Äußerlich verrätselt kommt der Erzählband Koordinaten von Hannes Bajohr daher. Eine denkbar einfache Bindung hält die 136 Seiten zusammen, schwarzer Karton, darüber ein Schutzumschlag, auf dem der Name des Autors kaum zu lesen ist. Ein Klappentext fehlt. Es ist das Debüt eines jungen Autors, geboren 1984 in Berlin, Studium der Philosophie, der deutschen Literatur und Geschichte in Berlin und New York. Schon in seiner Biographie findet sich jenes »Dazwischensein«, das Suchenden wie Reisenden zueigen ist. Seinen Texten wird es zum bestimmenden Thema.
Das »Ich« ist ein Reisender
ich entstieg dem Bus, als noch Nebel und Krähen als dunkle Schatten über Shinjuku kreisten, die Menschenleere gegen fünf und die Fußgängerbrücken, die das Oben übersteigen, gefährlich fern über den Straßen schwingen, ein Windhauch und der Beton wird zu Papier, ein bekanntes Gesicht und die Häuser bekämen Rinde, würden lachen und freundlich auf die Schultern klopfen. Tagsüber weisen die Fassaden ums Rathaus die Menschen aus, feindliche Fenster in schlanker Linie.
Shinjuku liegt in Japan, die Kapitelüberschrift (»Tokio«) verrät es. Das »Ich« – der Erzähler – ist ein Reisender. Mit ihm wandert der Leser nach St. Petersburg, Irkutsk, Moskau, Tokio. Die Betrachtungen wirken wie Notizen, lose nebeneinandergestellte Fragmente eines Textes. Dazwischen eingeschoben sind Erzählungen, knappe Einsichten in unterschiedliche Lebenswege, niemals aufdringlich, niemals ausführlich, niemals deutend. Sie sind an einzelne Orte gebunden und könnten in ihrer seltsamen Vertrautheit doch überall spielen. Sie handeln von Grenzsituationen, kurzen oder andauernden Kontrollverlusten der meist unbenannten Protagonisten: Die Pflegerin, die sich der Annäherung eines alten Mannes ungewollt hingibt; der Cutter von Gewaltszenen, der in einem Moment schmerzlicher Besinnung einen Radfahrer totfährt; der Handelsreisende, der in einer Woche in New York über die Betrachtungen seiner Umwelt seine eigene Identität verliert.
»Irkutsk«, die längste Erzählung, variiert das Schema. Aus dem Moment des Kontrollverlusts wird eine anhaltende Ohnmacht. Das »Ich« ist weiblich, Programmiererin, ihre Arbeit Symbol einer schlichten Ordnung, in der sie sich auflöst, »klare und einfache Befehle, die klar und einfach ausgeführt werden«. Das Zwischenmenschliche aber scheitert. Die Familie bietet keine Geborgenheit mehr, ebenso wenig die Religion; das Jesusporträit der gestorbenen Großmutter wird symbolisch in einer Kiste verstaut. Alltäglichkeiten, wie der scheiternde Flirt ihres Arbeitgebers, sind Symptome einer vorherrschenden inneren Leere. Die Sprache erreicht hier den höchsten Grad der Zerstückelung: »Wir. Könnten doch. Sie atmet still, ohne sich umzudrehen. Zusammen.« Ihre einzige ›Beziehung‹ hat sie zu einem alten Voyeur, der ihr zusieht, wenn sie im Garten duscht. Die Vereinsamung schreitet voran, als sie beginnt, daheim zu arbeiten und das Internet als einziger »Versuch sich zu vernetzen« bleibt. Die Hoffnung richtet sich auf »Weggang, Auszug«, das Erlangen einer neuen Identität durch Flucht und bekommt mit einem weltgereisten Amerikaner eine Bezugsperson. Nachdem er fort ist, packt auch sie ihre Koffer, doch die Perspektive ist entmutigend. Es bleibt die Frage: »wie soll ich leben unter Menschen«?
Bajohrs Erzählungen zeichnen das Bild einsamer Menschen, die mit ihrem eigenen Körper und der Umwelt hadern. Der Einzelne wirkt fremdbestimmt als Opfer äußerer Einflüsse und unbewusster Prozesse, die an die Oberfläche drängen. Sie alle sind auf der Suche nach einem »klumpen Ahnung der Zufriedenheit« und werden enttäuscht. Was ihnen bleibt, ist die Bitterkeit von Sehnsucht ohne reelle Hoffnung. Der Cutter formuliert: »Immer haben die Körper Sinne, nie haben die Sinne Körper, auch würde ich gern einmal ein Lachen sehen, das menscht.« Der Handlungsreisende ergeht sich gar in Gedanken der Selbstauflösung: »einfach wie eine Aspirin sich unter ein bisschen Getöse [zu] zersetzen und alles was bleibt sind Schlieren.«
Nicht positiver steht es um die Szenerien. Der Himmel ist dreckig »zwischen Hauswand und dem Horizont aus Brache«, Gestank und Gleichmaß beherrschen die Beschreibungen; und immer wieder »Putzrisse«, so als gäbe es noch einen Anschein, der zu beschädigen, zu durchbrechen sei. Häuser einer Stadt werden zu einer »Brandung aus gewürfeltem Felshack«. Die Welt ist eine Welt des Menschen, die ihm fremd geworden ist und damit ein wohlbekannter Topos im Trend. Eine Lösung bieten die Erzählungen nicht an. Selbst in der Fremde, im Reisen findet sich nur immer das Gleiche und langweilige Klischees von trinkseligen russischen Militärs zu asiatischen »Pornoläden«. Das »Ich« in der letzten Erzählung »Fähre« reflektiert die eigene Krise: »vielleicht ist es das Reisen, das ich satt habe«.
Ein Spiel mit Wortschöpfungen
Bajohr schreibt eine Prosa, die ungewöhnlich sein will und der Postmoderne verpflichtet scheint. Grammatik ist dabei Nebensache. Kleingeschriebene Satzanfänge, fehlende Verben, schwer nachvollziehbare Tempus- oder Sprachwechsel sowie die eigenwillige Interpunktion ergeben dabei keinen einheitlichen Stil und lassen in der Häufung die Sprache angestrengt, suchend und unruhig wirken.
Am Morgen Sachensuchen und Müllverpacken, am Morgen Rolladenrollen und Stühleschleppen, am Morgen Müllwegbringen und Taschentragen, am Morgen Türzusperren und Torzusperren, am Morgen Zündschlossstecken und Motorstarten, am Morgen Wagenlenken, am Morgen, am Mittag Pflasterfahrten und Fortsein, Nichtweiterwissen und Hintersichlassen, am Morgen, am Mittag, im Sommer.
Der junge Autor liebt das Spiel mit Wortschöpfungen. Doch wo »glasfaserner Regen« noch eine gewisse Eleganz hat, wirken andere Komposita wie »dunkle Mörtelspröde« holprig bis vergeblich bemüht. Wo allerdings die Geschichten in ihrer beliebigen Durchschnittlichkeit versinken, ist diese ungewöhnliche Sprache auch die Stärke von Koordinaten. Es werden einzelne Begriffe assoziativ aufgeladen, sorgen in späteren Passagen für geschickte Untertöne (»blätternder Putz, Schweiß, Blut, Dreck etc.«). Eine Technik, die man aus guten Lyrikbänden kennt. Zusammen durchdringen sie den Text wie lose Bedeutungsfäden, Koordinatenlinien in einer frakturierten Welt. Passend dazu sind die Illustrationen am Ende des Buches der Künstlerin Jade Kim unruhige Linienmuster auf Kästchenpapier, Versuche zu Verbinden.
Ein junger Autor auf Suche …
Koordinaten ist für sich genommen sicher kein Meisterwerk. Zu perspektivlos fügt es sich in den Trend der postmodernen »Ich-Krise«. Doch der Wille zum Ungewöhnlichen, zum Detail, zur eigenwilligen Sprache, zum Literarischen lässt sich finden und übt eine gewisse Faszination aus. Als Erstlingswerk ist der Band interessant zu lesen und man kann hoffen, dass Bajohr über das Stadium des Suchens hinauswächst und bald vielleicht gute, vielleicht große Literatur schreibt.
Hannes Bajohr: Koordinaten. Berlin: Verlagshaus J. Frank, 2008. 136 Seiten. Mit Zeichnungen von Jade Kim. ISBN 978-3-940249-32-6. 13,90 Euro.
(29. Oktober 2009)



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