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Crauss.

Schnellfüßig und politisch

Mit Stefano Benni besuchte ein unangepasster italienischer Schriftsteller die lit.Cologne

Stefan Andres

lit.Cologne 2006Dass der Mann Italiener sein muss, erkennt man schon am sportlich-eleganten Anzug: In gedecktem Grau, darunter ein schwarzes Shirt, stellt sich Stefano Benni dem lit.Cologne-Publikum im bestens gefüllten großen Saal des Italienischen Kulturinstituts vor. So schütter sein Haar auf dem Haupt ist, so wallend und zugleich schlohweiß trägt er es am Hinterkopf. Er lächelt freundlich, manchmal verschmitzt, etwa als er berichtet, dass eine Studentin nun eine literaturwissenschaftliche Arbeit über ihn schreibe statt über Pirandello oder Sciascia, weil er, wie sie ihm freimütig mitgeteilt habe, „momentan noch am Leben sei“.

Der 1947 in Bologna geborene Benni ist ein in Italien sehr bekannter, im Ausland allerdings noch weitestgehend unbeachteter Autor. Er arbeitet als Schriftsteller, aber auch als Journalist und Satiriker. In Italien erscheinen seine Bücher bei Feltrinelli, dem linken Gewissen unter den Verlagen des Landes. Im Rahmen des Kölner Literaturfestivals stellt Benni vor einem ungefähr zu gleichen Teilen deutschen wie italienischen Publikum sein kürzlich in deutscher Übersetzung beim italophilen Wagenbach-Verlag erschienenes Buch Der schnellfüßige Achilles vor.

Darin nimmt ein Schriftsteller namens Achilles per E-Mail Kontakt zu dem Lektor Ulysses auf, der es sich mit Manuskripten, die er „Skriptmanus“ nennt, in seinem Leben bequem macht. Daraus entwickelt sich eine skurrile Konstellation, die Ulysses zu einer schwierigen Entscheidung herausfordert. Benni liest aus dem Originaltext, die Übersetzung trägt Markus Heinicke vor. Mit ironischem Unterton erläutert der Autor, seine humanistische Bildung habe ihn dazu getrieben, seinen beiden Protagonisten diese beziehungsreichen Namen zu geben. Ein Vorbild zu der Figur des an den Rollstuhl gefesselten Achilles, so berichtet Benni weiter, habe es tatsächlich gegeben: ein guter Freund von ihm, den er allerdings sehr verfremdet dargestellt habe. Bennis Stil zeichnet sich durch Wortspiele und -neuschöpfungen aus, seine Bücher seien aber, wie Moderatorin Paola Barbon erläutert, immer auch eine „giftige Darstellung“ des realen Lebens in italienischen Städten.

Wann immer es derzeit um Italien geht, kommt man, so scheint es, um einen einfach nicht herum: Silvio Berlusconi ist das unumstrittene Thema Nummer eins, wenn man dieser Tage über das Land, wo die Zitronen blühen, unter Kennern auch als „Arkadien“ bekannt, spricht. Und wenn dann auch noch ein unruhiger Geist wie Stefano Benni zu Gast ist, ist natürlich klar, dass es politisch werden muss. Nicht zuletzt wegen der politischen Gesamtlage in Italien verbindet den Autor eine Art Hassliebe mit seinem Heimatland, das er, wie er erklärt, teile: in eine Hälfte, die ihm gefalle, und eine, die ihm nicht gefalle. Die Abwanderungsgedanken anderer Italiener, wie sie etwa Umberto Eco geäußert hat für den Fall, dass Berlusconi und seine „Forza Italia“ die Wahl im April doch gewinnen sollte, unterstützt er indes nicht, sondern zeigt sich entschlossen: „Dann mache ich eben weiter.“

Dass Benni als engagierter Autor großes Interesse erregt, zeigt sich bereits in den Fragen, die ihm die Zuhörer anschließend sowohl auf Deutsch als auch auf Italienisch stellen und die ihn, der genau so gern auch über Fußball gesprochen hätte, die Gelegenheit geben, sich nicht nur als elegant, sondern auch als sehr klug, gewitzt und aufmerksam darzustellen. Augenzwinkernd beklagt er, dass die englischsprachigen Verlage in Großbritannien und den USA ihn allzu sehr als „politisch unkorrekt“ eingestuft hätten. Zumindest in Deutschland, so darf man annehmen, dürfte ihm nun der verdiente Erfolg zuteil werden. Und vielleicht ist das auch dem wachsenden Interesse an dem Phänomen Berlusconi zu danken. Zu irgendwas muss es ja nutze sein.

 

Stefano Benni: Der schnellfüßige Achilles. Lesung im Rahmen der lit.Cologne, Übersetzung: Markus Heinicke, Moderation: Paola Barbon. Italienisches Kulturinstitut (Universitätsstraße 81, Köln-Lindenthal), 16. März 2006.

(17. März 2006)

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1 Kommentar »

Kommentar von Manfred Poser
am 17. März 2006 um 18:02 Uhr

Benni – wunderbar, wieder etwas über ihn zu hören! Als ich vor vielen Jahren meine Partnerin kennenlernte, war er ein Geheimtip. Terra! (ein Science Fiction von 1983) und Il Bar sotto il Mare, wunderbar. Ein Jammer, dass die deutsche Kulturszene so aufs Angelsächsische abfährt ist und gute Italiener, auch Sänger und Schauspieler (Lucio Dalla! Sabrina Ferilli!) hier nicht so bekannt sind, wie sie es verdient hätten. Danke, Stefan! Gruß Manfred Poser.

 
Trackback von Netzhæuter Subscribed to comments via email
am 2. Februar 2010 um 17:07 Uhr

Der schnellfüßige Achilles…

“Der Mann mit den Büchern unter dem Arm ging aus dem Haus, und die Welt war nicht da.” Könnte ein Buch bessser beginnen? Ein Buch, dessen Protagonist Lektor in einem kleinen Verlag ist und dessen Manuskripte mit ihm reden? Dieser …

 
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