Gänsehaut
Erinnerung und Emotion: Manfred Poser über den »Augenblick des Übergangs von der Störung in die Harmonie«
Manfred Poser, 26. Mai 2006, 9:04 Uhr
Wieviele Tage noch bis zur WM? Es sei toll, sagt mein Freund Helmut, in der neuen Münchner Allianz-Arena zu sitzen, in diesem gigantischen Kessel, umtobt von Emotionen. Man ist mittendrin und tobt selber, ohne es richtig zu merken. Zum Gänsehaut-Kriegen! Sie interessiert mich schon länger, die Gänsehaut. Der amerikanische Philosoph John Dewey hat geschrieben: „Andauernd verliert das lebende Wesen das Gleichgewicht mit seiner Umgebung, und andauernd stellt es das Gleichgewicht mit ihr wieder her. Der Augenblick des Übergangs von der Störung in die Harmonie ist jener des intensivsten Lebens.“ Wenn das in einem Spiel geschehe, trete zuweilen ein kurzer ekstatischer Zustand ein, der „oft nicht anders beschrieben wird, als dass einem ‚ein Schauer über den Rücken läuft’. Ein Gefühl der Übereinstimmung mit dem Universum mache sich breit.
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Gänsehaut
Leena Conquest (l.) und Amiri Baraka (M.) mit der William Parker Band, April 2004 in Rom.
(Foto: Manfred Poser)
Ein Schweizer Wasserableser hat mir einmal erzählt, in Italien sei er über eine Piazza geschlendert, und von hinten habe ihn ein Barbesitzer laut gegrüßt, der ihm vom letzten Jahr noch vertraut gewesen sei. Da habe er plötzlich Gänsehaut gehabt. Ich selber habe vor ein paar Wochen ein eigenes Manuskript durchgelesen, da ging es um eine Probe von Jazzmusikern mit einer wunderschönen Sängerin in Rom, und beim Lesen bekam ich plötzlich Gänsehaut, so intensiv fand ich das. Es war das erste Mal, dass mir das passierte. Auch Musik jagt mir und uns manchmal einen Schauer über den Rücken. Ein Institut für Emotionsforschung in Hannover meint, dass der „Gänsehaut-Reflex“ eher selten vorkommt: Nur 15 Prozent aller Musikhörer kennen das Phänomen. Emotionen seien mit Musik „verschaltet“; anscheinend werden Erinnerungen abgerufen, und die musikalische Sozialisation spielt dabei ihre Rolle.
Konzentrierte Emotionen springen über. Wenn die Radrennfahrer bei der Tour de France an einer Mauer aus schreienden Menschen vorbeifahren, haben sie manchmal Gänsehaut. Ich habe eine schöne Stelle gefunden, in der der englische Radrennfahrer Charles Wegelius sich erinnerte, wie er mit Marco Pantani beim Giro d’Italia 2003 unterwegs war: „Der reine Lärm war unglaublich, man konnte nicht glauben, wie ihn die Leute nach vorne brüllten. Die Menschen war außer sich, als sie ihm zujubelten … Diese paar Kilometer werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Ich kriege immer noch Gänsehaut, wenn ich daran denke.” Auch das ganze Ritual der Spiele und Rennen weckt Emotionen: die Nationalhymnen, der aufbrausende Beifall und später der aufpeitschende Jubel, wenn eine Mannschaft anrennt gegen den Gegner.
Ich war immer am aufgeregtesten, wenn das Spektakel begann, wenn sich der Vorhang öffnete, die Band losrockte; wenn Jethro Tull die Introduktion zu „Aqualung“ oder „Locomotive Breath“ spielte und sich alles fast schmerzhaft dehnte, um sich gewaltig zu entladen … wie ein Orgasmus! Eine Szene in einem Film, die plötzlich derart rein und innig ist, in der alles stimmt, in der die reine emotionale Wahrheit beschlossen liegt – da ungefähr kommt Gänsehaut zustande. Kunst muss Emotion sein; nur dann überwältigt sie uns. Kunst und auch Sport vollziehen sich in einem eigenen Raum und in einer eigenen Zeit, auf einer Schwelle – so der Ethnologe Victor Turner –, „an der die Vergangenheit für kurze Zeit negiert, aufgehoben oder beseitigt ist, die Zukunft aber noch nicht begonnen hat – in einem Augenblick reinster Potenzialität, in der gleichsam alles im Gleichgewicht zittert“.
(26. Mai 2006)



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