»Die Heteronormativität aufbrechen. Anderes denkbar machen.«
Ein Interview mit Professor Dr. Andreas Kraß zum Thema »Queer Studies«
Der Begriff »Homosexualität« wurde 1868 von dem Schriftsteller Karl Maria Kertbeny geprägt. Bis Anfang der 1990er in den USA, aufgrund der Re-Idealisierung von Heterosexualität im Zusammenhang mit AIDS, die Queer Theory entstand, war es ein weiter und schwieriger Weg. Ziel der Queer Theory in den 90er Jahren war die Dekonstruktion der Binarität von Sexualität und die Verwischung von normativen Identitätskonzepten. Sie wurde zum kulturwissenschaftlichen Projekt und zur Philosophie ausgeweitet. Veröffentlichungen wie Gender Trouble (1989; dt.: Das Unbehagen der Geschlechter) der Poststrukturalistin Judith Butler und La pensée straight (1992) der feministischen Theoretikerin Monique Wittig thematisieren einen neuen pluralistischen Identitätsbegriff.
Andreas Kraß, geboren 1963, wurde 2004 als Professor für Ältere Deutsche Literatur an die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main berufen und hat eine Gastprofessur für Queer Studies an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich inne. Der deutsche Philologe, dessen Forschungsschwerpunkt Mediävistik und Queer Theory bzw. Gender Studies ist, wurde als Herausgeber des Sammelbandes Queer Denken. Gegen die Ordnung der Sexualität (2003) bekannt, in dem erstmals wichtige Basistexte der amerikanischen Queer Theory (u.a. von Eve Kosofsky Sedgwick, David Halperin, Teresa de Lauretis und Gayle Rubin) in deutscher Übersetzung erschienen.
K.A.-Redakteur Ansgar Skoda sprach mit Andreas Kraß über Grundlagen und Inhalte der Queer Studies, die Bedeutung von Queer-Perspektiven für die Literatur- und Medienwissenschaften, das Modethema »Metrosexualität« und das Problem, die »Zwangsheterosexualität« aufzubrechen.
K.A.: Herr Professor Kraß, Sie haben sich mit dem Thema »Queer Studies« aus literaturwissenschaftlicher Perspektive unter anderem im Rahmen Ihrer Vorlesung »Queer Reading« im Sommersemester 2006 und Ihrem Kolloquium »Queer Studies« im vorangegangenen Wintersemester beschäftigt. In bisher drei Bänden – Bündnis und Begehren (2002), Queer Denken (2003) und in Ihrer Habilitationsschrift Geschriebene Kleider. Höfische Identität als literarisches Spiel (2006) – thematisieren Sie Queer Theory und Queer Studies. Wie sind diese Werke konzipiert?
Andreas Kraß: Die Bücher, die ich zum Thema Queer Studies veröffentlicht habe, sind nicht an mein Fach, die germanistische Mediävistik, gebunden. Queer Denken, 2003 bei Suhrkamp erschienen, ist eine Sammlung von zehn Aufsätzen, die aus dem Amerikanischen ins Deutsche übersetzt worden sind. Es sind kanonische Aufsätze, wenn man das im Rahmen der Queer Studies so sagen kann. Bündnis und Begehren ist ein Tagungsband. Er ist aus dem Graduiertenkolleg »Geschlechterdifferenz und Literatur« in München hervorgegangen. Geschriebene Kleider ist eine Untersuchung über das Verhältnis von Kleidung und Identität in mittelalterlichen Romanen, dabei geht es auch um Fragen des Geschlechts und des Begehrens.
K.A.: Welche Bedeutung trägt das Wort »queer«, etymologisch wie auch im übertragenen Sinn?
Kraß: »Queer« ist ein englisches Wort, das etymologisch mit dem deutschen Wort »quer« verwandt ist. Die erste Bedeutung ist »seltsam«, »verquer«; daneben trägt das Wort aber auch die Sonderbedeutung »andersherum«. Es stammt aus einer Zeit, als die Begriffe »schwul« und »lesbisch« noch nicht gebraucht wurden. »Queer« war und ist teilweise noch eine diffamierende, abwertende Äußerung für Menschen, die wir heute alltagssprachlich als schwul oder lesbisch bezeichnen.
K.A.: Bezeichnet der Begriff »queer«, anders als »gay«, Schwule und Lesben?
Kraß: Ja, queer ist ein Dachbegriff. Er wurde gegen Ende des 20. Jahrhunderts von den Queer Studies und von der Queer Theory als affirmative Selbstbezeichnung übernommen. Die Pointe des Begriffes besteht darin, dass er ursprünglich negativ konnotiert war, dann jedoch positiv als Selbstbezeichnung aufgegriffen wurde, und zwar nicht nur von den Queer Studies, sondern früher noch von politischen Gruppen wie »Queer Nation«.
K.A.: Wie wird an Hochschulen »queer« studiert?
Kraß: In den USA sind schon seit längerem an vielen großen Universitäten Zentren für Queer Studies etabliert. In Deutschland führen die Queer Studies leider immer noch ein Schattendasein. Es gibt keine etablierte akademische Institution, die sich mit Queer Studies befasst. Das Institut für Queer Theory in Hamburg, das vor Ostern dieses Jahres gegründet wurde, ist eine außerakademische Initiative, die ohne institutionellen Rückhalt dasteht. Die Berliner Initiative Queer Nations macht gerade Lobbyarbeit, um das im Dritten Reich geschlossene Institut für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld als Queer-Studies-Institut neu zu gründen. Es ist mir ein großes Anliegen, die Queer Studies an der Universität Frankfurt zu etablieren.
K.A.: Was kann man sich unter Queer Studies vorstellen?
Kraß: Nach meiner Definition ist Queer Studies eine Forschungsperspektive, die interdisziplinär arbeitet und auf die Dekonstruktion von Heteronormativität zielt. Es geht um die Infragestellung und kritische Analyse einer Ordnung, die auf zwei Oppositionen basiert, die jeweils als einander ausschließende Gegensätze aufgefasst werden: der Opposition des Geschlechts, männlich-weiblich, und der Opposition der sexuellen Präferenz, homo-hetero. Die These lautet, dass wir uns in einer Gesellschafts-, Denk- und Zeichenordnung befinden, die auf diesen Oppositionen basiert. Queer Studies stellt sich der Aufgabe, diese Opposition, diese Ordnung kritisch zu hinterfragen und zu dekonstruieren.
K.A.: Also bauen die Queer Studies auf den Gender Studies auf, die durch den Feminismus und die Emanzipationsbewegung mitbegründet wurden.
Kraß: Ja, das ist richtig. Queer Studies und Gender Studies haben eine gemeinsame Schnittmenge und zwar insoweit, wie die Gender Studies auch dekonstruktiv oder poststrukturalistisch betrieben werden. Es ist mir wichtig zu sagen, dass Queer Studies nicht gleich Gender Studies, sondern eine Forschungsperspektive eigenen Rechts sind. Bedenken muss man dabei auch eine Verschiebung des Fokus vom Geschlecht zur Sexualität. Die Dekonstruktion der Geschlechterdifferenz, die in den Gender Studies geleistet worden ist, wird in den Queer Studies vorausgesetzt, jedenfalls dann, wenn Queer Studies so durchgeführt werden, wie ich sie mir vorstelle. Aber die Frage richtet sich eher noch auf die sexuelle Differenz als auf die Geschlechterdifferenz.
K.A.: Wie funktionieren Queer Studies? In der Literaturwissenschaft könnte ich mir vorstellen, dass unter dem Stichpunkt »Queer Reading« bestimmte Autoren eines Kanons unter die Lupe genommen und auf die Darstellung von Geschlechterbeziehungen, männliches und weibliches Rollenverhalten untersucht werden. Was wird genau betrachtet?
Kraß: Alles – und zwar deswegen, weil Queer Studies interdisziplinär sind. Sie sind in meinem Verständnis keine eigene Disziplin, sondern eine übergreifende Forschungsperspektive. Der gemeinsame theoretische Bezugspunkt ist die Queer Theory. Darüber hinaus gibt es eine Ausfächerung der Queer Studies in Bezug auf die verschiedenen Disziplinen. Es hängt viel davon ab, welche Fragen gestellt und welche Methoden gewählt werden. Ich betreibe Queer Studies vor allem aus kultur- und literaturwissenschaftlicher Perspektive. Dabei ist mir die historische Dimension besonders wichtig. Das hat zum einen den zufälligen Grund, dass es das ist, was ich am besten kann, da ich ältere deutsche Literatur unterrichte. Die historische Perspektive ist jedoch auch deswegen wichtig, weil wir durch sie die Möglichkeit haben, die Sexualität und das Begehren zu historisieren. Dass heißt, wir müssen nicht in eine fremde Kultur schauen, um unsere eigene Gegenwartskultur zu relativieren. Wir haben vielmehr die Möglichkeit, einen Blick auf unsere eigene Geschichte zu werfen und zu fragen: Wie war das denn vor hundert Jahren? Wie war das in der frühen Neuzeit? Wie war das im Mittelalter? Wir sehen, dass die Verhältnisse, beispielsweise wie man Geschlechterrollen und Sexualität konzipiert hat, in Bewegung und historisch veränderlich sind. Die historische Perspektive ist somit besonders gut geeignet, um eine dekonstruktive Perspektive auf die Ordnung der Sexualität einzunehmen.
Seite 1 Seite 2 Seite 3 Seite 4
(10. Juli 2006)



[...] Warum wird unsere westliche/abendländische Kultur so sehr von Schwulen dominiert, warum begeistern sich besonders schwule Männer für Modedesign, das Ballett oder den erz-heteronormativen Bereich der Oper? Warum identifizieren sie sich mit Diven und all den leidenden Frauen, deren Schicksal es meistens ist in unerfüllter Liebe zu sterben?“ Ein Auszug aus einem Text zum Thema „Queer Studies“ von Prof. Dr. Andreas Kraß – »Die Heteronormativität aufbrechen. Anderes denkbar machen.« – öffnete mir regelrecht die Augen: [...]