Der Meister und Margarita
Manfred Poser hat eine neue Variante der Verurteilung Jesu
Manfred Poser, 7. April 2007, 10:14 Uhr
Bücher haben ihre eigenen Schicksale – auch in der Lesebiografie eines Menschen. Manche Titel tauchen auf, werden verschmäht, machen sich schüchtern Jahre danach wieder bemerkbar, werden angefangen, nicht beendet – bis dann ihre Zeit kommt. So ging es mir mit »Der Meister und Margarita« von Michail Bulgakow, das der französische Journalistenschüler Laurent unter dem Arm trug, als er 1984 bei uns in München zu Besuch war. Das merkte ich mir. 18 Jahre später in Rom stieß ich in der Leihbibliothek auf das Buch, fing es an – auf Italienisch – und kapitulierte bald. Nun, vor zwei Monaten, geschah es: gelesen und entflammt. Ein Meisterwerk. Der Satiriker Bulgakow, 1891 geboren, beendete es 1938, schon 1940 starb er, und an die Öffentlichkeit gelangte sein Opus magnum erst 1966. Man ahnt, warum.
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- Blick über die alte Appia antica in Rom. Links davon, zwei Kilometer, soll Jesus Petrus getroffen haben, der ihn fragte: 'Domine quo vadis?' Herr, wohin gehst du? (Foto: Manfred Poser)
Bei Büchern, die man liebt, zögert man vor einer Inhaltsangabe. Man hat zuviel Hochachtung. Und lebensstrotzende, verrückte Bücher sperren sich gegen eine Zusammenfassung. Nur so viel: Der Teufel kommt mit einem Gefolge nach Moskau und bringt die ganze Stadt in Unordnung. Stürzt sie ins Chaos. Es ist aber ein seltsamer Teufel, der nur die Raffgierigen, die Eitlen, die Schleimer bestraft. Zwischendrin die Liebesgeschichte zwischen dem Meister – ein Schriftsteller, der in der Psychiatrie gelandet ist – und der schönen Margarita. Moskau 1938: Das darf man nicht vergessen. Tausende wurden willkürlich verhaftet und für immer deportiert. Russland war Stalins Geisel. Da kommt es einem nachgerade teuflisch vor, dass laut einer Anekdote Stalin Bulgakow angerufen und ihm seine Unterstützung angetragen haben soll mit den ironischen Worten, er habe ja noch etwas zu sagen.
Wenn der Teufel schon gut ist und die Bösen bestraft, was muss dann der für einer sein, der die Guten mit dem Tod straft und ein ganzes Land in Terror versetzt? Im zweiten Kapitel erzählt ein deutscher Professor, der Russisch spricht, die Geschichte einer Verurteilung vor 1938 Jahren und deutet an, er sei dabeigewesen. Pontius Pilatus muss einen gewissen Jeschua Ha-Nozri aburteilen, der sich gleich über Levi Matthäus beklagt, der stets auf Ziegenpergament seine Aussprüche notiert. Nichts davon sei wahr. Bei Judas von Kirjath unterlief ihm dann ein folgenschwerer Fehler. »›Ich habe ihm unter anderem gesagt‹, erklärte der Arrestant, ›dass von jeder Staatsmacht den Menschen Gewalt geschehe und dass eine Zeit kommen werde, in der kein Kaiser noch sonst jemand die Macht hat. Der Mensch wird eingehen in das Reich der Wahrheit und Gerechtigkeit, wo es keiner Macht mehr bedarf.‹« Jesus als Träger einer Utopie. Aufrührerische Parolen! Keine Staatsmacht kann das dulden.
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- Das Kolosseum in Rom, erbaut 70 Jahre nach dem Tod Jesu. Darin litten die Frühchristen. (Foto: Manfred Poser)
Pilatus schreit also: »Vermeinst du, Unseliger, ein römischer Prokurator werde einen Menschen freilassen, der gesagt hat, was du gesagt hast? O ihr Götter!« Er lässt für ihn War-Rawwan frei und meint, »dass die Sonne über ihm dröhnend bärste und ihm Feuer in die Ohren gösse«. Dann: Pontius Pilatus »war gewiss, dass die Eskorte schon die drei Verbrecher mit gebundenen Händen zur Seitentreppe führte, um sie auf die Straße nach Westen, aus der Stadt hinaus, zum Schädelberg zu bringen.« Gut für ihn: »Er würde die Verurteilten nicht mehr sehen.« Das war gegen zehn Uhr morgens.
Dann haben Leser und Leserin noch wunderbare 445 Seiten vor sich. Beneidenswert!
(7. April 2007)



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