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Crauss.

Perfektionierte Langeweile

Das Debutalbum Music for a while der französischen Band Revolver ist eine Sammlung der Ideenlosigkeit

Benedikt Viertelhaus

Irgendwie kann man über viele Platten sagen: »Alles schonmal dagewesen«. Doch selten zeigt es sich so extrem und störend, wie bei dem ersten Album der französischen Band Revolver, Music for a while. Die Arrangements, die Harmonien, selbst den Bandnamen, gab es schonmal. Revolver war und ist eben auch eine deutsche Hard-Rock Band, die in den 80-ern in der Scene zu gewisser Bekanntheit kam und Ozzy Osbourne 1982 auf seiner Europatour begleitete. Die Band aus Paris gründete sich 2006 und hat gerade ihr erstes Album veröffentlicht.

Revolver: Music for a while (Cover)
Revolver: Music for a while
(Cover)

Sicherlich paßt zu beiden Bands der Name. Als Heavy-Metal-Band kann man versuchen, in die Waffe Härte zu interpretieren, und bei der Aufmachung von Music for a while weiß man direkt, womit man es zu tun hat. Der Versuch eines 60-er/70-er Jahre-Klons mit einer Referenz an das Beatlesalbum Revolver. Das Coverphoto erinnert an With the Beatles, die farbliche Gestaltung an Aftermath von den Rolling Stones, das wahrscheinlich damals schon an das Beatlesalbum erinnern sollte. Das Vorgängeralbum von Revolver, Rubber Soul, hat die Beach Boys zu Pet Sounds inspiriert. Dieses, noch einmal über den Teich gewandert, inspirierte die Beatles zu Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band und mit diesem Album als Anstoß wiederum produzierten die Rolling Stones Their Satanic Majesties Request; die Idee, Popmusik aus dem reinen Songwriting herauszuheben, war manifestiert, also der Versuch, den Reigen der jährlich erscheinenden Songsammlungen, Alben aus Einzelstücken, zu durchbrechen.

Nun, Jahre später, gibt es Revolver, die harmoniesüchtig (was nur in der Musik immer als Vorwurf aufgefaßt werden darf) das alles zusammenwerfen. Sie klingen ein bißchen nach Beatles, ein bißchen nach Beach Boys, und der Titel des Albums könnte ein Zitat aus Don McLeans »American Pie«, sein, das sich in einer Coverversion der drei auf dem Album sicher nicht auffällig herausgehoben hätte. Den Gedanken der Zeit, an die sie sich so offensichtlich anlehnen, die einfachen Liedersammelalben hinter sich zu lassen, vermißt man gänzlich. Zu der Zeit, in der all das entstand, was hier sicherlich nicht freiwillig Pate gestanden hätte, waren in Frankreich noch Jaques Brel, Georges Brassens oder Serge Gainsbourg aktiv. Sicherlich wird es auch damals im Nachbarland Bands gegeben haben, die den Stil der Beatles und Co. kopierten, Relevanz scheinen sie aber nicht mehr zu haben. Einzig der französische Star Johnny Halliday hat sich längst zu einem eigenen Phänomen entwickelt. De Bläck Fööss zum Beispiel, die ihre ersten Gehversuche durch die Beatles inspiriert sehen, haben bis heute vor allem auch durch Wandelbarkeit überlebt und haben in der 5. Jahreszeit ihre Nischenepoche gefunden.

Die Band: Revolver (Foto: verstärker medienmarketing, Berlin)
Die Band: Revolver aus Paris
(Foto: verstärker medienmarketing, Berlin)

Aber wer Revolver hört, weiß sofort, warum eine lange Karriere nur funktionieren kann, wenn auch sie Wandelbarkeit entwickeln, wie die Black Fööss. Doch eine mögliche Voraussetzung fehlt Revolver: die eigene Sprache, die sie gegen ein langweiliges, charakterloses Englisch austauschen. Zudem strotzt das Debut musikalisch vor Ideenlosigkeit. Einzig bei der Beherrschung ihrer Instrumente und dem produzieren von Harmonien kann man Ambroise Williaume (Gesang, Gitarre, Klavier), Christophe Musset (Gesang, Gitarre) und Jérémie Arcache (Cello und Gesang) nicht vorwerfen. Das klingt jedoch, trotz all der Anleihen, derer sie sich bedienen, erschreckend eintönig. Der mehrstimmige Gesang zieht sich durch alle zwölf Lieder. Das Schlagzeug ist zudem viel zu weit in den Hintergrund geraten, und nicht nur deswegen ist es die reinste Weichspülermusik, die uns die EMI da aus Frankreich verkaufen will. Warum tut sie das? Warum versucht man uns damit zu ködern? Denn das Erschreckende ist, daß Platten der Musiker, die in Frankreich mit brillanter Popmusik erfolgreich sind, wie etwa Calogero oder Mademoiselle K, in Deutschland Großteils nur zu untragbaren Importpreisen zu bekommen sind. So wirkt Revolver wie ein Beweis, daß die Musikindustrie die Verantwortung an ihrem Untergang zu Teilen selber trägt. Wer ewig Gestriges weiterhin als neu verkaufen will, nur weil es andere Musiker sind, die an den Instrumenten herumhampeln, hat ausverkauft. Geld in das Marketing zu investieren bei Bands, die die eigene Note und damit auch die Entwicklungsfähigkeit bezweifeln lassen, ist letztlich schwer einzuspielendes Geld. Für Folgeplatten von Bands wie Radiohead ist nur noch wenig Marketing nötig. Für junge Bands wie Revolver jedoch schon. Wenn da die Entwicklung nicht wahrscheinlich ist, wird der Interessierte die zweite Platte aber nicht unbedingt kaufen wollen. Die Veröffentlichung wird zu keinem erwarteten Event und somit für die zweite Platte auch wieder großes Marketing vonnöten sein. Auch wenn die Stücke auf Music for a while teilweise nett sind, sie verlangen nach keiner Fortsetzung und auch nach keiner weiteren Beschreibung, die letztlich auch nur langweilen würde.

Revolver: Music for a while. EMI France 2009. Ca. 14 Euro.

(11. August 2009)

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Kommentare »

Kommentar von Manfred Poser
am 11. August 2009 um 20:54 Uhr

Lieber Benjamin Viertelhaus! Plattenfirmen machen’s leider wie Verlage; sie “covern” sozusagen erfolgreiche Rezepte, weil für Anderes Mut und Klasse fehlen und das Business so ist. Ich wurde ja für dpa in Hamburg vor 20 Jahren von den Labels bemustert und eingeladen. Da sah man dann in vier Jahren ein halbes Dutzend Versionen der “jungen intellektuellen US-Liedermacherin”, man sah die Pathos-Band, die “Saga” nachempfunden war und englische und australische Heavy-Metal-Bands, alles im Kielwasser irgendwelcher Trends … und wenn man neuere Videos sieht, fühlt man sich zurückgeworfen in die Achtziger. Es bleibt alles gleich. – Super in Frankreich sind natürlich seit langem “Les Rita Mitsuoko”, die um 1988 angesagt waren. Erst vor kurzem war ein neues Konzert im Fernsehen, 20 Jahre nach ihren Erfolgen, aber die Sängerin (wie heißt sie gleich), was für ein Charisma! Nicht vergessen die arte-Jam-Session mit Manou Katché Samstag abend, einmal im Monat. Grüße Manfred Poser.

 
Kommentar von Manfred Poser
am 11. August 2009 um 21:05 Uhr

Sorry, Benedikt sollte es natürlich heißen; wie unser Papst. Irgendwie bin ich in der Eile durcheinandergekommen … Muss mein poetischer Sinn sein, dass ich Benjamin den Vorzug gab, weil das ein wenig sanfter klingt. Oder sollte doch der Papst dahinterstecken? Gruß M. Poser

 
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