Der große AdventsKAlender 2009
Montag, November 30th, 2009Die Tage werden länger und riechen zunehmend nach Zimt und Gebäck. Gegen (zumindest normalerweise) sinkende Temperaturen helfen wieder Glühwein und Schal. Spätestens bei den Weihnachtseinkäufen wird dann klar: Es dezembert und das Jahr 2009 neigt sich dem Ende zu. Zeit für einen Rückblick besonderer Art. Dazu verlassen wir in diesem Jahr die wunderbare Welt der Autoren und Texte und wagen den Schritt hinaus auf die Straßen zu den Menschen aus Bonn und Umgebung.
Die Kultur steht dieses Mal im Mittelpunkt des großen AdventsKAlenders. Was aber ist das eigentlich, »Kultur«? Wie wird sie wahrgenommen, wie nimmt der Einzelne daran teil, wie wird das Gesehene, Gehörte oder Gelesene bewertet – und was davon bleibt im Gedächtnis hängen? Alternativ oder ergänzend zur alltäglichen Schokoladendosis finden Sie ab morgen spontane Kurzinterviews zu diesem Thema hinter den – nunmehr »klingenden« – 24 Türchen unseres Kalenders. Reinhören lohnt sich!


Mein letzter Beitrag musste mich zu Nelly Sachs führen, der »Stimme der ermordeten Juden« in einem Wort von Hilde Domin, die auch schrieb, dass »vielleicht kein deutscher Dichter seit dem späten Hölderlin »eine so exaltierte Sprache« benutzt habe wie jene. Dass Nelly Sachs 1966 den Literatur-Nobelpreis erhielt, ist fast vergessen, jedenfalls gewinnt man den Eindruck, in der Nachkriegszeit seien als Deutsche nur Böll und Grass geehrt worden; das mag mit dem Wunsch nach Vergessen des Genozids zu tun haben. Allerdings musste Nelly Sachs sich den Preis mit dem israelischen Autor S. J. Agnon teilen (ein Novum), und die Operation hatte, wie wiederum Hilde Domin schrieb, etwas »Exterritoriales«, und die Dichterin lebte einige Jahrzehnte in Stockholm, war eine Exilantin, körperlich sowohl als geistig …
Crauss, der selbst bei Wikipedia nur unter »Crauss« auftaucht, und Neuner, welcher den »Florian« vor seinem Nachnamen noch nicht leugnet, geben am kommenden Freitag eine Vorstellung ganz eigener Art. Zwischen den Kacheln der alten Küche des Hotels Beethoven in Bonn erwartet die Zuschauer ab 20 Uhr eine Mischung aus verschiedenen Mixturen zweier Autoren, die sogar bereit sind zur Suppenkelle zu greifen.
Vergangenen Spätsommer fuhr ich mit dem Rad durch die östliche Steiermark und näherte mich Ungarn. Kurz vor der Grenze brach ich von einem Feld noch eine Sonnenblume ab und klemmte sie hinten auf mein Gepäck. Weiter östlich dann, in Ungarn, fuhr ich nur noch an abgeblühten Sonnenblumenfeldern entlang wie an der Küste eines graubraunen eingetrockneten traurigen Meeres. Ich hatte viel Zeit, nachzudenken, und so dachte ich an die 400.000 ungarischen Juden, die spät noch, im Herbst 1944, nach Auschwitz transportiert und im Vernichtungslager Birkenau vergast wurden. Die Rote Armee befand sich im Vormarsch, die Alliierten waren gelandet, es sah nach dem Ende des Krieges aus, aber die Gaskammern und Krematorien liefen auf Hochtouren …
Das »Buch der Bücher« gehört sicher zum festen Bestandteil der Lektüre von Elmar Funken, schließlich steht er im Dienste des Erzbistums Köln. Aber mit sozialkritischer Literatur wie Peter Weiss’ Ästhetik des Widerstands weiß er sich ebenso auseinanderzusetzen – und die Lyrik Ingeborg Bachmanns war das Thema des ersten Seminars, das er an der Familienbildungsstätte leitete. Die Erwachsenenbildung war Funkens Berufsziel, und nach seinem Studium der Theologie und der Germanistik stand dem nichts mehr im Wege. Als Leiter des Katholischen Bildungswerkes in Leverkusen stellt er heute selbst regelmäßig unter anderem ein Literaturprogramm mit Lesungen und Seminaren zusammen …