»Der Herbst 1989 war wie Woodstock«
Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Jan Kuhlbrodt
Im Jahr des 20. Jubiläums des Mauerfalls läuft die Erinnerungsindustrie auf Hochtouren. Dutzende Verlage haben den Buchmarkt mit schöner Literatur und einschlägigen Sachbüchern über die friedliche Revolution im Herbst 1989 geradezu überschwemmt. Dass viele Zeitzeugen in Interviews, Memoiren und autobiografischer Literatur über den Zusammenbruch der DDR berichten, ist aber keineswegs nur den Gesetzen des Marktes geschuldet. Oft liegt der schreibenden Erinnerungsarbeit ein ganz persönliches Erinnern-Wollen, ein Durcharbeiten der eigenen Rolle in der Vergangenheit, zu Grunde.
So auch bei dem 1966 in Karl-Marx-Stadt (seit 1. Juni 1990 wieder Chemnitz) geborenen Schriftsteller Jan Kuhlbrodt, für den das Schreiben einen »therapeutischen Effekt« hat, wie er selbst sagt. Der heute in Leipzig lebende Autor und Redakteur der Literaturzeitschrift EDIT hat dort zunächst politische Ökonomie studiert, nach 1989 dann Philosophie in Frankfurt am Main und später kreatives Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Neben Lyrik und Hörspielen hat Jan Kuhlbrodt auch Prosa-Texte veröffentlicht. In seinem zuletzt erschienenen Roman Schneckenparadies (2008) verarbeitet der Schriftsteller seine wechselvolle Biographie, die in einem Staat ihren Anfang fand, der im Herbst 1989 zusammenbrach.
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- Jan Kuhlbrodt
(Foto: Marie-Luise Marchand/
Plöttner Verlag, Leipzig)
Kritische Ausgabe: Dein Buch Schneckenparadies ist in weiten Teilen autobiografisch. Es beginnt mit Kindheits- und Jugenderinnerungen im Karl-Marx-Stadt der späten 1970er und 1980er Jahre. Du schilderst jene Jahre in einer Atmosphäre des Verfalls und der Trägheit. Stand deine Kindheit und Jugend unter einem unglücklichen Stern?
Jan Kuhlbrodt: Für Kinder gab es in der DDR zwei Dinge, mit denen man sich identifizieren konnte, weil der Sozialismus hier führend war: Das waren der Sport und die Raumfahrt. Sport habe ich nicht gemocht, Sport musste man in der Schule machen. Die Raumfahrt war weiter weg, da wurde man nicht geerdet, da konnte man träumen. Ich habe mit kleinen Bausets von Wostok-Raumschiffen gespielt und das hat mir ein Gefühl von Freiheit vermittelt. Mich hat auch immer die Vorstellung fasziniert, dass es außerirdisches Leben geben könnte. Es gab einen russischen Theoretiker, der gesagt hat: Wenn es uns gelingt, Kontakt mit außerirdischem Leben aufzunehmen, dann müssen die anderen auch eine kommunistische Gesellschaft sein, sonst hätten sie sich längst zerstört. Das war mir einleuchtend, denn Kapitalismus hieß Krieg und Sozialismus bedeutete Frieden. Ich hatte permanent das Gefühl auf der richtigen Seite zu stehen, auf der Seite des Fortschritts. Das Messianische im Kommunismus und Sozialismus hat bei mir gefruchtet. Insofern war es eine glückliche Kindheit.
K.A.: Die Träumerei für fremde Welten führte dich bald zur Politik. Wie würdest du diesen Weg beschreiben?
J.K.: Meine Mutter war Horterzieherin und Lehrerin und brachte diese Themen mit nach Hause. Meine Mutter hat das auch alles gefressen. Sie war auf Linie. Ich habe auch alle Institutionen, angefangen von den Jung-Pionieren, durchlaufen. Als sich meine Eltern scheiden ließen, war das für mich – im Alter von 14 Jahren – ein Wendepunkt. Fortan wurde ich aufsässig. Ich hatte keine Lust mehr, mir allzu viel von Erwachsenen erzählen zu lassen. Das schlug bei mir in eine noch stärkere Politisierung um. Die Revolution hat mir das Elternhaus ersetzt, würde man im Sozialismus-Kitsch sagen. Ich habe mir Orientierungspunkte gesucht, die weit entfernt von meinen Eltern waren. Ich glaube, ich wäre unter diesen Bedingungen 1936 in die NSDAP eingetreten. Ohne Sozialismus und Nationalsozialismus gleichsetzen zu wollen.
K.A.: Und was erhofftest du dir durch deine Politisierung?
Bei mir war es die Suche nach Geborgenheit, die ich in der großen Masse zu finden hoffte. Da gab es auch die richtigen Bilder zur Identifikation, wie z.B. das Festival des politischen Liedes in Berlin: Als die Menschen verschiedener Nationen aufstanden und mit erhobener Faust die Internationale sangen, war das ein beeindruckendes Bild für Gemeinschaft. Da wollte ich dazugehören. Ich bin dann auch 1984 als einziger Schüler aus meiner Klasse mit 18 Jahren in die SED eingetreten. Ich hatte darauf gewartet, endlich 18 zu werden, um diesen Antrag stellen zu können.
K.A.: Sind es schwache Menschen, die nach Gruppenzugehörigkeit suchen?
J.K.: Man hält sich immer für stärker als man ist. Zumindest die Männer. Sie halten sich für gefestigt in ihren Anschauungen, sind es aber nicht. Sie sind leicht erschütterbar. Es wird spröde, wenn etwas zu hart ist, und dann springt es auch leicht. Im Selbstbewusstsein war ich gefestigt, aber ich war es nicht wirklich. Ich habe gefestigt sein wollen.
(25. November 2009)



Reflexionen wie die vorliegende gab es im “gedenkjahr” leider nur selten – danke für diesen ehrlichen, intensiven und sehr reflektierten text.