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Crauss.

Frischtext! Vier Autoren – vier Welten in Andernach

Ines Böckelmann, 20. Oktober 2005, 12:13 Uhr

Rheinland-Pfälzische Literaturtage 2005Sonntag, der 2. Oktober, 11 Uhr morgens: Die Sonne scheint herbstlich auf den Andernacher Marktplatz und bereitet den Rheinland-Pfälzischen Literaturtagen einen schillernden Abschluss. Etwa 25 Literaturinteressierte haben sich im gemütlichen Café am Markt versammelt, unter ihnen auch Charlotte Kerner, heute allerdings nur in der Funktion als Zuhörerin. Einige Minuten später eröffnet Marcel Diel die Veranstaltung, die den schönen programmatischen Titel „Frischtext“ trägt. Vier Jungautoren haben heute die Gelegenheit ihr literarisches Schaffen vorzustellen. Sie wurden ausgewählt, weil sie in der letzten Zeit durch Teilnahmen an großen Literaturwettbewerben, Preise oder Veröffentlichungen aufgefallen sind.

Die Atmosphäre ist herrlich ungezwungen, was natürlich auch an den Autoren selbst liegt. Da zittern schon mal die Hände, wenn zum Wasserglas gegriffen wird, aber das stört nun wirklich keinen der hier Versammelten, weil die Texte einen schon längst in ihren Bann gezogen haben. Die Zeit ist knapp bemessen, gerade mal zwanzig Minuten hat jeder Autor, um einen Einblick in seine literarische Welt zu vermitteln.

Die erste Autorin heißt Clara Herborn, wurde 1978 in Mainz geboren und wird im Herbst ihren ersten Erzählband Zufall im Rhein-Mosel-Verlag veröffentlichen. Heute liest sie zwei Kurzgeschichten, die man beide dem Science-Fiction-Genre zuordnen kann. Die Sprache ist einfach, die Sätze zeichnen sich durch klare Struktur aus, werden knapp gehalten.
Die erste Geschichte, „Das Experiment“, spielt in einer Zukunft, die in ihrer Atmosphäre dem Film Fahrenheit 451 von François Truffaut gleicht. Die Stadt ist in Dunst getaucht, die Sonne kennen die Bewohner nur aus Erzählungen und wissenschaftlichen Schriften. In dieser ebenso trost- wie emotionslosen Umgebung berichtet der Ich-Erzähler von einem Forschungsprojekt, das Zeitreisen ermöglichen soll. Selbst Wissenschafter, dient er dabei der Wissenschaft als Versuchskaninchen und sozusagen lebendiges Experiment.
Die zweite Erzählung, „Robinson“ (hier nachzulesen), handelt von einem Mann, der eines Morgens auf einer einsamen, kargen Insel aufwacht. Je länger der personale Erzähler sich dort aufhält, desto mehr verstrickt er sich in einem Netz aus Erinnerungen, Fantasien und immer absurderen Gedankenspielen, wie sie einen wohl überkommen mögen, wenn man zu lange mit sich allein ist.
Poetisch ist die Sprache der Clara Herborn nicht, aber sie fängt den Leser gerade durch ihre Schnörkellosigkeit ein, die dem Inhalt den Vorrang lässt. Dabei plätschern die Erzählungen zwar ein wenig vor sich hin, aber die Enden, die in beiden Fällen verstörend sind, machen die Geschichten zu einer lohnenden Lektüre.

Dietmar Gaumann und sein Publikum aus Moderatorensicht

Dietmar Gaumann, 1969 in Siegen geboren, ist der zweite Autor, der an diesem Vormittag auftritt. Seine Erzählung „Polizeigriff“, ausder er einige Ausschnitte liest, ist ein bisschen Krimi, ein bisschen tragische Komödie und nicht zuletzt ein kleines Familiendrama. Ronny, der Ich-Erzähler, arbeitet als Wachmann bei einem Fernsehsender, wo er des öfteren auf den „irren Helmut“ trifft, der von einer Fernsehansagerin besessen ist. Zunächst wirkt Helmut mit seiner Obsession eher komisch, aber als er eines Abends wieder mal im Sender auftaucht, scheint er bewaffnet zu sein…
Das ist der eine Strang der Geschichte; der andere erzählt von Ronny als gescheitertem Ehemann, der dem verlorenen Familienglück nachtrauert. Immer wieder kommt es zwischen ihm und seiner Frau Nadja zu Konflikten, wenn er den gemeinsamen Sohn Dennis abholt oder wieder zurückbringt. Seinen Frust versucht Ronny auszugleichen, indem er Dennis heldenhafte Geschichten von sich erzählt, um wenigstens in den Augen seines Sohnes kein Versager zu sein. Auch diese Geschichte zeichnet sich durch ihr überraschendes Ende aus.

Katharina Schultens, 1980 in Betzdorf/Sieg geboren, ist nicht nur die Jüngste in dieser literarischen Runde, sondern auch die einzige Lyrikerin. Vielleicht hat sie damit auch die undankbarste Aufgabe des heutigen Morgens, denn es erweist sich bei einer Lesung als viel schwieriger, dem Publikum Lyrik verständlich zu machen, als Prosa. Sich dieses Problems wohl bewusst, erklärt Katharina Schultens vor jedem neuen Gedicht, welches Motiv sie bewegt und woran sie gedacht hat, als sie es schrieb. Meistens sind die Motive kleine Mythen, Sagen, aber auch Gemälde oder Namen, die die Autorin dazu animiert haben, sie entweder aufzugreifen und weiterzuführen oder deren Wurzeln auf den Grund zu gehen.

Letzter in der Runde ist Moritz Heger. Er wurde 1971 in Mainz geboren und lebt heute als Gymnasiallehrer in Stuttgart. Heger liest aus seinem noch unvollendeten Roman Der Zahlenmaler. Die Passage, die Heger zur Vorstellung seiner Geschichte wählt, gibt als innerer Monolog den Gedankenstrom des Protagonisten Felix wieder – eine sprachlich sehr fesselnde Mischung aus kindlicher Naivität, trauriger Ernsthaftigkeit und Poesie. Auf den Geschmack gekommen, ist man ein wenig enttäuscht zu erfahren, dass für den Roman bislang noch kein Verlag gefunden werden konnte. Aber, wie Marcel Diel zuversichtlich meint, dieser Zustand werde wohl nicht mehr lange andauern. ;-)

Nach ca. zwei Stunden ist die Lesung zu Ende und man hat das Gefühl, dass es allen Beteiligten – den Autoren ebenso wie dem Publikum – gut gefallen hat. Viele bleiben noch auf ihren Stuhlen sitzen und lassen diesen wirklich gelungenen Literaturvormittag bei Kaffee und angeregten Gesprächen ausklingen.

(20. Oktober 2005)

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