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	<title>Kritische Ausgabe &#187; 20 Jahre Mauerfall</title>
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	<description>Zeitschrift für Germanistik &#38; Literatur</description>
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		<title>»Der Herbst 1989 war wie Woodstock«</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Nov 2009 09:55:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Angela Gencarelli</dc:creator>
				<category><![CDATA[20 Jahre Mauerfall]]></category>
		<category><![CDATA[Interviews]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/11/jan-kuhlbrodt.JPG" alt="Jan Kuhlbrodt (Foto: Marie-Luise Marchand/Plöttner Verlag, Leipzig)" title="Jan Kuhlbrodt (Foto: Marie-Luise Marchand/Plöttner Verlag, Leipzig)" width="109" height="150" class=right />Im Jahr des 20. Jubiläums des Mauerfalls läuft die Erinnerungsindustrie auf Hochtouren. Dutzende Verlage haben den Buchmarkt mit schöner Literatur und einschlägigen Sachbüchern über die friedliche Revolution im Herbst 1989 geradezu überschwemmt. Dass viele Zeitzeugen in Interviews, Memoiren und autobiografischer Literatur über den Zusammenbruch der DDR berichten, ist aber keineswegs nur den Gesetzen des Marktes geschuldet. Oft liegt der schreibenden Erinnerungsarbeit ein ganz persönliches Erinnern-Wollen, ein Durcharbeiten der eigenen Rolle in der Vergangenheit, zu Grunde.

So auch bei dem 1966 in Karl-Marx-Stadt (seit 1. Juni 1990 wieder Chemnitz) geborenen Schriftsteller Jan Kuhlbrodt, für den das Schreiben einen »therapeutischen Effekt« hat, wie er selbst sagt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Jahr des 20. Jubiläums des Mauerfalls läuft die Erinnerungsindustrie auf Hochtouren. Dutzende Verlage haben den Buchmarkt mit schöner Literatur und einschlägigen Sachbüchern über die friedliche Revolution im Herbst 1989 geradezu überschwemmt. Dass viele Zeitzeugen in Interviews, Memoiren und autobiografischer Literatur über den Zusammenbruch der DDR berichten, ist aber keineswegs nur den Gesetzen des Marktes geschuldet. Oft liegt der schreibenden Erinnerungsarbeit ein ganz persönliches Erinnern-Wollen, ein Durcharbeiten der eigenen Rolle in der Vergangenheit, zu Grunde.</p>
<p>So auch bei dem 1966 in Karl-Marx-Stadt (seit 1. Juni 1990 wieder Chemnitz) geborenen Schriftsteller Jan Kuhlbrodt, für den das Schreiben einen »therapeutischen Effekt« hat, wie er selbst sagt. Der heute in Leipzig lebende Autor und Redakteur der Literaturzeitschrift <em>EDIT</em> hat dort zunächst politische Ökonomie studiert, nach 1989 dann Philosophie in Frankfurt am Main und später kreatives Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Neben Lyrik und Hörspielen hat Jan Kuhlbrodt auch Prosa-Texte veröffentlicht. In seinem zuletzt erschienenen Roman <em>Schneckenparadies</em> (2008) verarbeitet der Schriftsteller seine wechselvolle Biographie, die in einem Staat ihren Anfang fand, der im Herbst 1989 zusammenbrach.</p>
<dl style="width:217px; float:right; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/11/jan-kuhlbrodt.JPG" alt="Jan Kuhlbrodt (Foto: Marie-Luise Marchand/Plöttner Verlag, Leipzig)" title="Jan Kuhlbrodt (Foto: Marie-Luise Marchand/Plöttner Verlag, Leipzig)" width="217" height="300" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Jan Kuhlbrodt<br />
(Foto: Marie-Luise Marchand/<br />
Plöttner Verlag, Leipzig)
</dd>
</dl>
<p><strong>Kritische Ausgabe:</strong> Dein Buch <em>Schneckenparadies</em> ist in weiten Teilen autobiografisch. Es beginnt mit Kindheits- und Jugenderinnerungen im Karl-Marx-Stadt der späten 1970er und 1980er Jahre. Du schilderst jene Jahre in einer Atmosphäre des Verfalls und der Trägheit. Stand deine Kindheit und Jugend unter einem unglücklichen Stern?</p>
<p><strong>Jan Kuhlbrodt:</strong> Für Kinder gab es in der DDR zwei Dinge, mit denen man sich identifizieren konnte, weil der Sozialismus hier führend war: Das waren der Sport und die Raumfahrt. Sport habe ich nicht gemocht, Sport musste man in der Schule machen. Die Raumfahrt war weiter weg, da wurde man nicht geerdet, da konnte man träumen. Ich habe mit kleinen Bausets von Wostok-Raumschiffen gespielt und das hat mir ein Gefühl von Freiheit vermittelt. Mich hat auch immer die Vorstellung fasziniert, dass es außerirdisches Leben geben könnte. Es gab einen russischen Theoretiker, der gesagt hat: Wenn es uns gelingt, Kontakt mit  außerirdischem Leben aufzunehmen, dann müssen die anderen auch eine kommunistische Gesellschaft sein, sonst hätten sie sich längst zerstört. Das war mir einleuchtend, denn Kapitalismus hieß Krieg und Sozialismus bedeutete Frieden. Ich hatte permanent das Gefühl auf der richtigen Seite zu stehen, auf der Seite des Fortschritts. Das Messianische im Kommunismus und Sozialismus hat bei mir gefruchtet. Insofern war es eine glückliche Kindheit.</p>
<p><strong>K.A.:</strong> Die Träumerei für fremde Welten führte dich bald zur Politik. Wie würdest du diesen Weg beschreiben? </p>
<p><strong>J.K.:</strong> Meine Mutter war Horterzieherin und Lehrerin und brachte diese Themen mit nach Hause. Meine Mutter hat das auch alles gefressen. Sie war auf Linie. Ich habe auch alle Institutionen, angefangen von den Jung-Pionieren, durchlaufen. Als sich meine Eltern scheiden ließen, war das für mich – im Alter von 14 Jahren – ein Wendepunkt. Fortan wurde ich aufsässig. Ich hatte keine Lust mehr, mir allzu viel von Erwachsenen erzählen zu lassen. Das schlug bei mir in eine noch stärkere Politisierung um. Die Revolution hat mir das Elternhaus ersetzt, würde man im Sozialismus-Kitsch sagen. Ich habe mir Orientierungspunkte gesucht, die weit entfernt von meinen Eltern waren. Ich glaube, ich wäre unter diesen Bedingungen 1936 in die NSDAP eingetreten. Ohne Sozialismus und Nationalsozialismus gleichsetzen zu wollen. </p>
<p><strong>K.A.:</strong> Und was erhofftest du dir durch deine Politisierung?</p>
<p>Bei mir war es die Suche nach Geborgenheit, die ich in der großen Masse zu finden hoffte. Da gab es auch die richtigen Bilder zur Identifikation, wie z.B. das Festival des politischen Liedes in Berlin: Als die Menschen verschiedener Nationen aufstanden und mit erhobener Faust die <em>Internationale</em> sangen, war das ein beeindruckendes Bild für Gemeinschaft. Da wollte ich dazugehören. Ich bin dann auch 1984 als einziger Schüler aus meiner Klasse mit 18 Jahren in die SED eingetreten. Ich hatte darauf gewartet, endlich 18 zu werden, um diesen Antrag stellen zu können.</p>
<p><strong>K.A.:</strong> Sind es schwache Menschen, die nach Gruppenzugehörigkeit suchen?</p>
<p><strong>J.K.:</strong> Man hält sich immer für stärker als man ist. Zumindest die Männer. Sie halten sich für gefestigt in ihren Anschauungen, sind es aber nicht. Sie sind leicht erschütterbar. Es wird spröde, wenn etwas zu hart ist, und dann springt es auch leicht. Im Selbstbewusstsein war ich gefestigt, aber ich war es nicht wirklich. Ich habe gefestigt sein wollen.</p>
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		<title>Zwischen allen Stühlen</title>
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		<pubDate>Wed, 25 Nov 2009 09:54:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Angela Gencarelli</dc:creator>
				<category><![CDATA[20 Jahre Mauerfall]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kritische-ausgabe.de/?p=1984</guid>
		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/11/berliner_mauer.JPG" width=113 height=150 class=right alt="Symbol der friedlichen Revolution von 1989: Reste der Berliner Mauer (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" title="Symbol der friedlichen Revolution von 1989: Reste der Berliner Mauer (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" />Jan Kuhlbrodt macht es uns nicht leicht mit seinem Roman Schneckenparadies – und sich selbst auch nicht. Gleich der erste Satz ist ein Stolperstein. Wie heißt es da? »Vergangenheit beginnt«? Aber: Ist es nicht die Zukunft, die in der nächsten Sekunde beginnt und wenn diese verstrichen ist, bereits der Vergangenheit angehört? Wie kann Vergangenes beginnen?

Und doch: Vergangenheit beginnt gleich auf der ersten Seite des Buches <em>Schneckenparadies</em> des in Leipzig lebenden Schriftstellers. Denn Vergangenheit, das ist bei Kuhlbrodt ein Netz vieler kleiner Geschichten und Episoden, die sich durch die Erinnerungsarbeit erst als solche konstituieren. Und so ist Schreiben Erinnerungsarbeit; die Vergangenheit beginnt mit dem ersten geschriebenen Satz …]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Jan Kuhlbrodt macht es uns nicht leicht mit seinem Roman <em>Schneckenparadies</em> – und sich selbst auch nicht. Gleich der erste Satz ist ein Stolperstein. Wie heißt es da? »Vergangenheit beginnt«? Aber: Ist es nicht die Zukunft, die in der nächsten Sekunde beginnt und wenn diese verstrichen ist, bereits der Vergangenheit angehört? Wie kann Vergangenes beginnen?</p>
<p>Und doch: Vergangenheit beginnt gleich auf der ersten Seite des Buches <em>Schneckenparadies</em> des in Leipzig lebenden Schriftstellers. Denn Vergangenheit, das ist bei Kuhlbrodt ein Netz vieler kleiner Geschichten und Episoden, die sich durch die Erinnerungsarbeit erst als solche konstituieren. Und so ist Schreiben Erinnerungsarbeit; die Vergangenheit beginnt mit dem ersten geschriebenen Satz.</p>
<p>Erinnerungsarbeit kann zermürbende Selbstschau sein, besonders dann, wenn das Individuum einen enormen geschichtlichen Bruch zu verarbeiten hat – ein Bruch, der sich auch in Kuhlbrodts eigener Biografie wiederfindet (siehe <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2007/">Interview</a>): Der 1966 im damaligen Karl-Marx-Stadt geborene Schriftsteller ist als 18-jähriger der SED beigetreten. Nach drei einschneidenden Jahren der Wehrpflicht distanziert er sich mehr und mehr von der Staatspartei, ohne aber seine Vorstellungen eines demokratischen Sozialismus aufzugeben. Als Student der Politischen Ökonomie in Leipzig gründet er gemeinsam mit anderen im Nachgang zum Herbst 1989 einen Studentenrat als Diskussionsforum für die demokratische Reformierung der DDR, ohne aber die gesellschaftliche Dynamik beeinflussen zu können. So verlässt er Anfang der 1990er Jahre die Stadt Leipzig, um in Frankfurt Philosophie zu studieren und kehrt doch nach 7 Jahren wieder zurück.</p>
<p>In seinem 2008 veröffentlichten Roman <em>Schneckenparadies</em> erzählt Jan Kuhlbrodt die in weiten Teilen autobiografische Geschichte des Verlustes der großen kommunistischen Utopie als die Demonstranten in Leipzig, Berlin und Dresden im November 1989 nicht mehr nur »Wir bleiben hier«, sondern auch »Wir wollen raus« skandierten:</p>
<blockquote><p>[D]ie, die ertragen hatten […], [räumten] ihren Staat mit einem Mal plötzlich [weg], als hätten sie eben nur am Waldrand gepicknickt und das Land sei ihr Geschirr gewesen, als sie plötzlich die Zäune in ihrem Hof öffneten, die sie nie gestört hatten, und sich einen Frühling und einen halben Sommer lang nicht um die Gemüsebeete kümmerten.</p></blockquote>
<h5>Träge Straßenbahnen, verrottete Trabis und junge Revoluzzer</h5>
<dl style="width:300px; float:right; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/11/trabant.jpg" alt="Beschädigter Trabant (Foto: Gabriele Schülein)" title="Beschädigter Trabant (Foto: Gabriele Schülein)" /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Ein Trabant, der langsam verottet<br />
(Foto: Gabriele Schülein)
</dd>
</dl>
<p>Weniger mit einer durchgängigen Handlung als vielmehr in kleinen Episoden und Bildern entwickelt Kuhlbrodt einen Stimmungsbericht seiner Jugend in den 1980er Jahren in der DDR: Da gibt es die Metapher der trägen Straßenbahn, die den Kaßberg – ein Villenviertel in Chemnitz – müde und mürbe erklimmt. Oder den alten P70, ein Vorläufermodell des Trabants, der auf der Straße langsam verrottet, weil er nicht mehr zu reparieren ist und ohnehin alle noch verwertbaren Einzelteile des Autos demontiert wurden. In dieser tristen Atmosphäre des Vor-sich-hin-Dümpelns steht der Ich-Erzähler mehr als einmal anachronistisch in seiner Zeit: Als er sich mit seinem Schulfreund Thilo in der erweiterten Oberschule freiwillig zu einem der vielen Gemeinschaftsdienste meldet, nur um nicht auszufallen, haben die anderen Schüler die DDR längst abgeschrieben. Als sie einen gemähten Rasenplatz rächen, heißt es lakonisch: »Aus dem [Platz] hier nie etwas werden.« Es scheint, als habe der dröge Alltag einer ökonomisch niedergehenden DDR die einst so euphorischen Lieder einer enthusiastischen Aufbau-Jugend der 1950er Jahre längst verschluckt.</p>
<p>Und wieder ist der Ich-Erzähler ein Zeitenbrecher als er mit einer kleinen Gruppe von jungen Männern, die sich als Revolutionäre und Kommunisten verstehen, nur das Unverständnis der älteren Generationen ernten. Denn es heißt, sie sähen das Projekt Sozialismus entweder als abgeschlossen oder gescheitert an. Und die Staatsmacht stigmatisiert die mit verschlissener Kleidung und rotem Stern auftretenden Revoluzzer als Rowdys. Auf einer Reise zur Wartburg in Eisenach werden sie unterwegs von der Polizei aufgegriffen: »Wir […] verbrachten die Nacht in einer Zelle in Gotha, weil irgendetwas an uns die Transportpolizei gereizt hatte.«</p>
<p>In die mit Melancholie erzählten, nicht immer chronologisch geordneten Episoden, ist das Nachdenken über die großen philosophischen Fragen verwoben: Ein kleiner Junge sitzt vor einem Fenster, beobachtet die Regentropfen, wie sie still stehen, sich mit anderen vereinen und wieder weiter flitzen. Es ist die Suche nach den Triebkräften hinter der Bewegung, nach den Gründen für zufälliges Zusammentreffen von Menschen, nach Freiheit und freiem Willen:</p>
<blockquote><p>Vielleicht ist das, was wir Freundschaft nennen, eben etwas, das nur wie Freundschaft aussieht, eine zufällige Begegnung zweier Körper, den Gesetzen der Physik geschuldet, ein Zusammentreffen, das wir so lange vor uns hin buchstabieren, bis es einen Sinn ergibt. Weil wir den Zufall nicht ertragen können, und weil wir es nicht ertragen können, dass etwas, das uns betrifft, nur den Gesetzen der Physik unterliegt, weil wir uns in unseren Bewegungen erkennen wollen, in unserem Willen, und die anderen in dem ihren, weil wir es uns nicht eingestehen können, die Schatten der Dinge mit den Dingen verwechselt und von Freiheit nur geträumt zu haben.</p></blockquote>
<h5>Abschied von einer Utopie</h5>
<p>Die Wende – bei Kuhlbrodt nicht mit Anführungszeichen geschrieben –, verlangt seinem Schreiben als Erinnerungsarbeit die schwierigsten Anstrengungen ab: »Alles in mir hatte sich dagegen gesträubt, über die Ereignisse zwischen 1989 und 1991 zu schreiben, denn ich hätte Eingeständnisse fixieren und mir eine Rolle zuschreiben müssen, eine Rolle, die ich am Ende gar nicht gespielt habe«, schreibt Kuhlbrodt. Die Gefahr des autobiografischen Schreibens läge darin, »dass man vielleicht vor dem, der man einmal gewesen ist, nicht bestehen könnte.«</p>
<p>So ist es dann auch ein grundehrlicher und authentischer Platz, den sich Kuhlbrodt in der Geschichte zuweist: Erst als die Leipziger Montagsdemonstrationen bereits ihren Höhepunkt erreicht haben, verlässt der Ich-Erzähler seine sichere Beobachterposition und schließt sich der Protestbewegung an – nicht ohne dann aber eine Vorreiterrolle für sich in Anspruch zu nehmen:</p>
<blockquote><p>Auch ich wollte Held sein. Und mein Status als Student gab mir Recht, waren es nicht immer Studenten gewesen, die die Demokratiebewebungen anführten? Oder hatten die Studenten nur die besseren Chronisten, die ihre Rolle verklärten und damit die Rolle des Chronisten?</p></blockquote>
<p>Ironische Brechungen der gängigen Erinnerungspolitik in der Berliner Republik sind in Kuhlbrodts <em>Schneckenparadies</em> keine Seltenheit. Kuhlbrodt kommentiert den Beinamen der Stadt Leipzig als »Heldenstadt« als ob »die hiesigen Bürger verzweifelt einer feindlichen Übermacht standgehalten [hätten], als wären sie, jeder einzelne, in ihrer Verteidigungsbereitschaft über sich hinaus gewachsen. Leningrad. Stalingrad. Leipzig.«</p>
<p>Jan Kuhlbrodts Schreiben in kritischer Distanz über die Ereignisse im Herbst 1989 fügt sich nahtlos ein in die Trauer um den Verlust seiner Utopie einer demokratischen DDR, deren Ende mit der friedlichen Revolution und dem Fall der Mauer besiegelt gewesen zu sein schien. Es ist diese sonderbare Zerrissenheit, die Wolf Biermann mit »Ich möchte am liebsten weg sein &#8211; und bleibe am liebsten hier« besang.  Das epische Ich scheitert im Versuch, die einmal in Gang gesetzte gesellschaftliche Dynamik aufzuhalten: Das letzte Aufbäumen vor dem Lauf der Geschichte ist der Anschluss des Ich-Erzählers an die längst marginalisierte westdeutsche Linke in Frankfurt. Doch ihr widerständiges Potential verpufft in theoretisierenden Debatten und Hetzreden gegen die Sozialdemokraten als Verräter des Kommunismus.  Am Ende verlässt der Ich-Erzähler desillusioniert die autonomen Linken und kehrt nach Leipzig zurück, doch bleibt er auch hier unverwurzelt in der Zeit.</p>
<p>Die Heimatlosigkeit fasst Kuhlbrodt im Bild des Schneckenparadieses: Zwei Kinder bestücken eine gusseiserne Badewanne mit Gras und setzen Schnecken hinein. Nach wenigen Stunden suchen sich die Schnecken jedoch immer wieder einen Weg hinaus aus dem hergerichteten Paradies. Es ist ein Sinnbild für die gescheiterten Versuche des Menschen, eine Heimat zu schaffen.</p>
<h5>Nachdenken über Jan K.</h5>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/11/cover_schneckenparadies.jpg" class=right alt="Jan Kuhlbrodt: »Schneckenparadies« (Cover)" title="Jan Kuhlbrodt: »Schneckenparadies« (Cover)" />»Das Vergangene ist ein Fries, ein antiker Wandfries, mehrfach zerstört und aus einem Steinbruch geborgen: die Körper der Helden zusammengefügt aus unzähligen Stücken«, schreibt Kuhlbrodt. Es scheint, als wollte der Schriftsteller seine eigene Identität aus den Einzelteilen rekonstruieren, die der Steinbruch des Untergangs der DDR hinterlassen hat. Es ist ein Nachdenken über eine biografische Zerrissenheit, die sich in ihrer poetischen Form nicht in Memoiren vollziehen lässt. So ist <em>Schneckenparadies</em> auch kein Versuch, eine Generation und ihre typischen Erfahrungen zu beschreiben – wie etwa Ralf Julke in seiner Rezension in der <em>Leipziger Internet Zeitung</em> befunden hat. Kuhlbrodts Roman ist vielmehr ein persönliches In-Frage-Stellen einmal angenommener, gebrochener und wieder zusammengesetzter Identität(en). Insofern steht Kuhlbrodt nicht in einer Reihe von Autoren wie Jana Hensel (<em>Zonenkinder</em>), sondern eher in einer wie Christa Wolf (<em>Nachdenken über Christa T.</em>). Im Vergleich zu Christa Wolfs <em>Nachdenken über Christa T.</em> wird auch deutlich, was in Kuhlbrodts Roman fehlt: Er nennt die Teile seines Buches vorsichtig Versuche – wie z.B. »Versuch über Thilo«, »Versuch über Bernd« –, die unverkennbar Versuche über die (Neu-) Konstruktion von Identitäten sind,  die aber streckenweise in blassen Episoden über biografische Momente und ihre Verwicklung in das große zeithistorische Geschehen stecken bleiben. Bei Kuhlbrodt wirken die Identitäten besonders zum Ende des Buches hin wie Hüllen – er selbst schreibt, dass Bücher »Schalen sich selbst erzeugender oder angenommener Identitäten« seien – die den Blick hinter das Oberflächliche, das Vordringen in das Innere des Menschen, vermissen lassen.</p>
<p><em><a href="http://www.poetenladen.de/jan-kuhlbrodt.htm">Jan Kuhlbrodt</a>: <a href="http://www.ploettner-verlag.de/shop/Buecher-im-Shop/Belletristik/Schneckenparadies::76.html?XTCsid=71dd65eb4ee137e758e591483f67b46d">Schneckenparadies</a>. Leipzig: Plöttner Verlag, 2008. 140 Seiten. ISBN 978-3-938442-55-5. 14,90 Euro.</em></p>
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		<title>»Erst haben sie den Alkohol verboten, dann ist Tschernobyl explodiert.«</title>
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		<pubDate>Mon, 23 Nov 2009 07:00:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Fabian Thomas</dc:creator>
				<category><![CDATA[20 Jahre Mauerfall]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kritische-ausgabe.de/?p=1990</guid>
		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/11/berliner_mauer.JPG" width=113 height=150 class=right alt="Symbol der friedlichen Revolution von 1989: Reste der Berliner Mauer (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" title="Symbol der friedlichen Revolution von 1989: Reste der Berliner Mauer (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" />Der Fall der Berliner Mauer war in Osteuropa bekanntlich nur der Auftakt in einer Reihe von politischen Umwälzungen, an deren Ende der Zerfall der Sowjetunion stand. Die Ukraine hat sich bereits 1991 aus dem Staatenverbund herausgelöst. Die Frage nach der Orientierung in Richtung Europa oder Russland bestimmte lange das politische Geschehen. Nachdem im Zuge der viel beachteten sogenannten »Orangen Revolution« im Jahr 2004 der westliche orientierte Wiktor Juschtschenko die Stichwahl um das Präsidentenamt gewonnen hatte, sind die Augen Europas auch wieder verstärkt auf die äußerst lebendige ukrainische Literaturszene gerichtet. Im deutschen Sprachraum hat sich vor allem der Suhrkamp Verlag um die Bekanntheit jüngerer Autoren wie Ljubko Deresch und Serhij Zhadan verdient gemacht. Eine Generation älter ist Juri Andruchowytsch, der heute als einer der wichtigsten Schriftsteller seines Landes gilt. Seine Romane und Essays liegen – ebenfalls bei Suhrkamp – nun schon zu einem guten Teil auf Deutsch vor …]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Fall der Berliner Mauer war in Osteuropa bekanntlich nur der Auftakt in einer Reihe von politischen Umwälzungen, an deren Ende der Zerfall der Sowjetunion stand. Die Ukraine hat sich bereits 1991 aus dem Staatenverbund herausgelöst. Die Frage nach der Orientierung in Richtung Europa oder Russland bestimmte lange das politische Geschehen. Nachdem im Zuge der viel beachteten sogenannten »Orangen Revolution« im Jahr 2004 der westliche orientierte Wiktor Juschtschenko die Stichwahl um das Präsidentenamt gewonnen hatte, sind die Augen Europas auch wieder verstärkt auf die äußerst lebendige ukrainische Literaturszene gerichtet. Im deutschen Sprachraum hat sich vor allem der Suhrkamp Verlag um die Bekanntheit jüngerer Autoren wie Ljubko Deresch und Serhij Zhadan verdient gemacht. Eine Generation älter ist Juri Andruchowytsch, der heute als einer der wichtigsten Schriftsteller seines Landes gilt. Seine Romane und Essays liegen – ebenfalls bei Suhrkamp – nun schon zu einem guten Teil auf Deutsch vor.</p>
<h5>Schreiben an einer Landkarte der Identität</h5>
<dl style="width:300px; float:left; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/11/iwano-frankiwsk.jpg" alt="Iwano-Frankiwsk auf einer Ansichtskarte der Jahrhundertwende (um 1900)" title="Iwano-Frankiwsk auf einer Ansichtskarte der Jahrhundertwende (um 1900)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Der Geburtsort Andruchowytsches auf einer Ansichtskarte der Jahrhundertwende<br />
(um 1900, damals noch Stanislawiw/Stanislau)
</dd>
</dl>
<p>Die Lebensgeschichte von Juri Andruchowytsch ist eng verwoben mit der Geschichte der Ukraine seit den sechziger Jahren. Er wurde 1960 in Iwano-Frankiwsk geboren, einem in der Westukraine gelegenen Städtchen, das bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte und deren äußersten östlichen Ausläufer gebildet hatte. Aufgrund dieser historischen Konstellation ist Andruchowytschs Familiengeschichte gleichermaßen von ukrainisch-russischen und deutsch-österreichischen Anteilen geprägt, was zum zentralen Gegenstand seines Schreibens wurde.</p>
<p>Die Suche nach den familiären Wurzeln, Gedanken über die eigene Identität und mithin die geographische Verortung des eigenen Landes in einem Mitteleuropa, dessen West- und Ostgrenzen fließend sind, durchziehen thematisch das schriftstellerische Werk in verschiedenen Formen. Eindrucksvoll ist Andruchowytsch die Verschmelzung der Geographien in dem Roman <em>Zwölf Ringe</em> gelungen, in dem ein österreichischer Fotograf namens Karl-Joseph Zumbrunnen wieder und wieder in die postsowjetische Ukraine reist und von diesem chaotischen Land fasziniert ist. Von ähnlicher Erzählgewalt sind die Essaybände, teilweise zusammen mit dem polnischen Schriftstellerkollegen Andrzej Stasiuk verfasst, in welchen Expeditionen in die Ruinen der ukrainischen Landschaft sich mit Geschichten aus der Väter- und Großväter-Generation zu einem wundersamen Erzählfluss ergänzen.</p>
<h5>Ein Interview mit sich selbst – der Roman<em> Geheimnis</em></h5>
<p>Aber auch ein großer Fabulierer hat einmal klein angefangen. Um noch weiter zurück zu gehen als zu den politischen achtziger Jahren, in denen Andruchowytsch als Lyriker reüssierte und zeitweilig mit Band auftrat, sind es die Erlebnisse einer Kindheit zwischen Lemberg und Prag, die ebenso eine wichtige Rolle spielen. Und da setzt <em>Geheimnis</em> an, und ist doch alles andere als eine gerade herunter erzählte Autobiographie.</p>
<p>Bevor der Erzählvorgang einsetzt, erklärt der Autor in seinem Vorwort, das in seinem Spiel zwischen Realität und Fiktion an Ingo Schulzes <em>Neue Leben</em> erinnert, dass der Leser gar keinen Roman zu erwarten habe. Vielmehr sei dem zur Zeit der Niederschrift als Stipendiat des Berliner Wissenschaftskollegs in Berlin lebenden Andruchowytsch ein Journalist mit dem Namen Egon Alt (spätestens hier horcht der genaue Leser auf, handelt es sich doch um nichts anderes als ein Wortspiel mit dem lateinischen <em>alter ego</em>) begegnet, der ihm auf Anhieb so sympathisch war, dass er es ihm gewährte, ein auf sieben Tage angelegtes Großinterview zu führen, in dem er ausführlich Gelegenheit haben würde, über sein Leben Auskunft zu geben.</p>
<p>Der nun folgende Text gibt sich folglich als Abschrift der Tonbandaufnahmen von Egon Alt aus, der in einer tragischen Schlusswendung die Fertigstellung des Buches nicht mehr miterleben kann, da er in einem Autounfall sein fiktives Leben ausgehaucht hat. Der schöne Effekt des Kunstgriffs einer inszenierten Interviewsituation ist ein sich immer wieder durch nachhakende Fragen unterbrechender Erzählfluss, der dem allzuoft hemmungslos plaudernden Gegenüber die Richtung weist, nachbohrt, wenn er nicht zufrieden ist, und ihn auch vor manch argen Abschweifungen bewahrt. <em>Geheimnis</em> ist also formal ein auf 380 Seiten ausgebreitetes Interview. Tatsächlich hat aber Juri Andruchowytsch hier im Zwiegespräch mit sich selbst eine reizvolle Erzählform gefunden, die dem schriftstellerischen Narzissmus Rechnung trägt, es aber andererseits auch dem Leser leicht macht, der oft verwirrenden Handlung zu folgen, während die Kapitelschnitte im Tagesrhythmus den Stoff in sehr ökonomischer Form gliedern.</p>
<h5>Familiengeschichte in einem wechselvollen Zeitenlauf</h5>
<p>Wer Andruchowytschs verschlungener Autobiografie folgt, erfährt Wunderliches über das alte Lemberg und den Sehnsuchtsort Prag, an den ihn schicksalhafte Familienreisen führten. Natürlich ist <em>Geheimnis</em> auch eine Familiengeschichte: Der Vater, ein Förster von Beruf, teilt die literarische Begeisterung des Sohnes, hält ihn aber wiederum von zu argen Versuchungen wie Boccaccios <em>Decamerone </em>ab; die Mutter hört an jedem Sonntag das Wunschkonzert aus Lemberg auf Mittelwelle. Am ehesten aber ist die paradoxe ukrainische Existenz in der Großmutter Irena personifiziert, die alle Regimewechsel in ihrer Heimat erlebt hat: von Österreich, der Westukrainischen Volksrepublik über Polen und die Sowjetunion:</p>
<blockquote><p>Meine Oma, das ist ein phantastischer Spagat über den Fluß der Zeit. Am einen Ufer – Daguerrotypie, Franz Ferdinand, Stummfilm und Shimmy, am anderen – Kosmonauten, Mao Tse-Tung, Zentralfernsehen und der Tod Gagarins, den sie bitter beweinte.</p></blockquote>
<h5>Über Trunkenheit als Weltzustand</h5>
<dl style="width:300px; float:right; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/11/moskau_lubjanka.jpg" alt="Der Moskauer Lubjanka-Platz Anfang des 20. Jahrhunderts (Ansichtskarte, um 1910)" title="Der Moskauer Lubjanka-Platz Anfang des 20. Jahrhunderts (Ansichtskarte, um 1910)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Der Moskauer Lubjanka-Platz Anfang des 20. Jahrhunderts<br />
(Ansichtskarte, um 1910)
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<p>Aber <em>Geheimnis</em> ist nicht nur Autobiographie und Familienroman, sondern auch eine große Erzählung über die Trunkenheit als Weltzustand: in der Armeezeit, die sich hauptsächlich durch Abwesenheit jeglicher fleischlichen Genüsse auszeichnet, ist der »Stoff« die einzige Substanz zum Überleben. Danach zieht sich wie ein roter Faden eine Alkoholspur durch Andruchowytschs Leben, so dass man als Leser fast schon dankbar für die Gewissheit ist, dass der Autor das alles überlebt hat. Im Studentenwohnheim in Lemberg und später in Moskau (worüber ausführlich in seinem frühen Roman <em>Moscoviada</em> nachzulesen ist) und auch auf der Erzählebene mit seinem »alter ego« fließen Wodka und Bier in Strömen. Wie nahe sich die große, tragische Geschichte und der Alltag des Trinkens sind, bringt eine nur auf den ersten Blick lapidare Feststellung zum Jahr 1986, dem Jahr von Tschernobyl und der Perestroika, auf den Punkt, die man sich beim genaueren Hinschauen erst einmal auf der Zunge zergehen lassen muss: »Alles entwickelte sich immer katastrophaler. Im Sinne einer <em>Wunderbaren Katastrophe</em> natürlich. Erst haben sie den Alkohol verboten, dann ist Tschernobyl explodiert, und alles verbrannte.«</p>
<p>Der Nebelschleier, der sich über die Handlung legt, vermischt die gespenstische Wirklichkeit – etwa Breschnews Beerdigung, bei der der Sarg von grässlichem Lärm begleitet in die Grube polterte – mit fantasierten Anekdoten wie der Reise in einem musikalischen Kognakbus nach Freiburg, die durch eine humorlose ukrainische Grenzbeamtin abrupt unterbrochen wird. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der ukrainischen Unabhängigkeit, die vor allem Reisefreiheit bedeutete, kehrt Andruchowytsch wieder zu seinen Ursprüngen zurück: hier liegen die schönsten Stellen von <em>Geheimnis</em>, eine freundschaftliche Wiederannäherung zwischen Vater und Sohn und die beginnende Reflexion über die eigene Herkunft in einem schwer zu definierenden Mitteleuropa, das zu beiden Teilen West und Ost ist. Vielleicht ist deshalb gerade das wiedervereinigte Berlin der richtige Schlusspunkt für diesen außergewöhnlichen Roman. Er endet in einer Ruine einer amerikanischen Abhörstation am Teufelssee in Berlin, wo sich die beiden Hauptfiguren Egon Alt und Juri Andruchowytsch nach einer Fahrt quer durch die Stadt wiederfinden und gemeinsam eine letzte Flasche Wein leeren. »Genug Geschichten für heute?« – »Nur noch eine …«</p>
<p><em>Juri Andruchowytsch: <a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/geheimnis-juri_andruchowytsch_42011.html">Geheimnis. Sieben Tage mit Egon Alt</a>.</em> Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2008. 387 Seiten. ISBN: 978-3-518-42011-9 <a href="javascript:Pick it!ISBN: 978-3-518-42011-9"><img style="border: 0px none ;" src="http://www.citavi.com/softlink?linkid=FindIt" alt="Pick It!" title='Titel anhand dieser ISBN in Citavi-Projekt übernehmen'/></a> . 24,80 Euro.</p>
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		<title>Von der Aufsteiger- zur Aussteiger-Generation</title>
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		<pubDate>Thu, 19 Nov 2009 07:00:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Angela Gencarelli</dc:creator>
				<category><![CDATA[20 Jahre Mauerfall]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/11/berliner_mauer.JPG" width=113 height=150 class=right alt="Symbol der friedlichen Revolution von 1989: Reste der Berliner Mauer (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" title="Symbol der friedlichen Revolution von 1989: Reste der Berliner Mauer (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" />Generation Golf, Generation X, Generation Krisenkinder, Generation Praktikum … In der medialen Selbstbeschreibung unserer Gesellschaft ist der beliebig gepaarte Begriff der Generation längst nicht mehr wegzudenken. Sein Potential zur Analyse komplexer gesellschaftlicher Phänomene hat dieser Terminus trotz seines inflationären Gebrauchs nicht eingebüßt. In der sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Forschung gehört er längst zum etablierten historiografischen Analyseinstrumentarium. Auch die noch junge Generationen-Forschung zur Geschichte der DDR hat diesen Ansatz für sich entdeckt und neue Antworten auf die Frage gefunden, warum sich so viele Menschen von der SED-Regierung distanzierten, wie sich spätestens im Jahr 1989 offenkundig zeigte …]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Generation Golf, Generation X, Generation Krisenkinder, Generation Praktikum … In der medialen Selbstbeschreibung unserer Gesellschaft ist der beliebig gepaarte Begriff der Generation längst nicht mehr wegzudenken. Sein Potential zur Analyse komplexer gesellschaftlicher Phänomene hat dieser Terminus trotz seines inflationären Gebrauchs nicht eingebüßt. In der sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Forschung gehört er längst zum etablierten historiografischen Analyseinstrumentarium. Auch die noch junge Generationen-Forschung zur Geschichte der DDR<a href="#footnote-1-1946" id="footnote-link-1-1946" title="Zur Anmerkung"><sup>[1]</sup></a> hat diesen Ansatz für sich entdeckt und neue Antworten auf die Frage gefunden, warum sich so viele Menschen von der SED-Regierung distanzierten, wie sich spätestens im Jahr 1989 offenkundig zeigte: Besonders junge Menschen packten im Sommer 1989 massenhaft ihre Koffer und verließen die DDR nach der Öffnung der österreichisch-ungarischen Grenze in Richtung Bundesrepublik. In dieser Stunde des Ausblutens des Landes meldeten sich auch die zahlenmäßig kleinen Gruppen der Bürgerbewegung zu Wort, die inmitten der Krise und der späteren Massendemonstrationen in Leipzig, Berlin und andernorts für eine Reformierung der DDR eintraten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/11/kunjappu-jellinek_curriculum-vitae.jpg" alt="Susanne Kunjappu-Jellinek: »Curriculum Vitae« (East Site Gallery, Berlin – Foto: Alina Schröder, März 2008)" title="Susanne Kunjappu-Jellinek: »Curriculum Vitae« (East Site Gallery, Berlin – Foto: Alina Schröder, März 2008)" class="frei" /><br />
<font size="-1">Susanne Kunjappu-Jellinek: »Curriculum Vitae« (East Site Gallery, Berlin)<br />
(Foto: Alina Schröder, März 2008)</font></p>
<h5>Von der Integrations- zur Desintegrationsdynamik</h5>
<p>Was viele Beobachter als plötzlichen und überraschenden Zusammenbruch eines Staates wahrnahmen – gleichsam über Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 –, erklärt die Generationen-Forschung mit einem langwierigen, unterschwelligen Wandel der Mentalitäten, der sich an einer allmählichen Distanzierung vor allem junger Menschen vom DDR-System festmachen lässt. Auf diesen tiefgreifenden Prozess hatte bereits lange zuvor die historische Mentalitätenforschung anhand der Jahrgänge der 1950er, 60er, 70er und 80er Jahre aufmerksam gemacht. Die Bindung und Abwendung vom DDR-Staat hat zuerst aber die Generationen-Forschung nicht allein auf die Einstellung und Werthaltung biologischer Geburtenkohorten reduziert. Zwar stützt sich der Generations-Begriff auf benachbarte Geburtenjahrgänge, erweitert den Blick aber auf die sie prägenden geschichtlichen Ereignisse. Eine Generation umfasst demnach bestimmte Geburtenkohorten, die in einem ähnlichen Lebensalter durch vergleichbare Ereignisse geprägt wurden und sich somit durch gemeinsame Einstellungen und Wertorientierungen auszeichnen.<a href="#footnote-2-1946" id="footnote-link-2-1946" title="Zur Anmerkung"><sup>[2]</sup></a> Notwendige Voraussetzung für deren Entstehung sind bedeutende politische, soziale oder ökonomische Brüche, die in jeweils unterschiedlichem Alter verschieden erfahren und gedeutet werden.</p>
<p>Der Generationen-Ansatz, der die Mentalitäts- mit einer Sozial- und Staatsgeschichte verbindet, sieht den Schlüssel zum Verständnis des Untergangs der DDR in der Kehrtwende von einer Integrations- hin zu einer Desintegrationsdynamik begründet, die die anfängliche Bindekraft des politischen Systems erheblich schwächte: In den Aufbaujahren des DDR-Staates (1945 bis Anfang der 50er Jahre) waren die jüngeren Generationen tendenziell stärker als die älteren mit dem System verbunden. Erstere waren zur aktiven Beteiligung am Aufbau eines sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden aufgerufen und konnten die 50er als glückliche Jahre eines materiellen und sozialen Aufstiegs erleben. Die Jugendgenerationen der 80er Jahre hingegen waren in der DDR nicht mehr heimisch geworden. Sie waren in den Jahren der ökonomischen Stagnation und des Niedergangs aufgewachsen. In die Zeit ihrer Jugend fielen die erneuten Engpässe in der Versorgung der Bevölkerung Anfang der 80er Jahre und der drohende Kollaps des Staates aufgrund seiner stetig steigenden Nettoneuverschuldung.<a href="#footnote-3-1946" id="footnote-link-3-1946" title="Zur Anmerkung"><sup>[3]</sup></a></p>
<p>So machte die Integration der Menschen in das System in den relativ stabilen 70er Jahren mehr und mehr dem massenhaften Verfall der Staatsloyalität Platz, die im Herbst 1989 ihren Höhepunkt fand. Dieser Wandel der politischen wie sozialen Integrationsfähigkeit des Systems wurde anhand zwei zentraler Generationen nachgewiesen: der Aufbau- und der Distanzierten Generation.<a href="#footnote-4-1946" id="footnote-link-4-1946" title="Zur Anmerkung"><sup>[4]</sup></a></p>
<h5>Die Aufbau-Generation</h5>
<p>Zur prägenden Grunderfahrung der Aufbau-Generation, zu der man die Jahrgänge 1925–1935 zusammenfasst, gehört ein enormer Mobilitätsschub in der DDR der 50er Jahre. Es ist ein Jahrzehnt großer struktureller Veränderungen, die vor allem die Sozialstruktur und Eigentumsordnung beeinflussten. Die neu geschaffenen Stellen der mittleren Fach- und Funktionseliten in Staat und Wirtschaft waren überproportional häufig von Angehörigen dieser Generation besetzt.<a href="#footnote-5-1946" id="footnote-link-5-1946" title="Zur Anmerkung"><sup>[5]</sup></a> Hier erwies sich für die jungen, meist proletarischen Aufsteiger auch der notwendige Elitenaustausch nach der Zerschlagung des Nationalsozialismus von Vorteil.<a href="#footnote-6-1946" id="footnote-link-6-1946" title="Zur Anmerkung"><sup>[6]</sup></a> Dass seit der Gründung der DDR im Jahr 1949 bis zum Bau der Mauer im Jahr 1961 etwa 2,7 Millionen Menschen, darunter auch junge, qualifizierte Fachkräfte, die DDR in Richtung Westen verließen,<a href="#footnote-7-1946" id="footnote-link-7-1946" title="Zur Anmerkung"><sup>[7]</sup></a> eröffnete der Aufbau-Generationen weitere Chancen des sozialen und materiellen Aufstiegs.</p>
<p>Die Gewährung von Bildungs- und Aufstiegschancen führte bei dieser Generation der Aufsteiger zu einer tiefgehenden Bindung an das System. Die Mehrzahl stand der SED tendenziell loyal gegenüber. Ein Indiz ist ihre unterdurchschnittliche Abwanderungsquote bis zum Mauerbau im Jahr 1961. Gleichwohl sind sie nicht gänzlich als überzeugte Sozialisten, sondern vor allem als pragmatisch mit der DDR arrangierte Menschen einzustufen. In den Positionen der mittleren Fach- und Funktionseliten, die sie bis zum Ende der DDR besetzten, spielten sie eine außerordentliche Rolle für die Stabilisierung der DDR. Trotz der krisenhaften Entwicklungen der 80er Jahre wie z.B. die Verschlechterung der Versorgungslage der Bevölkerung, die dramatische Neuverschuldung des Staates oder die steigende Anzahl der Anträge zur »Entlassung aus der Staatsbürgerschaft«, blieb die Aufbau-Generation mit dem System versöhnt. Untersuchungen zur Sozialstruktur der Flucht- und Ausreisebewegung im Sommer und der Massenbewegung im Herbst des Jahres 1989 haben gezeigt, dass Angehörige der Aufbau-Generation hier kaum vertreten waren.</p>
<h5>Die Distanzierte Generation</h5>
<p>Die Tendenzen einer stark eingeschränkten Chancenstruktur und der Ausbau der Steuerung der Ausbildungs- und Erwerbsverläufe durch die SED führten zu einer Abnahme der Integrationsfähigkeit des Systems bei den jüngeren Generationen.<a href="#footnote-8-1946" id="footnote-link-8-1946" title="Zur Anmerkung"><sup>[8]</sup></a> Dass die SED seit Mitte der 70er Jahre die Zulassungsquote zum Hochschulstudium sowie auch die Abiturientenzahlen stark reduzierte, beschränkte die sozialen Aufstiegschancen erheblich. Die Reduzierung von sozialer Mobilität leitete eine Abwendung vom DDR-System ein, die bis zu einem Loyalitätsverfall reichte, wie sich besonders drastisch bei der sog. Distanzierten Generation (Jahrgänge etwa um 1960–1965) zeigt.</p>
<p>Die Mentalität dieser Generation ist durch eine kritisch-distanzierende Haltung zur DDR gekennzeichnet. Sie drückte ihren Protest in Form der massenhaften Verweigerung aus. Die ökonomische Stagnation der 80er Jahre ist ihre prägende Erfahrung, die die Abwendung von der DDR noch verstärkt haben dürfte. Anders als die Aufsteiger-Generation ist diese eine Aussteiger-Generation: Als im Sommer 1989 viele junge Menschen aus der DDR flüchteten, waren diese der Mehrzahl nach Angehörige der Distanzierten Generation. Die Ausreisewelle mobilisierte die Gruppen der Bürgerbewegung wie Neues Forum, Demokratie Jetzt und Demokratischer Aufbruch, die vergeblich versuchten, die gesellschaftliche Dynamik aufzuhalten. Die Einschränkung der sozialen Mobilität und die zunehmende Geschlossenheit des Systems aber machte es der Distanzierten Generationen unmöglich, ihre individuellen Lebensentwürfe einzulösen und ließen sie der DDR den Rücken zukehren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h4 class="anmerkungen">Anmerkungen</h4><ol class="footnotes"><li id="footnote-1-1946">Eine erste Bilanz über die Bandbreite der im vergangenen Jahrzehnt entstandenen Ansätze bietet der von Annegret Schüle, Rainer Gries und Thomas Ahbe herausgegebene Band <em>Die DDR aus generationengeschichtlicher Perspektive. Eine Inventur</em> aus dem Jahr 2006 (Leipzig: Leipziger Universitätsverlag).  [<a href="#footnote-link-1-1946">zurück</a>]</li><li id="footnote-2-1946">Zur theoretischen Auseinandersetzung mit dem Terminus Generation siehe: Herrmann, Ulrich: Was ist eine »Generation«? Methodologische und begriffsgeschichtliche Explorationen zu einem Idealtypus. In: Die DDR aus generationengeschichtlicher Perspektive. Eine Inventur. Hrsg. v. Annegret Schüle, Thomas Ahbe u. Rainer Gries. Leipzig 2006. S.23–46.  [<a href="#footnote-link-2-1946">zurück</a>]</li><li id="footnote-3-1946">Vgl. Weber, Hermann: DDR. Grundriß der Geschichte 1945–1990. Vollst. überarb. und erg. Neuaufl. Hannover 1991, S.200 f.  [<a href="#footnote-link-3-1946">zurück</a>]</li><li id="footnote-4-1946">Die Forschung hat in Bezug auf die DDR-Geschichte unterschiedliche Generationsmodelle und -profile (mit variierender Etikettierung und Jahrgangszuweisung) gefunden. Vgl. dazu neben dem in <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1946/#footnote-1-1946">Anm. 1</a> genannten Band u.a. Engler, Wolfgang: Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land. Berlin 1999; Lindner, Bernd: »Bau auf, Freie Deutsche Jugend« – und was dann? In: Reulecke, Jürgen: Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert. München 2003. S. 187–217.  [<a href="#footnote-link-4-1946">zurück</a>]</li><li id="footnote-5-1946">Vgl. Fulbrook, Mary: Generationen und Kohorten in der DDR. Protagonisten und Widersacher des DDR-Systems aus der Perspektive biographischer Daten. In: Die DDR aus generationengeschichtlicher Perspektive. Eine Inventur. Hrsg. v. Annegret Schüle, Thomas Ahbe u. Rainer Gries. Leipzig 2006. S.113–130.  [<a href="#footnote-link-5-1946">zurück</a>]</li><li id="footnote-6-1946">Vgl. Lindner, Bernd: »Bau auf, Freie Deutsche Jugend« – und was dann? [wie <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1946/#footnote-4-1946">Anm. 4</a>]. S. 203.  [<a href="#footnote-link-6-1946">zurück</a>]</li><li id="footnote-7-1946">Vgl. Lindner, Bernd: Die demokratische Revolution in der DDR 1989/90. Bonn 1998. S. 39.  [<a href="#footnote-link-7-1946">zurück</a>]</li><li id="footnote-8-1946">Vgl. Kohli, Martin: Die DDR als Arbeitsgesellschaft? Arbeit, Lebenslauf und soziale Differenzierung. In: Sozialgeschichte der DDR. Hrsg. v. Hartmut Kaelble, Jürgen Kocka u. Helmut Zwahr. Stuttgart 1994. S.31–61.  [<a href="#footnote-link-8-1946">zurück</a>]</li></ol>]]></content:encoded>
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		<title>Der Herbst 1989 – eine Revolution?</title>
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		<pubDate>Tue, 17 Nov 2009 10:30:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N. N.</dc:creator>
				<category><![CDATA[20 Jahre Mauerfall]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/11/berliner_mauer.JPG" width=113 height=150 class=right alt="Symbol der friedlichen Revolution von 1989: Reste der Berliner Mauer (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" title="Symbol der friedlichen Revolution von 1989: Reste der Berliner Mauer (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" />Nur wer mit wachsamen Augen durch Berlin geht, kann sie sehen. Eine in den Straßenboden eingelassene Doppelreihe Kopfsteinpflaster, die sich quer durch die Stadt zieht. Heute überwinden die Menschen sie ohne große Mühe; das wäre zwanzig Jahre zuvor noch undenkbar gewesen. Diese Kopfsteinpflaster zeichnen den Weg der Berliner Mauer nach, die in voller Größe heute nur noch an wenigen Plätzen wie an der Bernauer Straße und der East Side Gallery an der Spree zu sehen ist.

Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer feiern unzählige Dokumentarfilme, Bücher und Feuilletons das Wunder der friedlichen Revolution, die den Deutschen die Wiedervereinigung beschert habe. Doch war der Umbruch 1989 wirklich eine Revolution? Zwar hat der Herbst 1989 tatsächlich tiefgreifende politische Veränderungen quasi über Nacht, vom 9. auf den 10. November, gebracht, aber ist das bereits als Revolution zu bezeichnen? Denkt man bei diesem Begriff nicht unweigerlich an Robespierre, jakobinische Schreckensherrschaft, an enthauptete Monarchen, also kurzum an die Gewalt, die alle klassischen Revolutionen bisher begleitete, von der Französischen (1789) über die März- (1848/49) bis zur Novemberrevolution (1918)?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nur wer mit wachsamen Augen durch Berlin geht, kann sie sehen. Eine in den Straßenboden eingelassene Doppelreihe Kopfsteinpflaster, die sich quer durch die Stadt zieht. Heute überwinden die Menschen sie ohne große Mühe; das wäre zwanzig Jahre zuvor noch undenkbar gewesen. Diese Kopfsteinpflaster zeichnen den Weg der Berliner Mauer nach, die in voller Größe heute nur noch an wenigen Plätzen wie an der Bernauer Straße und der East Side Gallery an der Spree zu sehen ist.</p>
<dl style="width:225px; float:right; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/11/mauerstreifen.jpg" alt="Quer durch Berlin verflegtes Kopfsteinpflaster erinnert heute an den Verlauf der Berliner Mauer (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" title="Quer durch Berlin verflegtes Kopfsteinpflaster erinnert heute an den Verlauf der Berliner Mauer (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Quer durch Berlin verflegtes<br />
Kopfsteinpflaster erinnert heute<br />
an den Verlauf der Berliner Mauer<br />
(Foto: Benedikt Viertelhaus)
</dd>
</dl>
<p>Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer feiern unzählige Dokumentarfilme, Bücher und Feuilletons das Wunder der friedlichen Revolution, die den Deutschen die Wiedervereinigung beschert habe. Doch war der Umbruch 1989 wirklich eine Revolution? Zwar hat der Herbst 1989 tatsächlich tiefgreifende politische Veränderungen quasi über Nacht, vom 9. auf den 10. November, gebracht, aber ist das bereits als Revolution zu bezeichnen? Denkt man bei diesem Begriff nicht unweigerlich an Robespierre, jakobinische Schreckensherrschaft, an enthauptete Monarchen, also kurzum an die Gewalt, die alle klassischen Revolutionen bisher begleitete, von der Französischen (1789) über die März- (1848/49) bis zur Novemberrevolution (1918)?</p>
<p>In der Erinnerungskultur der Berliner Republik hat sich neben der Rede von der friedlichen Revolution ein weiteres geflügeltes Wort für die Ereignisse im Jahr 1989 behauptet: Der Begriff der ›Wende‹<a href="#footnote-1-1918" id="footnote-link-1-1918" title="Zur Anmerkung"><sup>[1]</sup></a> hat sich im alltäglichen Sprachgebrauch vor allem in den neuen Bundesländern durchgesetzt. Jedoch erweist sich dieser Terminus für die gesellschaftspolitische Bedeutung des Herbstes 1989 als gänzlich ungeeignet. ›Wende‹ suggeriert eine Reformierung der DDR durch die alte, neue Staatsführung unter Egon Krenz, die aber keinesfalls stattfand. Gleichzeitig schmälert der Wende-Begriff die Rolle der sich ihrem Unmut Luft verschaffenden Demonstranten. Dass die Menschen auf die Straße gingen und elementarste Rechte von ihrer Obrigkeit einforderten, ist ohne den schleichenden Untergang des kommunistischen Herrschaftsapparates nicht denkbar. Und genau das ist die Besonderheit der massiven Umwälzungen, die im Herbst 1989 ihren Höhepunkt fanden und als Revolution zu bezeichnen sind, wenn man von einem gewaltkonnotierten Gebrauch dieses Begriffes absieht: Der Untergang des Staates war mehr dem Legitimationsverfall der SED geschuldet als der Aneignung der Macht durch Demonstranten und Dissidenten.<a href="#footnote-2-1918" id="footnote-link-2-1918" title="Zur Anmerkung"><sup>[2]</sup></a></p>
<h5>Erosion in der Partei und im Staat</h5>
<p>Der Machtverlust der SED zeichnete sich bereits im Jahr 1985 ab, als die Staatspartei in zwei gegensätzliche Lager zerfiel: Zum einen in das der Gorbatschow-Anhänger, die sich vom sowjetischen Staats- und Parteichef Impulse für die DDR und außerdem ein baldiges Ende der gerontokratischen<a href="#footnote-3-1918" id="footnote-link-3-1918" title="Zur Anmerkung"><sup>[3]</sup></a> Führungsspitze um Erich Honecker erhofften. Zum anderen in das Lager der konservativen Honecker-Treuen, die den Sozialismus durch den neuen Kurs Moskaus bedroht sahen – selbst in der KPdSU waren Glasnost und Perestroika nicht unumstritten; ein Staatsstreich nicht ausgeschlossen<a href="#footnote-4-1918" id="footnote-link-4-1918" title="Zur Anmerkung"><sup>[4]</sup></a> – und immer mehr an Realitätsverlust litten. So wurde dann auch die innere Erosion der Partei im September 1989 durch eine Erhebung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) über die Befindlichkeiten der Parteigenossen ganz offenbar.<a href="#footnote-5-1918" id="footnote-link-5-1918" title="Zur Anmerkung"><sup>[5]</sup></a> Das Ergebnis des von Stasi-Chef Erich Mielke delegierten Stimmungsberichtes war symptomatisch für diese Zeit und machte deutlich, dass sich selbst höhere SED-Funktionäre in ihrer Haltung nicht mehr wesentlich von der restlichen Bevölkerung unterschieden: Unzufriedenheit über die Versorgungslage, Perspektivlosigkeit, Gleichgültigkeit gegenüber dem gesellschaftlichen und politischen Leben in der DDR, schwindende Motivation sowie eine reduzierte Leistungsbereitschaft war die bedrückende Bestandsaufnahme.<a href="#footnote-6-1918" id="footnote-link-6-1918" title="Zur Anmerkung"><sup>[6]</sup></a> Kurzum: der Trend gestiegener Ausreisebestrebungen und die allgemeine Apathie der Bevölkerung gegenüber ihrer aussichtslosen Lage schlugen auch in der Partei mit Austritten und Austrittsdrohungen mächtig zu Buche.<a href="#footnote-7-1918" id="footnote-link-7-1918" title="Zur Anmerkung"><sup>[7]</sup></a> Das Vertrauen in die Partei(-führung), ihre Politik und ihre zentralistische Organisation war bei den Mitgliedern erschüttert. Das Vertrauen der Bevölkerung in den ökonomisch abgewirtschafteten, ökologisch daniederliegenden und politisch endgültig desavouierten Staat war es schon lange.</p>
<p>In dieses Klima der deprimierten Hoffnungslosigkeit fiel der 40. Jahrestag der DDR, der dann zugleich auch ihr letzter gewesen sein sollte. An diesem Tag hatte Erich Honecker noch verkündet: </p>
<blockquote><p>Unsere Republik gehört zu den zehn leistungsfähigsten Industriestaaten der Welt, zu den knapp zwei Dutzend Ländern mit dem höchsten Lebensstandard. […] Heute ist die DDR ein Vorposten des Friedens und des Sozialismus in Europa.<a href="#footnote-8-1918" id="footnote-link-8-1918" title="Zur Anmerkung"><sup>[8]</sup></a></p></blockquote>
<p>Angesichts des faktisch staatlichen Bankrotts waren das mutige Worte, die sich fast schon als Durchhalteparole lesen lassen. Die DDR war mit 49 Milliarden Valuta-Mark im sogenannten nichtsozialistischen Ausland verschuldet, der Arbeiter- und Bauernstaat stand kurz vor der Zahlungsunfähigkeit.<a href="#footnote-9-1918" id="footnote-link-9-1918" title="Zur Anmerkung"><sup>[9]</sup></a> Allein 1990 hätte der Lebensstandard nach internen Angaben um 25 bis 30 Prozent gesenkt werden müssen, um die Verschuldung zu stoppen, was aber unmöglich war.<a href="#footnote-10-1918" id="footnote-link-10-1918" title="Zur Anmerkung"><sup>[10]</sup></a> Aber auch in politischer Hinsicht muteten die selbstherrlichen Feiern rund um den 7. Oktober geradezu grotesk an. Es war ein letztes Aufbäumen gegen die Zeichen der Zeit und gegen die eigene Bevölkerung, mit militärischem Pomp und anachronistischem Fackelzug der Freien Deutschen Jugend über den Boulevard Unter den Linden. Denn zur selben Zeit hatten die Menschen bereits massenhaft die Flucht über Ungarn, das seine Grenze zu Österreich geöffnet hatte, angetreten. Die Besetzung der Botschaft der Bundesrepublik in Prag sowie die Ausreise jener Flüchtlinge über DDR-Territorium, begleitet von massiven Auseinandersetzungen in Dresden und andernorts, als dort die Züge erwartet wurden, waren ebenso wie die sich an die Montagsgebete in der Leipziger Nikolaikirche anschließenden Demonstrationen weitere Höhepunkte des Unmuts, dessen Anlass die gefälschten Kommunalwahlen vom Mai 1989 waren.</p>
<h5>Zum 40. Jahrestag der DDR der Kollaps des Systems</h5>
<p>Seit einem Jahr bereitete die Partei sich auf das Jubiläum vor, aber nicht nur in friedlicher und feierlicher Absicht. Die nach dem Aufstand des 17. Juni 1953 eingerichteten Bezirks- und Kriseneinsatzleitungen arbeiteten seit Beginn des Jubiläumsjahres akribisch genau mit Hinblick auf den 7. Oktober, um zusammen mit den staatlichen Stellen auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein.<a href="#footnote-11-1918" id="footnote-link-11-1918" title="Zur Anmerkung"><sup>[11]</sup></a> Auch die »Kampfgruppen der Arbeiterklasse«<a href="#footnote-12-1918" id="footnote-link-12-1918" title="Zur Anmerkung"><sup>[12]</sup></a> wurden verstärkt, damit gegen unerlaubte und somit auch unerwünschte Aktivitäten der Opposition vorgegangen werden konnte. Bereits im November 1988 erteilte der Erste Sekretär der Bezirksleitung von Ost-Berlin, Zentralkomitee- und Politbüromitglied Günter Schabowski, die unmissverständliche Weisung:</p>
<blockquote><p>Die Volkspolizei Berlin hat zu gewährleisten, daß durch die Kampfgruppen der Arbeiterklasse die Aufgaben im Interesse der jederzeitigen Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit, insbesondere gegen subversive und konterrevolutionäre Machenschaften des Gegners sowie im Rahmen der Landesverteidigung zuverlässig erfüllt werden können.<a href="#footnote-13-1918" id="footnote-link-13-1918" title="Zur Anmerkung"><sup>[13]</sup></a></p></blockquote>
<dl style="width:300px; float:right; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/11/bernauer-strasse.jpg" alt="Ein Ort der Erinnerung: Die Gedenkstätte Bernauer Straße (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" title="Ein Ort der Erinnerung: Die Gedenkstätte Bernauer Straße (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Ein Ort der Erinnerung: Die Gedenkstätte Bernauer Straße<br />
(Foto: Benedikt Viertelhaus)
</dd>
</dl>
<p>Auch Michail Gorbatschow, der große Bruder aus Moskau, der schon sehr frühzeitig eine sowjetische Intervention ausschloss und somit die Breschnew-Doktrin<a href="#footnote-14-1918" id="footnote-link-14-1918" title="Zur Anmerkung"><sup>[14]</sup></a> aufgab, war zugegen, als sich unzählige Demonstranten mit »Gorbi«- und »Keine Gewalt«-Rufen gegenüber des Palasts der Republik, in dem das abendliche Staatsbankett mit Gästen aus aller Welt (u.a. Jassir Arafat) stattfand, Gehör verschaffen wollten. Nachdem der dann teils ungeliebte Kreml-Herrscher am selben Abend das Flugzeug bestieg, kam es unter dem viel zitierten Mielke-Motto »Jetzt ist Schluß mit dem Humanismus«<a href="#footnote-15-1918" id="footnote-link-15-1918" title="Zur Anmerkung"><sup>[15]</sup></a> zum letzten gewalttätigen Aufbegehren gegen die Demonstranten. Dass es keine – wie von Egon Krenz in Bezug auf das wenige Monate zuvor stattgefundene Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking noch gelobte – »chinesische Lösung«<a href="#footnote-16-1918" id="footnote-link-16-1918" title="Zur Anmerkung"><sup>[16]</sup></a> geben würde, war keinesfalls gewiss. Ganz im Gegenteil: Mit großer Wahrscheinlichkeit ist davon auszugehen, dass der Sicherheitsapparat eine Situation provozieren wollte, die durch einen gewaltsamen Schlag hätte gelöst werden können, um die innere Ordnung wiederherzustellen.<a href="#footnote-17-1918" id="footnote-link-17-1918" title="Zur Anmerkung"><sup>[17]</sup></a> So waren beispielsweise Verbände der Nationalen Volksarmee rund um Leipzig zusammengezogen worden. Nachdem diese Lösung aber in der Nacht vom 9. auf den 10. Oktober in Leipzig durch Weisung der Parteispitze ausblieb, war das Ende der DDR, wie sie zumindest bis dato existierte, absehbar. »Der Untergang des SED-Staates folgte weniger aus der Niederlage gegen einen erstarkten Gegner, sondern besiegelte vor allem eine innere Auflösung aus eigener Schwäche«, so der Historiker Martin Sabrow.<a href="#footnote-18-1918" id="footnote-link-18-1918" title="Zur Anmerkung"><sup>[18]</sup></a> </p>
<h5>Umsturz durch die friedliche Revolution</h5>
<p>Sieht man vom alljährlichen Pathos und der geschichtspolitischen Vereinnahmung ab, so kann man der Kette von Ereignissen, die sich von den Kommunalwahlen im Mai 1989 bis zur ersten und letzten freien, gleichen und geheimen Wahl der Volkskammer im März 1990 erstreckt, attestieren, dass es sich in der Tat um eine Revolution handelte. »Ich war bereit, der DDR den Prozess zu machen wegen Korruption, Willkür, Schlamperei, Zensur, all der Dinge, die mich in den späten Achtzigern gestört, empört hatten. Das sollte aufgeklärt werden, damit es nicht wieder geschah« , schreibt Jens Bisky<a href="#footnote-19-1918" id="footnote-link-19-1918" title="Zur Anmerkung"><sup>[19]</sup></a> – und vermutlich ging es vielen Menschen in der DDR so. Sie hatten beharrlich an ihren Zielen der Demokratisierung festgehalten, waren friedlich und zugleich revolutionär. Und dennoch </p>
<blockquote><p>präsentiert der Herbst 1989 sich erinnerungsgeschichtlich als ein Staatsbankrott, und seine im Gedächtnis unserer Zeit haftenden Bildikonen sind die hilflosen Sprecher der Macht wie Schabowski und mit ihnen die freudetrunkenen Massen bei der Maueröffnung, aber eben keine Helden des Umsturzes und Bannerträger des Neuen.<a href="#footnote-20-1918" id="footnote-link-20-1918" title="Zur Anmerkung"><sup>[20]</sup></a></p></blockquote>
<p>Die Ergebnisse aber, die die Massenbewegung erzielte, können nicht in die Waagschale des geflossenen Blutes als Gradmesser eines normativen Revolutionsbegriffs gelegt werden. Sie müssen gemessen werden an der Unumkehrbarkeit der geschaffenen Fakten, eine gleichermaßen Überwachungs-, Konsens- und Versorgungsdiktatur komplett aus ihren Angeln gehoben und die gesellschaftlichen und politischen Herrschaftsverhältnisse gänzlich umgewälzt zu haben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h4 class="anmerkungen">Anmerkungen</h4><ol class="footnotes"><li id="footnote-1-1918">Der Begriff stammt von Egon Krenz, den er in einer Fernsehansprache an die Bevölkerung am Abend des 18. Oktober  verwendete. Nachmittags hatte er diese Rede bereits vor dem Zentralkomitee vorgetragen: »Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und ideologische Offensive wieder erlangen.« – Zitiert nach Kowalczuk, Ilko-Sascha: Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR. München 2009. S. 427.  [<a href="#footnote-link-1-1918">zurück</a>]</li><li id="footnote-2-1918">Vgl. Sabrow, Martin: <a href="http://www.zzf-pdm.de/Portals/_Rainbow/Documents/Sabrow/08%20Wende%20oder%20Revolution.doc">Der ostdeutsche Herbst 1989 – Wende oder Revolution? Vortrag, gehalten auf dem Festkolloquium zu Ehren von Hans-Ulrich Thamer, LWL-Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte, Münster, am 11.10.2008 [MS-WORD-Dukument]</a>. S. 3.  [<a href="#footnote-link-2-1918">zurück</a>]</li><li id="footnote-3-1918">Der Begriff der Gerontokratie für die Führungsspitze der DDR stammt vom Historiker Manfred Görtemaker, der diesen u.a. in Vorträgen und Vorlesungen verwendet.  [<a href="#footnote-link-3-1918">zurück</a>]</li><li id="footnote-4-1918">Dieser folgte dann am 19. August 1991 und markierte trotz seiner Erfolglosigkeit das Ende der Sowjetunion. – Vgl. Hildermeier, Manfred: Die Sowjetunion 1917–1991. München <sup>2</sup>2007.  [<a href="#footnote-link-4-1918">zurück</a>]</li><li id="footnote-5-1918">Vgl. Wolle, Stefan: Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971–1989. Bonn 1999. S. 316.  [<a href="#footnote-link-5-1918">zurück</a>]</li><li id="footnote-6-1918">Vgl. ebd.  [<a href="#footnote-link-6-1918">zurück</a>]</li><li id="footnote-7-1918">Vgl. ebd.  [<a href="#footnote-link-7-1918">zurück</a>]</li><li id="footnote-8-1918">Zitiert nach: Hertle, Hans-Hermann/Wolle, Stefan: Damals in der DDR. Der Alltag im Arbeiter- und Bauernstaat. München 2004. S. 287.  [<a href="#footnote-link-8-1918">zurück</a>]</li><li id="footnote-9-1918"> Bereits 1984 hatte die Bundesrepublik diese Entwicklung durch einen knapp 1,5 Milliarden DM hohen Kredit samt Bürgschaft gestoppt und somit die internationale Liquidität der DDR wiederhergestellt und garantiert.  [<a href="#footnote-link-9-1918">zurück</a>]</li><li id="footnote-10-1918">Vgl. Wolle, Stefan: Die heile Welt der Diktatur [wie <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1918/#footnote-5-1918">Anm. 5</a>]. S. 202.  [<a href="#footnote-link-10-1918">zurück</a>]</li><li id="footnote-11-1918">Vgl. Kowalczuk, Ilko-Sascha: Endspiel [wie <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1918/#footnote-1-1918">Anm. 1</a>]. S. 388 f.  [<a href="#footnote-link-11-1918">zurück</a>]</li><li id="footnote-12-1918">Paramilitärische Formation von gut 200.000 Angehörigen, die zur Bekämpfung ‚staatsfeindlicher’ Aktivitäten, aber auch für den Zivilschutz vorgesehen war.  [<a href="#footnote-link-12-1918">zurück</a>]</li><li id="footnote-13-1918">Zitiert nach: Kowalczuk, Ilko-Sascha: Endspiel [wie <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1918/#footnote-1-1918">Anm. 1</a>]. S. 389.  [<a href="#footnote-link-13-1918">zurück</a>]</li><li id="footnote-14-1918">Zur Sicherung des Sozialismus in den Staaten des Warschauer Paktes behielt sich die östliche Führungsmacht ab 1968 ausdrücklich militärische Interventionen vor (nachdem sie dies bereits in den Jahren 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn und wenige Monate zuvor im ›Prager Frühling‹ praktiziert hatte) und beschnitt somit zusätzlich die ohnehin geringe Souveränität ihrer Satellitenstaaten.  [<a href="#footnote-link-14-1918">zurück</a>]</li><li id="footnote-15-1918">Vgl. Wolle, Stefan: Die heile Welt der Diktatur [wie <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1918/#footnote-5-1918">Anm. 5</a>]. S. 322.  [<a href="#footnote-link-15-1918">zurück</a>]</li><li id="footnote-16-1918">Vgl. Kowalczuk, Ilko-Sascha: Endspiel [wie <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1918/#footnote-1-1918">Anm. 1</a>]. S. 401.  [<a href="#footnote-link-16-1918">zurück</a>]</li><li id="footnote-17-1918">Vgl. Wolle, Stefan: Die heile Welt der Diktatur [wie <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1918/#footnote-5-1918">Anm. 5</a>]. S. 323.  [<a href="#footnote-link-17-1918">zurück</a>]</li><li id="footnote-18-1918">Vgl. Sabrow, Martin: Der ostdeutsche Herbst 1989 – Wende oder Revolution? [wie <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1918/#footnote-2-1918">Anm. 2</a>]. S. 10.  [<a href="#footnote-link-18-1918">zurück</a>]</li><li id="footnote-19-1918">Bisky, Jens: Geboren am 13. August. Der Sozialismus und ich. Berlin <sup>2</sup>2004. S. 210.  [<a href="#footnote-link-19-1918">zurück</a>]</li><li id="footnote-20-1918">Vgl. Sabrow, Martin: Der ostdeutsche Herbst 1989 – Wende oder Revolution? [wie <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1918/#footnote-2-1918">Anm. 2</a>]. S. 12.  [<a href="#footnote-link-20-1918">zurück</a>]</li></ol>]]></content:encoded>
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		<title>Die Revolution befreit ihre Kinder</title>
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		<pubDate>Mon, 16 Nov 2009 08:15:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[20 Jahre Mauerfall]]></category>
		<category><![CDATA[Aus der Redaktion]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/11/berliner_mauer.JPG" width=113 height=150 class=right alt="Symbol der friedlichen Revolution von 1989: Reste der Berliner Mauer (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" title="Symbol der friedlichen Revolution von 1989: Reste der Berliner Mauer (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" /><em>Damit die Hoffnung am spätesten stirbt</em> lautete der Titel eines Dokumentarfilms, den das DDR Fernsehen am 16.11.1989 um 22:55 Uhr zeigte. Das war eine Woche nach dem Tag, an dem die Mauer fiel, heute vor 20 Jahren. In dem Film erinnerte der Regisseur Carlos Faria an den 17.11.1939, als die Nationalsozialisten in Prag tausende tschechische Studenten verhafteten und in Konzentrationslager deportierten. Die Zuschauer konnten sich an jenem Abend, eine Woche nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze, ins Gedächtnis rufen, wie es zur deutschen Zweistaatlichkeit kommen konnte: Die über vierzig Jahre andauernde Teilung war Ergebnis eines von Nazi-Deutschland ausgehenden Weltkrieges – und des sich daran anschließenden Kalten Krieges.

Der Fall der Mauer, dem sich die <em>Kritische Ausgabe</em> in einer kleinen Artikelserie widmen wird, ist eine Errungenschaft jener Menschen, die 1989 auf die Straße gingen und gegen die DDR-Regierung demonstrierten.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Damit die Hoffnung am spätesten stirbt</em> lautete der Titel eines Dokumentarfilms, den das DDR Fernsehen am 16.11.1989 um 22:55 Uhr zeigte. Das war eine Woche nach dem Tag, an dem die Mauer fiel, heute vor 20 Jahren. In dem Film erinnerte der Regisseur Carlos Faria an den 17.11.1939, als die Nationalsozialisten in Prag tausende tschechische Studenten verhafteten und in Konzentrationslager deportierten. Die Zuschauer konnten sich an jenem Abend, eine Woche nach der Öffnung der innerdeutschen Grenze, ins Gedächtnis rufen, wie es zur deutschen Zweistaatlichkeit kommen konnte: Die über vierzig Jahre andauernde Teilung war Ergebnis eines von Nazi-Deutschland ausgehenden Weltkrieges – und des sich daran anschließenden Kalten Krieges.</p>
<dl style="width:225px; float:right; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/11/berliner_mauer.JPG" alt="Symbol der friedlichen Revolution von 1989: Reste der Berliner Mauer (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" title="Symbol der friedlichen Revolution von 1989: Reste der Berliner Mauer (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Heute das Symbol der friedlichen Revolution<br />
von 1989: Reste der Berliner Mauer<br />
(Foto: Benedikt Viertelhaus)
</dd>
</dl>
<p>Der Fall der Mauer, dem sich die <em>Kritische Ausgabe</em> in einer <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/ressort/kaplus/20-jahre-mauerfall/">kleinen Artikelserie</a> widmen wird, ist eine Errungenschaft jener Menschen, die 1989 auf die Straße gingen und gegen die DDR-Regierung demonstrierten. Die friedliche Revolution hat etwas geschafft, was ihren blutigen Vorgängerinnen von z.B. 1789 nicht gelungen ist: Die Revolution hat ihre Kinder befreit, ohne sie zu fressen. Dass der Herbst 1989 ganz ohne Guillotine auskam, hat zu Kontroversen über die Einordnung als Revolution geführt. In dem Auftaktbeitrag unserer Serie greift <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1918/"><strong>Alexander Klaehr</strong></a> diese viel diskutierte Frage auf (17.11.2009). An die Betrachtung zentraler Ereignisse der Zeitgeschichte schließt sich auch eine Suche nach ihren Ursachen an. Einem neuen Ansatz zur Erklärung der Ursachen des Zusammenbruchs der DDR widmet sich <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1946/"><strong>Angela Gencarelli</strong></a> in ihrem Beitrag »Von der Aufsteiger- zur Aussteigergeneration« (19.11.2009).</p>
<p>Neben diesen Beiträgen zur Zeitgeschichte  steht die Literatur im Mittelpunkt der Betrachtungen: In einem Interview berichtet der 1966 in Chemnitz geborene Schriftsteller <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2007/"><strong>Jan Kuhlbrodt</strong></a> über seine Jugend in einer stagnierenden DDR und über seine Erlebnisse als Student in Leipzig während der Revolution von 1989 (25.11.2009). <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1984/"><strong>Angela Gencarelli</strong></a> ergänzt dieses Interview mit einer Rezension seines autobiografisch geprägten Romans <em>Schneckenparadies</em>. Um eine »östliche« Perspektive erweitert <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1990/"><strong>Fabian Thomas</strong></a> die Serie zuvor mit einer Rezension des Romans <em>Geheimnis</em> des ukrainischen Schriftstellers Yuri Andruchowytsch (23.11.2009).</p>
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