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Der Kuss der Tosca

Manfred Poser liebt natürlich auch die Oper, und manchmal steckt ihr ganzer Geist in fünf Minuten

Italien pflegt noch seine großen abendlichen Fernsehshows und Galas. Da wird dann ausgiebig gesungen und man hört oft die ›Gassenhauer‹ des Opern-Repertoires. Ich mag Oper, bin aber ein konventioneller Konsument wie die Rai-Zuschauer auch: Tosca und Carmen also.


Das sogenannte Gutter, die Leerstelle zwischen den einzelnen Panels, die stets vom Leser gefüllt werden muß, ist das wichtigste Prinzip der Narrativität von Comics. Im Band Dick Boss, einer Gemeinschaftsproduktion von Zeichner Nicolas Mahler und verschiedenen Autorinnen und Autoren, wird das Spiel mit den Leerstellen auf raffinierte Weise auf die Spitze getrieben. Das Buch vereint zwölf Versionen einer Kriminalgeschichte, die alle mit dem gleichen Bildmaterial, einem festgesetzten Set von 16 ganzseitigen Panels, arbeiten und diese jeweils neu arrangieren und mit neuem Text in Verbindung bringen.

Wütend zugeschlagene Türen, ein erregtes und laut protestierendes Publikum, sich vor Aufregung überschlagende Feuilletons – welcher Theatermacher träumt nicht von solch einem handfesten Theaterskandal? Die saturierten Bürger auf ihren Aboplätzen aus ihrer Lethargie herausreißen und dazu zwingen, zum Geschehen auf der Bühne Stellung zu beziehen. Aufmerksamkeit erzeugen durch gut gesetzte Grenzüberschreitungen – ganze Regiekarrieren sind mit dieser Strategie verbunden (Peymann, Castorf, Schlingensief). Wenn ein solcher Theaterskandal heute überhaupt noch möglich ist, dann doch wohl mit einem Stück wie dem von Frank Wedekind: Lulu, die verruchte Femme fatale, der die Männer verfallen sind und deren Weg von um ihretwillen gestorbene Männer gepflastert ist.