Das neue Denken
Manfred Poser wütet und trauert über Hoffnungen, die es nicht mehr gibt
Manfred Poser, 23. Juli 2010
Bei meinem netten Buchhändler Herrn Eberth in Heitersheim aus der Ramschkiste gefischt: »Das neue Denken«, dtv-Taschenbuch von Fritjof Capra, erschienen 1992. Das lesend, spürte ich wieder die Begeisterung, die mich in jenem meinem ersten Jahr in Freiburg am Institut (1992) bei der Lektüre der Bücher aus den 1980er Jahren beseelt hatte. Die Quanten waren Zen-Buddhismus, jüdische Mystik und Novalis in einem! Capra, der Innsbrucker, spricht in dem Buch mit Gregory Bateson, Krishnamurti, Werner Heisenberg, Stanislav Grof und Ronald D. Laing …


Esra ben Salomon aus Gerona schreibt in seinem Kommentar zum Hohelied, die Tora (die fünf Bücher Moses oder der Pentateuch) enthalte auch nicht einen überflüssigen Buchstaben oder Punkt, »weil sie in ihrer göttlichen Totalität einen Bau darstellt, der aus dem Namen des Heiligen, gelobt sei Er, ausgehauen ist«. Und der Autor des Buches Sefer Jesirah (3. Jahrhundert) schildert, wie der Schöpfer aus der Urluft die 22 hebräischen Urbuchstaben herausholte …
Der Sortier-Engel fühlte sich vernachlässigt, kam vorbei, half mir ein wenig, und im Wegfliegen flüsterte er mir ins Ohr, ich möge doch etwas zur Ordnung im Universum sagen; das hätten ihm deutsche Physiker aufgetragen … und dann war er weg.
Das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft! Das war ja schon lange bekannt, also konnte ich meine Geschichte vorbereiten. Afrika bedeutet mir viel. Ich war 1978 in der Sahara und 1984 in Ostafrika, damals schrieb ich sogar einige Artikel darüber. Wäre ich mutiger gewesen, hätte ich mich in Nairobi niedergelassen und von dort als Stringer (freier Journalist) für deutsche Zeitungen geschrieben. Doch dann ging ich zur dpa in Hamburg, und im Großraum tauchte plötzlich ein Schweizer Journalist auf, den ich in Nairobi getroffen hatte und der wohl, da er Schweizer war, auch ein wenig auf Sicherheit aus war. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Meier hieß er …
Das klang packend: Countess Dracula – The Life and Times of Elisabeth Báthory, the Blood Countess. Dieses Buch des Engländers Tony Thorne erschien 1997, es stand am Institut und ich entlieh es mir. Schon die Einführung! »In den Jahren, bevor sie sich umbrachte, schrieb die argentinische Surrealistin Alejandra Pizarnik kleine Geschichten und Gedichte.« Eine Erzählung behandelte die Blutgräfin, »la Condesa Sangrienta« Elisabeth Báthory. Sie lebte von 1560 bis 1614 in Transsylvanien, das damals ungarisch war. Gerüchten zufolge soll sie 650 junge Mädchen gefoltert und getötet haben, nach anderen Angaben waren es 220, und Zeugen vor Gericht kamen auf 35 …
Ein heißer Sommertag an der Côte d’Azur. Der belgische Romancier Georges Simenon hat sich vier Pfeifen gestopft, die nun vorbereitet in einem Gestell neben der Schreibmaschine auf ihn warten. Dann zieht er die Vorhänge zu, schenkt sich einen Genever ein und fängt zu schreiben an, denn Kommissar Maigret soll an einem nebligen Abend in Belgien einem Fall nachgehen, der auf einem Schiff spielt. Der Autor hört, wie das Wasser an die Bordwand klatscht …
Seit dem »Zauberer von Rom« im Dezember 2009 keinen großen Roman mehr gelesen. Anderes war zu tun, ich pflügte kreuz und quer durch die Parapsychologie, und die Konzentration für einen Roman fehlte. Ein alter Freund, Englischlehrer an einem bayerischen Gymnasium, schwärmte mir von (Sir) Kingsley Amis (1922–1995) vor und empfahl dessen »Collected Stories«. Und dann legte mir Rolf Hannes aus Freiburg noch die Kanadierin Alice Munro (geboren 1931) ans Herz, die meist Geschichten von etwa 30 Seiten Länge schreibt. Ich war begeistert …
Wir kehren zurück zu dem österreichischen Biologen Paul Kammerer (1880–1925). Der exzentrische Wissenschaftler entdeckte an Kröten ein höchst interessantes Vererbungsmerkmal, was ihn berühmt machte wie vorher Darwin. Allerdings kamen Zweifel an der Stichhaltigkeit der Ergebnisse auf (der Fall ist noch immer ungeklärt; Arthur Koestler hat ihn 1971 in seinem Buch »The Case of the Midwife Toad« aufbereitet), die Kammerers Reputation zerstörten und ihn in den Selbstmord trieben …
Jedes Jahr, scheint mir, fällt die Kolumne auf den Karfreitag. Das zwingt mich dazu, einen Gedanken dem Christentum zu schenken, das neben dem Kriminalroman auf keinen Fall zu kurz kommen soll. Vor ein paar Jahren bat ich in Rom einmal Chiara, Giovannas Schwester, mir doch den Film »Il Vangelo secondo Matteo« (auf deutsch erschienen als »Das 1. Evangelium – Matthäus«) von Pier Paolo Pasolini aufzunehmen, ein Werk von 1964. Gewidmet ist es Johannes XXIII., dem »Papa buono« (dem »guten Vater« oder »guten Papst«), der am 3. Juni 1963 im Vatikan nach knapp fünf Jahren im Amt gestorben war. Chiara überreichte mir die Kassette, hatte wohl noch ein paar Minuten gesehen, verdrehte die Augen und sagte etwas wie »che palle« oder »che lagna« (wie nervig, wie öde!). Ich wusste, das war nichts für sie. Aber der Film war ja auch für mich …
Ich hatte es ja prophezeit. Mein Freund Helmut hörte vom Bibliotheken-Engel, suchte (bereits am 11. Februar) in einem 1000-Seiten-Werk eine Stelle über Displaced Persons, wusste, es war irgendwo weiter vorn, schlug zufällig Seite 40 auf – und da stand es. Der große Gelehrte Gershom Scholem wollte etwas über Paracelsus und die Kabbala herausfinden und stattete der »wunderbaren mystischen Bibliothek von Oskar Schlag in Zürich« einen Besuch ab … »wo ich aufs ungefähre einen Band der Sudhoffschen Ausgabe des Paracelsus aus dem Schrank zog. Mein Auge fiel direkt auf einen Satz, der mit den Worten begann: ›Der Teufel, großer Cabalist, der er ist …‹ War das nun, was man einen Zufall nennt?!«
In Bibliotheken ist es meist still, aber hört man nicht manchmal ein fernes Rauschen, ein leises Flügelschlagen? Das könnte der Bibliotheken-Engel sein. Wir stehen vor Büchern, vor vielen Büchern, einem Meer aus Büchern, in dem wir zuweilen verloren sind; sie kehren uns den Rücken zu, doch Welten stecken in diesen Körpern – nur welchen wählen? Es gibt ein Zitat von John Mitchell von 1978, und zu diesem Namen sagt LibraryThing: »John Mitchell is composed of at least 9 distinct authors.« Welchen wählen? Nach Konsultation der 57 Titel im Angebot der Universitätsbibliothek Freiburg blieben John D., John J. und John V. in der engeren Auswahl, und ich vermute, es war John V. Mitchell, der 1981 Ghosts of an Ancient City geschrieben hat. Das passt am ehesten zu seiner folgenden Aussage …
Die Erleuchtung ist eher eine Sache des Frühjahrs. Zumindest vollzieht sie sich gern im Lenz. Aber ein gewisses Datum bewog mich, sie schon jetzt zum Gegenstand einer Betrachtung zu machen. Also: Richard Maurice Bucke, 1837 in England geboren, praktizierte in Kanada als Arzt. 1872, als er 35 Jahre alt war, ereilte ihn die Erleuchtung (von der noch zu reden sein wird), 1877 lernte er Walt Whitman und dessen poetisches Werk kennen, vor allem die »Leaves of Grass«, und um 1895 fing er an, sein Buch »Cosmic Consciousness« zu schreiben. Es erschien in 500 Exemplaren bei Mssrs. Innes in Philadelphia …
Vergangenen Oktober trafen sich in einer Münchner Gaststätte ein paar Leute, die vor langer Zeit die dortige Journalistenschule absolviert hatten. 10 der 15 Anwesenden aus meiner ehemaligen Klasse waren noch im Journalismus tätig. Ein paar hatten auch Bücher geschrieben, darunter Ulla Hildebrandt, deren Roman »Ein freier Fall« einen schonungslosen Einblick in das Metier gibt. Sie war einmal Chefredakteurin, und auch Wolfgang Zdral hat einmal weit oben in einer Wirtschaftszeitschrift gearbeitet. Ich gab ihm meinen Roman und bekam dafür per Post seinen Krimi …
Hereinspaziert ins Reich der Schatten! Der Film kann ein geisterhaftes Medium sein. Schauspieler leben nicht mehr, sprechen aber zu uns; wir sehen irreale Szenen und Szenerien aus der Vergangenheit, und die Bilder sind körperlos. Der Kritiker Mark Sanderson schrieb einmal: »Und was sind Filmstars – von denen man sagt, sie hätten ›Präsenz‹ – anderes als professionelle Geister?«
Das neue Jahr beginnt in den »Ausreißversuchen« mit einem Rätsel. Seit fast zwei Jahren liegt ein literarisches Problem, verwandt mit einem Schachproblem, bei mir in der Schachtel »Unerledigtes« und lässt mir keine Ruhe. Darum hoffe ich nun auf die Mithilfe von Leserinnen und Lesern. Dabei winkt kein Geldpreis, allenfalls ein Stückchen Unsterblichkeit …