Archive for Juni, 2008
Montag, Juni 30th, 2008
Vor fünf Jahren, am 17. Juni 2003, ist Professor Dr. Peter Pütz im Alter von 68 Jahren verstorben. In den über dreißig Jahren seiner literaturwissenschaftlichen Tätigkeit am Germanistischen Seminar der Universität Bonn hat er das Gesicht der neueren germanistischen Abteilung in einer Weise geprägt, die es mehr als angebracht erscheinen läßt, ihn in eine Reihe mit den prominentesten Vertretern seiner Disziplin, die wie er hier gelehrt und geforscht haben, zu stellen. Seine schriftlichen Publikationen über Lessing, Nietzsche, Thomas Mann oder über die Techniken dramatischer Spannungserzeugung – um nur einige Beispiele zu nennen – behaupten ihren Platz als Meilensteine germanistischer Forschungsliteratur …
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Sonntag, Juni 29th, 2008
Doppelt exotisch erscheint es, wenn eines der bis heute am meisten gespielten Brecht-Stücke von einem Ensemble des Staatstheaters Erzurum gespielt wird. Verlagerte Brecht noch die Handlung in den das Utopische verstärkenden Exotismus Kaukasus, so rückt die türkische Aufführung diesen in eine geographische Wirklichkeit, der das Exotische als das im Fremden begründete innewohnt. An diesem Kreuzungspunkt überlagern sich die Wege der Zugänglichkeit von Hoffnung und Gegenwart, steht dort wie ein Wegstein die herkunftslose Frage nach dem Unterschied von Recht und Gerechtigkeit.
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Sonntag, Juni 29th, 2008
»Mir geht es darum, eine transzendente Erzählebene zu erschaffen, in der die Einzelteile des Textes ineinander übergehen und die alle Existenzformen gleichzeitig gewährt.« Mit diesen Worten versuchte der türkische Autor Hasan Ali Toptaș einmal, den Charakter seiner Werke zu beschreiben. Ob er dabei insbesondere an seine 1990 erschienenen, als Lexikoneinträge angelegten lyrischen Texte mit dem Titel Yalnizliklar (Einsamkeiten) gedacht hat, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall aber kann der Satz als Motto für die Bühnenfassung des Werkes dienen, die das Tiyatro Oyunevi aus Istanbul den Zuschauern auf der Werkstattbühne im Rahmen der Biennale Bonn präsentierte.
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Sonntag, Juni 29th, 2008
Wenige Tage nach seinem 91. Geburtstag ist Gerhard Meier am vergangenen Sonntag nach langer Krankheit im schweizerischen Langenthal verstorben. Die Welt der Literatur trauert um einen ihrer überzeugtesten Provinzler, der zugleich ein Weltbürger im Reich der Poesie war …
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Freitag, Juni 27th, 2008
Für Sonntag ist in Wien ein Fußballspiel angesetzt. Stimmt ja, irgendwo wird immer gekickt: an der Copacabana, am Strand von Rimini, in Baku und Ouagadougou. Irgendwann dürfen dann auch wieder Markus Toth und Gott Hermes für Vöcklabruck stürmen, irgendwo steht vielleicht ein griechischer Drittligaspieler auf dem Feld herum, der Homer heißt, und ein Nachfahre von Garrincha schießt in Rio den Pfahl um, der im Sand steckt und Torpfosten spielt …
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Freitag, Juni 27th, 2008
Regisseurin und Choreographin Beyhan Murphy scheint selbst so etwas wie die fleischgewordene Symbiose aus Tradition und Moderne zu sein, wirft man einen Blick in ihren Lebenslauf. Sie studierte an der London School of Contemporary Dance. Sie bekennt sich, wie ihr Mann (Bauhaus-Sänger Peter Murphy), zum Sufismus. Sie hat zwei Kinder mit ihm und ist, nach erfolgreicher Karriere in Europa und der Türkei, seit einiger Zeit Leiterin des Istanbuler Staatsballetts. Sie schafft selbst den Spagat, in den sich ihr Land, als Gelenk zwischen Orient und Europa, unweigerlich begibt. Mit Güldestan (Rosengarten) erzählt sie die Geschichte ihres Landes – nicht etwa mit Hilfe von Zahlen und Fakten, sondern sie macht die »Idee Türkei« sichtbar.
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Donnerstag, Juni 26th, 2008
Nicht, dass wir es dem Goethe-Institut in London nicht durchaus gönnen würden. Aber an Nicole Maus ist höchstwahrscheinlich eine großartige Journalistin verloren gegangen. Folgen wir der Darstellung in ihrer Antwort zu Frage sieben in unserem »Germanisten-Fragebogen«, so müssen wir respektvoll den Hut ziehen und eingestehen: Es sieht ganz so aus, als vereinte sie schon zu Schulzeiten Eigenschaften auf sich, um die sich noch manche ganze Zeitschrift glücklich schätzen würde …
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Mittwoch, Juni 25th, 2008
»Das Stück ›Kaspar‹ zeigt nicht, wie ES WIRKLICH IST oder WIRKLICH WAR mit Kaspar Hauser. Es zeigt, was MÖGLICH IST mit jemandem.« Mit diesem Satz beginnt Peter Handkes Text und dieser Satz ist gleichzeitig programmatisch für die Produktion Yaban Çocuk (Das wilde Kind), die sich in einer Bearbeitung des Handke-Stücks mit dem Problem der Identitätsfindung auseinandersetzt. Die Inszenierung des Ensembles Tiyatrolokomotif aus Ankara verknüpft dabei den persönlichen Individuationsprozess mit dem sich ständig wandelnden kulturellen Selbstverständnis der Türkei und transformiert so auf eindrucksvolle Weise die längst zum Mythos gewordene Figur Kaspar Hauser zu einer Metapher des ständigen »Sich-selbst-neu-Findens«.
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Mittwoch, Juni 25th, 2008
Die Situation des Buchmarktes ist bestens bekannt. Vom Verdrängungswettbewerb gezeichnet, streichen immer mehr Verlage die Segel und lassen sich schlucken – zu einem nicht nur finanziell hohen Preis. Denn während viele Traditionshäuser nach wie vor darauf beharren, zwar monetäre nicht aber programmatische Rechenschaft an die Mutterkonzerne ablegen zu müssen, findet sich in den gut ausgeleuchteten Bücherregalen der Hugendubels und Thalias eine andere Realität vor.
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Mittwoch, Juni 25th, 2008
Der Ort des Geschehens an diesem Abend: das Frankenbad. Nirgends sonst in Bonn ist man so nah an der türkischen Kultur wie hier in der Bonner Altstadt. Tragendes Element der abendlichen »Expedition«, auf die Theater Bonn und fringe ensemble ihre Besucher schicken, sind O-Töne der türkischen Mitbürger Bonns. Neun Geschichten, getürkt werden erzählt, die in keiner Weise erfunden sind, sondern mitten aus dem Leben stammen.
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Dienstag, Juni 24th, 2008
Das Stück Son Dünya (Letzte Welt) beginnt schon am Eingang des Theaters: Wer eintreten will, muss sich erst einmal den örtlichen Sicherheitskontrollen unterziehen. Warum? Weil das Theater nicht länger Theater, sondern ein Flugplatz ist. Die Sicherheitsschleusen sind passiert. Die Gefahr von Terroranschlägen ist gebannt. Als die Zuschauer endlich durch Eingang – Pardon: Gateway A eintreten dürfen, warten auf der Bühne schon die Protagonisten: ein Geschäftsmann, eine Frau und ein weiterer jüngerer Mann. Sie sitzen in Flugzeugsesseln, kurz vor dem Start der Maschine. Sie lesen, schlafen, tun, was man eben so tut, damit die Zeit vergeht. Nichts verbindet sie. Vollkommene Anonymität. Ruhige Sphärenmusik wabert durch den Raum; man wiegt sich in Sicherheit.
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Montag, Juni 23rd, 2008
Welche Auswirkung hat unser tägliches Umfeld auf unsere Werte, auf das, was wir glauben? Der Film Takva zeigt fast dokumentarisch den Moslem Muharrem, der noch glaubt, an Werte und Gebote. Seine kleinen Rituale und die Strukturen seines Alltags lenken den Blick auf ein Leben, das sich ganz der Religion und der Arbeit verschrieben hat.
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Sonntag, Juni 22nd, 2008
Die große weiße Bühne blendet beinahe. Auf dem Boden drei Quadrate, auf jedem eine Frau. Die Musik setzt ein, die Körper zittern, beben und ein energiegeladener Tanz ohne Atempause beginnt. Sie scheinen verzweifelt, wälzen sich auf dem Boden, schmeißen sich hin, wie einer Ohnmacht nahe, springen wieder auf, ihre Haare wehen. Man ist von dieser Hektik, dieser fordernden Musik mitgerissen. Das erste Stück des Abends Ani Toplayicisi (Der Sammler von Momenten) in der Choreographie von Devrim İleri lässt einem keine Ruhe, man wird von der wahnwitzigen Geschwindigkeit der Tänzer überrollt.
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Freitag, Juni 20th, 2008
Was erlebt die Betreuung der Festivalleitung? Welche Aufgaben stellen sich dem Betreuer einer Künstlergruppe und welche Erfahrungen macht man bei der Begleitung von Veranstaltungen? Unser Tagebuch zur Biennale Bonn :Bosporus 2008 ermöglicht einen Blick hinter die Kulissen des Festivals und zeigt, wie die Teilnehmer eines Projektseminars am Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft der Universität Bonn an der Organisation der Biennale beteiligt sind und dabei wertvolle Erfahrungen sammeln. Heute berichtet David Prochnow von seinen Erlebnissen bei der Betreuung der Produktion Uyarca (Der Mitmacher) des Staatstheaters Istanbul.
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Freitag, Juni 20th, 2008
Man kommt beim Personal von Friedrich Dürrenmatts Der Mitmacher schnell auf die Idee, es handle sich um eine schematische Darstellung der Welt. Da ist der Wissenschaftler, genannt Doc. Der Mafiaboss, genannt Boss. Der Polizeichef Cop. Ach ja, und Ann, die Femme Fatale, Bill, der Millionenerbe. Und Jack und Jim und Sam und Joe. Die hat man aber schnell wieder vergessen. Die Figuren scheinen genauso einsilbig und austauschbar wie ihre Namen.
Wer auf diese Finte hereinfällt, der verkennt nicht nur Dürrenmatt, sondern auch das Ensemble des Istanbuler Staatstheaters. Unter der Regie von Sakir Gürzumar wurde das späte Bühnenstück Dürrenmatts (türkisch: Uyarca) seit der Spielzeit 2005/06 produziert und dort seither außerordentlich erfolgreich aufgeführt. Die (vermeintlichen) Stereotypisierungen sind keine Vereinfachungen. Gerade durch das Aufbrechen von Klischees wird Trostlosigkeit veranschaulicht.
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