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Crauss.

Das Handwerk des Schreibens

Manfred Poser rezensiert heute nicht Romane, sondern seziert Sätze aus solchen

Manfred Poser, 25. September 2009, 0:58 Uhr

Der italienische Lyriker Cesare Pavese (1908–1950) führte ein Tagebuch, und seine Aufzeichnungen erschienen 1952 unter dem Titel »Il mestiere di vivere«, »Das Handwerk des Lebens«. Ich war sicher, es hätte »Il mestiere di scrivere« geheißen, denn es ist zu schön, dass im Italienischen leben und schreiben so eng zusammengehören. Giovanna sagte mir schon vor zehn Jahren, ich dürfe Paveses Werke erst nach der Lektüre des Tagebuchs lesen; ich wollte mich daran halten, aber dann war ich doch zu neugierig. Paveses letzte Eintragung datiert auf Ende August 1950, kurz vor seinem Selbstmord; sie lautet: »Ich werde nicht mehr schreiben.« Damit behielt er Recht.

Ich will auch nicht mehr schreiben, wenn ich sehe, welche Bücher sich gut verkaufen. Aber gute Autoren müssen nicht mehr schreiben, sie müssen nur etwas Gutes geschrieben haben, und dann dürfen sie zuschauen und bisweilen ihr Können rezensierend aufblitzen lassen. Hier drei Versuche anhand von Internet-Leseproben.

 

Straßburg, Winston-Churchill-Platz (Foto: Manfred Poser)
Manche Übergänge hängen in der Luft. – Straßburg, Winston-Churchill-Platz
(1874–1965, Nobelpreisträger für Literatur 1953).
(Foto: Manfred Poser)

 

Der geheimnisvolle rote Balken

Beginnen wir mit Bernhard Jaumann, »Die Augen der Medusa«. Dieses Buch hat beim Deutschen Krimi-Preis 2009 Platz zwei belegt. Es geht um einen Kommissar in Italien. Der Beginn:

»Der rote Balken wanderte durch einen stahlblauen Himmel, der wie gefroren aussah. Nur über die Hügel im Osten zog sich ein dünner Wolkenschleier, durch den die Wintersonne milchig schimmerte. Die Kuppen waren dünn mit Rauhreif überzuckert, doch über die Nordhänge reichte eine fast geschlossene Schneedecke bis ins Tal. Auf ihr stumpfes Weiß schien der Lehm der darunter begrabenen Äcker abgefärbt zu haben.«

Ein roter Balken also. Vielleicht ein UFO? Er sollte über den Himmel wandern. Wo Osten ist und wo die »Nordhänge«, können wir uns aussuchen. Und eigentlich färbt nur etwas Obenliegendes auf das darunter ab, nicht umgekehrt. Vom Waldrand führt dann eine Spur quer über die Fläche nach Montesecco, und: »Der rote Balken folgte ihr.« 50 Zeilen später heißt es: »Der rote Balken in der Optik des OEG-Spezialvisiers zitterte nicht.« Klingt cool. Der Balken wanderte nicht »real« über (oder durch) den Himmel, sondern befindet sich im Visier – im Kontext des hier gepflegten Realismus ein Fauxpas.

Es geht zu Beginn um ein Auto, das von weither zerschossen wird. Das schildert der Autor geradezu enthusiastisch. Es ist eine durchaus gelungene sprachliche Nachschilderung von Filmbildern, aber über nicht enden wollende dreieinhalb Seiten hinweg: eine pyromanisch-logomanische Stilübung, die vom Leser erst durchgestanden werden will.

 

Der erste Hauch der Dämmerung

Gut in der Bestsellerliste Belletristik liegt »Die Rose von Asturien«. Der Verlag Droemer Knaur liefert das erste Kapitel des Buches von Iny Lorentz als Leseprobe.

»Im Osten bedeckte der erste Hauch der Dämmerung die Berge, während der westliche Horizont in flammendem Rot leuchtete, als könne sich der Tag nicht entschließen, der Nacht zu weichen. Die Reiterschar, die zu dieser Stunde unterwegs war, achtete jedoch weder auf die beginnende Dunkelheit noch auf das prächtige Farbenspiel am Himmel. Das Gesicht ihres Anführers war düster, und in seinen Augen leuchtete blanke Wut.«

Wieder Himmelsrichtungen! Turgenjew oder Hemingway hätten geschrieben: »Die Dämmerung hatte eingesetzt, nur im Westen leuchtete der Horizont noch flammend rot. Eine Reiterschar überquerte die Hochfläche. Der Mann, der vor ihr ritt, stieß einen Fluch aus.« In der »Rose von Asturien« setzt der »erste Hauch der Dämmerung« ein falsches Signal; das »erste« Licht des Morgengrauens sieht man, aber wo wäre das erste Licht der so zwielichtigen Dämmerung zu finden? Der Hauch hing vielleicht über den Bergen; aber deckt er sie zu, macht er sie unsichtbar?

Die dünne Formulierung, dass der Tag sich nicht entschließen könne, der Nacht zu weichen, passt so gar nicht zu dem »flammenden Rot« – besser wäre es gewesen, zu schreiben: »als wolle sich der Tag nur nach einem blutigen Kampf ergeben«. Das würde schön auf die Handlung vorausweisen. Dass die Reiter darauf nicht achten, ist eine weitere Interpretation und klingt, als wolle die Autorin ihren ersten Satz wegwischen; zudem wird der Anfang nochmals paraphrasiert.

Später, am Ende des ersten Kapitels, heißt es: »Auf seinem Gesicht spiegelten sich Gier und leiser Triumph.« Wie sah das aus? – An anderer Stelle heißt es: »Für einen Augenblick sah es so aus, als würde er den Waskonen einfach niederschlagen.« Wie sah das aus? Zuckte seine Hand, bewegte sie sich zum Schwertgriff hin? Der Hang zum Abstrakten tritt bei vielen Autoren störend hervor. Der Leser muss etwas sehen können.

 

Gänse bei Rust (Foto: Manfred Poser)
Zu viel seitenfüllendes Geschnatter manchmal. – Gänse bei Rust.
(Foto: Manfred Poser)

 

Blickfreigabe

Der neue, fünfte »Kluftinger« von Klüpfel und Kobr heißt »Rauhnacht« und liegt schon jetzt in der Amazon-Bestsellerliste auf Platz drei. Ich hatte bereits die ersten vier Bände nicht gelesen, also war ich begierig, auch den fünften nicht zu lesen. Doch hier will ich ein paar Zeilen untersuchen. Die Leseprobe des Verlags heißt »Das Spiel beginnt.«

»Beim Betreten der Hotelhalle besserte sich Kluftingers Laune wieder. Das war eine Herberge so ganz nach seinem Geschmack: Große Panoramafenster gaben den Blick auf den verschneiten Garten frei, die Halle war mit einem hellen Steinboden ausgelegt, alles wirkte freundlich, gemütlich und gepflegt. Und teuer, was ihn eigentlich am meisten freute – musste er sich doch eingestehen, dass er sich einen Aufenthalt in einem derartig luxuriösen Hotel nicht leisten könnte. Oder nicht leisten wollte, das traf die Sache vielleicht noch besser.«

Der erste Satz bessert die Laune eines etwa schlecht gelaunten Lesers nicht; er wird geräuschlos abgebucht. (Ist die Leseprobe der Anfang des Buchs? Kann nicht sein.) Bei der »Herberge« klingt die »Nobelherberge« des »Spiegel« nach. Und dann bald die Verbeugung vor dem Aldi-Kunden, der es auch für rausgeschmissenes Geld hält, so viel für eine Nacht zu löhnen, aber sich zu einem Aufenthalt bequemen würde, wenn eine anonyme Firma es zahlte. Da hat er womöglich ein Schnäppchen gemacht! Klufti ist also einer von uns, und die Adjektive »freundlich, gemütlich und gepflegt« passen zu ihm. Von ironischer Distanz indessen keine Spur: Das ist alles so treuherzig gemeint, wie es dasteht. Einen doppelten Boden gibt es nicht.

Ärgerlich, dass in der Folge nach sechs Zeilen schon wieder etwas »den Blick freigibt«: das Dach nämlich auf einen »inzwischen ziemlich bedrohlichen Himmel« – erneut ein unsinnliches Abstraktum. »Es war eine spektakuläre Aussicht« … was ist dann Rio oder Rom by night? Ist der Blick auf den Himmel schon eine »spektakuläre Aussicht«? Im Allgäu vielleicht. Unspektakulär, um nicht zu sagen oberbanal sind die Dialogfetzen: »Schön hier, oder?« (Erika) – »Ja, sehr schön.« (Kluftinger) – »Gar nicht so schlecht, oder?« (die Langhammers) – »Ja, ganz ausgezeichnet, mein Lieber.« (wieder Kluftinger) – »Und das haben wir alles nur Ihnen zu verdanken.« (Langhammer) – »Darf ich mal?« (der Gepäckträger). – Aufhören! (ich) So etwas hört man im Leben (ah, im Deutschen hängen leben und lesen zusammen!) oft genug.

Jedoch könnten die vier Autoren vor mich hintreten und mich anherrschen: »Was willst du denn? Auch wir könnten mit Leichtigkeit Sätze von dir auseinandernehmen! Es geht hier nicht um Gedichte, sondern um Prosa. Wir erzählen eine Geschichte, da muss man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Es ist die Geschichte, die zählt! Du Oberlehrer kannst uns mal!« – »Hört zu«, würde ich, in die Enge getrieben, antworten, »dazu müsste ich erst einmal eure Bücher lesen, und dazu habe ich keine Lust. Die ›Rose‹ allein hat 800 Seiten! Aber eine Antwort sollt ihr bekommen – schriftlich, in vierzehn Tagen, an dieser Stelle!«

(25. September 2009)

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Kommentare »

Kommentar von Dieter Renner
am 25. September 2009 um 9:06 Uhr

Hallo Manfred,

ich bewundere deine Energie in der Kommentierung der Beispiele.Für mich fallen diese unter die Rubrik “Körperverletzung”. Man sollte nicht den Fehler machen, auch in den Bereich Literatur die Beurteilungskriterien der Ökonomie einfliessen zu lassen.
Wenn ich in meiner Bücherei das Regal mit den aktuellen 15 Bestsellern sehe, kann man eher erschreckt sein über die Verfassung unseres Landes, dass sich ja in dieser Qualität widerspiegelt.
Deswegen und als Akt der Behauptung: Weiterschreiben.

Viele Grüße Dieter

Kommentar von Manfred Poser
am 25. September 2009 um 22:07 Uhr

Hallo Dieter! Danke für deine Zuschrift. Mein Freund Helmut sagt dazu ganz gemütlich: “Qualität ist fast schon ein Garant für Erfolglosigkeit.” Auch vor 100 oder 150 Jahren haben sich Bücher blendend verkauft, deren Autoren heute keiner mehr kennt. Wir bleiben ruhig, denn wir wissen es ja; wir wissen, welche Intensität in Büchern stecken kann, und das wird nie verloren gehen. – Wir sehen uns hoffentlich am 18. Oktober. Servus Manfred.

 
 
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