Was macht eigentlich…
Marcel Diel, 29. Oktober 2004, 11:43 Uhr
… die Debatte um die Rechtschreibreform? Immerhin durfte sie in diesem Jahr (nicht nur) im Feuilleton recht erfolgreich als Sommerlochstopfer herhalten.
Wir fassen kurz zusammen:
Höhepunkt war zweifellos die seltsame Allianz von Spiegel-Verlag, Axel-Springer-AG und Süddeutscher Zeitung, die am 6. August mit ihrer Ankündigung, als "Konsequenz aus Verwirrung und geringer Akzeptanz" der Reform (so SZ-Chefredakteur Hans Werner Kilz) zur "bewährten Schreibung" zurückzukehren, für Aufsehen sorgte. Zwar wurde sogleich von offizieller Seite betont, man lasse sich von ein paar Zeitungsverlagen nicht in seinen Entscheidungen beeinflussen, doch war die Signalwirkung immens. Und während im Lager der Reformgegner sich bereits vorsichtig Siegesstimmung breitmachte, wurde andernorts heiß diskutiert, wie die Lage und natürlich nicht zuletzt die Staatsräson zu retten sei.
Laut angepriesen wurden mitunter auch radikale Lösungen, etwa die sog. "Keinschreibung" oder gar die Rückkehr zur "gantz, gantz alten Rechtschreybung":
Sie habent eyn Eynsehen: Der Spiegel-Verlag und Springer kehren zurück zur alten Rechtschreybung. Doch TITANICK gehet noch eyn Schrittleyn weyter und schreybet ab dem heutiglichen Tage im würklich klassischen Teutsch. Bitte schnallet Ihro Gnaden sich an für den Witze, wou Neidhart zum Artzte kümmet und das Häsigline zur Frouwe saget, dies seye ja auch gar keyne Mohrrübe.
Scherz beiseite: Stand und steht denn nun tatsächlich die Rechtschreibreform auf der Kippe?
Nun, um es mit einem echten Anglizismus zu sagen: nicht wirklich. Denn kaum zwei Monate nach der pompösen Bekanntgabe der drei Zeitungsverlage war der Spuk auch schon vorbei und die Allianz zerbröselt.
Als erste sprang die Süddeutsche Zeitung ab mit der Begründung, man wolle hausintern "eine modifizierte Form der neuen Rechtschreibung" als Kompromisslösung erarbeiten. Dann teilte überraschend SPIEGEL-Herausgeber Aust an recht versteckter Stelle (nämlich im Editorial der Ausgabe vom 11.10.2004) mit, man sei zwar grundsätzlich noch immer gegen die "staatlich dekretierte[] Einebnung sprachlicher Unterscheidungsmöglichkeiten und andere[] Verschlimmbesserungen, etikettiert als 'Rechtschreibreform'", wolle jedoch das "weitere Vorgehen abhängig machen" "vom Verlauf und vom Ergebnis der Beratungen" des von der Kultusministerkonferenz einberufenen "Rats für deutsche Rechtschreibung" (dessen genaue Funktion und Zusammensetzung hier beschrieben wird).
Übrig blieben damit allein die Springer-Zeitungen, allen voran natürlich das Schlachtschiff BILD. "BILD schreibt jetzt wieder klassisch richtig", titelte das Blatt am 04.10.2004 und setzte damit sein Versprechen in die Tat um, Schluss zu machen mit der "Chaos und Unsicherheit" auslösenden "Schlechtschreibreform" – "und macht seitdem", wie das BILDblog genüsslich feststellt, "vermutlich mehr 'ss'- und 'ß'-Fehler als Deutschlands Schüler"…
Ob nun der "Rat für Rechtschreibung", der laut KMK "neben fachlich ausgewiesenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern" auch "Vertreterinnen und Vertreter[] aus dem Verlagswesen, der Zeitungs- und Zeitschriftenverlage, aus dem pädagogischen sowie aus dem journalistischen und schriftstellerischen Bereich" und "ausdrücklich auch Kritikerinnen und Kritiker der reformierten Rechtschreibung" umfassen soll, wirklich eine sinnvolle (und zweifellos notwendige) Reform der Reform zuwege bringen wird, bleibt abzuwarten. Im Moment zumindest scheint er vor allem von den Gegnern der neuen Rechtschreibung boykottiert zu werden, wie man hier und da nachlesen kann.
Bleiben Sie auf Empfang!
P.S.: Eine Stellungnahme der »Kritischen Ausgabe« zu diesem Thema findet sich übrigens im Editorial unseres letzten Heftes (online hier).
(29. Oktober 2004)



rechtschreibung reloaded revisited
Stand und steht denn nun tatsächlich die Rechtschreibreform auf der Kippe? Nun, um es mit einem echten Anglizismus zu sagen: nicht wirklich. Denn kaum zwei Monate nach der pompösen Bekanntgabe der drei Zeitungsverlage war der Spuk auch schon vorbei und…
Warum nur sollte auch die Entscheidung dreier – und jetzt weniger werdender – Verlagshäuser zu einem Kippen der Rechtschreibreform führen, da doch seit Einführung derselben etliche Buchverlage unterschiedliche Strategien ( manchmal von Autor zu Autor) verfolgt haben? Ich selbst bin gegen diese Reform und nehme mir auch als 44jähriger das Recht der Nichtbeachtung, denke aber ein endgültiges Fallen dieser Regeln kann nur politisch bewirkt werden, wie sie auch politisch aufgestellt und verabschiedet wurden. Und da war denn die Kritik einiger weniger Ministerpräsidenten eher geeignet, die Reform zu kippen, als eine eh schon lange bestehende und vermutlich noch lange Jahre existierende Zweigleisigkeit beim Schreiben, zumal große Verständnisschwierigkeiten sich in beiden Lesarten wohl kaum ergeben dürften… nur das Lernen und Anwenden der neu – und vordefinierten Regularien – gegen die gelernte Sprachästhetik, gegen die verinnerlichte Sinnhaftigkeit (selbst wenn sie eigentlich nicht vorhanden war) und das gewohnte Schrift – und Satzbild werden innere Widerstände erwecken. Aber reden, schreiben und lesen kann man weiterhin mit – und von einander. LG rollblau
Signale » Was macht eigentlich%u2026
… die Rechtschreibreform? – Stimmt, da war doch was. Den Stand der Dinge fasst Marcel Diel in der Kritischen Ausgabe zusammen.
Ich selbst befleißige mich mittlerweile einer individuellen Mischform aus alter und neuer Schreibung, wobei ich vor allem die neue ss/ß-Regelung übernommen habe, während ich bei der Getrennt- und Zusammenschreibung überwiegend nach der alten verfahre. Aber schon das weist natürlich auf ein grundlegendes Dilemma hin: dass nun gerade wir, die “guten Deutsch-Schüler” von einst, uns in individualistischer Spalterei üben und dadurch nur noch mehr zur allgemeinen Verunsicherung beitragen. Nicht dass ich ein allzu schlechtes Gewissen deswegen hätte oder gar einen Ausweg wüsste – ich wollt’s nur mal angemerkt haben.
Dass dieser sogenannte “Rat für Rechtschreibung” einen Konsens herzustellen vermag, mit dem sich leben lässt, glaube ich kaum. Man schaue sich nur die Zusammensetzung an, rechne hinzu, dass die Mitglieder nur unter der Voraussetzung der Einstimmigkeit überhaupt wirksame Beschlüsse fassen können – und frage sich dann, wie realistisch Veränderung auf dieser Grundlage sein kann! Das Ganze scheint mir schon jetzt eine Totgeburt zu sein -aber ich lasse mich natürlich gerne vom Gegenteil überzeugen…
[...] gereimtheiten aufzeigen und herausfinden, in welchen Bereichen Änderungen möglich sind. Wie schon mal gesagt: Warten wir’s ab… (Quelle: ZDF/dpa) [...]