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Crauss.

Parallellinien

Manfred Poser stellt ein ›neues‹ Werkzeug für Gedichtinterpretationen vor, das nicht aus dem Baumarkt stammt

Manfred Poser, 4. Dezember 2009, 11:00 Uhr

Die große Leistung Roman Jakobsons ist die Methode der strukturalistischen Gedichtanalyse, die freilich auch als ödes Erbsenzählen und Untat an der Seele des Gedichts abgetan werden kann. Zahlreich waren die Gegner, und stellvertretend für sie soll Michael Riffaterre stehen, der strukturale Stilistik lehrte: »Diese engen, rigorosen Methoden [...] konnten nie das subtile, undefinierbare je ne sais quoi einfangen, aus dem Poesie eigentlich gemacht ist.« Dieses je ne sais quoi heißt wörtlich »weiß ich nicht genau«; es ist das Undefinierbare.

Im Zentrum steht bei Jakobson jedoch immer ein Phänomen, das er bei Gerard Manley Hopkins entliehen hat: der Parallelismus. »Die Struktur der Poesie ist eine des fortdauernden Parallelismus, der vom sogenannten Parallelismus der hebräischen Dichtkunst und den Antiphonen der Kirchenmusik bis zur Kunstfertigkeit des griechischen, italienischen oder englischen Verses reicht«, schrieb dieser. Und weiter: »In der Kunst streben wir danach, nicht nur Einheit, Fortdauer des Gesetzes, Ähnlichkeit zu realisieren, sondern damit auch Unterschied, Variation, Kontrast: Es ist der Reim, den wir lieben; nicht das Echo und nicht den Einklang, sondern Harmonie.«

Ist es nicht schön, dass in dem Wort parallel die beiden zentralen l grafisch dessen Bedeutung verkörpern? Und dann gibt es am Ende des Wortes noch ein zusätzliches, am Rande herlaufendes l. parallelos ist griechisch, para heißt neben, und geschrieben wird das Wort so: Παράλληλος.

Den Reim halte Hopkins »zu Recht« für den Inbegriff des Systems der Parallelismen in der Poesie, führt Jakobson aus. Er (der Reim) »impliziert ein erkennbares Verhältnis entweder der Äquivalenz oder des Kontrasts zwischen Laut und Bedeutung – lexikalischer wie grammatischer Art. Im Reim wird dieses System von Übereinstimmungen besonders auffällig.« Jakobson kennt den syntaktischen und vertikalen Parallelismus. Letzteren arbeitet er anhand von Schaubildern heraus. Aber auch von grammatischem und phonematischem Parallelismus schreibt er, und dann hat er sogar noch den »Parallelismus auf Distanz« im Gepäck, nämlich den zwischen Anfang und Ende. Journalisten kennen das, wenn sie am Ende eines Artikels den Anfang wieder aufnehmen.

 

Regenbogen mit Neben-Regenbogen (Foto: Manfred Poser)
Parallelismus in der Natur: Regenbogen mit Neben-Regenbogen,
gesehen am 14. Oktober 2009 in Dottingen (Markgräflerland)
(Foto: Manfred Poser)

 

Differenz und Identität – Äquivalenz und Kontrast

Erstaunlich ist das alles nicht. Alexander Blok meinte: »Es gibt eine Mathematik des Wortes (wie auch eine Mathematik für alle anderen Künste), besonders für Gedichte.« Gedichte sind außerdem schon von ihrem Schriftbild her eher strenge Werke, bei denen man meint, ein Maßband anlegen zu können. Und auch für reimlose neuere Gedichte weiß Jakobson eine Lösung, indem er auf ihren inneren Bau verweist: »Die Unterdrückung des Reims und der metrischen Norm lässt die grammatische Architektonik des Verses im ganzen Gedicht besonders deutlich hervortreten.«

Alles greift ineinander, verweist aufeinander, reibt sich aneinander, und es geht nur darum, die Elemente herauszuschälen. – Das Wort repräsentiert lautlich die Repräsentation eines Dings oder Sachverhalts, und damit es nicht langweilig/damit es Kunst wird, ersetzen die Künstler ein Wort manchmal durch eine Metapher, durch eine Metonymie, ein Synonym, wobei diese natürlich wiederum nur repräsentieren und das ursprüngliche Wort nicht sind: Es sind parallele Schöpfungen. Wir haben immer nur Identität oder Differenz (bzw., laut Jakobson, Äquivalenz oder Kontrast): das Eine – oder etwas Anderes. (Manchmal auch Spiegelungen, die dazwischen liegen – eine interessante Frage.) Bei Heraklit schon fallen die Gegensätze ineinander, die höchste Differenz wird zu Identität, und in der Dialektik ist das Dritte eine Kombination von Eins und Zwei, also je eine Abwandlung von Eins oder Zwei. Darum ist Parallelismus etwas ganz Natürliches.

Ein kleines Beispiel: Ich habe im Keller unter einigen Fahrradklamotten »Das große deutsche Gedichtbuch« von Karl Otto Conrady (1977 im Athenäum-Verlag erschienen) hervorgezerrt und es beliebig aufgeschlagen. Martin Opitz, Barockdichter. Habe ich sowieso immer geliebt, schon als Jugendlicher: Vergänglichkeit! Seite 73:

Ach Liebste, lass uns eilen,
Wir haben Zeit:
Es schadet das Verweilen
Uns beiderseit.

Der edlen Schönheit Gaben
Fliehn Fuß für Fuß,
Dass alles, was wir haben
Verschwinden muss.

Dann wird das Älterwerden plastisch ausgeführt, bis das Gedicht mahnt, sie sollten der Liebe jetzt genießen.

Wo du dich selber liebtest,
So liebe mich,
Gib mir, dass wenn du gibest
Verlier auch ich.

Hier haben wir inhaltlich die Parallelen Eile und Weile, Jung und Alt, Ich und Du. Sogar ein hübsches Paradox (παράδοξον, hier etwa: gegen die Meinung, doxa) haben wir: »Lass uns eilen« / »Wir haben Zeit«. Und paradox ist auch das Ende: Wenn du Liebe hergibst, will auch ich etwas hergeben und »verlieren«. Das ist kunstvoll ineinander geschachtelt … aber besser ist es doch, einen Blick in die »Poesie der Grammatik und Grammatik der Poesie« von Roman Jakobson zu tun (2007 in zwei Bänden bei de Gruyter erschienen), um das stringente Vorgehen des Meisters würdigen zu können.

 

Nun versteht man vieles

Mein Roman »Mörderisches Rom« (2007) baut ja auch auf einer Parallelführung auf: Rudi, der Radler, und Chiara, seine Partnerin, sind zwei Welten, die sich komplementär zueinander verhalten und eine spannungsreiche Beziehung ergeben. Rudi sammelt mit seinen Radlern Geld für Uganda; Chiara verhandelt in ihrer Welt mit ugandischen Politikern. Am Anfang springt die Kamera sozusagen hin und her zwischen Rudi, der sein Fahrrad herrichtet für den Besuch im alternativen Kulturzentrum, und Chiara, die sich selbst herrichtet fürs Konzert mit dem Chef. Erst jetzt verstehe ich das alles (merke: Der Text ist fast immer klüger als der Autor).

Und dann war ich mit zwei jungen Bekannten aus München, Lydia und Patrick, Mitte November in St. Gallen im Kino, genauer: im »Kinok«. Gegeben wurde der jüngste, 58. Film von Claude Chabrol, »Bellamy« (2009) mit Gérard Depardieu in der Hauptrolle. Großartig. Hinterher kam mir die Erleuchtung, dass da auch ein deutlicher Parallelismus vorlag: Der Kommissar Bellamy hat einen etwas liederlichen Halbbruder (da gibt es ein dunkles Geheimnis) und fühlt sich zu dem zwielichtigen Noël oder Emile hingezogen (»il me touche«, sagt er: Er berührt mich), der des Mordes verdächtigt wird. Ich habe dann unter Jakobsons Einfluss eine Grafik gezeichnet, was oft hilfreich ist, um Beziehungen zu klären. Am nächsten Tag präsentierte ich sie zum Frühstück:

 

Meine Grafik zum Film »Bellamy« von Chabrol (Foto: Manfred Poser)
Meine Grafik zum Film »Bellamy« von Chabrol

 

Noël soll einen Obdachlosen (auf meiner Grafik SFD, italienisch: senza fissa dimora, ohne festen Wohnsitz; bei den Franzosen ebenso herzlos als SDF bezeichnet: sans domicile fixe), der ihm ähnlich sah, in eine Schlucht gestürzt haben, um seinen eigenen Tod zu simulieren. Bellamys Partnerin im oberen Teil entspricht Nadja in der Sektion um Noël, was durch erotische Anspielungen klar wird. Der lustige Zahnarzt oben entspricht dem lustigen Anwalt unten, und wenn man lange darüber nachdenkt, bemerkt man, wie kunstvoll das Drehbuch (unter Mitwirkung von Chabrol) gebaut ist. Aber das ist nun, glaube ich, genug Gedankenfutter für eigene Explorationen.

(4. Dezember 2009)

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