Roger und der Teufelsgeiger
Mittwoch, März 24th, 2010
Ein Samstagabend im schönen Köln. Der Winter scheint endlich das Feld zu räumen, den ganzen Tag hat die Sonne geschienen. Haben nicht sogar ein paar Vögel in den Bäumen gezwitschert? Wie auch immer: Es ist ein Abend, an dem man Spaß haben möchte. Mit dieser Erwartung sind die Menschen ins Schauspielhaus gekommen, haben es bis auf den letzten roten Sessel besetzt. Worum soll es eigentlich nochmal genau gehen heute Abend? Barock, oder? BAROCK?!? Um Gottes Willen, bitte nicht! Die Angst vor Sonetten und Memento Mori lässt einige Herrschaften im vorderen Parkett schon kurzatmig werden. Doch da haben sie ihre Rechnung ohne die beiden Chefprotagonisten des Abends gemacht.


»I’m in love with a fairytale«, hieß es im vergangenen Jahr beim Eurovision Song Contest in Moskau. Gut möglich, dass dieser Satz auch am kommenden Mittwoch in Bonn fällt, wenn Mila Pavicevic im LVR-LandesMuseum ihren Kurzgeschichtenband Ice Girl and other fairy tales vorstellt. Denn mit der Märchenhaftigkeit ihrer Geschichten wird die junge Kroatin, so versprechen es zumindest die Veranstalter, »Erwachsene und Kinder gleichermaßen in ihren Bann ziehen und die die Grenzen zwischen Realem und Übernatürlichem, zwischen Möglichem und Unmöglichem verschwimmen lassen«. Zum Beispiel mit dem Märchen vom namenlosen weißen Clown, der nach einem Schlangenbiss in der Wüste einsam verstarb und dessen rote Clownsnase heute als Stern am Firmament funkelt, im Sternbild des Großen Spielers, hinten, auf der anderen Seite des Nordens.
Ich hatte es ja prophezeit. Mein Freund Helmut hörte vom Bibliotheken-Engel, suchte (bereits am 11. Februar) in einem 1000-Seiten-Werk eine Stelle über Displaced Persons, wusste, es war irgendwo weiter vorn, schlug zufällig Seite 40 auf – und da stand es. Der große Gelehrte Gershom Scholem wollte etwas über Paracelsus und die Kabbala herausfinden und stattete der »wunderbaren mystischen Bibliothek von Oskar Schlag in Zürich« einen Besuch ab … »wo ich aufs ungefähre einen Band der Sudhoffschen Ausgabe des Paracelsus aus dem Schrank zog. Mein Auge fiel direkt auf einen Satz, der mit den Worten begann: ›Der Teufel, großer Cabalist, der er ist …‹ War das nun, was man einen Zufall nennt?!«
In Bibliotheken ist es meist still, aber hört man nicht manchmal ein fernes Rauschen, ein leises Flügelschlagen? Das könnte der Bibliotheken-Engel sein. Wir stehen vor Büchern, vor vielen Büchern, einem Meer aus Büchern, in dem wir zuweilen verloren sind; sie kehren uns den Rücken zu, doch Welten stecken in diesen Körpern – nur welchen wählen? Es gibt ein Zitat von John Mitchell von 1978, und zu diesem Namen sagt LibraryThing: »John Mitchell is composed of at least 9 distinct authors.« Welchen wählen? Nach Konsultation der 57 Titel im Angebot der Universitätsbibliothek Freiburg blieben John D., John J. und John V. in der engeren Auswahl, und ich vermute, es war John V. Mitchell, der 1981 Ghosts of an Ancient City geschrieben hat. Das passt am ehesten zu seiner folgenden Aussage …