Dem Licht auf der Spur
Detektivarbeit im Kölner Wallraf-Richartz-Museum
Maria Kusch, 12. Juni 2008, 8:35 Uhr
Der Tatort: Das Wallraf-Richartz-Museum in Köln. Die Objekte der Begierde: 130 Exponate der impressionistischen und postimpressionistischen Malerei, darunter hochkarätige Meisterwerke Manets, Monets und van Goghs. Auf detektivischer Entdeckungsreise darf der Besucher hier noch bis zum 22. Juni einen Blick hinter die Kulissen der Kunst werfen.
Auf seiner Spurensuche durchläuft er sechs Bereiche: Im ersten erhält er die Ausrüstung für seinen weiteren Weg. Die Frage »Was ist eine Impression?« wird spielerisch thematisiert. Dem Betrachter werden physikalische Grundlagen von Licht, Farbe und Sinneswahrnehmung vermittelt. Neben Monets »Heuschober« von 1891 werden durch eine Projektion von zwei Heuschobern wechselnde Beleuchtungssituationen simuliert und die Bedeutsamkeit des Einflusses von Licht herausgestellt.
Ausgerüstet mit diesem Basiswissen tritt der Detektiv im zweiten Bereich in den »Marchand de Coleurs« ein, eine nachempfundene Künstlerbedarfhandlung des 19. Jahrhunderts. Dort geht er der Frage nach, womit Impressionisten malten. Er lernt Malutensilien wie Pinsel, Leinwände, Paletten, Grundierungen und Farben kennen. Hautnah werden ihm die Arbeitsgrundlagen anhand von ausgewählten Werken vermittelt. So fällt auf, dass beispielsweise Théo van Rysselberghe 1895 sein Bild »Saint-Tropez« auf einem Zigarrenkistendeckel malte und Gustave Courbet für sein 1865 entstandenes Werk »Meeresstrand« einen Spachtel benutzte. Bei Werken wie diesem stellt sich dem Betrachter nun auch die Frage, ob der Künstler sein Landschaftsbild wirklich in der freien Natur oder doch in seinem Atelier malte. Neben nachgestellten Ateliers in Innen- und Außenbereich entdeckt der Betrachter in einigen Bildern Indizien dafür, dass die Impressionisten tatsächlich Pleinairmalerei betrieben: So finden sich in Armand Guillaumins »Meer bei Saint-Palais« von 1892 Sandkörner, die sich während des Malens in der feuchten Farbe verankert haben.
Nachdem der Detektiv die Tatorte des künstlerischen Schaffens bestimmt hat, beschäftigt er sich im vierten Bereich damit, ob die Werke spontan oder strategisch entstanden. Als großes Ziel vieler Impressionisten galt, einen Moment spontan auf die Leinwand zu bannen. Doch haben sie es auch tatsächlich geschafft? Die Forschung kann diese Frage mit Hilfe von Infrarot-, Ultraviolett- und Röntgenstrahlen sowie Stereomikroskopen und naturwissenschaftlicher Materialanalyse beantworten und es ist erstaunlich, wie weit so mancher Künstler dieses Ziel verfehlte: unsichtbare Bildplanungen, Unterzeichnungen und spätere Überarbeitungen werden durch die neuen technischen Mittel sichtbar. Die Künstler stellen sich als große Strategen und Perfektionisten heraus. Van Gogh hat seine legendäre »Zugbrücke« von 1888 in drei Stufen geplant, bevor er mit Ölfarbe zu malen begann. Die Ausstellung zeigt ebenfalls Zweitverwendungen bereits bemalter Bildträger: Renoirs Gemälde »Das Paar« von 1868 liegt beispielsweise ein ganz anderes Motiv zu Grunde.
Im fünften Bereich stellt sich die Frage, wann ein Bild als fertig gestellt galt. Viele der damaligen Zeitgenossen prangerten die scheinbar fehlende Vollendung bei impressionistischen Bildern an. Eine skizzenhafte Malweise, häufiger Verzicht auf Signatur und Firnisauftrag widersprachen den sprichwörtlichen Regeln der Kunst. Zum neuen Zeichen der Vollendung wurde bei den Impressionisten der Gemälderahmen, dessen Form und Farbfassung mit der Malerei harmonieren und ihre Leuchtkraft steigern sollte. So weist Théo van Rysselberghes »Der Regenbogen« von 1852 eine weiße, selbst gemalte Rahmung auf.
Zuletzt wird nachverfolgt, wie wir die Bilder heute sehen. Jedes Kunstwerk verändert sich, sei es durch natürliche Alterung oder manipulative Eingriffe. Die Ausstellung erklärt, wie Veränderungen an Bildträger, Grundierung oder Farbschicht das gesamte Erscheinungsbild eines Gemäldes beeinflussen. Sie zeigt Ergänzungen an Bildern, vermeintliche Veränderungen und Fälschungen. Erstmals stellt das Ausstellungsteam die spektakuläre Zuordnung eines wohlmöglich von Édouard Manet stammenden Gemäldes zur Diskussion.
Die Kuratorinnen Iris Schaefer, Carolina von Saint George und Katja Lewerentz haben eine hervorragende, informative und dabei sehr spannende und unterhaltsame Ausstellung auf die Beine gestellt, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte. Sie hinterlässt bei Jung und Alt schöne Impressionen!
Impressionismus – Wie das Licht auf die Leinwand kam. Ausstellung vom 29. Februar bis 22. Juni 2008. Wallraf-Richartz-Museum, Köln. www.museenkoeln.de/wallraf-richartz-museum.
(12. Juni 2008)



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