Rief da ein Mann?
Benedikt Viertelhaus, 16. August 2005, 8:31 Uhr
Ja, da ruft er, erst noch recht laut, dann immer leiser, bis das Hörspiel Draußen vor der Tür schließlich endet. Aber haben wir ihn gehört? Hätten wir ihn gehört?
1934 schrieb Hans Erich Nossack sein Gedicht Rief da ein Mann. Wenngleich es sich nicht um Nossacks besten Text handelt, so doch um eines seiner besten Gedichte, die er nur aus finanzieller Not 1947 veröffentlichte. Der Erzähler beschreibt in dem Gedicht, wie er trotz eines Hilferufes in seinem Bett liegen blieb:
Er rief, damit es mich erwecke,
zur Nacht zweimal vom Flusse her:
O Mensch, wie liebst du deine Decke,
dein Bett und deinen Schlaf so sehr.[...]
Heut morgen kommen sie und fragen:
Wer rief und hat die Nacht gestört?
Wer da wohl rief? Vielleicht einer wie Beckmann. Beckmann, einfach nur: „Beckmann“, wie seine Frau ihn nannte, als er sie nach drei Jahren russischer Gefangenschaft mit einem anderen Mann vorfand. Und so steht er draußen vor der Tür und weiß nicht weiter, aber auch die Elbe will sein junges Leben nicht und spuckt ihn wieder aus. Dort, wo er hätte bleiben können, bleibt er nicht, schon setzt er jemand anderen vor die Tür, und die Verantwortung für den Tod von elf Männern seines Spähtrupps hat er auch noch zu tragen. Die schleppt er müde zu dem Offizier, der ihm den Befehl gab, wenn möglich auch Gefangene zu machen. Der Offizier will sie nicht haben, die Verantwortung. Er bleibt lieber im Kreise seiner Lieben und trauert um die Flasche Rum, die Beckmann stiehlt, als er wieder nach draußen geht. Das Leben wollten seine Eltern nicht, aber mit dem Gas hätte man einen Monat lang heizen können, erzählen die ehemaligen Nachbarn. Und so steht er auch dort vor der Tür, vor der Tür seines eigenen Elternhauses. Auch er wird endlich sterben, verlassen von allen guten Geistern, dem lieben Gott, der sich nur fragt, warum keiner an ihn glaubt und auch der Andere, der Ja-Sager, der Beckmann lange Zeit begleitete, verlässt ihn. Und so ruft er, ruft, bis das Hörspiel vorbei ist, aber eigentlich hört man ihn noch immer rufen, den Mann mit der zerschossenen Kniescheibe, der Frau mit dem anderen im Bett, den toten Eltern …
Am 13. Februar 1947, neun Monate vor dem Tod des Autors, vom Nordwestdeutschen Rundfunk ausgestrahlt, wurde Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür bald eines der wichtigsten Hörspiele und Theaterstücke der Nachkriegszeit. Nun ist es (wieder einmal) in einer neuen Aufmachung auf CD erschienen, in eben jener Fassung, die schon damals erfolgreich war. Doch zwei Dinge dürften einem erneuten Erfolg im Wege stehen: Zum einen sind Hörspiele trotz des Hörbuchbooms noch immer eher ein Geheimtipp, zum anderen fühlen sich die Menschen wie damals schon unter ihrer warmen Decke am wohlsten. Dabei könnte das Hörspiel Draußen vor der Tür weit mehr vermitteln als das Lebensgefühl einer Generation. Vielleicht ist der aktuelle Bezug nicht offensichtlich genug, doch es gibt ihn: Menschen, die zwar keinen Krieg erleben mussten, aber dennoch nach Wärme schreien, danach, drinnen zu sein und sie selbst sein zu können. Menschen, die gegen die Entfremdung durch das allzu bequeme Leben anschreien, aber nicht gehört werden.
Wolfgang Borchert starb zu früh, um seine Themen weiter ausarbeiten zu können, aber auch diese nun wieder zugängliche Hörspielfassung hat ihn in das deutsche Gedächtnis eingebrannt. Nicht dass wir heute jedem Krieg entsagen würden, aber doch gibt es Menschen, die sich mit den Ursachen und Folgen von Kriegen auseinandersetzen, auch deshalb, weil die schlimmsten Kriege von deutschem Boden ausgingen. Dass viele Menschen noch heute nicht jeden Krieg unterstützen, ist sicherlich auch einer Literatur zu verdanken, die uns dessen Schrecken nahebringt, und den schlimmsten davon beschreibt Borcherts Hörspiel: Überlebt zu haben und dann nicht nach Hause kommen zu können. Aber was heißt schon Zuhause, wenn einem die warme Decke in der Nacht nicht mehr das Wichtigste ist…
Auch Nossack bleibt nach dem Krieg aufgeweckt, bis zum Ende seines Lebens. Ob in Spirale – Roman einer schlaflosen Nacht, oder in Ein glücklicher Mensch (denn das ist der Erzähler des Romans), er braucht den, dem er seine „Geschichte erzählt, nicht erst zu erfinden“. Auch Borchert hatte seine Zuhörer. Menschen, denen er damals aus der Seele sprach, und uns: Menschen, denen er ins Gewissen reden und denen das Stück nicht reine Literaturgeschichte bleiben sollte.
Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür. Hörspiel. Sprecher: Hans Quest, Joseph Dahmen, u.a. Regie: Ludwig Cremer. Produktion: Nordwestdeutscher Rundfunk, 1947. München: Der Hörverlag, 2005. Ca. 83 Minuten. ISBN: 3-89940-641-9. 14,95 Euro.
(16. August 2005)



Bislang keine Kommentare.