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Crauss.

»Gesuchte Nähe zum Fernen«

Andreas Wilink beantwortet den Fragebogen für »Germanisten, die es geschafft haben«

Stefan Andres, 30. September 2007, 13:23 Uhr

Andreas Wilink hat in seinem Berufsleben schon eine ganze Reihe der Arbeitsfelder beackert, die für einen Germanisten gangbare Wege darzustellen scheinen. Lange nicht gewusst zu haben, was er werden wollte, räumt er in seinen Antworten zu unserem Germanisten-Fragebogen ein. So war er unter anderem als Sprachlehrer tätig, hatte als Tutor den akademischen Betrieb beschnuppert und nebenher auch an der Kunstakademie Vorlesungen gehört. Dabei hat er sich allerlei Kompetenzen erworben und ist schließlich – vier Jahre nach Ende seines Studiums – geworden, was er heute ist: Feuilleton-Journalist. Und nachdem die NRW-Seiten der Süddeutschen Zeitung, wo er zuletzt angestellt war, 2003 eingestellt werden mussten, wagte er gar den Schritt, selbst eine Zeitschrift herauszugeben: Gemeinsam mit Ulrich Deuter hat er mit dem Magazin K.WEST »das Feuilleton für NRW« aus der Taufe gehoben. Seither bietet er als Mitherausgeber mit der Zeitschrift jeden Monat im Hochglanzformat und mit ausführlichen Reportagen einen Überblick über das Kulturgeschehen im Westen Deutschlands. Gefragt waren sein kritischer Blick jüngst auch als Mitglied der Jury zum Theatertreffen 2007 im Rahmen der Berliner Festspiele. Welche Rolle das Studium und welche das Talent bei seinem Werdegang gespielt haben, erläutert er in seinen Antworten.

 

Unsere zwölf Fragen, beantwortet von Andreas Wilink:

  1. Wie lange und wo haben Sie studiert, welchen Abschluss haben Sie erreicht? War Germanistik Ihr Haupt- oder Nebenfach?

    Neuere Germanistik war das Hauptfach, ältere Germanistik das erste Nebenfach. Ich habe an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf zwischen 1977 und 1984 studiert und mit dem Magister Artium abgeschlossen.

  2. Was hat Sie damals dazu bewogen, Germanistik zu studieren?

    Die Lust zu lesen und der Antrieb zu schreiben als die gesuchte Nähe zum Fernen.

  3. Zu welchem Thema haben Sie Ihre Abschlussarbeit eingereicht?

    Über Klaus Mann und »Das Leben zum Tode«.

  4. Zu welchen wissenschaftlichen Ergebnissen sind Sie in dieser Arbeit gelangt?

    Ich fürchte, mit Wissenschaft hatte es weniger zu tun als mit biografischen Schnittmengen, mit Empathie, Identifikation und der intellektuell versehenen Fundierung einer Emanzipation des Sohnes vom Vater (ich spreche von KM und TM).

  5. Wer war Ihr(e) bevorzugte(r) Professor(in) und was machte sie/ihn aus?

    Herbert Anton und Gertrude Cepl-Kaufmann: Der eine wegen seiner genialen Entertainer-Qualitäten im Hör- und Seminarsaal, vor allem aber wegen seiner Bewunderung wie Scheu auslösenden geistigen Größe, philosophischen Tiefe und ethischen Verfassung, wegen seiner zutiefst skeptischen und zutiefst menschlichen Gesinnung von goethischer Dimension. Die andere wegen ihrer sehr engagierten, pädagogisch enthusiastischen, kommunikativen und disziplinierten Lehre und Forschung, ihrer rheinischen Herzenslust und emotionalen wie intellektuellen Offenheit und Freigebigkeit.

  6. Was war/ist Ihr Lieblingsbuch / Lieblingsautor(in) / Lieblingsepoche / Lieblingsgattung / Lieblingsgenre?

    Joseph und seine Brüder. Immer wieder und bis heute und morgen Thomas Mann, des weiteren: Schnitzler, Fontane, Canetti, Julien Green, Rilke, Benn sowie Ingmar Bergman, Rainer Werner Fassbinder und Woody Allen als Autoren. Das 19. Jahrhundert mit Leiden und Größe der Meister.

  7. Wo haben Sie Ihre ersten beruflichen Erfahrungen gesammelt, welche studienbegleitenden Tätigkeiten (Praktika etc.) haben Sie absolviert und dabei ggf. welche Schlüsselqualifikationen erworben?

    Als Sprachlehrer bei Inlingua, als freier Mitarbeiter im Kulturteil einer Tageszeitung, als Tutor im Germanistischen Seminar, als Gasthörer an der Düsseldorfer Kunstakademie.

  8. Wie sind Sie nach dem Studium geworden, was Sie nun sind? Und: Wollten Sie es werden?

    Ich wusste lange nicht, was ich werden wollte und sollte. Es gab weder Ziel noch Plan. Es fügte sich. Das journalistische bzw. feuilletonistische Talent ließ irgendwann keine Wahl.

  9. Nützt Ihnen das im Studium erworbene Wissen in Ihrem Beruf – und wenn ja: was?

    Es hat geholfen, Assoziations- und Bezugsketten zu bilden, die sich an keine Kunst- und Genregrenze halten, sondern von der Literatur zur Musik zur Kunst zum Film zum Theater reichen; hat geholfen, Wahrnehmungen zu schärfen, ein Gespür für Sprachform und Stil, Empfindlichkeit gegenüber schludrigem und miserablem Schreiben und ein Empfinden mit Gründen zu haben.

  10. Würden Sie sich heute wieder für ein Germanistik-Studium entscheiden – und warum (nicht)?

    Ja (siehe oben). Nein, wegen der medialen, sozialen und geistigen Verwahrlosung und Abstumpfung und der allgemeinen Denk- und Lesefaulheit folgender Jahrgänge. Idiotie und Indolenz als kollektive Diagnose.

  11. Wie viele Ihrer (Branchen-)Kollegen haben Germanistik oder ein anderes geisteswissenschaftliches Studium absolviert? Und werden in Ihrem Bereich noch weitere Germanisten bzw. Geisteswissenschaftler gesucht?

    Kann ich nicht aussagekräftig beantworten.

  12. Welche Frage haben Sie an heutige Studierende der Germanistik? Und was würden Sie ihnen raten zu tun (oder zu lassen), um den Sprung von der Uni ins Berufsleben zu schaffen?

    Zu erkennen, was man wirklich kann und ernsthaft möchte. Sich nicht zu früh festlegen (trotz zunehmend karriereorientierter Planungsnotwendigkeiten), möglichst praktische und lebenspraktische Berufserfahrungen sammeln.

 

Hinweis: Im ersten Teil unserer Serie GermanistInnen im Beruf gab Martin Sonneborn Auskunft über seinen Werdegang, im zweiten der Journalist Jan Sting, im dritten der Journalist und Fotograf Axel Joerss. Nach diesen drei Herren kamen mit der Wissenschaftslektorin Christine Henschel und der Schriftstellerin Nikola Richter zwei Damen an die Reihe, bevor Schriftsteller Burkhard Spinnen den K.A.-Fragebogen ausfüllte. Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig präsentierte sehr heitere Antworten, die allerdings verdeutlichen, dass nach der Hochschulreform vielleicht eher nicht das aus ihr geworden wäre, was sie nun ist – zumindest nicht mit einem Germanistik-Studium. Und begleitend zu einer Veranstaltung des Alumni-Clubs der Uni Bonn erschienen im Februar 2007 die Fragebögen von ZEIT-Redakteur Adam Soboczynski, Cornelia Schu vom Wissenschaftsrat und WDR-Radiomoderator David Eisermann. Im März beantwortete dann Swantje Lichtenstein den Fragebogen. Danach verriet uns Carla Christiany, wie sie mit dem Germanistik-Studium im Gepäck den Sprung über die Alpen nach Italien geschafft hat, und Christoph Wenzel gab einen Einblick in seinen ganz der Literatur gewidmeten Alltag. Dass Wirtschaft und Geisteswissenschaft einander nicht ausschließen, sondern sich im besten Fall sogar ergänzen, hat uns Christian Eichner bewiesen. Und den Beweis, dass man es auch als Angehöriger der Generation »Nicht-Praktikum« im Literatur- und Kulturbetrieb zu etwas bringen kann, trat Olaf Kutzmutz für uns an. – Weitere »Germanisten, die es geschafft haben«, folgen!

 

Wissenschaftsjahr 2007 Der Fragebogen »Germanisten im Beruf« ist Bestandteil des »Jahres der Geisteswissenschaften 2007«.

 

Andreas Wilink (Foto: privat)Andreas Wilink, geboren am 6. Februar 1957 in Bocholt, wohnt in Düsseldorf. Von 1977 bis 1984 Studium der Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, Abschluss Magister Artium. Von 1988 bis 2000 Kulturredakteur der Westdeutschen Zeitung in Düsseldorf, zuständig für Theater, Film und Literatur. Von 2001 bis 2003 Redaktion des Feuilletons der NRW-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung bis zur Einstellung der Ausgabe im März 2003. Kurz danach Gründer, Mitherausgeber und leitender Redakteur des monatlich erscheinenden Magazins K.WEST – das Feuilleton für NRW. Weiterhin Autor unter anderem für den WDR oder Theater heute, Mitglied der Jury des Theatertreffens 2007 im Rahmen der Berliner Festspiele.

(30. September 2007)

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