Mit dem Motorrad nach Mexiko
Ein Interview mit Kristof Magnusson, dem »Erklärbär« der Finanzwelt

(Foto: © Thomas Dashuber)
K.A.: Ihr neuer Roman hat eine viel freundlichere Grundstimmung als Zuhause. Zuhause verbreitet so eine hintergründige Melancholie, die dem ganzen Roman zugrunde liegt, bei Das war ich nicht ist das nicht mehr so. Ist das ein Zeichen für »Nicht-Island«?
K.M.: Ich glaube, das liegt an der Geschichte, die das Buch erzählt. Ich hatte von Anfang an den Wunsch, dass es eine Art von Happy End gibt, dass diese drei Menschen irgendwie davon profitieren, dass sie einander getroffen haben. Das hat mich dann in eine Stimmung versetzt, durch die diese Leute, obwohl sie ziemlich viele Probleme haben, schon am Anfang vom positiven Ende beeinflusst waren.
K.A.: Alle drei Charaktere werden von einem Schlag getroffen, durch den ihr Leben, wie es bis dahin war, zu Ende ist. Trotzdem nehmen sie es mit Humor, es gibt keine ernsthafte Trauer, keine Wut, keine Verzweiflung. Kann es sein, dass Sie Ihre Charaktere nicht richtig ernst nehmen?
K.M.: Ich habe darüber viel nachgedacht, ich überlege nur gerade, in welchem Kontext ich darüber nachgedacht habe. Bei Meike gibt es schon diese Verzweiflung, bei ihr habe ich, auch wenn ich es jetzt wieder lese, das Gefühl, die ist so ein bisschen wahnsinnig. Das zeigt sich dann, wenn sie sich mit allen überwirft und einsam durch Chicago läuft. Alle drei Charaktere spüren diese Verzweiflung, die sich in einzelnen Momenten offenbart. Dadurch, dass es drei Innensichten sind, hat jede einzelne Person natürlich weniger Raum um ihr Innenleben auszubreiten. So werden die Dinge automatisch verknappter gesagt, deshalb denke ich, dass es vom Resultat eine … (denkt nach) jetzt versuche ich das Wort oberflächlich zu vermeiden … Es ist einfach eine schnellere Form, es ist mehr Handlung und es sind drei Personen, es kommt in diesem Buch auf die Interaktion zwischen den Personen an. Es war mir wichtiger, aus der Interaktion narrativ Gewinn zu schlagen, als aus der ausführlichen Darstellung von deren Innenleben.
K.A.: Durch dieses Hin- und Herswitchen zwischen den einzelnen Innensichten wird sehr oft das Erlebnis des einen Charakters durch den zweiten ironisch gebrochen, das ist sehr lustig zu lesen. Dadurch kann man als Leser aber auch die Verzweiflung der einzelnen, wenn sie da sein sollte, nicht richtig ernst nehmen.
K.M.: Das ist ein guter Gedanke, natürlich ist wird die Verzweiflung dadurch relativiert, dass man die Wahrnehmung der einen Personen gebrochen durch die Wahrnehmung der anderen Person noch mal bekommt. Um noch was zur Vorgeschichte zu sagen: Der Roman, den ich übersetzt habe, spielt aus sehr vielen verschiedenen Perspektiven. Das hat mir beim Übersetzen so viel Spaß gemacht, dass ich dachte, das möchte ich auch gerne mal machen. Dann habe ich festgestellt, dass es wirklich eine dermaßen Arbeit ist! Ich dachte, das ist total nett und simpel, man schreibt dann irgendwie was aus der einen Perspektive und dann bricht man das so´n bisschen aus der anderen Perspektive, und das ist lustig und spannend und so. Es hat sich aber der gegenteilige Effekt eingestellt, es ist eher mehr Arbeit, man muss den kompletten Roman einmal aus jeder Perspektive schreiben um dann wie beim Filmschnitt die Szenen, die man vom jeweiligen Charakter nimmt, auszuwählen. Die Emotion, die die eine Person in einem Kapitel trägt, muss über die beiden nächsten Kapitel, die dann von einer anderen Figur erzählt werden, rübergerettet werden. Bei dem Verfahren habe ich sehr unterschätzt, wie aufwendig es ist.
K.A.: Bei Zuhause haben Sie gesagt, Sie waren bei der Fertigstellung schon mit so vielen anderen Projekten beschäftigt, dass Sie gar kein „Fertigseingefühl“ hatten. Gab es diesmal ein Abschluss-haben-, Feiern-, Sekt-aufmachen-, Buch-ist-durch-Gefühl?
K.M.: Nee, das hatte ich jetzt irgendwie auch nicht. Das liegt aber auch daran, dass wir im Lektorat noch viel daran gearbeitet haben. Sehr viel von dem, was mir jetzt an dem Buch sehr gut gefällt, ist Antje Kunstmann zu verdanken. Sie hat es fünf- oder sechsmal gelesen und wirklich immer wieder den Finger genau auf die Stellen gelegt, an denen sie geahnt hat, was ich damit wollte, aber gesehen hat, warum es auf dem Papier noch nicht da ist. Es war eine ganz tolle Lektoratszusammenarbeit! Der Zeitraum bis zum fertigen Buch ist lang, es kommen noch mal die Fahnen und wenn es in den Druck geht, dann ist die Manuskriptabgabe schon so lange her, dass man gar nicht einen bestimmten Punkt markieren kann. Das ist im Theater schöner, da hat man eine Premiere.
K.A.: Der Moment, in dem Sie das erste gedruckte Exemplar in den Händen halten, wäre doch ein guter Zeitpunkt, um mal zwei Wochen Urlaub zu machen.
K.M.: Ich habe Urlaub gemacht, allerdings, bevor ich das Buch in den Händen hatte. Als es in den Druck gegangen ist, bin ich eine Woche nach Island gefahren. Urlaub … ich habe dieses freiberufliche Denken, dass ich wenig ablehnen möchte. Gerade bis 2011 werden alle Leute, die aus dem Isländischen übersetzen können, gebraucht. Viele wissen es noch nicht: Island ist dann Gastland der Buchmesse. Mein großer Plan ist im nächsten Jahr noch sehr viel zu übersetzen, sehr viel zu lesen und dann nicht zwei Wochen Urlaub zu machen, sondern zwei Monate. Ich hoffe es ist nicht einer von diesen unrealistischen Plänen, die man so lange vor sich herschiebt, bis man einen Herzinfarkt bekommt.
K.A.: Mit dem Motorrad bis nach Mexiko?
K.M.: (lacht) Mit dem Motorrad bis nach Mexiko, genau!
(9. Februar 2010)



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