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	<title>Kritische Ausgabe</title>
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	<description>Zeitschrift für Germanistik &#38; Literatur</description>
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		<title>Die Fliegerin und der Tod – Wenn Engel abstürzen</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Jul 2010 06:00:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N. N.</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[Was bringt eine 25-jährige, unabhängige Frau dazu, sich in einem Flugbunker in Syrien zwei Kugeln in den Kopf zu schießen? Wie kann ein Mann, der Tausende auf dem Gewissen hat, so schön Violine spielen, dass es zu Tränen rührt? Diese Fragen stellt <em>Halbschatten</em>, der neue Roman von Uwe Timm. Er ist zugleich der dritte Band von Timms Berlin-Trilogie, die angefangen mit <em>Johannisnacht</em> und <em>Rot</em> nun ihren Abschluss findet. 
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Was bringt eine 25-jährige, unabhängige Frau dazu, sich in einem Flugbunker in Syrien zwei Kugeln in den Kopf zu schießen? Wie kann ein Mann, der Tausende auf dem Gewissen hat, so schön Violine spielen, dass es zu Tränen rührt? Diese Fragen stellt <em>Halbschatten</em>, der neue Roman von Uwe Timm. Er ist zugleich der dritte Band von Timms Berlin-Trilogie, die angefangen mit <em>Johannisnacht</em> und <em>Rot</em> nun ihren Abschluss findet. </p>
<p>Ein namenloser Autor wird von einem Mann, den er »den Grauen« nennt, über den Berliner Invalidenfriedhof geführt. Die Toten beginnen zu sprechen. Zum Teil sind es Figuren, die tatsächlich gelebt haben, wie der Chef des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich. Zum Teil fügt Timm fiktive Gräber hinzu, wie das des Zauberers und Komikers Miller, der durch seine Späße die Soldaten an der Front erfreuen soll, verdeckt jedoch immer wieder das Naziregime und »den Führer« verspottet. Der Graue führt den Autor, und mit ihm den Leser, über diesen trostlosen Ort, ergänzt, wo die Toten schweigen oder wo Personen genannt werden, die nicht auf dem Friedhof liegen. </p>
<blockquote><p>An diesem Ort […] liegt die deutsche, liegt die preußische Geschichte begraben, jedenfalls die militärische. Scharnhorst liegt hier und andere Generäle, Admiräle, Obristen, Majore.</p></blockquote>
<p>Sie alle sind Teil eines Stimmengewirrs, das beim ersten Lesen ein wenig irritiert. Tote aus unterschiedlichen Jahrhunderten reden durcheinander. Um Krieg, Gewalt und Folter geht es in <em>Halbschatten</em> scheinbar nur nebensächlich. Vordergründig handelt der Roman vom Fliegen. Von besonderem Interesse ist die Stimme einer Frau, die man deutlich zwischen den vielen Männern auf dem Friedhof heraushört. Sie liegt unter einem Granitbrocken begraben. »Der Flug ist das Leben wert« ist darauf eingraviert. Es handelt sich um Marga von Etzdorf, eine junge Fliegerin, die sich im Mai 1933 in Aleppo, Syrien, nach einer Bruchlandung erschossen hat. Auch sie gehört zu den Figuren, die tatsächlich gelebt haben und tatsächlich auf dem In-validenfriedhof in Berlin begraben liegt. Der Roman erzählt eine Geschichte über sie, über ihre Liebe zum Fliegen und ihre Liebe zu dem jungen Diplomaten Christian von Dahlem. Marga ist vom Unglück verfolgt. Sie prägt sich als »Bruchmarie« in das Gedächtnis der Menschen ein, denn auf zwei Langstreckenflügen stürzt sie zweimal ab. Keiner will ihr mehr ein Flugzeug geben, keiner sie unterstützen. Sie verliert ihre Reputation als Fliegerin und sieht sich in ihrer Not am Ende gezwungen, sich auf ein Waffen- und Spionagegeschäft mit den Nazis einzulassen. Auf diesem letzten Flug stürzt sie erneut ab. Dann nimmt sie sich das Leben. </p>
<p>Die trostlose Friedhofidylle, in der auch Marga ihre letzte Ruhe fand, ist trügerisch. Geschrei, Pferdewiehern, Marschgeräusche. Die deutsche Geschichte von den Napoleonischen Befreiungskriegen bis hin zum zweiten Weltkrieg wird aus den Gräbern gespuckt. Eine Art Thriller-Szenerie á la Michael Jackson eröffnet sich dem ahnungslosen Leser. Schockierend und einzigartig: Die Toten scheinen fast lebendig, indem sie ihre Geschichten erzählen, oder der Graue das Stöhnen oder Röcheln aus einem der Gräber erklärt. Als Dante sich auf seine Reise in die Hölle begab, tat er dies freiwillig. Hier werden Leser und Erzähler förmlich hinab gezogen. Sie haben gar keine Chance, den Geräuschen aus den Gräbern zu entgehen. Ob Täter oder Opfer – im Chor der Toten ist eine klare Unterscheidung kaum noch möglich. </p>
<p>Timms Tote polarisieren, so wie im Krieg polarisiert wird. Und leider findet sich auch in der Literatur über den Krieg und Nationalsozialismus ein rigoroser Trend zur Schwarz-Weiß-Malerei. <em>Halbschatten</em> ist ein Buch, welches erfrischend anders mit diesem dunkelsten aller Kapitel unserer Geschichte umgeht. Interessant ist es, einmal nicht nur über moralisierende Kategorisierungen von Richtig und Falsch zu lesen, sondern über die feine Ebene, die dazwischen liegt. Eine Ebene, mit der wir täglich, jeder von uns, konfrontiert werden. Timm schafft keine weiteren Differenzen, er differenziert. Selbst Figuren, die eigentlich »zur guten Seite« gehören, wie Marga, können durch ihr Abkommen mit den Nazis schuldig werden. Der »Todesengel« Heydrich ist, wenn er Violine spielt, nicht mehr nur ein Monster, er kann mit seiner Musik Menschen zu Tränen rühren. Das ist grotesk. Das ist die Perversion der Realität. Timm hat sie erkannt und es ist eine Art Befreiung von altbekannten Klischees, die dieses Buch so hervorstechen lassen und das, obwohl Timm hier ein Thema gewählt hat, das fast schon selbst zum Klischee geworden ist. </p>
<p>Auf eine besondere Art ironisch ist, dass Timm den durch die Trennung Deutschlands schwer beschädigten Invalidenfriedhof als Schauplatz für seinen mehr differenzierenden als separierenden Roman gewählt hat. Denn durch den Invalidenfriedhof verlief die Berliner Mauer, durch die zahlreiche Gräber zerstört wurden. Schon der Titel <em>Halbschatten</em> birgt den Hauptaspekt des Romans in sich, es geht um die Mitte zwischen zwei Extremen. Ob nun die Mitte von Gut und Böse, Himmel und Erde, die Mitte zwischen Schwarz und Weiß oder eben zwischen Licht und Schatten. Die Dialektik zeigt sich nicht zuletzt in den Hauptfiguren selbst, die teil-weise als Mittlerfiguren fungieren. So ist der Graue Mittler zwischen den Toten und den Lebenden. Grau, das ist die Mitte zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Hell und Dunkel. In der Stilisierung Margas zu einem Engel, die in <em>Halbschatten</em> des Öfteren vorgenommen wird, zeigt sich, dass auch sie eine dieser Mittlerfiguren ist. Denn Engel sind die Boten des Wort Gottes und die Vermittler zwischen Himmel und Erde. Und auch Marga selbst ist eine Mittlerin zwischen Oben und Unten, eine Himmelsbotin, die mit ihrem Flugzeug Geschichten durch die Welt fliegen und erzählen kann. »Sie kam wie ein lärmender Engel vom Himmel. Von ihr ging eine erstaunliche Anziehung aus und gleichermaßen etwas unbeschwertes, Leichtes.« </p>
<p>Was sich zuerst wie ein leicht zusammenhangloser Episodenroman liest, der durch die vielen unterschiedlichen Stimmen etwas auseinandergesprengt scheint, stellt sich im Verlauf der Lektüre als Buch heraus, dessen Dichte und Komplexität zwar zuerst leicht überfordert, dann jedoch anregen und zuletzt überzeugen kann. Es gibt keinen durchgängigen Tonfall, der das Buch bestimmt. Tatsächlich hat man das Gefühl eine Variante von Jacksons »Thriller« zu erleben, in der Zombies real werden und anfangen zu singen. Zwar wird hier nicht gesungen, trotzdem bildet sich eine Klangvielfalt, indem die Toten jeder Szene ihren eigenen Tonfall beifügen. Heraus kommt ein Sprechorchester, dirigiert von dem Grauen und von einem beeindruckten Leser vernommen. Oft sprechen die Toten durcheinander, oft brechen sie mitten im Satz ab. So wie der namenlose Autor ist auch der Leser selbst auf das Hinweisen und Deuten des Grauen angewiesen. Obwohl dieses Durcheinander an manchen Stellen verwirrt, wirkt es doch authentisch, denn Tote richten sich nicht nach den Lebenden. Sie reden, wie sie es wollen und müssen sich längst nicht mehr um das kümmern, was über ihren Gräbern vor sich geht. Die Toten in <em>Halbschatten</em> müssen erzählen und ihre eigene Geschichte ständig wiederholen. So sind sie dazu verdammt, wie Sisyphos immer das Gleiche zu tun, weil man Geschichte nicht korrigieren kann. Eine Hölle, aus der die Toten nicht entkommen können. Das ist letztlich nichts Neues und doch stellt Timm es in einen so neuen Kontext, dass es wieder überrascht. <em>Halbschatten</em> ist ein Obduktionsbericht über den Krieg. Mit einer sachlichen Abgeklärtheit schlitzt Timm den Bauch Deutschlands auf und lässt seine Stimmen herausquellen. Schonungslos. Rabiat. Treffsicher. Das wird noch durch zahlreiche Originaldokumente verstärkt, die Timm beispielsweise über den Tod Margas einfügt. </p>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/timm_halbschatten.jpg" alt="Uwe Timm: »Halbschatten« (Cover)" title="Uwe Timm: »Halbschatten« (Cover)" width="150" height="245" class=right />Was also bringt die 25-jährige, unabhängige Frau dazu, sich in einem Flugbunker in Syrien zwei Kugeln in den Kopf zu schießen? Wie kann der Mann, der Tausende auf dem Gewissen hat, so schön Violine spielen, dass es zu Tränen rührt? <em>Halbschatten</em> wirft diese Fragen zwar auf, die Antworten werden jedoch dem Leser überlassen. Unbeantwortet bleibt, ob sich Marga nun aus Scham umbrachte, wohl wissend, dass sie auf ewig »die Bruchmarie« bleiben würde, oder aus Schuldgefühlen über das Spionagegeschäft, aus Liebeskummer oder Existenzangst. Auch was den Todesengel und seine Violine angeht, ahnt der Leser, dass es nicht wichtig ist, die Antwort zu finden. Es geht schließlich um eben die Momente und Eigenschaften, die uns menschlich machen, die einen Engel auf den Boden zurück und ein Monster in den Geigenhimmel bringen. Und so ist der Leser selbst abwechselnd in der Hölle und im Himmel. Eine dantische Reise im neuen Format. </p>
<p><em><strong>Uwe Timm: <a href="http://www.kiwi-verlag.de/36-0-buch.htm?isbn=9783462040432">Halbschatten. Roman</a>.</strong> Kiepenheuer &#038; Witsch: Köln, 2008. 272 Seiten. 18,95 Euro. ISBN 978-3-462-04043-2</em></p>
<p><font size="-1">Diese Rezension entstand im Wintersemester 2009/2010 am <a href="http://www.germanistik.uni-bonn.de/content/home">Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft</a> der Universität Bonn im Rahmen der Übung »Kritik und kritische Öffentlichkeit. Am Beispiel der Literaturkritik«. </font></p>
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		<title>Das neue Denken</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Jul 2010 23:12:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/poser_wasserfrau-150x150.jpg" align="left" alt="(Foto: Manfred Poser)" />Bei meinem netten Buchhändler Herrn Eberth in Heitersheim aus der Ramschkiste gefischt: »Das neue Denken«, dtv-Taschenbuch von Fritjof Capra, erschienen 1992. Das lesend, spürte ich wieder die Begeisterung, die mich in jenem meinem ersten Jahr in Freiburg am Institut (1992) bei der Lektüre der Bücher aus den 1980er Jahren beseelt hatte. Die Quanten waren Zen-Buddhismus, jüdische Mystik und Novalis in einem! Capra, der Innsbrucker, spricht in dem Buch mit Gregory Bateson, Krishnamurti, Werner Heisenberg, Stanislav Grof und Ronald D. Laing ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bei meinem netten Buchhändler Herrn Eberth in Heitersheim aus der Ramschkiste gefischt: »Das neue Denken«, dtv-Taschenbuch von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Fritjof_Capra">Fritjof Capra</a>, erschienen 1992. Das lesend, spürte ich wieder die Begeisterung, die mich in jenem meinem ersten Jahr in Freiburg am <a href="http://www.igpp.de/german/welcome.htm">Institut</a> (1992) bei der Lektüre der Bücher aus den 1980er Jahren beseelt hatte. Die Quanten waren Zen-Buddhismus, jüdische Mystik und Novalis in einem! Capra, der Innsbrucker, spricht in dem Buch mit Gregory Bateson, Krishnamurti, Werner Heisenberg, Stanislav Grof und Ronald D. Laing.</p>
<p>Damals glaubte man noch, das <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/New_Age#Das_Neue_Zeitalter">Wassermann-Zeitalter</a> stehe bevor! Es konnte nicht mehr lange dauern bis zum Paradigmenwechsel. Doch dann brach Ende 1989 der Kommunismus zusammen, und es kam ein Zeitalter für Hamster, Pfauen und Löwen. Die Welt musste für den schrankenlosen Konsumkapitalismus hergerichtet werden. Kürzlich meinte in der FAZ ein US-Professor, in den vergangenen 20 Jahren habe der Wohlstand im Westen unnatürlich zugenommen; das werde zurückgehen. 1990 hat es angefangen, dass alles effizient und in Geld messbar sein musste. Der Neoliberalismus führte den Kampf aller gegen alle wieder ein, der heute »Wettbewerb« heißt. Homo homini lupus! Statt einer Verlangsamung und des Buddhismus kamen eine Beschleunigung und der Computer.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/poser_wasserfrau.jpg" style="text-align:center; max-width:100%" alt="(Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Das Wassermann- – und Wasserfrau- – Zeitalter schien bevorzustehen &#8230;<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Reaktionäre haben wieder Oberwasser. Im April ist Nobelpreisträger <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Brian_D._Josephson">Brian Josephson</a> von einer Tagung wieder ausgeladen worden, weil er bekanntermaßen an Psi glaubt. Und alles ist bedroht, was nicht seine finanzielle Nutzbarkeit beweisen kann. An höheren italienischen Schulen sollte die Geographie fast ganz wegfallen (ich weiß nicht, was daraus geworden ist). Die Universität Middlesex in England will ihre ambitionierte Philosophie-Fakultät schließen, wie der Dekan am 26. April bekanntgab. Auch hier sind Proteste am Laufen.</p>
<p>Wir sind wieder ganz bodenständig geworden, sind reumütig zurückgekehrt zu den realen Problemen einer von Gier und Angst hin- und hergerissenen Industriegesellschaft, die hitzig redet und sich dabei die Ohren zuhält. Irgendwie sind wir in die zyklische Zeit der Majas eingetreten: die Zeit als Rad. Geschichtsschreibung hat keinen rechten Sinn mehr; alles wiederholt sich, nur unter anderen Vorzeichen und mit anderen Namen. Alle Avantgarde-Denker sind wieder in die Vergessenheit zurückgekehrt, und ihre Werke sind Ladenhüter. Das »vernetzte Denken« kann sich nirgendwo einklinken. Alles ist ohnehin vernetzt. Nur falsch.</p>
<p>Hier auf dem Land wollen sie in meiner Nähe einen Supermarkt bauen, und sicher werden sie bei der Vorstellung des Projekts von »Entwicklungsmöglichkeiten der Region« geredet haben. Bei einem kostenlosen Abend spielte in der Mehrzweckhalle eine Rumpel-Rockband aus Freiburg Stücke von vorgestern. Gab’s nichts Intelligenteres? Eine Heimataktion wurde ausgerufen (das Markgräflerland als »Heimat der Sinne«), unter deren Schirm alle möglichen Aktivitäten blühen. Auf der Straße sah ich einen vierjährigen Jungen, der die Mini-Imitation einer Kettensäge in der Hand hielt, die Sägegeräusche produzierte, und er hatte sogar gelbe Kopfhörer auf. Da wächst schon ein neuer Baumarkt-Kunde heran.</p>
<p>Etwas weiter haben sie schnell ein paar Flachbauten hingestellt, Parkplatz geteert, und fertig war das Zentrum mit Drogeriemarkt, Supermarkt, Billigboutique. Drumherum noch aufgewühlte Erde. Eine vulgäre Warenverteilanstalt, hingeknallt im Namen des Zynismus und des schnellen Geldes. Aber die Leute füllen den Parkplatz und kaufen den Ramsch. Einkaufen als Freizeitbeschäftigung. Und abends RTL.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/poser_winner.JPG" style="max-width:100%" alt="(Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">And the Winner is &#8230;<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Unser Gärtlein</h5>
<p>Aber wie war das damals? Da gab es die hoffnungsvollen 1970er Jahre, begonnen mit Willy Brandt, in denen alte Konzepte in Frage gestellt wurden. Die Rockmusik gab der Jugend, die unter der Knute der Autorität lebte, eine Stimme. Kanzler Helmut Schmidt und US-Präsident Jimmy Carter (davor Gerald Ford als Nachfolger von Nixon) regierten. In der populären Musik forderten Disco und Soul den männerlastigen Hardrock heraus, und in der Politik standen sich die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion gegenüber.</p>
<p>Den alten Männern in der UdSSR entsprachen die Giganten der Rockmusik. Es waren zwar junge Leute, doch schon 1976 und 1977 hatte man das Gefühl, dass sie keine Einfälle mehr hatten. Pink Floyd, Led Zeppelin und Deep Purple legten immer schwächere Alben vor, Disco hatte eine Alternative zum Wummern der Bässe zu bieten, und dann kam als Erneuerung der böse Punk (Van Halen war eine Offenbarung); anscheinend war in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre alles in Bewegung, es gärte, und dazu passte auch das neue Denken mit der Quantenphysik als zeitgenössischer Variante der Mystik.</p>
<p>Die 1980er Jahre waren hedonistisch, man verdiente gut, die Musik wurde ätherisch und überproduziert, und am Ende des Jahrzehnts hatten wir hier House und Techno (in ihren Anfängen), dort den Hip Hop. Das war im Grunde die alte Konfrontation Disco/Rock in einem anderen Gewand. Auch am neuen Denken wurde weitergedacht. Dann kam 1989. Und seither? Ich wiederhole mich, ich wiederhole mich. Die Wiederholung der Wiederholung.</p>
<p>Alles ist zu einer großen Maschinerie geworden. Es gibt keinen Zauber des Anfangs mehr. Jede Sensation war schon einmal da, auch wenn ich es für möglich halte, dass es meine persönliche Desillusionierung ist. Der Feminismus hat einen immer schwereren Stand. Die Medien fressen uns auf. Zu viele Events. Wir wissen zu viel und zu wenig. Doch: Obama! Beyoncé! Messi! (Das waren früher: Carter! Whitney Houston! Beckenbauer!) Jeder Mensch muss sein persönliches Fazit ziehen.</p>
<p>Wir haben vergessen, was wir vergessen haben. Aber es gibt die Bücher. Es gab sie immer. Autoren guter Bücher zitieren weitere gute Bücher; eins führt zum anderen. Das ist unser Komplott, die Verschwörung der Guten. Ein paar Verleger wollten diese Bücher machen, wohl wissend, dass sie kein Erfolg sein würden. Auf der Welt sein mussten diese Bücher. Diese Verleger hätten sich verachtet, hätten sie Bücher für den Normalgeschmack gemacht.</p>
<p>Jemand muss es tun. Wenn nur ein Mensch die <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/3090/">Tora</a> studiert, hält er die Welt am Laufen. Dieser Gelehrte will keine Medaille; er meint einfach, dass jemand die Tora studieren müsse, und warum nicht er? Nur die, die Zweckloses tun, seien unersetzlich, hat Theodor W. Adorno einmal geschrieben. Also studieren wir die verwegensten Fächer, die verrücktesten Thesen, wir pflegen unser eigenes Geistes-Gärtlein, und niemand kann uns das verwehren. Vielleicht ist das der einzige Gestus des Protestes, der heute noch möglich ist.</p>
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		<title>Zeitlos in der Fusch</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Jul 2010 11:45:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N. N.</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[<div align=center><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/bad-fusch_panorama.jpg" alt="Historisches Panorama des Kurorts Bad Fusch" title="Historisches Panorama des Kurorts Bad Fusch (um 1900)" width="418" height="150" class="frei" /><br />&#160;</div>Im Sommer 1924 reist Hugo von Hofmannsthal in den Österreicher Kurort Bad Fusch, wo er in Kinder- und Jugendtagen viele Sommer mit den Eltern verbrachte. Anders als die übrigen Kurgäste, die in der Fusch Erholung suchen, sucht Hofmannsthal einen Weg aus seiner Schreibkrise. Desorientiert und nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie all seiner Utopien beraubt, taumelt der reife Schriftsteller auf endlosen Spazierwegen von Erinnerung zu Erinnerung und vermag doch nicht jene »traumwandlerische Sicherheit der frühen Jahre« zu entdecken, »als fast alles gelang …«]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Sommer 1924 reist Hugo von Hofmannsthal in den Österreicher Kurort Bad Fusch, wo er in Kinder- und Jugendtagen viele Sommer mit den Eltern verbrachte. Anders als die übrigen Kurgäste, die in der Fusch Erholung suchen, sucht Hofmannsthal einen Weg aus seiner Schreibkrise. Desorientiert und nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie all seiner Utopien beraubt, taumelt der reife Schriftsteller auf endlosen Spazierwegen von Erinnerung zu Erinnerung und vermag doch nicht jene »traumwandlerische Sicherheit der frühen Jahre« zu entdecken, »als fast alles gelang …«. Wie seine Karriere ist auch das frühere »Grandhotel« nicht mehr auf der Höhe der Zeit: An Stelle anregender Gäste wohnen nun zahlreiche Fliegen Hofmannsthals morgendlichem Kaffee bei.  </p>
<p>Von allen Freunden verlassen, sieht der alternde Schriftsteller in dem jungen Arzt Krakauer einen möglichen Vertrauten, doch ihr Beziehung ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt: Hofmannsthal scheut sich, den Bekannten direkt um seine Freundschaft zu bitten; und das stumme Flehen um Beachtung kann Krakauer nicht erhören, da er sich um seine besitzergreifende Gönnerin, die Baronin von Trattnig, zu kümmern hat.</p>
<div align=center>&nbsp;<br /><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/bad-fusch_panorama.jpg" alt="Historisches Panorama des Kurorts Bad Fusch" title="Historisches Panorama des Kurorts Bad Fusch (um 1900)" width="460" height="165" class="frei" /><br />
<font size="-1">Historisches Panorama des Kurorts Bad Fusch</font><br />&nbsp;</div>
<p>»An einem der ersten Tage hatte er überlegt, ob er womöglich zu alt geworden war, für diesen Ort, mit dem ihn seit Kindertagen zwiespältige Gefühle verbanden.« Mit diesem ersten Satz entführt Kappacher seinen Leser mitten in  die Gedankenwelt Hofmannsthals, ohne diesem jedoch zu nahe zu treten. Durch Kappachers sprachliches Können tritt die Krise des Schriftstellers dem Leser deutlich vor Augen: Die Figur, die dem Leser hier begegnet, ist nicht Hofmannsthal, es ist H. Während der Literat Hofmannsthal allein in den Gedanken und Erinnerungen Anderer existiert, lässt Kappacher den Menschen H. sprechen. Als zu dessen 50. Geburtstag lediglich sein Jugendwerk geehrt wird, fragt er gekränkt: »Ist das, was ich seither gemacht habe, also ein Nichts?« Wunderschön und tieftraurig ist die sprachliche Welt, die in diesem Text entsteht: Was wir lesen, was wir regelrecht vor uns sehen, sind die Worte, Gedanken und Erinnerungen eines Künstlers, der bereits mit 18 Jahren alles erreicht hatte, was er sich je hat vorstellen können. Im Alter bleibt ihm nur die Gewissheit, ein »in seiner zweiten Lebenshälfte Gescheiterte[r]« zu sein. </p>
<p>Seine Tage in Bad Fusch sind geprägt von langen Spaziergängen in der Gegend, die ihm einst so vertraut war, in der ihm nun aber vieles fremd erscheint. Fast täglich begegnet er jungen Männern, die ihn an sein früheres Selbst erinnern und die Landschaft für ihn zu einem »geisterhaften Ort« werden lassen. Beinahe zwanghaft sucht er seine alten Lieblingsbänke und mit ihnen die Erinnerung an die genialen Schaffensphasen während seiner Jugendjahre in Bad Fusch. Geblieben ist tatsächlich nur die Erinnerung, denn auf Phasen des Denkens und Reflektierens folgt das Ringen um den richtigen Ton, der Kampf um jede Zeile in den Dramen Turm und Timon. Dass ihm die genialen Einfälle weiterhin verwehrt bleiben, schreibt H. den Veränderungen zu, die »der unselige Krieg« über den Kurort – und über ihn selbst – gebracht hat: »Auf irgendeine Weise bin auch ich verschüttet worden, in den letzten Kriegsjahren. Innerlich … sind Dinge in mir verschüttet, und ich finde keinen Zugang mehr … « </p>
<dl style="width:179px; float:left; padding:2px 6px 6px 6px; margin:2px 6px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/hofmannsthal_1910.jpg" alt="Hugo von Hofmannsthal (Foto: Nicola Perscheid, um 1910)" title="Hugo von Hofmannsthal (Foto: Nicola Perscheid, um 1910)" width="179" height="300" /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Portraitfotografie Hugo von Hofmannsthals um 1910<br />
(Foto: Nicola Perscheid)</dd>
</dl>
<p>Durch geschickte Szenenführung fördert Kappacher jedoch den wahren Grund für die Krise des Schriftstellers zu Tage: H. ist nicht mehr das  »Genie Hofmannsthal«,  sondern ein Mann, der mit seiner Kunst eines Tages in der Welt bestehen musste. Zu Krakauer sagt er, plötzlich habe er eine Familie gehabt, er habe Geld verdienen müssen: »Ich bin ins Leben eingetreten […] und meine lyrische Begabung ist bei der anderen Tür hinaus.« Kapitel für Kapitel, Erinnerung für Erinnerung, legt H. sein verschüttetes Selbst frei, bis die nackte Seele des Künstlers vor uns steht und verzweifelt nach Halt sucht: »Ich bräuchte auch einen Vergil, einen, der mich führt«. Die Verunsicherung in Bezug auf sein vergangenes und vor allem das künftige Leben bricht sich letzten Endes Bahn in transzendentalpoetischen Reflektionen über das eigene Werk:</p>
<blockquote><p>Vielleicht wäre es eine Wohltat, in unheilvollen Zeiten wie diesen […] eine Zeitlang zu schweigen, so wie ich es in dem Brief des Lord Chandos darzustellen versucht habe. Aber anders als der Lord Chandos habe ich versagt, habe die Konsequenzen nicht tragen wollen, den Verzicht auf literarische Betätigung … </p></blockquote>
<p>Mit dem Verweis auf Lord Chandos glückt Kappacher der Kniff, der seinen Text über eine gewöhnliche biographische Erzählung hinaushebt und zur grundlegenden Problematik der Literatur führt: Die unbeantwortbare Frage von der Möglichkeit des Schreibens. H. schreibt in diesem Text nicht; Kappacher tut es sehr wohl. Mangelt es H. an Ideen, gibt Kappacher ihm Erinnerungen. Fehlen ihm die Worte, legt sein Schöpfer sie ihm auf die Zunge. Die fehlende Gattungszuweisung spricht für sich: Dieser Text ist die pure Lust am Schreiben – und der Autor möchte sein Können unter Beweis stellen. Er brilliert, während das Genie seiner Figur verschollen bleibt.</p>
<blockquote><p>Es ist, als trete man plötzlich über eine Schwelle in einen hoch geisterhaften Raum, und es bleibt dann nur mehr eine letzte Schwelle zu überschreiten …</p></blockquote>
<p>Kappacher klärt nicht auf. Kein allwissender Erzähler bahnt uns einen Weg durch die Wirren des schriftstellerischen Geistes. Im Gegenteil: H. hat sich in der Zeit verloren, er erscheint als Fremder im Nachkriegsgeschehen. Gleichsam als Symbol dieser neuen Welt, die keinen Platz mehr für ihn bietet, steht das Automobil.  Immer wieder muss H. dieser neuen Erfindung »Platz machen«, »ausweichen«, um andere Kurgäste nicht zu behindern. Kappacher beschreibt bildgewaltig eine schnelllebige Welt, eine sich rasend verändernde Gesellschaft – hinter der H. zurückbleibt. Ebenso verloren ist der Lesende im Werk Kappachers. Durch zeitliche Inkongruenzen in der Szenenführung und zeitenthobene Reflexionen H.s erreicht der Autor, dass wir selbst uns von der Zeit als solcher verabschieden und auf Momente der Aufklärung warten. Diese bringt nur die Freundschaft zu Doktor Krakauer. In den wenigen Gesprächen, mehr noch in imaginierten und realen Briefen an den jungen Vertrauten, kann H. seine Gedanken ordnen und Probleme benennen. Doch trotz seines starken Bedürfnisses, sich Krakauer als Person und unabhängig von seinem literarischen Schaffen anzuempfehlen, findet er keinen anderen Weg als die Literatur, um mit dem ersehnten Freund in Kontakt zu treten. So überlässt er dem jungen Arzt, der erst vor kurzem in das Nachkriegs-Wien zurückgekehrt ist, seine Briefe des Zurückgekehrten zur Lektüre. Als Krakauer im Anschluss darum bittet, sich mit ihm über jenes Werk unterhalten zu dürfen, weil es »ihn tief bewegt habe«, lehnt H. dies jedoch ab. In einem Brief formuliert er anschließend die Befürchtung, Krakauer habe bereits zu viel Zeit mit Lesen verbracht. Die Distanzierung H.s von seinem eigenen Werk bleibt ohne Erfolg, denn mit fortschreitender Lektüre Krakauers wächst die Distanz zwischen Verehrtem und Bewunderer: »Nachdem ich den ersten der Briefe gelesen hatte, fürchtete ich mich beinah, Ihnen noch einmal zu begegnen.« H. bleibt demnach stumm. Seine einzige Beziehung zu der Welt um die Fusch herum, ist seine Briefkorrespondenz mit Kollegen und ehemaligen Freunden, doch Kappacher lässt offen, ob auch nur ein einziger der Briefe tatsächlich beantwortet wird. Anders verhält es sich mit dem Kontakt zu seiner Ehefrau Gerty. Während er sich scheut, als H. in Kontakt mit Kritikern und Dichterkollegen zu treten, hat er von seiner Frau keinerlei Beurteilung zu erwarten, denn als Genie Hofmannsthal hat sie ihn nie kennengelernt. Seine Briefe an sie sind nicht mehr als die eines Kurgasts oder Reiseberichterstatters; was ihn wirklich umtreibt, bleibt in seinen Gedanken.</p>
<dl style="width:186px; float:right; padding:2px 6px 6px 6px; margin:2px 6px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/kappacher_fliegenpalast.jpg" alt="Walter Kappacher: »Der Fliegenpalast« (Cover)" title="Walter Kappacher: »Der Fliegenpalast« (Cover)" width="186" height="300" /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;"></dd>
</dl>
<p>Entsprechend ereignislos bleibt es auf der Handlungsebene. Kappachers Werk ist nicht aufregend im üblichen Sinne, die Spannung entsteht vielmehr dadurch, dass er eine zweite Ebene einzieht: die Welt des Hofmannsthalschen Lebenswerkes. Dieses spricht, wenn sein Schöpfer schweigt. Das Ineinandergreifen des Textes mit dem Werk Hofmannsthals und die Art und Weise, wie Kappacher eine Art vitaler Intertextualität erschafft, wie er vorführt, wie sich im Geiste Hofmannsthals Gedanken zu Ideen und Worten formen, ist einzigartig. Der Leser kann sich des Gefühls nicht erwehren, H. selbst gleite mit jedem Kapitel mehr hinüber »in sein Schattenreich, in die Gesellschaft seiner larvenhaften Figuren, die mehr oder weniger danach drängten, Gestalt, Kontur zu gewinnen«. Interessanterweise gleitet er tatsächlich hinüber: Mit dem beobachtenden und in sich zurückgezogenen Hofmannsthal, der uns hier begegnet, hat Kappacher eine geradezu perfekte Imitation der frühen Hofmannsthalschen Figuren erschaffen. Wie der sterbende Tizian beginnt er erst jetzt das Wesen seiner früheren Werke zu begreifen; und wenn H. am letzten Tag am Fenster steht und das Treiben auf der Straße beobachtet, denken wir an Claudio, der vom Fenster seines Studierzimmers aus auf den Sonnenuntergang blickt. Dass Kappacher Hugo von Hofmannsthal in eine seiner Figuren verwandelt, ist nicht nur Verehrung der Vorlage, sondern ebenso der Wettstreit mit dem großen Literaten: H.s lyrische Begabung »ist bei der anderen Tür hinaus«, Kappachers jedoch ist eben eingetreten. Am Ende ist nicht klar, ob H. die Fusch, diesen »magischen Ort« der Erinnerung wieder verlassen wird. Denn, wie er selbst sagt: »Die Wirklichkeit macht unserer Phantasie unentwegt einen Strich durch die Rechnung, nicht?«</p>
<p><em><strong>Walter Kappacher: <a href="http://www.residenzverlag.at/?m=30&#038;o=2&#038;id_program=28&#038;id_title=1190">Der Fliegenpalast</a>.</strong> 11. Auflage. St. Pölten/Salzburg: Residenz Verlag, 2009. 172 Seiten, 17,90 Euro. ISBN 978-3-7017-1510-7 <a href="javascript:Pick it!ISBN: 978-3-7017-1510-7"><img style="border: 0px none ;" src="http://www.citavi.com/softlink?linkid=FindIt" alt="Pick It!" title='Titel anhand dieser ISBN in Citavi-Projekt übernehmen'/></a> </em></p>
<p><font size="-1">Diese Rezension entstand im Wintersemester 2009/2010 am <a href="http://www.germanistik.uni-bonn.de/content/home">Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft</a> der Universität Bonn im Rahmen der Übung »Kritik und kritische Öffentlichkeit. Am Beispiel der Literaturkritik«. </font></p>
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		<title>Tagträume von Vorortgestrandeten</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Jul 2010 06:00:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N. N.</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[Ohne Frage gehören Dorffeste, Kirmessen und Kleinstadttrinkgelage zur deutschen Kultur dazu. Auch im hessischen Bergenstadt wird solch ein Ausnahmespektakel gefeiert: Grenzgang. Alle sieben Jahre freuen sich die Einwohner auf dieses kurze, aber gewaltige Ausbrechen aus der Kleinstadtmonotonie. Ein zu Tage treten all der sublimierten Leidenschaften, die unter den gepflegten Vorgartenbeeten brodeln. Dabei wird bis zum Umfallen gefeiert, Seitensprünge werden zum Kollektivvergnügen. Von zwei Menschen, die in diesen Hexenkessel geraten sind, wird in dem Roman <em>Grenzgang</em> des 1972 geborenen Autors Stephan Thome erzählt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ohne Frage gehören Dorffeste, Kirmessen und Kleinstadttrinkgelage zur deutschen Kultur dazu. Auch im hessischen Bergenstadt wird solch ein Ausnahmespektakel gefeiert: Grenzgang. Alle sieben Jahre freuen sich die Einwohner auf dieses kurze, aber gewaltige Ausbrechen aus der Kleinstadtmonotonie. Ein zu Tage treten all der sublimierten Leidenschaften, die unter den gepflegten Vorgartenbeeten brodeln. Dabei wird bis zum Umfallen gefeiert, Seitensprünge werden zum Kollektivvergnügen. Von zwei Menschen, die in diesen Hexenkessel geraten sind, wird in dem Roman <em>Grenzgang</em> des 1972 geborenen Autors Stephan Thome erzählt. Jene Zwei sind selbst Kinder der Provinz, doch mit dem Herzen weit in der Ferne. Nun sind sie dort gelandet, wo sie niemals wieder hin wollten. Der Roman erzählt von misslungenen Lebensplänen und dem zarten Willen, dieser Niederlage Stand zu halten. </p>
<p>Thomas Weidmann ist ein weltmännischer Intellektueller, dessen Uni-Karriere scheiterte, bevor sie richtig begann. Gezwungenermaßen nimmt er eine Lehrstelle am Gymnasium an, wo er sich tagtäglich mit einem großkotzigen Schulleiter herumplagen muss. Und das ausgerechnet noch in Bergenstadt, der Kleinstadt, in der er aufgewachsen ist. Meistens gewinnt derjenige, der sich am rücksichtslosesten durchsetzt, hat Weidmann lernen müssen. Diese bittere Niederlage lässt den jungen Mann an seinem Selbstverständnis als Wissenschaftler zweifeln. Gleichzeitig schmerzt ihn die Sehnsucht nach dem pulsierenden Leben in der Großstadt. </p>
<blockquote><p>Irgendwo dort könnte er sitzen in einer geschmackvoll eingerichteten Altbauwohnung, bei geöffneter Balkontür, durch die Verkehr und die Abendluft hereinwehen und ihm das Gefühl geben, mit etwas verbunden zu sein, worum er sich nicht kümmern muss.
</p></blockquote>
<p>Am anderen Ende von Bergenstadt wohnt Kerstin. Die studierte Tanzpädagogin lebt auf den Trümmern eines zerstörten Familienlebens, kämpft einerseits mit der Beziehungsmüdigkeit ihres pubertierenden Sohnes, andererseits mit der unerträglichen Langsamkeit ihrer demenzkranken Mutter. Kerstin selbst ist »verwirrt, geschockt, nicht ganz bei Sinnen und außerdem vierundvierzig.« Was beschreibt Thome für ein Leben? Eine Erstarrung und Routine, die eine geschiedene Frau mittleren Alters nicht mehr so leicht durchbrechen kann, wo doch so viel Verantwortung auf ihren Schultern lastet. Da steht sie nun, in einer bittersüßen Hoffnungslosigkeit im sommerlich blühenden Garten, den sie so ordentlich pflegt und herrichtet. Mit detaillierten Naturbeschreibungen erschafft Thome eine friedliche Harmonie innerhalb des Stadtalltags, ein  Kontrast zu dem aufkeimenden Missmut der Protagonisten. »Eine Stille aus Vogelgezwitscher und Insektengesumm füllt die schattenkühle Luft des beginnenden Tages und lässt alle anderen Geräusche verblassen.«</p>
<p>Die Ereignisse sind achronologisch verschachtelt – Thome wechselt so plötzlich und unvermutet zwischen den Jahren, dass man so manches Mal ins Straucheln gerät. Aber die Zeitsprünge überzeugen: Stellen sie doch Ursachen und Folgen wichtiger Entscheidungen in den Lebensentwürfen dar. Vier Zeitebenen der Geschichte wechseln sich ab: Von dem Fest 1985 bis zum Grenzgang 2013 wird erzählt, immer in Siebenjahressprüngen, immer werden nur die drei Tage des Festtagsgeschehen in den Blick genommen. Dabei werden Ereignisse zum Teil wiederholt aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Beim ersten Grenzgang hat Kerstin ihren Mann kennengelernt und von diesem Moment an ihr Schicksal an den Ort gefesselt. So scheint ihr das alle Jahre wiederkehrende Saufgelage fast wie bitterer Hohn. Und doch bringt sie das Fest auch wieder zurück an den Ursprung des Festes, die Möglichkeit, das Alltagsgeschäft für drei Tage zu verlassen und gegen den Rausch der Freiheit einzutauschen. Eine Freiheit, in der man den Außenblick gewinnt über das tagtägliche Leben in der Routine. Stellvertretend dafür findet das traditionelle Wandern auf den Bergipfel statt, von dem aus man ganz Bergenstadt überblickt. In dieser Höhe treffen sich Thomas und Kerstin. Zwei Menschen, die vom Weg abgetrieben sind und sich plötzlich in der Verirrung begegnen.</p>
<p>Stephan Thome ist selbst in einer Kleinstadt aufgewachsen. Er kennt das unverwechselbare Verhältnis zwischen Intimität und Oberfläche in den Supermärkten, auf den Parkplätzen, an den Gartenzäunen. In seinem Heimatort Biedenkopf wird tatsächlich immer noch Grenzgang gefeiert. Heute lebt Thome als Unidozent und Wissenschaftler in Taipeh. Damit hat er den Absprung geschafft, den sein Protagonist sich so sehnlich wünschte. In seinem Debüt beweist der Autor ein feines Gespür für unausgesprochene Konflikte und den Kampf gegen die Resignation in Lebenskrisen. Zum Beispiel in den so authentisch misslingenden Gesprächen zwischen Kerstin und ihrer kranken Mutter, oder bei den Schweige-Wettkämpfen mit dem sechzehnjährigen Sohn, der mit der Scheidung der Eltern nicht zurecht kommt. Daniel nämlich wehrt sich strikt dagegen, sein Heim noch als Zuhause zu betrachten. </p>
<blockquote><p>Er hat sich nie eingerichtet in diesem Zimmer, indem er mit ausgestreckten Armen beinahe die Seitenwände berühren kann, hat keine Poster aufgehängt und die Bücher nicht aus den Kisten geräumt, nur sein Teleskop steht unter dem Fenster und setzt Staub an.
</p></blockquote>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/thome_grenzgang-180x300.jpg" alt="Stephan Thome: »Grenzgang« (Cover)" title="Stephan Thome: »Grenzgang« (Cover)" width="180" height="300" class="right" />Man staunt über Thomes scharfen Blick für das typisch Deutsche, das Dorfgeplänkel, das Hessische. Darüber legt sich eine feine Tonspur leiser Resignation, gemischt mit dem Echo der Tagträume der Protagonisten. »Keine Wolke am Himmel, und trotzdem scheint die Sonne nicht. Nur klebriger Dunst füllt die Luft, legt sich auf die Poren der Haut und hüllt die Welt in Zwielicht.« Angedeutete Ausbruchversuche bringen Spannung in das Alltagsgeschehen von Bergenstadt. Denn schließlich ist da ja noch der Swingerclub außerhalb des Ortes, für Kerstin und Thomas die lockende Versuchung, einmal auszubrechen, ohne an die Folgen zu denken. Alles kann, nichts muss, heißt das Motto des Clubs. So könnte auch das Motto des Romans <em>Grenzgang</em> heißen.</p>
<p>Dass Stephan Thome Philosophie studiert hat, erahnt man beim Lesen der vielfachen Reflexionen der Protagonisten. Es ist eine Philosophie des Alltäglichen, in der sich die großen Themen des Lebens widerspiegeln: wie man sein Allernächstes einrichtet, was das Altern für Folgen hat, über die scheinbare Intimität in kleineren Gesellschaften, in der jeder jeden kennt, und wie weit die Welt einem scheint an so einem Ort. Außer es läuft die Fußball-WM im Fernsehen, da schauen alle Bergenstadtbewohner fasziniert in die Ferne. Die Angst vor Nähe und die Angewohnheit der Protagonisten, ständig über alles Gesagte zu reflektieren, jedes Wort des anderen auf die Waagschale zu legen, strapaziert die Geduld des Lesers, weil sich die Gespräche dadurch unnatürlich in die Länge ziehen. Andererseits scheint es nötig, zeigt es doch eine verbindende Gemeinsamkeit der Figuren. Sie sind sich selbst und dem Ort zugleich fremd und verbunden. Beim Grenzgangbesuch äußert sich diese ambivalente Empfindung: Auf der einen Seite Kerstins Spott über die militante Kleinbürgerlichkeit: »Wollt ihr den totalen Grenzgang?«, auf der anderen Seite die Liebe zur Volkstümlichkeit, zur Tradition und zum Festhalten an dem, was man im Leben gefunden hat. Und vielleicht ist es auch die Einsicht, dass hinter all dem ein stilles Glück versteckt ist, das man bloß annehmen muss. Die Liebesgeschichte zwischen Kerstin und Thomas ist alles andere als kitschig. Sie erzählt von zwei Fremden am rechten Ort, zur rechten Zeit, mit der Ahnung, dem anderen durch die gemeinsame Sehnsucht nach einem Neuanfang verbunden zu sein. So scheint ein kleines Licht gegen den düsteren, pessimistischen Grundton des Buches, eben eines der kleinen Wunder, die aus Gemüseeinkauf und Gartenpflege, aus Alltäglichem Poesie werden lassen.</p>
<p><em><strong>Stephan Thome: <a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/grenzgang-stephan_thome_42116.html">Grenzgang. Roman</a>.</strong> Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2009. 454 S. 22,80 Euro. ISBN 978-3-518-42116-1.<br />
</em></p>
<p><font size="-1">Diese Rezension entstand im Wintersemester 2009/2010 am <a href="http://www.germanistik.uni-bonn.de/content/home">Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft</a> der Universität Bonn im Rahmen der Übung »Kritik und kritische Öffentlichkeit. Am Beispiel der Literaturkritik«. </font></p>
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		<title>Schwarz und Weiß</title>
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		<pubDate>Fri, 09 Jul 2010 05:30:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/poser_alphabet_kl.jpg" align="left" alt="(Foto: Manfred Poser)" />Esra ben Salomon aus Gerona schreibt in seinem Kommentar zum Hohelied, die Tora (die fünf Bücher Moses oder der Pentateuch) enthalte auch nicht einen überflüssigen Buchstaben oder Punkt, »weil sie in ihrer göttlichen Totalität einen Bau darstellt, der aus dem Namen des Heiligen, gelobt sei Er, ausgehauen ist«. Und der Autor des Buches <em>Sefer Jesirah</em> (3. Jahrhundert) schildert, wie der Schöpfer aus der Urluft die 22 hebräischen Urbuchstaben herausholte ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<dl style="width:250px; float:left; padding:2px 6px 6px 0; margin:2px 6px 6px 0">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/poser_alphabet.jpg" width="250" alt="An einem Haus in Offenbach/Main (Foto: Manfred Poser)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Ausschnitt aus dem Alphabet.<br />
An einem Haus in Offenbach/Main.<br />
(Foto: Manfred Poser)</dd>
</dl>
<p>Esra ben Salomon aus Gerona schreibt in seinem Kommentar zum <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hohes_Lied">Hohelied</a>, die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Tora">Tora</a> (die fünf Bücher Moses oder der Pentateuch) enthalte auch nicht einen überflüssigen Buchstaben oder Punkt, »weil sie in ihrer göttlichen Totalität einen Bau darstellt, der aus dem Namen des Heiligen, gelobt sei Er, ausgehauen ist«.</p>
<p>Und der Autor des Buches <em><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sefer_Jetzira">Sefer Jesirah</a></em> (3. Jahrhundert) schildert, wie der Schöpfer aus der Urluft die 22 hebräischen Urbuchstaben herausholte. 1:11 des <em>Sefer Jesirah</em> sagt auf Englisch: »Three: Water from Breath / With it He engraved and carved (22 letters from) / chaos and void /mire and clay / He engraved them like a sort of wall / He covered them like a sort of ceiling …«</p>
<p>Rabbi Aryeh Kaplan erläutert die Zeilen »Wasser von Atem / Damit grub er ein und scharrte 22 Lettern aus &#8230;« so:</p>
<blockquote><p>»Hier spricht das <em>Sefer Jesirah</em> über den Anfang der geschriebenen Lettern. Die gesprochenen Buchstaben entstammen dem Atem, aber damit geschriebene Lettern entstehen können, muss eine Schreibflüssigkeit dasein wie die Tinte. Das setzt den flüssigen Zustand voraus, dessen Prototyp das Wasser ist. Diese Flüssigkeit wird als Schlamm und Lehm (mire and clay) erwähnt.«</p></blockquote>
<p><em>Tohu wabohu</em> kommt zu Beginn der Schöpfungsgeschichte vor. Tohu benennt die pure Substanz, die keine Information enthält. Bohu ist reine Information, die sich nicht auf Substanz bezieht. Mit Bohu (Information) konnten die Buchstaben des Alphabets in Tohu (Substanz) eingegraben werden. Es heißt: »Eingraben wie einen Garten, formen zu einer Wand, abschließen mit einer Decke.« Damit ist gemeint, man solle die Grundlinien der hebräischen Buchstaben eingraben, die dünneren Seitenlinien aufrichten und die Oberlinien darauflegen: So, sagen die Gelehrten, sei auch der Raum entstanden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Der Raum</h5>
<p>Raum – er ist alles zwischen den Buchstaben und um die Buchstaben herum. In Büchern und auf Papier ist dieser Raum weiß, und der Anteil der Farbe Weiß auf einer Seite ist ein Vielfaches des Schwarzen (vermutlich würde der Anteil von Materie im Universum einem Punkt auf der Seite entsprechen; wenn überhaupt). In der Typografie gibt es daher das Problem der »Irradiation«. Auf einem didaktischen Typografie-Plakat lesen wir:</p>
<blockquote><p>»Weiße Flächen und Striche neigen auf einer dunklen Fläche zum Überstrahlen. Auf den Schriftsatz angewandt, hat dies ein leichtes Erweitern der Buchstabenzwischenräume zur Folge. Gleiches gilt auch für den Schriftsatz von Schildern, die auf große Entfernung gelesen werden: Der weiße Untergrund überstrahlt die schwarze Schrift.« (Andreas Maxbauer)</p></blockquote>
<dl style="width:250px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/ritualandspace.jpg" width="250" alt="»Ritual and Space« von Fred Thompson" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Titelblatt des dünnen Buches »Ritual and Space«<br />
von Fred Thompson (1980).</dd>
</dl>
<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Roland_Barthes">Roland Barthes</a> (1915-1980) hat in seinem Buch <em>Das Reich der Zeichen</em> über die japanische Sprache geschrieben. <em>Mu</em> ist die Leere, <em>ma</em> ist der Zwischenraum, die Pause. Die Signifikanten verweisen nicht immer auf ein Signifikat; viele komplexe Zeichen, viel Leere dahinter und kein Gott. Das Subjekt der Äußerungen ist eine große leere Sprachhülle und wird ausgeblutet und aufgelöst durch eine »bis zur völligen Leere parzellierte, partikularisierte und zerstreute Sprache«. Der ganze Körper spreche mit, alles müsse gedeutet werden, der Sinn liege im Ganzen.</p>
<p>Auch das japanische (oder asiatische) Konzept von Raum ist ein anderes. Ma oder Raumzeit ist ein Kontinuum, wie der Architekturexperte Fred Thompson erläuterte, und nicht fragmentiert oder eingeteilt; es ist eher die Leere des Raums, der seine Form nur im Verhältnis zu unsichtbaren Grenzen findet. Das architektonische <em>ma</em> ist der Raum zwischen Pfeilern. Im östlichen Konzept von Architektur gibt es kein Innen oder Außen, und die Sicherheit muss aus dem Geist kommen, nicht von der physischen Form.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Schriftlich und mündlich</h5>
<p>Im Judentum ist die Tora jedoch nur dann ein Ganzes, wenn man die schriftliche und die mündliche, die Moses gemeinsam mit der schriftlichen empfing, zusammen nimmt.</p>
<blockquote><p>»Der feurige Organismus der Tora, die in schwarzem auf weißem Feuer vor Gott brannte, wird von ihm nun dahin verstanden, dass das weiße Feuer die schriftliche Tora ist, in der die Form der Buchstaben noch nicht hervortritt, sondern solche Form der Konsonanten oder Vokalpunkte erst durch die Kraft des schwarzen Feuers erhält, welches die mündliche Tora ist. Dies schwarze Feuer ist wie die Tinte auf dem Pergament.«</p></blockquote>
<p>Die schriftliche Tora kann nur durch die mündliche wahrhaft verstanden werden. Das bedeutet: Es gibt überhaupt keine schriftliche Tora. »Fürwahr eine weitreichende Idee!«, kommentiert <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gershom_Scholem">Gershom Scholem</a> begeistert. Was wir schriftliche Tora nennen, sei selber schon durch das Medium der mündlichen gegangen, sei nicht mehr im weißen Licht verborgene Form, sondern aus dem schwarzen Licht hervorgetreten.</p>
<blockquote><p>»Alles, was wir in der Tora in festen Formen, mit Tinte auf Pergament geschrieben, wahrnehmen, sind letzten Endes schon Deutungen, sind nähere Bestimmungen des Verborgenen. Es gibt nur mündliche Tora, das ist der esoterische Sinn dieser Worte, und schriftliche Tora ist nur ein mystischer Begriff. Er erfüllt sich nur in einer Sphäre, die allein Propheten zugänglich ist.«</p></blockquote>
<p>Das schreibt Scholem in <em>Zur Kabbala und ihrer Symbolik</em>. Die Ägypter fanden durch Hermes Trismegistos zur Schrift, aber die Inder der prähistorischen Zeit etwa hielten jede Fixierung von Gedanken für eine Entweihung des Göttlichen; alles wurde nur mündlich überliefert.</p>
<p>Ich hatte früher immer Unsterbliches schreiben wollen – gut, dass dies nun relativiert wird. Denn Schreiben und Lesen war eine spätere Entwicklung. Professor Ernst Pöppel <a href="http://www.faz.net/s/RubCEB3712D41B64C3094E31BDC1446D18E/Doc~EF8D179F2E8204D279AA216E94EA97883~ATpl~Ecommon~Scontent.html">sagte</a> unlängst der FAZ: »Die ursprüngliche Kommunikation zwischen Menschen bestand im gesprochenen Wort, zusammen mit Mimik und Gestik. Die Einführung der Schrift war eine Revolution, denn durch sie werden Hirnareale fremdgenutzt. An sich ist Lesen also ein Missbrauch des Gehirns.«</p>
<p>In dem also sein Gehirn missbrauchenden Leser entsteht erst das Buch, da er seinen mündlichen Kommentar dazutut; er füllt das Weiße mit seinen Gedanken und erschafft sein eigenes Buch; das schriftlich vorliegende Buch ohne Leser ist nichts. Was dasteht, ist eigentlich aus der Fülle der Geschichten, aus dem Universum herausgelöst und auf das Papier als Oberfläche übertragen worden. Die Zahl der möglichen Geschichten ist unendlich; was fixiert ist, ist eine davon; doch durch die unendlich möglichen mündlichen Interpretationen ist diese Geschichte, wie immer sie geschrieben sein mag, gleichzeitig alle Geschichten.</p>
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		<item>
		<title>Ironie ist wieder in</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Jul 2010 06:00:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N. N.</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Roman <em>Leuchtspielhaus</em> beginnt mit einem Zitat  von Anvar Tornheim: »In den kleinsten Städten glauben / Menschen an die größten Sommer.« Später wird man als Leser erfahren, dass jener Zitierte ein Freund des Erzählers Eric ist, und mit seinem nostalgisch-chiastischen Zitat die Stimmung, und auch die Ästhetik des Debuts von Leif Randt vorgibt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Roman <em>Leuchtspielhaus</em> beginnt mit einem Zitat  von Anvar Tornheim: »In den kleinsten Städten glauben / Menschen an die größten Sommer.« Später wird man als Leser erfahren, dass jener Zitierte ein Freund des Erzählers Eric ist, und mit seinem nostalgisch-chiastischen Zitat die Stimmung, und auch die Ästhetik des Debuts von Leif Randt vorgibt.</p>
<p>Eric hat Helen an seinem siebten Tag in der ganz und gar nicht kleinen Stadt London bemerkt. Ohne sich vorher gekannt zu haben, scheint es eine Verbindung zwischen den beiden zu geben. Helen versteht Eric, ohne, dass dieser etwas ausspricht, und das ist ihm wichtig. Ob es dabei eine Rolle spielt, dass sie beide deutsch sind, oder ob man sie mit der Vokabel Paar bezeichnen könnte – das lässt die Erzählung im Vagen. Sie eröffnen einen Salon, der sich vordergründig auf »Vintage-Haircuts« spezialisiert hat, aber eigentlich ein Ort des Rückzugs, der Fantasie, der Exklusivität für die beiden, aber auch für die anderen »Members«, ist. In der fiktional-elitären Parallelwelt des Salons geht es um Farben und Formen, um Ästhetik, um differenzierte Geschmäcker. Als Erkennungsmerkmal tragen alle einen individuellen Monatshaarschnitt und Blousons in bestimmten Farben und Größen. Und natürlich bedeutet eine Mitgliedschaft das gleichzeitige Austreten bei Facebook.</p>
<p>Die Regeln, wie man ein »Member« jener blousontragenden Gemeinschaft wird, werden nicht ausgesprochen, sie sind für den Erzähler Eric unaussprechbar, denn einer dieser Grundsätze – und genau dort schneidet sich der Inhalt mit der Art und Weise der Erzählung – ist, dass man die Dinge nicht aussprechen darf. Denn darin steckt die größte Angst Erics: sich zu entscheiden, den Pragmatismus, oder auch die Realität gewinnen zu lassen, den Bereich des Vagen, und vor allem den Bereich des ironischen Zitats zu verlassen. Dies hieße dann auch, eine Identität anzunehmen. Doch seine Persönlichkeit bleibt glitschig und unfassbar, so wie man von einem ästhetischen Vintage-Trend in den nächsten hineinschlittert. Nur logisch ist es daher auch, dass die Charaktere oft von nicht gelebten Leben erzählen und der Was-wäre-wenn-Frage nachgehen.</p>
<p>Im Idealfall ist der Salon ein Ort, an dem sich Ironie und Ernsthaftigkeit an die Hand nehmen, sich dialektisch auflösen, sprich, vergessen sind. Gerne spricht man dort »ernst über unernste Themen«. Aber auch in der Liebe der Member zu der Schweizer Künstlerin Bea, scheinen jegliche Zweifel vergessen. Bea verteilt in ganz London unironische, buntgeschriebene Botschaften wie »NEVER LEAVE HIGHSCHOOL« und macht sich dazu vor allem rar; niemand hat sie je gesehen, nur so kann sie eine Kunstfigur sein. In dem verzweifelten Versuch der Abschottung spiegelt sich auch die Künstlichkeit der anderen Figuren wider. Halten sich die Mitglieder des Salons für Künstler?</p>
<p>Die dargestellte Subkultur in <em>Leuchtspielhaus </em>wirkt kühl und analysierend. Sie bewertet alles nach ihren eigenen Maßstäben, und grenzt sich scheinbar ab, wo sie nur kann. Dieses beinahe zwanghafte Anderssein erreicht einen absurden Höhepunkt in der im wahrsten Sinne des Wortes Lustlosigkeit der Protagonisten. Sex und Erotik funktionieren, wie so vieles, nur noch als Zitat (aus einem Pornofilm):</p>
<blockquote><p>Für Augenblicke zitieren wir die Erotik, die wir uns ausgemalt haben, mit 12 und 13. […] Unsere Aktionen folgen logisch aufeinander, wie auswendig gelernt. Kurz spielt Helen an mir herum, dann ist sie wieder auf mir. Wir blicken uns an. Zum Spaß geben wir uns fremd und pathetisch. Irgendwann kommen wir beide, scheinbar parallel.</p></blockquote>
<p>Und doch – und dort wird es endlich differenzierter – ist die Jugend vor allem von einer tiefen Traurigkeit geprägt, die besonders in den stilisierten Gesprächen zwischen Eric und Helen sichtbar wird: »Mädchen glauben, du bist arrogant. Jungs glauben, du bist still. […] Du weißt noch nicht, was du von London denken sollst. Du fühlst dich fremd und zu Hause zugleich.« Die Gesellschaft gibt ihnen weder ein Zuhause noch Verständnis. Und so schirmen sie sich doppelt ab gegen das Außen: mit Ironie und mit Ästhetik. </p>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/leuchtspielhaus_cover.jpg" alt="Leif Randt: »Leuchtspielhaus« (Cover)" title="Leif Randt: »Leuchtspielhaus« (Cover)" width="125" height="200" class="right" />Die von Leif Randt überaus stimmig entworfene Parallelwelt ermöglicht, dass dieser doppelte Schutzschild funktioniert. Seine sehr feine Sprache setzt auf das Lesen zwischen den Zeilen. Darüber hinaus wird oft eine eigenständige Typografie (in Form von Großbuchstaben und Semikola) verwendet, die aber, wie eben die ästhetisch-vage Sprache, durch den inhaltlichen Romankontext begründet ist, und so durchaus Sinn hat. Zusätzlich anspruchsvoll wird die Lektüre durch ein Filmskript, welches Helen für Eric schreibt, und das die eigentliche Geschichte immer wieder unterbricht. Die Erzählung der unmöglichen Liebe zwischen den beiden reflektiert sich in diesem Skript auf metaphorische Weise. Allerdings bietet es sich auch dazu an, überlesen zu werden, denn die eigentliche Geschichte funktioniert auch so. </p>
<p><em>Leuchtspielhaus </em>ist gerade durch seine stilisierte Art viel näher am Gefühl einer unverstandenen Jugend als sämtliche Pseudo-Generationen-Schreibe à la »Generation Praktikum«. Die Helden sind nur scheinbar so entmoralisiert wie der berühmt gewordene Flaneur aus Christian Krachts <em>Faserland</em>, und Leif Randt schreibt tatsächlich so ästhetisch wie er. Seit dem inszenierten Treffen der »Popautoren« der 90er in <em>Tristesse Royale</em> wurde der Ironie-Diskurs nicht mehr so angeregt. Gegenwart wird hier nicht etwa wie bei Stuckrad-Barre in dessen <em>Soloalbum </em>archiviert, sie wird nostalgisiert und somit fiktionalisiert – aber wo sollte Literatur sonst angesiedelt sein, wenn nicht im Fiktionalen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em><strong>Leif Randt: <a href="http://www.berlinverlag.de/bucher/bucherDetails.asp?isbn=9783833306471">Leuchtspielhaus. Roman</a>.</strong> Berlin: Berliner Taschenbuch Verlag, 2009. 240 Seiten. ISBN 978-3-8333-0647-1. 8,90 Euro.</em></p>
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		<title>Ordnung und Sprache</title>
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		<pubDate>Thu, 24 Jun 2010 22:26:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/poser_lindau_kl.jpg" class="right" alt="(Foto: Manfred Poser)" />Der Sortier-Engel fühlte sich vernachlässigt, kam vorbei, half mir ein wenig, und im Wegfliegen flüsterte er mir ins Ohr, ich möge doch etwas zur Ordnung im Universum sagen; das hätten ihm deutsche Physiker aufgetragen ... und dann war er weg.

Wo anfangen? Beim Anfang, beim Urknall. Danach war plötzlich Materie da. Sie besteht aus <em>Protonen</em>, <em>Neutronen</em> und <em>Elektronen</em>. Dann, 1932, spürte Carl Anderson in der Höhenstrahlung das <em>Positron</em> auf, das erste Beispiel eines Antiteilchens. Es lebt nicht lange und wird beim Zusammenstoß mit dem Elektron eliminiert. 1955 entdeckte man im Beschleunigerlabor das <em>Antiproton</em>. Jedes Teilchen hat sein Antiteilchen. Das weiß man theoretisch ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2744/">Sortier-Engel</a> fühlte sich vernachlässigt, kam vorbei, half mir ein wenig, und im Wegfliegen flüsterte er mir ins Ohr, ich möge doch etwas zur Ordnung im Universum sagen; das hätten ihm deutsche Physiker aufgetragen &#8230; und dann war er weg.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Anfangen beim Anfang</h5>
<p>Wo anfangen? Beim Anfang, beim Urknall. Danach war plötzlich Materie da. Sie besteht aus <em>Protonen</em>, <em>Neutronen</em> und <em>Elektronen</em>. Dann, 1932, spürte <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_David_Anderson">Carl Anderson</a> in der Höhenstrahlung das <em>Positron</em> auf, das erste Beispiel eines Antiteilchens. Es lebt nicht lange und wird beim Zusammenstoß mit dem Elektron eliminiert. 1955 entdeckte man im Beschleunigerlabor das <em>Antiproton</em>. Jedes Teilchen hat sein Antiteilchen. Das weiß man theoretisch.</p>
<p>»Aber in unserem heutigen Universum gibt es keinen Hinweis auf die Existenz von Antimaterie«, sagte <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Konrad_Kleinknecht">Konrad Kleinknecht</a> 2002 in einem Vortrag vor der nordrhein-westfälischen Akademie der Wissenschaften. »Beim Urknall entstand Materie und Antimaterie bei sehr hohen Temperaturen in gleichen Mengen, denn die Kräfte, die für die Erzeugung von Materie aus Licht in Frage kommen, sind völlig symmetrisch bezüglich Materie und Antimaterie.« Warum aber sind wir hier in dieser schönen Welt; wieso haben sich Materie und Antimaterie nicht gegenseitig annulliert? Warum gibt es, wie der Philosoph fragt, »etwas und nicht vielmehr nichts«?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/poser_lindau.jpg" style="max-width:100%" alt="Am Hafen von Lindau am Bodensee (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Symmetrie und Spiegelung am Hafen von Lindau am Bodensee.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der russische Physiker <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Andrei_Dmitrijewitsch_Sacharow">Andrej Sacharow</a> dachte, dass es eine Kraft geben müsse, die die tief verankerte Symmetrie verletzt habe und den Überschuss an Materie verursachte. Diese schwache Kraft konnte nachgewiesen werden: Man spricht von der Verletzung der CP-Symmetrie (charge/parity). Wunderbar. Dann lese ich am 29. März in der <a href="http://www.faz.net/s/Rub163D8A6908014952B0FB3DB178F372D4/Doc~EC7E254C2B2EB42F4A398105250045C81~ATpl~Ecommon~Scontent.html">FAZ</a>: »So ist noch immer unklar, warum es im Universum Materie gibt, aber keine Antimaterie, obwohl doch beides ursprünglich zu gleichen Teilen aus dem Urknall hervorgegangen ist. Warum gibt es vier Naturkräfte? Und woraus besteht die dunkle Materie, die den überwiegenden Teil der Materie des Kosmos ausmacht, aber selbst mit den leistungsfähigsten Teleskopen nicht gesichtet werden kann?«</p>
<p>Da denken Dutzende Wissenschaftler Jahrzehnte herum und finden etwas, und dann wird es wieder ignoriert, weil es zu kompliziert ist. Sagen wir doch einfach, man weiß es nicht, merkt doch keiner. Schon Pythagoras sah Symmetrien als Prinzip der Natur, und die Symmetrie mathematischer Beziehungen findet ihre Entsprechung in der Natur. Zu jeder Symmetrie gibt es, wie die Mathematikerin <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Emmy_Noether">Emmy Noether</a> herausfand, den entsprechenden Erhaltungssatz. Und bei Elementarteilchen könnte jede Reaktion auch spiegelbildlich ablaufen. Sie leben in einer anderen Welt als der unsrigen, die der »Zeitpfeil« diktiert.</p>
<p>Jedes Teilchen hat seinen Partner, es gibt Komplementarität und auch Ähnlichkeit, auf jeden Fall eine ganze Menge Anziehung im Elementarbereich. Die Kabbala erklärt die Schöpfung poetisch-philosophisch. <a href="http://www.willparfitt.com/">Will Parfitt</a> erläutert das in seinem Buch <em>Kabbalah</em> so: Am Anfang war da ein Punkt, Kether, die Nummer 1.  Er will mehr und betrachtet sich, dupliziert sich; eine Linie zu Punkt 2 entsteht: zu Chokmah, der Weisheit. Aber erst drei Punkte können sich unterscheiden und bilden eine Oberfläche: Binah, Nummer 3, wird hinzugefügt: die Bewusstheit. Dieses »Übernatürliche Dreieck« ist durch einen Abgrund von der konkreten Welt getrennt. Die Trennung ist Absicht, um den abgespaltenen Teilen die Chance zu geben, durch Vereinigung und Liebe zusammenzukommen.</p>
<p>Die chilenischen Biologen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Humberto_Maturana">Humberto Maturana</a> und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Francisco_Varela">Francisco Varela</a> haben dies ebenfalls erkannt. In ihrem Buch <em>Der Baum der</em> <em>Erkenntnis</em> (1987) schreiben sie: »Die einzige Chance für die Koexistenz ist also die Suche nach einer umfassenderen Perspektive. [...] Wir haben nur die Welt, die wir zusammen mit anderen hervorbringen, und nur Liebe ermöglicht uns, diese Welt hervorzubringen.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Wir müssen auf unsere Sprache achten</h5>
<p>Wie sie dann aussieht, hängt von uns ab. Wenn wir Liebe und Zusammensein in den Mittelpunkt stellen, entsteht eine andere Welt, als wenn wir Unabhängigkeit und Trennung betonen. Der amerikanische Physiker <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/David_Bohm">David Bohm</a> meinte, Ordnen sei ein »dynamischer Prozess zwischen Subjekt und Objekt«. Statt die Polarität Ordnung/Unordnung aufzubauen, sollten wir lieber von Graden von Ordnung sprechen. Ordnung heiße, auf ähnliche Unterschiede und unterschiedliche Ähnlichkeiten zu achten. Wir müssten auf unsere Sprache achten, mahnte er vor allem in seinen Büchern <em>Die implizite Ordnung</em> (1984) und Die <em>verborgene Ordnung des Lebens</em> (1988).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/poser_goetheschiller.jpg" style="max-width:100%" alt="Goethe und Schiller (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Teilchen und Antiteilchen: Goethe und Schiller.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>David Bohm wünschte sich, man möge keine negativen Worte verwenden. »Gerade die Bekämpfung des Bösen – die Annahme des Bösen – trägt zur Vermehrung des Bösen bei. [...] Wir teilen, was unteilbar ist; wir vereinen, was unvereinbar ist. Es sieht so aus, als sei die Fragmentierung ironischerweise der einzige universelle Zug in unserer Lebensweise, der alles uneingeschränkt und grenzenlos ergreift.« Das führe zu Krisen, zu Verwirrung, zur Vergeudung von Energie.</p>
<p>Man solle keine Trennung zwischen dem Denkvorgang und dem Inhalt vornehmen: »Die Einheit von Prozess und Inhalt entspricht der Einheit von Beobachter und Beobachtetem.« Das heißt: So schreiben, wie es <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1534/">Blogger</a> tun oder wie ich frank und frei erkläre, welche Gedanken zu meinem Thema führten. (Wenn es geht. Es gibt Textformen, etwa die wissenschaftliche Arbeit oder der Bericht ans Management, wo das eben nicht möglich ist.) Und »das Messbare und das Unermessliche in Harmonie setzen. Der Mensch sollte seine volle schöpferische Energie der Untersuchung auf dem Feld des Messens widmen. Das ist schwierig und mühsam.«</p>
<p>Ein weiterer Wunsch des Physikers: »Dem Verbum die tragende Rolle zumessen. Im Hebräischen war das Verb primär. In gleicher Weise werden wir uns nun einen Modus überlegen, bei dem die Bewegung die erste Stelle in unserem Denken einnimmt und bei dem dieser Gedanke so dem Sprachraum einverleibt wird, dass wir dem Verb anstelle des Substantivs die Hauptrolle zugestehen.« <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Bertrand_Russell">Bertrand Russell</a> meinte, unsere übliche Satzstellung bringe Vorurteile mit sich; wir sollten sie überdenken. Und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Osho">Bhagwan Shree Rajneesh</a> sagte: »Sprache als solche ist ein Muster / Sprache ist Ideologie. [...] Worte sind wie die beiden Ufer eines Flusses. [...] Vergiss die Ufer. Schau zwischen sie.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Der Prozess des Werdens von Wissen </h5>
<p>Es müsse ein Denken, sagt Bohm, das Alles zum Inhalt hat, »als eine Form von Kunst wie etwa Dichtung betrachtet werden, deren Aufgabe in erster Linie darin besteht, eine neue Wahrnehmung sowie ein Handeln, das in dieser Wahrnehmung angelegt ist, entstehen zu lassen, anstatt ein spiegelbildliches Wissen davon zu vermitteln, ›wie alles ist‹.« Ein Prozess müsse deutlich werden, dessen Form und Inhalt sich dauernd veränderten. Das sei der Prozess des »Werdens von Wissen«.</p>
<p>Unsere Sprache spiegelt leider oft unsere Einfallslosigkeit wieder: Es ist, was ist.  Heute wird geschrieben wie vor 200 Jahren. Alles ist hemmungslos verbürgerlicht. Viele Leute projizieren ihre simplen Weltbilder auf eine naive Leserschaft, die nach der Lektüre nur gut schlafen können möchte. (Oder es gibt den kalkulierten Skandal, der auch seine Rolle im Geschäft hat.) Die Avantgarde ist verbeamtet oder spielt im Internet herum; die Wissenschaftler bleiben brav unter sich. Die Schüler speist man mit den Maxwellschen Feldgleichungen und Impulsrechnungen ab. So kann man schön weltfremd sein mit einer Ordnung, die von gestern ist. Bürgerliche Ruhe.</p>
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		<title>Der Schein trügt</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Jun 2010 06:00:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benedikt Viertelhaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Auf die Ohren!]]></category>
		<category><![CDATA[Diskussion]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/schoeftland2.jpg" alt="Die Band Schöftland (Foto: © Schöftland, Bern)" title="Die Band Schöftland (Foto: © Schöftland, Bern)" width="150" height="100" class=right />Die Informationsfülle im Internet bietet nur wenig orientierenden Überblick über das gesamte Tagesgeschehen. Schnell geht dabei etwas unter, das einen im Grunde auch interessiert hätte. Die Alternative heißt bis heute Tageszeitung, in deren Feuilleton man zum Beispiel auf eine Rezension des Albums <em>Der Schein trügt</em> der Berner Band Schöftland stoßen konnte …<br />&#160;]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<dl style="width:300px; float:left; padding:2px 6px 6px 6px; margin:2px 6px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/NZZ2.JPG" alt="Titel der »Neue Zürcher Zeitung« (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" title="Titel der »Neue Zürcher Zeitung« (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" width="300" height="209" /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Start in einen gelungenen Tag:<br />
Der Blick in die Tageszeitung<br />
(Foto: © Benedikt Viertelhaus)</dd>
</dl>
<p>Seit das Internet zu einem allgemein zugänglichen Medium geworden ist, leidet die Tageszeitung weltweit eine Absatzkrise. Es ist in den letzten Jahren viel darüber spekuliert worden, wo die Antworten liegen könnten, um dieses alte Medium zu retten. Schnell geht es dann um Möglichkeiten des ›paid content‹, bezahlten Inhalten, um im Internet, ergänzend zum gedruckten Blatt, Geld zu verdienen. Das Internet aber hat, daran darf man nicht vorbeireden, eine Kostenlosmentalität gefördert, auf die es zu antworten gilt und der Internetnutzer hat ein anderes Verhalten als der Leser einer Tageszeitung. Solange der User seine Informationen kostenlos bekommen kann, ist zu erwarten, daß er dafür nicht zahlen wird. Das gilt neben den Nachrichten, die früher unter anderen Medien die Zeitung lieferte, für Musik, Filme, Lexikonartikel und vieles mehr. Eine Lösung sucht man in Begriffen wie dem <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1480/">»Qualitätsjournalismus«</a>. Darin steckt der Gedanke, daß ich bei bezahlten Medien Informationen bekomme, deren Richtigkeit ich mir sicher sein kann, bzw. daß Fehler, die immer mal passieren, in einer der nächsten Ausgaben korrigiert werden. Redakteure werden für ihre Arbeit bezahlt, der Blogger oder der Autor eines Wikipedia-Artikels nicht, ist aber womöglich ein richtiger Experte in seinem Gebiet. Der Vorteil, den ich mir mit einer Tageszeitung ins Haus hole muß also ein anderer sein, wenn ich an alle Informationen auch kostenlos komme. Oder ist es reine Nostalgie, die einige noch zum Zahlen für Journalismus veranlaßt?</p>
<h5>»Alle geben gerne Auskunft – aber niemand kann richtig Auskunft geben«</h5>
<p>Vielleicht, dachte ich lange, bin ich einer dieser hoffnungslosen Nostalgiker, die täglich ihre Zeitung brauchen, weil es zu einem gelungenen Tag gehört, sich morgens einen Überblick über die Geschehnisse in der Welt zu machen. Aber was würde ich über Frankreich erfahren, wenn nicht gerade Präsidentenwahlkampf ist, was über Iran, wenn nicht gerade ein allgemeines Interesse an den Entwicklungen bestünde? Mit der Tageszeitung bekommen wir einen Überblick geboten, den uns das Internet trotz, oder wegen, der Fülle an Informationen kaum bietet. Die Breite an Information, die das Internet bietet, ist unendlich groß, aber schnell verliert man beim Surfen die Sicht auf das Relevante. Eine Tageszeitung ist einen Tag aktuell und hat eine letzte Seite. Das Internet ist immer aktuell und kennt keine letzte Seite. Schnell bleibt man daher orientierungslos im Informationsüberfluß stecken, besucht nur die ersten 20 Googletreffer, schaut für die Tagesnachrichten nur noch bei <em>Spiegel Online</em> über die Startseite, liest, wo einen die interessanten Überschriften hinleiten, weiter aber selten. Und genau da liegt eines der größten Probleme, die das Internet hat. Es hilft der Vertiefung, vereinfacht die Recherche, verhindert aber mitunter die Teilhabe am »ganzen Leben«. Die Tageszeitung liefert täglich einen Ausschnitt dessen, was die Redakteure für relevant halten. Ich bin ihnen zwar diesbezüglich ausgeliefert, finde aber eine Orientierung über das Tagesgeschehen. Nur dem Radio bin ich, solange es läuft, in ähnlicher Weise ausgeliefert. Eine Ergänzung liefert mir das Internet je danach, wenn ich Informationen vertiefen will oder Zweifel an der Interpretation habe.</p>
<p>Die Tages- oder Wochenzeitung und das Radio verleiten dazu, an Dingen hängenzubleiben, nach denen man im Internet nicht gesucht hätte. Man kann hier Entdeckungen machen, ohne Link, ohne Referenz, die von Themen ausgeht, über die man sich gerade eh informierte, und daher mindestens in einem ähnlichen Spektrum verortet sind. Sich über Tageszeitungen informiert zu halten, ermöglicht viel stärker, an gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, als das im Internet der Fall ist. Die Selektion der Themen ist breiter und nur übers Internet informiert läuft man Gefahr, sich z.B. nur über die aktuelle Kultur zu informieren. Man könnte sagen, es wäre wie wenn ein SPD-Mitglied nur den <em>Vorwärts</em> lesen würde und denken, er sei informiert. Bei einer Tageszeitung, die den Versuch unternimmt unparteiisch zu sein, sollten Ansätze aller Parteien kritisch betrachtet werden. </p>
<p>Beim Lesen der Zeitung wird der Leser verleitet, von einer Überschrift schneller in Artikel rein zu lesen, als auf Onlineplattformen einem Überschriftenlink zu folgen. Zwar kann sich im Internet jeder äußern, aber die Wahrscheinlichkeit, gelesen und wahrgenommen zu werden, ist gering. Wer meint, das Internet sei aufgrund der breiten Äußerungsmöglichkeiten demokratischer, der muß auch die Frage stellen, ob Demokratie grundsätzlich die Separation in einzelne Interessensgebiete bedeutet oder ob die Willensbildung nicht vor allem auch einen Allgemeinbildungsprozeß erfordert. Im Internet ist jedoch vor allem ein breites Nebeneinanderher zu beobachten. </p>
<dl style="width:300px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/schoeftland2.jpg" alt="Die Band Schöftland (Foto: © Schöftland, Bern)" title="Die Band Schöftland (Foto: © Schöftland, Bern)" width="300" height="200" /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Die Berner Band Schöftland<br />
(Foto: © <a href="http://www.schoeftland.com/fuer">Schöftland</a>)</dd>
</dl>
<p>Daß dies ein Problem des Internets ist, ist mir anhand eines Beispiels aufgefallen, das verdeutlicht hat, wie sehr die Zeitung diesen allgemeinbildenden Vorteil hat. Auf die Berner Band <a href="http://www.schoeftland.com/">Schöftland</a> wäre ich im Internet so schnell nicht gestoßen, auch wenn es jene Verweise gibt, die da hätten nachhelfen können: Verstärkung bekommen die Schweizer auf ihrem phantastischen Album Der Schein trügt von zwei Gastsängern, die viele Musikinteressierte auf das Debut aufmerksam machen könnten: <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/210/">Nils Koppruch</a> und <a href="http://www.gisbertzuknyphausen.de/">Gisbert zu Knyphausen</a>. Verdanken muß ich die musikalische Entdeckung des Frühjahrs aber der <em>Neuen Zürcher Zeitung</em>, die auf ihren »Kultur Zürich«-Seiten immer wieder Platten der Bands vorstellt, die in ein paar Tagen in der Gegend spielen werden. »Hochdeutsch zu singen, ist in der Schweiz nicht nur aussergewöhnlich, sondern auch mutig, denn Englisch ist die Sprache der Rockmusik geblieben, Mundart der Schlüssel zum Erfolg im Pop«, heißt es in <a href="http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/pop_und_jazz/gluecklich_machende_melancholie_1.4457797.html">dem Artikel </a>direkt zu Anfang. Den Verweis auf die Band lieferte also die Zeitung, die starke These als Einstieg in den Artikel das Interesse zu einem Weiterlesen.</p>
<div align=right>[<a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2992/2/">weiterlesen</a>]</div>
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		</item>
		<item>
		<title>Lookism oder die hässliche Seite der Schönheit</title>
		<link>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2968/</link>
		<comments>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2968/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 14 Jun 2010 06:00:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Roberto Jurkschat</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskussion]]></category>
		<category><![CDATA[Wunderliches]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kritische-ausgabe.de/?p=2968</guid>
		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/foto-lookism.jpg" alt="Fight-Lookism-Streetart in Berlin (Foto: © Projekt L)" title="Fight-Lookism-Streetart in Berlin (Foto: © Projekt L)" width="150" height="113" class="right" />Unter dem Begriff ›Schönheit‹ verstand man einmal »interessenloses Wohlgefallen«, aber das ist inzwischen lange her. Die gesellschaftliche Bedeutung des äußeren Erscheinungsbildes, des Stylings, des Gewichts und der Körpergröße, hat längst die Grenzen der Pathologie durchbrochen. Ob Essstörungen, plastische Chirurgie oder Diskriminierung. Ignorierbar sind die verheerenden Folgen des Schönheitswahns eigentlich schon lange nicht mehr – auch nicht für die Politik. Doch der Druck zur Anpassung an das Ideal sichert der Kosmetikindustrie jährlich Gewinne in Milliardenhöhe …]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<dl style="width:300px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/Nasenformer.JPG" alt="Werbeanzeige für einen Nasenformer (1927)" title="Werbeanzeige für einen Nasenformer (1927)" width="300" height="225" /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Plastische Chirurgie anno 1927: In der Zeitschrift <em>Wochenblatt</em> wurde der Nasenformer beworben.<br />
Ziel: die »griechisch-römische Normalnase«.</dd>
</dl>
<p>
<div style="color: #777;"><em>Unter dem Begriff ›Schönheit‹ verstand man einmal »interessenloses Wohlgefallen«, aber das ist inzwischen lange her. Die gesellschaftliche Bedeutung des äußeren Erscheinungsbildes, des Stylings, des Gewichts und der Körpergröße, hat längst die Grenzen der Pathologie durchbrochen. Ob Essstörungen, plastische Chirurgie oder Diskriminierung. Ignorierbar sind die verheerenden Folgen des Schönheitswahns eigentlich schon lange nicht mehr – auch nicht für die Politik. Doch der Druck zur Anpassung an das Ideal sichert der Kosmetikindustrie jährlich Gewinne in Milliardenhöhe.</em></div>
</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://www.facebook.com/pages/Dr-Stephen-T-Greenberg/49940060324">Steven T. Greenberg</a> ist Schönheitschirurg in Woodbury, einem beschaulichen Vorort New Yorks, unweit der Küste. In seiner Praxis herrscht regerer Betrieb, als bei Fachkollegen in der Umgebung. Bei ihm gibt es das sogenannte »Jobfighter Package«, eine Mischung aus Brustvergrößerung, Face-Lifting und Botox zum Sonderpreis. Die Patienten im Wartezimmer sind vorwiegend weiblich, älter als 30 und arbeitslos. Ihnen wird suggeriert, nach einer Schönheitsoperation bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und obendrein einen höheren Stundenlohn zu erhalten. </p>
<p>Als bekannt wurde, dass der Chirurg von gesellschaftlicher Not profitieren will, häufte sich öffentlicher Protest. Greenberg habe eine Grenze überschritten, <a href="http://blogs.wsj.com/wallet/2009/03/27/cant-find-a-job-get-a-facelift/tab/article/">hieß es</a>. Infragestellen möchte den Zusammenhang zwischen Schönheit und beruflichem Erfolg zwar eigentlich keiner mehr, da er von Psychologen ohnehin bereits seit Jahrzehnten vermutet wird. Aber der offensive Umgang mit diesem Thema und die Schreckensvision, dass plastische Chirurgie womöglich bald der neue Standard für die Erwerbssicherung sein könnte, sind Punkte, die allgemeine Empörung hervorrufen. </p>
<p>Die Wurzel dieses Problems ist dabei weder mangelnde Berufsethik, noch die beunruhigende Arbeitslosenstatistik. Angebote wie das »Jobfighter Package« sind Symptome eines gesellschaftlichen Schönheitsdenkens, das sich in alle Bereiche des öffentlichen Lebens gedrängt hat.</p>
<p>Bis zur Aufklärung verstand man Schönheit dabei als »interessenloses Wohlgefallen« und als fixe Eigenschaft bestimmter Menschen und Gegenstände. <a href="http://korpora.org/Kant/aa05/204.html">Kant</a> hat diesem Ansatz 1790 in die Mottenkiste verbannt und argumentiert, Schönheit sei ein Geschmacksurteil, das im Auge des Betrachters liege. Heute führen die Marketingabteilungen der Kosmetikbranche vor, dass Schönheit vor allem ein begehrtes Produkt ist. Egal, ob auf Plakaten, im Fernsehen, oder im Internet. Auf allen visuellen Werbekanälen tritt Schönheit als Kalkül eines weltweiten Marktes in Erscheinung. </p>
<p>Folgt man den <a href="http://www.beautycheck.de/cmsms/">Attraktivitätsforschern der Universität in Regensburg</a>, gibt es im ästhetischen Empfinden aller Menschen einen Konsens – angeblich kulturübergreifend. Testpersonen bewerten dieselben Gesichter und Körper als attraktiv oder unattraktiv. Weil die Übereinstimmungen signifikant sind, stellen die Wissenschaftler des psychologischen Instituts die gewagte These auf, »Schönheit ist messbar«. Der perfekte Körper und das perfekte Gesicht ließen sich anhand einiger Proportionen und Knochenabstände ziemlich genau ausrechnen. Mit Kultur, Erziehung, Werbung und gesellschaftlicher Sozialisation habe das alles kaum etwas zu tun. Jeder Mensch verfüge vielmehr über »angeborene Verhaltensmuster«.</p>
<p>Das zentrale Argument für die Validität dieses Ergebnisses liegt im kulturübergreifenden Design der Studie – doch genau dieser Punkt ist problematisch. In den postkolonialen Strukturen des 21. Jahrhunderts sind Kulturen nicht mehr als streng voneinander getrennt zu denken. In der Globalisierung ist vor allem die westliche Kultur als Exportware über den Planeten gewandert, einige regionale Kulturformen stehen in scheinbar altersschwacher Haltung daneben. Sieht man sich Werbeplakate in China und Brasilien an, auf denen weiße Fotomodelle Werbung für Hautcremes und Bademoden machen, stellt sich die Frage, was das Attribut »kulturübergreifend« der Regensburger Studien aussagt. Wenn in den Regensburger Umfragen also Menschen mit unterschiedlicher Herkunft dieselben Merkmale attraktiv fanden, könnte das auch bedeuten, dass das westliche Schönheitsideal bereits in andere Regionen vorgedrungen ist. Sollte das zutreffen, wäre das Schönheitsdenken keine biologische Gegebenheit, sondern eine Frage der gesellschaftlichen Sozialisation.</p>
<h5>Schönheit in der Globalisierung</h5>
<p>Argumente für diese These findet man unter anderem in Internet. Die Homepage des deutschen Schönheitschirurgen Dr. Batze informiert unter anderem über mögliche Operationen an den Augen. Unter dem <a href="http://www.dr-batze.de/lidkorrektur.html">Stichwort »Lidkorrektur«</a> ist der Punkt »Europäisierung asiatischer Lider« aufgeführt . In Asien rangiert diese Maßnahme auf <a href="http://www.schoenheit-und-medizin.de/schoenheitschirurgie/kopf-und-gesicht/lidstraffung/europaeische-augen.html">Platz eins</a> aller Schönheitsoperationen.</p>
<p>Schönheit rückt immer weiter ins Zentrum des öffentlichen Lebens. Sowohl die Verkaufszahl von Botoxspritzen wie auch die Anzahl der Schönheitsoperationen sind in den vergangenen zwei Jahren in Deutschland um mehr als das zweifache gestiegen, die Kosmetikindustrie schreibt konstant schwarze Zahlen trotz Krise. Die wichtigste Regel ist: Was als »schön« geltend gemacht werden kann, das wird auch verkauft.</p>
<p>Zu den Profiteuren des Schönheitswahns gehört auch L’Oreal. Der Marktwert des französischen Branchenriesen beträgt etwa 67 Milliarden Euro und liegt damit höher als der der Deutschen Bank. Die Zielgruppe von L’Oreal ist beinahe unbegrenzt, die Produktpalette dementsprechend breit. In der Werbung schwingt die Suggestion von Selbstvrwirklichung und Individualität, doch diese Begriffe sind irreführend. Genauer gesagt wird zuerst ein Schönheitsideal konstituiert und die Annäherungsmöglichkeiten daran verkauft. Dass die meisten Menschen auf der Welt dabei vom Ideal abweichen, ist Teil des Geschäftskonzepts, Beispiele gibt es genug. </p>
<p>So sind in den USA seit vielen Jahren Haarglättungspräparate sehr erfolgreich. Der Dokumentarfilm <em>Good Hair</em> führt vor, dass zum Kundenkreis hauptsächlich afroamerikanische Frauen gehören. In Friseursalons werden Damen interviewt, junge Mädchen sitzen vor den Spiegeln und lassen sich die Haare mit einer blauen Paste einstreichen. In einer Gesellschaft, die immernoch von weißen Machthabern geprägt sei, und deren Industrie ein eigenes Schönheitsideal hervorbringe, nähmen Afroameriakaner ihre eigene Haarstruktur häufig als unästhetisch wahr, das ist der Tenor der Doku. Auch daher kommen die ausgezeichneten Bilanzen von Firmen, wie L’Oreal. 2,6 Milliarden Euro Gewinn im Jahr 2009 sprechen eine deutliche Sprache. Dass die Geschäftsethik vieler Kosmetikunternehmer von Massentierversuchen für Botox bis hin zum Import von echtem Menschenhaar mehr als zweifelhaft ist, hat bislang noch wenig wirklich breite Empörung hervorgerufen. Ethische Bedenken und Diskriminierungen kamen bislang kaum in an entscheidender Stelle zur Sprache. Neuere Studien stellen die Debatten aber auf eine völlig neue Grundlage.</p>
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		<title>Auf den Spuren des Gedächtnisses</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Jun 2010 05:55:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aus der Redaktion]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/KA_illu_vergessen.jpg" alt="Die »Kritische Ausgabe« auf den Spuren des Gedächtnisses (Illustration: © Johnny Bookjacket/Johanna Neubert, Berlin)" title="Die »Kritische Ausgabe« auf den Spuren des Gedächtnisses (Illustration: © Johnny Bookjacket/Johanna Neubert, Berlin)" width="150" height="100" class=right />Cicero soll einst gesagt haben: »Das Gedächtnis nimmt ab, wenn man es nicht übt.« Auch heute hat das, was der berühmte römische Philosoph vor mehr als 2000 Jahren mit Blick auf das individuelle Gedächtnis formuliert haben soll, seine Gültigkeit: Vergessen und sich (wieder) erinnern gehört zu den menschlichen Grundeigenschaften schlechthin …<br />&#160;]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<dl style="width:300px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/KA_illu_vergessen.jpg" alt="Die »Kritische Ausgabe« auf den Spuren des Gedächtnisses (Illustration: © Johnny Bookjacket/Johanna Neubert, Berlin)" title="Die »Kritische Ausgabe« auf den Spuren des Gedächtnisses (Illustration: © Johnny Bookjacket/Johanna Neubert, Berlin)" width="300" height="200" /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Die <em>Kritische Ausgabe</em> auf den Spuren des Gedächtnisses<br />
(Illustration: © <a href="http://www.johnnybookjacket.de/">Johnny Bookjacket/Johanna Neubert</a>, Berlin)</dd>
</dl>
<p>Cicero soll einst gesagt haben: »Das Gedächtnis nimmt ab, wenn man es nicht übt.« Auch heute hat das, was der berühmte römische Philosoph vor mehr als 2000 Jahren mit Blick auf das individuelle Gedächtnis formuliert haben soll, seine Gültigkeit: Vergessen und sich (wieder) erinnern gehört zu den menschlichen Grundeigenschaften schlechthin.</p>
<p>Als zentrales kulturwissenschaftliches Paradigma hat Gedächtnis – hier insbesondere das sog. »kulturelle Gedächtnis« als Übertragung der Dynamiken des individuellen Gedächtnisses auf ein Kollektiv (Gruppe, Staat, Nation) – nicht zuletzt durch den »cultural turn« auch in der Literaturwissenschaft vielfache Beachtung gefunden.</p>
<p>Literatur ist Bestandteil des »kulturellen Gedächtnisses« und unterliegt insofern den folgenreichen Prozessen des Erinnerns und Vergessens. Diese Perspektive wirft eine Reihe grundlegender Fragen auf wie z.B.:</p>
<blockquote><li>Wie funktionieren die selektiven Prozesse des Erinnerns und Vergessens von literarischen Texten im institutionellen Gedächtnis des Kanons und der Literaturgeschichtsschreibung?</li>
<li>Welche narrativen Muster und Strukturen weisen Erinnerung, Gedächtnis und Identität in literarischen Texten auf? </li>
<li>Welches Wissen über die Vergangenheit erinnert oder vergisst die Literatur? </li>
<li>Gibt es einen Zusammenhang zwischen spezifischen Erinnerungskulturen und der Literatur als Medium des kollektiven Gedächtnisses und der Identitätsbildung?</li>
</blockquote>
<p>Für ihr nächstes Themenheft sucht die <em>Kritische Ausgabe</em> wissenschaftliche Beiträge, die sich den oben genannten Fragestellungen widmen und ferner auch solche, die über den germanistischen Blickwinkel hinausgehen, wie beispielsweise kultur-, politik- und sozialwissenschaftliche sowie auch (kognitions-) psychologische Beiträge.</p>
<p>Wir möchten Sie zunächst gerne bitten, Ihr Thema in einem kurzen <strong>Exposé</strong> von etwa <strong>3.500 Zeichen</strong> (inklusive Leerzeichen) zu skizzieren. Bitte schicken Sie dieses Exposé bis einschließlich Freitag, den <strong>25.06.2010</strong> an: <a href="mailto:heft@kritische-ausgabe.de"><em>heft@kritische-ausgabe.de</em></a>. Sie erhalten dann bis Freitag, den <strong>13.08.2010</strong>, eine <strong>Rückmeldung </strong>zu ihrem Exposé, in dem wir Sie ggf. um einen ausführlich formulierten <strong>Beitrag </strong>bitten, den Sie bitte bis Freitag, den <strong>15.10.2010</strong> einreichen. Der Text sollte einen Umfang von <strong>18.000 Zeichen</strong> (inklusive Leerzeichen und Anmerkungsapparat) nicht überschreiten. </p>
<p>Wir freuen uns auf Ihre Heftbeiträge!</p>
<p>Falls Sie noch Fragen haben sollten, wenden Sie sich bitte an: <a href="mailto:heft@kritische-ausgabe.de"><em>heft@kritische-ausgabe.de</em></a>.</p>
<p><em>Tine Bücken/Angela Gencarelli<br />
Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Germanistik &#038; Literatur<br />
Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft der Universität Bonn<br />
Am Hof 1d<br />
53113 Bonn<br />
<a href="http://www.kritische-ausgabe.de/">http://www.kritische-ausgabe.de</a></em></p>
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		<title>Fußball in Afrika</title>
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		<pubDate>Thu, 10 Jun 2010 22:01:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/poser_fbwerbung_kl.jpg" align="left" alt="(Foto: Manfred Poser)" />Das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft! Das war ja schon lange bekannt, also konnte ich meine Geschichte vorbereiten. Afrika bedeutet mir viel. Ich war 1978 in der Sahara und 1984 in Ostafrika, damals schrieb ich sogar einige Artikel darüber. Wäre ich mutiger gewesen, hätte ich mich in Nairobi niedergelassen und von dort als Stringer (freier Journalist) für deutsche Zeitungen geschrieben. Doch dann ging ich zur dpa in Hamburg, und im Großraum tauchte plötzlich ein Schweizer Journalist auf, den ich in Nairobi getroffen hatte und der wohl, da er Schweizer war, auch ein wenig auf Sicherheit aus war. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Meier hieß er ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft! Das war ja schon lange bekannt, also konnte ich meine Geschichte vorbereiten. Afrika bedeutet mir viel. Ich war 1978 in der Sahara und 1984 in Ostafrika, damals schrieb ich sogar einige Artikel darüber. Wäre ich mutiger gewesen, hätte ich mich in Nairobi niedergelassen und von dort als Stringer (freier Journalist) für deutsche Zeitungen geschrieben. Doch dann ging ich zur dpa in Hamburg, und im Großraum tauchte plötzlich ein Schweizer Journalist auf, den ich in Nairobi getroffen hatte und der wohl, da er Schweizer war, auch ein wenig auf Sicherheit aus war. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Meier hieß er.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/poser_fbwerbung.jpg" style="max-width:100%" alt="(Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Werbung für Fußball in Afrika in Frankfurt, an einem Haus am Main<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Seitdem beobachte ich natürlich, was über Afrika geschrieben wird. Und das ist ziemlich deprimierend. Der <em>Spiegel</em> hatte immer mal wieder etwas über Fußball in Afrika, und meist ging es um schwarze Magie und derlei Sachen. Weil die Leute im Westen das anscheinend erwarten. In meinem <a href="http://kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/989/">Roman</a> kam dann auch Uganda vor, obwohl ich nie dort war. Anfang März veröffentlichte die <em>Süddeutsche Zeitung</em> auf ihrer Reportageseite eine ziemlich eklige Geschichte über Kinder, die in Uganda entführt werden und denen man, um eine gewisse Nachfrage zu befriedigen, die Geschlechtsteile &#8230; Das war über der Grenze.</p>
<p>Da fragt man sich dann: Warum? Von Uganda erfährt man ja sonst wenig. Auch in Kampala, Ugandas Hauptstadt, wird es Handys geben und Fernsehen, der rückständige Busch ist woanders. Man stelle sich einmal vor, eine Zeitung in Kampala bringt monatelang nichts über Deutschland, aber dann einen Artikel über Priester, die kleine Jungs in Internaten belästigen. Das ist es dann, was die Ugander über Deutschland erfahren: ein Land mit bösen Priestern. Die Geschichte über Uganda war ja nicht erlogen, das hat sich sicher so abgespielt, aber damit verfestigen sich nur die Vorurteile über den »schwarzen Kontinent«. Anscheinend ändert sich in der Welt wenig. Ein außenpolitischer Redakteur beschließt, dass das die Geschichte ist, die deutsche Menschen über Uganda erfahren wollen und sollen. Und natürlich ist kürzlich ein Buch über Magie und Hexerei im afrikanischen Fußball erschienen, das den erwartbaren Titel <em><a href="http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=30412">Voodoo im Strafraum</a></em> trägt.</p>
<p>Kürzlich bin ich auf das englische Internet-Magazin <em>nthposition</em> gestoßen. Es gibt eine Konferenz vom Februar 2009 über die politische Situation in Afrika wieder, <a href="http://www.nthposition.com/conversationswitha.php">kenntnisreich und detailliert</a>. Da erfährt man etwas. Etwa, dass am 8. November 2005 in Liberia die 1938 geborene Ellen Johnson Sirleaf den ehemaligen Fußballer George Weah in der Stichwahl schlug und seither Präsidentin ist. Diese kluge und mutige Frau, die lange bei der UNO in New York tätig war, muss nun in der Welt umherreisen und um Gaben betteln, weil ihr Land arm ist. Vier Tage nach ihrem Sieg, verrät uns <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ellen_Johnson-Sirleaf">Wikipedia</a>, veröffentlichte die taz den Artikel »Die Eiserne Oma von der Pfefferküste« von Dominic Johnson. Ja, das ist Journalismus &#8230; von gestern. Die Eiserne Oma.</p>
<p>Mein alter Bekannter Lothar Sobczak, im Oktober 2009 gestorben, war etwa von 1978 bis 1984 dpa-Korrespondent in Nairobi, zuständig für eine Menge afrikanische Staaten. Mal gibt es einen Putsch hier, mal dort, aber wenn nichts passiert, muss der Korrespondent Features anbieten, und die dürfen nicht langweilig sein. Einmal hat der gute Lothar entdeckt, dass ein Kenianer seinen Sohn »Hitler« getauft hatte, und das wurde natürlich eine seiner erfolgreichsten Geschichten.</p>
<p>Ja, der Korrespondent möchte es vielleicht ganz anders haben, aber etwas aus dem Alltag kriegt er nicht los, denn: Hast du nichts Besseres? Komm, Junge: Afrika, Großwildjagd, Massai, da ist doch was drin! Du kannst doch was! Und dann klickt der Korrespondent, nachdem er wochenlang nichts absetzen konnte, eben die altgewohnten Vokabeln an, die beim Auslandsredakteur einen Reflex bewirken. Und die Welt wird täglich neu nach unserem alten Bilde erschaffen. Wir sehen Unglücke und Porträts von Politikern, aber das Leben sehen wir nicht.</p>
<p>Kein Wunder, dass ich kürzlich bei Freunden gierig nach Architektur-Zeitschriften wie <em>domus</em> griff, denn darin sah man Bilder von Häusern und deren Umgebungen in anderen Ländern, weder Top-Politik noch nach Weihrauchstäbchen duftende Reiseberichte, sondern einfach schöne Häuser, Straßen, Wohnbezirke.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/poser_tansania.jpg" style="max-width:100%" alt="(Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Tansania, im Landesinneren. März 1984.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Reden wir vom Fußball</h5>
<p>Reden wir besser vom Fußball. In Deutschland kennt man noch den Nigerianer Jay Jay Okocha (erst Borussia Neunkirchen, dann Eintracht Frankfurt) und Anthony Yeboah aus Ghana. In Italien ist der bekannteste Afrikaner der noch nicht 20-jährige Mario Balotelli (schade, dass er nicht Ballotelli heißt). Er ist seit August 2008 Italiener, was den Fans nicht gefällt. Andauernd buhen sie ihn aus, und manchmal gibt es sogar Sprechchöre gegen Balotelli, wenn er gar nicht spielt. Anfang Mai, als im Olympiastadion in Rom der heimische Verein das Pokalfinale gegen Inter Mailand 0:1 verlor, gab Francesco Totti, der sich gern leicht vertrottelt darstellen lässt, dem jungen Balotelli einen Tritt, was ihm die rote Karte einbrachte. Der Geschädigte sagte später, Totti habe ihn als »Scheißneger« (negro di merda) bezeichnet. Sogar der Staatspräsident schaltete sich rügend ein.</p>
<p>In Rom habe ich mir damals in der Leihbücherei nebenan Bücher von afrikanischen Autoren, öfter noch von Autorinnen geholt. Es ist schwierig, in Deutschland so etwas zu finden. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Buchi_Emecheta">Buchi Emecheta</a> war toll, hier fand ich im Drittweltladen Landsberg am Lech <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Paulina_Chiziane">Paulina Chiziane</a>, <em>Wind der Apokalypse</em> (1997). Schonungslos. Ebenso schonungslos ist <em>Die Schlangengrube</em> des Uganders <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Moses_Isegawa">Moses Isegawa</a>. Filme gibt es in Programmkinos, und ich erinnere mich an <em><a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/882/">Bamako</a></em>. Und gerade, als ich das schreibe, läuft bei mir die postum (2006) veröffentlichte CD <em>Savane</em> von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ali_Farka_Tour%C3%A9">Ali Farka Touré</a> aus Mali. Großer Mann.</p>
<p>Aber was schreibe ich darüber, man braucht ja doch keine Illusionen zu haben. Die westlichen Medien gleichen Müllkippen und Recyclinganstalten, alle schwimmen im eigenen Saft herum. Was brauchen wir andere Kontinente? Uns reicht der eigene Hinterhof, und bei der WM starren wir ohnehin nur auf den grünen Rasen, der in Südafrika ebenso grün ist wie in Oberbayern. Damals, 1984, war es nach dem Studium eine verrückte Reise, höchst riskant, warum tut man so etwas?</p>
<p>Im Matatu-Taxi von der kenianischen Grenze nach Daressalam, dort Mr. Mwakyami besucht, und irgendwann zum Abschied haben wir dann in der Agip-Bar viele Biere getrunken. Zu Fuß durch die halbe Stadt zum Busbahnhof, der Schweiß brach mir aus. Dann hing ich da 20 Stunden herum, bis der Bus abfuhr, und er fuhr wiederum 20 Stunden ins Landesinnere, und ein hochgewachsener Tansanier nahm mich unter seine Fittiche. Der Bus brach zusammen, wir wanderten stundenlang durch die Nacht, und als ich nicht mehr wollte, sagte einer: »Hey Mister, we go!« Alle waren so freundlich, und dabei hätten sie mich zwanzigmal ausrauben können.</p>
<p>Das vergisst man nie mehr. Dann kürzlich <em>Erotische Geschichten aus Afrika</em> gelesen, ein Taschenbuch. Was für Geschichten! Gut, dass es Afrika gibt.</p>
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		<title>Erkundungen des weiten Feldes Familie</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Jun 2010 06:00:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aus der Redaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Veranstaltungen]]></category>

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		<description><![CDATA[»Familie ist ein weites Feld. Wer sich mit ihr beschäftigt, muß fest vor Augen haben, was er von ihr wissen will, sonst verliert er sich«, stellte <strong>John von Düffel</strong> unlängst in einer seiner Bamberger Poetikvorlesungen fest. Dem weiten Feld der Familie ist auch das jüngste Heft der <em>Kritischen Ausgabe</em> gewidmet. Literarisch und literaturwissenschaftlich erkunden die Beiträge ein Thema, das jeden betrifft. Familie ist, das zeigt sich allerorten, etwas »irgendwie Normales« und in der Vielzahl der möglichen (und unmöglichsten) Konstellationen etwas Besonderes.

Das Heft und die Weite des Feldes Familie präsentiert die Redaktion am kommenden <strong>Montag, dem 14. Juni, ab 20 Uhr im KULT 41</strong> in Bonn mit einer »Release-Party«, einem Mix aus Lesung und »Musik, die zum Thema passt« …]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>»Familie ist ein weites Feld. Wer sich mit ihr beschäftigt, muß fest vor Augen haben, was er von ihr wissen will, sonst verliert er sich«, stellte <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/John_von_D%C3%BCffel"><strong>John von Düffel</strong></a> unlängst in einer seiner Bamberger Poetikvorlesungen fest. Dem weiten Feld der Familie ist auch das <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/hefte/familie/">jüngste Heft</a> der <em>Kritischen Ausgabe</em> gewidmet. Literarisch und literaturwissenschaftlich erkunden die Beiträge ein Thema, das jeden betrifft. Familie ist, das zeigt sich allerorten, etwas »irgendwie Normales« und in der Vielzahl der möglichen (und unmöglichsten) Konstellationen etwas Besonderes.</p>
<dl style="width:200px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/Marko_Milovanovic.jpg" alt="Marko Milovanovic (Foto: © Corinna Northe)" title="Marko Milovanovic (Foto: © Corinna Northe)" width="200" height="198" /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Marko Milovanovic<br />
(Foto: © Corinna Northe)</dd>
</dl>
<p>Das Heft und die Weite des Feldes Familie präsentiert die Redaktion am kommenden <strong>Montag, dem 14. Juni, ab 20 Uhr im <a href="http://www.kult41.de/">KULT 41</a></strong> in Bonn mit einer »Release-Party«, einem Mix aus Lesung und »Musik, die zum Thema passt«. Als Lesender eingeladen ist der Berliner Musiker, Autor und ehemalige <em>K.A.</em>-Redaktionskollege <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/author/marko-milovanovic/"><strong>Marko Milovanovic</strong></a>, der Auszüge aus seinem noch unveröffentlichten Debütroman <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2695/"><em>Fernlicht</em></a> präsentieren wird. Weiterer Gast ist der Bonner Literat, Physiker und Philosoph <a href="http://www.iphil.uni-bonn.de/mitarbeiter/copy_of_privatdozenten/pd-dr.-dietmar-huebner-1"><strong>Dietmar Hübner</strong></a> mit seiner Kurzgeschichte <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2684/"><em>Das Kind in Holland</em></a>, in der er für die <em>K.A.</em> ebenfalls Szenen einer (modernen?) Familienkonstellation ausgeleuchtet hat.</p>
<p>Wer mag, kann sich im Anschluss dann gleich ein Exemplar der neuesten <em>Kritischen Ausgabe</em> mit den Texten der beiden Autoren sichern und signieren lassen. Alle Hefte werden am Montagabend zum Aktionspreis von 3,– Euro angeboten – und wer drei oder mehr Hefte kauft, bekommt (solange der Vorrat reicht) noch eine <a href="http://kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/989/">Leseratten-Zugabe</a> von <em>K.A.</em>-Kolumnist <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/author/manfred-poser/"><strong>Manfred Poser</strong></a> obendrauf.</p>
<dl style="width:200px; float:left; padding:2px 6px 6px 6px; margin:2px 6px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/Dietmar_Hübner.JPG" alt="Dietmar Hübner (Foto: © privat)" title="Dietmar Hübner (Foto: © privat)" width="200" height="150"  /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Dietmar Hübner<br />
(Foto: © privat)</dd>
</dl>
<p>Übrigens: Studierende und alle anderen Interessenten haben bereits im Vorfeld der »Release-Party« über die <em>Kritische Ausgabe</em> und die ehrenamtliche Arbeit der Redaktion informieren. <strong>Von Dienstag bis Donnerstag, 8. bis 10. Juni,</strong> stehen Redakteurinnen und Redakteure der <em>K.A.</em> im Vestibül des <a href="http://www.germanistik.uni-bonn.de">Instituts für Germanistik, Vergleichende Literatur und Kulturwissenschaft</a> (<strong>Universitätshauptgebäude, Südturm, 2. OG</strong>) jeweils <strong>von 11 bis 12 Uhr</strong> sowie von <strong>14 bis 16 Uhr</strong> Rede und Antwort; <strong>am Donnerstag und Montag, 10. und 14. Juni,</strong> zudem <strong>von 12 bis 14 Uhr</strong> in der <a href="http://www.studentenwerk-bonn.de/index.php?option=com_content&#038;task=view&#038;id=27&#038;Itemid=180"><strong>Mensa in der Nassestraße 11</strong></a>. Und das Beste: Der Sonderpreis für die Hefte gilt schon dort, und Studierende können an diesen Tagen außerdem Karten für die Lesung zum vergünstigen Vorverkaufspreis von 3,50 Euro erwerben. An der Abendkasse kostet der Eintritt dann 5,– Euro.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Release-Party der Kritischen Ausgabe mit Lesung und Musik: Montag, 14. Juni 2010, 20 Uhr (Einlass ab 19:30 Uhr) im KULT 41, Hochstadenring 41, 53119 Bonn. Eintritt (Abendkasse): 5,– Euro; für KULT-Mitglieder 20% Nachlass.</em></p>
]]></content:encoded>
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		<title>Zwischen den Flüssen</title>
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		<pubDate>Mon, 31 May 2010 06:00:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tim Kangro</dc:creator>
				<category><![CDATA[In eigener Sache]]></category>
		<category><![CDATA[Veranstaltungen]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Rhein ist der Ort der Romantik, der hübschen kleinen Städte und eines beschaulichen Miteinanders von Natur und Kultur. Die Ruhr dagegen barg lange Zeit schon in der Artikulation ihres Namens Assoziationen von grauen, hässlichen Industrielandschaften, verschmutzter Luft und dem Triumph der Technik über die geschändete Natur. Dabei lag das Ruhrgebiet schon immer im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Diskursen – und zwischen diesen beiden Flüssen …]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Rhein ist der Ort der Romantik, der hübschen kleinen Städte und eines beschaulichen Miteinanders von Natur und Kultur. Die Ruhr dagegen barg lange Zeit schon in der Artikulation ihres Namens Assoziationen von grauen, hässlichen Industrielandschaften, verschmutzter Luft und dem Triumph der Technik über die geschändete Natur. Dabei lag das Ruhrgebiet schon immer im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Diskursen – und zwischen diesen beiden Flüssen. </p>
<p>In diesem Jahr, in dem nun das ganze Ruhrgebiet Kulturhauptstadt ist, widmet sich eine Tagung der Verortung des ›Potts‹ zwischen diesen Topoi: Zum Abschluss der <a href="http://www.duisburger-akzente.de/de/index.php">33. Duisburger Akzente</a> veranstaltet die <a href="http://www.duisburg.de/micro/stadtbibliothek/">Stadtbibliothek Duisburg</a> am 4. und 5. Juni 2010 gemeinsam mit dem <a href="http://www.moderne-im-rheinland.com/">Institut »Moderne im Rheinland« der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf</a>, dem <a href="http://www.fhi.dortmund.de/project/assets/template2.jsp?ecode=grossprojekte.fhi&#038;eid=0&#038;elimit=5&#038;etitle=Veranstaltungen&#038;ncode=grossprojekte.fhi&#038;nid=0&#038;nlimit=2&#038;ntitle=Meldungen&#038;pid=11157&#038;smi=1.0">Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt</a> und der <a href="http://www.ruhr-uni-bochum.de/sbr/sbr/frameset_sbr.htm">Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets</a> eine Zusammenkunft, die sich der Frage widmet, wie zwischen Rhein und Ruhr »Von Flussidyllen und Fördertürmen« erzählt wurde und wird. </p>
<p>Das Erzählte, das hier untersucht wird, umfasst das 19. wie das 20. Jahrhundert; es geht um die schon traditionelle Transkulturalität der Region, ihre kulturelle Selbstdefinition und Abgrenzung gegenüber Städten wie Köln und Düsseldorf, und natürlich auch um den Mythos des solidarischen Kumpels. Medial wird ein weiter Bogen von Romanen über Zeitungsbeiträge bis zu Hörspielen gespannt.</p>
<p>Ein Vortrag auf der Tagung stammt, und das möchten wir nicht unerwähnt lassen, aus den Reihen der <em>K.A.</em>-Redaktion: <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/author/fabian-beer/">Fabian Beer</a> beleuchtet mit »›Strom der Geschichte und Geschichten‹. Der Rhein und andere Flusslandschaften im Werk John von Düffels«, wie der Schriftsteller, Dramatiker und Dramaturg in seinen Texten versucht, »die Struktur von Wasser, die Art und Weise seines Fließens und Verweilens zu untersuchen und in der Sprache abzubilden«. Dabei wird unter anderem von Düffels These untersucht, dass es vor allem die Mythen und Geschichten der am Wasser lebenden Menschen seien, die das Wasser erzählbar machen. Unser stellvertretender Chefredakteur stellt dabei die Frage, inwieweit der Rhein sich seine mythische, zuweilen idyllische Aura erhalten hat – und  wie sehr vielleicht auch Rheingold, Loreley und ›Vater Rhein‹ in der Wahrnehmung von Kulturproduktion und -rezeption durch die ›Fördertürme‹ der Industrialisierung verdrängt worden sind.</p>
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<p><em><strong>»Von Flussidyllen und Fördertürmen. Literatur an der Nahtstelle zwischen Ruhr und Rhein«.</strong> Wissenschaftliche Tagung in der Schifferbörse Duisburg-Ruhrort (Gustav-Sander-Platz 1, 47119 Duisburg). 4.–5. Juni 2010, jeweils 10–17 Uhr. Tagungsbeitrag: 10 Euro pro Tag. – Weitere Informationen und ein detailliertes Programm finden Sie <a href="http://www.duisburg.de/micro/stadtbibliothek/veranstaltungen/102010100000317206.php">hier</a>.</em></p>
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		<title>Gräfin Dracula</title>
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		<pubDate>Thu, 27 May 2010 23:02:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/poser_irlandabtei.jpg" width="150px" align="left" alt="Spukgemäuer in Irland (Foto: Manfred Poser)" />Das klang packend: <em>Countess Dracula – The Life and Times of Elisabeth Báthory, the Blood Countess</em>. Dieses Buch des Engländers Tony Thorne erschien 1997, es stand am Institut und ich entlieh es mir. Schon die Einführung! »In den Jahren, bevor sie sich umbrachte, schrieb die argentinische Surrealistin Alejandra Pizarnik kleine Geschichten und Gedichte.« Eine Erzählung behandelte die Blutgräfin, »la Condesa Sangrienta« Elisabeth Báthory. Sie lebte von 1560 bis 1614 in Transsylvanien, das damals ungarisch war. Gerüchten zufolge soll sie 650 junge Mädchen gefoltert und getötet haben, nach anderen Angaben waren es 220, und Zeugen vor Gericht kamen auf 35 ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das klang packend: <em>Countess Dracula – The Life and Times of Elisabeth Báthory, the Blood Countess</em>. Dieses Buch des Engländers <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Tony_Thorne">Tony Thorne</a> erschien 1997, es stand am Institut und ich entlieh es mir. Schon die Einführung! »In den Jahren, bevor sie sich umbrachte, schrieb die argentinische Surrealistin Alejandra Pizarnik kleine Geschichten und Gedichte.« Eine Erzählung behandelte die Blutgräfin, »la Condesa Sangrienta« <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Erzs%C3%A9bet_B%C3%A1thory">Elisabeth Báthory</a>. Sie lebte von 1560 bis 1614 in Transsylvanien, das damals ungarisch war. Gerüchten zufolge soll sie 650 junge Mädchen gefoltert und getötet haben, nach anderen Angaben waren es 220, und Zeugen vor Gericht kamen auf 35.</p>
<p>War Elisabeth das Vorbild für Graf Dracula? Schwer zu sagen. In Transsylvanien entdeckte der 1847 geborene Ire Bram Stoker den Fürsten Vlad III. Tepes Draculeo (1431–1477), aus dem er den bösen Dracula machte. Stokers gleichnamiger Roman erschien 1897, doch sein Autor starb verarmt 1912, noch bevor er den großen Erfolg seines Werks erleben durfte. Die Angst vor Wiedergängern speiste sich aus der Angst vor den Toten überhaupt und dem Horror vor ungewöhnlichen Todesfällen. Die Kirche wirkte mit, heidnische Bräuche hinüber ins Mittelalter zu transportieren, und es sind Beispiele überliefert, dass man Leichen schlimm zurichtete, um deren Rückkehr als Phantome zu verhindern. Alles dazu steht in einem Buch des französischen Volkskundlers Claude Lecouteux, als <em>The Return of the Dead</em> nun auf Englisch erhältlich.</p>
<p>Am 29. Dezember 1610 stellte der Vizekönig von Ungarn, Graf George Thurzó, ein Strafkommando zusammen und wollte die Gräfin zur Rechenschaft ziehen. Er überfiel Schloss Čachtice und brachte die Adelige hinter Schloss und Riegel. Ihre Helfershelfer wurden ebenfalls festgenommen, gefoltert und ausgefragt. Drei wurden gleich zum Tode verurteilt und verbrannt. Elisabeth Báthory verschwand hinter Kerkermauern. Ab 1613 war die Anklage vorbereitet, und hundert Zeugen wurden befragt. Aber wegen politischer Querelen kam es nie zur offiziellen Anklageerhebung. Am 25. August 1614 wurde Elisabeth Báthory tot in ihrer Zelle gefunden.</p>
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<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/poser_irlandabtei.jpg" style="max-width:100%" class="frei" alt="Irland (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">So sieht ein Spukgemäuer aus. Irland, 1977.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
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<h5>Zu viel Besitz und zu viel Macht</h5>
<p>Ihre Geschichte wurde mehrmals verfilmt – so, wie jeder sie verfilmen würde. Es wurden grelle Romane über sie geschrieben. Das wäre nun ein wunderbares Thema für ein Buch gewesen, das man mit Schaudern liest. Doch Tony Thorne ist Historiker. Er erzählt gründlich, und ganz langsam sät er Zweifel in seine Geschichte. Könnte es nicht sein, dass einige Todesfälle medizinischen Praktiken zuzuschreiben waren, die man seinerzeit pflegte? Elisabeth Báthory sieht auf einem großen Gemälde, das in Budapest zu sehen ist, elegant aus. Sanfte Augen, grazile Gestalt.</p>
<p>Ich bat das Nationalmuseum in einer E-Mail darum, ihr Foto und das ihres Verfolgers verwenden zu dürfen (gratis freilich; das steckte semantisch in der Anfrage drin). Als Antwort kam ein Einschreibebrief mit der Erlaubnis und angekündigten  Kosten von 100 Euro. Ich musste dankend ablehnen. Wir sind ja hier nicht bei der FAZ.</p>
<p>Der Autor Thorne hat umfassend recherchiert und breitet akribisch aus, was er weiß. Die Machtverhältnisse der Gegend. Langsam stellt sich heraus, dass der gute Paladin George Thurzó, der so freundlich mit seiner Frau umgeht, bei einer weiteren Strafexpedition schnell ein paar Köpfe rollen lässt, dass er dynastische Träume hegt und möglichst schnell hochkommen will. Elisabeths Mann Francis Nádasdy, der Schlossherr, war 1604 gestorben. Die Witwe verwaltete den Besitz, ist gerecht und schreibt ruhige, deutliche Briefe.</p>
<p>Auch der Autor Tony Thorne wird deutlich: »Ohne Zweifel lag in der Meinung von Elisabeth Báthorys Zeitgenossen ihre Schuld darin, dass sie zu viel Besitz hatte, mehr als der Paladin, und zu viel Macht.« Eine weitere Meinung lautete, dass Macht den männlichen Sprösslingen zukommen sollte; Witwen sollten eigentlich nichts zu sagen haben und verdienten die Besitztümer nicht. »Es war nur eine Frage der Zeit, bis irgendjemand [...] gegen sie vorgehen würde.«</p>
<p>Thorne beschreibt, wie Elisabeth sich in zwei Welten bewegte – auf ihrem Schloss mit den Dienstboten und bei Festen des Adels. »Sie war ein Geschöpf ihrer Zeit, aber eine außerordentliche und starke Frau, die allerdings zu viel von sich hielt und zu viel von denen verlangte, die ihr aufwarteten.« Eine Anklage gegen sie zu zimmern, war vielleicht nicht schwer – und geradezu ideal, ihr Hexerei und das Foltern unschuldiger junger Mädchen vorzuwerfen. Auch das Motiv konnte jeder einfache Zeitgenosse nachvollziehen: Die Gräfin habe sich mithilfe des Blutes ewige Jugend sichern wollen. Da war Empörung im Volk garantiert!</p>
<p>Die Zeugenaussagen tröpfelten ein. »Dann, als klar wurde, dass Elisabeth Báthory verdammt war, löste sich die Spannung in einer Flut von Denunziationen.« Kennen wir das nicht? Die ersten Zeugen waren ja gleich verbrannt worden, zur zweiten Anklage kam es nicht. Elisabeth Báthory durfte sich nie zu den Vorwürfen äußern.  Hätte man sie vor einem Provinzgericht oder etwa einem höheren Gericht angeklagt, hätte sie womöglich Dinge gesagt, die niemand hören wollte. Wie gut, dass sie rechtzeitig starb. Der Paladin George Thurzó überlebte sie nur um knapp zwei Jahre.</p>
<p>Tony Thorne merkt pflichtbewusst an, dass wir nie wissen könnten, ob Elisabeth Báthory nicht vielleicht doch eine Blutgräfin war. Das Beweismaterial jedoch spricht eine andere Sprache. Dass seither 400 Jahre vergangen sind, macht keinen großen Unterschied. Haben wir nicht auch Fälle erlebt, die sonnenklar erschienen – und sich dann als ganz anders entpuppten? Die  Medien lieferten die Geschichte, die wir uns erwarteten. Kaum einer fragte nach oder bot eine besonnenere, zurückhaltende Version.</p>
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<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/poser_temeschwar.jpg" style="max-width:100%" class="frei" alt="Temeschwar (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Die lauschige Einfahrt in die Transsylvanien-Metropole Temeschwar.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
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<h5>Temeschwar 1989</h5>
<p>Oft zeigt sich dann, dass man vorschnell jemanden dämonisierte – wie man damals Elisabeth Báthory dämonisierte. Der oder die Angeklagte hat es schwer. Im Zweifel ist man immer gegen sie/ihn. Die Medienwelt geht so massiv und kompakt vor, dass abweichende Meinungen – sogar auf Fakten gestützte abweichende Versionen – keine Chance haben. Vielleicht erinnern wir uns noch an das angebliche Massaker von Temeschwar 1989, das 70.000 Menschen das Leben gekostet haben soll. Eine Agenturjournalistin wusste es besser, doch ihre Zentrale wischte die Fakten beiseite. Die anderen hatten die 70.000, da konnte man nicht zurückstehen. Heute weiß man, dass es eher 700 Menschen waren, die damals (im ganzen Land) ums Leben gekommen waren.</p>
<p>Man könnte nicht behaupten, dass es seither besser geworden wäre. Im Gegenteil: Es ist viel schlimmer geworden. Und es kann eigentlich nur noch schlimmer werden, nicht besser. Wir haben nun die Vielfalt, mit der uns Mitte der 1980er Jahre Privatfernsehen schmackhaft gemacht wurde. Als ich Ende 1985, vor einem Vierteljahrhundert, bei der dpa in Hamburg meine erste Redakteursstelle antrat, kam ich unter seriöse Herren (Damen gab es wenige). Das Verbum »durchführen« stand auf dem Index, weil es die Nazis verwendet hatten.</p>
<p>Meine Geschichten über Popmusiker und Filmstars wurden von den Kollegen, die viele Jahre in Nairobi, London und Kairo verbracht hatten, mit hochgezogenen Augenbrauen quittiert. Ich war der Paradiesvogel. Schrieb schon zehn Jahre vor der Gründung der dpa-Redaktion »Modernes Leben« über bunte Themen, über Rock und Sonnenbrillen. Da hast du es, Michail: Auch wer zu früh kommt, den bestraft das Leben manchmal.</p>
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		<title>Nachruf auf die Tabakspfeife</title>
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		<pubDate>Thu, 13 May 2010 22:30:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/flusser.jpg" class="right" width="150" alt="Auch ein Pfeifenraucher: Vilém Flusser (Foto: orange-press)" title="Auch ein Pfeifenraucher: Vilém Flusser (Foto: orange-press)" />Ein heißer Sommertag an der Côte d’Azur. Der belgische Romancier Georges Simenon hat sich vier Pfeifen gestopft, die nun vorbereitet in einem Gestell neben der Schreibmaschine auf ihn warten. Dann zieht er die Vorhänge zu, schenkt sich einen Genever ein und fängt zu schreiben an, denn Kommissar Maigret soll an einem nebligen Abend in Belgien einem Fall nachgehen, der auf einem Schiff spielt. Der Autor hört, wie das Wasser an die Bordwand klatscht ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein heißer Sommertag an der Côte d’Azur. Der belgische Romancier Georges Simenon hat sich vier Pfeifen gestopft, die nun vorbereitet in einem Gestell neben der Schreibmaschine auf ihn warten. Dann zieht er die Vorhänge zu, schenkt sich einen Genever ein und fängt zu schreiben an, denn Kommissar Maigret soll an einem nebligen Abend in Belgien einem Fall nachgehen, der auf einem Schiff spielt. Der Autor hört, wie das Wasser an die Bordwand klatscht.</p>
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<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/max+moritz.jpg" style="max-width:100%" width="100%" alt="Max und Moritz" /><br /><font size="-1"><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Max_und_Moritz">Max und Moritz</a>, die Bösen, präparieren die Pfeife des verhassten Lehrers Lämpel.</font></p>
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<h5>Die handelnden Personen </h5>
<p>Kommissar Maigret war natürlich auch ein besessener Pfeifenraucher. Meine Lieblingsseiten betrafen immer das ausgedehnte Abschlussverhör, das bis zur Erschöpfung aller Beteiligten dauerte. Zwischendurch riss der Kommissar, nehme ich an, einmal kurz das Fenster seines Büros auf und ließ sich vom Bistro unten Bier und Sandwiches kommen. Das war alles so sinnlich und doch einfach geschildert, dass man plötzlich selber Lust auf ein Sandwich und ein Bier bekam und das für das beste Gericht der Welt hielt. Kein Wunder, dass der Verhörte nach wenigen Stunden schon einknickte: Eingenebelt von Maigrets Tabak müssen ihm die Sinne geschwunden sein. Heute würde er den Gerichtshof für Menschenrechte anrufen wegen Folter.</p>
<p>Als Günter Grass vor vielleicht sieben Jahren in Rom in der Casa di Goethe ein Buch vorstellte, ließ ich es mir signieren und bemerkte beiläufig, dass ich ebenfalls Pfeifenraucher sei. »Ach«, erwiderte er etwas resigniert, »wir werden immer weniger.« Der einzige Tabakhändler in Müllheim (Baden) räumte vor einigen Monaten alle seine Pfeifen weg. Er verkaufe kaum mehr welche, meinte er, die Jungen rauchten alle Shisha – die orientalische Wasserpfeife – und die anderen höchstens noch Zigaretten.</p>
<p>Die ungeheure Rauchentwicklung der Pfeife ist heute natürlich anachronistisch und gilt fast schon als Körperverletzung. Früher wurde das hingenommen, ohne mit der Wimper zu zucken. Blicken wir zurück. Pfeife rauchten: Johann Sebastian Bach, Ernst Bloch, Raymond Chandler, Jacques Derrida, Friedrich Dürrenmatt, Albert Einstein, William Faulkner, Vilém Flusser, Max Frisch, Jens Gerlach, Vincent van Gogh, Carl Gustav Jung, Immanuel Kant, Paul Klee, Heinrich von Kleist, Golo Mann, Fritz Reuter, Bertrand Russell, Helmut Schmidt, Mark Twain, Herbert Wehner. Noch rauchen dürfen: Bill Bryson (bekannt vom <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2550/">Bibliotheken-Engel</a>), Siegfried Lenz. Nur Männer.</p>
<p>Die zweite große literarische Rauchergestalt ist Sherlock Holmes. Er war manchmal morgens schon mit der langen Lesepfeife von Doktor Watson anzutreffen und rauchte, wenn er sich langweilte, schon mal am Tag ein Päckchen Tabak weg. Holmes nahm aber auch Kokain und Morphium zu sich, was damals noch nicht verboten war. Sir Arthur Conan Doyle (1859–1930), der Medizin studierte, schuf mit Sherlock Holmes die Urgestalt des wissenschaftlich arbeitenden, dabei auch seine Kreativität einsetzenden Kriminalisten, wofür ihm ein Lehrer der Universität als Vorbild diente.</p>
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<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/poser_pfeifen.jpg" style="max-width:100%" width="100%" alt="Das Fensterbrett des rauchenden Autors (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Das Fensterbrett des rauchenden Autors (Foto: Manfred Poser)</font></p>
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<h5>Das Objekt </h5>
<p>Sprechen wir über die Pfeife. Den Tabak brachte Sir Walter Raleigh nach Europa; vor 1500 gab es da keine Pfeifen. Die Tabakspfeife fasste vor allem in Ländern mit kühlem Klima Fuß: in Deutschland, den Niederlanden, Dänemark, auf den britischen Inseln. Die besten Pfeifenmacher gibt es traditionell in Dänemark, dessen Tabake – auch aus Tradition – süß sind. Das Gegenteil sind die englischen Mischungen: Sie riechen nach Räucherschinken, und wer nie geraucht hat, kann sich nicht vorstellen, welchen Genuss sie bieten. (Gerade rauche ich »Early Morning Pipe« von Dunhill, den Lieblingstabak von Max Frisch.)</p>
<p>Die Friedenspfeife rauchen. Bei den Lakota-Indianern hieß die zeremonielle Pfeife Chanunpa, und der Schamane Black Elk erläutert: »Cha ist ein Holz, Nunpa ist zwei. Der Pfeifenkopf repräsentiert die ganze Welt. Der Stiel verkörpert den Baum des Lebens.« Der Stein gilt als das Weibliche, der Stiel als das Männliche: »Also sind Mann und Frau in der Chanunpa miteinander vereint.«</p>
<p>Pfeife rauchen war immer ein Ritual, eine Zeremonie. Das Objekt der Begierde ist fast ein Fetisch. Ich besitze 20 Exemplare, es waren auch schon einmal 30, und die teuerste Pfeife ist eine Davidoff für 400 Franken; stopfen; anzünden; die ersten Züge tun. »Pfeifenraucher sind ruhige Menschen.« Wie oft habe ich das gehört! – Dabei bin ich überhaupt nicht ruhig; manche Pfeifenraucher möchten gerne ruhig sein, darum rauchen sie. Langsam ziehen, das diszipliniert die Atmung, nachstopfen, ruhig bleiben; rauchen, wie man atmet. Es gibt sogar Wettbewerbe: 5 Gramm Tabak, ein Streichholz, wer kann am längsten?</p>
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<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/flusser.jpg" style="max-width:100%" width="100%" alt="Vilém Flusser (Foto: orange-press)" /><br /><font size="-1">Auch ein Pfeifenraucher: der große Kommunikationsphilosoph <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Vil%C3%A9m_Flusser">Vilém Flusser</a> (1920–1991).<br />
Am 14. Mai wäre er 90 Jahre alt geworden. (Foto: <a href="http://www.orange-press.com/programm/alle-titel/absolute-vilem-flusser.html">orange-press</a>, Freiburg)</font></p>
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<h5>Warum?</h5>
<p>Pfeifenraucher sind Genussmenschen – oder besser: Menschen, die den langen Genuss (Pfeife und Bier/Wein) dem kurzen Kick (Zigarette und Whisky) vorziehen. Sicher haben sie auch ein besonderes Verhältnis zum Olfaktorischen: Sie riechen und schnüffeln gern; Düfte bedeuten ihnen viel. Und das Ritual bedeutet ihnen viel. Es verselbständigt sich. Ich schreibe meist von zehn Uhr abends bis Mitternacht. Kühles Bier eingießen, Pfeife entzünden: Das ist der Startschuss. Dann geht es eigentlich nicht mehr ohne. Das ist Sucht.</p>
<p>Kürzlich las ich wieder einmal auf einer Serviceseite (vermutlich bei Yahoo oder Microsoft), um wie viel man sein Leben mit den Lastern Tabak und Alkohol verkürzt. Hat sich schon jemand Gedanken darüber gemacht, wie viel Leben dadurch gerettet wird, weil es ohne diese Laster quälend wäre? Ich rauche, weil ich rauchen muss. Robert Musil (Zigarettenraucher) schrieb einmal, er lebe, um zu rauchen.</p>
<p>Wenn die Pfeife gefüllt ist und dampft, beginnt eine frische Zeit; der Tabak glimmt, ich lege die Beine auf den Schreibtisch hoch, sehe den Rauchschwaden nach – und bin außerhalb der Zeit. Der sinkende Tabakstand in der Pfeife aber gemahnt daran, dass alles einmal zu Ende geht. Ich stopfe nach; doch irgendwann ist sie nur noch auszukratzen. Finito.</p>
<p>Als wir in St. Gallen einzogen, forderte ich, in meinem Arbeitszimmer rauchen zu dürfen; so kompromisslos sind wir. Man raucht, weil man meditativ schreiben will, doch drängt einem die Pfeife auch einen Rhythmus auf; so wie sie nicht ausgehen soll, schreibt man auch weiter und hält sich nicht auf; es muss weitergehen, und auch das stetige Summen des Computers unterhalb gibt einem eine Bewegung mit. Aber das muss kein Nachteil sein.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>(Übrigens habe ich beim Verfassen dieses Textes des öfteren irrtümlich »ruachen« geschrieben statt »rauchen«. Irrtümer sind kreativ. <em>Ruach Elohim</em> ist der Geist Gottes, der über den Wassern schwebte. <em>Ruach Hakodesh</em> ist in den hebräischen Schriften der Ausdruck für göttliche Inspiration, den Heiligen Geist, der zwischen Stimme und Sprechen vermittelt. Dies ist dem Buch <em>Sefer Yetzirah</em> zu entnehmen, in dem 1990 Aryeh Kaplan diese heilige Schrift interpretierte. Das Wort <em>Ruach</em> ist weiblich. Der Heilige Geist könnte ebenfalls weiblich sein. Das würde mir auch besser gefallen.)</p>
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