»Wie weit würden Sie gehen?«
Dass der Hochgeistige, um den es hier geht, sich manchmal gern ins sumpfige Milieu verliert, ist wohl allgemein bekannt – und wie kämen wir dazu, ihn deswegen verurteilen zu wollen! Aber: dass wir uns dann selbst in nämliche Niederungen begeben müssen, um seine dort liegen gelassenen Worte aufzusammeln, weil sich ansonsten offenbar alle zu schade dafür gewesen sind – das, meine lieben klatsch- und tratschsüchtigen LeserInnen, sind wir denn doch geneigt, übel zu nehmen!
Also gut, bloggen wir's halt als (mutmaßlich) erste:
Aus einem Interview von Paul Sahner mit Marcel Reich-Ranicki in der "Bunte" vom 7. Oktober 2004:
Sahner: Sie haben doch sicher als Pubertierender die erotischen „1001 Nacht“-Märchen der sinnlichen Scheherazade verschlungen?
MRR: Ich habe mich mehr an den Märchen von Wilhelm Hauff und Oscar Wilde ergötzt. Ich bin eurozentrisch und habe mich nie mit arabischer Literatur beschäftigt, auch nicht mit asiatischer. Halt, im „Literarischen Quartett“ habe ich einmal über den japanischen Autor Murakami gesprochen, der neben Philip Roth und John Updike mein erster Anwärter für den Literaturnobelpreis ist. Meine geschätzte und insgeheim auch geliebte Kollegin Sigrid Löffler verdammte den Roman als unanständig, weil irgendwas mit Vögeln vorkam. Ich hielt der bewunderten Kollegin daraufhin vor, dass sie alle erotischen Romane ablehnt, verdammt, verurteilt und beschimpft.
Sahner: Prompt kam es zum Skandal. Kollegin Löffler straft Sie seither mit Missachtung…
MRR: Halt! Sie hat meiner Arbeit eine ganze Nummer einer von ihr redigierten Zeitschrift gewidmet. Man sagte mir, es sei die einzige amüsante Nummer dieses Journals.
Sahner: Wie weit würden Sie gehen, um Frau Löfflers Zuneigung wieder zu gewinnen?
MRR: Ich würde sie vor laufender Kamera zumindest umarmen oder in einem BUNTE-Versöhnungsgespräch demütig um Entschuldigung bitten. Über ihre Literaturzeitschrift, deren Name mir entfallen ist, könnte ich sogar in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ berichten. Aber gegen Hass und Feindschaft vermag ich nichts auszurichten. Nun, bitte etwas Geduld, und ich werde die reizende Kollegin schon streicheln dürfen.
Und das nach diesem Skandal? Und noch dazu im selben Blatt?
Respekt!
(29. Oktober 2004)



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