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Crauss.

Leipzig lockt

... vom 16.-19. März zur Buchmesse und zu »Europas größtem Literaturfestival«

Marcel Diel

Leipziger Buchmesse 2006Was dem bibliophilen Rheinländer die lit.Cologne, ist dem Rest der Bücherrepublik die Leipziger Buchmesse, die ebenfalls in der kommenden Woche stattfindet und die wie ihr Frankfurter Pendant und der Kölner Veranstaltungsreigen in stetigem Wachstum begriffen ist. 2005 präsentierten rund 2.100 Verlage ihre Neuerscheinungen, Programme und Autoren vor mehr als 108.000 Besuchern. Um diese Zahl noch zu übertreffen, ist das Rahmenprogramm »Leipzig liest«, Europas größtes Literaturfestival, gehörig aufgestockt worden: 1.800 Veranstaltungen locken mit rund 1.300 Mitwirkenden an 250 Leseorten (plus weiteren 40 auf dem Messegelände selbst) zum Zuhören und Mitdiskutieren – das sind 300 Veranstaltungen, 500 Mitwirkende und insgesamt 60 Orte mehr als im Vorjahr. Damit dürfte allerdings nicht nur die kritische Grenze des Mach-, sondern auch des Zumutbaren allmählich erreicht sein.

Buchmesse-Chef Oliver Zille scheint sich seiner Sache immerhin sicher zu sein. So erläuterte er jüngst im Deutschlandradio das Konzept der diesjährigen Messe:

Es gibt ein paar wenige Schwerpunkte, die Leipzig in den letzten Jahren stark gemacht haben und die wir ausbauen. Das ist zum einen die deutschsprachige Literatur und die junge deutschsprachige Literatur. Eine ganze Reihe von Autoren sind in Leipzig gestartet, Ingo Schulze zum Beispiel. [...] Diesen Teil bauen wir mit dem Preis der Leipziger Buchmesse und mit der Langen Leipziger Lesenacht und anderen Aktivitäten aus. [...] Zum anderen wächst das ausländische Programm. Mittel- und osteuropäische Autoren, Länder investieren in das Programm, um mittel-osteuropäische Literatur über Leipzig auf dem deutschsprachigen Markt zu platzieren. [...] Eine ganze Stadt feiert Buchmesse. Das ist in der Welt einmalig. Und ich denke, das ist das, was bei Autoren auch gut ankommt. Dass wir nicht nur große Oper spielen, sondern auch Kammeroper, sei es Lyrik, sei es Prosa, sei es der bekannte Star oder sei es der Debütant, alle finden eine Form der Präsentation, die ihnen angemessen ist. Und ich glaube, das ist das Geheimnis von Leipzig. Das schaukelt sich noch hoch.

Zille betont damit zugleich den traditionellen Unterschied zwischen den beiden großen deutschen Buchmarkt-Events: Während die Frankfurter Buchmesse weitaus mehr einer Leistungsschau der internationalen Verlagsbranche gleichkommt und daher vor allem auf Fachpublikum ausgerichtet ist, gilt ihre Leipziger Schwester sowohl bei Autoren als auch beim »Normalleser« als die beliebtere. »Fachbesuchertage« wie in Frankfurt gibt es in Leipzig nicht, die Akkreditierung als Pressevertreter (worunter übrigens wie selbstverständlich auch Weblog-Autoren fallen) ist wesentlich unaufwändiger, die Konditionen für Kleinverlage fallen günstiger aus und Interessierte mit schmalem Budget müssen nicht vor die Tore der Stadt ausweichen, um eine erschwingliche Unterkunft zu finden. Allerdings sollte man als Erstbesucher nicht dem Eindruck erliegen, die Leipziger Messe sei darum auch die gemütlichere. Nein, auch hier ist man gut beraten, sich an den »Buchmesse-Survival-Guide« zu halten, den Andrea Diener anlässlich der letzten Frankfurter Messe für das Literaturwelt-Blog zusammengestellt hat!

Zwei Ereignisse haben die Leipziger Buchmesse im vergangenen Jahr beherrscht: zum einen die erstmalige Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse, zum anderen der gemeinsame Auftritt der »jungen Independent-Verlage« (darüber und über die Messe insgesamt berichtet haben wir unter anderem hier und hier). Letztere sind natürlich auch dieses Mal wieder vertreten, und zwar erstmals mit einer »Leseinsel«, an der sich elf junge Verlage beteiligen (Halle 5, Stand D 212; Termine hier).

Für den Preis der Leipziger Buchmesse – ja, Sie erinnern sich richtig: das ist der Nachfolger des verunglückten »Deutschen Bücherbuttpreises« – sind in diesem Jahr folgende Autoren und Werke nominiert (Kurzdarstellungen pro Kategorie verlinkt):

  • in der Kategorie Sachbuch/Essayistik: Peter von Matt für Die Intrige. Theorie und Praxis der Hinterlist (Hanser), Wolfgang Pehnt für Deutsche Architektur seit 1900 (DVA), Jan Assmann (passend zum Mozartjahr) für Die Zauberflöte. Oper und Mysterium (Hanser), Franz Schuh für Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche (Zsolnay) und Friedrich Wilhelm Graf für Moses Vermächtnis. Über göttliche und menschliche Gesetze (C.H. Beck);
  • in der Kategorie Übersetzung: Peter Urban für die Übersetzung von Venedikt Erofeevs Moskau – Petuški (Kein & Aber), Thomas Melle für die Übersetzung von William T. Vollmanns Huren für Gloria (Suhrkamp), Agnes Relle für die Übersetzung von Attila Bartis' Die Ruhe (Suhrkamp), Ragni Maria Gschwend für die Übersetzung von Antonio Morescos Aufbrüche (Ammann) und Inés Koebel für die Übersetzung von Fernando Pessoas Gedichtband Ricardo Reis (Ammann);
  • und in der Kategorie Belletristik: Judith Kuckart für Kaiserstraße (DuMont), Thomas Lang für Am Seil (C.H. Beck), Paul Ingendaay für Warum du mich verlassen hast (SchirmerGraf), Clemens Meyer für Als wir träumten (S. Fischer) und Ilija Trojanow für Der Weltensammler (Hanser).

Die Preisverleihung findet am 16. März 2006 um 16.00 Uhr in der Glashalle statt.

Ein weiteres Highlight im diesjährigen Veranstaltungsreigen ist sicherlich die oben bereits genannte »Lange Leipziger Lesenacht« (»L3«), ebenfalls am 16. März ab 18.00 Uhr in den Kellergewölben der Moritzbastei: 40 junge deutschsprachige Autorinnen und Autoren (darunter Ricarda Junge, Kristof Magnusson, Clemens Meyer, Steffen Popp, Tilman Rammstedt und Juli Zeh) auf drei Bühnen machen »L3«, wie es in der Ankündigung heißt, zum »ganz besondere[n] Forum für junge deutschsprachige Bücher, bei dem auch und gerade die kleinen und unabhängigen deutschen Verlage mit von der Partie sein werden«. Getanzt werden darf auch: Ab 23.00 Uhr steht »Russendisko« mit DJ Wladimir Kaminer auf dem Programm.

Angesichts des Überangebots an Veranstaltungen gibt es ansonsten wohl nur eines, wozu man Buchmessenbesuchern sinnvollerweise raten kann: Nehmen Sie sich im vorhinein genügend Zeit, sich aus dem Online-Verzeichnis »Leipzig liest« die Termine herauszupicken, die Sie besonders interessieren, und kalkulieren Sie den Freiraum zwischen den Veranstaltungen großzügig, damit Sie weder Enttäuschungen über verpasste Gelegenheiten noch Nervenzusammenbrüche und Blasen an den Füßen in Kauf nehmen müssen!

In diesem Sinne: Fröhliches »Messen«! ;-)

 

Übrigens: »Leipzig liest. 4 Millionen erwachsene funktionale Analphabeten in Deutschland nicht.« (aus einer Veranstaltungsankündigung des Bundesverbandes Alphabetisierung und Kalauer Grundbildung e.V.)

(12. März 2006)

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