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Crauss.

Archive for November, 2009

Der große AdventsKAlender 2009

Montag, November 30th, 2009

Die Tage werden länger und riechen zunehmend nach Zimt und Gebäck. Gegen (zumindest normalerweise) sinkende Temperaturen helfen wieder Glühwein und Schal. Spätestens bei den Weihnachtseinkäufen wird dann klar: Es dezembert und das Jahr 2009 neigt sich dem Ende zu. Zeit für einen Rückblick besonderer Art. Dazu verlassen wir in diesem Jahr die wunderbare Welt der Autoren und Texte und wagen den Schritt hinaus auf die Straßen zu den Menschen aus Bonn und Umgebung.

Die Kultur steht dieses Mal im Mittelpunkt des großen AdventsKAlenders. Was aber ist das eigentlich, »Kultur«? Wie wird sie wahrgenommen, wie nimmt der Einzelne daran teil, wie wird das Gesehene, Gehörte oder Gelesene bewertet – und was davon bleibt im Gedächtnis hängen? Alternativ oder ergänzend zur alltäglichen Schokoladendosis finden Sie ab morgen spontane Kurzinterviews zu diesem Thema hinter den – nunmehr »klingenden« – 24 Türchen unseres Kalenders. Reinhören lohnt sich!

»Der Herbst 1989 war wie Woodstock«

Mittwoch, November 25th, 2009

Jan Kuhlbrodt (Foto: Marie-Luise Marchand/Plöttner Verlag, Leipzig)Im Jahr des 20. Jubiläums des Mauerfalls läuft die Erinnerungsindustrie auf Hochtouren. Dutzende Verlage haben den Buchmarkt mit schöner Literatur und einschlägigen Sachbüchern über die friedliche Revolution im Herbst 1989 geradezu überschwemmt. Dass viele Zeitzeugen in Interviews, Memoiren und autobiografischer Literatur über den Zusammenbruch der DDR berichten, ist aber keineswegs nur den Gesetzen des Marktes geschuldet. Oft liegt der schreibenden Erinnerungsarbeit ein ganz persönliches Erinnern-Wollen, ein Durcharbeiten der eigenen Rolle in der Vergangenheit, zu Grunde.

So auch bei dem 1966 in Karl-Marx-Stadt (seit 1. Juni 1990 wieder Chemnitz) geborenen Schriftsteller Jan Kuhlbrodt, für den das Schreiben einen »therapeutischen Effekt« hat, wie er selbst sagt.

Zwischen allen Stühlen

Mittwoch, November 25th, 2009

Symbol der friedlichen Revolution von 1989: Reste der Berliner Mauer (Foto: © Benedikt Viertelhaus)Jan Kuhlbrodt macht es uns nicht leicht mit seinem Roman Schneckenparadies – und sich selbst auch nicht. Gleich der erste Satz ist ein Stolperstein. Wie heißt es da? »Vergangenheit beginnt«? Aber: Ist es nicht die Zukunft, die in der nächsten Sekunde beginnt und wenn diese verstrichen ist, bereits der Vergangenheit angehört? Wie kann Vergangenes beginnen?

Und doch: Vergangenheit beginnt gleich auf der ersten Seite des Buches Schneckenparadies des in Leipzig lebenden Schriftstellers. Denn Vergangenheit, das ist bei Kuhlbrodt ein Netz vieler kleiner Geschichten und Episoden, die sich durch die Erinnerungsarbeit erst als solche konstituieren. Und so ist Schreiben Erinnerungsarbeit; die Vergangenheit beginnt mit dem ersten geschriebenen Satz …

»Erst haben sie den Alkohol verboten, dann ist Tschernobyl explodiert.«

Montag, November 23rd, 2009

Symbol der friedlichen Revolution von 1989: Reste der Berliner Mauer (Foto: © Benedikt Viertelhaus)Der Fall der Berliner Mauer war in Osteuropa bekanntlich nur der Auftakt in einer Reihe von politischen Umwälzungen, an deren Ende der Zerfall der Sowjetunion stand. Die Ukraine hat sich bereits 1991 aus dem Staatenverbund herausgelöst. Die Frage nach der Orientierung in Richtung Europa oder Russland bestimmte lange das politische Geschehen. Nachdem im Zuge der viel beachteten sogenannten »Orangen Revolution« im Jahr 2004 der westliche orientierte Wiktor Juschtschenko die Stichwahl um das Präsidentenamt gewonnen hatte, sind die Augen Europas auch wieder verstärkt auf die äußerst lebendige ukrainische Literaturszene gerichtet. Im deutschen Sprachraum hat sich vor allem der Suhrkamp Verlag um die Bekanntheit jüngerer Autoren wie Ljubko Deresch und Serhij Zhadan verdient gemacht. Eine Generation älter ist Juri Andruchowytsch, der heute als einer der wichtigsten Schriftsteller seines Landes gilt. Seine Romane und Essays liegen – ebenfalls bei Suhrkamp – nun schon zu einem guten Teil auf Deutsch vor …

Maßlos in einer Welt aus Maß

Freitag, November 20th, 2009

Mein letzter Beitrag musste mich zu Nelly Sachs führen, der »Stimme der ermordeten Juden« in einem Wort von Hilde Domin, die auch schrieb, dass »vielleicht kein deutscher Dichter seit dem späten Hölderlin »eine so exaltierte Sprache« benutzt habe wie jene. Dass Nelly Sachs 1966 den Literatur-Nobelpreis erhielt, ist fast vergessen, jedenfalls gewinnt man den Eindruck, in der Nachkriegszeit seien als Deutsche nur Böll und Grass geehrt worden; das mag mit dem Wunsch nach Vergessen des Genozids zu tun haben. Allerdings musste Nelly Sachs sich den Preis mit dem israelischen Autor S. J. Agnon teilen (ein Novum), und die Operation hatte, wie wiederum Hilde Domin schrieb, etwas »Exterritoriales«, und die Dichterin lebte einige Jahrzehnte in Stockholm, war eine Exilantin, körperlich sowohl als geistig …

Von der Aufsteiger- zur Aussteiger-Generation

Donnerstag, November 19th, 2009

Symbol der friedlichen Revolution von 1989: Reste der Berliner Mauer (Foto: © Benedikt Viertelhaus)Generation Golf, Generation X, Generation Krisenkinder, Generation Praktikum … In der medialen Selbstbeschreibung unserer Gesellschaft ist der beliebig gepaarte Begriff der Generation längst nicht mehr wegzudenken. Sein Potential zur Analyse komplexer gesellschaftlicher Phänomene hat dieser Terminus trotz seines inflationären Gebrauchs nicht eingebüßt. In der sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Forschung gehört er längst zum etablierten historiografischen Analyseinstrumentarium. Auch die noch junge Generationen-Forschung zur Geschichte der DDR hat diesen Ansatz für sich entdeckt und neue Antworten auf die Frage gefunden, warum sich so viele Menschen von der SED-Regierung distanzierten, wie sich spätestens im Jahr 1989 offenkundig zeigte …

Der Herbst 1989 – eine Revolution?

Dienstag, November 17th, 2009

Symbol der friedlichen Revolution von 1989: Reste der Berliner Mauer (Foto: © Benedikt Viertelhaus)Nur wer mit wachsamen Augen durch Berlin geht, kann sie sehen. Eine in den Straßenboden eingelassene Doppelreihe Kopfsteinpflaster, die sich quer durch die Stadt zieht. Heute überwinden die Menschen sie ohne große Mühe; das wäre zwanzig Jahre zuvor noch undenkbar gewesen. Diese Kopfsteinpflaster zeichnen den Weg der Berliner Mauer nach, die in voller Größe heute nur noch an wenigen Plätzen wie an der Bernauer Straße und der East Side Gallery an der Spree zu sehen ist.

Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer feiern unzählige Dokumentarfilme, Bücher und Feuilletons das Wunder der friedlichen Revolution, die den Deutschen die Wiedervereinigung beschert habe. Doch war der Umbruch 1989 wirklich eine Revolution? Zwar hat der Herbst 1989 tatsächlich tiefgreifende politische Veränderungen quasi über Nacht, vom 9. auf den 10. November, gebracht, aber ist das bereits als Revolution zu bezeichnen? Denkt man bei diesem Begriff nicht unweigerlich an Robespierre, jakobinische Schreckensherrschaft, an enthauptete Monarchen, also kurzum an die Gewalt, die alle klassischen Revolutionen bisher begleitete, von der Französischen (1789) über die März- (1848/49) bis zur Novemberrevolution (1918)?

Das tut ja weh!

Montag, November 16th, 2009

Es ist nicht Antonio Latellas Ziel an diesem Abend im Kölner Schauspielhaus, den Zuschauern eine Geschichte zu erzählen. Der Regisseur hat sich intensiv mit dem Schriftsteller Franz Kafka beschäftigt, mit dessen Texten. Nun glaubt er, Kafka zu kennen. Das Stück Die Verwandlung und andere Erzählungen hat Latella geschrieben, um den Leuten zu zeigen, wie Kafka dachte, wie er fühlte. Er möchte die enorme Wucht von Verzweiflung und Angst erfahrbar machen, der dieser Autor ausgeliefert war und die er nur an guten Tagen auf Papier bannen konnte.

Die Revolution befreit ihre Kinder

Montag, November 16th, 2009

Symbol der friedlichen Revolution von 1989: Reste der Berliner Mauer (Foto: © Benedikt Viertelhaus)Damit die Hoffnung am spätesten stirbt lautete der Titel eines Dokumentarfilms, den das DDR Fernsehen am 16.11.1989 um 22:55 Uhr zeigte. Das war eine Woche nach dem Tag, an dem die Mauer fiel, heute vor 20 Jahren. In dem Film erinnerte der Regisseur Carlos Faria an den 17.11.1939, als die Nationalsozialisten in Prag tausende tschechische Studenten verhafteten und in Konzentrationslager deportierten. Die Zuschauer konnten sich an jenem Abend, eine Woche nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze, ins Gedächtnis rufen, wie es zur deutschen Zweistaatlichkeit kommen konnte: Die über vierzig Jahre andauernde Teilung war Ergebnis eines von Nazi-Deutschland ausgehenden Weltkrieges – und des sich daran anschließenden Kalten Krieges.

Der Fall der Mauer, dem sich die Kritische Ausgabe in einer kleinen Artikelserie widmen wird, ist eine Errungenschaft jener Menschen, die 1989 auf die Straße gingen und gegen die DDR-Regierung demonstrierten.

Der Evel Knievel deutscher Poesie trifft auf einen österreichischen Berliner – und beide machen doch Prosa!

Montag, November 9th, 2009

Florian Neuner & CraussCrauss, der selbst bei Wikipedia nur unter »Crauss« auftaucht, und Neuner, welcher den »Florian« vor seinem Nachnamen noch nicht leugnet, geben am kommenden Freitag eine Vorstellung ganz eigener Art. Zwischen den Kacheln der alten Küche des Hotels Beethoven in Bonn erwartet die Zuschauer ab 20 Uhr eine Mischung aus verschiedenen Mixturen zweier Autoren, die sogar bereit sind zur Suppenkelle zu greifen.

Sonderbehandlung

Freitag, November 6th, 2009

Buchenwald (Foto: Manfred Poser)Vergangenen Spätsommer fuhr ich mit dem Rad durch die östliche Steiermark und näherte mich Ungarn. Kurz vor der Grenze brach ich von einem Feld noch eine Sonnenblume ab und klemmte sie hinten auf mein Gepäck. Weiter östlich dann, in Ungarn, fuhr ich nur noch an abgeblühten Sonnenblumenfeldern entlang wie an der Küste eines graubraunen eingetrockneten traurigen Meeres. Ich hatte viel Zeit, nachzudenken, und so dachte ich an die 400.000 ungarischen Juden, die spät noch, im Herbst 1944, nach Auschwitz transportiert und im Vernichtungslager Birkenau vergast wurden. Die Rote Armee befand sich im Vormarsch, die Alliierten waren gelandet, es sah nach dem Ende des Krieges aus, aber die Gaskammern und Krematorien liefen auf Hochtouren …

Mit Bachmann ins Erzbistum

Mittwoch, November 4th, 2009

Elmar Funken (Foto: Erzbistum Köln)Das »Buch der Bücher« gehört sicher zum festen Bestandteil der Lektüre von Elmar Funken, schließlich steht er im Dienste des Erzbistums Köln. Aber mit sozialkritischer Literatur wie Peter Weiss’ Ästhetik des Widerstands weiß er sich ebenso auseinanderzusetzen – und die Lyrik Ingeborg Bachmanns war das Thema des ersten Seminars, das er an der Familienbildungsstätte leitete. Die Erwachsenenbildung war Funkens Berufsziel, und nach seinem Studium der Theologie und der Germanistik stand dem nichts mehr im Wege. Als Leiter des Katholischen Bildungswerkes in Leverkusen stellt er heute selbst regelmäßig unter anderem ein Literaturprogramm mit Lesungen und Seminaren zusammen …

Das aktuelle Heft


Aktuell

In der K.A. plus

Eine »essentielle und essentialistisch gesellschaftliche Grundlage«
Die neue Kritische Ausgabe widmet sich dem Thema Familie in der Literatur
Der Bibliotheken-Engel
Manfred Poser wurde schon Hilfe vom Engel zuteil, aber verlassen sollte man sich nicht auf ihn – sein Auftauchen ist eine Gnade
Erleuchtete Dichter
Die Erleuchtung durchs Frühjahr wird kommen – und bis dahin tröstet uns Manfred Poser mit erleuchteten Dichtern
Raunende Dialoge am warm-wirren Strand.
Ein investigativer Sonntagsbesuch in der Ausstellung »James Cook – Die Entdeckung der Südsee«
Zwischen Klischee und Realität »sehen« lernen
Auslandserfahrungen unserer Korrespondentin aus Paris
Aus der Redaktion

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