Anzeige

Crauss.

Der Zauberer von Rom

Manfred Poser entdeckt Spuren der Gegenwart in einem 150 Jahre alten Roman

Manfred Poser, 18. Dezember 2009, 10:30 Uhr

»Von seinem Ross herab salutierte der Diktator mit seinem im Sonnenstrahl blitzenden Schwert dem neuen Bischof Roms – einem Deutschen!« So steht es bei Karl Gutzkow auf der vorletzten Seite seines 1861 erschienenen Romans »Der Zauberer von Rom«. Den zweiten Band hatte ich nach Rom mitgenommen, denn er sollte auch einmal in der Ewigen Stadt gewesen sein. Im November hatte ich die 722 Seiten des ersten Bandes geschafft, und nach der 11-stündigen Rückfahrt im Zug am vergangenen Dienstag fehlte nur noch das Finale, der letzte Streich –! (Es ist übrigens eine Vorliebe Gutzkows, dem Ausrufezeichen einen Gedankenstrich voranzusetzen: –!)  Und so begleiteten mich die Personen und die Verwicklungen des Romans über fünf Wochen hinweg in einer Art Parallelhandlung, leise und dennoch präsent.

Das ganze Werk ist sogar im Projekt Gutenberg zu lesen. Ich allerdings hatte statt des E-Books aus der Kantonsbibliothek St. Gallen eine schöne Druckausgabe mitgenommen, erschienen in Leipzig 1911, mit einer vom Autor 1871 überarbeiteten und vor allem gekürzten Fassung des Textes. Der Berliner Dramaturg und Journalist Karl Gutzkow (1811–1878), der in Dresden, Hamburg und zuletzt in Frankfurt tätig gewesen war, hatte 1851 erfolgreich »Die Ritter im Geiste« vorgelegt, ein Konvolut von 4.100 Seiten. Gutzkow setzte sich für die Revolution von 1848 ein, und die letzten Worte im »Zauberer« lauten denn auch:

 

»Freiheit –! Freiheit –! Freiheit –!«

 

Und nun stehe ich ehrfürchtig vor diesem Monumentalwerk von 1.500 Seiten, das die Jahre von 1830 bis 1850 umfasst und in Witoborn (erfundener Ort), Köln, in der Schweiz, in Norditalien und in Rom spielt. Am Ende der Ausgabe sind 100 handelnde Personen genannt. Wie kann ein einzelner Kopf diese verwickelten Fäden der Geschichte zusammenhalten? Kunstvoll entfalten sich die Lebensläufe der Hauptpersonen, kunstvoll werden sie ineinander verstrickt. Lucinde Schwarz ist eine geniale Figur: eine dunkelhaarige, rätselhafte Frau, zynisch und leidenschaftlich, die den schönen Priester Bonaventura von Asselyn verehrt und verfolgt, der seinerseits die blonde Paula von Droste-Camphausen liebt, die im »magnetischen Schlaf« Sehergaben hat.

Gegen diesen gewaltigen Entwurf ist ein neuer Film wie 2012 von Roland Emmerich, den ich gerade in Rom gesehen habe, Kinderkram. (Das Ende der Welt steht bevor, und der italienische Regierungschef zieht es vor, mit dem Papst im Petersdom zu beten, welcher aber rasch fortgeblasen und zertrümmert wird – wonach die blonde deutsche Regierungschefin den weggeblasenen italienischen Kollegen in der Riege der Staatsoberhäupter vertritt.) Alles ist sorgfältig und sprachlich kraftvoll geschildert. Es fehlen nicht die berühmten »Cliffhanger« (wenn ein Kapitel mit einem Höhepunkt abbricht) und die vielfältigen Überraschungen. Gutzkow spart nicht an grellen Effekten, und man darf den »Zauberer« eine »Gothic novel« nennen, an der auch Edgar Allen Poe seine Freude gehabt hätte. Schon die Gestalten wirken eindrücklich: der hünenhafte Mönch Hubertus mit seinem totenkopfähnlichen Schädel; der schleimige Prokurator Nück; der Schurke Jean Picard; die zarte Armgart; der gute Soldat Benno von Asselyn, der sich auf die Seite der italienischen Freiheitsbewegung schlägt und am Ende scheitert … denn schon vor der italienischen Einigung 1870 gab es vom 9. Februar bis zum 3. Juli 1849 eine den Franzosen abgetrotzte Römische Republik.

 

Die Statue von Giuseppe Garibaldi auf dem Gianicolo in Rom (Foto: Manfred Poser)
Die Statue von Giuseppe Garibaldi (1807-1882) auf dem Gianicolo in Rom,
auf deren Sockel steht »Roma o Morte«.
(Foto: Manfred Poser)

 

Natürlich verehre ich die großen Romane von Charles Dickens (1812–1870) und Honoré de Balzac (1799–1850). Doch Karl Gutzkow muss sich mit seinem Roman weder vor ihnen noch vor Victor Hugo (1802–1885) und Émile Zola (1840–1902) verstecken. Statt große Geschichten aus dem 19. Jahrhundert in Rom und Paris zu lesen, kann man bei Gutzkow erfahren, wie es in der ersten Hälfte jenes Jahrhunderts in der deutschen Provinz und beim Adel zuging, wie die Leute gekleidet waren, was sie bewegte. Wichtige Motive des Romans sind der Konflikt zwischen Katholizismus und Reformation sowie die Rolle der Waldenser-Bewegung (von der Kirche grausam verfolgt) und der Jesuiten (von Gutzkow mit Abneigung geschildert).

Noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war es ein Problem, wenn auf dem Land ein Katholik eine Protestantin heiratete. Auch durch Deutschland geht immer noch ein Bruch. Als Kohl 1998 abdankte, war das Ende des alten, aus Bonn stammenden  rheinisch-katholischen Modells gekommen, und die Macht übernahmen Schröder und dann Merkel, die von Berlin aus die protestantische Nüchternheit von Nord und Ost verkörperten.

Erstaunlich prophetische Worte liest man in den Dialogen. Etwa: »Eine durch Österreich vertretene germanische Welt ist keine, oder der Name Deutschland wird zum Schrecken jeder Nation, die ihre Freiheit anstrebt [...] Ohne den Widerstand der Priester und der Doktrinäre könnte der Deutschkatholizismus sogar den Nationalismus zu einer Art von Mystik erheben.« (Band II, S. 465) Der Österreicher Hitler schaffte das, indem er sich und seine Bewegung an die Stelle des Deutschkatholizismus setzte.

Oder: »Wird dem Stellvertreter Christi sein Schemel irdischer Macht unter den Füßen weggezogen, dann kann ihm nichts mehr von seinen alten, den geistigen Druck der Welt unterstützenden Machtansprüchen bleiben.« (S. 465) Ganz trat das nicht ein. Jedoch durchbrachen am 20. September 1870 Soldaten die Porta Pia in Rom und vollendeten die Einheit Italiens, deren Vater Giuseppe Garibaldi ist. Der Papst, der  über die mittelitalienischen Regionen Marken, Umbrien und Latium verfügt hatte, musste sich fortan auf den Vatikan beschränken; die Erstürmung der Porta Pia war so etwas wie der Mauerfall des 19. Jahrhunderts.

Über die katholische Beichte: »Aber wie sie jetzt besteht, ist sie der unwürdigste Zwang. Eine Zeit wird kommen, da man erkennt, dass sie dem Priester das Unmögliche zumutet.« 150 Jahre später kam die Zeit, aber nicht um die Priester zu schonen, sondern die Gläubigen. Bonaventura wünschte sich zudem: »Allerdings sollte die Messe in der Landessprache gelesen werden.« (S. 592). Das kam 100 Jahre später durch das 2. Vatikanische Konzil. Karl Gutzkow gelingt es, die Anziehungskraft des Katholizismus, seine Riten und Eigenheiten in Worte zu fassen. Lucinde sagt: »Die katholische Kirche ist darum so schön und rührend, weil sie so ganz und gar Antiquität ist. Mir ist sie auf die Art eine alte, wurmstichige Kommode geworden.«

 

Die letzten beiden Seiten des »Zauberers von Rom« (Foto: Manfred Poser)
Die letzten beiden Seiten des »Zauberers von Rom« in der Ausgabe von 1911.
(Foto: Manfred Poser)

 

Das Ende des Romans ist melancholisch. Die Protagonisten sind gealtert. Sie blicken zurück auf ihre Sehnsüchte und das, was aus ihnen wurde. Benno und sein Bruder Bonaventura sagen sich: »Das wollten wir – und ach! das haben wir gefunden –!« Es bleiben Gräber zurück und ein paar weißhaarige Übriggebliebene. Auch Rom bleibt, es ist die Ewige Stadt, die höchstens irgendwann an ihren Fahrzeugen ersticken wird. Das Papsttum ist nicht abgeschafft worden, wie es sich Gutzkow gewünscht hatte. Der »Zauberer von Rom«, das ist – der Papst, der nun ein Deutscher ist. Da behielt der Romancier Karl Gutzkow Recht.

(18. Dezember 2009)

Anzeige


RSS-Feed für Kommentare zu diesem Eintrag
URI für Trackbacks zu diesem Eintrag

1 Kommentar »

Kommentar von JohRip Subscribed to comments via email
am 22. Dezember 2009 um 15:43 Uhr

Schwachsinn. Da gilt mutatis mutandis Thomas Bernhard an Unseld:

»Lieber Doktor Unseld, vor meiner Abreise aus Österreich habe ich noch einen Blick auf Ihre verlegerische Katastrophe geworfen; was Sie da auf über 3000 Seiten drucken und erscheinen haben lassen, ist die grösste verlegerische Peinlichkeit, die mir bis jetzt bekannt ist [Marianne Fritz, »Dessen Sprache du nicht verstehst«]. Über 3000 Seiten proletarischen stumpfsinnigen Müll mit dem Bombasmus eines Jahrhundertereignisses zu drucken und zu binden, gehört tatsächlich in das Buch der Rekorde: als Stupiditätsrekord.
[…]
Hätten Sie doch anstatt den Unsinn von Frau Fritz, nur eine dreitausend Blätter lange Klopapierrolle gedruckt und unter dem Suhrkampsignet herausgegeben, Sie wären auch damit ins Buch der Rekorde gekommen.«

 
Name (notwendig)
E-Mail-Adresse (notwendig - wird nicht öffentlich angezeigt)
Homepage-URI
Ihr Kommentar (kleiner | größer)
XHTML: Folgende HTML-Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>
Neue Kommentare
Neue Trackbacks
Aktuell

Aktuelle Artikel

Eine »essentielle und essentialistisch gesellschaftliche Grundlage«
Die neue Kritische Ausgabe widmet sich dem Thema Familie in der Literatur
[Die neue K.A., Familie]
In deutscher Tradition
Maxim Biller schreibt sein literarisches Selbstporträt und nennt es Der gebrauchte Jude
[Rezensionen]
Das aktuelle Heft


Aktuell

In der K.A. plus

Eine »essentielle und essentialistisch gesellschaftliche Grundlage«
Die neue Kritische Ausgabe widmet sich dem Thema Familie in der Literatur
Der Bibliotheken-Engel
Manfred Poser wurde schon Hilfe vom Engel zuteil, aber verlassen sollte man sich nicht auf ihn – sein Auftauchen ist eine Gnade
Erleuchtete Dichter
Die Erleuchtung durchs Frühjahr wird kommen – und bis dahin tröstet uns Manfred Poser mit erleuchteten Dichtern
Raunende Dialoge am warm-wirren Strand.
Ein investigativer Sonntagsbesuch in der Ausstellung »James Cook – Die Entdeckung der Südsee«
Zwischen Klischee und Realität »sehen« lernen
Auslandserfahrungen unserer Korrespondentin aus Paris
Aus der Redaktion

Sagen Sie uns Ihre Meinung!

Wenn Sie uns also eine Nachricht schicken wollen, Kritik oder Anregungen für uns haben, benutzen Sie doch einfach das unter dem Link Kontakt bereit gestellte Formular bzw. senden Sie uns eine E-Mail.