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Crauss.

Lookism oder die hässliche Seite der Schönheit

Einige Gedanken zur Rolle der Schönheit in Gesellschaft, Globalisierung und Arbeitswelt

Roberto Jurkschat

Schönheit in der Arbeitswelt

Die Forscher aus Regensburg machten in einer Umfrage eine interessante Entdeckung. Mit dem Aussehen von Menschen werden scheinbar automatisch charakterliche Attribute verbunden. Dieser Prozess geschehe zumeist unbewusst. Die Umfrage zeigt: schönere Personen werden auf den ersten Blick für erfolgreicher, fleißiger und zufriedener gehalten. Menschen, die weniger dem Ideal entsprechen, gelten hingegen als unzufrieden, ungesellig und faul.

Schönheit hängt erwiesenermaßen weder mit Intelligenz, noch mit Geschicklichkeit oder Leistungsfähigkeit zusammen. Studien des amerikanischen Soziologen Prof. Hamermesh von der Austin University in Texas zeigen aber, dass »schönere« Menschen auf allen Kontinenten durchschnittlich einen deutlich höheren Stundenlohn beziehen, als diejenigen die als »below average looking« eingestuft wurden.
In Deutschland liegt die Varianz des Gehalts durch den Faktor Schönheit bei durchschnittlich 15%, Frauen sind infolge der Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts doppelt betroffen. Für viele bedeutet das 4.500 € weniger Gehalt im Jahr – trotz gleicher Qualifikation.

Ein Blick nach vorne

Was es in der Diskussion um den Schönheitswahn gibt, sind Phänomene und Erklärungsversuche. Auf der einen Seite liegen die Fakten. Umfragenergebnisse und Gehaltsstatistiken können sehr belastbare Unterlagen sein, um Aussagen über den Status Quo zu treffen. Im Moment lautet er: Schönheit ist weiß, diskriminiert Menschen auf dem Arbeitsmarkt und im gesellschaftlichen Leben, verursacht Krankheiten und drängt viele zur Anpassung. Auf der anderen Seite liegen unterschiedliche Spekulationen über die Ursachen.

Anders als an der Regensburger Uni gehen viele in den vergangenen Jahren gegründete Initiativen von einer medialen Prägung des Schönheitsdenkens aus, das darüber hinaus konstruiert und ansozialisiert sei. Das Interesse an dem Thema wächst zurzeit, auch entlang von Modelsendungen und Castingshows. Einiges hat sich in den vergangenen Jahren bewegt, die Kritiker bringen sich rund um ihre Begriffe in Formation.

Fight-Lookism-Streetart in Berlin (Foto: © Projekt L)
Auf www.lookism.info informiert eine Berliner Initiative über die Diskriminierung aufgrund des Aussehens.
(Foto: © Projekt L)

Projekt L nennt sich eine dieser neuen Initiativen, die sich mit dem Determinismus einer biologisierteen Gesellschaft nicht abfinden will. Ihre Mitglieder in Berlin versuchen über ihre Internetpräsenz, über Ausstellungen und Diskussionsrunden, der Öffentlichkeit zu vermitteln, dass »Lookism nahezu alle Lebensbereiche dieser Gesellschaft beeinflusst« . Unter dem Neologismus des »Lookism« werden Diskriminierung und normative Bewertung von Menschen aufgrund des Alters, der Kleidung, der Körpergröße oder des Gewichts gebündelt; der deutsche Wikipedia-Artikel zu diesem Begriff ist gerade mal zwei Jahre alt.

Im Umfeld dieser Bewegung positioniert sich auch Maja-Lena Pastor, Gestalterin der Sonderausstellung »Was ist schön?« im Deutschen Hygienemuseum in Dresden. Die Ausstellung, die noch bis zum Januar 2011 zu besichtigen ist, zeige auch wie Schönheit »konstruiert wird«. »Wir sagen nicht, dass es eine Schönheit gibt«, erklärt Prof. Klaus Vogel, der Museumsdirektor.

In der Bundesrepublik ist man noch überzeugt, man gehöre in puncto Gleichheitsstreben zur Avantgarde. Ganz zutreffend ist diese Einschätzung aber nicht. In Großbritannien und in Frankreich ist es zum Beispiel längst untersagt, einer Bewerbung Dinge hinzuzufügen, die in Bezug auf die Anforderungen irrelevant sind. Dazu zählen auch Bewerbungsfotos. In den USA stehen gezielte Kampagnen und eine Erweiterung der Bürgerrechte im Raum. Die Diskriminierung soll vor allem auf institutioneller Ebene eingedämmt werden.

»Wir können es uns nicht leisten, auch nur einen jungen Menschen aufzugeben«. Dieser Satz fiel in Heilbronn im vergangenen September. Die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) sprach dort über Chancengleichheit. Der Pathos in ihrer Rede kündigte die anstehende Bundestagswahl an. Zwei Wochen später war Von der Leyen nicht mehr zuständig. Kristina Schröder (CDU) bekam den Platz an ihrem alten Schreibtisch. Viel getan hat sich seitdem nicht. Wer sich jetzt beschweren möchte, der muss sich womöglich erst einmal ziemlich lange anstellen, das Problem steht auf keiner Agenda.

Schönheitsideale und deren psychische Folgen lassen sich zwar einerseits nicht einfach per Gesetz verbieten. Hierfür müsste ein umfassender gesellschaftlicher Paradigmenwechsel stattfinden. Doch dieser kann eben andererseits durch Gesetzgebungen angeregt werden. Solange es aber keinen politischen Ausgleich gibt, bleibt Schönheit aber auch hierzulande eher die Grenze der Chancengleichheit.

 

Anmerkung d. Red.: Der vorliegende Text ist die erweiterte und teilweise veränderte Fassung eines am 10. Juni 2010 in der WDR5-Sendung Politikum gesendeten Beitrags.

(14. Juni 2010)

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Kommentare »

Kommentar von Monique Gerson
am 14. Juni 2010 um 9:22 Uhr

Dieses Thema ist nicht nur ein sehr weites Feldf, sondern auch ein äußerst problematisches. Was mich jedoch zutiefst schockiert hat und völlig neu für mich war, ist die Europäisierung asiatischer Augen – ein Spiel mit dem Feuer!

 
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