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	<title>Kritische Ausgabe &#187; Ausreißversuche</title>
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	<description>Zeitschrift für Germanistik &#38; Literatur</description>
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		<title>Das neue Denken</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Jul 2010 23:12:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/poser_wasserfrau-150x150.jpg" align="left" alt="(Foto: Manfred Poser)" />Bei meinem netten Buchhändler Herrn Eberth in Heitersheim aus der Ramschkiste gefischt: »Das neue Denken«, dtv-Taschenbuch von Fritjof Capra, erschienen 1992. Das lesend, spürte ich wieder die Begeisterung, die mich in jenem meinem ersten Jahr in Freiburg am Institut (1992) bei der Lektüre der Bücher aus den 1980er Jahren beseelt hatte. Die Quanten waren Zen-Buddhismus, jüdische Mystik und Novalis in einem! Capra, der Innsbrucker, spricht in dem Buch mit Gregory Bateson, Krishnamurti, Werner Heisenberg, Stanislav Grof und Ronald D. Laing ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bei meinem netten Buchhändler Herrn Eberth in Heitersheim aus der Ramschkiste gefischt: »Das neue Denken«, dtv-Taschenbuch von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Fritjof_Capra">Fritjof Capra</a>, erschienen 1992. Das lesend, spürte ich wieder die Begeisterung, die mich in jenem meinem ersten Jahr in Freiburg am <a href="http://www.igpp.de/german/welcome.htm">Institut</a> (1992) bei der Lektüre der Bücher aus den 1980er Jahren beseelt hatte. Die Quanten waren Zen-Buddhismus, jüdische Mystik und Novalis in einem! Capra, der Innsbrucker, spricht in dem Buch mit Gregory Bateson, Krishnamurti, Werner Heisenberg, Stanislav Grof und Ronald D. Laing.</p>
<p>Damals glaubte man noch, das <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/New_Age#Das_Neue_Zeitalter">Wassermann-Zeitalter</a> stehe bevor! Es konnte nicht mehr lange dauern bis zum Paradigmenwechsel. Doch dann brach Ende 1989 der Kommunismus zusammen, und es kam ein Zeitalter für Hamster, Pfauen und Löwen. Die Welt musste für den schrankenlosen Konsumkapitalismus hergerichtet werden. Kürzlich meinte in der FAZ ein US-Professor, in den vergangenen 20 Jahren habe der Wohlstand im Westen unnatürlich zugenommen; das werde zurückgehen. 1990 hat es angefangen, dass alles effizient und in Geld messbar sein musste. Der Neoliberalismus führte den Kampf aller gegen alle wieder ein, der heute »Wettbewerb« heißt. Homo homini lupus! Statt einer Verlangsamung und des Buddhismus kamen eine Beschleunigung und der Computer.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/poser_wasserfrau.jpg" style="text-align:center; max-width:100%" alt="(Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Das Wassermann- – und Wasserfrau- – Zeitalter schien bevorzustehen &#8230;<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Reaktionäre haben wieder Oberwasser. Im April ist Nobelpreisträger <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Brian_D._Josephson">Brian Josephson</a> von einer Tagung wieder ausgeladen worden, weil er bekanntermaßen an Psi glaubt. Und alles ist bedroht, was nicht seine finanzielle Nutzbarkeit beweisen kann. An höheren italienischen Schulen sollte die Geographie fast ganz wegfallen (ich weiß nicht, was daraus geworden ist). Die Universität Middlesex in England will ihre ambitionierte Philosophie-Fakultät schließen, wie der Dekan am 26. April bekanntgab. Auch hier sind Proteste am Laufen.</p>
<p>Wir sind wieder ganz bodenständig geworden, sind reumütig zurückgekehrt zu den realen Problemen einer von Gier und Angst hin- und hergerissenen Industriegesellschaft, die hitzig redet und sich dabei die Ohren zuhält. Irgendwie sind wir in die zyklische Zeit der Majas eingetreten: die Zeit als Rad. Geschichtsschreibung hat keinen rechten Sinn mehr; alles wiederholt sich, nur unter anderen Vorzeichen und mit anderen Namen. Alle Avantgarde-Denker sind wieder in die Vergessenheit zurückgekehrt, und ihre Werke sind Ladenhüter. Das »vernetzte Denken« kann sich nirgendwo einklinken. Alles ist ohnehin vernetzt. Nur falsch.</p>
<p>Hier auf dem Land wollen sie in meiner Nähe einen Supermarkt bauen, und sicher werden sie bei der Vorstellung des Projekts von »Entwicklungsmöglichkeiten der Region« geredet haben. Bei einem kostenlosen Abend spielte in der Mehrzweckhalle eine Rumpel-Rockband aus Freiburg Stücke von vorgestern. Gab’s nichts Intelligenteres? Eine Heimataktion wurde ausgerufen (das Markgräflerland als »Heimat der Sinne«), unter deren Schirm alle möglichen Aktivitäten blühen. Auf der Straße sah ich einen vierjährigen Jungen, der die Mini-Imitation einer Kettensäge in der Hand hielt, die Sägegeräusche produzierte, und er hatte sogar gelbe Kopfhörer auf. Da wächst schon ein neuer Baumarkt-Kunde heran.</p>
<p>Etwas weiter haben sie schnell ein paar Flachbauten hingestellt, Parkplatz geteert, und fertig war das Zentrum mit Drogeriemarkt, Supermarkt, Billigboutique. Drumherum noch aufgewühlte Erde. Eine vulgäre Warenverteilanstalt, hingeknallt im Namen des Zynismus und des schnellen Geldes. Aber die Leute füllen den Parkplatz und kaufen den Ramsch. Einkaufen als Freizeitbeschäftigung. Und abends RTL.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/poser_winner.JPG" style="max-width:100%" alt="(Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">And the Winner is &#8230;<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Unser Gärtlein</h5>
<p>Aber wie war das damals? Da gab es die hoffnungsvollen 1970er Jahre, begonnen mit Willy Brandt, in denen alte Konzepte in Frage gestellt wurden. Die Rockmusik gab der Jugend, die unter der Knute der Autorität lebte, eine Stimme. Kanzler Helmut Schmidt und US-Präsident Jimmy Carter (davor Gerald Ford als Nachfolger von Nixon) regierten. In der populären Musik forderten Disco und Soul den männerlastigen Hardrock heraus, und in der Politik standen sich die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion gegenüber.</p>
<p>Den alten Männern in der UdSSR entsprachen die Giganten der Rockmusik. Es waren zwar junge Leute, doch schon 1976 und 1977 hatte man das Gefühl, dass sie keine Einfälle mehr hatten. Pink Floyd, Led Zeppelin und Deep Purple legten immer schwächere Alben vor, Disco hatte eine Alternative zum Wummern der Bässe zu bieten, und dann kam als Erneuerung der böse Punk (Van Halen war eine Offenbarung); anscheinend war in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre alles in Bewegung, es gärte, und dazu passte auch das neue Denken mit der Quantenphysik als zeitgenössischer Variante der Mystik.</p>
<p>Die 1980er Jahre waren hedonistisch, man verdiente gut, die Musik wurde ätherisch und überproduziert, und am Ende des Jahrzehnts hatten wir hier House und Techno (in ihren Anfängen), dort den Hip Hop. Das war im Grunde die alte Konfrontation Disco/Rock in einem anderen Gewand. Auch am neuen Denken wurde weitergedacht. Dann kam 1989. Und seither? Ich wiederhole mich, ich wiederhole mich. Die Wiederholung der Wiederholung.</p>
<p>Alles ist zu einer großen Maschinerie geworden. Es gibt keinen Zauber des Anfangs mehr. Jede Sensation war schon einmal da, auch wenn ich es für möglich halte, dass es meine persönliche Desillusionierung ist. Der Feminismus hat einen immer schwereren Stand. Die Medien fressen uns auf. Zu viele Events. Wir wissen zu viel und zu wenig. Doch: Obama! Beyoncé! Messi! (Das waren früher: Carter! Whitney Houston! Beckenbauer!) Jeder Mensch muss sein persönliches Fazit ziehen.</p>
<p>Wir haben vergessen, was wir vergessen haben. Aber es gibt die Bücher. Es gab sie immer. Autoren guter Bücher zitieren weitere gute Bücher; eins führt zum anderen. Das ist unser Komplott, die Verschwörung der Guten. Ein paar Verleger wollten diese Bücher machen, wohl wissend, dass sie kein Erfolg sein würden. Auf der Welt sein mussten diese Bücher. Diese Verleger hätten sich verachtet, hätten sie Bücher für den Normalgeschmack gemacht.</p>
<p>Jemand muss es tun. Wenn nur ein Mensch die <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/3090/">Tora</a> studiert, hält er die Welt am Laufen. Dieser Gelehrte will keine Medaille; er meint einfach, dass jemand die Tora studieren müsse, und warum nicht er? Nur die, die Zweckloses tun, seien unersetzlich, hat Theodor W. Adorno einmal geschrieben. Also studieren wir die verwegensten Fächer, die verrücktesten Thesen, wir pflegen unser eigenes Geistes-Gärtlein, und niemand kann uns das verwehren. Vielleicht ist das der einzige Gestus des Protestes, der heute noch möglich ist.</p>
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		<title>Schwarz und Weiß</title>
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		<pubDate>Fri, 09 Jul 2010 05:30:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/poser_alphabet_kl.jpg" align="left" alt="(Foto: Manfred Poser)" />Esra ben Salomon aus Gerona schreibt in seinem Kommentar zum Hohelied, die Tora (die fünf Bücher Moses oder der Pentateuch) enthalte auch nicht einen überflüssigen Buchstaben oder Punkt, »weil sie in ihrer göttlichen Totalität einen Bau darstellt, der aus dem Namen des Heiligen, gelobt sei Er, ausgehauen ist«. Und der Autor des Buches <em>Sefer Jesirah</em> (3. Jahrhundert) schildert, wie der Schöpfer aus der Urluft die 22 hebräischen Urbuchstaben herausholte ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<dl style="width:250px; float:left; padding:2px 6px 6px 0; margin:2px 6px 6px 0">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/poser_alphabet.jpg" width="250" alt="An einem Haus in Offenbach/Main (Foto: Manfred Poser)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Ausschnitt aus dem Alphabet.<br />
An einem Haus in Offenbach/Main.<br />
(Foto: Manfred Poser)</dd>
</dl>
<p>Esra ben Salomon aus Gerona schreibt in seinem Kommentar zum <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hohes_Lied">Hohelied</a>, die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Tora">Tora</a> (die fünf Bücher Moses oder der Pentateuch) enthalte auch nicht einen überflüssigen Buchstaben oder Punkt, »weil sie in ihrer göttlichen Totalität einen Bau darstellt, der aus dem Namen des Heiligen, gelobt sei Er, ausgehauen ist«.</p>
<p>Und der Autor des Buches <em><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sefer_Jetzira">Sefer Jesirah</a></em> (3. Jahrhundert) schildert, wie der Schöpfer aus der Urluft die 22 hebräischen Urbuchstaben herausholte. 1:11 des <em>Sefer Jesirah</em> sagt auf Englisch: »Three: Water from Breath / With it He engraved and carved (22 letters from) / chaos and void /mire and clay / He engraved them like a sort of wall / He covered them like a sort of ceiling …«</p>
<p>Rabbi Aryeh Kaplan erläutert die Zeilen »Wasser von Atem / Damit grub er ein und scharrte 22 Lettern aus &#8230;« so:</p>
<blockquote><p>»Hier spricht das <em>Sefer Jesirah</em> über den Anfang der geschriebenen Lettern. Die gesprochenen Buchstaben entstammen dem Atem, aber damit geschriebene Lettern entstehen können, muss eine Schreibflüssigkeit dasein wie die Tinte. Das setzt den flüssigen Zustand voraus, dessen Prototyp das Wasser ist. Diese Flüssigkeit wird als Schlamm und Lehm (mire and clay) erwähnt.«</p></blockquote>
<p><em>Tohu wabohu</em> kommt zu Beginn der Schöpfungsgeschichte vor. Tohu benennt die pure Substanz, die keine Information enthält. Bohu ist reine Information, die sich nicht auf Substanz bezieht. Mit Bohu (Information) konnten die Buchstaben des Alphabets in Tohu (Substanz) eingegraben werden. Es heißt: »Eingraben wie einen Garten, formen zu einer Wand, abschließen mit einer Decke.« Damit ist gemeint, man solle die Grundlinien der hebräischen Buchstaben eingraben, die dünneren Seitenlinien aufrichten und die Oberlinien darauflegen: So, sagen die Gelehrten, sei auch der Raum entstanden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Der Raum</h5>
<p>Raum – er ist alles zwischen den Buchstaben und um die Buchstaben herum. In Büchern und auf Papier ist dieser Raum weiß, und der Anteil der Farbe Weiß auf einer Seite ist ein Vielfaches des Schwarzen (vermutlich würde der Anteil von Materie im Universum einem Punkt auf der Seite entsprechen; wenn überhaupt). In der Typografie gibt es daher das Problem der »Irradiation«. Auf einem didaktischen Typografie-Plakat lesen wir:</p>
<blockquote><p>»Weiße Flächen und Striche neigen auf einer dunklen Fläche zum Überstrahlen. Auf den Schriftsatz angewandt, hat dies ein leichtes Erweitern der Buchstabenzwischenräume zur Folge. Gleiches gilt auch für den Schriftsatz von Schildern, die auf große Entfernung gelesen werden: Der weiße Untergrund überstrahlt die schwarze Schrift.« (Andreas Maxbauer)</p></blockquote>
<dl style="width:250px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/ritualandspace.jpg" width="250" alt="»Ritual and Space« von Fred Thompson" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Titelblatt des dünnen Buches »Ritual and Space«<br />
von Fred Thompson (1980).</dd>
</dl>
<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Roland_Barthes">Roland Barthes</a> (1915-1980) hat in seinem Buch <em>Das Reich der Zeichen</em> über die japanische Sprache geschrieben. <em>Mu</em> ist die Leere, <em>ma</em> ist der Zwischenraum, die Pause. Die Signifikanten verweisen nicht immer auf ein Signifikat; viele komplexe Zeichen, viel Leere dahinter und kein Gott. Das Subjekt der Äußerungen ist eine große leere Sprachhülle und wird ausgeblutet und aufgelöst durch eine »bis zur völligen Leere parzellierte, partikularisierte und zerstreute Sprache«. Der ganze Körper spreche mit, alles müsse gedeutet werden, der Sinn liege im Ganzen.</p>
<p>Auch das japanische (oder asiatische) Konzept von Raum ist ein anderes. Ma oder Raumzeit ist ein Kontinuum, wie der Architekturexperte Fred Thompson erläuterte, und nicht fragmentiert oder eingeteilt; es ist eher die Leere des Raums, der seine Form nur im Verhältnis zu unsichtbaren Grenzen findet. Das architektonische <em>ma</em> ist der Raum zwischen Pfeilern. Im östlichen Konzept von Architektur gibt es kein Innen oder Außen, und die Sicherheit muss aus dem Geist kommen, nicht von der physischen Form.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Schriftlich und mündlich</h5>
<p>Im Judentum ist die Tora jedoch nur dann ein Ganzes, wenn man die schriftliche und die mündliche, die Moses gemeinsam mit der schriftlichen empfing, zusammen nimmt.</p>
<blockquote><p>»Der feurige Organismus der Tora, die in schwarzem auf weißem Feuer vor Gott brannte, wird von ihm nun dahin verstanden, dass das weiße Feuer die schriftliche Tora ist, in der die Form der Buchstaben noch nicht hervortritt, sondern solche Form der Konsonanten oder Vokalpunkte erst durch die Kraft des schwarzen Feuers erhält, welches die mündliche Tora ist. Dies schwarze Feuer ist wie die Tinte auf dem Pergament.«</p></blockquote>
<p>Die schriftliche Tora kann nur durch die mündliche wahrhaft verstanden werden. Das bedeutet: Es gibt überhaupt keine schriftliche Tora. »Fürwahr eine weitreichende Idee!«, kommentiert <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gershom_Scholem">Gershom Scholem</a> begeistert. Was wir schriftliche Tora nennen, sei selber schon durch das Medium der mündlichen gegangen, sei nicht mehr im weißen Licht verborgene Form, sondern aus dem schwarzen Licht hervorgetreten.</p>
<blockquote><p>»Alles, was wir in der Tora in festen Formen, mit Tinte auf Pergament geschrieben, wahrnehmen, sind letzten Endes schon Deutungen, sind nähere Bestimmungen des Verborgenen. Es gibt nur mündliche Tora, das ist der esoterische Sinn dieser Worte, und schriftliche Tora ist nur ein mystischer Begriff. Er erfüllt sich nur in einer Sphäre, die allein Propheten zugänglich ist.«</p></blockquote>
<p>Das schreibt Scholem in <em>Zur Kabbala und ihrer Symbolik</em>. Die Ägypter fanden durch Hermes Trismegistos zur Schrift, aber die Inder der prähistorischen Zeit etwa hielten jede Fixierung von Gedanken für eine Entweihung des Göttlichen; alles wurde nur mündlich überliefert.</p>
<p>Ich hatte früher immer Unsterbliches schreiben wollen – gut, dass dies nun relativiert wird. Denn Schreiben und Lesen war eine spätere Entwicklung. Professor Ernst Pöppel <a href="http://www.faz.net/s/RubCEB3712D41B64C3094E31BDC1446D18E/Doc~EF8D179F2E8204D279AA216E94EA97883~ATpl~Ecommon~Scontent.html">sagte</a> unlängst der FAZ: »Die ursprüngliche Kommunikation zwischen Menschen bestand im gesprochenen Wort, zusammen mit Mimik und Gestik. Die Einführung der Schrift war eine Revolution, denn durch sie werden Hirnareale fremdgenutzt. An sich ist Lesen also ein Missbrauch des Gehirns.«</p>
<p>In dem also sein Gehirn missbrauchenden Leser entsteht erst das Buch, da er seinen mündlichen Kommentar dazutut; er füllt das Weiße mit seinen Gedanken und erschafft sein eigenes Buch; das schriftlich vorliegende Buch ohne Leser ist nichts. Was dasteht, ist eigentlich aus der Fülle der Geschichten, aus dem Universum herausgelöst und auf das Papier als Oberfläche übertragen worden. Die Zahl der möglichen Geschichten ist unendlich; was fixiert ist, ist eine davon; doch durch die unendlich möglichen mündlichen Interpretationen ist diese Geschichte, wie immer sie geschrieben sein mag, gleichzeitig alle Geschichten.</p>
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		<item>
		<title>Ordnung und Sprache</title>
		<link>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/3070/</link>
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		<pubDate>Thu, 24 Jun 2010 22:26:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/poser_lindau_kl.jpg" class="right" alt="(Foto: Manfred Poser)" />Der Sortier-Engel fühlte sich vernachlässigt, kam vorbei, half mir ein wenig, und im Wegfliegen flüsterte er mir ins Ohr, ich möge doch etwas zur Ordnung im Universum sagen; das hätten ihm deutsche Physiker aufgetragen ... und dann war er weg.

Wo anfangen? Beim Anfang, beim Urknall. Danach war plötzlich Materie da. Sie besteht aus <em>Protonen</em>, <em>Neutronen</em> und <em>Elektronen</em>. Dann, 1932, spürte Carl Anderson in der Höhenstrahlung das <em>Positron</em> auf, das erste Beispiel eines Antiteilchens. Es lebt nicht lange und wird beim Zusammenstoß mit dem Elektron eliminiert. 1955 entdeckte man im Beschleunigerlabor das <em>Antiproton</em>. Jedes Teilchen hat sein Antiteilchen. Das weiß man theoretisch ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2744/">Sortier-Engel</a> fühlte sich vernachlässigt, kam vorbei, half mir ein wenig, und im Wegfliegen flüsterte er mir ins Ohr, ich möge doch etwas zur Ordnung im Universum sagen; das hätten ihm deutsche Physiker aufgetragen &#8230; und dann war er weg.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Anfangen beim Anfang</h5>
<p>Wo anfangen? Beim Anfang, beim Urknall. Danach war plötzlich Materie da. Sie besteht aus <em>Protonen</em>, <em>Neutronen</em> und <em>Elektronen</em>. Dann, 1932, spürte <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_David_Anderson">Carl Anderson</a> in der Höhenstrahlung das <em>Positron</em> auf, das erste Beispiel eines Antiteilchens. Es lebt nicht lange und wird beim Zusammenstoß mit dem Elektron eliminiert. 1955 entdeckte man im Beschleunigerlabor das <em>Antiproton</em>. Jedes Teilchen hat sein Antiteilchen. Das weiß man theoretisch.</p>
<p>»Aber in unserem heutigen Universum gibt es keinen Hinweis auf die Existenz von Antimaterie«, sagte <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Konrad_Kleinknecht">Konrad Kleinknecht</a> 2002 in einem Vortrag vor der nordrhein-westfälischen Akademie der Wissenschaften. »Beim Urknall entstand Materie und Antimaterie bei sehr hohen Temperaturen in gleichen Mengen, denn die Kräfte, die für die Erzeugung von Materie aus Licht in Frage kommen, sind völlig symmetrisch bezüglich Materie und Antimaterie.« Warum aber sind wir hier in dieser schönen Welt; wieso haben sich Materie und Antimaterie nicht gegenseitig annulliert? Warum gibt es, wie der Philosoph fragt, »etwas und nicht vielmehr nichts«?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/poser_lindau.jpg" style="max-width:100%" alt="Am Hafen von Lindau am Bodensee (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Symmetrie und Spiegelung am Hafen von Lindau am Bodensee.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der russische Physiker <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Andrei_Dmitrijewitsch_Sacharow">Andrej Sacharow</a> dachte, dass es eine Kraft geben müsse, die die tief verankerte Symmetrie verletzt habe und den Überschuss an Materie verursachte. Diese schwache Kraft konnte nachgewiesen werden: Man spricht von der Verletzung der CP-Symmetrie (charge/parity). Wunderbar. Dann lese ich am 29. März in der <a href="http://www.faz.net/s/Rub163D8A6908014952B0FB3DB178F372D4/Doc~EC7E254C2B2EB42F4A398105250045C81~ATpl~Ecommon~Scontent.html">FAZ</a>: »So ist noch immer unklar, warum es im Universum Materie gibt, aber keine Antimaterie, obwohl doch beides ursprünglich zu gleichen Teilen aus dem Urknall hervorgegangen ist. Warum gibt es vier Naturkräfte? Und woraus besteht die dunkle Materie, die den überwiegenden Teil der Materie des Kosmos ausmacht, aber selbst mit den leistungsfähigsten Teleskopen nicht gesichtet werden kann?«</p>
<p>Da denken Dutzende Wissenschaftler Jahrzehnte herum und finden etwas, und dann wird es wieder ignoriert, weil es zu kompliziert ist. Sagen wir doch einfach, man weiß es nicht, merkt doch keiner. Schon Pythagoras sah Symmetrien als Prinzip der Natur, und die Symmetrie mathematischer Beziehungen findet ihre Entsprechung in der Natur. Zu jeder Symmetrie gibt es, wie die Mathematikerin <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Emmy_Noether">Emmy Noether</a> herausfand, den entsprechenden Erhaltungssatz. Und bei Elementarteilchen könnte jede Reaktion auch spiegelbildlich ablaufen. Sie leben in einer anderen Welt als der unsrigen, die der »Zeitpfeil« diktiert.</p>
<p>Jedes Teilchen hat seinen Partner, es gibt Komplementarität und auch Ähnlichkeit, auf jeden Fall eine ganze Menge Anziehung im Elementarbereich. Die Kabbala erklärt die Schöpfung poetisch-philosophisch. <a href="http://www.willparfitt.com/">Will Parfitt</a> erläutert das in seinem Buch <em>Kabbalah</em> so: Am Anfang war da ein Punkt, Kether, die Nummer 1.  Er will mehr und betrachtet sich, dupliziert sich; eine Linie zu Punkt 2 entsteht: zu Chokmah, der Weisheit. Aber erst drei Punkte können sich unterscheiden und bilden eine Oberfläche: Binah, Nummer 3, wird hinzugefügt: die Bewusstheit. Dieses »Übernatürliche Dreieck« ist durch einen Abgrund von der konkreten Welt getrennt. Die Trennung ist Absicht, um den abgespaltenen Teilen die Chance zu geben, durch Vereinigung und Liebe zusammenzukommen.</p>
<p>Die chilenischen Biologen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Humberto_Maturana">Humberto Maturana</a> und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Francisco_Varela">Francisco Varela</a> haben dies ebenfalls erkannt. In ihrem Buch <em>Der Baum der</em> <em>Erkenntnis</em> (1987) schreiben sie: »Die einzige Chance für die Koexistenz ist also die Suche nach einer umfassenderen Perspektive. [...] Wir haben nur die Welt, die wir zusammen mit anderen hervorbringen, und nur Liebe ermöglicht uns, diese Welt hervorzubringen.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Wir müssen auf unsere Sprache achten</h5>
<p>Wie sie dann aussieht, hängt von uns ab. Wenn wir Liebe und Zusammensein in den Mittelpunkt stellen, entsteht eine andere Welt, als wenn wir Unabhängigkeit und Trennung betonen. Der amerikanische Physiker <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/David_Bohm">David Bohm</a> meinte, Ordnen sei ein »dynamischer Prozess zwischen Subjekt und Objekt«. Statt die Polarität Ordnung/Unordnung aufzubauen, sollten wir lieber von Graden von Ordnung sprechen. Ordnung heiße, auf ähnliche Unterschiede und unterschiedliche Ähnlichkeiten zu achten. Wir müssten auf unsere Sprache achten, mahnte er vor allem in seinen Büchern <em>Die implizite Ordnung</em> (1984) und Die <em>verborgene Ordnung des Lebens</em> (1988).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/poser_goetheschiller.jpg" style="max-width:100%" alt="Goethe und Schiller (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Teilchen und Antiteilchen: Goethe und Schiller.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>David Bohm wünschte sich, man möge keine negativen Worte verwenden. »Gerade die Bekämpfung des Bösen – die Annahme des Bösen – trägt zur Vermehrung des Bösen bei. [...] Wir teilen, was unteilbar ist; wir vereinen, was unvereinbar ist. Es sieht so aus, als sei die Fragmentierung ironischerweise der einzige universelle Zug in unserer Lebensweise, der alles uneingeschränkt und grenzenlos ergreift.« Das führe zu Krisen, zu Verwirrung, zur Vergeudung von Energie.</p>
<p>Man solle keine Trennung zwischen dem Denkvorgang und dem Inhalt vornehmen: »Die Einheit von Prozess und Inhalt entspricht der Einheit von Beobachter und Beobachtetem.« Das heißt: So schreiben, wie es <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1534/">Blogger</a> tun oder wie ich frank und frei erkläre, welche Gedanken zu meinem Thema führten. (Wenn es geht. Es gibt Textformen, etwa die wissenschaftliche Arbeit oder der Bericht ans Management, wo das eben nicht möglich ist.) Und »das Messbare und das Unermessliche in Harmonie setzen. Der Mensch sollte seine volle schöpferische Energie der Untersuchung auf dem Feld des Messens widmen. Das ist schwierig und mühsam.«</p>
<p>Ein weiterer Wunsch des Physikers: »Dem Verbum die tragende Rolle zumessen. Im Hebräischen war das Verb primär. In gleicher Weise werden wir uns nun einen Modus überlegen, bei dem die Bewegung die erste Stelle in unserem Denken einnimmt und bei dem dieser Gedanke so dem Sprachraum einverleibt wird, dass wir dem Verb anstelle des Substantivs die Hauptrolle zugestehen.« <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Bertrand_Russell">Bertrand Russell</a> meinte, unsere übliche Satzstellung bringe Vorurteile mit sich; wir sollten sie überdenken. Und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Osho">Bhagwan Shree Rajneesh</a> sagte: »Sprache als solche ist ein Muster / Sprache ist Ideologie. [...] Worte sind wie die beiden Ufer eines Flusses. [...] Vergiss die Ufer. Schau zwischen sie.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Der Prozess des Werdens von Wissen </h5>
<p>Es müsse ein Denken, sagt Bohm, das Alles zum Inhalt hat, »als eine Form von Kunst wie etwa Dichtung betrachtet werden, deren Aufgabe in erster Linie darin besteht, eine neue Wahrnehmung sowie ein Handeln, das in dieser Wahrnehmung angelegt ist, entstehen zu lassen, anstatt ein spiegelbildliches Wissen davon zu vermitteln, ›wie alles ist‹.« Ein Prozess müsse deutlich werden, dessen Form und Inhalt sich dauernd veränderten. Das sei der Prozess des »Werdens von Wissen«.</p>
<p>Unsere Sprache spiegelt leider oft unsere Einfallslosigkeit wieder: Es ist, was ist.  Heute wird geschrieben wie vor 200 Jahren. Alles ist hemmungslos verbürgerlicht. Viele Leute projizieren ihre simplen Weltbilder auf eine naive Leserschaft, die nach der Lektüre nur gut schlafen können möchte. (Oder es gibt den kalkulierten Skandal, der auch seine Rolle im Geschäft hat.) Die Avantgarde ist verbeamtet oder spielt im Internet herum; die Wissenschaftler bleiben brav unter sich. Die Schüler speist man mit den Maxwellschen Feldgleichungen und Impulsrechnungen ab. So kann man schön weltfremd sein mit einer Ordnung, die von gestern ist. Bürgerliche Ruhe.</p>
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		<title>Fußball in Afrika</title>
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		<pubDate>Thu, 10 Jun 2010 22:01:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/poser_fbwerbung_kl.jpg" align="left" alt="(Foto: Manfred Poser)" />Das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft! Das war ja schon lange bekannt, also konnte ich meine Geschichte vorbereiten. Afrika bedeutet mir viel. Ich war 1978 in der Sahara und 1984 in Ostafrika, damals schrieb ich sogar einige Artikel darüber. Wäre ich mutiger gewesen, hätte ich mich in Nairobi niedergelassen und von dort als Stringer (freier Journalist) für deutsche Zeitungen geschrieben. Doch dann ging ich zur dpa in Hamburg, und im Großraum tauchte plötzlich ein Schweizer Journalist auf, den ich in Nairobi getroffen hatte und der wohl, da er Schweizer war, auch ein wenig auf Sicherheit aus war. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Meier hieß er ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft! Das war ja schon lange bekannt, also konnte ich meine Geschichte vorbereiten. Afrika bedeutet mir viel. Ich war 1978 in der Sahara und 1984 in Ostafrika, damals schrieb ich sogar einige Artikel darüber. Wäre ich mutiger gewesen, hätte ich mich in Nairobi niedergelassen und von dort als Stringer (freier Journalist) für deutsche Zeitungen geschrieben. Doch dann ging ich zur dpa in Hamburg, und im Großraum tauchte plötzlich ein Schweizer Journalist auf, den ich in Nairobi getroffen hatte und der wohl, da er Schweizer war, auch ein wenig auf Sicherheit aus war. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Meier hieß er.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/poser_fbwerbung.jpg" style="max-width:100%" alt="(Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Werbung für Fußball in Afrika in Frankfurt, an einem Haus am Main<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
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<p>Seitdem beobachte ich natürlich, was über Afrika geschrieben wird. Und das ist ziemlich deprimierend. Der <em>Spiegel</em> hatte immer mal wieder etwas über Fußball in Afrika, und meist ging es um schwarze Magie und derlei Sachen. Weil die Leute im Westen das anscheinend erwarten. In meinem <a href="http://kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/989/">Roman</a> kam dann auch Uganda vor, obwohl ich nie dort war. Anfang März veröffentlichte die <em>Süddeutsche Zeitung</em> auf ihrer Reportageseite eine ziemlich eklige Geschichte über Kinder, die in Uganda entführt werden und denen man, um eine gewisse Nachfrage zu befriedigen, die Geschlechtsteile &#8230; Das war über der Grenze.</p>
<p>Da fragt man sich dann: Warum? Von Uganda erfährt man ja sonst wenig. Auch in Kampala, Ugandas Hauptstadt, wird es Handys geben und Fernsehen, der rückständige Busch ist woanders. Man stelle sich einmal vor, eine Zeitung in Kampala bringt monatelang nichts über Deutschland, aber dann einen Artikel über Priester, die kleine Jungs in Internaten belästigen. Das ist es dann, was die Ugander über Deutschland erfahren: ein Land mit bösen Priestern. Die Geschichte über Uganda war ja nicht erlogen, das hat sich sicher so abgespielt, aber damit verfestigen sich nur die Vorurteile über den »schwarzen Kontinent«. Anscheinend ändert sich in der Welt wenig. Ein außenpolitischer Redakteur beschließt, dass das die Geschichte ist, die deutsche Menschen über Uganda erfahren wollen und sollen. Und natürlich ist kürzlich ein Buch über Magie und Hexerei im afrikanischen Fußball erschienen, das den erwartbaren Titel <em><a href="http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=30412">Voodoo im Strafraum</a></em> trägt.</p>
<p>Kürzlich bin ich auf das englische Internet-Magazin <em>nthposition</em> gestoßen. Es gibt eine Konferenz vom Februar 2009 über die politische Situation in Afrika wieder, <a href="http://www.nthposition.com/conversationswitha.php">kenntnisreich und detailliert</a>. Da erfährt man etwas. Etwa, dass am 8. November 2005 in Liberia die 1938 geborene Ellen Johnson Sirleaf den ehemaligen Fußballer George Weah in der Stichwahl schlug und seither Präsidentin ist. Diese kluge und mutige Frau, die lange bei der UNO in New York tätig war, muss nun in der Welt umherreisen und um Gaben betteln, weil ihr Land arm ist. Vier Tage nach ihrem Sieg, verrät uns <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ellen_Johnson-Sirleaf">Wikipedia</a>, veröffentlichte die taz den Artikel »Die Eiserne Oma von der Pfefferküste« von Dominic Johnson. Ja, das ist Journalismus &#8230; von gestern. Die Eiserne Oma.</p>
<p>Mein alter Bekannter Lothar Sobczak, im Oktober 2009 gestorben, war etwa von 1978 bis 1984 dpa-Korrespondent in Nairobi, zuständig für eine Menge afrikanische Staaten. Mal gibt es einen Putsch hier, mal dort, aber wenn nichts passiert, muss der Korrespondent Features anbieten, und die dürfen nicht langweilig sein. Einmal hat der gute Lothar entdeckt, dass ein Kenianer seinen Sohn »Hitler« getauft hatte, und das wurde natürlich eine seiner erfolgreichsten Geschichten.</p>
<p>Ja, der Korrespondent möchte es vielleicht ganz anders haben, aber etwas aus dem Alltag kriegt er nicht los, denn: Hast du nichts Besseres? Komm, Junge: Afrika, Großwildjagd, Massai, da ist doch was drin! Du kannst doch was! Und dann klickt der Korrespondent, nachdem er wochenlang nichts absetzen konnte, eben die altgewohnten Vokabeln an, die beim Auslandsredakteur einen Reflex bewirken. Und die Welt wird täglich neu nach unserem alten Bilde erschaffen. Wir sehen Unglücke und Porträts von Politikern, aber das Leben sehen wir nicht.</p>
<p>Kein Wunder, dass ich kürzlich bei Freunden gierig nach Architektur-Zeitschriften wie <em>domus</em> griff, denn darin sah man Bilder von Häusern und deren Umgebungen in anderen Ländern, weder Top-Politik noch nach Weihrauchstäbchen duftende Reiseberichte, sondern einfach schöne Häuser, Straßen, Wohnbezirke.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/poser_tansania.jpg" style="max-width:100%" alt="(Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Tansania, im Landesinneren. März 1984.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Reden wir vom Fußball</h5>
<p>Reden wir besser vom Fußball. In Deutschland kennt man noch den Nigerianer Jay Jay Okocha (erst Borussia Neunkirchen, dann Eintracht Frankfurt) und Anthony Yeboah aus Ghana. In Italien ist der bekannteste Afrikaner der noch nicht 20-jährige Mario Balotelli (schade, dass er nicht Ballotelli heißt). Er ist seit August 2008 Italiener, was den Fans nicht gefällt. Andauernd buhen sie ihn aus, und manchmal gibt es sogar Sprechchöre gegen Balotelli, wenn er gar nicht spielt. Anfang Mai, als im Olympiastadion in Rom der heimische Verein das Pokalfinale gegen Inter Mailand 0:1 verlor, gab Francesco Totti, der sich gern leicht vertrottelt darstellen lässt, dem jungen Balotelli einen Tritt, was ihm die rote Karte einbrachte. Der Geschädigte sagte später, Totti habe ihn als »Scheißneger« (negro di merda) bezeichnet. Sogar der Staatspräsident schaltete sich rügend ein.</p>
<p>In Rom habe ich mir damals in der Leihbücherei nebenan Bücher von afrikanischen Autoren, öfter noch von Autorinnen geholt. Es ist schwierig, in Deutschland so etwas zu finden. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Buchi_Emecheta">Buchi Emecheta</a> war toll, hier fand ich im Drittweltladen Landsberg am Lech <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Paulina_Chiziane">Paulina Chiziane</a>, <em>Wind der Apokalypse</em> (1997). Schonungslos. Ebenso schonungslos ist <em>Die Schlangengrube</em> des Uganders <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Moses_Isegawa">Moses Isegawa</a>. Filme gibt es in Programmkinos, und ich erinnere mich an <em><a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/882/">Bamako</a></em>. Und gerade, als ich das schreibe, läuft bei mir die postum (2006) veröffentlichte CD <em>Savane</em> von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ali_Farka_Tour%C3%A9">Ali Farka Touré</a> aus Mali. Großer Mann.</p>
<p>Aber was schreibe ich darüber, man braucht ja doch keine Illusionen zu haben. Die westlichen Medien gleichen Müllkippen und Recyclinganstalten, alle schwimmen im eigenen Saft herum. Was brauchen wir andere Kontinente? Uns reicht der eigene Hinterhof, und bei der WM starren wir ohnehin nur auf den grünen Rasen, der in Südafrika ebenso grün ist wie in Oberbayern. Damals, 1984, war es nach dem Studium eine verrückte Reise, höchst riskant, warum tut man so etwas?</p>
<p>Im Matatu-Taxi von der kenianischen Grenze nach Daressalam, dort Mr. Mwakyami besucht, und irgendwann zum Abschied haben wir dann in der Agip-Bar viele Biere getrunken. Zu Fuß durch die halbe Stadt zum Busbahnhof, der Schweiß brach mir aus. Dann hing ich da 20 Stunden herum, bis der Bus abfuhr, und er fuhr wiederum 20 Stunden ins Landesinnere, und ein hochgewachsener Tansanier nahm mich unter seine Fittiche. Der Bus brach zusammen, wir wanderten stundenlang durch die Nacht, und als ich nicht mehr wollte, sagte einer: »Hey Mister, we go!« Alle waren so freundlich, und dabei hätten sie mich zwanzigmal ausrauben können.</p>
<p>Das vergisst man nie mehr. Dann kürzlich <em>Erotische Geschichten aus Afrika</em> gelesen, ein Taschenbuch. Was für Geschichten! Gut, dass es Afrika gibt.</p>
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		<title>Gräfin Dracula</title>
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		<pubDate>Thu, 27 May 2010 23:02:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/poser_irlandabtei.jpg" width="150px" align="left" alt="Spukgemäuer in Irland (Foto: Manfred Poser)" />Das klang packend: <em>Countess Dracula – The Life and Times of Elisabeth Báthory, the Blood Countess</em>. Dieses Buch des Engländers Tony Thorne erschien 1997, es stand am Institut und ich entlieh es mir. Schon die Einführung! »In den Jahren, bevor sie sich umbrachte, schrieb die argentinische Surrealistin Alejandra Pizarnik kleine Geschichten und Gedichte.« Eine Erzählung behandelte die Blutgräfin, »la Condesa Sangrienta« Elisabeth Báthory. Sie lebte von 1560 bis 1614 in Transsylvanien, das damals ungarisch war. Gerüchten zufolge soll sie 650 junge Mädchen gefoltert und getötet haben, nach anderen Angaben waren es 220, und Zeugen vor Gericht kamen auf 35 ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das klang packend: <em>Countess Dracula – The Life and Times of Elisabeth Báthory, the Blood Countess</em>. Dieses Buch des Engländers <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Tony_Thorne">Tony Thorne</a> erschien 1997, es stand am Institut und ich entlieh es mir. Schon die Einführung! »In den Jahren, bevor sie sich umbrachte, schrieb die argentinische Surrealistin Alejandra Pizarnik kleine Geschichten und Gedichte.« Eine Erzählung behandelte die Blutgräfin, »la Condesa Sangrienta« <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Erzs%C3%A9bet_B%C3%A1thory">Elisabeth Báthory</a>. Sie lebte von 1560 bis 1614 in Transsylvanien, das damals ungarisch war. Gerüchten zufolge soll sie 650 junge Mädchen gefoltert und getötet haben, nach anderen Angaben waren es 220, und Zeugen vor Gericht kamen auf 35.</p>
<p>War Elisabeth das Vorbild für Graf Dracula? Schwer zu sagen. In Transsylvanien entdeckte der 1847 geborene Ire Bram Stoker den Fürsten Vlad III. Tepes Draculeo (1431–1477), aus dem er den bösen Dracula machte. Stokers gleichnamiger Roman erschien 1897, doch sein Autor starb verarmt 1912, noch bevor er den großen Erfolg seines Werks erleben durfte. Die Angst vor Wiedergängern speiste sich aus der Angst vor den Toten überhaupt und dem Horror vor ungewöhnlichen Todesfällen. Die Kirche wirkte mit, heidnische Bräuche hinüber ins Mittelalter zu transportieren, und es sind Beispiele überliefert, dass man Leichen schlimm zurichtete, um deren Rückkehr als Phantome zu verhindern. Alles dazu steht in einem Buch des französischen Volkskundlers Claude Lecouteux, als <em>The Return of the Dead</em> nun auf Englisch erhältlich.</p>
<p>Am 29. Dezember 1610 stellte der Vizekönig von Ungarn, Graf George Thurzó, ein Strafkommando zusammen und wollte die Gräfin zur Rechenschaft ziehen. Er überfiel Schloss Čachtice und brachte die Adelige hinter Schloss und Riegel. Ihre Helfershelfer wurden ebenfalls festgenommen, gefoltert und ausgefragt. Drei wurden gleich zum Tode verurteilt und verbrannt. Elisabeth Báthory verschwand hinter Kerkermauern. Ab 1613 war die Anklage vorbereitet, und hundert Zeugen wurden befragt. Aber wegen politischer Querelen kam es nie zur offiziellen Anklageerhebung. Am 25. August 1614 wurde Elisabeth Báthory tot in ihrer Zelle gefunden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/poser_irlandabtei.jpg" style="max-width:100%" class="frei" alt="Irland (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">So sieht ein Spukgemäuer aus. Irland, 1977.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Zu viel Besitz und zu viel Macht</h5>
<p>Ihre Geschichte wurde mehrmals verfilmt – so, wie jeder sie verfilmen würde. Es wurden grelle Romane über sie geschrieben. Das wäre nun ein wunderbares Thema für ein Buch gewesen, das man mit Schaudern liest. Doch Tony Thorne ist Historiker. Er erzählt gründlich, und ganz langsam sät er Zweifel in seine Geschichte. Könnte es nicht sein, dass einige Todesfälle medizinischen Praktiken zuzuschreiben waren, die man seinerzeit pflegte? Elisabeth Báthory sieht auf einem großen Gemälde, das in Budapest zu sehen ist, elegant aus. Sanfte Augen, grazile Gestalt.</p>
<p>Ich bat das Nationalmuseum in einer E-Mail darum, ihr Foto und das ihres Verfolgers verwenden zu dürfen (gratis freilich; das steckte semantisch in der Anfrage drin). Als Antwort kam ein Einschreibebrief mit der Erlaubnis und angekündigten  Kosten von 100 Euro. Ich musste dankend ablehnen. Wir sind ja hier nicht bei der FAZ.</p>
<p>Der Autor Thorne hat umfassend recherchiert und breitet akribisch aus, was er weiß. Die Machtverhältnisse der Gegend. Langsam stellt sich heraus, dass der gute Paladin George Thurzó, der so freundlich mit seiner Frau umgeht, bei einer weiteren Strafexpedition schnell ein paar Köpfe rollen lässt, dass er dynastische Träume hegt und möglichst schnell hochkommen will. Elisabeths Mann Francis Nádasdy, der Schlossherr, war 1604 gestorben. Die Witwe verwaltete den Besitz, ist gerecht und schreibt ruhige, deutliche Briefe.</p>
<p>Auch der Autor Tony Thorne wird deutlich: »Ohne Zweifel lag in der Meinung von Elisabeth Báthorys Zeitgenossen ihre Schuld darin, dass sie zu viel Besitz hatte, mehr als der Paladin, und zu viel Macht.« Eine weitere Meinung lautete, dass Macht den männlichen Sprösslingen zukommen sollte; Witwen sollten eigentlich nichts zu sagen haben und verdienten die Besitztümer nicht. »Es war nur eine Frage der Zeit, bis irgendjemand [...] gegen sie vorgehen würde.«</p>
<p>Thorne beschreibt, wie Elisabeth sich in zwei Welten bewegte – auf ihrem Schloss mit den Dienstboten und bei Festen des Adels. »Sie war ein Geschöpf ihrer Zeit, aber eine außerordentliche und starke Frau, die allerdings zu viel von sich hielt und zu viel von denen verlangte, die ihr aufwarteten.« Eine Anklage gegen sie zu zimmern, war vielleicht nicht schwer – und geradezu ideal, ihr Hexerei und das Foltern unschuldiger junger Mädchen vorzuwerfen. Auch das Motiv konnte jeder einfache Zeitgenosse nachvollziehen: Die Gräfin habe sich mithilfe des Blutes ewige Jugend sichern wollen. Da war Empörung im Volk garantiert!</p>
<p>Die Zeugenaussagen tröpfelten ein. »Dann, als klar wurde, dass Elisabeth Báthory verdammt war, löste sich die Spannung in einer Flut von Denunziationen.« Kennen wir das nicht? Die ersten Zeugen waren ja gleich verbrannt worden, zur zweiten Anklage kam es nicht. Elisabeth Báthory durfte sich nie zu den Vorwürfen äußern.  Hätte man sie vor einem Provinzgericht oder etwa einem höheren Gericht angeklagt, hätte sie womöglich Dinge gesagt, die niemand hören wollte. Wie gut, dass sie rechtzeitig starb. Der Paladin George Thurzó überlebte sie nur um knapp zwei Jahre.</p>
<p>Tony Thorne merkt pflichtbewusst an, dass wir nie wissen könnten, ob Elisabeth Báthory nicht vielleicht doch eine Blutgräfin war. Das Beweismaterial jedoch spricht eine andere Sprache. Dass seither 400 Jahre vergangen sind, macht keinen großen Unterschied. Haben wir nicht auch Fälle erlebt, die sonnenklar erschienen – und sich dann als ganz anders entpuppten? Die  Medien lieferten die Geschichte, die wir uns erwarteten. Kaum einer fragte nach oder bot eine besonnenere, zurückhaltende Version.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/poser_temeschwar.jpg" style="max-width:100%" class="frei" alt="Temeschwar (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Die lauschige Einfahrt in die Transsylvanien-Metropole Temeschwar.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Temeschwar 1989</h5>
<p>Oft zeigt sich dann, dass man vorschnell jemanden dämonisierte – wie man damals Elisabeth Báthory dämonisierte. Der oder die Angeklagte hat es schwer. Im Zweifel ist man immer gegen sie/ihn. Die Medienwelt geht so massiv und kompakt vor, dass abweichende Meinungen – sogar auf Fakten gestützte abweichende Versionen – keine Chance haben. Vielleicht erinnern wir uns noch an das angebliche Massaker von Temeschwar 1989, das 70.000 Menschen das Leben gekostet haben soll. Eine Agenturjournalistin wusste es besser, doch ihre Zentrale wischte die Fakten beiseite. Die anderen hatten die 70.000, da konnte man nicht zurückstehen. Heute weiß man, dass es eher 700 Menschen waren, die damals (im ganzen Land) ums Leben gekommen waren.</p>
<p>Man könnte nicht behaupten, dass es seither besser geworden wäre. Im Gegenteil: Es ist viel schlimmer geworden. Und es kann eigentlich nur noch schlimmer werden, nicht besser. Wir haben nun die Vielfalt, mit der uns Mitte der 1980er Jahre Privatfernsehen schmackhaft gemacht wurde. Als ich Ende 1985, vor einem Vierteljahrhundert, bei der dpa in Hamburg meine erste Redakteursstelle antrat, kam ich unter seriöse Herren (Damen gab es wenige). Das Verbum »durchführen« stand auf dem Index, weil es die Nazis verwendet hatten.</p>
<p>Meine Geschichten über Popmusiker und Filmstars wurden von den Kollegen, die viele Jahre in Nairobi, London und Kairo verbracht hatten, mit hochgezogenen Augenbrauen quittiert. Ich war der Paradiesvogel. Schrieb schon zehn Jahre vor der Gründung der dpa-Redaktion »Modernes Leben« über bunte Themen, über Rock und Sonnenbrillen. Da hast du es, Michail: Auch wer zu früh kommt, den bestraft das Leben manchmal.</p>
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		<title>Nachruf auf die Tabakspfeife</title>
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		<pubDate>Thu, 13 May 2010 22:30:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/flusser.jpg" class="right" width="150" alt="Auch ein Pfeifenraucher: Vilém Flusser (Foto: orange-press)" title="Auch ein Pfeifenraucher: Vilém Flusser (Foto: orange-press)" />Ein heißer Sommertag an der Côte d’Azur. Der belgische Romancier Georges Simenon hat sich vier Pfeifen gestopft, die nun vorbereitet in einem Gestell neben der Schreibmaschine auf ihn warten. Dann zieht er die Vorhänge zu, schenkt sich einen Genever ein und fängt zu schreiben an, denn Kommissar Maigret soll an einem nebligen Abend in Belgien einem Fall nachgehen, der auf einem Schiff spielt. Der Autor hört, wie das Wasser an die Bordwand klatscht ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein heißer Sommertag an der Côte d’Azur. Der belgische Romancier Georges Simenon hat sich vier Pfeifen gestopft, die nun vorbereitet in einem Gestell neben der Schreibmaschine auf ihn warten. Dann zieht er die Vorhänge zu, schenkt sich einen Genever ein und fängt zu schreiben an, denn Kommissar Maigret soll an einem nebligen Abend in Belgien einem Fall nachgehen, der auf einem Schiff spielt. Der Autor hört, wie das Wasser an die Bordwand klatscht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/max+moritz.jpg" style="max-width:100%" width="100%" alt="Max und Moritz" /><br /><font size="-1"><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Max_und_Moritz">Max und Moritz</a>, die Bösen, präparieren die Pfeife des verhassten Lehrers Lämpel.</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Die handelnden Personen </h5>
<p>Kommissar Maigret war natürlich auch ein besessener Pfeifenraucher. Meine Lieblingsseiten betrafen immer das ausgedehnte Abschlussverhör, das bis zur Erschöpfung aller Beteiligten dauerte. Zwischendurch riss der Kommissar, nehme ich an, einmal kurz das Fenster seines Büros auf und ließ sich vom Bistro unten Bier und Sandwiches kommen. Das war alles so sinnlich und doch einfach geschildert, dass man plötzlich selber Lust auf ein Sandwich und ein Bier bekam und das für das beste Gericht der Welt hielt. Kein Wunder, dass der Verhörte nach wenigen Stunden schon einknickte: Eingenebelt von Maigrets Tabak müssen ihm die Sinne geschwunden sein. Heute würde er den Gerichtshof für Menschenrechte anrufen wegen Folter.</p>
<p>Als Günter Grass vor vielleicht sieben Jahren in Rom in der Casa di Goethe ein Buch vorstellte, ließ ich es mir signieren und bemerkte beiläufig, dass ich ebenfalls Pfeifenraucher sei. »Ach«, erwiderte er etwas resigniert, »wir werden immer weniger.« Der einzige Tabakhändler in Müllheim (Baden) räumte vor einigen Monaten alle seine Pfeifen weg. Er verkaufe kaum mehr welche, meinte er, die Jungen rauchten alle Shisha – die orientalische Wasserpfeife – und die anderen höchstens noch Zigaretten.</p>
<p>Die ungeheure Rauchentwicklung der Pfeife ist heute natürlich anachronistisch und gilt fast schon als Körperverletzung. Früher wurde das hingenommen, ohne mit der Wimper zu zucken. Blicken wir zurück. Pfeife rauchten: Johann Sebastian Bach, Ernst Bloch, Raymond Chandler, Jacques Derrida, Friedrich Dürrenmatt, Albert Einstein, William Faulkner, Vilém Flusser, Max Frisch, Jens Gerlach, Vincent van Gogh, Carl Gustav Jung, Immanuel Kant, Paul Klee, Heinrich von Kleist, Golo Mann, Fritz Reuter, Bertrand Russell, Helmut Schmidt, Mark Twain, Herbert Wehner. Noch rauchen dürfen: Bill Bryson (bekannt vom <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2550/">Bibliotheken-Engel</a>), Siegfried Lenz. Nur Männer.</p>
<p>Die zweite große literarische Rauchergestalt ist Sherlock Holmes. Er war manchmal morgens schon mit der langen Lesepfeife von Doktor Watson anzutreffen und rauchte, wenn er sich langweilte, schon mal am Tag ein Päckchen Tabak weg. Holmes nahm aber auch Kokain und Morphium zu sich, was damals noch nicht verboten war. Sir Arthur Conan Doyle (1859–1930), der Medizin studierte, schuf mit Sherlock Holmes die Urgestalt des wissenschaftlich arbeitenden, dabei auch seine Kreativität einsetzenden Kriminalisten, wofür ihm ein Lehrer der Universität als Vorbild diente.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/poser_pfeifen.jpg" style="max-width:100%" width="100%" alt="Das Fensterbrett des rauchenden Autors (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Das Fensterbrett des rauchenden Autors (Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Das Objekt </h5>
<p>Sprechen wir über die Pfeife. Den Tabak brachte Sir Walter Raleigh nach Europa; vor 1500 gab es da keine Pfeifen. Die Tabakspfeife fasste vor allem in Ländern mit kühlem Klima Fuß: in Deutschland, den Niederlanden, Dänemark, auf den britischen Inseln. Die besten Pfeifenmacher gibt es traditionell in Dänemark, dessen Tabake – auch aus Tradition – süß sind. Das Gegenteil sind die englischen Mischungen: Sie riechen nach Räucherschinken, und wer nie geraucht hat, kann sich nicht vorstellen, welchen Genuss sie bieten. (Gerade rauche ich »Early Morning Pipe« von Dunhill, den Lieblingstabak von Max Frisch.)</p>
<p>Die Friedenspfeife rauchen. Bei den Lakota-Indianern hieß die zeremonielle Pfeife Chanunpa, und der Schamane Black Elk erläutert: »Cha ist ein Holz, Nunpa ist zwei. Der Pfeifenkopf repräsentiert die ganze Welt. Der Stiel verkörpert den Baum des Lebens.« Der Stein gilt als das Weibliche, der Stiel als das Männliche: »Also sind Mann und Frau in der Chanunpa miteinander vereint.«</p>
<p>Pfeife rauchen war immer ein Ritual, eine Zeremonie. Das Objekt der Begierde ist fast ein Fetisch. Ich besitze 20 Exemplare, es waren auch schon einmal 30, und die teuerste Pfeife ist eine Davidoff für 400 Franken; stopfen; anzünden; die ersten Züge tun. »Pfeifenraucher sind ruhige Menschen.« Wie oft habe ich das gehört! – Dabei bin ich überhaupt nicht ruhig; manche Pfeifenraucher möchten gerne ruhig sein, darum rauchen sie. Langsam ziehen, das diszipliniert die Atmung, nachstopfen, ruhig bleiben; rauchen, wie man atmet. Es gibt sogar Wettbewerbe: 5 Gramm Tabak, ein Streichholz, wer kann am längsten?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/flusser.jpg" style="max-width:100%" width="100%" alt="Vilém Flusser (Foto: orange-press)" /><br /><font size="-1">Auch ein Pfeifenraucher: der große Kommunikationsphilosoph <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Vil%C3%A9m_Flusser">Vilém Flusser</a> (1920–1991).<br />
Am 14. Mai wäre er 90 Jahre alt geworden. (Foto: <a href="http://www.orange-press.com/programm/alle-titel/absolute-vilem-flusser.html">orange-press</a>, Freiburg)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Warum?</h5>
<p>Pfeifenraucher sind Genussmenschen – oder besser: Menschen, die den langen Genuss (Pfeife und Bier/Wein) dem kurzen Kick (Zigarette und Whisky) vorziehen. Sicher haben sie auch ein besonderes Verhältnis zum Olfaktorischen: Sie riechen und schnüffeln gern; Düfte bedeuten ihnen viel. Und das Ritual bedeutet ihnen viel. Es verselbständigt sich. Ich schreibe meist von zehn Uhr abends bis Mitternacht. Kühles Bier eingießen, Pfeife entzünden: Das ist der Startschuss. Dann geht es eigentlich nicht mehr ohne. Das ist Sucht.</p>
<p>Kürzlich las ich wieder einmal auf einer Serviceseite (vermutlich bei Yahoo oder Microsoft), um wie viel man sein Leben mit den Lastern Tabak und Alkohol verkürzt. Hat sich schon jemand Gedanken darüber gemacht, wie viel Leben dadurch gerettet wird, weil es ohne diese Laster quälend wäre? Ich rauche, weil ich rauchen muss. Robert Musil (Zigarettenraucher) schrieb einmal, er lebe, um zu rauchen.</p>
<p>Wenn die Pfeife gefüllt ist und dampft, beginnt eine frische Zeit; der Tabak glimmt, ich lege die Beine auf den Schreibtisch hoch, sehe den Rauchschwaden nach – und bin außerhalb der Zeit. Der sinkende Tabakstand in der Pfeife aber gemahnt daran, dass alles einmal zu Ende geht. Ich stopfe nach; doch irgendwann ist sie nur noch auszukratzen. Finito.</p>
<p>Als wir in St. Gallen einzogen, forderte ich, in meinem Arbeitszimmer rauchen zu dürfen; so kompromisslos sind wir. Man raucht, weil man meditativ schreiben will, doch drängt einem die Pfeife auch einen Rhythmus auf; so wie sie nicht ausgehen soll, schreibt man auch weiter und hält sich nicht auf; es muss weitergehen, und auch das stetige Summen des Computers unterhalb gibt einem eine Bewegung mit. Aber das muss kein Nachteil sein.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>(Übrigens habe ich beim Verfassen dieses Textes des öfteren irrtümlich »ruachen« geschrieben statt »rauchen«. Irrtümer sind kreativ. <em>Ruach Elohim</em> ist der Geist Gottes, der über den Wassern schwebte. <em>Ruach Hakodesh</em> ist in den hebräischen Schriften der Ausdruck für göttliche Inspiration, den Heiligen Geist, der zwischen Stimme und Sprechen vermittelt. Dies ist dem Buch <em>Sefer Yetzirah</em> zu entnehmen, in dem 1990 Aryeh Kaplan diese heilige Schrift interpretierte. Das Wort <em>Ruach</em> ist weiblich. Der Heilige Geist könnte ebenfalls weiblich sein. Das würde mir auch besser gefallen.)</p>
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		<title>Short Stories</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Apr 2010 23:55:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/04/poser_sunbeam_kl.jpg" align="left" alt="(Foto: Manfred Poser)" />Seit dem »Zauberer von Rom« im Dezember 2009 keinen großen Roman mehr gelesen. Anderes war zu tun, ich pflügte kreuz und quer durch die Parapsychologie, und die Konzentration für einen Roman fehlte. Ein alter Freund, Englischlehrer an einem bayerischen Gymnasium, schwärmte mir von (Sir) Kingsley Amis (1922–1995) vor und empfahl dessen »Collected Stories«. Und dann legte mir Rolf Hannes aus Freiburg noch die Kanadierin Alice Munro (geboren 1931) ans Herz, die meist Geschichten von etwa 30 Seiten Länge schreibt. Ich war begeistert ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seit dem <em><a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2260/">Zauberer von Rom</a></em> im Dezember 2009 keinen großen Roman mehr gelesen. Anderes war zu tun, ich pflügte kreuz und quer durch die <a href="http://www.orange-press.com/programm/alle-titel/absolute-parapsychologie.html">Parapsychologie</a>, und die Konzentration für einen Roman fehlte. Ein alter Freund, Englischlehrer an einem bayerischen Gymnasium, schwärmte mir von (Sir) <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Kingsley_Amis">Kingsley Amis</a> (1922–1995) vor und empfahl dessen <em>Collected Stories</em>. Und dann legte mir Rolf Hannes aus Freiburg noch die Kanadierin <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Alice_Munro">Alice Munro</a> (geboren 1931) ans Herz, die meist Geschichten von etwa 30 Seiten Länge schreibt. Ich war begeistert.</p>
<p>Die Kurzgeschichte oder Short Story ist ja im angelsächsischen Sprachraum zur Blüte gelangt, seit Edgar Allen Poe (1809–1849) und den Fortsetzungsromanen im 19. Jahrhundert. Viele große Autorinnen und Autoren haben die kurze Form gepflegt, doch wir lassen sie alle beiseite. Kingsley Amis schrieb in seiner Einführung zu den <em>Collected Stories</em>, er habe immer gewusst, wenn er ein Thema für eine kleine Geschichte in den Fingern hatte; das sei angenehm, denn im Roman müsse man immer mit 20 Kegeln gleichzeitig jonglieren, bei der Short Story mit höchstens zwei.</p>
<p>Dann überlegt er, warum diese so wenig gefragt sind. Verleger meinten, die Leser hätten keine Lust, sich immer wieder auf neue Protagonisten oder ein neues Setting einzustellen. In Deutschland sind Erzählungen ja auch wenig beliebt. Die Leser (eher: die Leserinnen) wollen lieber in ein großes Gebilde eintauchen, denn so entflieht man besser der Realität. Die Leser seien mehr geworden, räsonniert Amis (1981), auch die Schriftsteller; aber im Ganzen seien beide heute schlechter als früher. Der Untertitel »Erzählungen« verscheuche alle Leserinnen. Das sei schade.</p>
<p>»With Neil I worry a bit, with Maury only a tiny little bit. And Gretchen I don’t worry about at all. Because women always have got something, haven’t they, to keep them going? That men haven’t got.« – Das ist eine Stelle aus <em>Tricks</em> von Alice Munro in der wunderbaren Beiläufigkeit, mit der in englischer Sprache tiefe Wahrheiten daherkommen. Und das ist so schwer zu übersetzen, damit es nicht banal klingt oder zu tiefsinnig. Etwa: »Frauen haben immer etwas, das sie weiterträgt, nicht wahr? Männer haben das nicht.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/04/poser_grabstein.jpg" width="100%" style="max-width:100%" alt="Grabstein mit Geschichte (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Eine Short Story: Ende kompakt. – <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Danilo_Ki%C5%A1">Danilo Kiš</a> schrieb einmal, die Angaben auf einem Grabstein<br />
seien der kürzeste Roman überhaupt.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>That the German language hasn’t got</h5>
<p>Ach, diese <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Ernest_Hemingway">Hemingway</a>’sche Lakonie, diese Vieldeutigkeit einer eleganten Smalltalk-Sprache! Wie im Italienischen oder Russischen kann da unendlich herumgequatscht werden, ohne dass ein Kern deutlich würde – aber dann wieder fängt ein einziger Ausdruck unübertrefflich eine »Befindlichkeit« ein mit all ihren Nuancen, sodass mir für manche Empfindung eine italienische Wendung ganz natürlich vorkommt. »That the German language hasn’t got.« Ich wollte nun ein deutsches Beispiel verwenden, um zu zeigen, dass unsere Sprache an Präzision ihresgleichen sucht; wir müssen eben durch Umkreisen des Kerns die Nuancen einfangen, und so, eben mit größerem Aufwand, ist es auch zu schaffen.</p>
<p>Ich schlug also zufällig (<a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2744/">ohne zu suchen</a>) <em>Austerlitz</em> von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/W._G._Sebald">W. G. Sebald</a> auf, und da erzählt auf Seite 223 der Romanheld, dass Véra und er meist Französisch gesprochen hätten. »Mitten in dieser Bemerkung war Véra selber, unwillkürlich, wie ich annehme, sagte Austerlitz, aus der einen Sprache in die andere übergewechselt, und ich, der ich weder am Flugplatz, noch im Staatsarchiv, ja nicht einmal beim Auswendiglernen der Frage, die mir, an der falschen Adresse, gewiß nicht viel weitergeholfen hätte, auch im entferntesten nur auf den Gedanken gekommen war, vom Tschechischen je berührt worden zu sein, verstand nun wie ein Tauber, dem durch ein Wunder das Gehör wiederaufging, so gut wie alles, was Véra sagte, und wollte nurmehr die Augen schließen und ihren vielsilbig dahineilenden Wörtern lauschen in einem fort.« (Dazu unbedingt lesen: <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2661/">den schönen Aufsatz</a> von Florian Radvan im <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/hefte/familie/">K.A.-Heft »Familie«</a> über W. G. Sebald!)</p>
<p>Grace lernte Neil kennen. »How far she had seen into him, now.« Schön. Ich habe nun die Sammlung <em>Runaway</em> der Munro mit acht Erzählungen, die seit eineinhalb Jahren unter dem Titel <em>Tricks</em> vorliegt, schon zwei Mal verschenkt (an Frauen), und ein kurzes Überfliegen zeigte mir, dass die Übersetzung gelungen ist. Joseph Conrad (1857–1924) habe ich auch in der Übersetzung leidenschaftlich gern gelesen.</p>
<p>Zu Conrads Zeit hieß der größte englische Autor <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Thomas_Hardy">Thomas Hardy</a> (1840–1928). Er schrieb bis zu seinem fünfzigsten Jahr große Romane und Novellen, danach nur mehr Poesie. Seine <em>Wessex Tales</em> spielen in der Nähe von Dorchester, wo er lebte. Simon Gatrell schreibt wunderbar über sie: »Das Gefühl von etwas Weichem, Flüchtigen und Untergehenden ist bei Hardy oft spürbar, aber es zeigt sich deutlicher in den <em>Wessex Tales</em> wegen der relativen Kürze der Short Story, die den Leser dazu zwingt, nicht nur die Zerbrechlichkeit der Dinge, sondern auch und oft ihre Endlichkeit zu bedenken.«</p>
<p>Denn bei Thomas Hardy enden viele Geschichten tragisch, und der Tod steht immer im Hintergrund. Die <em>Tales</em>, vor 100 Jahren geschrieben, blicken meist ins 19. Jahrhundert zurück und haben noch den großmeisterlichen Atem der alten Zeit mit akkuraten Beschreibungen und abstrakten Erläuterungen. Als Hardy 1928 starb, hatte Hemingway gerade <em>Fiesta </em>und die <em>Nick-Adams-Stories </em>veröffentlicht, und ein neuer Stil war da. Die Großmeister dankten ab, die Kurzgeschichten wurden klarer und herber. Wie die der jungen <a href="http://hannahtinti.com/">Hannah Tinti</a>, die 2004 <em>Tanz der Tiere</em> vorlegte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/04/poser_sunbeam.jpg" width="100%" style="max-width:100%" alt="Ein Sunbeam aus Wolverhampton (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Ein Sunbeam aus Wolverhampton, mit dem Engländer an Sonntagen sportliche Ausfahrten unternahmen.<br />
Baujahr 1928: Damals starb Hardy, und Hemingway hatte das Neue zu bieten.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Too many things</h5>
<p>Der <em>Spiegel</em> will Anfang des Jahres bemerkt haben, dass sich Kurzgeschichten wieder besser verkaufen. Ich glaube nicht an solche Trends. Wenden wir uns besser dem Handwerk zu und Mrs. Munro. Genießen wir den Anfang von <em>Differently</em>:</p>
<p>»Georgia once took a creative-writing course, and what the instructor told her was: Too many things. Too many things going on at the same time; also too many people. Think, he told her. What is the important thing? What do you want us to pay attention to? Think.«</p>
<p>Fünf Zeilen. Simpler Wortschatz. Viele Wiederholungen. Hier sind sie strategisch: Sie zeigen die Penetranz und das Nölende des Lehrers. Wir kennen Georgia noch nicht, aber wir sind schon auf ihrer Seite. Die beiden »think« umklammern das Credo des Lehrers und zeigen syntaktisch seine Engstirnigkeit. Diese viereinhalb Zeilen sind einfach und doch genial gebaut, mit gutem Fluss und Rhetorik.</p>
<p>Die folgende Geschichte ist dann schwierig; too many things. So ist das Leben. Georgia besucht Raymond und dessen Frau Anne in dem »splendid stone house where she used to visit Maya«. Wo ist Maya denn geblieben? Raymond sagt Anne, was für tolle Freunde sie gewesen seien, Georgia und Ben und er und Maya.  Dann: »Maya is dead. Georgia and Ben are long divorced.« Anne ist eine langweilige Blondine, Raymond plappert und outet sich als oberflächlicher Bourgeois.</p>
<p>Die Informationen sind so geschickt platziert, dass man neugierig wird. Wie hängt das alles zusammen? Georgia dachte lange, »that someday she might write to Maya, there might come a time when their friendship could be mended«. Aha! Andere Autoren hätten geschrieben: »Denn Georgia und Maya hatten keinerlei Kontakt mehr.«</p>
<p>Da gibt es viele Leerstellen und ambivalente Ausdrücke, das Puzzle lässt endlich eine vage Gestalt erkennen, und der Schluss ist immer herb und offen. Alice Munro wird nächstes Jahr 80. In ihren Geschichten schauen Menschen zurück; alles liegt in der Vergangenheit, das Glück hätte eine Liebe sein können, die es nicht gab, und gab es sie doch, wurde sie nicht zum Glück, und zwischen den Sätzen klaffen immer wieder Lücken auf, in denen kein Gott ist und kein Engel, aber einen Zauber gibt es: Er liegt in den Sätzen und in diesem seltsamen, abenteuerlichen Leben hier und jetzt.</p>
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		<title>Und wieder wiederholt sich was!</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Apr 2010 22:01:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/04/poser_baraka_kl.jpg" align="left" title="Blues ist Wiederholung" alt="Blues ist Wiederholung (Foto: Manfred Poser)" />Wir kehren zurück zu dem österreichischen Biologen Paul Kammerer (1880–1925). Der exzentrische Wissenschaftler entdeckte an Kröten ein höchst interessantes Vererbungsmerkmal, was ihn berühmt machte wie vorher Darwin. Allerdings kamen Zweifel an der Stichhaltigkeit der Ergebnisse auf (der Fall ist noch immer ungeklärt; Arthur Koestler hat ihn 1971 in seinem Buch »The Case of the Midwife Toad« aufbereitet), die Kammerers Reputation zerstörten und ihn in den Selbstmord trieben ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wir kehren zurück zu dem österreichischen Biologen <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2744/">Paul Kammerer</a> (1880–1925). Der exzentrische Wissenschaftler entdeckte an Kröten ein höchst interessantes Vererbungsmerkmal, was ihn berühmt machte wie vorher Darwin. Allerdings kamen Zweifel an der Stichhaltigkeit der Ergebnisse auf (der Fall ist noch immer ungeklärt; Arthur Koestler hat ihn 1971 in seinem Buch »The Case of the Midwife Toad« aufbereitet), die Kammerers Reputation zerstörten und ihn in den Selbstmord trieben.</p>
<p>Kammerers Buch »Das Gesetz der Serie« war sehr einflussreich. Sigmund Freud und C.&nbsp;G. Jung nahmen die (persönlichen) Beobachtungen Kammerers ernst, dass Ereignisse in Serie aufträten, was zu dem Ausdruck »Duplizität der Ereignisse« führte und Jungs Überlegungen zu den Synchronizitäten untermauerte. Das Werk lässt nichts aus, was auch nur annähernd zum Thema gehört, und Kammerer zeigt sich so, wie man ihn in den höheren Gesellschaftskreisen kannte: als charmanter und etwas exzentrischer Causeur. Im letzten Abschnitt widmet er sich auch Philologie und Linguistik; er schreibt:</p>
<blockquote><p>»Nach <em>Behaghel</em> ist Wiederholung ein Urphänomen der Sprache: an ihrer Entstehung haben häufig wiederholte Ereignisse der Außenwelt, wie rhythmische Handgriffe bei der täglichen Arbeit offenbar weitreichenden Anteil gehabt. [...] Seit <em>Pott</em> werden diese gestockten Sedimente der Sprechwiederholung als <em>Doppelung</em> (Reduplikation) bezeichnet, wovon sich zwei Hauptarten unterscheiden: Wiederholung im ganzen und verkürzte Wiederholung.«</p></blockquote>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/04/poser_baraka.jpg" class="frei" alt="Amiri Baraka (Zweiter von rechts) mit Sängerin Leena Conquest im April 2004 in Rom (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Blues ist Wiederholung. Amiri Baraka (Zweiter von rechts) mit Sängerin Leena Conquest<br />
im April 2004 in Rom mit der William Parker Band.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>»Jenny gone away«</h5>
<p>Das finden wir etwa im Blues der schwarzen amerikanischen Baumwollpflücker. <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Lafcadio_Hearn">Lafcadio Hearns</a> hat einen kreolischen Blues aufgezeichnet, der so geht: »Ouendé, ouendé, macaya! / Ma pas barrasse, macaya! / Ouendé, ouendé, macaya! / Mo bois bon divin, macaya!« (aus dem Buch »Blues People« von <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Amiri_Baraka">Amiri Baraka</a>). In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde gesungen: »Jenny shake her toe at me, / Jenny gone away; / Jenny shake her toe at me, / Jenny gone away. / Hurrah! Miss Susy, oh! / Jenny gone away; / Hurrah! Miss Susy, oh! / Jenny gone away.« (ebd.)</p>
<p>Ein Blick in die Bibliografie des Kammerer-Buchs zeigt das Werk »Doppelung (Reduplikation, Gemination) als eines der wichtigsten Bildungsmittel der Sprache«, erschienen 1862 in der Meyerschen Hofbuchhandlung Lemgo und Detmold. Autor ist <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/August_Friedrich_Pott">August Friedrich Pott</a> (1802–1887), der 1845 die <em>Deutsche Morgenländische Gesellschaft</em> gründete, ein gutes Buch über die Sprache der Zigeuner schrieb und sich gegen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_de_Gobineau">Gobineaus</a> These von der Ungleichheit menschlicher Rassen wandte.</p>
<p>Jedenfalls hat <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gerard_Manley_Hopkins">Gerard Manley Hopkins</a> nicht im Alleingang den <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2135/">Parallelismus</a> entdeckt; es ist ein Phänomen, dass Entdeckungen zur selben Zeit an verschiedenen Orten auftauchen. Darwin zögerte sehr lange mit der Veröffentlichung seiner Thesen, da schickte ihm <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Russel_Wallace">Alfred Russell Wallace</a> einen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ternate-Manuskript">Brief</a>, in dem er Darwins Findungen fast wörtlich wiederholte. Telepathie oder ein unheimliches »Feld«?</p>
<p>Pott schreibt: »Das große Naturgesetz der Anziehungskraft, Assimilation, Wahlverwandtschaft oder wie man es sonst immer nennen möge, übt auch in der Sprache einen unermesslichen Einfluss auf ihre Gebilde und deren Verknüpfung aus.« Kammerer verweist auf Berichte von emotional verstörenden Ereignissen sowie auf das Stottern, Stammeln und Lallen, auf das Versprechen, Verlesen, Verhören oder Verschreiben. Wiederholungen beziehen sich nicht nur auf Hauptwörter, sondern auch auf Verben. Das Lateinische verlor seine Doppelungen (Carl Jacoby: »Die Reduplikation im Lateinischen«, 1878) wieder, »während die alten Latiner mit allen Naturvölkern den Sinn für Klangmalerei gemeinsam hatten, der ihnen das Wiederholen der Sprechelemente vorschrieb«.</p>
<p>Da treten wieder vielfältige Assoziationen auf, und so wiederhole auch ich meinen Sermon über die Wiederholung. Denken wir an die zahlreichen Wiederholungen von Motiven in der klassischen Musik, etwa bei Schubert (im 3. Satz des Streichquartetts D 804 in a-Moll ist es auffallend, auch im Allegro assai); dann natürlich die Kopisten im mittelalterlichen Mönchstum, verewigt in Umberto Ecos »Der Name der Rose«: Schreiben ist ja eine stete Wiederholung von Zeichen, wenngleich in Variationen. In der Evolution treten dauernde Wiederholungen auf, doch bedeutsam sind die kleinen Variationen, die laut Chaostheorie dem »seltsamen Attraktor« zustreben und dann einmal zu »Sprüngen« führen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/04/kraemer_ammersee.jpg" class="frei" alt="2 Vögel über dem Ammersee (Foto: Helmut Krämer)" /><br /><font size="-1">2 Vögel über dem Ammersee.<br />
(Foto: Helmut Krämer)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>»Psychic excess«</h5>
<p>Aber nun, nachdem alles verknüpft und vernetzt wurde, soll nicht alles in Theorie versanden. Handelt es sich bei Synchronizitäten und Koinzidenzen nicht auch um Wiederholungen? Paul Kammerer war so überzeugt von seinen Serien, dass er sogar meinte, man müsse sich bei jedem Ereignis fragen: Wo ist die »Nachfolgenummer«? Wie heißt es: Ein Unglück kommt selten allein. Wenn man den Teufel nennt, kommt er g’rennt. Das Kriterium der »Serialität« habe ich ja durch meine Beiträge bereits erfüllt, aber auch viele kleinere Erlebnisse gehabt, die ich getreulich in ein Buch schreibe, und diese Geschichten sind fast spannender als die Kammerer-Episoden.</p>
<p>Da ist eine Energie, die aus intensivem Denken stammt, und sie hat, da ich selten mein Haus verlasse, keine andere Chance, als sich beim Lesen zu äußern. Am 27. März sagt eine Freundin zu mir, sie fühle sich »wie elektrisch«, sie könne sich nicht aufs Lesen konzentrieren. Gleich darauf lese ich bei <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Alice_Munro">Alice Munro</a>: »She set herself jobs of rearranging things, else she would have gone mad … It was at this time that she entirely gave up reading.« Ich denke an einen verstorbenen Bekannten, den alten Lothar – und lese: »In the mountains &#8230; she must have tried to tell them her name, and ›Lottar‹ was what they made of it.«</p>
<p>Ich sehe einen alten Bekannten vorüberfahren, den ich zehn Jahre nicht mehr gesprochen habe, den netten Redakteur Kirk. Am Tag vorher, einzige Erklärung, hatte ich ein Bild aus »Star Trek« verschickt, und mein Blick war auf Captain Kirk gefallen. – Ich muss zum Zahnarzt, und plötzlich höre ich überall von Leuten, die gerade Zahnarzttermine haben (Koestlers »Echo-Effekt«). Eine Verwandte namens Gertrud hat eine rätselhafte Krankheit, und am selben Tag, als mir meine Mutter davon erzählt, lese ich eine Geschichte von <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Thomas_Hardy">Thomas Hardy</a> über »Gertrude Lodge«, die eine rätselhafte Wunde am Arm hat, die immer schlimmer wird.</p>
<p>Nun könnte man sagen, da fabuliere sich jemand etwas zusammen. Doch ich habe ein gutes Archiv und darin meine Aufzeichnungen aus dem Buch »Borderline« von Peter K. Chadwick (1992) gefunden. Der Autor, ein früherer Geologe, wurde 1979 psychotisch, und nachdem er geheilt war, wirkte er als Therapeut – ein klarer Fall von »wounded healer«. Er meinte, das Einsetzen von Verrücktheit sei nicht immer ein Fehler im Denken, sondern basiere auf äußeren Faktoren, die die Kontrolle von innen nach außen zu verlagern helfen. Das Gefühl einer »Bedeutung« kennzeichne den Borderline-Patienten und den Mystiker. Vielleicht, meinte Chadwick, produziere ein Zustand von psychischem Überschuss (<em>psychic excess</em>) wie ein semantisches Feld Koinzidenzen.</p>
<p>Natürlich muss man achtgeben, nicht alles als Botschaft oder Teil eines Systems anzusehen. Paranoia, schrieb Freud, sei kreative Handlung zur Selbstheilung, eine wissenschaftliche Analyse vorliegender Daten; und überhaupt besteht Kreativität ja darin, Assoziationen zu produzieren, die in einem gewissen Kontext angemessen wirken. Die Grenze zum Pathologischen ist dabei fließend.</p>
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		<title>Das Evangelium nach Pasolini</title>
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		<pubDate>Thu, 01 Apr 2010 22:01:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/04/ilvangelo-150x150.jpg" class="right" alt="Szenenfoto aus Pasolinis »Il Vangelo secondo Matteo« (1964)" />Jedes Jahr, scheint mir, fällt die Kolumne auf den Karfreitag. Das zwingt mich dazu, einen Gedanken dem Christentum zu schenken, das neben dem Kriminalroman auf keinen Fall zu kurz kommen soll. Vor ein paar Jahren bat ich in Rom einmal Chiara, Giovannas Schwester, mir doch den Film »Il Vangelo secondo Matteo« (auf deutsch erschienen als »Das 1. Evangelium – Matthäus«) von Pier Paolo Pasolini aufzunehmen, ein Werk von 1964. Gewidmet ist es Johannes XXIII., dem »Papa buono« (dem »guten Vater« oder »guten Papst«), der am 3. Juni 1963 im Vatikan nach knapp fünf Jahren im Amt gestorben war. Chiara überreichte mir die Kassette, hatte wohl noch ein paar Minuten gesehen, verdrehte die Augen und sagte etwas wie »che palle« oder »che lagna« (wie nervig, wie öde!). Ich wusste, das war nichts für sie. Aber der Film war ja auch für mich ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1468/" title="2009">Jedes</a> <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1185/" title="2008">Jahr</a>, <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/909/" title="2007">scheint</a> <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/630/" title="2006">mir</a>, fällt die Kolumne auf den Karfreitag. Das zwingt mich dazu, einen Gedanken dem Christentum zu schenken, das neben dem <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2443/">Kriminalroman</a> auf keinen Fall zu kurz kommen soll. Vor ein paar Jahren bat ich in Rom einmal Chiara, Giovannas Schwester, mir doch den Film »<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Das_1._Evangelium_%E2%80%93_Matth%C3%A4us">Il Vangelo secondo Matteo</a>« (auf deutsch erschienen als »Das 1. Evangelium – Matthäus«) von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Pier_Paolo_Pasolini">Pier Paolo Pasolini</a> aufzunehmen, ein Werk von 1964. Gewidmet ist es <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_XXIII.">Johannes XXIII.</a>, dem »Papa buono« (dem »guten Vater« oder »guten Papst«), der am 3. Juni 1963 im Vatikan nach knapp fünf Jahren im Amt gestorben war. Chiara überreichte mir die Kassette, hatte wohl noch ein paar Minuten gesehen, verdrehte die Augen und sagte etwas wie »che palle« oder »che lagna« (wie nervig, wie öde!). Ich wusste, das war nichts für sie. Aber der Film war ja auch für mich.</p>
<p>Und dann, an einem kalten, wie erstarrten Februarabend, einem Samstag, schaute ich mir den Film endlich an. Aber was war das? Angelina Jolie als schwangere Maria, Jack Nicholson als Josef? Doch die Ähnlichkeit zwischen den Schauspieler und den beiden Hollywoodstars ist nur eine entfernte. Man hat ausgiebig Zeit, alle Gesichter zu betrachten; es ist ein langer Schwarz-Weiß-Film, gedreht in der bergigen Region Mittelitaliens und untermalt von Musik von Bach, <a href="http://www.youtube.com/watch?v=MzT6Lwj1yhA">Mozart</a> und Prokofjew. Eigentlich ist es eine große Gesichterstudie, und zelebriert werden die Worte Jesu.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/04/ilvangelo.jpg" width="100%" style="max-width:100%" alt="Szenenfoto aus Pasolinis »Il Vangelo secondo Matteo« (1964)" /><br /><font size="-1">Szenenfoto aus Pasolinis »Il Vangelo secondo Matteo« (1964)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Pasolini hat gerne mit Laiendarstellern gearbeitet. Hunderte hat er in seinem Film, der bei den 25. Filmfestspielen in Venedig (1964) prämiert wurde, eingesetzt, und die Kamera mustert sie genau. Es sind Bauerngesichter, wie es sie heute nicht mehr gibt, durchzogen von Falten, gegerbt vom Wetter; doch, manch ein alter Winzer oder Bauer hier in der Gegend sieht noch so aus. Dann treten auch die jungen Männer auf, und man weiß, dass Pasolini sie besonders gern gefilmt hat, weil er sie liebte. Und die Worte liebte er. Da gibt es nichts Überflüssiges. Alle Schlüsselworte Jesu aus dem Matthäus-Evangelium sind vertreten. Die Kamera zeigt Jesu Gesicht, und er spricht: »Nicht sieben Mal sollst du verzeihen, sondern siebzig Mal sieben Mal.«</p>
<p>Dann tritt ein junger weiblicher Engel mit hellen Augen auf und sagt: »Ihr müsst fliehen!« Es geht über windgepeitschte Hochflächen, und dann ziehen die Schatten der Wolken über wüstenartige Ebenen, wie es Pasolini später in seinem Film »Teorema« (1968) wiederholte (von Nanni Moretti 1994 in »<a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1268/">Caro Diario</a>« zitiert). Die Kirche hat »Das 1. Evangelium – Matthäus« gutgeheißen. Aber ganz widerspruchslos wird das nicht gegangen sein. Denn 1963/64 war es ziemlich mutig, zu Jesu Einzug in Jerusalem afrikanische Musik einzuspielen oder an anderer Stelle den Blues »<a href="http://www.youtube.com/watch?v=-5U0-iO9rjM">Sometimes I Feel Like a Motherless Child</a>«.</p>
<p>Dann kommt die Verurteilung Jesu, sein Tod am Kreuz, die Kreuzesabnahme. Das ist gewaltig und intensiv und erscheint uns aus unserer heutigen Perspektive fremd und wie aus der Welt. (Bei uns ist ja heute alles ausgeleuchtet, strahlt in Farben wie eine Bonbontüte, jeder Fleck ist zugepappt und eine perfekte Tonspur läuft dahinter ab. Alles ist perfekt in jeder Hinsicht.) Pasolinis Film ist rauh und ungeschliffen wie die Bergwelt, in der er spielt. Als er in den 1960er Jahren mit Laien seine »armen« und engagierten Filme in den römischen »borgate«, den Vororten, drehte – etwa »Accattone« oder »Mamma Roma« –, war <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Federico_Fellini">Federico Fellini</a> mit »La dolce Vita« (1960) und »8½« (1963) gut im Geschäft, mit seinem famosen und formlosen Chaos, erotisch und prall. Logisch, Pasolini hielt das für »dekadent«. Was es ja auch war.</p>
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<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/04/fondopaso.jpg" width="100%" style="max-width:100%" alt="Pasolini an seinem Schreibtisch in der Via Carini, ca. 1961 (Foto: Il Fondo Pasolini)" /><br /><font size="-1">Pasolini an seinem Schreibtisch in der Via Carini, ca. 1961<br />
(Foto: Il Fondo Pasolini)</font></p>
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<h5>Leben Pasolinis</h5>
<p>Pier Paolo Pasolini wurde 1922 östlich von Venedig geboren. Er schrieb Poesie, fuhr mit dem Rad herum, war Mitglied der Kommunistischen Partei, die ihn aber ausstieß, als sie von seiner Homosexualität erfuhr. Pier Paolo ging 1947 nach Rom und schrieb den Roman »Ragazzi di vita« über »seine« Jungs aus dem Viertel Monteverde, in dem ich Jahrzehnte später, zwischen 1999 und 2004, ebenfalls gelebt habe. Von 1956 bis 1960 wohnte er mit seiner Mutter in der Via Fonteiana 100, zwei Kilometer von mir entfernt; oft bin ich mit dem Fahrrad dort vorbeigefahren, den Berg hochgestrampelt in Richtung Gianicolo; dann, 1960 bis 1963, war er im alten Monteverde-Viertel (Via Carini), schließlich auf der anderen Seite des Tibers, im Viertel EUR.</p>
<p>In einem Gedicht schrieb er über seinen Traum: »Io sogno, la mia casa, sul Gianicolo / verso Villa Pamphili, verde fino al mare: / un attico, pieno del sole antico &#8230;« – ein Haus auf dem Gianicolo-Hügel wünschte er sich mit Blick zum Meer hin, voller antiker Sonne &#8230; eine Dachwohnung mit Terrasse, auf die er sich einen Tisch hinstellen würde mit Schubfächern für seine Manuskripte – »ah, un po’ d’ordine, un po’ di dolcezza / nel mio lavoro, nella mia vita &#8230;« – ein wenig Ordnung, ein wenig Zartheit für seine Arbeit und sein Leben &#8230; Es stimmt mich ein wenig traurig, dass ich ungefähr hatte, was er sich wünschte: ein »attico«, eine <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1493/">Dachwohnung</a>. Zwar nicht mit Blick zum Meer, aber viel fehlte nicht, nur ein kleiner Hang lag dazwischen, und abends im Hochsommer kam der ersehnte Wind vom Meer – »un po’ di dolcezza«.</p>
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<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/04/poser_romwohnung.jpg" width="100%" style="max-width:100%" alt="Meine Vorderterrasse damals in Rom (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">»Un po’ di dolcezza &#8230;« Meine Vorderterrasse damals in Rom.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
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<p>Pier Paolo Pasolini war ein großer Kulturkritiker, schrieb in den letzten Jahren seines Lebens Kolumnen in der großen Mailänder Zeitung »Corriere della Sera« und gab sich bei aller Bissigkeit immer als Katholik. Einmal kritisierte er die langen Haare der Jungen, dann wandte er sich gegen Abtreibungen; er wusste, dass das Fernsehen und die Motorisierung die Volkskultur zerstören würden, dass der Zusammenhalt der Arbeiterschaft durch den Konsum der 1970er Jahre ausgehöhlt werden würde.</p>
<p>Und da war seine Homosexualität, damals, man denke sich das! Es war ein Skandal. Meist speiste er mit seiner Mutter zu Abend, setzte sich dann in den Alfa, fuhr zum Bahnhof Termini und sprach junge Männer an. Man trank etwas, und irgendwo draußen kam es dann zum schnellen Verkehr. Ziemlich trist. Immerhin hatte Pasolini in den letzten Jahren einen festen Partner, <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Ninetto_Davoli">Ninetto Davoli</a>, der oft in seinen Filmen mitwirkte.</p>
<p>Auch am 2. November 1975 suchte Pasolini am Bahnhof Termini einen jungen Mann. Ihn lud er zum Abendessen ein, dann fuhren sie hinaus zum Meer, nach Ostia, auf ein ödes Stück Land mit <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1268/">Fußballtoren</a>. Dort muss es zu einem Handgemenge gekommen sein, Pasolini wurde niedergeschlagen und mit seinem eigenen Auto überfahren. Der Täter, Pino Pelosi, wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Beweise waren klar, nur herrscht immer noch der Verdacht, es müssten noch weitere Täter im Spiel gewesen sein. Pelosi selbst sprach von einem Auftragsmord, ohne die Auftraggeber zu nennen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/04/poser_korsika.jpg" width="100%" style="max-width:100%" alt="Friedhof auf Korsika (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Zwischen Tod und Auferstehung: Friedhof auf Korsika.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>In einem postum 1992 veröffentlichten Roman, »Petrolio«, wird ein Ich-Erzähler erschlagen. Pasolini hatte wohl dunkle Vorahnungen, und es wird nicht wenige Rechte (und Katholiken) gegeben haben, die sein Ende als verdient betrachteten und dabei keine Sekunde an die Leidensgeschichte Jesu dachten, der sein Kreuz auf sich nahm und sagte, was er sagen musste; und alles andere danach musste auch sein, weil es prophezeit war. Auch Pier Paolo Pasolini ist unvergessen.</p>
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		<title>Der Engel hilft weiter</title>
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		<pubDate>Thu, 18 Mar 2010 23:00:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/03/poser_grazien_kl.jpg" align="left" alt="Grazien, Genien und Engel (Foto: Manfred Poser)" />Ich hatte es ja prophezeit. Mein Freund Helmut hörte vom Bibliotheken-Engel, suchte (bereits am 11. Februar) in einem 1000-Seiten-Werk eine Stelle über Displaced Persons, wusste, es war irgendwo weiter vorn, schlug zufällig Seite 40 auf – und da stand es. Der große Gelehrte Gershom Scholem wollte etwas über Paracelsus und die Kabbala herausfinden und stattete der »wunderbaren mystischen Bibliothek von Oskar Schlag in Zürich« einen Besuch ab ... »wo ich aufs ungefähre einen Band der Sudhoffschen Ausgabe des Paracelsus aus dem Schrank zog. Mein Auge fiel direkt auf einen Satz, der mit den Worten begann: ›Der Teufel, großer Cabalist, der er ist ...‹ War das nun, was man einen Zufall nennt?!«]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich hatte es ja prophezeit. Mein Freund Helmut hörte vom <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2550/">Bibliotheken-Engel</a>, suchte (bereits am 11. Februar) in einem 1000-Seiten-Werk eine Stelle über Displaced Persons, wusste, es war irgendwo weiter vorn, schlug zufällig Seite 40 auf – und da stand es. Der große Gelehrte <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gershom_Scholem">Gershom Scholem</a> wollte etwas über Paracelsus und die Kabbala herausfinden und stattete der »wunderbaren mystischen Bibliothek von Oskar Schlag in Zürich« einen Besuch ab &#8230; »wo ich aufs ungefähre einen Band der Sudhoffschen Ausgabe des Paracelsus aus dem Schrank zog. Mein Auge fiel direkt auf einen Satz, der mit den Worten begann: ›Der Teufel, großer Cabalist, der er ist &#8230;‹ War das nun, was man einen Zufall nennt?!«</p>
<p>Und ich ging bei meinem letzten Besuch in Landsberg am Lech mittags (am 8. März) durch die Stadt zu Konrads Antiquariat »Kolibri« und dachte dabei, ich weiß es noch, an die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gnosis">Gnosis</a>. Am Kolibi-Schaufenster hing ein Schild »Ab 14 Uhr geöffnet«, doch von rechts kam gerade Konrad mit einer Bücherkiste und schloss auf. Da, wo ich am Eingang stand, lag oben auf einem Stapel fast provozierend das Büchlein <em>Die Gnosis</em> von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Leisegang">Hans Leisegang</a>, das ich kenne. »Nimm’s mit«, sagte Konrad.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/03/poser_koinzidenz.jpg" width="100%" alt="(Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Das Gnosis-Buch, das mich erwartete, und die »Koinzidenz« im Duden-Fremdwörterbuch,<br />
kurz vor dem »Koitus«.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>»<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Koestler">Koestlers</a> Bibliotheken-Engel könnte eine Schwester vor <em>Serendipity</em> sein oder ein Cousin vom Glück der Dummen«, schreibt <a href="http://www.commonground.ca/iss/0410159/cg159_geoffUniv.shtml">Geoff Olsen</a>. »Er scheint in dem Moment aufzutauchen, wenn deine Aufmerksamkeit geschwächt ist. Du suchst entweder müde etwas Kleinkram oder ziellos in den Regalen herum, und plötzlich fällt dir das richtige Buch oder die richtige Zeitschrift vor die Füße.« <em><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Serendipity">Serendipity</a></em> ist im Deutschen mit <em>Finderglück</em> zu übersetzen; das Wort stammt aus dem Märchen <em>Die drei Prinzen von Serendip</em> aus Persien, übersetzt 1557 von dem Venezianer Michele Tramezzino. 200 Jahre später prägte der englische Staatsmann <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Horace_Walpole,_4._Earl_of_Orford">Horace Walpole</a> den Begriff.</p>
<p>Wie findet man? Ohne zu suchen. Doch es ist ein Nicht-mehr-Suchen-Wollen, das zwischen einer langen vergeblichen Suche und dem vermeintlichen Ende liegt: das letzte unmotivierte Herumtun. Man muss innerlich aufgegeben haben. Wie oft hört man, dass etwas klappte, nachdem jemand »losgelassen« hatte &#8230; Dann, in der letzten Sekunde, klappt es plötzlich.</p>
<p>Bücher sind zwar voller Leben, aber doch nur Objekte. Wer führt uns zu ihnen, wer zeigt uns die Stellen, stößt uns mit der Nase darauf? Ich denke, das tut am ehesten unser »Höheres Selbst« oder der »Verborgene Beobachter« in uns, der uns immerzu helfen will, aber leider sich nicht gut verständlich machen kann. Es ist, als lebte ein Blinder, der sich für klug hält (unser Wachbewusstsein), mit einem stummen Genie zusammen. Das Genie steht mit einem Bein in einer anderen Dimension. Es ist erleuchtet. Der <em>Daemon</em> (der Autor <a href="http://www.anthonypeake.com/">Anthony Peake</a> nennt ihn so), sieht alles deutlich, alle Beziehungen stehen klar vor ihm, er sieht ein Stück in die Vergangenheit und ein Stück in die Zukunft. Er kennt die Bücher und ihre Inhalte, und er lenkt uns erst, wenn wir seine Rettung brauchen und annehmen können.</p>
<p><em>Book tests</em> waren in der Vergangenheit ein beliebtes Mittel, um ein Medium auf die Probe zu stellen. Wenn man etwa willkürlich fragt »Was steht auf Seite 316 im 14. Buch von links in der zweiten Reihe von oben?«, so hat das Medium keinerlei Hinweise, und Telepathie von Lebenden ist ausgeschlossen. Wenn es gutging – es gab viele »Treffer« von <a href="http://www.survivalafterdeath.org.uk/mediums/leonard.htm">Gladys Osborne Leonard</a> oder <a href="http://www.survivalafterdeath.org.uk/mediums/piper.htm">Mrs. Piper</a> –, kann es nur deren »Control« gewesen sein, ihr Kommunikator von der anderen Seite. In einem Buch von <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Stewart_Edward_White">Stewart White</a> (<em>With Folded Wings</em>, 1947) sagen die »Unsichtbaren«, Hilfe von drüben werde uns nur komplementär zum eigenen Einsatz zuteil. Erst muss man es selber versucht haben. Kinder lässt man auch erst selber machen und hilft ihnen dann, wenn sie gleich zu weinen anfangen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/03/poser_grazien.jpg" width="100%" alt="(Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Grazien, Genien und Engel – für jeden einen. – Italien, 2007.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Noch ein paar schöne Beispiele. Aus einem Fragebogen der Koestler-Sammlung:</p>
<blockquote><p>»Als mein Vater völlig überraschend starb, arbeitete er an einem Buch, das auf seinen amerikanischen Vorlesungen basierte. Es lag in einer unkorrigierten getippten Version vor &#8230; Er hatte eine Notiz hinterlassen, auf der stand, ich möge es für den Druck vorbereiten &#8230; Es gab viele unvollständige Fußnoten und Stellen ohne Referenz. Ich brauchte sechs Monate, bis ich alles überprüft und verbessert hatte. Schließlich hatte ich sie alle bis auf eine Fußnote, die in den ›Heiligen Büchern des Ostens‹ (36 Bände) zu finden wäre. Ich entlieh bei der Universitätsbibliothek die 3 Bände, die mein Vater zur Verfügung hatte. Mit ihnen setzte ich mich eines Abends in seinen Studierstuhl. Ich schickte eine Art Gebet zum Himmel – ›Könnte er mir nicht vielleicht helfen?‹ Dann nahm ich aufs Geratewohl einen der drei Bände, und er öffnete sich wie von selbst am richtigen Platz! Meine Arbeit war getan.«</p></blockquote>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Der Wiederfinde-Engel und der Sortier-Engel</h5>
<p>Jeder hat schon einmal Bücher verliehen und sie nicht wiederbekommen, und andere kamen bei Umzügen abhanden. Dorothy Woo (nun wieder aus Inglis) gab ihrer <em>Church Fellowship Group</em> eine ihr wertvolle Ausgabe, die dann verschwand. Sie trauerte dem Buch nach, dachte oft daran. Sechs Monate später fuhr sie in die Stadt, suchte im Overseas Aid Shop – und sah eine Ausgabe ihres Buchs. Es war genau die gesuchte, mit ihrem eigenen Namen auf der ersten Seite. Sie kaufte es für 40 Pence.</p>
<p>Lord Birdwood, Direktor von Martlet Ltd., erlebte viele Koinzidenzen:</p>
<blockquote><p>»Ich vergaß ein technisches Handbuch in einem Taxi in der Nähe der Fleet Street. Es war ein Erstexemplar, zwar wertlos, doch es war anstrengend, von der italienischen Filiale, in der es geschrieben wurde, eine Kopie zu bekommen. Aber ich wusste, in Großbritannien gab es keine weitere Kopie. &#8230; Zwei Wochen später fuhr ich mit dem Auto durch St. John’s Wood, nördlich aus London hinaus. An einer roten Ampel sah ich, wie einige Kinder mit genau diesem Handbuch auf dem Gehsteig spielten. Als ich zusah, packten sie es und warfen es über eine Hecke. Ich hielt an, holte das Handbuch und fuhr weiter.«</p></blockquote>
<p>Dann gibt es neben diesem <em>Wiederfinde-Engel</em> auch noch den <em>Sortier-Engel</em>. Der österreichische Biologe <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Kammerer">Paul Kammerer</a>, der 1919 mit dem 485-Seiten-Buch <em>Das Gesetz der Serie</em> Pionierarbeit leistete, meinte, dass Notizzettel sich wie von selbst auf eine Ordnung zubewegten, und es ist hübsch, wie der Naturwissenschaftler – ausgehend von qualitativ und quantitativen Verwirrspielen – bei Kobolden landet:</p>
<blockquote><p>»Deckt sich jedoch das spontane Ordnen dem Prinzip nach mit meiner den Dingen aufzuzwingenden Ordnung; ordne <em>ich sie</em> also (kausal) quantitativ und <em>sie ›sich selbst‹</em> (serial) auch quantitativ (nicht qualitativ) oder umgekehrt sie sich und ich selbst sie qualitativ (nicht quantitativ), so gewinnt es den Schein, als kämen mir die Sachen in schier unheimlicher Weise entgegen, als hülfen Kobolde mir bei meiner Arbeit.«</p></blockquote>
<p>Das ist Kammerers »Anziehungskraft des Bezüglichen«, die eine Art Sortierleistung des Universums ist. Der Österreicher meinte, zu jedem Begebnis lasse sich seine Ergänzung, sein Gegenstück finden, und auch an ein drittes wird geglaubt: Die Griechen sprachen von der »dreifachen Flut«, denn die dritte Welle wurde am Meer für am gefährlichsten erachtet, die Italiener sagen »Non c’è due senza tre« (nie zwei ohne drei) und wir »Aller guten Dinge sind drei«.</p>
<p>Aber schon zwei sind erstaunlich. Ein befreundeter Kardiologe sagte mir, wenn nach langer Zeit ein seltener Fall auftauche, folge gleich darauf ein ähnlicher, und sein Kollege, ein Hausarzt, bestätigte das. Ende Februar sah ich in Freiburg nach zehn Jahren den früheren Gärtner des <a href="http://www.igpp.de/german/welcome.htm">Instituts</a> wieder, Bernard, und eineinhalb Stunden später erneut, als er, zwei Kilometer weiter, einen Zebrastreifen betreten wollte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/03/poser_flohmarkt.jpg" width="100%" alt="(Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">»Gli angeli della vita« (Die Engel des Lebens) auf dem Flohmarkt Porta Portese in Rom.<br />
Doch auch die Teufel sind nicht weit (siehe rechts oben).<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Und es geht noch besser. Letzten Mittwoch (17. März) fuhr ich etwas missgestimmt nach Freiburg. Weiß noch, ich bat (jemanden drüben) um etwas Ermunterung. Vor der Innenstadt überholt mich ein junger Mann auf einem alten verrosteten Damenrad, wunderschönes Exemplar, 1940er Jahre, genau wie mein altes »Victoria«. Ich spreche ihn an. Ein »Wanderer« fährt er, mit Steuerkopfschild und einem kleinen eisernen »W« als Kühlerfigur. Ich suche einen Sattel für mein Rad – er hat einen passenden Sattel zu Hause. Will mir eine Mail schreiben. Toll.</p>
<p>Ich fahre weiter, gebe Bücher ab, denke nur kurz (immer merken, was man gedacht hat!), dass es schade ist, dass man immer nur junge Männer trifft und keine jungen &#8230; Da fährt plötzlich (fünf Minuten nach der Begegnung mit dem Wanderer-Fahrer) eine junge blonde Frau vor mir auf einem alten verrosteten Damenrad aus den 1940er Jahren! Ich spreche sie von der Seite an, sie sagt, das sei ein »Springer«, und es war haargenau gebaut wie mein »Victoria«, mit Steuerkopfschild und diesmal einem kleinen eisernen Pferdchen als Kühlerfigur. Wahnsinn. Das ist ja wie auf dem Theater! Und der Rest des Tages war glorreich.</p>
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		<title>Der Bibliotheken-Engel</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Mar 2010 23:05:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/03/poser_engel.jpg" height="150" align="right" alt="Engel und der Turm von Babel (Foto: Manfred Poser)" />In Bibliotheken ist es meist still, aber hört man nicht manchmal ein fernes Rauschen, ein leises Flügelschlagen? Das könnte der Bibliotheken-Engel sein. Wir stehen vor Büchern, vor vielen Büchern, einem Meer aus Büchern, in dem wir zuweilen verloren sind; sie kehren uns den Rücken zu, doch Welten stecken in diesen Körpern – nur welchen wählen? Es gibt ein Zitat von John Mitchell von 1978, und zu diesem Namen sagt <em>LibraryThing</em>: »John Mitchell is composed of at least 9 distinct authors.« Welchen wählen? Nach Konsultation der 57 Titel im Angebot der Universitätsbibliothek Freiburg blieben John D., John J. und John V. in der engeren Auswahl, und ich vermute, es war John V. Mitchell, der 1981 <em>Ghosts of an Ancient City</em> geschrieben hat. Das passt am ehesten zu seiner folgenden Aussage ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<dl style="width:200px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/03/poser_engel.jpg" width="200" alt="Engel und der Turm von Babel (Foto: Manfred Poser)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Engel und der Turm von Babel<br />
(Foto: Manfred Poser)</dd>
</dl>
<p>In Bibliotheken ist es meist still, aber hört man nicht manchmal ein fernes Rauschen, ein leises Flügelschlagen? Das könnte der Bibliotheken-Engel sein. Wir stehen vor Büchern, vor vielen Büchern, einem Meer aus Büchern, in dem wir zuweilen verloren sind; sie kehren uns den Rücken zu, doch Welten stecken in diesen Körpern – nur welchen wählen? Es gibt ein Zitat von John Mitchell von 1978, und zu diesem Namen sagt <em><a href="http://www.librarything.com/">LibraryThing</a></em>: »John Mitchell is composed of at least 9 distinct authors.« Welchen wählen? Nach Konsultation der 57 Titel im Angebot der Universitätsbibliothek Freiburg blieben John D., John J. und John V. in der engeren Auswahl, und ich vermute, es war John V. Mitchell, der 1981 <em>Ghosts of an Ancient City</em> geschrieben hat. Das passt am ehesten zu seiner folgenden Aussage:</p>
<blockquote><p>Studiere ein Thema, lass es zu, dass es dich beherrscht, stell ihm Fragen, und wenn du das nächste Mal eine Bibliothek, eine Buchhandlung oder einen Freund aufsuchst, könntest du dort gerade das eine Buch herauspicken, das dir die Antwort gibt, nach der du gesucht hast. Koinzidenzen können provoziert werden. Ich habe viele Autoren dazu befragt, und fast alle konnten treffende persönliche Geschichten darüber erzählen, wie hilfreich dieser Aspekt eines Rückkopplungseffekts sein kann, den Arthur Koestler <em>Bibliotheken-Engeln</em> zuschrieb.</p></blockquote>
<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_Koestler">Arthur Koestler</a> (1905–1983) war ein österreichischer Schriftsteller, dessen Buch <em>Sonnenfinsternis</em>, eine Abrechnung mit dem Kommunismus, zum Welterfolg wurde. Er hatte oft paranormale Erlebnisse und interessierte sich für die Theorie (<em>Die Wurzeln des Zufalls</em>, 1972). Er vermachte sein Geld der Universität Edinburgh, die dafür 1985 einen Lehrstuhl für Parapsychologie einrichtete. Ihn hatte der sympathische <a href="http://www.parapsych.org/members/r_morris.html">Robert (Bob) Morris</a> fast 20 Jahre lang bis zu seinem Tod inne.</p>
<p>Einige Begriffe müssen wir zunächst noch erläutern. <em>Koinzidenzen</em> sind zwei Geschehnisse, die auf verblüffende Weise zusammenfallen; ein profaner Ausdruck dafür wäre Zufall. <em>Synchronizität</em> ist ein Begriff des Schweizer Psychiaters <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Gustav_Jung">Carl Gustav Jung</a> (1875–1961) und bezieht sich darauf, dass die eigene Innenwelt plötzlich in der Außenwelt auftaucht: Gerade denkt man ein Wort, und der Nachbar im Bus spricht es aus; man hat es mit einem Thema zu tun und steht vor einem Plakat, das zu einem zu sprechen scheint; man hat ein Problem, und die Lösung steht auf einem schmutzigen Zettel, der auf dem Boden liegt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/03/ghostbusters_libraryghost.jpg" width="100%" style="max-width:100%" alt="Das Gedicht" /><br /><font size="-1">Dunkel und rätselhaft: ein Geist in der Universitätsbibliothek im Film »<a href="http://www.imdb.com/title/tt0087332/">Ghostbusters</a>« (1984)<br />
(Quelle: <a href="http://www.ecto-web.org/~spookcentral/gb1_multimedia.htm">www.ecto-web.org</a>)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dazu gibt es so viele wunderbare Geschichten, dass ich fast fürchte, der Engel der Bibliotheken wird eine Fortsetzung haben müssen. Keine Frage, den Anfang müssen zwei »Meta-Geschichten« machen, denn was ist schöner als eine Synchronizität, wenn jemand Synchronizitäten, eine Koinzidenz, wenn jemand Koinzidenzen sucht?</p>
<p><a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Brian_Inglis">Brian Inglis</a> schreibt in seinem Buch <em>Coincidence</em> (1990):</p>
<blockquote><p>Bill Haines saß ungefähr im Jahr 1984 in einem Klub in Lagos, Nigeria, und las in einer der englischen Zeitungen die Rezension eines neuen Buchs über Jung; darin waren kurz Synchronizitäten beschrieben, was er für interessant hielt. »Nachdem ich meinen Stuhl verlassen hatte, ging ich in die Bibliothek, die in jenem Klub hauptsächlich aus Whodunits und anderen Taschenbüchern der übelsten Sorte bestand. Ich stand zufällig vor der Sektion mit ›J‹. Direkt vor mir stand eine Reihe von Taschenbüchern mit Schriften Jungs. Ich öffnete ein Buch in der Mitte und las genau den Abschnitt über Synchronizität.«</p></blockquote>
<p>Aus einem <a href="http://www.commonground.ca/iss/0410159/cg159_geoffUniv.shtml">Artikel von Geoff Olson</a> (Oktober 2004), den ich Marcel Diel verdanke:</p>
<blockquote><p>In seinen »Notes From a Small Island« berichtet der Reiseschriftsteller Bill Bryson über sein persönliches Zusammentreffen mit dem Bibliotheken-Engel, nachdem er einer Reisezeitschrift einen Artikel vor allem über außergewöhnliche Koinzidenzen angekündigt hatte. »Als ich den Artikel schreiben wollte«, erzählte Bryson, »erkannte ich, dass ich, obwohl ich eine Menge Informationen aus wissenschaftlichen Studien über die Wahrscheinlichkeit von Koinzidenzen hatte, mir Beispiele von bemerkenswerten Koinzidenzen fehlten &#8230;« Als er der Zeitschrift geschrieben hatte, dass er nicht in der Lage wäre zu liefern, schreibt Bryson, er habe »auf der Schreibmaschine einen Brief liegen lassen«, den er am nächsten Tag hatte abschicken wollen. Dann fuhr er zur Arbeit, zur <em>Times </em>in London.</p>
<p>Dort sah er an der Tür eines Aufzugs eine Nachricht, die die Mitarbeiter zum jährlichen Verkauf von Büchern einlud, die zu Rezensionszwecken an die Zeitung geschickt worden waren. »Der Raum war voller Leute. Ich drang in die Menge ein, und das erste Buch, auf das mein Blick fiel, hieß ›Bemerkenswerte wahre Koinzidenzen‹ [<em>Remarkable True Coincidences</em>]. War das nicht ein hübsches Beispiel für eine bemerkenswerte wahre Koinzidenz? Aber jetzt kommt das Unheimliche: Ich öffnete das Buch und sah, dass die erste Koinzidenz einen Mann namens Bryson betraf.«</p></blockquote>
<p>Seltsam: In dem Olsen-Artikel wird auf die Bryson-Koinzidenz zweiter Ordnung (die von Bryson aufgestöberte Bryson-Geschichte) nicht eingegangen, die aber bekannt ist; zumindest steht sie in meinen anderen beiden Quellen, dem Buch von Brian Inglis und den Seiten von Koestler in dem Band <em>The Challenge of Chance</em> (1973), wo allerdings Olsens Bill-Bryson-Story vermisst wird. Wir führen die beiden Geschichten also zusammen – und das muss so sein.</p>
<p>Der amerikanische Mathematiker <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Warren_Weaver">Warren Weaver</a>, ein Experte für Wahrscheinlichkeit, schrieb an Arthur Koestler:</p>
<blockquote><p>Mein Nachbar von nebenan, George D. Bryson, begab sich vor einigen Jahren auf eine Geschäftsreise, die ihn von St. Louis nach New York führen sollte. Da er am Wochenende reiste und keine Eile hatte, [...] bat er den Schaffner des Zuges, ihn doch in Louisville aussteigen zu lassen. [...] Er mietete sich im Brown Hotel ein. Und dann, nur so zum Spaß, ging er zum Postschalter und fragte, ob es Post für ihn gebe. Das Mädchen reichte ihm ruhig einen Brief, der an »Mr George D. Bryson, Room 307« adressiert war, genau das Zimmer, das er soeben bezogen hatte. Es stellte sich heraus, dass es sich bei dem vorherigen Bewohner von Zimmer 307 um einen anderen George D. Bryson gehandelt hatte, der für eine Versicherungsgesellschaft in Montreal arbeitete, aber aus North Carolina stammte. Viel später trafen sich die beiden Brysons und konnten sich ›kneifen‹, um alles für wahr zu halten.</p></blockquote>
<p>Noch eine nette Geschichte. Der Schauspieler Anthony Hopkins hatte das Angebot, in dem Stück <em>The Girl from Petrovka</em> mitzuspielen, aber der Roman von George Feifer, der als Vorlage diente, war in keiner Londoner Buchhandlung zu finden. Als er am Bahnhof Leicester Square auf die U-Bahn wartete, fiel ihm ein Buch auf, das auf einem Sitz liegen geblieben war. Es handelte sich um ein Exemplar des gewünschten Romans und war sogar mit Anmerkungen am Rand versehen. Später, als Hopkins den Autor traf, erfuhr er, dass einer seiner Freunde das Buch mit den Anmerkungen verloren hatte. Es war genau Feifers Exemplar, das Hopkins gefunden hatte.</p>
<p>Wenn der Bibliotheken-Engel herbeigleitet oder die gute Fee der Bücher ihren Zauberstab schwingt, reißt kurzzeitig der Himmel auf, und es läuft einem kalt den Rücken hinunter. Das gibt es also; ein numinoses Gefühl ist das, eine Mikro-Erleuchtung. (Übrigens schreibe ich auch manchmal im Traum oder es wird mir etwas eingegeben, eine Passage, die einfach perfekt ist und alles aussagt; ich meine <em>zu wissen</em>, ich müsste es nur niederschreiben, aber natürlich schlafe ich weiter und – es ist weg.) Wenn man weiß, dass es den Bibliotheken-Engel gibt, trifft man ihn auch.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>PS I</em>ch wollte auch etwas erleben, und nachdem ich das geschrieben hatte (schon eine Weile her), fuhr ich am nächsten Mittag, 10. Februar, nach Freiburg, hielt bei einem Antiquar in Nähe des Rathauses an und ließ die Blicke schweifen. Es dauerte 30 Sekunden, und ich sah <em>Psi ich liebe dich</em>. Wie richtig! Ich schaute näher hin und merkte, wie genial gebrochen das war: Denn (siehe Bild) der Titel lautete exakt <em>PS I Love you</em>, ein Kitschroman über eine englische Trümmerfrau. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/03/poser_psiloveyou.jpg" width="100%" style="max-width:100%" alt="Das Gedicht" /><br /><font size="-1">»PS I Love You« – die Trouvaille in einem Freiburger Antiquariat.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Da sieht man wieder die unheimliche Kreativität des Bibliotheken-Engels. Thank you! You’re an angel!</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Erleuchtete Dichter</title>
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		<pubDate>Thu, 18 Feb 2010 23:00:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/02/rmbucke.jpg" alt="Richard Maurice Bucke (1837–1902)" align="left" height="150" />Die <em>Erleuchtung</em> ist eher eine Sache des Frühjahrs. Zumindest vollzieht sie sich gern im Lenz. Aber ein gewisses Datum bewog mich, sie schon jetzt zum Gegenstand einer Betrachtung zu machen. Also: Richard Maurice Bucke, 1837 in England geboren, praktizierte in Kanada als Arzt. 1872, als er 35 Jahre alt war, ereilte ihn die Erleuchtung (von der noch zu reden sein wird), 1877 lernte er Walt Whitman und dessen poetisches Werk kennen, vor allem die »Leaves of Grass«, und um 1895 fing er an, sein Buch »Cosmic Consciousness« zu schreiben. Es erschien in 500 Exemplaren bei Mssrs. Innes in Philadelphia ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<dl style="width:250px; float:left; padding:2px 6px 6px 0; margin:2px 6px 6px 0">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/02/rmbucke.jpg" alt="Richard Maurice Bucke (1837–1902)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Richard Maurice Bucke (1837–1902)</dd>
</dl>
<p>Die <em>Erleuchtung</em> ist eher eine Sache des Frühjahrs. Zumindest vollzieht sie sich gern im Lenz. Aber ein gewisses Datum bewog mich, sie schon jetzt zum Gegenstand einer Betrachtung zu machen. Also: <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Richard_Maurice_Bucke">Richard Maurice Bucke</a>, 1837 in England geboren, praktizierte in Kanada als Arzt. 1872, als er 35 Jahre alt war, ereilte ihn die Erleuchtung (von der noch zu reden sein wird), 1877 lernte er Walt Whitman und dessen poetisches Werk kennen, vor allem die »Leaves of Grass«, und um 1895 fing er an, sein Buch »Cosmic Consciousness« zu schreiben. Es erschien in 500 Exemplaren bei Mssrs. Innes in Philadelphia. (Neben mir liegt allerdings eine Ausgabe von 1923, E. P. Dutton &amp; Company, New York.)</p>
<p>An einem 19. Februar (1902) kehrte er mit seiner Frau von einer Abendeinladung zurück und wollte noch einmal vor dem Schlafengehen den Sternenhimmel bestaunen. Auf der Veranda rutscht er auf einem Stück Eis aus, prallt mit dem Kopf an einen Holzpfeiler und ist auf der Stelle tot. Alle hatten »den Doktor« geliebt. Das ist nun nicht gerade eine erbauliche Einleitung, aber sie wird ihren Sinn gehabt haben. Der Winter ist noch nicht vorbei. Gerade diesen Morgen sind auf Blitzeis wieder zahlreiche Radler und Fußgänger ausgerutscht. Watch your step!</p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Die Erleuchtung</h5>
<p>Das mit der Erleuchtung geschah so: Bucke hatte im Frühjahr 1872 mit zwei Freunden einen Abend über der Lektüre der Dichter Wordsworth, Keats, Shelley und Browning verbracht. Sie waren hochgestimmt. Richard Maurice Bucke fährt in der kleinen Kutsche heim und fühlt sich gelassen und froh.</p>
<blockquote><p>Plötzlich sah er sich ohne Warnung von einer flammenfarbigen Wolke eingehüllt. Einen Augenblick lang dachte er an Feuer [...] Im nächsten (Augenblick) wusste er, dass das Licht in ihm war. Gleich danach überkam ihn ein Gefühl der Entfesselung und unglaublicher Freude, begleitet oder gefolgt von einer intellektuellen Erleuchtung, die zu beschreiben ganz unmöglich ist. In sein Gehirn strömte ein momentaner Blitz des Brahmanischen Glanzes, der seither sein Leben erleuchtet. Auf sein Herz fiel ein Tropfen des Brahmanischen Segens, der ihm für immer einen Nachgeschmack des Himmels hinterließ.</p></blockquote>
<p>Bucke erklärte später, die Plötzlichkeit der Erleuchtung sei unglaublich und nur mit einem Blitz zu vergleichen gewesen. Das Erlebnis steht jenseits der Sprache. Dante und Paulus bekannten ihre Sprachlosigkeit, und Whitman schrieb:</p>
<blockquote><p>When I undertake to tell the best I find I cannot<br />
My tongue is in effectual on its pivots,<br />
My breath will not be obedient to its organs,<br />
I become a dumb man.</p></blockquote>
<p>Zwei, drei Sekunden der Erleuchtung genügen – und man vergisst es nie mehr. Das unterscheidet sie von den Ekstasen, die öfter auftreten, auch lange andauern können (Stunden, Tage; ein Mönch soll, wie <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_G%C3%B6rres">Joseph Görres</a> in »Die Christliche Mystik« berichtet, sogar 70 Jahre »in Verzuckung« gelegen haben), aber nicht ewig wie die Erleuchtung.</p>
<p>Freilich ist Buckes Buch »Cosmic Consciousness« von der Zeit geprägt, in der es geschrieben wurde. Der große Menschheitsfreund spricht von höheren und niederen Rassen, hofft auf einen »Sprung« der Menschheit durch eine vierte Bewusstseinsstufe, das intuitive Wissen oder das kosmische Bewusstsein, und er sieht nur Männer, denen die Erleuchtung meist in ihrem dritten Lebensjahrzehnt zuteil werde.  Aber dann, wenn er die »handelnden Personen« vorstellt, zu denen selbstverständlich Buddha, Mohammed und Jesus gehören, wird es interessant.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Dante, Balzac, Whitman</h5>
<dl style="width:250px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/02/dore_dante.jpg" alt="»Dante im Paradies« – ein Stich von Gustave Doré" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">»Dante im Paradies« – ein Stich von<br />
<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gustave_Dor%C3%A9">Gustave Doré</a> (1832–1883)</dd>
</dl>
<p>Denn Richard Maurice Bucke führt auch einige Schriftsteller auf, die erleuchtet gewesen sein sollen, und deren Fälle stellen wir nun vor. Es sind Dante Alighieri, Honoré de Balzac und Walt Whitman.</p>
<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Dante_Alighieri">Dante</a> (1265–1321) habe den »kosmischen Sinn« gehabt, meint der Autor. In seiner Jugend war der Florentiner fleißig und ernsthaft. Irgendwann muss ihn dann die Erleuchtung überkommen haben; Bucke vermutet um 1300, also das Jahr, in dem die »Göttliche Komödie« angesiedelt ist. Damals wäre er 35 Jahre alt gewesen. Am Ende des Gedichtzyklus »Vita Nuova« (1309) scheint Dante über das Kosmische Bewusstsein zu schreiben, und womöglich wurde er 1300 verfasst. Danach erst machte sich Dante mit neu gewonnenem Einblick an die »Göttliche Komödie«.</p>
<p>Am Ende von »Vita Nuova« heißt es:</p>
<blockquote><p>Nach diesem Sonett erschien mir eine wundervolle Vision, in der ich Dinge sah, die mich zu dem Entschluss brachten, nie mehr von dieser Gesegneten [Beatrice] zu sprechen, als bis ich es angemessener tun könne. [...] Damit ich, wenn es Ihm, durch den alle Dinge leben, gefällt, mein Leben noch einige Jahre zu verlängern, hoffen kann, von ihr sagen zu können, was noch von keiner Frau gesagt wurde.</p></blockquote>
<p>Bucke behauptet, Beatrice (die Glücklichmachende) sei nur eine Umschreibung des kosmischen Sinns. Alles deute darauf hin, und die Existenz einer realen Frau namens Beatrice ändere nichts daran. – Das hatte ich nie bedacht. Doch angesichts der Vorliebe des Mittelalters für Allegorien könnte es sich vielleicht lohnen, die »Göttliche Komödie« unter diesem Aspekt neu zu lesen.</p>
<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Honor%C3%A9_de_Balzac">Honoré de Balzac</a> (1799–1850) war gesund und robust, ein guter Arbeiter, und am Anfang seiner Schriftstellerlaufbahn schrieb er 40 wertlose Romane. Auf 1831 ist laut Bucke seine Erleuchtung zu datieren, über die Balzac angeblich in »Louis Lambert« und »Seraphita« schreibt. In Louis Lambert hat er sich selbst porträtiert. Von Balzac soll ein besonderer Glanz ausgegangen sein. Er trug immer weiße Kleidung. Alle liebten ihn. Gautier meinte, sein Blick sei magnetisch gewesen, seine Haltung hoch moralisch; er liebte die Frauen und lebte dennoch wie ein Mönch.</p>
<p>Richard Maurice Bucke vermerkt noch »a curious thing«: Dass die Erleuchteten oft nicht gut schreiben können. Auf Dante trifft das bestimmt nicht zu, doch Balzac, der Vielschreiber, war gewiss kein großer Stilist. Bucke meint, es gebe so wenige Erleuchtete, und dass ein solcher dann auch noch ein Talent der Feder sei, wäre zu viel verlangt.</p>
<p><a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Walt_Whitman">Walt Whitman</a> (1819–1892), den er verehrte, hat er da ausgespart. In den »Leaves of Grass« widmet dieser sich angeblich seinem Wendepunkt (um 1853/54). Auch Whitman muss ein außergewöhnlicher Mensch gewesen sein: immer perfekt gekleidet, immer freundlich und sanft und von großem Einfluss auf alle, die ihn trafen. Er machte gerne Wanderungen, liebte Kinder, und einmal, erzählt Bucke, hätten sie auf einer Veranda gesessen, umschwärmt von Moskitos, die Whitman aber überhaupt nichts taten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/02/poser_licht.jpg" width="100%" alt="Das Eindringen des Lichts (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Das Eindringen des Lichts<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Weitere Autoren, die vom Kosmischen Bewusstsein wenigstens gestreift wurden, sind für Bucke Baruch Spinoza, Blaise Pascal, William Wordsworth, Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau. Seine Auswahl ist natürlich subjektiv und von seiner Lebenswelt bestimmt; es geht auch nicht unbedingt um Namen und den Grad der Erleuchtung, sondern um die Erkenntnis, dass es so etwas gibt. Vergleichbar etwa mit einer Nahtod-Erfahrung, nach der fast alle Menschen bestätigen, dass sich ihr Leben geändert habe: Sie seien nun spiritueller, hätten keine Angst vor dem Tod mehr und wollten ihr Leben den Mitmenschen widmen.</p>
<p>Im Buddhismus entspricht dem die »Satori«-Erfahrung, die letzte Frucht der Selbstkultivierung; der Künstler indessen soll in den östlichen Lehren die Schönheit anstreben, »Yūgen« (etwa: das tiefe, suggestive Geheimnis). Der Poet bildet seinen Geist und kommt zur Körper-Geist-Einheit, indem er unaufhörlich Poesie schreibt, und im Zen-Buddhismus liegt das Gewicht auf dem Künstler: <em>Er</em> soll die Katharsis erfahren und vor allem im Zustand des Nicht-Geistes (»mushin«) schaffen. Sein Tun ist der Samen, die Frucht ist die »Blume«, wie das Schönheits-Ziel im Nō-Theater genannt wird.</p>
<p>Das dachte ich schon immer: Das Schreiben verändert vor allem den, der schreibt; und wenn es noch einen Leser verändert, wäre das eine schöne Zugabe.</p>
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		<title>Schweine im Weltall</title>
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		<pubDate>Thu, 04 Feb 2010 23:00:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/02/pinkfloyd_animals_kl.jpg" class="right" alt="Detail aus dem Cover der Pink-Floyd-Platte »Animals« (1977)" />Vergangenen Oktober trafen sich in einer Münchner Gaststätte ein paar Leute, die vor langer Zeit die dortige Journalistenschule absolviert hatten. 10 der 15 Anwesenden aus meiner ehemaligen Klasse waren noch im Journalismus tätig. Ein paar hatten auch Bücher geschrieben, darunter Ulla Hildebrandt, deren Roman »Ein freier Fall« einen schonungslosen Einblick in das Metier gibt. Sie war einmal Chefredakteurin, und auch Wolfgang Zdral hat einmal weit oben in einer Wirtschaftszeitschrift gearbeitet. Ich gab ihm meinen Roman und bekam dafür per Post seinen Krimi ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vergangenen Oktober trafen sich in einer Münchner Gaststätte ein paar Leute, die vor langer Zeit die dortige Journalistenschule absolviert hatten. 10 der 15 Anwesenden aus meiner ehemaligen Klasse waren noch im Journalismus tätig. Ein paar hatten auch Bücher geschrieben, darunter Ulla Hildebrandt, deren Roman »<a href="http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=267082&#038;frm=false">Ein freier Fall</a>« einen schonungslosen Einblick in das Metier gibt. Sie war einmal Chefredakteurin, und auch Wolfgang Zdral hat einmal weit oben in einer Wirtschaftszeitschrift gearbeitet. Ich gab ihm meinen Roman und bekam dafür per Post seinen Krimi.</p>
<p>»<a href="http://www.piper-verlag.de/pendo/buch.php?id=15535&#038;page=suche&#038;auswahl=a&#038;pagenum=1&#038;page=buchaz">Tartufo mortale</a>« hieß er, war kurz zuvor als Taschenbuch erschienen und die Fortsetzung von »<a href="http://www.piper-verlag.de/pendo/buch.php?id=14798&#038;page=buchaz&#038;sort=autor&#038;auswahl=a&#038;pagenum=1">Tartufo</a>«. »Leonardos neuer Fall« lautet der Untertitel, und eine nette Widmung für mich stand drin. Das Buch spielt in Umbrien und war die perfekte Lektüre für meine Rom-Reise im Dezember (wo ich auch Gutzkows »<a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2260/">Zauberer</a>« las).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/02/poser_schweine.jpg" width="100%" alt="Ferkel bei St. Gallen (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">»So säuisch wohl &#8230;« – Ferkel bei St. Gallen. (Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Da diese Kolumne vor mehr als vier Jahren mit <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/537/">Invektiven gegen den Krimi</a> begann, muss es wenigstens einmal im Jahr um den Kriminalroman gehen. Nun las ich auf Seite 4 von »Tartufo mortale« die Sätze: »Das war die Höhe. Schließlich bin ich, Leonardo, kein Kammerjäger. Sondern ein Schwein. Und mitnichten ein gewöhnliches.« Ich glaubte es einfach nicht. Ich las weiter. Doch es bestätigte sich.  Ein umbrisches Trüffelschwein, besagter Leonardo, ist tatsächlich Erzähler der Geschichte. Alles in mir und außer mir (sogar das Nackenhaar) sträubte sich dagegen. Leonardo indessen erzählte ungerührt weiter.</p>
<p>Das Buch schien mir mit 350 Seiten zwar etwas lang, doch ich fand mich hinein. Am Ende musste ich zugeben: Wolfgang hat das recht gut gemacht. Es funktioniert! Umbrien, das ich auch ein wenig kenne, ersteht vor dem geistigen Auge, die Geschichte ist kurzweilig, verknäult sich ordentlich und wird geschickt aufgelöst. Sie spielt in einem Konvent, und natürlich steht unsichtbar und gewaltig am Horizont  Umberto Ecos »Der Name der Rose«. Man folgt dem Plot gern und fühlt sich ausgezeichnet unterhalten. Bei Eleonora, der Wissenschaftlerin, musste ich unweigerlich an Giovanna denken, die 1999 eine Stelle an der Universität Perugia, Abteilung Altphilologie, erhalten hatte. Damals war ich das Schwein: ihr Begleiter. Im Buch hat Leonardo keinen Konkurrenten, denn Fabris, Eleonoras Partner, musste den umbrischen Bauernhof hüten. Der hätte sonst nur gestört.</p>
<p>»Tartufo mortale« ist ein perfekter Krimi. Er hat alle Ingredienzien, die nötig sind, als da wären:</p>
<p>– ein mysteriöser Todesfall, dem ein weiterer folgt und noch einer;<br />
– reichlich Verdachtsmomente, Indizien und Hinweise;<br />
– Action im richtigen Maß, Angriffe und Attentate;<br />
– ein wenig Liebe und Sex (unter Schweinen);<br />
– ein okkulter Hintergrund, auf alten Dokumenten fußend;<br />
– Beschleunigung aufs Ende hin und ein schöner Showdown.</p>
<p>Alles, was vorher tüchtig genug verwirrt worden war, wird gelöst.</p>
<p>Lesen und lösen. (Das ergänzt die schon erwähnten Formeln <em><a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1746/">lesen und leben</a></em> sowie <em><a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1746/">vivere e scrivere</a></em>.) Die Welt als Text, der gelesen werden will. Diese Krimis sind Ratespiele und Kreuzworträtsel, mathematische Scharaden; die transzendenten Zutaten sind Zierde. »Das Tao, das man benennen kann, ist nicht das wahre Tao.« Die Lösung ist immer das, was zuvor hineingetan wurde; man ahnt den Bauplan, da bleibt kein Rest übrig, und dass kein Rätsel übrig bleibt, verbannt den Krimi auch, um wieder einmal Adorno heranzuziehen, aus dem Reich der Kunst.</p>
<dl style="width:250px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/02/pinkfloyd_animals.jpg" alt="Detail aus dem Cover der Pink-Floyd-Platte »Animals« (1977)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Detail aus dem Cover der Pink-Floyd-Platte »Animals« (1977)</dd>
</dl>
<p>Nun die Kardinalfrage: Warum das Schwein? Wolfgang Zdral hatte auch den Einfall, in sein Buch Passagen einzustreuen, aus denen hervorgeht, dass ja eigentlich alle unsere Hervorbringungen dem Schwein zu verdanken seien: Es ist ein Buch, das die Welt vom Schweinekosmos aus betrachtet. Im August 2005 erschien von Leonie Swann der Krimi »<a href="http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=220165">Glennkill</a>«, geschrieben aus der Warte von Schafen, der großen Erfolg hatte. Es gibt sogar »<a href="http://www.ullsteinbuchverlage.de/ullsteintb/buch.php?id=13374&#038;page=suche&#038;auswahl=a&#038;pagenum=1&#038;page=buchaz">Tod &#038; Trüffel</a>«, einen »Hundekrimi aus dem Piemont«. Dogs, Pigs und Sheep kommen auf der Pink-Floyd-Platte »<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Animals_%28Album%29">Animals</a>« (1977) vor; auf der ersten Seite grunzt gleich mehrmals ein Schwein, und Roger Waters singt: »Big man, pig man, ha, ha, charade, you are &#8230; nearly a good laugh. Almost a joker.«</p>
<p>Die Katze gibt’s bei Pink Floyd nicht. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Akif_Pirin%C3%A7ci">Akif Pirinçci</a> hat schon vier Katzenkrimis geschrieben, und der erste bekannteste hieß »Felidae«, nach dem Namen der ermittelnden Katze. Die »Lebens-Ansichten des Katers Murr« von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/E._T._A._Hoffmann">E. T. A. Hoffmann</a> (1776-1822), um 1820 erschienen, leisteten da große Vorarbeit. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jean_de_La_Fontaine">Jean de La Fontaine</a> (1621-1695) veröffentlichte 1668 seine berühmten Tierfabeln, von denen er während 26 Jahren 243 verfasste. Doch das große Vorbild war natürlich <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84sop">Äsop</a>, der um 600 vor Christus lebte und zahlreiche Fabeln schrieb, etwa <em>Der Fuchs und der Rabe</em>, <em>Der Fuchs und der Hahn</em>, <em>Der Wolf und das Lamm</em>, <em>Der Adler und die Schildkröte</em>.</p>
<p>Die Projektion von menschlichen Schwächen auf das Tier war immer schon eine beliebte Taktik, die Wahrheit aussprechen zu können. Wir sehen unsere Verblendung durch die Augen der Tiere; die »Farm der Tiere« zeigt uns, wo wir stehen. Die Tiere halten uns einen Spiegel vor. Doch Zdrals Schweine-Kosmos, den er parallel zum Menschen-Kosmos errichtet, unterscheidet sich kaum von diesem. Hier haben wir wieder das »Affirmative«, das Anti-Utopische des Kriminalromans heutiger Machart: Auch Schweine sind nur Menschen, es ist alles eben so, nehmen wir es hin.</p>
<dl style="width:200px; float:left; padding:2px 6px 6px 0; margin:2px 6px 6px 0">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/02/zdral_tartufomortale.jpg" alt="Der Umschlag von Wolfgang Zdrals Buch" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Der Umschlag von Wolfgang Zdrals Buch</dd>
</dl>
<p>Das Schwein schießt somit das Geschehen in eine äußere Umlaufbahn, möglichst weit weg von der Realität; die Schweineperspektive gibt dem Buch etwas Irreales, einen Drall, macht es zu irrealer Realität. Es ist ja offensichtlich, dass der deutsche Krimi möglichst wenig mit der Realität hier unten zu schaffen haben will. Der Deutsche ist laut Heinrich Heine »der Meister im Luftreich des Traums unbestritten«, und er will unterhalten werden, ohne danach Alpträume haben zu müssen. Besser ein Schwein erzählt aus dem Weltall als ein Hartz-IV-Empfänger aus Berlin-Marzahn.</p>
<p>Bei Zdral kommt ein anderes Moment hinzu, ein praktisches: Das Trüffelschwein kann überall ungestört herumschnüffeln, da keiner glaubt, dass es menschliches Bewusstsein besitzt. Es bekommt alle Verästelungen der Geschichte mit und kann es dem Leser verbal und Eleonora (schöne namentliche Verwandtschaft zu Leonardo; der <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2135/">Parallelismus</a>!) nonverbal mitteilen. Das Schwein also als Seismograph, als lebendes Gerät, das objektive Beweise sammelt: Das ist exquisit absurd.</p>
<p>Und noch einmal ist auf die formale Experimentierlust der Krimiautoren hinzuweisen, als wollten sie durch eigenartige Perspektiven und Erzählweisen aus dem vorgeschriebenen Korsett des Genres ausbrechen. Thomas Wörtche, der lange eine Krimireihe im Zürcher Ammann-Verlag betreute, hatte ja die Hoffnung, der Krimi würde soziale Probleme unterhaltsam aufgreifen können, aber vielleicht lässt sich das nur in Ländern realisieren, in denen es gravierende soziale Probleme gibt. Bei uns ist der Krimi eine unterschwellige Form der Unterhaltung.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Der Latin Lover und das schöne Tier</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Jan 2010 23:00:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kritische-ausgabe.de/?p=2328</guid>
		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/poser_ava.jpg" height="100" align="left" title="Ava Gardner zur Zeit der »barfüßigen Gräfin« (© Ava Gardner Museum)" />Hereinspaziert ins Reich der Schatten! Der Film kann ein geisterhaftes Medium sein. Schauspieler leben nicht mehr, sprechen aber zu uns; wir sehen irreale Szenen und Szenerien aus der Vergangenheit, und die Bilder sind körperlos. Der Kritiker Mark Sanderson schrieb einmal: »Und was sind Filmstars – von denen man sagt, sie hätten ›Präsenz‹ – anderes als professionelle Geister?«]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Hereinspaziert ins Reich der Schatten! Der Film kann ein geisterhaftes Medium sein. Schauspieler leben nicht mehr, sprechen aber zu uns; wir sehen irreale Szenen und Szenerien aus der Vergangenheit, und die Bilder sind körperlos. Der Kritiker Mark Sanderson schrieb einmal: »Und was sind Filmstars – von denen man sagt, sie hätten ›Präsenz‹ – anderes als professionelle Geister?«</p>
<p>Der Film »Die barfüßige Gräfin« (1954) beginnt mit einem Begräbnis. Groß im Bild die Marmorstatue einer schönen Frau. Humphrey Bogart steht abseits im regenfeuchten braunen Trenchcoat. Seine Stimme aus dem Off – dann ein Rückblick. Vier Leute aus Hollywood begutachten in einem Madrider Vorort eine junge Tänzerin, die sie engagieren wollen. Regisseur Joseph L. Mankiewicz (1909–1993) zeigt uns zu den Klängen des Flamenco nur die rasenden Zuschauer. Die Tänzerin bleibt verborgen.</p>
<dl style="width:250px; float:left; padding:2px 6px 6px 0; margin:2px 6px 6px 0">
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<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/poser_ava.jpg" alt="Ava Gardner zur Zeit der »barfüßigen Gräfin« (© Ava Gardner Museum)" />
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<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Ava Gardner zur Zeit der »barfüßigen Gräfin« (mit freundlicher Genehmigung des <a href="http://www.avagardner.org/">Ava Gardner Museums</a>, Smithfield, North Carolina)</dd>
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<p>Sie tritt aber dann doch auf. Maria Vargas wird gespielt von <em><a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Ava_Gardner">Ava Gardner</a></em>. Als ich bemerkte, dass sie, die von mir vergötterte amerikanische Schauspielerin, am 25. Januar vor 20 Jahren gestorben ist, mit 68 Jahren in London, wollte ich unbedingt über sie schreiben. Dann drängte sich <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Pawlowitsch_Tschechow">Anton Tschechow</a> hinein, dessen 150. Geburtstag am 29. Januar begangen wird. Ava hätte wunderbar die Nina gespielt, die Hauptfigur des Dramas »Die Möwe«. Nina meint, das Wichtigste beim Schauspielern sei »weder Ruhm, noch Glanz, das nicht, und nicht das, wovon wir träumten, aber: leiden können« (»не слава, не ьлеск, не то, о чём я мечтала, а уменње терпетъ«).</p>
<p>Dann schaute ich mir auf Video »Mi ricordo, sì, io mi ricordo« von Anna Maria Tatò (1996) an, in dem der große Mime <em><a href="http://it.wikipedia.org/wiki/Marcello_Mastroianni">Marcello Mastroianni</a></em> auf sein Leben zurückblickt, schon krank wirkend; er starb bald danach, am 19. Dezember 1996 in Paris, 72 Jahre alt. Da sitzt er im weißen Anzug und mit einem weißen Hut auf dem Kopf in einem Garten in Portugal, spricht einen Monolog aus Tschechows »Onkel Wanja« und sagt: »Vielleicht liebe ich Tschechow so besonders, weil seine Personen, seine Erzählungen, dem Leben ähneln &#8230; diese kleine Welt mit Menschen, die Verlierer sind, voller Enthusiasmus und Illusionen – ›nach Moskau, nach Moskau!‹; doch dahin schaffen sie es nie &#8230; all ihre Bösartigkeiten, ihre Eifersucht, ihre Lächerlichkeit! Tschechow hat seinen Schauspielern immer eingeschärft: ›Vergesst nicht, es sind Komödien!‹«</p>
<p>Marcello Mastroianni und Ava Gardner passen perfekt zusammen, auch wenn sie sich vermutlich nie getroffen haben. Ava Lavinia Gardner kam aus kleinen Verhältnissen (wie Marcello auch), dann wurde sie entdeckt, und mit 24 Jahren war sie ein kleiner Star und hatte schon zwei Ehen hinter sich. Unsterblich wurde sie von 1952 bis 1954 durch drei Filme: »Schnee am Kilimandscharo« mit Gregory Peck als Partner, »Mogambo« mit Clark Gable und »Die barfüßige Gräfin« mit Bogart. Mastroianni ging von der Universität ans Theater und spielte zehn Jahre Tschechow und Shakespeare, bis ihn Federico Fellini 1960 für den Film »La dolce vita« haben wollte.</p>
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<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/poser_marcello.jpg" alt="Marcello Mastroianni, Anfang der 1970er Jahre" />
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<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Marcello Mastroianni, Anfang der 1970er Jahre</dd>
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<p>Mastroianni erinnerte sich: Er habe vor Fellini den Profi mimen wollen. Ob er, Signor Fellini, ihm nicht das Drehbuch zeigen wolle? »Zeigt ihm das Drehbuch!« sagt Fellini. Mastroianni bekommt eine Kladde in die Hand, in der ein Bild steckt: eine obszöne Zeichnung. Ein Mann schwimmt im Meer, und sein Schwanz reicht hinunter bis an den Meeresgrund. Das war Fellini: kein Drehbuch. Marcello kam morgens ans Set, war überraschter Zuschauer: Was soll ich denn sagen? Ach, sag einfach dies und das, und dann gehst du da hinüber, lass dir was einfallen. Fünf große Filme (darunter »Achteinhalb« und »Amarcord«) haben die beiden gedreht, und es war eine Beziehung, schildert Mastroianni, »geprägt von totalem beiderseitigem Misstrauen«.</p>
<p>Ava Gardner hatte als Regisseure Joseph Mankiewicz, bei »Mogambo« John Ford und bei »Bhowani Junction« George Cukor, der über sie einmal sagte (was ihr sehr gefiel): »Ava ist eigentlich ein Herr.« Regisseure und Schauspieler, eine enge Beziehung. Im Film »Die Ballade von Tan Lin« (1972) sollte Ava ein Dutzend Musiker (die sie gern mochte) aus ihrem Haus werfen, und sie sagte: »Ich kann das nicht.« Regisseur Roddy McDowall flehte: »Ava, stell dir einfach vor, es ist fünf Uhr morgens in Madrid, und du willst sie einfach raushaben.« McDowall: »Ava kam – und super! Sie machte es. Sie wollte gut geführt werden. So fand sie den Kontakt, und so gab sie sich.«</p>
<p>Marcello sollte für Fellini Signor Mastorna verkörpern. Man sieht einen Ausschnitt der Dreharbeiten. Der Schauspieler sägt genervt auf einem Cello herum. »Marcello spürte mein Unbehagen«, hört man Fellini sagen, »aber Mastorna war nicht da. Er versteckte sich beharrlich.« Mastroianni macht Pause. Sagt: »Senti un pò, Federì« (»Hör mal, Federì«), und dann, in die Kamera: »Ich spüre dein Vertrauen nicht. Es ist, als hättest du Angst. Wenn du dich überzeugen ließest, dass ich Mastorna bin, hättest du keine Zweifel mehr: Und ich werde Mastorna.« Der Film wurde nie gedreht.</p>
<p>Wie Marcello Mastroianni hatte auch Ava keinerlei Allüren; sie war, wie sie war. Ihre Schönheit verwirrte die Männer und schüchterte auch Frauen ein, ihre Präsenz war unglaublich, aber sie bildete sich nichts darauf ein. Man muss nur sehen, wie provozierend sie auftritt, wie sie sich hinstellt, etwa in »Mogambo« vor die schüchterne Grace Kelly! Die französische Presse nannte Ava »la belle bête«, das schöne Tier, aber ihr bedeutete es nichts. Marcello Mastroianni lachte auch über das Etikett »Latin Lover«, das er nie loswurde. Er hielt nichts von Nachtklubs, hatte wenig Affären und liebte die Städte Paris und Rom (wo seine Wurzeln lagen).</p>
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<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/poser_stanislawski.jpg" alt="Tschechows »Die Möwe«, 1898 im Moskauer Künstlertheater" />
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<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Tschechows »Die Möwe«, 1898 im Moskauer Künstlertheater. Den Dramatiker Trigorin spielt der große Konstantin Sergejewitsch Stanislawski (1863–1938)</dd>
</dl>
<p>Mastroianni fuhr mit der blauen Trambahn vom Bahnhof Roma Termini nach Cinecittà und ging seiner Arbeit nach. Ava Gardner war ins Imperium von Metro Goldwyn Mayer eingebunden, wo Louis B. Mayer wie ein Potentat herrschte. Die Stars wurden mit der Limousine sogar zur Toilette gefahren, aber es war, wie Ava bemerkte, eigentlich ein Gefängnis, eine Galeere. Ava Lavinia Gardner war eine unabhängige und freie Frau, die es sogar verabscheute, Schuhe zu tragen. Sie lebte nach ihren ersten Erfolgen länger in Madrid, umworben von einem Stierkämpfer.</p>
<p>Marcello erinnert sich wie einer, der Abschied nimmt, sitzt in Autos und am Hafen, spricht mit leiser Melancholie und Wärme in der Stimme. Man könnte ihm stundenlang zuhören! Rauchend steht er in einem Boot und sagt: »Fünfzig Zigaretten fünfzig Jahre lang, das macht eine Million Zigaretten! Ungesund.« Nimmt einen tiefen Zug. »Sehr ungesund!« Lacht. Auch Ava rauchte viel und trank ordentlich, gerne Martinis und Gin. 1964, als Marcello auch schon berühmt war, drehte sie »Die Nacht des Leguans« mit Richard Burton unter der Regie von John Huston.</p>
<p>Nach ihren ersten beiden Ehen kamen noch: Artie Shaw, Mickey Rooney und Frank Sinatra, die Liebe ihres Lebens. Doch beide waren höllisch aufeinander eifersüchtig, es war eine explosive und unmögliche Beziehung. Ava suchte einen Mann, der ihre »inneren Werte« lieben würde, auch eher eine Vaterfigur, aber ganz glücklich wurde sie nie. Theodor W. Adorno hat einmal geschrieben: »Frauen von besonderer Schönheit sind zum Unglück verurteilt.« Ava war das Unglück nicht anzumerken. Sie drehte, bis sie 60 Jahre alt war, und dann zog sie nach London, wo sie mit ihren Perserkatzen und ihrer Schwester lebte.</p>
<p>Ava Gardner und Marcello Mastroianni wirkten in mehr als 50 Filmen mit, und beide wussten, dass ein großer Teil davon Schrott war. Marcello bekämpfte das Latin-Lover-Etikett: Spielte etwa einen impotenten Ehemann (den »Bel’Antonio«), einen Homosexuellen und oft Rollen, in denen er älter wirken musste. Er bekräftigte: »Ich mag die Menschen, ich liebe das Leben!« (»Mi piace la gente, io amo la vita!«) Und Ava Gardner schließt ihre Memoiren mit den Worten: »Denn die Wahrheit ist, dass ich ein glückliches Leben geführt habe. Und dass ich mich recht gut amüsiert habe.«</p>
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		<title>Kerner, Körner – oder Keiner?</title>
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		<pubDate>Fri, 08 Jan 2010 15:49:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/poser_jkerner.jpg" height="100" align="left" title="Justinus Kerner" />Das neue Jahr beginnt in den »Ausreißversuchen« mit einem Rätsel. Seit fast zwei Jahren liegt ein literarisches Problem, verwandt mit einem Schachproblem, bei mir in der Schachtel »Unerledigtes« und lässt mir keine Ruhe. Darum hoffe ich nun auf die Mithilfe von Leserinnen und Lesern. Dabei winkt kein Geldpreis, allenfalls ein Stückchen Unsterblichkeit ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das neue Jahr beginnt in den »Ausreißversuchen« mit einem Rätsel. Seit fast zwei Jahren liegt ein literarisches Problem, verwandt mit einem Schachproblem, bei mir in der Schachtel »Unerledigtes« und lässt mir keine Ruhe. Darum hoffe ich nun auf die Mithilfe von Leserinnen und Lesern. Dabei winkt kein Geldpreis, allenfalls ein Stückchen Unsterblichkeit.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Die Scole Group</h5>
<p>Ab März 2008 bereitete ich für das Museum für Kommunikation in Bern die Ausstellung »<a href="http://www.mfk.ch/index.php?id=997&#038;L=0">Goodbye &amp; Hello</a>« über Jenseitskontakte vor. Also las ich Dutzende Bücher und stieß dabei auch auf die »Scole Group«. Robin und Sandra Foy hielten mit Diana und Alan Bennett als Medien in Scole in Norfolk im Keller ab 1993 Séancen ab. Bald kam es zu frappierenden Phänomenen: Objekte tauchten im Raum auf (Apporte), Handschriften zeichneten sich auf Papier ab, Stimmen instruierten und informierten. Die Experimentatoren und ihr Jenseitsteam stellten viele einfallsreiche Versuche an, um greifbare Beweise für das Überleben des Todes zu liefern. »Wenn Geistwesen in solider Form mit uns im Raum waren – oft befanden sie sich nur 10 oder 20 Zentimeter vor uns –, dann musste man nicht medial begabt sein, um die Liebe zu fühlen, die sie mit sich brachten«, schrieb Robin Foy einmal enthusiastisch.</p>
<p>1999 brach der Kontakt nach drüben leider abrupt ab. Gut dargestellt haben das Wirken der Gruppe Grant und Jane Solomon in ihrem Buch »The Scole Experiment« (1999). Foy selbst hat 2008 ein 560-seitiges Buch über die fünf Jahre verfasst.</p>
<p>Unter anderem sollten Filme belichtet werden. Wenn man wirklich einen Beweis haben will, muss dabei jeder Schritt des Experiments protokolliert und kontrolliert werden. Am 26. Juli 1996 brachte ein Teilnehmer, Walter Schnittger, einen selbst gekauften Film mit, ließ ihn nicht aus den Augen – und als er dann entwickelt wurde, zeigte sich in alter Handschrift ein achtzeiliges deutsches Gedicht, dessen Verfasser niemand kannte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/poser_bennett.jpg" width="100%" alt="Das Gedicht" /><br /><font size="-1">Quelle: <a href="http://web.archive.org/web/20041209190759/www.psisci.force9.co.uk/frames/mainfrm.htm">Website von Alan Bennett</a><br />
(inzwischen leider nur noch fragmentarisch im »Internet Archive« zu finden)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Das Gedicht </h5>
<p>Ich habe später Walter und Karin Schnittger im Taunus besucht, und er wiederholte, er habe den Film stets unter Kontrolle gehabt. Eine Manipulation scheine ihm unmöglich. Walter Schnittger war früher Ingenieur und ist ein sehr exakter Mensch. Bei dem Gedicht dachte man zunächst an Friedrich Rückert, verwarf den Gedanken aber wieder. Es wurden auch Professoren konsultiert, doch es braucht nicht viel Phantasie, sich deren Reaktion vorzustellen, wenn man schilderte, wie man zu dem Gedicht gekommen war. Die Zeilen lauten:</p>
<blockquote><p>Ein alter Stamm mit tausend Aesten,<br />
Die Wurzeln in der Ewigkeit,<br />
Neigt sich von Osten hin nach Westen<br />
In mancher Bildung weit und breit.<br />
Kein Baum kann blüthenreicher werden,<br />
Und keine Frucht kann edler sein,<br />
Doch auch das »Dunkelste« auf Erden<br />
Es reift auf seinem Zweig allein.</p></blockquote>
<p>Das ist nicht genial, aber gut. Nun saß ich im Frühsommer 2008 am Computer, gab aus Spaß die Zeile mit dem Wort »blüthenreicher« ein – und, kaum zu glauben, es kam ein Ergebnis! Das war 1998 noch nicht möglich gewesen, denn erst danach waren viele Bücher digitalisiert worden. Plötzlich war das Gedicht da, genau die acht Zeilen, und sie standen in dem Buch »The History of the Supernatural« von William Howitt, erschienen 1863. Darunter war ein Wort vermerkt: Kerner. Ich war überglücklich! Ich hatte den Fall gelöst! Ich war unsterblich! In Teil zwei des Buches gab es noch einen Verweis, diesmal ohne Kerner. Komisch. Jedenfalls schrieb ich das Robin Foy, mit dem ich in Kontakt stand, und auch er meinte: Das war’s.</p>
<dl style="width:250px; float:left; padding:2px 6px 6px 0; margin:2px 6px 6px 0">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/poser_jkerner.jpg" alt="Justinus Kerner (Quelle: Wikipedia)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Justinus Kerner<br />
(Quelle: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Justinus_Kerner">Wikipedia</a>)
</dd>
</dl>
<p>Walter und Karin Schnittger machten sich an die Überprüfung, und Zweifel kamen auf. Zwar war William Howitt (1792–1879) in Deutschland gewesen und auch vor 1830 im Weinsberger Pfarrhaus bei <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Justinus_Kerner">Justinus Kerner</a> (1786-1862). Doch Kerner-Experten blieben skeptisch, und unter seinen Gedichten fand es sich nicht. Schade! Der württembergische Arzt Justinus Kerner hatte in Weinsberg praktiziert, dabei Friederike Hauffe kennengelernt, eine hellsichtige Frau, die leider früh starb. Kerners Buch »Die Seherin von Prevorst« wurde 1830 zum Bestseller. Seine Zeitschrift »Magikon« (1840–1853) war die erste parapsychologische Zeitschrift überhaupt.</p>
<p>Vielleicht war es einer aus dem Kerner-Umkreis? Die schwäbische Dichterschule oder »schwäbische Romantik«! Womöglich Eduard Mörike, Fürchtegott Gellert, Wilhelm Hauff, Ludwig Uhland &#8230; oder etwa Christian Friedrich Körner? Es wäre zu schön gewesen, wenn sich Howitt verschrieben hätte: Körner statt Kerner. Karin Schnittger erinnerte sich noch, das Jenseitsteam hätte etwas gesagt, das wie »Keiner« geklungen hätte. Wer denkt da nicht an Homer und die Odyssee, wo der Held den einäugigen Riesen Polyphem blendet und sagt, es sei »Niemand« gewesen; und als die anderen Polyphem fragen, wer ihm das angetan habe, erwidert er: niemand! Humor gibt es auch auf der anderen Seite. Ich ackerte an der Kantonsbibliothek St. Gallen ein Dutzend Bände von Gedichtsammlungen möglicher Autoren durch: nichts.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Der »geschätzte vaterländische Dichter«</h5>
<p>Dann fand Walter Schnittger durch beharrliches Suchen etwas Neues. Das Gedicht war abgedruckt in der berühmten sechsbändigen »<a href="http://books.google.de/books?id=HsA5AAAAcAAJ&amp;pg=PA40&amp;dq=%22ein+alter+stamm+mit+taussend%22&amp;lr=&amp;cd=2#v=onepage&amp;q=%22ein%20alter%20stamm%20mit%20taussend%22&amp;f=false">Zauber-Bibliothek</a>« von Georg Conrad Horst (1821).</p>
<dl style="width:250px; float:right; padding:2px 0 6px 6px; margin:2px 0 6px 6px">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/poser_zauberbib.gif" alt="Titelseite des ersten Bandes der »Zauber-Bibliothek«" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Titelseite des zweiten Teils der »Zauber-Bibliothek« (Quelle: <a href="http://books.google.de/books?id=HsA5AAAAcAAJ&#038;lr=&#038;source=gbs_navlinks_s">Google Books</a>)
</dd>
</dl>
<p>Der Autor schreibt dazu, es sei das, was »ein geschätzter vaterländischer Dichter von der Cultur überhaupt sagt«. Wer galt damals als geschätzter vaterländischer Dichter? Das waren wohl die nationalistischen, freisinnigen Dichter, Hölderlin etwa, doch die Zeilen klingen nicht nach ihm. Wir wussten also, dass das Gedicht vor 1821 entstanden sein musste.</p>
<p>Es geht im Inhalt um die alte Kultur, die gerne mit einem Baum verglichen wurde – das erinnert an alte indische Mythologie und an Romantiker wie Schelling, die Sanskrit lernten und Mythen verglichen. In den Jahren von 1770 bis 1800 widmeten sich Autoren der dunklen Seite des Menschen. Franz Anton Mesmer (1734–1815) praktizierte von 1778 bis 1793 in Paris und wurde mit seinem »<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Animalischer_Magnetismus">animalischen Magnetismus</a>« zum Vorläufer der Hypnose und der Parapsychologie überhaupt; Karl Philipp Moritz (1756–1793) gab ab 1783 das »Magazin zur Erfahrungsseelenkunde« heraus, die erste psychologische Zeitschrift; und Friedrich Schiller hatte mit seinem (unvollendeten) Fortsetzungsroman »Der Geisterseher«, zwischen 1787 und 1789 in der Zeitschrift »Thalia« erschienen, den größten Publikumserfolg seiner Laufbahn.</p>
<p>In dieser Epoche also müssen die acht Zeilen entstanden sein, doch damit sei es genug: <strong>Das Rennen ist eröffnet!</strong></p>
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