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Crauss.

Editorial

Marcel Diel

Liebe Leserinnen und Leser,

der Schwerpunkt dieser Ausgabe – „Großstadt“ – bedarf kaum einer näheren Erläuterung, stellt doch die Stadt bereits in der Antike und besonders die Großstadt in der Moderne eines der zentralen Themen der Literatur dar. Eine Gesamtschau war daher kaum anzustreben, jedoch bietet die Auswahl an Aspekten und Autoren, denen sich die Beiträge unseres umfangreichen Thementeils widmen, sicherlich mehr als nur Andeutungen der Gestaltungsvielfalt dieses „komplexen stilprägenden Phänomens“ (Daemmrich) und beschränkt sich keineswegs nur auf die deutschsprachige Literatur.

Von Be- und Entgrenzung der städtischen Topographie handeln die beiden ‚fachfremden’ Artikel dieses Heftes: Christoph Schmitz erläutert in seinem Eröffnungsbeitrag die „Logik des Ghettos“, während Martin Bredenbeck den Spuren des Architekten Otto Wagner durch Wien folgt – eine Stadt, zu der dessen Zeitgenosse Karl Kraus lebenslang eine intensive Hassliebe pflegte, wie Marko Milovanovic zu berichten weiß. Anlass zur Aufregung bieten freilich auch andere Metropolen, etwa Rom, wo Rolf Dieter Brinkmann aus den Trümmern der Antike die der Gegenwart evoziert, und natürlich Berlin, das im Mittelpunkt gleich mehrerer Beiträge steht, die den Bogen vom Friedrichshagener Dichterkreis um 1890 über die Untiefen der Zwanziger Jahre hinweg (beispielhaft portraitiert in Erich Kästners Roman Fabian) bis hin zur jungen deutschen Literatur der Jahrtausendwende schlagen. Unter anderem in Berlin, aber auch in Paris und St. Petersburg waren in früheren Zeiten literarische Salons gegründet worden, die Sandra Lenz als „Stätten der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte“ beschreibt. Weitere Ziele unserer Städtereise sind das literarische Barcelona zwischen 1945 und heute sowie das New York der deutsch-amerikanischen Autorin Irene Dische. Zum Flanieren – sowohl durch die Literaturgeschichte, als auch durch die moderne Stadt am Schnittpunkt von Topographie und Literatur – laden außerdem die Beiträge von Susanne Elpers und Bernd Stickelmann ein. Und nicht zuletzt findet auch die ‚metaphorische Stadt’ Berücksichtigung, etwa in Gestalt der Frauenstadt von Christine de Pizan, der ville cruelle von Mongo Beti und natürlich innerhalb der deutschen Lyrik jüngster Zeit, deren „urbane Szenerien“ Enno Stahl einer näheren Betrachtung würdigt.

Aus aktuellem Anlass hat sich ein zweiter, wenn auch um einiges kleinerer Schwerpunkt ergeben, den wir auch in der nächsten Ausgabe fortzusetzen gedenken: Die Rede ist von der längst nicht abreißen wollenden Diskussion über die neue Rechtschreibung. Reinhard Markner und Stefan Stirnemann widmen sich im Forschungsteil sowohl politischen als auch inhaltlichen Aspekten der nicht nur ihrer Meinung nach „missratenen“ Reform, ergänzt um eine Chronologie der Ereignisse von 1855 bis 2004, die Heide Kuhlmann zusammengestellt hat.

Im übrigen hat sich die Redaktion der Kritischen Ausgabe dazu entschlossen, zukünftig den Autoren selbst die Wahl zu überlassen, ob sie ihre Beiträge nach ‚alten’ oder ‚neuen’ Regeln gestalten möchten. Diese Entscheidung hat nicht nur pragmatische Gründe – sie basiert vielmehr auf der Einsicht, dass die Umgestaltung der Systematik unserer Schriftsprache ihr Verständnis zum Teil grundlegend ändert und es daher keineswegs einem rein formalen Eingriff gleichkäme, einen Text eigenmächtig von der einen in die andere Schreibung zu übertragen (ein Standpunkt übrigens, der z.B. in der Editionsphilologie nahezu unumstritten ist).

Außer diesen beiden Themenblöcken erwarten Sie wie immer Rezensionen sowie neue Folgen unserer Serien „Vergessene Autoren“ (diesmal über Hans Erich Nossack und Uri Tsvi Grinberg, dessen Portrait ergänzt wird durch eine Auswahl seiner jiddischen Gedichte) und „Portraits zur Literaturtheorie“ (Jacques Lacan). Nützliche Informationen bietet darüber hinaus auch Michael Eckardts Beitrag über die Möglichkeiten des Germanistikstudiums in Südafrika. Und der Literaturteil schließlich präsentiert zwei Lyrikerinnen der jüngsten Generation: Anna Hoffmann und Katharina Schultens.

Schwierige Zeiten beschert uns das nordrhein-westfälische Bildungsministerium: So hat die Einführung von Studiengebühren rund ein Viertel der Bonner Germanistikstudenten dazu genötigt, ihr Studium abzubrechen, was für unseren Hauptsponsor, die Fachschaft Germanistik, in einer massiven Kürzung ihres und damit auch unseres Budgets resultierte. Daher sehen wir uns leider gezwungen, den Verkaufspreis der Kritischen Ausgabe um (vergleichsweise moderate) 50 Cent anzuheben. Für Abonnenten und solche, die es werden wollen, ändert sich übrigens nichts: Sie bezahlen für vier Ausgaben (= zwei Jahre) weiterhin 12,- Euro (zzgl. Versand)! Wenn Sie von diesem Angebot Gebrauch machen wollen, würden wir uns natürlich sehr freuen. Schauen Sie einfach auf unserer Internetpräsenz vorbei! Dort finden Sie übrigens auch den ein oder anderen Beitrag, den wir aufgrund der Umfangsbeschränkung leider nicht mehr in diese Ausgabe aufnehmen konnten, und können uns Anregungenen und Kritik per Formular zukommen lassen.

Wie immer eine spannende und interessante Lektüre wünscht Ihnen

Ihr
Marcel Diel

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(15. Juni 2004)

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