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Crauss.

Den Sprachlosen eine Stimme geben

Neugierig auf einen Weltensammler: Ilija Trojanow las im Rheinischen Landesmuseum aus seinem neuen Roman

Andreas Klünter, 25. Mai 2006, 17:49 Uhr

Biennale Bonn: Indien 13.-21. Mai 2006Zwei Männer mit zwei außergewöhnlichen Biographien: Der eine war britischer Kolonialoffizier und reiste im 19. Jahrhundert um die Welt. Ein Exzentriker insofern, als dass er die Länder, die er bereiste, nicht mit westlichen Werten missionieren wollte. Er konnte sich in über 20 Sprachen verständigen (scheiterte allerdings beim Versuch, mit Affen ins Gespräch zu kommen). Dafür bildete er sich freiwillig in der Sprache der Liebe fort, übersetzte sowohl das Kamasutra wie auch Märchen aus Tausendundeiner Nacht ins Englische und lieferte somit mancher Teegesellschaft in der fernen Heimat reichlich Gesprächsstoff.

Der andere ist in Sofia geboren und floh als Sechsjähriger mit seiner Familie zuerst nach Deutschland, dann nach Kenia. Er ist ein Weltenbummler, der unter »kultureller Klaustrophobie« leidet und den Heimat nur im Plural interessiert. Verheiratet ist er mit der deutschen Sprache, wobei ihm wichtig ist zu betonen, dass dies eine Liebesheirat und keine arrangierte Ehe sei. Was selbstredend eine wunderbare Voraussetzung ist, um als deutschsprachiger Schriftsteller erfolgreich zu sein.

Ilija Trojanow: Der WeltensammlerDieser andere, Ilija Trojanow, hat über den einen, Sir Richard Francis Burton, einen Roman geschrieben, der zugleich ein überzeugendes Plädoyer für Vielfältigkeit und Toleranz ist. Sechs Jahre lang lebte Trojanow in Indien, um an »Der Weltensammler« zu arbeiten. Von Indien aus unternahm er 2003 eine Pilgerreise in die islamische Welt – auf den Spuren seiner Romanfigur Burton, der als erster Europäer eine Hadsch nach Mekka machte. Ähnlich wie Richard Burton ist Trojanow fasziniert vom Islam. Viel reden über seine Religion und deren Instrumentalisierung als Feindbild mag er nicht. Schließlich sei Religion Privatsache, und wie jemand Zugang zu Gebeten finde, müsse jedem selbst überlassen bleiben. Eine wunderbare Aussage in Zeiten, in denen ein Papst-Tod die Massen mobilisiert, Mohammed-Karikaturen Botschaften brennen lassen, Burka-Trägerinnen aus Bonn deutschlandweite Reaktionen hervorrufen und eine MTV-Zeichentrickserie die CSU empört.

»Der Weltensammler« beschränkt sich auf drei Episoden: Richard Burtons Aufenthalt in Indien, seine Reise nach Mekka und seine Expedition zu den Nilquellen werden aus mehreren voneinander abweichenden Perspektiven erzählt. Der Roman gibt den Blick frei auf die Menschen, die ansonsten in den Berichten über die großen Abenteurer höchstens als Nebenfiguren auftauchen. Bei Trojanow erhalten die einheimischen Zeugen und Beobachter ihre eigene Sprache. »Den Sprachlosen eine Stimme zu geben«, ist für Trojanow Hauptaufgabe der Literatur.

Wie auf einer Reise durch ein fremdes Land sammelt der Leser die verschiedenartigen Eindrücke, muss ständig auf neue Ansichten gefasst sein, um all diese Impressionen schließlich zu einem Mosaik zusammenzusetzen. Die Vielstimmigkeit des Romans ist faszinierend; als Gegenleistung muss der Leser ein hohes Maß an Konzentration aufbringen. Einfach lesen lässt sich »Der Weltensammler« nicht. Und doch verkauft er sich hervorragend. Was schön ist, sehr schön sogar.

Die Neugierde auf diesen Mann und seinen Roman, für den er vor kurzem den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat, ist groß. Die aufgereihten Stuhlreihen im Foyer des Rheinischen Landesmuseums reichen jedenfalls nicht aus, um dem Zuschauerandrang gerecht zu werden. Wer einen Abenteurer erwartet hatte, der wortreich von seinen Erlebnissen erzählt, wird von diesem Abend jedoch enttäuscht gewesen sein. Mag Richard Burton als Exzentriker gelten, Ilija Trojanow will dieses Klischee nicht erfüllen. Trojanow bevorzugt das Intime, nicht die große Selbstdarstellung. Dass das Rheinische Landesmuseum eine wirkliche Nähe zwischen Autor und Publikum nicht zuließ, lag nicht an ihm.

 

Der Weltensammler. Lesung mit Ilija Trojanow im Rahmen der Präsentation von »Indien – Fest der Farben«. Rheinisches Landesmuseum Bonn, 20. Mai 2006.

Ilija Trojanow: Der Weltensammler. Roman. München: Hanser, 2006. 480 Seiten. ISBN 3-446-20652-3. 24,90 Euro.

(25. Mai 2006)

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