt;/h2&gt;
&lt;p&gt;Daneben bietet auch der von ihm aufgelistete Kanon von zehn B&amp;uuml;chern (der Klappentext k&amp;uuml;ndigt diese als die &amp;raquo;besten zehn B&amp;uuml;cher der letzten 20 Jahre&amp;laquo; an), die er wiederum explizit als rein pers&amp;ouml;nlichen betrachtet, Gelegenheit zu einem wunderbar produktiven Streiten. Thomas Hettches &lt;em&gt;Die Liebe der V&amp;auml;ter&lt;/em&gt; zum Beispiel, das er ausgiebig thematisiert und den er auch als einen herausragenden Autor immer wieder &amp;ndash; oft sehr kritisch &amp;ndash; behandelt, ist in seiner Liste eine Leerstelle, &amp;uuml;ber die zu sprechen w&amp;auml;re. Aber das Sch&amp;ouml;ne an seinem Buch ist eben, da&amp;szlig; man dar&amp;uuml;ber diskutieren kann, welche Publikationen nun als die wichtigsten Titel der Gegenwartsliteratur der letzten Jahre zu gelten haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Anla&amp;szlig;, sich die zehn B&amp;uuml;cher genauer anzusehen, ist sein Text allemal. Dies greifen die Redakteure der Kritischen Ausgabe in unterschiedlichen Herangehensweisen auf, indem sie die B&amp;uuml;cher wieder- oder neulesen. Unsere Meinungen zu lesen und gegebenenfalls auch zu diskutieren, m&amp;ouml;chten wir Sie in unserem Onlineschwerpunkt einladen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Richard K&amp;auml;mmerlings: Das kurze Gl&amp;uuml;ck der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit `89. Stuttgart: Klett-Cotta 2011. 208 Seiten. ISBN: 978-3-608-94607-9. 16,95 Euro.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <pubDate>Wed, 11 Jan 2012 17:39:49 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Benedikt Viertelhaus</dc:creator>
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 <title>Faust und das Ewig-Weibliche</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/faust-und-das-ewig-weibliche</link>
 <description>&lt;p&gt;&lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/k%C3%B6rper-geist-und-seele&quot;&gt;K&amp;ouml;rper, Geist und Seele&lt;/a&gt;: Daran kn&amp;uuml;pfe ich an. Eine wichtige Gestalt der deutschen Literatur &amp;uuml;berschreibt seine Seele dem Teufel. Der Film &lt;a href=&quot;http://youtu.be/iqkoLV81E3c&quot;&gt;&lt;em&gt;Faust&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; des Russen Alexander Sokurow bekam am 11. September 2011 den Goldenen L&amp;ouml;wen der Filmfestspiele von Venedig. Michael Fassbender spielt den Faust in dem auf Deutsch gedrehten Film. Weitere Darsteller: Florian Br&amp;uuml;ckner und Hanna Schygulla. Es geht um einen Sexs&amp;uuml;chtigen, und wenn man las, der Regisseur habe den Stoff &amp;raquo;ziemlich frei behandelt&amp;laquo;, sollte das wohl bedeuten, dass von Goethes nach Wissen gierendem Geist, der seine Seele dem Mephisto verkauft, nicht viel &amp;uuml;brig geblieben ist.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Vorbild f&amp;uuml;r den Doktor Faustus k&amp;ouml;nnte der gnostische Prophet, Wundert&amp;auml;ter und Zauberer &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Simon_Magus&quot;&gt;Simon Magus&lt;/a&gt; gewesen sein, von dem in der Apostelgeschichte ein Wortgefecht mit Petrus &amp;uuml;berliefert ist. &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Jonas&quot;&gt;Hans Jonas&lt;/a&gt; (1903&amp;ndash;1993) schreibt in seinem Buch &lt;em&gt;Gnosis&lt;/em&gt;, &amp;raquo;dass Simon in der lateinischen Umwelt den Beinamen &lt;em&gt;Faustus&lt;/em&gt; (&amp;rsaquo;der Beg&amp;uuml;nstigte&amp;lsaquo;) benutzte: dies zeigt, gemeinsam mit seinem st&amp;auml;ndigen Beinamen &amp;rsaquo;der Magier&amp;lsaquo; und der Tatsache, dass er von einer Helena begleitet wurde, die, wie er behauptete, die wiedergeborene Helena von Troja war, dass wir hier eine der Quellen der Faustlegende der fr&amp;uuml;hen Renaissance vor uns haben.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Bei Goethe trifft Faust Helena im dritten Akt des zweiten Teils. Ihr Sohn Euphorion (gezeugt mit Achilleus) wurde von Zeus, dessen Liebe er nicht erwiderte, durch einen Blitz get&amp;ouml;tet und bittet seine Mutter: &amp;raquo;Lass mich im Jenseits nicht allein.&amp;laquo; Sie klagt noch: &amp;raquo;Zerrissen ist des Lebens wie der Liebe Band. / Bejammernd beide, sag&amp;rsquo; ich schmerzlich Lebewohl. / [...] Persephoneia, nimm den Knaben auf und mich.&amp;laquo; Sie umarmt Faust und l&amp;auml;sst ihm seine Gew&amp;auml;nder zur&amp;uuml;ck.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Gnosis war fr&amp;uuml;her als das Christentum, wollte aber dennoch christlich sein. Simon Magus war ein Rivale der Apostel, und er machte keine halben Sachen: Er gab sich als die h&amp;ouml;chste Gotteskraft aus, noch &amp;uuml;ber den Weltsch&amp;ouml;pfer erhaben, und seine Helena war &amp;raquo;die aus den oberen Himmeln herabgef&amp;uuml;hrte Weisheit, die Mutter des Alls&amp;laquo;. Hans Jonas &amp;auml;u&amp;szlig;ert sich bewundernd &amp;uuml;ber Simons &amp;rsaquo;Unverfrorenheit&amp;lsaquo;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Helena oder Luna geh&amp;ouml;rte zu einem Kreis von 30 Sch&amp;uuml;lern des Dositheos (30 f&amp;uuml;r jeden Tag des Monats), den Simon entmachtete, wobei auch Helena ihm zufiel. Also lie&amp;szlig; er sich danach als Zeus, Helena als Athene verehren. Dass Simon sie aus einem Bordell in Tyros geholt habe, brachte der christliche Autor &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Iren%C3%A4us_von_Lyon&quot;&gt;Iren&amp;auml;us&lt;/a&gt; in Umlauf. Die Christen taten, was sie konnten, um Simon in Verruf zu bringen.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Die &lt;em&gt;Anima&lt;/em&gt; kann auch eine Hure sein&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;Der Schweizer Psychologe &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Gustav_Jung&quot;&gt;Carl Gustav Jung&lt;/a&gt; (1875&amp;ndash;1961) erw&amp;auml;hnt die Iren&amp;auml;us-Version in seinem Aufsatz &lt;em&gt;Seele und Erde&lt;/em&gt; (1927). Darin spekuliert er &amp;uuml;ber die Seele und stellt den Begriff vor, mit dem er bekannt wurde: den &lt;em&gt;Archetypus&lt;/em&gt;. Archetypen sind der erdgebundene Anteil der Seele, vererben sich mit der Hirnstruktur und sind der Anteil, mit dem die Seele &amp;ndash; &amp;raquo;ein ausgedehntes Gebiet sogenannter psychischer Ph&amp;auml;nomene&amp;laquo; &amp;ndash; mit der Natur verhaftet ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wir leben sozusagen seelisch im oberen Stockwerk eines Hauses, das nach unten hin immer &amp;auml;lter wird und dessen Fundamente wom&amp;ouml;glich aus der R&amp;ouml;merzeit stammen. Jung spricht von der &lt;em&gt;Anima&lt;/em&gt;, die, weiblich gestimmt, die Emotionen des Mannes beherrscht, und vom &lt;em&gt;Animus&lt;/em&gt;, der die Frau unterirdisch leitet, wie es in China die himmlische Schen- und die irdische Gui-Seele gibt.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;Steinfigur im Etruskerort Tarquinia (Foto: Manfred Poser)&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/poser_tarquinia.jpg&quot; style=&quot;width: 600px; height: 401px;&quot; /&gt;&lt;small&gt;Steinfigur im Etruskerort Tarquinia nordwestlich von Rom. (Foto: Manfred Poser)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Anima sei ein &amp;raquo;&amp;uuml;berindividuelles Bild, das bei vielen, individuell sehr verschiedenen M&amp;auml;nnern genau &amp;uuml;bereinstimmende Z&amp;uuml;ge aufweist, so dass man beinahe einen bestimmten Typus Frau daraus rekonstruieren k&amp;ouml;nnte. Auffallend ist, dass diesem Typus das M&amp;uuml;tterliche im gew&amp;ouml;hnlichen Sinne des Wortes durchaus fehlt. Sie ist Gef&amp;auml;hrtin und Freundin im g&amp;uuml;nstigsten Falle, im ung&amp;uuml;nstigsten ist sie eine Hure.&amp;laquo; Das alte Zerrbild Heilige/Hure, das Ewig-Weibliche!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Der Philosoph &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Leisegang&quot;&gt;Hans Leisegang&lt;/a&gt; (1890&amp;ndash;1951) widmet in seinem Buch &lt;em&gt;Die Gnosis&lt;/em&gt; dem Simon Magus 50 Seiten. Die Gnosis wurde nach Christi Kreuzigung in vielen Abwandlungen bis zum Jahr 300, vor allem durch den Perser &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Mani_%28Religionsstifter%29&quot;&gt;Mani&lt;/a&gt;, zu einer Weltreligion. Das Christentum sah sich in Bedr&amp;auml;ngnis. Was mich nun an der Gnosis und f&amp;uuml;r diesen Beitrag interessiert, ist die weibliche Komponente der Lehre.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Leisegang erw&amp;auml;hnt Simons drei Prinzipien: den m&amp;auml;nnlichen Geist, den weiblichen Gedanken (die &amp;rsaquo;Ennoia&amp;lsaquo; oder &amp;rsaquo;Sophia&amp;lsaquo;) und dazwischen, im Luftraum, den mannweiblichen Weltsch&amp;ouml;pfer. Bei Xenokrates und den Pythagoreern entl&amp;auml;sst der Weltgeist oder Sch&amp;ouml;pfer (als die 1) &amp;raquo;die Zweiheit aus sich heraus [...] Diese Zweiheit ist die Weltseele; sie ist die G&amp;ouml;ttermutter [...] Der Weltgeist als das m&amp;auml;nnliche Prinzip und die Weltseele als das den Geist in sich aufnehmende weibliche bringen als ihren Sohn den Kosmos hervor.&amp;laquo; Hier hat die Frau ihre Rolle bei der Entstehung der Welt.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	Die verschwundene Prophetin&lt;/h5&gt;
&lt;p&gt;In dem Buch Leisegangs wird auch erw&amp;auml;hnt, dass es in Griechenland den Typus der Prophetin gab. &amp;raquo;In allen Mysterien kam der Frau eine f&amp;uuml;hrende Rolle zu.&amp;laquo; Der Dionysoskult, eine mystische Bewegung, wurde von Frauen getragen, und die Weissagung oder Interpretation von Zeichen (Mantik) wurde ausge&amp;uuml;bt &amp;raquo;von Pythien, Kassandren und Sibyllen, die vom g&amp;ouml;ttlichen Pneuma befruchtet mit &amp;rsaquo;rasendem Munde&amp;lsaquo;, ohne ihrer eigenen Sinne m&amp;auml;chtig zu sein, ihre Prophezeiungen ausstie&amp;szlig;en&amp;laquo;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wo es sich um Ekstase oder Mystik handelte, war die Frau pr&amp;auml;sent. Und im gnostischen Weisheitsbuch &lt;em&gt;Pistis Sophia&lt;/em&gt; (zwischen dem 2. und 5. Jahrhundert geschrieben), in dem Jesus seine Rettung der Sophia beschreibt, d&amp;uuml;rfen Maria, Martha und Salome ungeniert sich am Gespr&amp;auml;ch beteiligen wie auch Johannes, Philipp und Petrus, und letzterer beklagt sich sogar &amp;uuml;ber Maria, die &amp;raquo;dauernd redet und keinen zu Wort kommen l&amp;auml;sst&amp;laquo;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Noch einmal Hans Leisegang: &amp;raquo;So ist die Rolle, die Helena in der Simonlegende spielt, von hier aus wohl zu verstehen, w&amp;auml;hrend sie dem Juden durchaus anst&amp;ouml;&amp;szlig;ig erscheinen musste; denn hier hatte die Frau in der Religion und der Religionsaus&amp;uuml;bung so gut wie nichts zu sagen; sie war zeitweise unrein, und Priesterin konnte sie niemals werden.&amp;laquo; Auch bei den Christen nahmen M&amp;auml;nner die Sache in die Hand, und Ekstase, Mystik und Schw&amp;auml;rmerei hatten keinen Platz mehr.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;Eine Frau auf dem Berg (Foto: Manfred Poser)&quot; src=&quot;/sites/default/files/u84/poser_saentis.jpg&quot; style=&quot;width: 600px; height: 338px;&quot; /&gt;&lt;small&gt;Eine Frau auf dem Berg (S&amp;auml;ntis-Massiv, Herbst 2005. Foto: Manfred Poser)&lt;/small&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Frauen durften zuh&amp;ouml;ren, konnten vielleicht noch einen Orden gr&amp;uuml;nden, Heilige werden oder ein paar Stigmata vorzeigen, die von M&amp;auml;nnern peinlich genau unter die Lupe genommen wurden. Dabei liegt auf dem Grund der Religion eigentlich das Mysterium. Davon wissen M&amp;auml;nner wenig. Die Seele und die Frau oder das Dunkle und die Frau, vom Manne aus betrachtet, wird uns hier noch eine Weile besch&amp;auml;ftigen.&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse/ausrei%C3%9Fversuche">Ausreißversuche</category>
 <pubDate>Thu, 05 Jan 2012 23:01:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Marcel Diel</dc:creator>
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 <title>»Das Mittelalter ist eine fremde Zeit, die fasziniert.« </title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BBdas-mittelalter-ist-eine-fremde-zeit-die-fasziniert%C2%AB</link>
 <description>&lt;p&gt;Rebecca Gabl&amp;eacute; ist seit Jahren ein Name auf deutschen Bestsellerlisten. Ihre historischen Romane entf&amp;uuml;hren den Leser ins englische Mittelalter und die fr&amp;uuml;he Renaissance. Nicht zuletzt durch ihre sorgf&amp;auml;ltige Recherche wird die Zeit der Ritter und Burgen in ihren Texten wieder lebendig. Mit der Kritischen-Ausgabe sprach Gabl&amp;eacute; anl&amp;auml;sslich des Erscheinens des Heftes &amp;raquo;Zeit&amp;laquo; (NR. 21) &amp;uuml;ber die Fremdheit einer Vergangenen Epoche und die M&amp;ouml;glichkeiten eines Autors, diese Lesern zug&amp;auml;nglich zu machen.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Kritische Ausgabe&lt;/strong&gt;: Warum glauben Sie, dass historische Romane bei den Lesern in der heutigen Zeit so erfolgreich sind?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Rebecca Gabl&amp;eacute;&lt;/strong&gt;: Das hat nat&amp;uuml;rlich auch etwas mit Eskapismus zu tun. Alles was schrecklich ist in historischen Romanen &amp;ndash; Pest, Krieg mit Schwertern Mann gegen Mann, Obrigkeitswillk&amp;uuml;r oder Hungerwinter &amp;ndash; bedroht uns in Westeuropa heutzutage nicht. Andersherum gab es im Mittelalter nicht, was uns heute bedroht. Es ist eine fremde Welt, in die man sich reinfallen lassen und dabei wirklich seinen eigenen Alltag v&amp;ouml;llig vergessen kann. Aber ich glaube, es gibt noch einen zweiten Grund. Leser wollen in Historischen Romanen auch etwas &amp;uuml;ber die Vergangenheit lernen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.&lt;/strong&gt;: Ist es dabei das spezifisch Historische der jeweiligen Zeit, was den Leser anspricht? Oder sind es am Ende doch &amp;uuml;berzeitliche Themen, durch die der Leser eine Verbindung zur heutigen Zeit herstellen kann?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Gabl&amp;eacute;&lt;/strong&gt;: Ich glaube, es ist durchaus beides. Das Mittelalter ist eine fremde Zeit, die fasziniert. Die Neugierde auf die Vergangenheit geht dabei immer mit den Fragen einher: &amp;raquo;Wie sind wir geworden, was wir sind?&amp;laquo;, &amp;raquo;Wo sind die Wurzeln all dessen?&amp;laquo;. Zum anderen ist es immer wieder spannend zu entdecken, dass es universelle Themen gibt, die im Mittelalter schon genauso aktuell waren, wie sie es heute sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.:&lt;/strong&gt; Sie haben einmal in einem Interview gesagt, Sie w&amp;uuml;rden lieber heute leben als im Mittelalter. Ihr aktueller Roman, &lt;em&gt;Der dunkle Thron&lt;/em&gt;, spielt ein bisschen sp&amp;auml;ter, in der Renaissance. Wie ist es denn mit dieser Zeit?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Gabl&amp;eacute;&lt;/strong&gt;: (lacht) Finde ich noch viel schlimmer als das Mittelalter. Die Renaissance war viel brutaler. Es wurden mehr Menschen verbrannt und es kommen schauderhafte neue Hinrichtungsmethoden auf. Das ist das Absto&amp;szlig;ende neben all den Fortschritten, dem Prunk und der Pracht &amp;ndash; eine Art merkw&amp;uuml;rdige Dekadenz im pr&amp;auml;chtigen Gewand. Da ist mir das Mittelalter viel lieber, das ist direkter, es ist ehrlicher.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/Gable2_0.png&quot; style=&quot;width: 200px; height: 348px; margin: 20px; float: right;&quot; /&gt;&lt;strong&gt;K.A.&lt;/strong&gt;: Sie haben sich als Autorin mit beiden Epochen ausf&amp;uuml;hrlich besch&amp;auml;ftigt und sogar mit &lt;em&gt;Von Ratlosen und L&amp;ouml;wenherzen&lt;/em&gt; ein historisches Sachbuch &amp;uuml;ber das Mittelalter geschrieben. War es f&amp;uuml;r Sie dabei schwierig, sich in eine fremde Zeit einzuf&amp;uuml;hlen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Gabl&amp;eacute;&lt;/strong&gt;: Man entwickelt dabei nat&amp;uuml;rlich eine gewisse Routine als Autor. Aber so richtig schwer gefallen ist es mir mit dem Mittelalter eigentlich von Anfang an nicht. Meinen ersten historischen Roman, &lt;em&gt;Das L&amp;auml;cheln der Fortuna&lt;/em&gt;, habe ich ja zum Spa&amp;szlig; geschrieben, als ich noch Studentin war. Da habe ich mich mit Wonne ins 14. Jahrhundert gew&amp;uuml;hlt und versucht mir vorzustellen, wie das war, wie sich das angef&amp;uuml;hlt hat, wie das gerochen hat, wie sich das angeh&amp;ouml;rt hat &amp;ndash; das hat mich immer eher befl&amp;uuml;gelt. Bei der Recherche zu &lt;em&gt;Der dunkle Thron&lt;/em&gt; gab es da schon Unterschiede; allein die Masse an Quellen nach der Erfindung des Buchdrucks. Jeder, der irgendwie meinte, er h&amp;auml;tte was mitzuteilen, hat es drucken lassen. Es war eine Art von Geschw&amp;auml;tzigkeit, die mich sehr ans Internet erinnert. Das hat mich ein bisschen erschlagen zu Anfang.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.&lt;/strong&gt;: Wie &amp;uuml;berbr&amp;uuml;cken Sie in Ihren Texten die Distanz zwischen Gegenwart und Vergangenheit f&amp;uuml;r den Leser?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Gabl&amp;eacute;&lt;/strong&gt;: Ich versuche Distanz gar nicht erst aufkommen zu lassen. Gerade bei einem so umfangreichen Buch ist die Identifikation mit den Figuren wichtig. Es ist mir ein Anliegen zu zeigen, dass die Menschen nicht so grundlegend anders waren, als wir es heute sind. Auch verwende ich keine altert&amp;uuml;mliche Sprache, sondern streue nur ab und&amp;nbsp; mittelalterliche Worte ein. Das baut Atmosph&amp;auml;re auf, ohne den Leser zu befremden. Immerhin verbinden wir, Leser und Verfasser, mit dem Mittelalter vor allem vertraute romantische Vorstellungen, mit denen wir in unserer Kindheit aufgewachsen sind. &amp;raquo;Der Prinz und die Prinzessin auf der Burg&amp;laquo;, das ist kultureller Bodensatz. Auch tats&amp;auml;chliche Romantik ist wichtig. Die Frage &amp;raquo;Kriegen sie sich oder kriegen sie sich nicht?&amp;laquo; baut Spannung auf und ist eine Einladung an die Leser, sich mit den Figuren zu identifizieren.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.&lt;/strong&gt;: Vor Identifikation ist nat&amp;uuml;rlich auch ein Autor nicht gefeit. Mussten Sie sich beim Schreibprozess auch ab und an zur&amp;uuml;cknehmen, um auf eine historisch kritischere Ebene zur&amp;uuml;ckzukehren?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Gabl&amp;eacute;&lt;/strong&gt;: Graham Greene hat gesagt, Identifikation f&amp;uuml;r den Autor sei schlecht. Aber ich sehe das anders, also ich tu das (lacht). Eine Gefahr steckt nat&amp;uuml;rlich durchaus darin. Als Autorin entwickelt man von Buch zu Buch bestimmte Techniken, mit denen man Objektivit&amp;auml;t wahrt. Ich fertige von meinen Hauptfiguren vor dem Schreibprozess sehr exakte Psychogramme an. Dadurch lerne ich sie genau kennen und laufe nicht Gefahr, dass sie mir davonlaufen. Solange ich die Figuren unter Kontrolle hab, hab ich auch die Welt, in der sie leben unter Kontrolle. Identifikation mit den Figuren, ja, aber der Gott in dem Universum ist die Autorin.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.&lt;/strong&gt;: Zieht es Sie nach Ihrem &amp;rsaquo;Ausflug&amp;lsaquo; in die Renaissance nun wieder zur&amp;uuml;ck in das Mittelalter oder vielleicht sogar in eine ganz andere, modernere Epoche?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Gabl&amp;eacute;&lt;/strong&gt;: Es sind auf jeden Fall die Geschichten des Mittelalters, die mich faszinieren. Es ist meine Lieblingsepoche. Den Schritt in die Renaissance habe ich als gro&amp;szlig;es Wagnis empfunden, wie das &amp;Uuml;berqueren einer Hemmschwelle. Als Autorin k&amp;ouml;nnte ich jetzt durchaus weiter in der Zeit gehen. Warum nicht einmal ins 17. Jahrhundert, wobei ich dabei im Moment noch das Problem hab, dass das die Epoche war, in der die M&amp;auml;nner angefangen haben, Per&amp;uuml;cken zu tragen. Ich kann mir wirklich keinen Helden vorstellen, der so aussieht. Ein historisches Werk wie &lt;em&gt;Von Ratlosen und L&amp;ouml;wenherzen&lt;/em&gt; werde ich aber so schnell nicht nochmal tun. Es hat mir riesengro&amp;szlig;en Spa&amp;szlig; gemacht, aber es war wahnsinnig viel Arbeit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.&lt;/strong&gt;: Angenommen, Sie w&amp;auml;ren im Besitz einer Zeitmaschine, die Sie ein einziges Mal benutzen k&amp;ouml;nnten. In welches Jahr und wohin soll die Reise gehen?&lt;br /&gt;
	&lt;strong&gt;Gabl&amp;eacute;&lt;/strong&gt;: Sommer 1330 nach London. Es war ein sch&amp;ouml;ner Sommer&amp;nbsp; und eine Aufbruchszeit, Edward III &amp;uuml;bernahm gerade die Macht, ein neuer, junger K&amp;ouml;nig, auf den alle ihre Hoffnungen setzten und ich glaube, das w&amp;auml;re eine gute Zeit gewesen, um sich einmal im Mittelalter umzuschauen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.&lt;/strong&gt;: Frau Gabl&amp;eacute;, wir bedanken uns ganz herzlich f&amp;uuml;r das Interview.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;h4&gt;
	&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/Unbenannt.png&quot; style=&quot;width: 156px; height: 199px; margin: 20px; float: left;&quot; /&gt;&lt;/h4&gt;
&lt;h4&gt;
	&amp;Uuml;ber Rebecca Gabl&amp;eacute;&lt;/h4&gt;
&lt;p&gt;Rebecca Gabl&amp;eacute;, geboren 1964 in Wickrath/M&amp;ouml;nchengladbach, studierte nach einer Ausbildung zur Bankkauffrau an der Heinrich-Heine-Universit&amp;auml;t D&amp;uuml;sseldorf Germanistik und Anglistik. 1995 erschien ihr erster kriminalroman &lt;em&gt;Jagdfieber&lt;/em&gt;. Ihren Durchbruch feierte Gabl&amp;eacute; 1997 mit dem historischen Roman &lt;em&gt;Das L&amp;auml;cheln der Fortuna. &lt;/em&gt;Neben einer Lehrt&amp;auml;tigkeit an der Heinrich-Heine Universit&amp;auml;t ver&amp;ouml;ffentlichte sie seither zahlreiche historische Romane, von denen die meisten zu Bestsellern wurden. Gabl&amp;eacute; ist Mitglied des Autorenkreis Quo Vadis und lebt in Wickrath.&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BBdas-mittelalter-ist-eine-fremde-zeit-die-fasziniert%C2%AB#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-portr%C3%A4t-interview">Literatur - Porträt &amp; Interview</category>
 <pubDate>Tue, 27 Dec 2011 20:45:34 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
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 <title>Total</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/total</link>
 <description>&lt;p&gt;Anscheinend hat Jan Brandt alles richtig gemacht: Sein schwergewichtiger Ostfriesland-Roman &lt;em&gt;Gegen die Welt&lt;/em&gt; ist fast durchg&amp;auml;ngig positiv, ja begeistert rezensiert worden. Dabei verbl&amp;uuml;ffen die literarischen Referenzen, die hergestellt werden. Weit f&amp;uuml;hrend in diesem Feld ist Edo Reents, der nicht nur einen (wie auch mir scheint naheliegenden) Bezug zu Frank Schulz herstellt, sondern mit Uwe Johnson, Thomas Mann (&amp;raquo;Die Rekapitulation dieser einseitigen Liebe geh&amp;ouml;rt zu den vielen Glanzst&amp;uuml;cken des Romans und ist der Homosexuellen-Schilderung von Hans Castorps Hippe-Erlebnis im &lt;em&gt;Zauberberg&lt;/em&gt; an Einf&amp;uuml;hlsamkeit und K&amp;uuml;hnheit &amp;uuml;berlegen&amp;laquo;) und gar Dostojewski (&amp;raquo;Die verschiedenen Spielarten des Gottsuchertums h&amp;auml;tten den Br&amp;uuml;dern Karamasow alle Ehre gemacht&amp;laquo;) winkt. Naja. Hier soll vor Allem hochgejazzt werden.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;	&lt;strong&gt;Erz&amp;auml;hlrahmen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Was wird erz&amp;auml;hlt? Daniel Kuper w&amp;auml;chst in der unaufregenden ostfriesischen Kleinstadt Jechiro auf. Zweimal bricht er auf r&amp;auml;tselhafte Weise zusammen:&lt;br /&gt;
	Zum ersten Mal 1986, im Alter von 12 Jahren. Er findet nach der Schule, in der er wieder seinem Peiniger Michael Rosing, genannt &amp;raquo;Eisen&amp;laquo; ausgeliefert war, sein Fahrrad angeschlossen mit fremdem Schloss und Schild mit einem Pfeil, der in ein Maisfeld weist. Sp&amp;auml;ter irrt er halbnackt im Schnee &amp;uuml;ber die Dorfstra&amp;szlig;e:&lt;/p&gt;
&lt;p style=&quot;margin-left:35.45pt;&quot;&gt;Er konnte sich an nichts erinnern. Nur das Schloss, das Schild an seinem Fahrrad, und dass er ins Maisfeld hineingegangen und dort auf eine Lichtung gesto&amp;szlig;en war. Dann hatte ihn das K&amp;auml;lteschockelement schockgefroren und zu einem Kind der Minuswelt werden lassen - der K&amp;ouml;rper von Raureif &amp;uuml;berzogen, die Augen hart wie Diamanten, die Gegenwart erstarrt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In der folgenden Zeit deliriert er v.a. von Au&amp;szlig;erirdischen, die ihn im Mais heimgesucht haben:&lt;/p&gt;
&lt;p style=&quot;margin-left:35.45pt;&quot;&gt;Eisen, Schloss, Schild, Fahrrad, Feld, Lichtung, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais, Mais [... es folgt 341 mal das Wort Mais] Mais, Mais, Mais, Lichtung, Feld, Fahrrad, Schild, Schloss, Eisen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Danach ist die Seite voll. Es ist die Seite 132 eine von 927 gez&amp;auml;hlten Seiten (am Anfang sind 6 nummerierte Seiten nur leer, am Ende des Buches noch einmal 6).&amp;nbsp; Was genau geschah, bleibt ungekl&amp;auml;rt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gegen Ende der Erz&amp;auml;hlung, mit 16, bricht Daniel bei einer Hausdurchsuchung in seinem Elternhaus, dem Haus des Drogeristen Bernhard &amp;raquo;Hard&amp;laquo; Kuper und seiner Frau Birgit erneut zusammen. Daniel, ist dabei erwischt worden, wie er versuchte, die zunehmend im Dorf auftauchenden rechtsradikalen Graffitis zu &amp;uuml;bermalen. Nun aber wird er mit einer neuen Art von Graffitis in Verbindung gebracht, die nachts leuchten und die Bausubstanz langsam aufl&amp;ouml;sen. Die Verd&amp;auml;chtigungen schaden nicht nur seinem Ansehen, sondern auch Hards Drogerie, die allerdings v.a. von der sich rapide ausbreitenden Schlecker-Kette in Bedr&amp;auml;ngnis kommt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Als Daniel (auf inzwischen S. 774) wieder erwacht, ist die Schriftfarbe des Romans in ein sich zunehmend zurechtdunkelndes Hellgrau verblichen. Damit (und das setzt sich auf den n&amp;auml;chsten Seiten bis zur Seite 852 gelegentlich so fort) soll vermutlich graphisch unterstrichen werden, dass er gelegentlich nicht ganz klar ist, nicht ganz klar kommt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Beide Zusammenbr&amp;uuml;che lassen sich mit dem in Jechiro sehr einflussreichen Bauunternehmer Rosing in Verbindung bringen, der mit rechtsradikalem Gedankengut den B&amp;uuml;rgermeisterposten in Jechiro anstrebt. Rosing, dessen Frau bei einem Autounfall ums Leben kam, zieht alleine seine 13-j&amp;auml;hrige, geistig zur&amp;uuml;ckgebliebene Tochter Wiebke und seinen Sohn Michael gro&amp;szlig;. Michael ist es&amp;nbsp; am Ende, der anscheinend Daniel Kupers Verderben herbeif&amp;uuml;hrt, indem er daf&amp;uuml;r sorgt, dass Daniel verd&amp;auml;chtigt wird, in ein Zelt mit Jugendlichen getreten und gestochen zu haben. Daniel taucht daraufhin unter, wird schlie&amp;szlig;lich verhaftet und scheint am Ende der Polizei nun alles erz&amp;auml;hlen zu wollen, was vorher passiert ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Umrahmt werden die beiden Schl&amp;uuml;sselelemente von der Bekanntschaft Daniels mit Volker Mengs. Familie Mengs ist am Anfang des Romans nach Jechiro gezogen und der gesch&amp;auml;ftst&amp;uuml;chtige Drogerist Kuper l&amp;auml;dt den Lehrer mit seiner Familie zum Essen ein. Beim Versteckspielen entdecken Daniel und Volker Mengs das ultimative Versteck in Kupers Bungalow. Von dem aus er&amp;ouml;ffnet sich ein Blick auf das Dorf, der sich so liest:&lt;/p&gt;
&lt;p style=&quot;margin-left:35.45pt;&quot;&gt;Im Norden k&amp;ouml;nnte man das Komponistenviertel, die Ausschachtungen, die M&amp;uuml;lldeponie und die Kreisstadt sehen, im Westen die Bahngleise, das Stellwerk, die Molkerei und Schlachterei und den Hammrich dahinter, das Strandhotel, die Puddingfabrik dr&amp;uuml;ben am Deich, Im S&amp;uuml;den Petersens Poolhalle, den G&amp;uuml;terschuppen, Rosings Werkst&amp;auml;tten, den Raiffeisen-Markt&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;usw., eine Dreiviertel-Seite lang.&amp;nbsp; Wer dabei an die Listen-Wut von Rolf-Dieter Brinkmann oder die Listen-Verliebtheit von Alfred D&amp;ouml;blin denken will, der mag das gerne tun, es ist aber wohl doch nur eine Liste. Nun k&amp;ouml;nnte man sagen, dass man im Laufe der Erz&amp;auml;hlung die meisten dieser Orte irgendwie kennengelernt haben wird, dass dies langweilige Panorama also einen Ausblick auf den langweiligen Handlungsort biete und das w&amp;auml;re ja auch richtig; aber langweilig ist es doch.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Am Ende wechselt die Erz&amp;auml;hlperspektive zu Volker Mengs , abrupt sind wir in der Gegenwart angekommen, Mengs ist inzwischen Pastor Mengs in Verden und gesteht nun, dass er vom ersten Tag in der Schule an in Daniel verliebt war, nur ist es nie soweit gekommen, dass sich diese Zuneigung h&amp;auml;tte &amp;auml;u&amp;szlig;ern k&amp;ouml;nnen. Auf den gut 800 Seiten zwischen diesen beiden Rahmenerz&amp;auml;hlungen tritt Mengs nur gelegentlich in Erscheinung, in Erinnerung bleibt er v.a. als Banknachbar Daniels in der Realschule.&lt;br /&gt;
	So wirkt der Erz&amp;auml;hlrahmen merkw&amp;uuml;rdig zusammengehauen, zusammengezwungen, zusammenkonstruiert, man wei&amp;szlig; nicht recht, was das soll. Auf den ungef&amp;auml;hr 600 Seiten dazwischen wird zwangloser erz&amp;auml;hlt. Beschrieben werden einige Stationen von Daniel Kupers Aufwachsen, die Tode seiner drei besten Freunde, mit denen zusammen er einst Peter Peters mobbte, bis dieser sich auf die Gleise legte. Erz&amp;auml;hlt wird die&amp;nbsp; Geschichte des Lokf&amp;uuml;hrers, der diesen dann &amp;uuml;berfuhr und auch die unersch&amp;ouml;pfliche Fremdgeherei von Daniels Vater Hard. Nach und nach lebt man sich in die Kleinstadt ein und kennt einige zig Personen so ein wenig, ohne dass vor Ort ansonsten viel &amp;raquo;Weltbewegendes&amp;laquo; passierte. Das gibt es nur au&amp;szlig;erhalb, denn das Romangeschehen&amp;nbsp; ist um den Mauerfall herum gruppiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Gutes Buch ...&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Dass man den Roman trotzdem gerne und z&amp;uuml;gig lesen kann, liegt v.a. an zweierlei:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zum einen ist das Buch gut geschrieben, die Diktion sachlich und pr&amp;auml;zise, die Dialoge (das Buch ist &amp;uuml;ber weite Strecken szenisch erz&amp;auml;hlt) sind waschecht. Immer wieder finden sich h&amp;uuml;bsche Zuspitzungen; um nur irgendein, beliebig herausgegriffenes Beispiel zu nehmen: Wenn Hard Jahre sp&amp;auml;ter Theda, eine fl&amp;uuml;chtige Liebe von fr&amp;uuml;her, im Dorf begegnet,&lt;/p&gt;
&lt;p style=&quot;margin-left:35.45pt;&quot;&gt;unterhielten sie sich auf der Stra&amp;szlig;e, beim Spaziergang im Hammrich wie zwei alte Freunde, die eine Vergangenheit, aber keine Gegenwart und Zukunft haben, h&amp;ouml;flich und aufmerksam, aber ohne echtes Interesse.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;So etwas sitzt, und es klingt auch gut, Chapeau.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zum zweiten ist die oben angedeutete Schw&amp;auml;che, das h&amp;auml;ufig etwas Listenhafte des Buches eben doch auch eine St&amp;auml;rke. Firmennamen, Albentitel, Baumaterialien, Stra&amp;szlig;ennamen, KFZ-Typen, Fu&amp;szlig;ballspieler, man k&amp;ouml;nnte nun lange so weiter machen, die konkrete Benennung hat in einer solchen Intensit&amp;auml;t wie in einem so dicken Buch eine eigene poetische Qualit&amp;auml;t, Musikalit&amp;auml;t und Anschaulichkeit. Und nat&amp;uuml;rlich zuckt man immer wieder zusammen: so staubig, so museal ist &amp;nbsp; dieser ganze Plastikschrott unserer westdeutschen Vergangenheit also 20 Jahre sp&amp;auml;ter schon.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;... aber&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Zusammengefasst bleibt ein zwiesp&amp;auml;ltiger Eindruck. Nat&amp;uuml;rlich sind die Versuche, diesen Roman mit Uwe Johnson oder gar Dostojewski in Verbindung bringen zu wollen, unsinnig. N&amp;auml;herliegend ist wohl, eine gewisse N&amp;auml;he zu Autoren wie Frank Schulz, Eckardt Henscheid oder Heinz Strunk auszumachen, die realienges&amp;auml;ttigte Provinzerfahrung aus komisch eingeschr&amp;auml;nkter Perspektive erz&amp;auml;hlen. Allerdings spielt der Liebes- und Erotikwahn erstaunlicherweise kaum eine Rolle in Daniels Heranwachsen. Und der Humor in Brandts Buch ist sehr dezent, ja &amp;uuml;ber weite Strecken bis zur Unsp&amp;uuml;rbarkeit dezent, das ist ein &amp;nbsp;sehr zur&amp;uuml;ckhaltender Humor, eher so eine Art fl&amp;auml;chiger Dauer-Ironie und das befreiende Lachen, ohne das man die drei genannten Autoren wohl nicht so lieben w&amp;uuml;rde, &amp;uuml;berkommt einen hier nur sehr angelegentlich. Vielleicht liegt das daran, dass sich, wenn man denn alles richtig macht, Humor wohl kaum wie von selbst einstellt. Vielleicht aber war diese Art von Befreiung auch gar nicht Jan Brandts Ziel. Dann aber fragt sich schlie&amp;szlig;lich doch: was denn dann? Heimatkunde? Coming of Age? Alltagsarchivik? Irgendwie will das Buch wohl all das und auch noch viel mehr, man ist dann schnell beim Totalen als Ziel der Kunst. Auch der Klappentext spielt hiermit, indem er &amp;uuml;ber 300 Realia aus dem Roman anf&amp;uuml;hrt, W&amp;ouml;rter wie &amp;raquo;Lavalampen&amp;laquo; und &amp;raquo;Mettbr&amp;ouml;tchen&amp;laquo;. Jedes Kaff ist ein ganzer Kosmos, soll all das also hei&amp;szlig;en. Wenn es im Roman eine solche Totalit&amp;auml;t &amp;uuml;ber die Aufz&amp;auml;hlung hinaus wirklich gibt, so hat sie sich mir nicht erschlossen. Wenn es sie nicht gibt, sondern stattdessen nur einen Haufen von disparaten Elementen und Zielstellungen, dann bleibt die Vermutung, da sollte mit einem 900-Seiter eine Aufmerksamkeit erregt werden, die einem 250-Seiter nie und nimmer zuteil geworden w&amp;auml;re. Von hier aus h&amp;auml;tte dann der Einleitungssatz &amp;uuml;ber einen Autor, der anscheinend alles richtig gemacht hat, einen irgendwie schalen Beigeschmack.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Jan Brandt: Gegen die Welt . K&amp;ouml;ln: DuMont Buchverlag, 2011. 928 Seiten. &lt;/em&gt;&lt;em&gt;ISBN: 978-3-8321-9628-8. &lt;/em&gt;&lt;em&gt;22,99 Euro.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Mon, 19 Dec 2011 06:00:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Benedikt Viertelhaus</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4766 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
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<item>
 <title>Die Zeit verwandelt uns nicht, sie entfaltet uns nur.</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/die-zeit-verwandelt-uns-nicht-sie-entfaltet-uns-nur</link>
 <description>&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Dargestellte Zeit ist kein Ph&amp;auml;nomen, das auf Text und Literatur beschr&amp;auml;nkt ist. Auch in Karten und Landkarten hinterl&amp;auml;sst sie ihre Spuren und pr&amp;auml;gt unsere Wahrnehmung des Abgebildeten. Isabella Ferron geht diesem Aspekt der Zeit nach und zeigt auf, wie die Grenzen von Darstellung, Realit&amp;auml;tsanspruch und narrativer Kontruktion verwischen. Niemand geringeres als Naturforscher Alexander von Humboldt ist dazu das prominente Beispiel. Lesen Sie hier den zweiten Teil unseres Schwerpunktes zur aktuellen Kritischen-Ausgabe &lt;em&gt;Zeit&lt;/em&gt;.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/Zeit2.png&quot; style=&quot;width: 278px; height: 74px; margin: 20px; float: right;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h6&gt;
	&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;&lt;strong&gt;Die Zeit in Karten&lt;/strong&gt;&lt;/span&gt;&lt;/h6&gt;
&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Im Laufe der Jahrhunderte hat sich das Erscheinungsbild der Karten grundlegend gewandelt. Ihre wesentlichen Merkmale aber bleiben Anschaulichkeit, die Markierung von Begrenzungen, die Totalit&amp;auml;t der Darstellung, sowie das Wechselspiel zwischen sukzedierender und simultanisierender Sicht. Karten stellen einen tastenden Versuch, eine konkrete Ann&amp;auml;hrung an die Welt dar. &lt;/span&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref1_ma3gd5i&quot; title=&quot; Z&amp;ouml;gner, Lothar (Hg.): Von Ptolemaus bis Humboldt. Kartensch&amp;auml;tze der Staatsbibliothek Preu&amp;szlig;ischer Kulturbesitz. Ausstellung zum 125j&amp;auml;hrigen Jubil&amp;auml;um der Kartenabteilung. Staatsbibliothek Preu&amp;szlig;ischer Kulturbesitz, Ausstellungskataloge, Neue Folge 33, Berlin 1999.&quot; href=&quot;#footnote1_ma3gd5i&quot;&gt;1&lt;/a&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt; Das Ph&amp;auml;nomen der Zeit erscheint in Karten dabei vielf&amp;auml;ltig: Karten sind Augenzeugen, die nicht nur neue geographische Entdeckungen und Ver&amp;auml;nderung von politischen Realit&amp;auml;ten beweisen, sondern sie zeigen auch die Ausdehnung von Kulturen und Zivilisationen als Raum-Zeitliche Informationen. Gleichzeitigkeit und Zeit&amp;uuml;berlegenheit sind Karten beide zu eigen. Die Karte kann in scheinbarer Ruhe Bewegung und Aktion darstellen. Zeit ist dabei Kontinuum und Ordnungskonzept zugleich. Als Abstrakter Begriff wird sie durch das besondere Medium der Karte erst greifbar. Die kartographische Metapher &amp;raquo;Kartenzeiten&amp;laquo; fasst dieses Verh&amp;auml;ltnis. Sie meint die Verbindung von Geschichtszeit und kartographisch fassbarer und gefasster Zeit im Niederschlag in fassbaren Karten, deren Abbildungen als Repr&amp;auml;sentation nicht immer &amp;raquo;logisch&amp;laquo; oder &amp;raquo;folgerichtig&amp;laquo; sind. Karten bilden nicht die Gegenwart ab, sondern schaffen durch Kompromisse, Verz&amp;ouml;gerungen der Herstellungszeit und Bewertungen politischer Verh&amp;auml;ltnisse eine eigene abgebildete Kartenzeit, die sich der Wirklichkeit und ihrer aktuellen Zeit gr&amp;ouml;&amp;szlig;tm&amp;ouml;glich ann&amp;auml;hert. Dar&amp;uuml;ber hinaus existieren Karten in Generationen; sie werden nicht nur aktualisiert, sondern bilden sich neu mit ihrer Lebenszeit und verl&amp;ouml;schen auch mit ihr. Das bezieht auch eine immer neue und modifizierbare Konzeption der Zeit mit ein.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h6&gt;
	&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;&lt;strong&gt;Humboldts Landschaft der Anden&lt;/strong&gt;&lt;/span&gt;&lt;/h6&gt;
&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-family: arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Als ber&amp;uuml;hmtes Beispiel f&amp;uuml;r diese &amp;Uuml;berlegungen kann eine ungew&amp;ouml;hnliche Karte von Alexander von Humboldt dienen &amp;ndash; &amp;raquo;Die Landschaft der Anden&amp;laquo; aus Humboldt &lt;em&gt;Buch &lt;/em&gt;&lt;em&gt;Ideen zu einer Geographie der Pflanzen nebst einem Naturgem&amp;auml;lde der Tropenl&amp;auml;nder&lt;/em&gt; (1807). &lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/tropen.png&quot; style=&quot;width: 420px; height: 310px; float: right; margin: 20px;&quot; /&gt;Diese Karte, welche &lt;/span&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Humboldt &lt;/span&gt;&lt;span style=&quot;font-family: arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;selbst als Naturgem&amp;auml;lde bezeichnete, verbindet Raum und Zeit auf eine eigent&amp;uuml;mliche Weise. In seinem Versuch, die verschiedenen Pflanzenarten kennenzulernen und zu kodieren, skizzierte Humboldt die Landschaft der Anden anhand zweier Berge der Anden. Zur Karte wird das Bild durch die eingetragenen Informationen des Forschers &amp;uuml;ber jede&amp;nbsp; aufgefundene und gesammelte Pflanze seiner Expedition in diese Region. Der Name der Pflanzen steht auf der H&amp;ouml;he des Fundorts, erg&amp;auml;nzt durch Temperatur, Luftdruck und dem magnetischen Feld der Umgebung. Die Karte zeigt dadurch nicht nur, wie das Klima das Leben auf verschiedenen H&amp;ouml;hen beeinflusst, sondern zeichnet auch und vor allem ein pr&amp;auml;zises Bild der Region in einem besonderen historischen Moment. Durch solche empirischen Daten, konnte &lt;/span&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Humboldt &lt;/span&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;zeigen, wie die Erde entstanden ist, wie sie in einem besonderen Moment aussieht und wie sie in Bezug auf den Klimawechsel und den menschlichen Fortschritt voraussichtlich sein wird. In Verbindung damit begriff Humboldt Zeit und Raum in der Karte nicht mehr als abstrakte und Apriori gegebene Kategorien, sondern als konkret wahrnehmbare, messbare und klassifizierbare Einheiten. Humboldt ging es dabei um eine Verzeitlichung und Historisierung der Natur wie auch ihrer Dynamisierung (Allgegenw&amp;auml;rtigkeit der Lebensf&amp;uuml;lle). &lt;/span&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref2_758umt3&quot; title=&quot;Humboldt, Alexander von: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. Hg. und mit einem Nachw. versehen von Ottmar Ette und Oliver Lubrich. Erscheint im Schuber mit: Physikalischer Atlas, Heinrich Berghaus. Frankfurt a.M.: Eichborn Verlag AG, 2004. &quot; href=&quot;#footnote2_758umt3&quot;&gt;2&lt;/a&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt; Die Verzeitlichung der Natur war in seinen Augen notwendig, da eine allgemeine, zeitlos gedachte Natur zugleich auch den Menschen enthistorisiert. So vermitteln Humboldts Karten eine dynamische Sicht der Welt. Dar&amp;uuml;ber hinaus fungieren sie als Zeugnisse und Tagebuch seiner Forschungsreisen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h6&gt;
	&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;&lt;strong&gt;Die Entstehung der Zeit in der Kartographie&lt;/strong&gt;&lt;/span&gt;&lt;/h6&gt;
&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Der Begriff Zeit wird in der Kartografie gew&amp;ouml;hnlicher weise in eine Nebenrolle gedr&amp;auml;ngt und in einer restriktiven Bedeutung verwendet. Im Zuge der Moderne hat sich der Begriff &amp;raquo;Zeit&amp;laquo; aber grundlegend gewandelt, ohne dass es deswegen zu einem definitiven Begriff gekommen w&amp;auml;re. Eher das Gegenteil ist der Fall: Die Versuche &amp;uuml;ber den Begriff zu reflektieren, neu zu fundieren, auf noch unbekannte Bereiche der Realit&amp;auml;t hin zu &amp;ouml;ffnen und bei aller Unterschiedenheit doch einen gemeinsamen Punkt finden zu wollen, hilft dabei, sich mit dem Thema in einer umgreifenden Weise zu befassen und neue oder bis jetzt kaum beobachtete Aspekte in Frage zu stellen. &lt;/span&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref3_lg2w1qz&quot; title=&quot;Diesbez&amp;uuml;glich scheint interessant, hier die Definition der Zeit aus dem Zedlers Lexikon zu erw&amp;auml;hnen: Die Zeit wird als &amp;raquo;gewisse und determinierte Verweilung der Gestirne in ihrem Lauffe, wornach das Seyn und Dauern anderer Dinge gemessen; oder die Zeit ist das Maas der W&amp;auml;hrung der Dinge: oder, wie die Alten beschrieben, die Zeit ist eine Zahl oder Abmessung der vergangenen und zuk&amp;uuml;nftigen Bewegung&amp;laquo;. In: J.H. Zedler: Grosses vollst&amp;auml;ndiges Universal Lexikon aller Wissenschaften und K&amp;uuml;nste. Bd. 61, Zat-Zeit, Leipzig, Halle, S. 725&amp;minus;779, hier 725.&quot; href=&quot;#footnote3_lg2w1qz&quot;&gt;3&lt;/a&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt; Dabei sind beide Kategorien weiterhin grundlegende Begriffe der Wahrnehmung. Vergangene Begriffe von Raum und Zeit verschwinden aber nicht, sondern bleiben Zeuge in dieser Entwicklung des Zeitbegriffs. Der retrospektive Blick (etwa auf die Volkskulturen der Antike aber auch auf Bereiche der Naturwissenschaft wie bei Humboldt) verdeutlicht das. Karten sind ein Beispiel der bildgeschichtliche Mitbestimmung und besetzen eine Schnittstelle im Spannungsverh&amp;auml;ltnis zwischen Geschichts- und Kulturwissenschaft. Tats&amp;auml;chlich stellt sich das Terrain der Kartographie seit Beginn des 19. Jahrhunderts als ein Laboratorium dar, in dem die Voraussetzungen f&amp;uuml;r eine neue Definition der Zeit, ihrer Elemente und Darstellungsregeln geschaffen wurden. &lt;/span&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref4_itjiib0&quot; title=&quot;Vgl. dazu: Harvey, D.: Between Space and Time. In: Annals of the Association of AmericaGeographers, 80 (1990), S. 418-434.&quot; href=&quot;#footnote4_itjiib0&quot;&gt;4&lt;/a&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt; Die Abkehr vom Anspruch einer allgemeing&amp;uuml;ltigen Menschen- und Weltkenntnis im 19. Jahrhundert beg&amp;uuml;nstigte neue Ideen der Zeit, auch in der zu dieser Zeit entstehenden Wissenschaft der Kartographie, blieb aber gerade in dieser als Hintergrund des Diskurses erhalten. &lt;/span&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref5_p1431u0&quot; title=&quot;Siegel, S.; Weigel, P. (Hg.)zit.; Hake, G.; Gr&amp;uuml;nreich, D.; Meng, L.: Kartographie, 2002.&quot; href=&quot;#footnote5_p1431u0&quot;&gt;5&lt;/a&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt; Der Bewusstseinswandel f&amp;uuml;hrte in der Kartographie zu Entw&amp;uuml;rfen neuer Zeit- und Raumkonzepte: Das Zeitliche und &amp;Ouml;rtliche wurden zu Organisationsprinzipen des Darstellens. &lt;/span&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref6_5ph1kfl&quot; title=&quot;Harvey, David: Between Space and Time: Reflections on the Geographical Imagination. In: Annals of the Association of America Geographers, 80 (1990), S. 418-434.&quot; href=&quot;#footnote6_5ph1kfl&quot;&gt;6&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-family: arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Gerade in Ankn&amp;uuml;pfung mit dem Nachdenken &amp;uuml;ber die Identit&amp;auml;t jeder europ&amp;auml;ischen Nation, mit dem Anspruch dieser Nationen auf die Eroberung der entdeckten Welt, wurden Karten im 19. Jahrhundert zum Ausdruck der Geschichtlichkeit (Gegenwart und Vergangenheit) und erhoben sich &amp;uuml;ber die Zuschreibung als passives Abbild, Abdru&lt;/span&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;ck und Ausdruck dargestellter Zeiten. Zu dieser Zeit begannen sich in ihnen politische Projektionen in die Zukunft abzubilden, welche in der abgebildeten Zeitebene noch nicht im abgebildeten Ma&amp;szlig; realisiert waren. Damit wurden Karten zu Konstruktionen, welche etwas &amp;uuml;ber Macht, Expansion und Aggression bestimmter politischer Elemente aussagten und uns heute noch vermitteln k&amp;ouml;nnen. Diese subjektiven Zug&amp;auml;nge zum dargestellten Zeit-Raum sind dabei oft erst lesbar, wenn die politischen Verh&amp;auml;ltnisse sich deutlich verschoben haben. Mit der subjektiven Perspektive verbunden sind die Reiseberichte des 19. Jahrhunderts, denen Karten der Zeit oft beilagen. Durch die literarische bzw. kartographische Darstellung des au&amp;szlig;ereurop&amp;auml;ischen Raumes stellte sich zu dieser Zeit die implizite Frage, ob die auf Karten dargestellte Zeit, eine ver&amp;auml;nderbare, bewegende oder kristallisierte sei, die mit der r&amp;auml;umlichen Darstellbarkeit eng verbunden ist.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;h6&gt;
	&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u152/Zeit.png&quot; style=&quot;width: 350px; height: 504px; margin: 20px; float: left;&quot; /&gt;&lt;/span&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;&lt;strong&gt;Die neue Zeit in Karten des 19. Jahrhunderts&lt;/strong&gt;&lt;/span&gt;&lt;/h6&gt;
&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-family: arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Karten sind Repr&amp;auml;sentationen der Welt zu bestimmten Zeitpunkten und subjektiven Einfl&amp;uuml;ssen. Sie sind gebunden an Zeit und Ort als ein historisches Produkt, das &amp;uuml;ber die M&amp;ouml;glichkeitsbedingungen ihrer T&amp;auml;tigkeit, ihre Reichweite und Wirkungen Rechenschaft abzulegen hat. Deswegen k&amp;ouml;nnen Karten nicht zeitlos, &amp;uuml;berhistorisch sein, sondern sind historisch determinierbar. Jede Karte hat ihre Zeit, ihren Ort und ihren subjektiven Blickwinkel, ihre Perspektive und Konstitutionsgeschichte. Insbesondere Humboldts Werk, welches sich der Karten f&amp;uuml;r seine Reisen und Entdeckungen grundlegend bediente, gew&amp;auml;hrt Zugang zum wandelnden Raum-Zeit Begriff in Karten des 19.&lt;/span&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt; Jahrhunderts. Die sich entwickelnde Idee von Zeit, gebunden an Messungen und Daten, entspricht nicht mehr der Idee eines Apriori, sondern steht in Einklang mit empirisch fundierter Weltkenntnis. Die sich bildende Zeit ist die &amp;raquo;empirische Zeit&amp;laquo; und findet als bewegliches Zeitkonzept den konkretesten Niederschlag in Karten. Die in den Karten des 19. Jahrhunderts &amp;uuml;berlieferte empirische Ann&amp;auml;herung an die tats&amp;auml;chliche Welt erlaubte die methodische Neubegr&amp;uuml;ndung und materielle Entfaltung des &amp;uuml;berlieferten Paradigmas. Die empirische Methode war dabei grundlegend f&amp;uuml;r die moderne Pluralisierung des Zeitdiskurses. Der Bewusstseinswandel markiert das Ende eines geschlossenen Weltbildes zugunsten eines offenen, moderneren. Zeit wird nicht nur als Ma&amp;szlig; f&amp;uuml;r historischen Wandel begriffen, sondern auch als eine ontologische Bestimmung des menschlichen Wesens und Temporalisierung im Sinne einer historischen, eigent&amp;uuml;mlichen temporalen Diversit&amp;auml;t. &lt;/span&gt;&lt;a class=&quot;see-footnote&quot; id=&quot;footnoteref7_x1d985u&quot; title=&quot;Vgl. dazu auch J.G. Herder: Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit. Hg. von Dietrich Irmischer. Stuttgart: Reclam, 1997.&quot; href=&quot;#footnote7_x1d985u&quot;&gt;7&lt;/a&gt;&lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt; In den Karten des 19. Jahrhunderts ist also ein neuer Zeitbegriff fassbar, der eng mit der Darstellung des erfundenen Raums verbunden ist und mit der Entwicklung und Selbstbehauptung der Kartographie als eigenst&amp;auml;ndige Disziplin einhergeht und auf das moderne Zeitverst&amp;auml;ndnis vorausweist: dass Zeit und Raum nicht ohne einander denkbar sind (egal ob parallel, komplement&amp;auml;r oder gegenl&amp;auml;ufig) und ihre Ver&amp;auml;nderung von der Bewegung und der Geschwindigkeit abh&amp;auml;ngt, mit denen sich die Ereignisse auf der Welt entwickeln.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;div&gt;
	&lt;strong&gt;Isabella Ferron&lt;/strong&gt;, geb.1977. Grund-und Hauptstudium Germanistik und Anglistik an der Ca&amp;#39; Foscari&amp;nbsp;Universit&amp;auml;t zu Venedig und ander&amp;nbsp;&lt;span style=&quot;font-family:arial,sans-serif;font-size:10pt;color:rgb(34,34,34);line-height:16px&quot;&gt;Eberhard Karls&amp;nbsp;&lt;em style=&quot;font-style:normal;color:rgb(0,0,0)&quot;&gt;Universit&amp;auml;t T&amp;uuml;bingen. Promotion an der Ludwig-Maximilianas-&lt;/em&gt;&lt;/span&gt;Universit&amp;auml;&lt;wbr /&gt;t M&amp;uuml;nchen in Philosophie und Germanistik. Lehrbeauftragte (deutsche Sprache) und wiss. Mitarbeiterin an der&amp;nbsp;Ca&amp;#39; Foscari&amp;nbsp;Universit&amp;auml;t zu Venedig und ab M&lt;span style=&quot;font-family:arial,sans-serif;color:rgb(34,34,34);line-height:16px&quot;&gt;&lt;em style=&quot;text-indent:0px!important;font-style:normal;color:rgb(0,0,0)&quot;&gt;&amp;auml;rz 2012 Lehrbeautragte an der&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;/span&gt;Universit&amp;auml;t Padua. Forschungsstipendien: Nov. 2011-Feb. 2012: DAAD-Stipendium&amp;nbsp;Universit&amp;auml;t Berlin.&lt;/wbr&gt;&lt;/div&gt;
&lt;ul class=&quot;footnotes&quot;&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote1_ma3gd5i&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref1_ma3gd5i&quot;&gt;1.&lt;/a&gt; &lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt; Z&amp;ouml;gner, Lothar (Hg.): Von Ptolemaus bis Humboldt. Kartensch&amp;auml;tze der Staatsbibliothek Preu&amp;szlig;ischer Kulturbesitz. Ausstellung zum 125j&amp;auml;hrigen Jubil&amp;auml;um der Kartenabteilung. Staatsbibliothek Preu&amp;szlig;ischer Kulturbesitz, Ausstellungskataloge, Neue Folge 33, Berlin 1999.&lt;/span&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote2_758umt3&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref2_758umt3&quot;&gt;2.&lt;/a&gt; &lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Humboldt, Alexander von: Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. Hg. und mit einem Nachw. versehen von Ottmar Ette und Oliver Lubrich. Erscheint im Schuber mit: Physikalischer Atlas, Heinrich Berghaus. Frankfurt a.M.: Eichborn Verlag AG, 2004. &lt;/span&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote3_lg2w1qz&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref3_lg2w1qz&quot;&gt;3.&lt;/a&gt; &lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Diesbez&amp;uuml;glich scheint interessant, hier die Definition der Zeit aus dem Zedlers Lexikon zu erw&amp;auml;hnen: Die Zeit wird als &amp;raquo;gewisse und determinierte Verweilung der Gestirne in ihrem Lauffe, wornach das Seyn und Dauern anderer Dinge gemessen; oder die Zeit ist das Maas der W&amp;auml;hrung der Dinge: oder, wie die Alten beschrieben, die Zeit ist eine Zahl oder Abmessung der vergangenen und zuk&amp;uuml;nftigen Bewegung&amp;laquo;. In: J.H. Zedler: Grosses vollst&amp;auml;ndiges Universal Lexikon aller Wissenschaften und K&amp;uuml;nste. Bd. 61, Zat-Zeit, Leipzig, Halle, S. 725&amp;minus;779, hier 725.&lt;/span&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote4_itjiib0&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref4_itjiib0&quot;&gt;4.&lt;/a&gt; &lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Vgl. dazu: Harvey, D.: Between Space and Time. In: Annals of the Association of AmericaGeographers, 80 (1990), S. 418-434.&lt;/span&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote5_p1431u0&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref5_p1431u0&quot;&gt;5.&lt;/a&gt; &lt;span style=&quot;font-family:arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Siegel, S.; Weigel, P. (Hg.)zit.; Hake, G.; Gr&amp;uuml;nreich, D.; Meng, L.: Kartographie, 2002.&lt;/span&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote6_5ph1kfl&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref6_5ph1kfl&quot;&gt;6.&lt;/a&gt; &lt;span style=&quot;font-family: arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Harvey, David: Between Space and Time: Reflections on the Geographical Imagination. In: Annals of the Association of America Geographers, 80 (1990), S. 418-434.&lt;/span&gt;&lt;/li&gt;
&lt;li class=&quot;footnote&quot; id=&quot;footnote7_x1d985u&quot;&gt;&lt;a class=&quot;footnote-label&quot; href=&quot;#footnoteref7_x1d985u&quot;&gt;7.&lt;/a&gt; &lt;span style=&quot;font-family: arial,helvetica,sans-serif;&quot;&gt;Vgl. dazu auch J.G. Herder: Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit. Hg. von Dietrich Irmischer. Stuttgart: Reclam, 1997.&lt;/span&gt;&lt;/li&gt;
&lt;/ul&gt;
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 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/die-zeit-verwandelt-uns-nicht-sie-entfaltet-uns-nur#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur">Literatur</category>
 <pubDate>Fri, 16 Dec 2011 04:01:41 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
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 <title>Der dunkelste Monat in Schweden</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/der-dunkelste-monat-schweden</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Ein November ohne Kerzen&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;16 Uhr V&amp;auml;xj&amp;ouml;, es wird dunkel. Bereits zehn Minuten sp&amp;auml;ter hat sich vollkommene Dunkelheit &amp;uuml;ber den Campus gelegt. Alles ist ruhig. Es f&amp;auml;llt mir sehr schwer noch nicht den Abend einzul&amp;auml;uten. Wenn ich gegen 18 oder 19 Uhr joggen gehe, f&amp;uuml;hlt es sich an, als w&amp;uuml;rde ich zur Mitternachtsstunde eine Runde um die Seen drehen. Doch der sanfte gelbliche Schein der Laternen weist mir den Weg am Rande des Campus durch ein kleines St&amp;uuml;ckchen Wald. Nur ein kleiner Wind weht. Die B&amp;auml;ume, der See, alles ist in nat&amp;uuml;rliche Stille eingetaucht. Der Blick entlang des Ufers ist gefesselt an das Lichtspiel ausgehend von den umliegenden H&amp;auml;usern, dem Mond und der silbrig gl&amp;auml;nzenden Oberfl&amp;auml;che des Sees. Es herrscht eine wunderbar friedliche Stimmung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u82/Bericht%20aus%20Schweden%203.jpg&quot; style=&quot;width: 600px; height: 450px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;Foto: Manuela Pittl&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn es schon so fr&amp;uuml;h dunkel wird, muss man die Stunden der Helligkeit ausnutzen &amp;ndash; oder sich der Stimmung hingeben und es sich nach schwedischer Tradition drinnen gem&amp;uuml;tlich machen, gesellig beieinandersitzen, zusammen kochen, backen und viele Kerzen anz&amp;uuml;nden. Denn der November ist der dunkelste Monat in Schweden, lernte ich in meinem Schwedisch-Kurs. Verwundert dar&amp;uuml;ber, erkl&amp;auml;rte man mir, dass der im November einfallenden Dunkelheit erst im Dezember mit tausenden Kerzen entgegengewirkt wird. Ich m&amp;ouml;chte und kann so lang nicht warten, aber freue mich schon in allen H&amp;auml;usern und &amp;uuml;berall in der Stadt, in allen L&amp;auml;den den Kerzenschein flackern zu sehen. Richtig bitter kalt ist es allerdings noch nicht. Letztes Jahr zu dieser Zeit lag bereits meterhoch Schnee. Auf den ersten Schnee dieses Jahres muss ich wohl noch etwas warten, wenn ich ihn &amp;uuml;berhaupt miterlebe, da ich mich jetzt nach Ende der meisten Kurse auf die Reise mache.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Das Semesterende&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Organisation der Kurse, das System in Schweden, unterscheidet sich stark von der Art und Weise an deutschen Unis. Das Semester begann ja bereits Ende August und ist erst am 15. Januar zu Ende. Direkt im Anschluss, also am n&amp;auml;chsten Tag, beginnt das &amp;raquo;spring&amp;laquo;-Semester, d.h. dazwischen gibt es keine vorlesungsfreie Zeit. Erst mit dem Ende des Fr&amp;uuml;hlingssemsters Anfang Juni hat ein schwedischer Student keine Vorlesungen mehr (bis zum folgenden &amp;bdquo;autumn&amp;ldquo;-Semester Ende August). Jedoch verl&amp;auml;uft das Semester an sich ebenfalls anders. Die Kurse (mit 7,5 Credit Points) dauern nur vier bis f&amp;uuml;nf Wochen und die Pr&amp;uuml;fung folgt direkt nach Ende des Kurses. Entweder starten diese Kurse zu Semesterbeginn oder erst im Oktober oder November. Nur intensivere Kurse (mit 15/30 CP) erstrecken sich &amp;uuml;ber das ganze Semester. Demnach hat ein schwedischer Student mehr oder weniger die M&amp;ouml;glichkeit selbst zu planen, wie er sich das Lernen und die Ferien einteilt. Da meine Kurse alle direkt zu Semesterbeginn einsetzten, sind sie nun beinahe alle abgeschlossen &amp;ndash; nur mein Schwedisch-Kurs findet bis Mitte Dezember statt, ein Kurs f&amp;uuml;r den es 15 CP gibt. Die Klausuren und Hausarbeiten werden normalerweise mit VG (v&amp;auml;l godk&amp;auml;nt = gut) oder G (entspricht ungef&amp;auml;hr befriedigend) beurteilt, solange man bestanden hat. So liegen weniger Noten vor, sondern es z&amp;auml;hlt vielmehr, ob man bestanden hat oder nicht. F&amp;uuml;r uns Austauschstudenten wird jedoch anders verfahren, damit unsere Heimatuniversit&amp;auml;ten unsere Leistungen anerkennen k&amp;ouml;nnen. Da wir Noten von A bis F bekommen, f&amp;uuml;hle ich mich &amp;ndash; da ich dies nur aus Hollywoodstreifen kenne &amp;ndash; wie in einem amerikanischen College. Und die Ergebnisse k&amp;ouml;nnen sich sehen lassen, mit meinen Noten kann ich ohne Probleme Schwedens ber&amp;uuml;hmteste Pop-Gruppe ABBA buchstabieren. Jetzt ist die letzte Pr&amp;uuml;fung geschrieben und ich bin gespannt auf das Resultat. Zum Abschluss der Kurse veranstalteten die Dozenten eine &amp;raquo;Fika&amp;laquo; f&amp;uuml;r uns, aus meiner Sicht eine der besten Eigenheiten der schwedischen Kultur. &amp;raquo;Fika&amp;laquo; &amp;ndash; als Verb und Substantiv zu gebrauchen &amp;ndash; bezeichnet einen Kaffee, Tee oder &amp;raquo;sockervatten&amp;laquo; (=Zuckerwasser) mit verschiedensten Geschmacksrichtungen zu trinken und dazu vielerlei schwedische S&amp;uuml;&amp;szlig;igkeiten, Kekse und Kuchen zu naschen. Eine der vielen schwedischen Traditionen, die mir sehr zusagt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Pr&amp;uuml;fungen, fertig, los&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit &amp;nbsp;der Beendigung meiner letzten Pr&amp;uuml;fung ist die Reisezeit gekommen &amp;ndash; es stehen Besuche von nordischen Hauptst&amp;auml;dten an. Zuerst galt es Tallinn zu erkunden. Das Universit&amp;auml;tswerk f&amp;uuml;r internationale Studenten organisierte einen Trip f&amp;uuml;r drei Tage: vom Hafen Stockholms nach Tallinn und zur&amp;uuml;ck &amp;ndash; zwei N&amp;auml;chte auf einer F&amp;auml;hre quer &amp;uuml;ber die Ostsee und den finnischen Meerbusen. Neben zwei feuchtfr&amp;ouml;hlichen Abenden auf der &amp;raquo;Baltic Queen&amp;laquo; der Tallink Silja Line, auch bekannt als Party-Boot, war ich vor allem gespannt wie es so weit &amp;ouml;stlich in der estnischen Hauptstadt zugeht. Meine freudigen Erwartungen wurden &amp;uuml;bertroffen. Mit all den alten H&amp;auml;usern, der russisch-orthodoxen Kirche und dem rosafarbenen Parlament wirkt Tallinn wie eine aus dem M&amp;auml;rchen entsprungene Stadt. Der mittelalterliche Charme entsteht speziell aus der Atmosph&amp;auml;re des gro&amp;szlig;en Marktplatzes, auf dem ein Paar in traditionellen Kleidern aus einem mittelalterlichen Wagen K&amp;ouml;stlichkeiten verkauft. Davon abgehend schl&amp;auml;ngeln sich viele enge G&amp;auml;sschen zwischen den gro&amp;szlig;en imposanten Steinh&amp;auml;usern mit hohen Eing&amp;auml;ngen und schweren Holzt&amp;uuml;ren. Morgens legten wir in diesem urigen St&amp;auml;dtchen an, das von ca. 600.000 Esten (von nicht ganz der H&amp;auml;lfte der insgesamt 1,4 Millionen Einwohnern) bewohnt wird, wie uns eine aufgeweckte Frau, unser Tourguide f&amp;uuml;r jenen mittelalterlichen Stadtkern, informierte. Da wir leider am Nachmittag wieder ablegten, blieb keine Zeit das estnische Literaturmuseum unter die Lupe zu nehmen oder einen Blick in die Nationalopern zu werfen. Dennoch hatten wir vom Dachcaf&amp;eacute; eines namenhaften Hotels eine gro&amp;szlig;artige Aussicht &amp;uuml;ber Tallinns sch&amp;ouml;ne D&amp;auml;cher bei Sonnenuntergang.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;M&amp;uuml;de, gl&amp;uuml;cklich und zufrieden traf ich nach diesem m&amp;auml;rchenhaften Ausflug wieder in V&amp;auml;xj&amp;ouml; ein. Kurz darauf nahm ich die Planung f&amp;uuml;r die n&amp;auml;chste Reise auf, deren Ziel unweit von der estnischen Hauptstadt liegt. N&amp;auml;chster Stopp: Helsinki.&lt;/p&gt;
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 <pubDate>Wed, 14 Dec 2011 07:00:27 +0000</pubDate>
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