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Crauss.

Von Kunst und Leiden

Zwischen Henry James und Rosamunde Pilcher: Der neue Roman von Zoë Jenny

Bernadette Kalkert

Zoë Jenny: Das PortraitWenn sich das Mysteriöse eines Henry James in die schöne, gute und gerechte Welt einer Rosamunde Pilcher mischt, dann mag dies bisweilen interessante, manchmal aber auch seltsame Züge annehmen. In Zoë Jennys neuem Roman »Das Portrait« ergibt sich eine entschieden merkwürdige Mischung.

Die Autorin wurde 1997 mit ihrem hoch gelobten und mit etlichen Preisen ausgezeichneten Debütroman »Das Blütenstaubzimmer« bekannt. Zwar veröffentlichte sie in den Folgejahren noch etliche Romane, doch konnte keiner an den Erfolg des Erstlings anknüpfen. Im Gegenteil, die Kritik wurde zunehmend schärfer und Jennys jüngst erschienenes Werk wurde von den Feuilletons weitgehend ignoriert. Dies mag zunächst verwundern, denn die Frage nach dem Ursprung von Kunst und Genialität stellt sich jeder Epoche aufs Neue.

Jennys neuer Roman handelt von Helen, einer jungen begabten Malerin. Um für sich und den geliebten Bruder Gabriel, der Musiker ist, eine Zukunft zu ermöglichen, die sich ganz und gar der Kunst verschreibt, willigt sie ein, »Ein Portrait für den Teufel!«, zu schaffen. Der Deal ist wie folgt: In drei Monaten soll Helen ein Porträt ihres Auftraggebers »R.« malen. In dieser Zeit ist sie völlig von der Außenwelt abgeschnitten. Bei Vertragserfüllung winkt ihr ein Vermögen, das sie und ihren Bruder all ihrer finanziellen Sorgen entledigt und ihnen ein reines Leben für die Kunst ermöglicht.

In Rückblenden wird dabei die ärmliche Kindheit des Geschwisterpaares gezeigt und ihr Wille, für die Malerei und die Musik auch die größten Strapazen auf sich zu nehmen. Die Rückschau erfüllt den Zweck, dem Leser Helens Einwilligung in die merkwürdigen Vertragsbedingungen glaubhaft zu machen. Dabei werden sämtliche Klischees des romantischen Dichters evoziert, der in der Dachkammer im Bett liegend schreibt, um Heizkosten zu sparen. Ein Bild, das auf den ersten Blick verdeutlicht: Hier opfert sich jemand für seine Kunst auf. Helens Eltern sind bei einem Autounfall verunglückt; die Tante kann die Kinder kaum ernähren und schläft unter Zeitungen; die Kleider kommen in Säcken des roten Kreuzes und das böse Jugendamt hätte fast die kleine Ersatzfamilie auseinander gerissen.

Der Roman setzt ganz in der Tradition von Henry James ein: Ein Unbekannter dringt in die Sphäre der Villa und des Parks des mysteriösen Auftragsgebers R. ein. Dieser Eindringling ist Helen und sie beobachtet wahrhaft Seltsames: Im abgelegenen Teil des Gartens ist einer Figur der Kopf abgeschlagen und in ihrem Zimmer hängt ein beklemmendes Bild einer Kerze, die fast aus sich selbst heraus leuchtet – einer von Helens Vorgängern hat sie gemalt und sich danach das Leben genommen. Das Personal ist sehr schweigsam und vermeidet den Kontakt mit ihr.

Das Geschwisterpaar aus James’ The Turn of the Screw ist ebenfalls präsent, wenn sich auch die Perspektive verschoben hat: Brüderlein und Schwesterlein repräsentieren jetzt das eindeutig Gute in ihrer fürsorglichen Liebe zueinander und in ihrer Hinwendung zur Kunst. Mit dieser Wendung ins Positive geht den Charakteren allerdings eine Tiefe versprechende Dimension verloren. So ist das Böse im Roman – der Auftragsgeber R. – eben auch nur böse und lässt eine schillernde Ambivalenz vermissen, wie sie Henry James meisterlich zu erzeugen wusste. Deshalb scheint R. eher einem Rosamunde-Pilcher-Roman zu entspringen, so eindimensional und durchschaubar ist diese Figur angelegt.

Der Millionär R. entpuppt sich somit als bedauernswertes Würstchen, das zu seinem Leid nicht im Mindesten künstlerisch begabt ist. Die Aufnahmeprüfung für die Kunstakademie hat R. nie bestanden, was ihm noch heute Alpträume verursacht. Dafür quält er jetzt gerne junge Künstler, indem er ihre physischen und psychischen Bedürfnisse gezielt unbefriedigt lässt. Helen muss in einer kargen Dienstbotenstube wohnen, das Essen ist spärlich und Freizeitaktivitäten wie Lesen oder Schwimmen werden verhindert. Die keineswegs innovative, aber doch interessante These, die R. vertritt, dass nämlich Kunst nur unter einem Leidensdruck entstehen kann, wird allerdings im Roman nicht richtig gewürdigt. R. erscheint von Anbeginn als dubiose und grundsätzlich böse Figur und wird von vornherein demontiert.

Hin und wieder hat sich auch noch ein wenig F. Scott Fitzgerald ins Erzählen geschummelt, denn R. erinnert an den großen Gatsby. In beiden Romanen ist die herrschaftliche Villa eine Kopie einer anderen Villa, ihre Besitzer sind einerseits größenwahnsinnig und leiden andererseits unter einem Mangel an Selbstbewusstsein. Alles ist nur darauf angelegt, wie die Umgebung es wohl aufnehmen und insbesondere würdigen wird. So zeigt R. Helen den Schmuck, die Kleider und die Fotos der exotischen Urlaubsreisen seiner Frau Deborah und erwartet, dass sie staunend ihre Bewunderung zum Ausdruck bringt. Der Tisch, an dem R. sitzt, ist riesig, der Tisch »eines großen Industriellen«. Dementsprechend baumeln R.s Beine unfreiwillig komisch in der Luft. In schönster Reminiszenz an Owl Eyes' Besuch von Gatsbys Hausbibliothek besitzt auch R. eine Bibliothek, die nicht dem Lesen dient. Als Steigerung von Gatsby, der die Bücher als Attrappen verwendet, um seinen Besuchern zu imponieren, ist es dem unter Dyslexie leidenden R. überhaupt nicht möglich, die Bücher zu lesen, selbst wenn er den Wunsch dazu hätte.

R.s Leiden daran, dass er selbst nicht künstlerisch tätig sein kann, wird an etlichen Beispielen veranschaulicht. Wenn allerdings R.s Frau gegen Ende des Romans gegenüber Helen äußert, »Wissen Sie, es geht ihm gar nicht um die Bilder. In Wahrheit will er die Person, er will sich das Talent kaufen, das er selbst nie hatte. Für sich haben, verstehen Sie. Es besitzen«, dann überschätzt der Roman seine eigene Rätselhaftigkeit. Diesen Punkt hätte auch der unaufmerksamste Leser ohne weitere Erläuterung verstanden.

Nachdem R. nun nach allen Regeln der Kunst als gefährlicher Kranker aufgebaut ist, lassen sich zwei Enden denken: Wenn dies eine Pilcher-Story wäre, dann könnte sich der Leser darauf freuen, wie nach etlichen Irrungen und Wirrungen es Helen gelänge, doch noch die gute Seite aus R. zu locken. Wenn dies ein Roman à la Henry James wäre, dann würde der Leser darauf lauern, dass die Geschichte noch etliche unerwartete und unheimliche Wendungen nimmt und selbst den gewieftesten Leser hinters Licht führt. Nichts von alledem trifft jedoch hier zu. Die Autorin entscheidet sich für einen schnöden Mittelweg, ein Semi-Happy-End: R. bekommt seine gerechte Strafe, als er Helen anflehen muss, ihn nicht zu verlassen. Die Heldin schafft es trotzdem, stark zu sein, und reist am Ende des Romans in die Heimat, wenn auch nicht glücklich, da ein unguter Nachgeschmack zurückbleibt. Und das gilt leider auch für den Leser.

 

Zoë Jenny: Das Portrait. Roman Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2007. 205 Seiten. ISBN 978-3-627-00142-1. 19,90 Euro.

(6. November 2007)

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1 Kommentar »

Kommentar von TheBookItself
am 6. November 2007 um 20:46 Uhr

schöne Zusammenfassung, das Wesentliche drin – vielen Dank.

Dann aber — geht es doch um mehrere Facetten des Versagens auf mehreren Ebenen – wurde nicht erkannt, aber schön beschrieben. Zoe Jenny einen großen Schritt weiter.

 
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