sinnliche kleinschreibung
Crauss, 21. Juni 2004, 9:25 Uhr

eigentlich sollte es um rechtschreibung gehen. die schreibreform der endneunziger jahre sorgte für genügend aufsehen und verunsicherung, die entscheidenden kommissionen noch einmal auf den plan zu rufen. nun wird die reform reformiert, einiges wird anders — aber alles bleibt gleich: denn keine spur davon, dass die regeln einfacher würden! so habe ich mir schon vor geraumer zeit vorsorglich (und aus einer exzentrischen laune, gebe ich zu) eine eigene schreibweise angewöhnt. hauptmerkmal: durchweg kleine buchstaben ausser bei eigennamen. weder macht dies das lesen schwieriger, noch sieht es unattraktiv aus. und ich stehe nicht alleine da. Friederike Mayröcker, berühmteste österreichische kleinschreiberin, lässt auch schonmal sämtliche satzzeichen aus einem roman heraus. 378 seiten ohne punkt und komma! ausserdem gibt es seit jahrzehnten den anerkannten „bund für vereinfachte rechtschreibung“, der sich in seinen kleinschreib-argumenten zB. auf Wilhelm Schubart oder Heinrich Böll stützen kann. „eine sprache verliert weder an informationswert noch poesie, wenn sie — wie die englische und die dänische — von der gross- zur kleinschreibung übergeht,“ hat Böll gesagt. und HC. Artmann, österreichischer schriftsteller formuliert es so: „die kleinschreibung ist viel sinnlicher!“ [...]
aus: craussgerechnet… — kolumne im siegener stadtmagazin inside (juni 04)
(21. Juni 2004)



Die deutsche Sprache, die Sprache der Dichter und Denker, hat viele Auffälligkeiten. Eine der Besonderheiten ist die Groß-und Kleinschreibung, die es tatsächlich (ich lasse mich gern belehren) nur im Deutschen gibt. Auch wenn es auf den ersten Blick leichter erscheint, alles klein zu schreiben: die Großschreibung hat einen entscheidenden Vorteil: sie ermöglich den Satzinhalt schnell zu erfassen über die besondere Markierung der HAUPTwörter. Warum sollen wir uns auch in unserer Schreibung unserer Identität berauben lassen und uns wieder den anderen (diesmal Sprachen) anpassen. Für das Denken und Lesen ist es auf jeden Fall eine Erleichterung. Übrigens biete ich in kleinen Gruppen Rechtschreibkurse an und kann den Teilnehmern dort auch auf humorvolle Weise zeigen, warum einige Änderungen in der Rechtschreibung tatsächlich den poetischen ursprünglichen Gehalt von vielen Wörtern und Redewendungen wieder zum Vorschein bringt. Und das mit Hilfe der !!! Großschreibung.
Viele Grüße von Martina Karraß
PS: würde ich mich über einen Link auf meine Web-Seite freuen
Liebe/r Crauss,
keine Frage, Sprachen, ihre Rechtschreibung, damit die Groß- oder Kleinschreibung unterliegen seit Jahrjunderten Veränderungen in der einen oder anderen Form. In einem Zeitalter, in dem alles vereinfacht wird (wir rechnen sogar das kleine Ein-Mal-Eins sicherheitshalber mit dem Taschenrechner), soll auch die Sprache sich unserer Bequemlichkeit unterordnen. Für mich ist es nicht die Frage des nicht verloren gegangenen Informationsgehaltes oder einer dennoch vorhandenen Poesie (poesie – wie hübsch, so klein und unbedeutend). Es ist vielmehr Ausdruck geistigen Verkümmerns, sich breit machender Bequemlichkeit, uniformen Denkens, zunehmender Leere, mangelnder Bereitschaft über die Schreibweise eines Wortes und damit seiner Bedeutung nachzudenken? Entwickeln wir die Frage doch weiter, warum muß der “moderne” Mensch im Zeitalter vollkommener Verdummung durch den Konsum der zur Verfügung stehenden Medien überhaupt noch wissen, warum etwas wie geschrieben wird? Vielleicht brauchen wir bald gar keine Sprache mehr, weil uns dann die Worte fehlen.
in diesem sinne beste grüsse aus berlin dagmar grass
hallo
ich bin weder gegner einer kleinschreibung, noch fordere ich sie. ich bin der ansicht, romane sollten großgeschrieben sein, aber auch das ist subjektiv meine meinung. das liegt einfach daran, dass ich romane als zeugnisse unserer sprache ansehe. ebenso sollten schulbücher und wörterbücher unbedingt großgeschrieben sein. speziell im internet aber, wo es sehr auf geschwindigkeit und einfachkeit ankommt, sehe ich kein problem, durchweg klein zu schreiben, denn ich möchte diesem stil eine gewisse leichtigkeit nachsagen – auf mich wirkt das sehr schön. das ist genauso wie mit den serifen: im internet kann ich sie kaum ausstehen, ich halte sie für derart überflüssig. sie erschweren derart unnötig die lesbarkeit. bei gedruckten texten, insbesondere büchern, aber auch zeitschriften aber halte ich sie für sehr hilfreich und unumgänglich. ich würde eine dualität, wie sie zum teil jetzt schon besteht, begrüßen. offiziell sozusagen, nicht als zeichen schlechten stils.
mfg
andi
Auch ich (14, Gymnasiast) bin für die kleinschreibung. Ob man nun am satzanfang groß oder klein schreiben soll, ist mir wurscht, da dass keine schwer zu erlernende regel ist und sie auch keine ausnahmen bietet. Nun aber zur deutschen goß & kleinschreibung: Wozu groß schreiben? Dient es der einfachheit des lesens? Nein! Die einzigen probleme die ich im englischen oder lateinischen hab sind, dass ich die vokabeln nicht kenn, aber nicht das alles klein geschrieben ist, das stört dem lesefluss überhaupt nicht – nur am anfang, da es ungewohnt ist. Aber gewöhnt man sich dran, geht es mindestens genauso schnell. Und hat schonmal jemand an die ausländer gedacht, die deutsch lernen wollen? Wenn selbst wir deutschen teilweise unsicher sind was das großschreiben angeht, wie dann erst die ausländer? Wenn man spontan und schnell schreibt, macht man viele flüchtigkeitsfehler, und einige “verstecke” hinweise auf die großschreibung übersieht man gar. Selbst mein alter deutschlehrer empfand die rechtschreibung nicht als besonders sinnvoll und meinte im e-mail verkehr auch nur kleinzuschreiben. Auch meine jetzige deutschlehrerin konnte mir keinen erwähnenswerten vorteil nennen. Bei einigen wortzusammenhängen sind sich ja nichtmal die “rechtschreibeexperten” einig! Sprache soll was einfaches sein. Warum macht man sie hier so unnötig kompliziert? Auch bei den kommaregeln gibt es fragwürdig stellen. Kommas sollte man meiner meinung nach auch nur dann setzen, wenn der satz wirlich ziemlich lang und unübersichtlich ist, aber wer braucht bei “ich geh zur schule weil ich lernen will” nach dem schule nen komma? Es ist doch so übersichtlich genug.
Der einzig sinn der deutschen groß & kleinschreibung ist für mich weiterhin die fehlerquellen zu erhöhen.