Anzeige

Crauss.

Heimat als Utopie

Klaus Weise inszeniert am Theater Bonn den antiken Klassiker »Medea«

Tine Buecken, 25. September 2007, 12:07 Uhr

Innig schlingt er die Arme um die beiden Söhne, selig kniet sie neben ihm. Die Familienidylle könnte süßer nicht sein. Und doch trügt der schöne Schein. Wenig später wird sie diese ihre Kinder morden. Ihn lässt sie am Leben – denn welch ein Tod könnte schmerzhafter sein als lebenslanges Leid?

Xenia Snagowski spielt unter der Regie von Generalintendant Klaus Weise am Theater Bonn eine der ungeheuerlichsten Frauenfiguren der Dramengeschichte: »Medea« – entworfen von Euripides vor weit mehr als zweitausend Jahren. Zwei Herzen schlagen bedingungslos und unduldsam in ihrer Brust: flammende Liebe, wegen der sie einst ihre eigene Familie verriet, um ihm, Jason, als Heimatlose in die Fremde zu folgen – abgrundtiefer Hass gegen ihn, der nun ihre Liebe verrät. Verdankt er Medea sein Leben, wählt Jason doch die Korinthische Prinzessin, Tochter König Kreons, zu seiner neuen Braut, tauscht die finstere, mysteriöse Exotin gegen die reine, blond-erstrahlende Schönheit. Was für ihn gesellschaftlichen Aufstieg, bedeutet für sie und ihre Kinder Verbannung. Der Verrat giert indes nach Rache.

Rache, die gestillt sein will, und dazu ist jedes Mittel recht. Xenia Snagowski entwickelt ein leidenschaftliches Spiel um Kabale und Hass, in dem sie jede Facette ihrer Rolle auslotet. Wie eine entmenschte Furie tobt sie und erhebt sich zu einem gnadenlosen Klagegesang, um schließlich ermattet zu Boden zu sinken. Dann wieder kriecht sie unterwürfig vor Kreon (gespielt von Bernd Braun) auf dem Boden, zischelt ihm und Jason ins Ohr, was sie nur hören wollen: Mit raffinierter Heimtücke versprüht die falsche Schlange ihr Gift, preist vorgeblich die Überlegenheit des männlichen Geschlechts, gesteht reumütig ihren eigenen Fehl und gewinnt so beider Vertrauen zurück. Immer wieder schlägt sie aber auch leise Töne an, ringt mit ihrer mütterlichen Liebe, die ihr den kühl kalkulierten Racheplan zu durchkreuzen sucht:

Kraft und Mut entschwanden mir, als ich, ihr Fraun, der Kinder heitres Auge sah. Nein, nein, ich kann nicht! Fahre wohl, mein voriger Entschluß!

Doch siegt letztlich das Verlangen nach Genugtuung durch das Leid des geliebt-verhassten Ehemanns. Dieses eine finale Ziel tötet jedes andere Gefühl.

Xenia Snagowski spielt »Medea«

Klaus Weises Medea ist jedoch weit mehr als nur verstoßene, gedemütigte Ehefrau: ein schwarzer, barbarischer Fremdkörper in der Zivilisation Korinths. Fremdheit und Heimatverlust – eindrucksvoll fängt das Bühnenbild von Manfred Blößer dieses Spannungsfeld ein. Kühl und abweisend ragen die Steinwände der Korinthischen Paläste bis zur Bühnendecke. Einsam, verloren, fremd muss sich diese junge Frau in der monumentalen Architektur fühlen. Kalt und erbarmungslos grellt das Licht. Bis sich drei monströse Trennwände aus hölzernen Balken bedrohlich von hinten in den Bühnenvorderraum schieben, feurig rot erglühend wie überdimensionale Heizstäbe, die alles Lebendige zwischen sich zu zermalmen und verbrennen drohen. Die Unmöglichkeit, an diesem Ort eine Heimat zu finden, ist ganz offenbar.

Aber der Regisseur belässt es nicht einfach bei der Darstellung Medeas als Heimatlose. Er diskutiert anhand seines Figurenaufgebots gleich das ganze abstrakte Konzept »Heimat«. Peter Nitzsche präsentiert die Rolle des Erziehers in jung-dynamischem Proleten-Stil mit lässig-offenem Hemd und in einem Slang, den Feridun Zaimoglu wohl als »Kanak Sprak« bezeichnen würde – von vornehmer korinthischer Zivilisation keine Spur. Und im modernen Damen-Chor löst sich die Sprache gar gänzlich auf: Spricht die eine den Text, wird er von der zweiten versetzt, während er sich bei der dritten mal in gollumartigem Krächzen, mal in melodischem Singsang verliert. Und auch optisch wirken die Damen befremdlich: Mit Hotpants und übergroßen Sonnenbrillen kommen sie sehr amerikanisch daher. Erscheinungsbild und Sprache verlieren ihren Wert als kulturelle Zugehörigkeitszeichen. Und wenn Raphael Rubino Jason in extrem gestelzt-aufgesetzter Sprache von »Heimat« reden lässt, scheinen sich hinter dem vorgeblichen Wunsch, für die »alte« Familie durch neue Heirat ein Zuhause zu gewinnen, doch eigentlich nur niedere Beweggründe, Machtgier und Ruhmsucht, zu verbergen.

Immer wieder nutzen Rubino und seine Mitspieler Mikrofone, um ihre Botschaften an den Mann zu bringen – sprechend, schreiend, singend. Verfremdung – Befremdung – Entfremdung. Das ist die Kette, die in der Inszenierung aufgefädelt wird. Zurück bleibt letztlich die Frage, welche Bedeutung also das Abstraktum »Heimat« überhaupt noch trägt. Bei Weise scheint es nur noch Utopie zu sein. Und letztlich mordet Medea womöglich gar mit ihren Kindern das einzige, in dem für einen Moment noch ein Funken Heimat zu existieren schien: die Familie. Wenn Medea am Ende – in dem wohl grausamsten und stärksten Bild des Abends – liebevoll die unter einer Leinwand hervorschauenden Beinchen der erhängten Kinder schaukelt, wird das ganze Ausmaß der Katastrophe offenbar.

Medea schaukelt die toten Kinder

Medea. Tragödie von Euripides. Theater Bonn – Kammerspiele Bad Godesberg. Premiere: 14.09.2007. Inszenierung: Klaus Weise. Weitere Termine: 30. September 2007, 6., 14., 19., 21. und 27. Oktober 2007. – Weitere Informationen unter www.theater-bonn.de.

(25. September 2007)

Anzeige


RSS-Feed für Kommentare zu diesem Eintrag
URI für Trackbacks zu diesem Eintrag

Kommentare »

Bislang keine Kommentare.

Name (notwendig)
E-Mail-Adresse (notwendig - wird nicht öffentlich angezeigt)
Homepage-URI
Ihr Kommentar (kleiner | größer)
XHTML: Folgende HTML-Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>
Neue Kommentare
  • Dieter Renner: Hallo Manfred, einiges in deiner Rückschau der 70 und 80 ist...
  • Susanne: Nach 200 Seiten war für mich Schluss. Tellkamps Sprache ist...
  • Administrator: Hallo, Florian! Die Musik zum Film stammt von der Band...
  • Florian: hALLO zusammen! fand den film in Ordnung hat mich sehr an meine...
  • Oswald: was an der kritik nervt ist das typische germanistengeha...
Neue Trackbacks
Aktuell

Aktuelle Artikel

Die Fliegerin und der Tod – Wenn Engel abstürzen
Uwe Timms Roman Halbschatten vermittelt, schockiert und verliert trotz sprechender Toter den Bezug zur Realität nicht
[Rezensionen]
Zeitlos in der Fusch
In Der Fliegenpalast zeigt Walter Kappacher den alternden Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal, wie er an einem Ort seiner Kindheit der eigenen Genialität nachspürt – und nichts als Fliegen findet
[Rezensionen]
Tagträume von Vorortgestrandeten
Stephan Thomes Roman Grenzgang ist ein Beweis, wie viel Poesie in deutschen Kleinstädten steckt.
[Rezensionen]
Das aktuelle Heft


Aktuell

In der K.A. plus

Das neue Denken
Manfred Poser wütet und trauert über Hoffnungen, die es nicht mehr gibt
Schwarz und Weiß
Manfred Poser sitzt wie viele täglich vor schwarzen Buchstaben auf weißem Papier. Aber da ist mehr ...
Ordnung und Sprache
Manfred Poser wird wieder einmal vom Sortierengel heimgesucht, der Theorie einfordert – und Ordnung
Der Schein trügt
Warum das Leben ohne Tageszeitung ärmer wäre – am Beispiel der Berner Band Schöftland
Lookism oder die hässliche Seite der Schönheit
Einige Gedanken zur Rolle der Schönheit in Gesellschaft, Globalisierung und Arbeitswelt
Aus der Redaktion

Sagen Sie uns Ihre Meinung!

Wenn Sie uns also eine Nachricht schicken wollen, Kritik oder Anregungen für uns haben, benutzen Sie doch einfach das unter dem Link Kontakt bereit gestellte Formular bzw. senden Sie uns eine E-Mail.