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Crauss.

Das Ende der humanistischen Universität?

Marcel Diel, 7. November 2004, 17:24 Uhr

Da die Probleme in Zeiten von Rationalisierung und Bologna doch überall dieselben zu sein scheinen, erlaube ich mir, noch einmal auf die (bereits hier und hier erwähnte) Diskussion um die "Ökonomisierung der Universität" zurück zu kommen und auf einen NZZ-Artikel des Züricher Theologieprofessors Konrad Schmid nicht nur hinzuweisen, sondern ihn auch ausführlich zu zitieren:

Die mehr und mehr raumgreifende Ökonomisierung der Universität betrifft besonders die Geisteswissenschaften. Deren Potenzial eines gesellschaftlichen Nutzens erscheint ohnehin begrenzt. Natürlich braucht es Deutschlehrerinnen und Französischlehrer an den Gymnasien und deshalb auch Germanistik- und Romanistik-Studiengänge an der Universität; und manchmal mag es hilfreich sein, einen Soziologen mit der Analyse gegenwärtiger gesellschaftlicher Probleme zu beauftragen. Doch was kann ein Assyriologe, der Keilschrifttexte ediert, der Gesellschaft nützen, was bringt es, wenn ein Philosoph sich mit Schelling beschäftigt, und wieso sollen musikwissenschaftliche Analysen von Bach-Fugen mit öffentlichen Geldern bezahlt werden?

Es liegt auf der Hand, dass die Finanzierung von geisteswissenschaftlichen Forschungsarbeiten oft weder durch einen unmittelbaren noch durch einen mittelbaren gesellschaftlichen Zweck, der damit erfüllt würde, legitimiert werden kann. Die Ägyptologie, die Assyriologie, die Philosophie und die Musikwissenschaft beschäftigen sich mit ihren Gegenständen, weil diese nun einmal da sind, weil sie Teil der vorfindlichen Wirklichkeit sind. Und genau darauf beruht der klassische Gedanke der humanistischen Universität, der ihr auch ihren Namen gegeben hat: Es gibt deshalb verschiedene universitäre Disziplinen, weil es um das Ganze, die universitas, geht. Die «Voll-Universität» mit ihrem breiten Fächerspektrum entspringt dem Willen, die Wirklichkeit in all ihren geistigen wie materiellen Dimensionen zu erforschen. Hinzu kommt: Die disziplinär aufgeteilten Wissenschaften haben nur unscharfe Ränder. Kein universitäres Fach steht für sich allein, keines kann seine Aufgabe unter völliger Ausblendung seiner Nachbarfächer adäquat erfüllen. Universitäres Forschen und Lehren in einem Fach bedeutet deshalb immer auch, im Kontext aller anderen Fächer der – deshalb wichtigen – «Voll-Universität» zu forschen und zu lehren.

[...] Wir «brauchen» zwar strenggenommen weder Mozart und Goethe noch wissenschaftliche Arbeiten über sie, doch auch eingefleischten Technokraten dürfte es nicht wohl bei dem Gedanken sein, dass alle «unnötigen» Elemente menschlichen Lebens auch tatsächlich verschwänden. Auch im Zeitalter des Homo oeconomicus stirbt der menschliche «Kulturtrieb» nicht ab.

Darüber hinaus ist ein weiterer Gedanke anzuführen, der über das bisher Gesagte hinausgeht: Gerade für eine mehr und mehr ökonomisch denkende Gesellschaft stellt sich die Frage, was sie denn überhaupt wollen soll. Ihre Zweck- und Zielvorstellungen bedürfen, wenn sie nicht naiv und irrational sein sollen, einer grundsätzlichen Aufklärung. Dazu gehören einerseits die geistesgeschichtliche Einordnung dieser Zielvorstellungen und andererseits deren kritische Diskussion. Reflexionen dieser Art sollte man allerdings nicht wiederum als Nutzenausrichung nun höherer Ordnung betrachten. Sie sind vielmehr innerhalb eines freien Denkraums zu konzipieren, der bewusst hält, dass individuelles und kollektives menschliches Leben immer mehr und anderes ist als Leben auf einen bestimmten Zweck hin.

Die Universität in humanistischer Tradition hat dieses Bewusstsein gepflegt. Ihre Ökonomisierung untergräbt zunehmend dieses Bewusstsein und befördert ihre schleichende Transformation in eine Lieferantin von zweckorientierten Wissensbeständen für eine auf Bedürfnisbefriedigung ausgerichtete Gesellschaft. Sollte diese Transformation gelingen, dann wäre es um die humanistische Universität geschehen. Man mag dies beklagen oder begrüssen, aber man sollte es auf jeden Fall wissen.

Sehr lesenswert ist diesbezüglich übrigens auch die ZEIT-Artikelserie vom April dieses Jahres zum Thema "Geisteswissenschaften in der Krise", die online hier zu finden ist.

(7. November 2004)

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