Der bedeutungsvolle Andere
»Aus verletzter Liebe«: Kritische Töne über den Radsport von Manfred Poser
Manfred Poser, 7. Juli 2006, 8:47 Uhr
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Ein Zweirad-Arbeiter knechtet bei Regen und Wind für die Aristokratie.
(Illustration von cycling4fans.de)
Die Tour de France ist unterwegs. Was mir plötzlich völlig wurscht ist. Ich kann es noch gar nicht fassen: Ulle ist nicht dabei. Er war so gut in Form, es war seine letzte Chance, und sollte er auch ein Schurke sein – ich mag ihn. Wer immer diesen Witz de France gewinnt, wird mit dem Makel leben müssen, es ohne die Besten geschafft zu haben – ohne Ullrich, Basso, Mancebo und Winokurow. Sie sind erstmal nur verdächtig, aber dass sie die Besten sind, steht außer Frage.
Darum heute kritische Töne über den Radsport, aus verletzter Liebe. Der englische Sozialhistoriker Matt Rendell vertritt in seinem Buch „A Significant Other“ von 2004 die These, Radsport sei ein aristokratischer und hierarchischer Sport. Er schreibt, Radsport sei prinzipiell feudal. Bei den Radrennen knechte, so Rendell, eine Arbeiterklasse für die Aristokratie. Die Show nähre sich aus „anonymer Arbeit“, und der Domestik, der sich Alpe d’Huez hochschwitzt, sei das „Opfer eines faustischen Paktes, der schiefgegangen ist“.
Der „bedeutungsvolle Andere“ ist bei Rendell der kolumbianische Fahrer und Ex-Armstrong-Sklave Victor Ugo Peña, den er zu Wort kommen lässt. Gut, alles bedeutungslos heute. Nun regiert die Heuchelei. Da muss Jens Voigt, den ich immer geschätzt habe, von „ekelhafter Blutpanscherei“ sprechen. Der hat seine Großtaten sicher auch nicht mit Erbsensuppe und Apfelsaft geschafft. Tut doch nicht so, als ob ihr gestarteten 176 sauber wärt, ihr verlogenen Früchtchen!
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„Culture Jamming“
Kalle Lasns Manifest der Anti-Werbung
Vielleicht ist ja der bedeutungsvolle Andere der Zuschauer. Aber da wird man enttäuscht. Die Leute stehen genauso an der Strecke und glotzen TV. Die Fahrer, Zombies einer geschlossenen Gesellschaft, haben oft zum Mittel des Boykotts gegriffen. Vor ein paar Wochen haben sie die spanische Meisterschaft platzen lassen, haben nach drei Kilometern umgedreht, weil sie sich schlecht behandelt fühlten von Medien und Polizei. Ach, die Armen! Wenn nur die Zuschauer endlich dasselbe täten! Werdet endlich bewusste Konsumenten und tretet den Medienleuten und den Organisatoren in den Arsch! Bleibt fern und zeigt ihnen, dass das Spektakel ohne euch nichts wert ist! Ich kann nur dringend empfehlen, das Buch „Culture Jamming“ von Kalle Lasn zu lesen, erschienen im Verlag Orange Press in Freiburg. Das Manifest der Anti-Werbung! Corporations advertise, Cultural jammers subvertise! Zeigt ihnen, wer die Macht und das Geld hat! Ohne euch ist alles nichts!
Ein 31-jähriger Berater von Radprofis sagt der FAZ, die Organisatoren seien am Doping selber schuld: Müssten die Etappen so lang sein, fünf Berge, 250 Kilometer? Die Zuschauer schalteten doch nur die letzte halbe Stunde ein! Lieber junger Freund, 1920 und noch später gab es Etappen von 480 Kilometern Länge, die fuhr man, und niemand schaltete sich irgendwo ein. Versteht man heute nicht mehr. Heute zählt, wie Adorno sagen würde, nur das Für-sich, nicht mehr das An-sich. Mir ist das wurscht, ich fahre meine Strecken ohne Beobachtung und ohne Geld, einfach weil’s mir Spaß macht, und die Tour de France kann sich verpissen!
(7. Juli 2006)



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