Der Bibliotheken-Engel
Manfred Poser wurde schon Hilfe vom Engel zuteil, aber verlassen sollte man sich nicht auf ihn – sein Auftauchen ist eine Gnade
Manfred Poser, 5. März 2010
In Bibliotheken ist es meist still, aber hört man nicht manchmal ein fernes Rauschen, ein leises Flügelschlagen? Das könnte der Bibliotheken-Engel sein. Wir stehen vor Büchern, vor vielen Büchern, einem Meer aus Büchern, in dem wir zuweilen verloren sind; sie kehren uns den Rücken zu, doch Welten stecken in diesen Körpern – nur welchen wählen? Es gibt ein Zitat von John Mitchell von 1978, und zu diesem Namen sagt LibraryThing: »John Mitchell is composed of at least 9 distinct authors.« Welchen wählen? Nach Konsultation der 57 Titel im Angebot der Universitätsbibliothek Freiburg blieben John D., John J. und John V. in der engeren Auswahl, und ich vermute, es war John V. Mitchell, der 1981 Ghosts of an Ancient City geschrieben hat. Das passt am ehesten zu seiner folgenden Aussage …


Die Erleuchtung ist eher eine Sache des Frühjahrs. Zumindest vollzieht sie sich gern im Lenz. Aber ein gewisses Datum bewog mich, sie schon jetzt zum Gegenstand einer Betrachtung zu machen. Also: Richard Maurice Bucke, 1837 in England geboren, praktizierte in Kanada als Arzt. 1872, als er 35 Jahre alt war, ereilte ihn die Erleuchtung (von der noch zu reden sein wird), 1877 lernte er Walt Whitman und dessen poetisches Werk kennen, vor allem die »Leaves of Grass«, und um 1895 fing er an, sein Buch »Cosmic Consciousness« zu schreiben. Es erschien in 500 Exemplaren bei Mssrs. Innes in Philadelphia …
Vergangenen Oktober trafen sich in einer Münchner Gaststätte ein paar Leute, die vor langer Zeit die dortige Journalistenschule absolviert hatten. 10 der 15 Anwesenden aus meiner ehemaligen Klasse waren noch im Journalismus tätig. Ein paar hatten auch Bücher geschrieben, darunter Ulla Hildebrandt, deren Roman »Ein freier Fall« einen schonungslosen Einblick in das Metier gibt. Sie war einmal Chefredakteurin, und auch Wolfgang Zdral hat einmal weit oben in einer Wirtschaftszeitschrift gearbeitet. Ich gab ihm meinen Roman und bekam dafür per Post seinen Krimi …
Hereinspaziert ins Reich der Schatten! Der Film kann ein geisterhaftes Medium sein. Schauspieler leben nicht mehr, sprechen aber zu uns; wir sehen irreale Szenen und Szenerien aus der Vergangenheit, und die Bilder sind körperlos. Der Kritiker Mark Sanderson schrieb einmal: »Und was sind Filmstars – von denen man sagt, sie hätten ›Präsenz‹ – anderes als professionelle Geister?«
Das neue Jahr beginnt in den »Ausreißversuchen« mit einem Rätsel. Seit fast zwei Jahren liegt ein literarisches Problem, verwandt mit einem Schachproblem, bei mir in der Schachtel »Unerledigtes« und lässt mir keine Ruhe. Darum hoffe ich nun auf die Mithilfe von Leserinnen und Lesern. Dabei winkt kein Geldpreis, allenfalls ein Stückchen Unsterblichkeit …
»Von seinem Ross herab salutierte der Diktator mit seinem im Sonnenstrahl blitzenden Schwert dem neuen Bischof Roms – einem Deutschen!« So steht es bei Karl Gutzkow auf der vorletzten Seite seines 1861 erschienenen Romans »Der Zauberer von Rom«. Den zweiten Band hatte ich nach Rom mitgenommen, denn er sollte auch einmal in der Ewigen Stadt gewesen sein. Im November hatte ich die 722 Seiten des ersten Bandes geschafft, und nach der 11-stündigen Rückfahrt im Zug am vergangenen Dienstag fehlte nur noch das Finale, der letzte Streich –! (Es ist übrigens eine Vorliebe Gutzkows, dem Ausrufezeichen einen Gedankenstrich voranzusetzen: –!) Und so begleiteten mich die Personen und die Verwicklungen des Romans über fünf Wochen hinweg in einer Art Parallelhandlung, leise und dennoch präsent …
Die große Leistung Roman Jakobsons ist die Methode der strukturalistischen Gedichtanalyse, die freilich auch als ödes Erbsenzählen und Untat an der Seele des Gedichts abgetan werden kann. Zahlreich waren die Gegner, und stellvertretend für sie soll Michael Riffaterre stehen, der strukturale Stilistik lehrte: »Diese engen, rigorosen Methoden [...] konnten nie das subtile, undefinierbare je ne sais quoi einfangen, aus dem Poesie eigentlich gemacht ist.« Dieses je ne sais quoi heißt wörtlich »weiß ich nicht genau«; es ist das Undefinierbare …
Mein letzter Beitrag musste mich zu Nelly Sachs führen, der »Stimme der ermordeten Juden« in einem Wort von Hilde Domin, die auch schrieb, dass »vielleicht kein deutscher Dichter seit dem späten Hölderlin »eine so exaltierte Sprache« benutzt habe wie jene. Dass Nelly Sachs 1966 den Literatur-Nobelpreis erhielt, ist fast vergessen, jedenfalls gewinnt man den Eindruck, in der Nachkriegszeit seien als Deutsche nur Böll und Grass geehrt worden; das mag mit dem Wunsch nach Vergessen des Genozids zu tun haben. Allerdings musste Nelly Sachs sich den Preis mit dem israelischen Autor S. J. Agnon teilen (ein Novum), und die Operation hatte, wie wiederum Hilde Domin schrieb, etwas »Exterritoriales«, und die Dichterin lebte einige Jahrzehnte in Stockholm, war eine Exilantin, körperlich sowohl als geistig …
Vergangenen Spätsommer fuhr ich mit dem Rad durch die östliche Steiermark und näherte mich Ungarn. Kurz vor der Grenze brach ich von einem Feld noch eine Sonnenblume ab und klemmte sie hinten auf mein Gepäck. Weiter östlich dann, in Ungarn, fuhr ich nur noch an abgeblühten Sonnenblumenfeldern entlang wie an der Küste eines graubraunen eingetrockneten traurigen Meeres. Ich hatte viel Zeit, nachzudenken, und so dachte ich an die 400.000 ungarischen Juden, die spät noch, im Herbst 1944, nach Auschwitz transportiert und im Vernichtungslager Birkenau vergast wurden. Die Rote Armee befand sich im Vormarsch, die Alliierten waren gelandet, es sah nach dem Ende des Krieges aus, aber die Gaskammern und Krematorien liefen auf Hochtouren …
Von keinem Schriftsteller habe ich mehr Seiten gelesen als von Karl May. Es müssen 10000 gewesen sein, denn 30 Bücher von ihm verschlang ich, und manche (wie die Bände um Winnetou und Old Surehand) gleich vier Mal. Zwar fand dieser Lesegalopp etwa zwischen dem 12. und dem 16. Lebensjahr statt, doch auch später hatte kein Autor mehr interessanten Stoff für mein jeweiliges Alter zu bieten. Darum war bei meiner Reise nach Dresden mit meiner Mutter Mitte Oktober die »Villa Shatterhand« im benachbarten Radebeul, Wohnsitz des Dichters, eine wichtige Station. Wird heute noch Karl May gelesen? Ich weiß es nicht. Erzählen wir die ganze Geschichte …
Wollen wir die Sprache niedriger hängen und die Geschichte höher, ist es das? Semantik vor Syntax? Wir haben ja »trockene« Prosa vor uns. Gedichte leben von Metaphern, Prosa lebt von der Metonymie, die der übertragene Gebrauch eines Wortes oder einer Fügung ist; Prosa schreibt drauflos und spricht damit gleichzeitig von anderen Dingen. Hemingway sah das anscheinend nicht so. Anhand seines Buches »Der alte Mann und das Meer« verriet er (1952 Bernard Berenson und damit uns) wieder einmal ein Geheimnis: »Es gibt keinerlei Symbolismus. Das Meer ist das Meer. Der alte Mann ist ein alter Mann. Der Junge ist ein Junge, der Fisch ist ein Fisch. Der Hai ist alle Haie, nicht besser und nicht schlechter. Der ganze Symbolismus, von dem die Leute reden, ist ein Scheißdreck.«
Der italienische Lyriker Cesare Pavese (1908–1950) führte ein Tagebuch, und seine Aufzeichnungen erschienen 1952 unter dem Titel »Il mestiere di vivere«, »Das Handwerk des Lebens«. Ich war sicher, es hätte »Il mestiere di scrivere« geheißen, denn es ist zu schön, dass im Italienischen leben und schreiben so eng zusammengehören. Giovanna sagte mir schon vor zehn Jahren, ich dürfe Paveses Werke erst nach der Lektüre des Tagebuchs lesen; ich wollte mich daran halten, aber dann war ich doch zu neugierig. Paveses letzte Eintragung datiert auf Ende August 1950, kurz vor seinem Selbstmord; sie lautet: »Ich werde nicht mehr schreiben.« Damit behielt er Recht …
Zwischendurch und vier Wochen vor der Frankfurter Buchmesse darf wieder einmal daran erinnert werden, dass Literatur aus Sprache besteht. Der Linguist Paul de Man hat 1979 in seinem Buch »Allegories of Reading« geschrieben, es sei verwunderlich, dass Rezensenten stets historische und psychologische Argumente bemühten und sich davor drückten, auf die Sprache eines Textes einzugehen. In den meisten Rezensionen ist zu lesen, worin es in einem Buch geht und was es über den Autor zu sagen gibt. Doch das Einzige, was man gesichert behaupten kann, ist, dass ein literarischer Text ein Sprachwerk ist und aus Worten und sie verbindenden Konstruktionen besteht …
Der mir liebste italienische Roman des vergangenen Jahrhunderts ist »Il giardino dei Finzi-Contini« (»Der Garten der Finzi-Contini«) von Giorgio Bassani. Über dieses Buch nun zu sprechen, passt zu einem Jahrestag, der vor der Tür steht: dem Ausbruch (oder der Anzettelung) des Zweiten Weltkriegs vor siebzig Jahren.
»Das Daimonji-Fest am 16. August ist das heilige Bon-Feuer für die abgeschiedenen Seelen. Dass man auf den umliegenden Bergen Feuer entzündet, soll auf die Sitte zurückgehen, nachts brennende Fackeln emporzuwerfen, um die durch die Luft in das Totenreich zurückkehrenden Seelen zu verabschieden. Das Feuer auf dem Nyoi-Gipfel des Higashiyama bildet das Schriftzeichen für das Wort ›groß‹ nach und wird deshalb ›Schriftzeichen groß‹ genannt. Doch werden die heiligen Feuer auf fünf Bergen entfacht.« Diese Zeilen schrieb Yasunari Kawabata, 1968 erster japanischer Nobelpreisträger für Literatur, in seiner Erzählung »Kyoto oder die Liebenden in der Kaiserstadt« …