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	<title>Kritische Ausgabe &#187; Diskussion</title>
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	<description>Zeitschrift für Germanistik &#38; Literatur</description>
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			<item>
		<title>Der Schein trügt</title>
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		<comments>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2992/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 22 Jun 2010 06:00:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benedikt Viertelhaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Auf die Ohren!]]></category>
		<category><![CDATA[Diskussion]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/schoeftland2.jpg" alt="Die Band Schöftland (Foto: © Schöftland, Bern)" title="Die Band Schöftland (Foto: © Schöftland, Bern)" width="150" height="100" class=right />Die Informationsfülle im Internet bietet nur wenig orientierenden Überblick über das gesamte Tagesgeschehen. Schnell geht dabei etwas unter, das einen im Grunde auch interessiert hätte. Die Alternative heißt bis heute Tageszeitung, in deren Feuilleton man zum Beispiel auf eine Rezension des Albums <em>Der Schein trügt</em> der Berner Band Schöftland stoßen konnte …<br />&#160;]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<dl style="width:300px; float:left; padding:2px 6px 6px 6px; margin:2px 6px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/NZZ2.JPG" alt="Titel der »Neue Zürcher Zeitung« (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" title="Titel der »Neue Zürcher Zeitung« (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" width="300" height="209" /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Start in einen gelungenen Tag:<br />
Der Blick in die Tageszeitung<br />
(Foto: © Benedikt Viertelhaus)</dd>
</dl>
<p>Seit das Internet zu einem allgemein zugänglichen Medium geworden ist, leidet die Tageszeitung weltweit eine Absatzkrise. Es ist in den letzten Jahren viel darüber spekuliert worden, wo die Antworten liegen könnten, um dieses alte Medium zu retten. Schnell geht es dann um Möglichkeiten des ›paid content‹, bezahlten Inhalten, um im Internet, ergänzend zum gedruckten Blatt, Geld zu verdienen. Das Internet aber hat, daran darf man nicht vorbeireden, eine Kostenlosmentalität gefördert, auf die es zu antworten gilt und der Internetnutzer hat ein anderes Verhalten als der Leser einer Tageszeitung. Solange der User seine Informationen kostenlos bekommen kann, ist zu erwarten, daß er dafür nicht zahlen wird. Das gilt neben den Nachrichten, die früher unter anderen Medien die Zeitung lieferte, für Musik, Filme, Lexikonartikel und vieles mehr. Eine Lösung sucht man in Begriffen wie dem <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1480/">»Qualitätsjournalismus«</a>. Darin steckt der Gedanke, daß ich bei bezahlten Medien Informationen bekomme, deren Richtigkeit ich mir sicher sein kann, bzw. daß Fehler, die immer mal passieren, in einer der nächsten Ausgaben korrigiert werden. Redakteure werden für ihre Arbeit bezahlt, der Blogger oder der Autor eines Wikipedia-Artikels nicht, ist aber womöglich ein richtiger Experte in seinem Gebiet. Der Vorteil, den ich mir mit einer Tageszeitung ins Haus hole muß also ein anderer sein, wenn ich an alle Informationen auch kostenlos komme. Oder ist es reine Nostalgie, die einige noch zum Zahlen für Journalismus veranlaßt?</p>
<h5>»Alle geben gerne Auskunft – aber niemand kann richtig Auskunft geben«</h5>
<p>Vielleicht, dachte ich lange, bin ich einer dieser hoffnungslosen Nostalgiker, die täglich ihre Zeitung brauchen, weil es zu einem gelungenen Tag gehört, sich morgens einen Überblick über die Geschehnisse in der Welt zu machen. Aber was würde ich über Frankreich erfahren, wenn nicht gerade Präsidentenwahlkampf ist, was über Iran, wenn nicht gerade ein allgemeines Interesse an den Entwicklungen bestünde? Mit der Tageszeitung bekommen wir einen Überblick geboten, den uns das Internet trotz, oder wegen, der Fülle an Informationen kaum bietet. Die Breite an Information, die das Internet bietet, ist unendlich groß, aber schnell verliert man beim Surfen die Sicht auf das Relevante. Eine Tageszeitung ist einen Tag aktuell und hat eine letzte Seite. Das Internet ist immer aktuell und kennt keine letzte Seite. Schnell bleibt man daher orientierungslos im Informationsüberfluß stecken, besucht nur die ersten 20 Googletreffer, schaut für die Tagesnachrichten nur noch bei <em>Spiegel Online</em> über die Startseite, liest, wo einen die interessanten Überschriften hinleiten, weiter aber selten. Und genau da liegt eines der größten Probleme, die das Internet hat. Es hilft der Vertiefung, vereinfacht die Recherche, verhindert aber mitunter die Teilhabe am »ganzen Leben«. Die Tageszeitung liefert täglich einen Ausschnitt dessen, was die Redakteure für relevant halten. Ich bin ihnen zwar diesbezüglich ausgeliefert, finde aber eine Orientierung über das Tagesgeschehen. Nur dem Radio bin ich, solange es läuft, in ähnlicher Weise ausgeliefert. Eine Ergänzung liefert mir das Internet je danach, wenn ich Informationen vertiefen will oder Zweifel an der Interpretation habe.</p>
<p>Die Tages- oder Wochenzeitung und das Radio verleiten dazu, an Dingen hängenzubleiben, nach denen man im Internet nicht gesucht hätte. Man kann hier Entdeckungen machen, ohne Link, ohne Referenz, die von Themen ausgeht, über die man sich gerade eh informierte, und daher mindestens in einem ähnlichen Spektrum verortet sind. Sich über Tageszeitungen informiert zu halten, ermöglicht viel stärker, an gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, als das im Internet der Fall ist. Die Selektion der Themen ist breiter und nur übers Internet informiert läuft man Gefahr, sich z.B. nur über die aktuelle Kultur zu informieren. Man könnte sagen, es wäre wie wenn ein SPD-Mitglied nur den <em>Vorwärts</em> lesen würde und denken, er sei informiert. Bei einer Tageszeitung, die den Versuch unternimmt unparteiisch zu sein, sollten Ansätze aller Parteien kritisch betrachtet werden. </p>
<p>Beim Lesen der Zeitung wird der Leser verleitet, von einer Überschrift schneller in Artikel rein zu lesen, als auf Onlineplattformen einem Überschriftenlink zu folgen. Zwar kann sich im Internet jeder äußern, aber die Wahrscheinlichkeit, gelesen und wahrgenommen zu werden, ist gering. Wer meint, das Internet sei aufgrund der breiten Äußerungsmöglichkeiten demokratischer, der muß auch die Frage stellen, ob Demokratie grundsätzlich die Separation in einzelne Interessensgebiete bedeutet oder ob die Willensbildung nicht vor allem auch einen Allgemeinbildungsprozeß erfordert. Im Internet ist jedoch vor allem ein breites Nebeneinanderher zu beobachten. </p>
<dl style="width:300px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/schoeftland2.jpg" alt="Die Band Schöftland (Foto: © Schöftland, Bern)" title="Die Band Schöftland (Foto: © Schöftland, Bern)" width="300" height="200" /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Die Berner Band Schöftland<br />
(Foto: © <a href="http://www.schoeftland.com/fuer">Schöftland</a>)</dd>
</dl>
<p>Daß dies ein Problem des Internets ist, ist mir anhand eines Beispiels aufgefallen, das verdeutlicht hat, wie sehr die Zeitung diesen allgemeinbildenden Vorteil hat. Auf die Berner Band <a href="http://www.schoeftland.com/">Schöftland</a> wäre ich im Internet so schnell nicht gestoßen, auch wenn es jene Verweise gibt, die da hätten nachhelfen können: Verstärkung bekommen die Schweizer auf ihrem phantastischen Album Der Schein trügt von zwei Gastsängern, die viele Musikinteressierte auf das Debut aufmerksam machen könnten: <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/210/">Nils Koppruch</a> und <a href="http://www.gisbertzuknyphausen.de/">Gisbert zu Knyphausen</a>. Verdanken muß ich die musikalische Entdeckung des Frühjahrs aber der <em>Neuen Zürcher Zeitung</em>, die auf ihren »Kultur Zürich«-Seiten immer wieder Platten der Bands vorstellt, die in ein paar Tagen in der Gegend spielen werden. »Hochdeutsch zu singen, ist in der Schweiz nicht nur aussergewöhnlich, sondern auch mutig, denn Englisch ist die Sprache der Rockmusik geblieben, Mundart der Schlüssel zum Erfolg im Pop«, heißt es in <a href="http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/pop_und_jazz/gluecklich_machende_melancholie_1.4457797.html">dem Artikel </a>direkt zu Anfang. Den Verweis auf die Band lieferte also die Zeitung, die starke These als Einstieg in den Artikel das Interesse zu einem Weiterlesen.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Lookism oder die hässliche Seite der Schönheit</title>
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		<comments>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2968/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 14 Jun 2010 06:00:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Roberto Jurkschat</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskussion]]></category>
		<category><![CDATA[Wunderliches]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/foto-lookism.jpg" alt="Fight-Lookism-Streetart in Berlin (Foto: © Projekt L)" title="Fight-Lookism-Streetart in Berlin (Foto: © Projekt L)" width="150" height="113" class="right" />Unter dem Begriff ›Schönheit‹ verstand man einmal »interessenloses Wohlgefallen«, aber das ist inzwischen lange her. Die gesellschaftliche Bedeutung des äußeren Erscheinungsbildes, des Stylings, des Gewichts und der Körpergröße, hat längst die Grenzen der Pathologie durchbrochen. Ob Essstörungen, plastische Chirurgie oder Diskriminierung. Ignorierbar sind die verheerenden Folgen des Schönheitswahns eigentlich schon lange nicht mehr – auch nicht für die Politik. Doch der Druck zur Anpassung an das Ideal sichert der Kosmetikindustrie jährlich Gewinne in Milliardenhöhe …]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<dl style="width:300px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/Nasenformer.JPG" alt="Werbeanzeige für einen Nasenformer (1927)" title="Werbeanzeige für einen Nasenformer (1927)" width="300" height="225" /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Plastische Chirurgie anno 1927: In der Zeitschrift <em>Wochenblatt</em> wurde der Nasenformer beworben.<br />
Ziel: die »griechisch-römische Normalnase«.</dd>
</dl>
<p>
<div style="color: #777;"><em>Unter dem Begriff ›Schönheit‹ verstand man einmal »interessenloses Wohlgefallen«, aber das ist inzwischen lange her. Die gesellschaftliche Bedeutung des äußeren Erscheinungsbildes, des Stylings, des Gewichts und der Körpergröße, hat längst die Grenzen der Pathologie durchbrochen. Ob Essstörungen, plastische Chirurgie oder Diskriminierung. Ignorierbar sind die verheerenden Folgen des Schönheitswahns eigentlich schon lange nicht mehr – auch nicht für die Politik. Doch der Druck zur Anpassung an das Ideal sichert der Kosmetikindustrie jährlich Gewinne in Milliardenhöhe.</em></div>
</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://www.facebook.com/pages/Dr-Stephen-T-Greenberg/49940060324">Steven T. Greenberg</a> ist Schönheitschirurg in Woodbury, einem beschaulichen Vorort New Yorks, unweit der Küste. In seiner Praxis herrscht regerer Betrieb, als bei Fachkollegen in der Umgebung. Bei ihm gibt es das sogenannte »Jobfighter Package«, eine Mischung aus Brustvergrößerung, Face-Lifting und Botox zum Sonderpreis. Die Patienten im Wartezimmer sind vorwiegend weiblich, älter als 30 und arbeitslos. Ihnen wird suggeriert, nach einer Schönheitsoperation bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und obendrein einen höheren Stundenlohn zu erhalten. </p>
<p>Als bekannt wurde, dass der Chirurg von gesellschaftlicher Not profitieren will, häufte sich öffentlicher Protest. Greenberg habe eine Grenze überschritten, <a href="http://blogs.wsj.com/wallet/2009/03/27/cant-find-a-job-get-a-facelift/tab/article/">hieß es</a>. Infragestellen möchte den Zusammenhang zwischen Schönheit und beruflichem Erfolg zwar eigentlich keiner mehr, da er von Psychologen ohnehin bereits seit Jahrzehnten vermutet wird. Aber der offensive Umgang mit diesem Thema und die Schreckensvision, dass plastische Chirurgie womöglich bald der neue Standard für die Erwerbssicherung sein könnte, sind Punkte, die allgemeine Empörung hervorrufen. </p>
<p>Die Wurzel dieses Problems ist dabei weder mangelnde Berufsethik, noch die beunruhigende Arbeitslosenstatistik. Angebote wie das »Jobfighter Package« sind Symptome eines gesellschaftlichen Schönheitsdenkens, das sich in alle Bereiche des öffentlichen Lebens gedrängt hat.</p>
<p>Bis zur Aufklärung verstand man Schönheit dabei als »interessenloses Wohlgefallen« und als fixe Eigenschaft bestimmter Menschen und Gegenstände. <a href="http://korpora.org/Kant/aa05/204.html">Kant</a> hat diesem Ansatz 1790 in die Mottenkiste verbannt und argumentiert, Schönheit sei ein Geschmacksurteil, das im Auge des Betrachters liege. Heute führen die Marketingabteilungen der Kosmetikbranche vor, dass Schönheit vor allem ein begehrtes Produkt ist. Egal, ob auf Plakaten, im Fernsehen, oder im Internet. Auf allen visuellen Werbekanälen tritt Schönheit als Kalkül eines weltweiten Marktes in Erscheinung. </p>
<p>Folgt man den <a href="http://www.beautycheck.de/cmsms/">Attraktivitätsforschern der Universität in Regensburg</a>, gibt es im ästhetischen Empfinden aller Menschen einen Konsens – angeblich kulturübergreifend. Testpersonen bewerten dieselben Gesichter und Körper als attraktiv oder unattraktiv. Weil die Übereinstimmungen signifikant sind, stellen die Wissenschaftler des psychologischen Instituts die gewagte These auf, »Schönheit ist messbar«. Der perfekte Körper und das perfekte Gesicht ließen sich anhand einiger Proportionen und Knochenabstände ziemlich genau ausrechnen. Mit Kultur, Erziehung, Werbung und gesellschaftlicher Sozialisation habe das alles kaum etwas zu tun. Jeder Mensch verfüge vielmehr über »angeborene Verhaltensmuster«.</p>
<p>Das zentrale Argument für die Validität dieses Ergebnisses liegt im kulturübergreifenden Design der Studie – doch genau dieser Punkt ist problematisch. In den postkolonialen Strukturen des 21. Jahrhunderts sind Kulturen nicht mehr als streng voneinander getrennt zu denken. In der Globalisierung ist vor allem die westliche Kultur als Exportware über den Planeten gewandert, einige regionale Kulturformen stehen in scheinbar altersschwacher Haltung daneben. Sieht man sich Werbeplakate in China und Brasilien an, auf denen weiße Fotomodelle Werbung für Hautcremes und Bademoden machen, stellt sich die Frage, was das Attribut »kulturübergreifend« der Regensburger Studien aussagt. Wenn in den Regensburger Umfragen also Menschen mit unterschiedlicher Herkunft dieselben Merkmale attraktiv fanden, könnte das auch bedeuten, dass das westliche Schönheitsideal bereits in andere Regionen vorgedrungen ist. Sollte das zutreffen, wäre das Schönheitsdenken keine biologische Gegebenheit, sondern eine Frage der gesellschaftlichen Sozialisation.</p>
<h5>Schönheit in der Globalisierung</h5>
<p>Argumente für diese These findet man unter anderem in Internet. Die Homepage des deutschen Schönheitschirurgen Dr. Batze informiert unter anderem über mögliche Operationen an den Augen. Unter dem <a href="http://www.dr-batze.de/lidkorrektur.html">Stichwort »Lidkorrektur«</a> ist der Punkt »Europäisierung asiatischer Lider« aufgeführt . In Asien rangiert diese Maßnahme auf <a href="http://www.schoenheit-und-medizin.de/schoenheitschirurgie/kopf-und-gesicht/lidstraffung/europaeische-augen.html">Platz eins</a> aller Schönheitsoperationen.</p>
<p>Schönheit rückt immer weiter ins Zentrum des öffentlichen Lebens. Sowohl die Verkaufszahl von Botoxspritzen wie auch die Anzahl der Schönheitsoperationen sind in den vergangenen zwei Jahren in Deutschland um mehr als das zweifache gestiegen, die Kosmetikindustrie schreibt konstant schwarze Zahlen trotz Krise. Die wichtigste Regel ist: Was als »schön« geltend gemacht werden kann, das wird auch verkauft.</p>
<p>Zu den Profiteuren des Schönheitswahns gehört auch L’Oreal. Der Marktwert des französischen Branchenriesen beträgt etwa 67 Milliarden Euro und liegt damit höher als der der Deutschen Bank. Die Zielgruppe von L’Oreal ist beinahe unbegrenzt, die Produktpalette dementsprechend breit. In der Werbung schwingt die Suggestion von Selbstvrwirklichung und Individualität, doch diese Begriffe sind irreführend. Genauer gesagt wird zuerst ein Schönheitsideal konstituiert und die Annäherungsmöglichkeiten daran verkauft. Dass die meisten Menschen auf der Welt dabei vom Ideal abweichen, ist Teil des Geschäftskonzepts, Beispiele gibt es genug. </p>
<p>So sind in den USA seit vielen Jahren Haarglättungspräparate sehr erfolgreich. Der Dokumentarfilm <em>Good Hair</em> führt vor, dass zum Kundenkreis hauptsächlich afroamerikanische Frauen gehören. In Friseursalons werden Damen interviewt, junge Mädchen sitzen vor den Spiegeln und lassen sich die Haare mit einer blauen Paste einstreichen. In einer Gesellschaft, die immernoch von weißen Machthabern geprägt sei, und deren Industrie ein eigenes Schönheitsideal hervorbringe, nähmen Afroameriakaner ihre eigene Haarstruktur häufig als unästhetisch wahr, das ist der Tenor der Doku. Auch daher kommen die ausgezeichneten Bilanzen von Firmen, wie L’Oreal. 2,6 Milliarden Euro Gewinn im Jahr 2009 sprechen eine deutliche Sprache. Dass die Geschäftsethik vieler Kosmetikunternehmer von Massentierversuchen für Botox bis hin zum Import von echtem Menschenhaar mehr als zweifelhaft ist, hat bislang noch wenig wirklich breite Empörung hervorgerufen. Ethische Bedenken und Diskriminierungen kamen bislang kaum in an entscheidender Stelle zur Sprache. Neuere Studien stellen die Debatten aber auf eine völlig neue Grundlage.</p>
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		<title>Beethovenhalle: ja oder nein?</title>
		<link>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2093/</link>
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		<pubDate>Tue, 01 Dec 2009 20:00:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stephanie Müller</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskussion]]></category>
		<category><![CDATA[Veranstaltungen]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/11/Beethovenhalle_1959.jpg" width=150 height=109 class=right alt="Die Bonner Beethovenhalle 1959 (Foto: © Schafgans Archiv/Hans Schafgans)" title="Die Bonner Beethovenhalle 1959 (Foto: © Schafgans Archiv/Hans Schafgans)"  />Am Samstag, 28. November 2009, ging es im Hörsaal 9 der Universität Bonn emotionsgeladen her. Das bereits seit zwei Jahren in Diskussion stehende Projekt eines neuen/alten Festspielhauses ließ das Kolloquium »brennpunkt beethovenhalle« zu einem - wie es der Titel schon richtig traf - ›Brennpunkt‹ hitziger Diskussionen und empörter Gemüter werden.

Anlass dieses Kolloquium war der in Diskussion stehende Abriss der Beethovenhalle, die einem neuen Festspielhaus, das zum größten Teil von den Firmen Post, Postbank und Telekom gesponsert wird, weichen soll. Veranstalter war die Initiative Beethovenhalle, die am Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn entstand und ein studentisches Projekt ist. Angeregt durch ein Oberseminar bei Prof. Dr. Hiltrud Kier, feiert die Initiative Beethovenhalle mit ihrem Projekt nicht nur das 50jährige Jubiläum der Beethovenhalle, sondern setzt ihren Schwerpunkt gerade auf die aktuelle Diskussion. Aus kunstwissenschaftlicher, städtebaulicher, historischer und denkmalpflegerischer Sicht wurde die Beethovenhalle unter die Lupe genommen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Samstag, 28. November 2009, ging es im Hörsaal 9 der Universität Bonn emotionsgeladen her. Das bereits seit zwei Jahren in Diskussion stehende Projekt eines neuen/alten Festspielhauses ließ das Kolloquium »brennpunkt beethovenhalle« zu einem &#8211; wie es der Titel schon richtig traf &#8211; ›Brennpunkt‹ hitziger Diskussionen und empörter Gemüter werden.</p>
<p>Anlass dieses Kolloquium war der in Diskussion stehende Abriss der Beethovenhalle, die einem neuen Festspielhaus, das zum größten Teil von den Firmen Post, Postbank und Telekom gesponsert wird, weichen soll. Veranstalter war die <a href="http://www.initiative-beethovenhalle.de/index.html">Initiative Beethovenhalle</a>, die am Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn entstand und ein studentisches Projekt ist. Angeregt durch ein Oberseminar bei Prof. Dr. Hiltrud Kier, feiert die Initiative Beethovenhalle mit ihrem Projekt nicht nur das 50jährige Jubiläum der Beethovenhalle, sondern setzt ihren Schwerpunkt gerade auf die aktuelle Diskussion. Aus kunstwissenschaftlicher, städtebaulicher, historischer und denkmalpflegerischer Sicht wurde die Beethovenhalle unter die Lupe genommen.</p>
<dl style="margin: 6px; padding: 6px; width: 300px; float: right;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;"> <img title="Die Bonner Beethovenhalle 1959 (Foto: © Schafgans Archiv/Hans Schafgans)" src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/11/Beethovenhalle_1959.jpg" alt="Die Bonner Beethovenhalle 1959 (Foto: © Schafgans Archiv/Hans Schafgans)" /> </dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Die Bonner Beethovenhalle 1959, dem Jahr ihrer Eröffnung<br />
(Foto: © Schafgans Archiv/Hans Schafgans) </dd>
</dl>
<p>Dem Kolloquium gingen bereits zwei Projekte in Form eines <a href="http://www.initiative-beethovenhalle.de/resources/Offener+Brief.pdf">Offener Briefes</a> an die damalige Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann sowie einer <a href="http://www.initiative-beethovenhalle.de/3.html">Ausstellung</a> über die Geschichte der Beethovenhalle in Fotodokumenten aus dem Hans Schafgans Archiv in den Räumen des Kunsthistorischen Institutes voraus (11.9. bis 8.10.2009).</p>
<p>Das <a href="http://www.initiative-beethovenhalle.de/resources/Einladung+Kolloquium+Beethovenhalle.pdf">öffentliche Kolloquium »brennpunkt beethovenhalle«</a> diente nun dazu »im akademischen Rahmen die ganze Bandbreite der Bedeutung des Baus vorzuführen: als Bautypus, als Architekturkunstwerk, als Bestandteil des Städtebaus, als historischer und gesellschaftlicher Ort sowie unter dem Gesichtspunkt der Rezeption in der Fachpresse.« In diesem Sinne wurde es in vier Sektionen unterteilt: zunächst wurde die Halle an sich vorgestellt (U. Mainzer) und in einen Kontext zu ähnlichen Bauten im Raum Deutschland (J. Rüter) aber auch in der ganzen Welt gebracht (W. Pehnt). Prof. Dr. Udo Mainzer (Landeskonservator Rheinland), der die Beethovenhalle »als Objekt der Denkmalpflege« vorstellte, machte seinen Standpunkt gegen den Abriss von Anfang an deutlich. Er setzt sich voller Elan für das Denkmal Beethovenhalle ein und bezeichnet es als „ein baukünstlerisches Bekenntnis zum demokratischen Bau“.  Außerdem betont er, dass „die Denkmalpflege nicht gegen ein neues Festspielhaus ist, sondern gegen den Abriss eines Denkmals.“ Der wissenschaftliche Hintergrund solcher Stadt- oder auch Mehrzweckhallen wurde so in der ersten Sektion anschaulich vorgestellt. In der zweiten Sektion wurde das Augenmerk in den Vorträgen besonders auf Referenzbauten, wie die Liederhalle in Stuttgart, den Konzertsaal der Hochschule für Musik in Berlin und das Stadttheater in Münster gelenkt. Diese Beispiele zeigten wie eine Renovierung bzw. Restaurierung in Teilen den ursprünglichen Bau wieder erstrahlen lassen kann, aber auch &#8211; wie im Falle Münster &#8211; dass dies nicht unbedingt erfolgreich sein muss.</p>
<p>Die vielfachen Möglichkeiten einer Verwendung der Beethovenhalle wurden besonders im Vortrag von Prof. Dr. Heijo Klein deutlich, in dem man erfuhr, dass nicht nur Konzerte, Bälle und die Wahlen des Bundespräsidenten dort stattfanden, sondern dass sie auch für Veranstaltungen wie Rassekatzenausstellungen genutzt wurde. Einen neuen Blick auf die Akustik der Halle erschuf Raoul Mörchen in seinem Vortrag, wobei er die einzig wahre Akustik negierte und den Begriff des optischen Hörens in die Diskussion brachte. Man nimmt Geräusche, Sprache und vor allem Musik anscheinend besser wahr, wenn man einen guten ungestörten Blick auf die Bühne bzw. das Geschehen hat. Sein Beitrag wurde viel diskutiert und insbesondere von den Beethovenhallenbefürwortern willkommen geheißen. Die Akustik der Beethovenhalle war in letzter Zeit in den Medien immer wieder bemängelt worden. Mörchen bescheinigte der Halle jedoch für ihren multifunktionalen Charakter eine völlig ausreichende, ja sogar gute Akustik.</p>
<p>Die vierte und letzte Sektion, die auch die bestbesuchte war (zum Schluss gab es nur noch Stehplätze) enthielt eine kurze Zusammenfassung der Vorträge durch Prof. Dr. Hiltrud Kier und die regelrecht heiß ersehnte Podiumsdiskussion mit sechs Vertretern aus Politik und Kultur. Es nahmen der Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch, der ehemalige Oberbürgermeister Dr. Hans Daniels, der ehemalige Generalmusikdirektor Prof. Volker Wangenheim, der Landeskonservator Prof. Dr. Udo Mainzer, Heinrich Küpper von der Projektleitung Festspielhaus Beethoven als Vertreter für die Sponsoren und der Vorsitzende des Bundes Deutscher Architekten Dipl.-Ing. Joachim Klose teil. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion durch den ehemaligen Leiter der Redaktion Kultur des WDR 5 Jürgen Keimer. Mit seinen gezielten Fragen an die Teilnehmer versuchte er in durchaus provokanter Weise aus ihnen Sichtweisen, Standpunkte und konkrete Antworten herauszulocken. Nicht jeder der Teilnehmer war dabei so kooperativ, auf die gestellte Frage auch direkt zu antworten, sondern verlor sich manchmal in ausschweifenden Erklärungen, die vielmehr Unklarheiten und Missverständnisse schufen als diese zu beseitigen.</p>
<p>In den Diskussionen, auch nach den jeweiligen Sektionen, wurde eines besonders deutlich: dass die Mehrheit der Anwesenden gegen den Abriss der Beethovenhalle ist und außerdem über das bisherige Vorgehen sehr verärgert ist. Durch aufgebrachte Zwischenrufe und Statements wurde dies immer wieder deutlich. Die Emotionen sind aufgeladen und bahnten sich ihren Weg nach draußen. Dass dabei das eigentliche Ziel des Informierens und Diskutierens manchmal auf der Strecke blieb, ist einerseits schade, andererseits aber auch verständlich. Die Organisatoren mussten immer wieder freundlich darauf hinweisen, dass das Kolloquium kein Ort zur sofortigen Gründung einer Bürgerinitiative ist. Informationsgrundlagen anbieten, Kontakte knüpfen, Themen ansprechen und die bereits laufende Diskussion weiter unterstützen und so »im konstruktiven Gespräch zu neuen Erkenntnissen kommen«, das sind die Anliegen der Initiative Beethovenhalle. Dieses konstruktive Gespräch kann aber nicht richtig anlaufen, da sich bereits zu viel Ärger und Unmut aufgestaut haben. Auch gerade während der Fragen aus dem Publikum an die Teilnehmer der Podiumsdiskussion wurde dies deutlich, die zum größten Teil weniger Fragen darstellten als provokante und eigenwillige Stellungnahmen, die vielmehr die persönlichen Meinungen darlegten.</p>
<p>Joachim Klose bemerkte während der Diskussion ganz richtig, dass dieses Kolloquium eine tolle Möglichkeit und Idee sei, dass es aber auch schon viel früher hätte stattfinden sollen (vor ein bis zwei Jahren) und dann erst weitere Entscheidungen und Diskussionen auf einer sachlichen Informationsgrundlage hätten getroffen und geführt werden dürfen. Jetzt nach zwei Jahren hin und her, einem schon veranstalteten Architekturwettbewerb mit bereits zwei Finalisten (Zaha Hadid, Hermann und Valentiny) und nach dem Ausgeben von bereits einigen Millionen Euro sind die Meinungen und Standpunkte festgefahren. Ein Austausch, ja sogar ein Kompromiss erscheint unmöglich. Und dabei steht noch so vieles in der Schwebe: die Denkmalschutzfrage, die definitive Finanzierung, der Standort, ein Ersatzspielhaus für die Zeit des Neubaus bzw. der Renovierung und die Frage nach der Betriebskostenübernahme für eventuell zwei Häuser. Und vor allem fehlt die sachliche Darlegung der Argumentation dafür, dass Bonn eine neue Beethovenhalle, welche dann besonders auch Auswirkungen auf die Denkmalschutzfrage haben wird, braucht. Da bleibt zum Schluss nur noch ein Kopfschütteln für so ein verqueres Durcheinander und weiterhin die Frage: Beethovenhalle ja oder nein?</p>
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		<title>Die Blog-Monologe</title>
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		<pubDate>Thu, 06 Aug 2009 08:00:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskussion]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/08/poser_blog2.jpg" width=150 height=113 alt="Viele unzusammenhängende Botschaften (Foto: Manfred Poser)" />Wieviele Blogs (= Web-logs, Tagebücher im Netz) in deutscher Sprache gibt es? Das ist die erste Frage, an der man schon scheitern kann. In den Suchmaschinen findet man Zahlen zwischen 27.000 und 750.000, sogar die Zahl eine Million wird genannt, und bei genauerer Betrachtung findet man die abenteuerlichsten Berechnungen auf der Basis geringfügigster  Grundgesamtheiten. Ein Analytiker geht von 1 Prozent deutschsprachigen unter den 75 Millionen weltweiten Blogs aus, ein anderer rechnet munter die Ergebnisse der »Thüringer Blogzentrale« hoch auf ganz Deutschland, und ein Dritter peilt über den Daumen und kommt auf 400.000 bis 600.000 Blogs. Schon da tritt einem die ganze Konfusion und Zersplitterung entgegen, die die Blogszene kennzeichnet …]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wieviele Blogs (= Web-logs, Tagebücher im Netz) in deutscher Sprache gibt es? Das ist die erste Frage, an der man schon scheitern kann. In den Suchmaschinen findet man Zahlen zwischen 27.000 und 750.000, sogar die Zahl eine Million wird genannt, und bei genauerer Betrachtung findet man die abenteuerlichsten Berechnungen auf der Basis geringfügigster  Grundgesamtheiten. Ein Analytiker geht von 1 Prozent deutschsprachigen unter den 75 Millionen weltweiten Blogs aus, ein anderer rechnet munter die Ergebnisse der »<a href="http://www.thueringerblogzentrale.de/">Thüringer Blogzentrale</a>« hoch auf ganz Deutschland, und ein Dritter peilt über den Daumen und kommt auf 400.000 bis 600.000 Blogs. Schon da tritt einem die ganze Konfusion und Zersplitterung entgegen, die die Blogszene kennzeichnet.</p>
<dl style="width:225px; float:right; padding:6px; margin:6px;">
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<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/08/poser_blog1.jpg" alt="Viel heiße Luft (Foto: Manfred Poser)" />
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<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Viel heiße Luft<br />
(Foto: Manfred Poser)
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<p>Im Sommer 2007 zählte <a href="http://www.blogcensus.de/">www.blogcensus.de</a> 110.000 aktive deutschsprachige Blogs, die in den zwei Jahren seither gewiss auf 150.000 gewachsen sein werden; das kommt einem realistisch vor. 3000 bis 3500 Corporate Blogs (von Industriefirmen geschrieben) sollen darunter sein. Man weiß wenig, es herrscht Anarchie. Doch schon die besten 100 Blogs auf <a href="http://blogoscoop.net" title="http://blogoscoop.net" target="_blank">blogoscoop.net</a> kommen auf insgesamt rund 30 Millionen Abrufe im Monat, das sind eine Million Abrufe pro Tag. Da werden in nicht zu unterschätzender Weise Zeit und Energie verbraucht. Und täglich kommen neue Blogs hinzu, auf <a href="http://blogoscoop.net" title="http://blogoscoop.net" target="_blank">blogoscoop.net</a> sind das 10 am Tag, nicht gerechnet die auf anderen Listen eingetragenen Blogs und die nicht registrierten. 100 neue Blogs am Tag im deutschsprachigen Raum, das könnte schon realistisch sein.</p>
<p>Die Seite <a href="http://www.bloggerei.de">www.bloggerei.de</a> führt fast 7300 Blogs in 24 Kategorien. Davon sind 216 Literaturblogs, 120 Kunstblogs und 696 Computerblogs, wobei ganz vorne Internetblogs (829) und Privateblogs rangieren. Dass die privaten Dinger vom Typ »Liebes Tagebuch« mit 1163 Einheiten nur 16 Prozent des Angebots ausmachen, will man kaum glauben. Aber es kann sein, dass die Blogger selbst ihr Produkt einstufen, und sich dann natürlich in eine Kategorie eintragen.</p>
<p>Blogs sind persönlich eingefärbte fortlaufend publizierte Beobachtungen. Oft wird beklagt, deutsche Blogs würden nicht zur Kenntnis genommen; in den USA etwa würden Blogbeiträge sogar in den Nachrichten verwendet. Gut, wenn Angela Merkel bloggen würde, wäre das ein anderes Kaliber. Aber hierzulande habe die Blogszene »ihre Handschrift noch nicht gefunden«, meint der junge Webadministrator Michael Mönnich aus München. Der (oder das) Blog als relevante Quelle, das gibt es hier nicht. Entweder herrscht die platte Privatheit – oder die tausendfältig bekannte PR-Sprache. Der Blog unterwandert die üblichen Kommunikationskanäle, aber es ist noch nicht klar, ob das zu mehr führt als zu dem derzeitigen Grundrauschen.     </p>
<h5>Anthropos mikros kosmos</h5>
<p>Der griechische Philosoph Demokritos aus Abdera (ca. 450 vor Christus), Zeitgenosse des Sokrates, sprach einmal die bedeutenden Worte: »Άνδρωπος μίκρος κοσμος.« Das spricht man »Anthropos mikros kosmos« und heißt: »Der Mensch ist eine kleine Welt.« Als würden Blogger diesen Mini-Satz kennen, nennen sie ihre Erzeugnisse so: »Zaubi’s Welt«, »Bloggersworld«, »Roadrunnerswelt«, »Meine kleine Welt «. Blogs sind eben Tagebücher, bei denen man sich die Gefühlsschwere von Eintragungen ins »Liebe Tagebuch« (die Anspielung betrifft den Film von Nanni Moretti von 1994, Caro Diario, der allen empfohlen sei) erspart. Alles läuft streng auf der Faktenebene ab. »8 Tage super Wetter. 8 Tage super Strecken. 8 Tage super viel Spaß. So kann ich unseren Motorradurlaub in den Dolomiten in drei kurzen Sätzen beschreiben«, heißt es auf »ghostbiker.com«. Die Welten der meisten Blogger sind, gedanklich betrachtet, sehr klein und eng, Dolomiten hin oder her.</p>
<p>Was sagt mir als Leser die Ghostbiker-Passage? Nichts. Die meisten Eintragungen sagen nichts. Es sind Bekundungen, dass jemand etwas gelebt hat. Der Student Sebastian Flemig lässt uns in seinem »Ironischen Blog« an seinen Überlegungen teilhaben: »Derzeit ist es ruhig hier im Blog. Das hat auch seinen Grund: Ich versuche immer ein gewisses Level an Unterhaltsamkeit der Beiträge zu erhalten, wenigstens ein wenig zu informieren oder sonst irgendetwas zu vermitteln. Die letzten Tage boten mir allerdings nichts, worüber es sich gelohnt hätte, einen Beitrag zu schreiben.« Jeder hat seine eigene Definition von »Relevanz«, von Bedeutung. Aber passieren muss etwas, und was passiert, wird eins zu eins rübergebracht. Das ist es dann auch. Kleine Begebenheiten denkend zu erweitern, ist nicht Bloggerding. Das Logbuch: »54 Grad westlich Walfisch. Sturm zieht auf. Kapitän seekrank.« – Das ist es, was ist.  </p>
<p>Diese eingeschränkte Sicht der Dinge, die wohl die Weltsicht der Meisten ist, prägt die Blogs. Und wenn ein paar Tage nichts war, beeilen sich Blogger oder Bloggerin, die Hoffnung zu schüren, dass schon bald »wieder etwas« käme, irgendwas halt. »Hallo meine Lieben. Ich wollte bloß Bescheid geben das es mich noch gibt. Eigentlich wollte ich schon die ganze Zeit meine März-Socken vorstellen, aber erst waren sie nicht fertig und dann konnte ich mich hier bei Overblog nicht anmelden ganz zu schweigen davon dass meine Seite nicht aufgerufen werden konnte &#8230;« (29. März, »der Socken-Blog«)</p>
<h5>Imperative: Glamour, Genuss</h5>
<p>Aber warum schreiben Menschen Blogs? Man müsste sie fragen. Niemand zwingt sie dazu. Es ist nicht die Lust am Schreiben – denn hier liegt eher ein Protokollieren vor, ein Zeugnis-Ablegen, dass da ein mit Bewusstsein versehenes Lebewesen, in diese Welt geworfen (Heidegger), gewissen Projekten nachgeht, die seinen Bedürfnissen dienen oder dazu, ihm Unlust abzuwehren. Es ist die elektronische Kneipe, in der alle schreien und kaum einer zuhört, es ist »Socializing« für Egoisten und Eremiten: Ich rufe in den Wind und hoffe, dass mich einer hört. Alle erzählen exzessiv von sich selbst; allerdings spricht auch, wer über ferne Galaxien schreibt, von sich selbst.<br />
Vor hundert Jahren war für die Meisten das Leben etwas, das man durchzog und das seine Höhepunkte und seine Linie hatte. Heute steht im Warenkapitalismus alles unter dem Imperativ des »Genusses«, wie Theodor W. Adorno schon 1944 in den USA beobachtete und in »Minima Moralia« weitergab, und heute zudem im Banne des »Glamour«. Erst seit ein paar Jahren macht man den Leuten weis, sie hätten alle das Zeug zum Star, alles drehe sich um sie, sie stünden im Mittelpunkt, und kein Wunder, dass diese dauernde Indoktrination der Medien zu einer Überschätzung des eigenen Egos führt.   </p>
<dl style="width:300px; float:left; padding:6px; margin:6px;">
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<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/08/poser_blog2.jpg" alt="Viele unzusammenhängende Botschaften (Foto: Manfred Poser)" />
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<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Viele unzusammenhängende Botschaften<br />
(Foto: Manfred Poser)
</dd>
</dl>
<p>›Also da ist der Glamour-Imperativ, und soo spannend ist mein Leben nicht, aber wenn ich es aufschreibe (und sozusagen mein eigener Leser bin), sieht es gleich besser aus: Ich bin mein eigener Gesellschaftskolumnist.‹ Doch da Blogger und Bloggerinnen ihr Leben kennen, aber nicht übertrieben begabt in Empathie sind, wissen sie den niedergeschriebenen Fakten keine Schattierungen und Dimensionen beizugeben; sie wissen nicht, was den Anderen darüber hinaus interessieren könnte, vorausgesetzt, sie hätten überhaupt genügend Einblick in sich selbst. Sie schreiben »8 Tage super viel Spaß« und wissen, wie es war; aber wenn das etwas brächte, hätte Shakespeare Romeo und Julia in einer Inhaltsangabe von drei Sätzen abliefern können.</p>
<p>Es geht gar nicht um das Beleidigtsein der Autoren, die um den Fortfall ihres Redeprivilegs fürchten. Nicole: »Boha nu fang ich zum dritten mal nen Blog zu Schreiben ich hab so iwie om mom da Null Lust zu… Die Sonne zieht mich Magisch an… das is so schön Warm draußen…  Und wenn ich gleich Wäsche aufhänge wert ich mich noch augenblich gemütlich in die Sonne setzen glaub ich… mal sehen… sonst gibst eigendlich nichts Neues bei mir die Heia Park Bilder hab ich immer noch nicht Online gestellt &#8230;« Ja, sowas gibt es. Es gibt auch Technofreaks, die auf eine andere Art stammeln – Christian: »Ich hatte ja geschrieben, dass ich auf jabber umsteige. ab heute ist das der fall. damit meine icq korrespondenz aber nicht komplett wegfällt, hab ich einen transport zu icq eingerichtet. jeder der ein jabber konto bei mir hat kann diesen jetzt über service discovery finden und nutzen.«</p>
<h5>Don Alphonso</h5>
<p>Doch seien  wir nicht zu böse mit Nicole und Christian. Die großen deutschen Zeitungen lassen bloggen, die FAZ lässt täglich fünf bis sechs neue Beiträge auf die Menschheit los, und da sie Geld hat, hat sie sich auf dem Transfermarkt den bekanntesten deutschen Blogger Don Alphonso aus Ingolstadt eingekauft. »Stützen der Gesellschaft« heißt der Blog und das darf man ruhig wörtlich nehmen. Dem Don darf man dann nach England folgen, wo er ein altes Jaguarmodell kauft, und würde man Don Alphonsos Werdegang verfilmen: Nur John Cleese käme für die Hauptrolle in Frage. Häufig gelesen: sein Beitrag »<a href="http://faz-community.faz.net/blogs/stuetzen/archive/2009/06/19/garnelen-buddha-und-abwracken-als-deutsche-stilikonen.aspx">Garnelen, Buddha und Abwracken als deutsche Stilikonen</a>«. Ein Titel, der seltsam sein soll und dann in diesem Wort endet, bei dem man zunächst »Silikon« liest, weil man die »Stil-Ikone« noch nicht draufhat. Übrigens finde ich, dass fast alle Don-Alphonso-Titel unelegant klingen.   </p>
<p>Analysieren wir die ersten Sätze. »Möchte ich, dass jeder wie ich lebt?« (So eine Frage habe ich mir noch nie gestellt.) »Wünsche ich mir Millionen Konkurrenten beim Erwerb victorianischer [sic] Möbel, soll jeder so erzogen sein wie ich, wünsche ich mir alle, wirklich alle in der Orgelmatinee zu sehen und wäre es wünschenswert, jeder kaufte seine Torten bei meinem Lieferanten?« Ja, so stellt man sich FAZ-Autoren vor. Orgelmatinee. Seine Antwort: nein. Dann: »Ich bin kein zwingender Befürworter eben jener Klassengesellschaft, deren Nutznießer ich am Ende der gesellschaftlichen Freßordnung ich bin &#8230;« Ich ich; elitär, aber nicht zwingend, und sein Herumgeplauder ist auch nicht zwingend. Seine Blog-Kollegin ließ sich anlässlich eines Rom-Besuchs über John Ruskin aus, einen Kunstkritiker. Sind Blogs privat, solipsistisch, unkritisch, unpolitisch?  </p>
<dl style="width:300px; float:right; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/08/poser_blog3.jpg" alt="Viel Bierzelt-Gemurmel (Foto: Manfred Poser)" />
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<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Viel Bierzelt-Gemurmel<br />
(Foto: Manfred Poser)
</dd>
</dl>
<p>So kommen wir wieder auf den Kern des Metiers. »Il Mestiere di Vivere«, hieß das Tagebuch des italienischen Dichters Cesare Pavese. Im Italienischen klingen leben und schreiben ähnlich: vivere / scrivere. Das ist hübsch. Warum lesen wir etwas und warum lesen wir weiter? Entweder das Thema und die Geschichte sind packend (oder »relevant«) – oder die Darstellung ist so gut, dass es fein dahinfließt und man wissen will, wie es weitergeht. Man sollte aber nicht nur schreiben und leben lernen, sondern sein Leben auch lesen können. Man kann lernen, was in seinem Innersten abläuft, man kann lernen, was wichtig ist und wie man Sachverhalte sprachlich ausdrückt. Der Rest ist Auswahl. Das Elternhaus und die Schule sollten dabei helfen, aber da hapert es, und wie seit Jahrhunderten, vielleicht seit Jahrtausenden, bleibt die Mehrheit der Menschen sprachlos – und weiß oft genug nicht einmal, was sie in Sprache fassen könnte. Lesen hilft. Zuhören hilft. Die Stille hilft. Aber alle wollen ja gleich schreiben und schreien.</p>
<h5>Der alltägliche Wahnsinn</h5>
<p>Weiter im Blog. Blogs sind ein Sammelsurium der Gesellschaft, sind das ganze Chaos durcheinander murmelnder Stimmen. Städte und Gemeinden bloggen undercover (Rüdesheim, Freiburg, Dresden), ein paar Exoten melden sich aus Mexiko, Barcelona oder Thailand und spielen Auslandskorrespondenten; es gibt erotisch angehauchte Blogs (»Erotische Geschichten«, »Sexchat Stories«), dann die Corporate Blogs, die ihre Pressemeldungen in die Welt streuen; es gibt die Bösen (»Sargnagelschmiede«, »kreidebleich«, »hirnrinde«, »kotzboy«) und die Hobbyisten (»Reiter«, »Biker«, »Läufer«, »Modellbauer«). Ganz oben rangieren Schnäppchen-Blogs und Promi-Tratschseiten. Bei <a href="blogoscoop.net">blogoscoop.net</a> auf Nummer eins: »mydealZ«, der Schnäppchen-Blog mit 3,9 Millionen Abrufen im Monat, dann folgen der »Promi-Pranger« mit 1,8 Millionen, »BILDblog«, »Cartoonland« und »Stylicon.de« (Mode, Schuhe, Online-Shops), auch noch mit 1,1 Millionen. Diese Massenblogs sind eine Verlängerung der Kommerzwelt und zeigen, was die meisten interessiert: billig einkaufen, über Promis tratschen.</p>
<p>Zur Erheiterung kann manche Stelle durchaus beitragen. »Fly Me to the Moon«ist ein schöner Blogname, und unter »Schlaflos in Alphaville« steht : »Wollte gestern ja schon die erfreuliche Mitteilung machen, dass ich eine Stunde länger geschlafen habe. &#8230; Und heute morgen bin ich auch wieder zu früh wach geworden nach dem zweiten Schlafen weil ich geträumt habe mein Vater bringt sich, seine neue Familie und meine Schwester um. Was ein quatsch. Naja, irgendwie ist es passiert und dann war ich dabei und es ist doch nichts passiert. Alles sehr komich. Da soll jemand mal morgens erholt aufwachen.« Wenigstens etwas, das tiefer blicken lässt. </p>
<p>Das Bloggen kann durchaus als Graswurzelbewegung verstanden werden, als Ventil einer alten Sehnsucht: sein eigenes Leben zu überhöhen, aufzuwerten, dem Leben der Stars anzunähern. Leitmotiv ist der »alltägliche Wahnsinn«, das Ideal ist es, eine irre, gehetzte, emotional angedrehte und spannende Existenz zu führen. Auch wenn die Mittel dürftig sind, macht sich der Wunsch bemerkbar, den anderen mit Worten verführen zu wollen, den Leser von der eigenen Relevanz zu überzeugen. Die kleinen Kämpfe, die großen Siege! »Zaubi« wirbt mit »Willkommen in meinem Universum«, hatte Anfang Juni 300 Gramm abgenommen, was ihr Gewicht auf 94,5 Kilo reduzierte, und am 20. Juli, als sie ihren 100. Beitrag schrieb, stand sie bei 93,7 Kilogramm. Ihre Adresse lautet: <em>zaubis-kosmos.de</em>. Anthropos mikros kosmos, da haben wir es wieder. Fremde Welten gibt es: schon in der Wohnung nebenan.   </p>
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		<title>Platos Höhle</title>
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		<pubDate>Tue, 12 May 2009 17:45:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Am 11. Mai erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Beitrag von Miriam Meckel, Professorin in St. Gallen, der »In der Grotte der Erinnerung« betitelt ist und den »Qualitätsjournalismus« preist. Diesen Begriff hat die F.A.Z. anscheinend für sich erfunden, und nun müssen alle an die Front mit dem Kampfruf »Rettet unser Haustier«, den Qualitätsjournalisten, und man hört schon das Klingeln des Beutels. Wenn es darum geht, ihren Status zu verteidigen, lassen die Krieger schon einmal vom Qualitätsjournalismus ab und malen mit den schwärzesten Farben.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am 11. Mai erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Beitrag von <a href="http://www.miriammeckel.de">Miriam Meckel</a>, Professorin in St. Gallen, der <a href="http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~E67F2AC3CEC9746EC93DC9FF0E5679312~ATpl~Ecommon~Scontent.html">»In der Grotte der Erinnerung«</a> betitelt ist und den »Qualitätsjournalismus« preist. Diesen Begriff hat die F.A.Z. anscheinend für sich erfunden, und nun müssen alle an die Front mit dem Kampfruf »Rettet unser Haustier«, den Qualitätsjournalisten, und man hört schon das Klingeln des Beutels. Wenn es darum geht, ihren Status zu verteidigen, lassen die Krieger schon einmal vom Qualitätsjournalismus ab und malen mit den schwärzesten Farben. Der Titel bezieht sich auf einen Roman von Philip Roth (»Die Empörung«), und zitiert wird folgende Stelle: »Körperlos in dieser Grotte der Erinnerung, erzähle ich mir rund um die Uhr in einer uhrenlosen Welt immer wieder meine eigene Geschichte und habe dabei das Gefühl, dies schon seit Millionen Jahren zu tun.«</p>
<p>Das Neue werde im Internet »simuliert als Ergebnis der innovativen Verlinkung von Altbekanntem«. Es gebe ein Programm, das »immer Gleiches rekombiniert, um es uns als Wirklichkeit zu präsentieren«. In ihrem Eifer, den Qualitätsjournalismus zu verteidigen, wird die Autorin ziemlich redundant, was aber dem Thema angemessen ist. Bald seien wir »gefangen in einer Zeit- und Inhaltsschleife der fortwährenden Reproduktion und Rekombination des immer Gleichen«, und Berichterstattung von Laien beruhe auf der »permanenten Reproduktion und Neukombination von vorhandenen Informationen, wie sie im Netz längst üblich ist«. Danke, das genügt.</p>
<p>Mehr muss man daraus nicht zitieren. Als ehemaliger Qualitätsjournalist der dpa (lange her) und jetziger Internetpublizist und <a href="http://futura9.de">Blogger</a> muss ich hier grundsätzliche Antworten finden. Frau Meckel kann natürlich die Nähe der Rothschen »Grotte der Erinnerung« zu Platos Höhle im bekannten Höhlengleichnis nicht entgangen sein; da sitzen wir, in unserer Höhle, und es werden uns Schatten an die Wand geworfen, die wir für die Wirklichkeit halten. Ist, was die Autorin in ihren sich wiederholenden Satzschleifen uns einprägen will, nicht genau unsere Welt, Qualitätsjournalismus hin oder her? Was ist denn wirklich neu? Wer das Neue lobt, klingt, als müsse er ein Produkt verteidigen. Gut, es gibt nicht oft einen Tsunami oder einen Börsencrash, aber 90 Prozent der News von heute sind Informationen, bei denen man nur die Namen austauschen muss, und gleich ähneln sie News von 1987, 1995 oder 2006. </p>
<p>Wir sind in der Tat gefangen in einer Zeit- und Inhaltsschleife der fortwährenden Reproduktion und Rekombination des immer Gleichen. Die Welt ist so, weil die Menschen wenig originell sind, und die Journalisten hecheln da hinterher und berichten getreulich darüber – wo es darum gehen müsste, kritisch zu sein und Akzente zu setzen, neue Blickwinkel zu wagen und etwas zu hinterfragen. Doch das trauen sich die Journalisten nicht. Und halten sie das, was sie uns präsentieren, für die Wirklichkeit? Wer ist überhaupt noch so naiv, von »Wirklichkeit« zu sprechen? Diese Wirklichkeit, die die traditionellen Medien uns präsentieren, sind Wahlkampagnen, Konferenzen, Bankengeschichten &#8230; Es ist Wirklichkeit »von oben«. </p>
<p>Der Erfolg der Doku-Soaps und der Auswanderer-Geschichten im Fernsehen zeigt, dass die Zuschauer auch eine Wirklichkeit »von unten« tolerieren. Wo ist denn der engagierte, unbequeme Journalismus? Er hat sich stillschweigend verabschiedet, und Qualitätsjournalismus heißt, einem Redakteur ein Flugticket nach Sevilla zu spendieren, damit er gemütlich von den Osterprozessionen berichten kann. Nochmals: Die Wirklichkeit der Medien, die sie uns an die Wand projizieren, ist die Wirklichkeit von Politikern, Bankern und Autobossen, und das Neue, was sie uns vorgaukeln, ist nur alter Wein in neuen Schläuchen. Doch bei Frau Professor klingt es so, als glichen Nicht-Zeitungsleser Troglodyten. Schon gehört, dass man aus Büchern etwas lernen kann? Aber in der Konsumwelt muss man das eigene Produkt für unabdingbar erklären und den Rest schnell abtun. So entledigt sich der Qualitätsjournalismus, um seine Pfründe zu retten, auch flugs des bürgerlichen Bildungsballasts; rette sich, wer kann, und nach uns die Sintflut. (Ich glaube nicht, dass Adorno und Heidegger viel Zeitung gelesen haben.) </p>
<p>Ähnlich verquer ist, was <a href="http://blogs.reuters.com/felix-salmon/">Felix Salmon</a> am 8. Mai im <a href="http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/29176">Magazin der Süddeutschen Zeitung</a> über Blogs schrieb: Warum sie in Deutschland nicht funktionieren können; in zehn Punkten. Das ist eine wunderschöne Auflistung von Vorurteilen über Deutsche: In Deutschland sei man fixiert auf Status und Hierarchie (Punkt 1); Qualifikationen zählten mehr als alles andere (2); die Stimme des Volkes werde selten respektiert (3); Menschen in Deutschland seien karrierefixiert, was beim Bloggen hinderlich sei (4); Deutsche hätten viel Angst, sich zu blamieren und etwas falsch zu machen (5); sie seien methodisch und umfassend, viel zu exakt fürs Bloggen (6); Deutsche gierten nach Ansehen, als Blogger aber sei man Außenseiter (7); deutsche Professoren würden nie bloggen wie es amerikanische tun (8); Deutsche arbeiten nur für Geld (9); Deutsche lieben ihre Ferien, und Blogger kennen keine Ferien (10). Vermutlich war das provozierend und satirisch gemeint, doch so haben wir wieder einmal die Ansichten gehört, die über uns Deutsche kursieren. Daran ändert sich wohl wenig, denn Salmon ist erst 37 Jahre alt. </p>
<p>Ist das die Wirklichkeit? Sind wir so? Dazu noch einmal Frau Meckel: »Diese Informationen machen es möglich, uns in einer komplexen Lebenswelt zu orientieren, uns der eigenen Zugehörigkeit zu dieser Welt zu vergewissern, indem wir uns aus einem Informations- und Themenfundus bedienen, der diese Komplexität reduziert und Momente der gesellschaftlichen Verständigung generiert.« Ja, Komplexität reduzieren, das kann Journalismus bestens. Er blendet einfach das Unangenehme aus, und schon passt es. Und die »Momente der gesellschaftlichen Verständigung«? Ein solcher Moment kann auch sein, wenn ich meiner Nachbarin sage: »Morgen gibt’s super Wetter.« Das kostet nichts, und die F.A.Z. brauche ich dazu nicht. </p>
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		<title>Der ultimative Wenderoman?</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Feb 2009 20:11:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N. N.</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskussion]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Der Turm</em>, aktueller Roman des Bachmann-Preisträgers Uwe Tellkamp, wurde von der Kritik mit Lob überschüttet, mit den <em>Buddenbrooks</em> verglichen und als der langerwartete Wenderoman gefeiert. Die K.A.-Rezensenten Fabian Thomas und Stephan Rauer sind sich da weniger einig: »Poetisches Denkmal an die eigene Vergangenheit« (Thomas) oder ›überambitionierter Roman‹ (Rauer)? »Überzeugendes Panorama der widersprüchlichen DDR-Gesellschaft« oder »ein Fall von selten einhelligem kollektivem Fehlurteil der professionellen Kritik«? – Lesen Sie selbst!]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/Turm.jpg" width="120" height="205" class="right" alt="Uwe Tellkamp, Der Turm" title="Uwe Tellkamp, Der Turm" /><em>Der Turm</em>, aktueller Roman des Bachmann-Preisträgers Uwe Tellkamp, wurde von der Kritik mit Lob überschüttet, mit den <em><a href="http://www.netzeitung.de/kultur/1244297.html">Buddenbrooks</a></em> verglichen und als der <a href="http://diepresse.com/home/spectrum/literatur/415876/index.do">langerwartete Wenderoman</a> gefeiert. Die K.A.-Rezensenten Fabian Thomas und Stephan Rauer sind sich da weniger einig: »Poetisches Denkmal an die eigene Vergangenheit« (Thomas) oder ›überambitionierter Roman‹ (Rauer)? »Überzeugendes Panorama der widersprüchlichen DDR-Gesellschaft« oder »ein Fall von selten einhelligem kollektivem Fehlurteil der professionellen Kritik«?</p>
<p>Lesen Sie selbst!</p>
<p>&nbsp;</p>
<h4>The Great GDR Novel</h4>
<p><em><strong>Von Fabian Thomas</strong></em></p>
<p>Fernsehfilme wie <em>Das Wunder von Berlin</em> (ZDF) und <em>Wir sind das Volk</em> (SAT.1) beweisen: es tut sich wieder was in Sachen DDR-Erinnerung. Natürlich ist daran der nahende 20. Jahrestag des Mauerfalls nicht ganz unschuldig. Bei Uwe Tellkamp kommt es gar nicht soweit: sein DDR-Roman <em>Der Turm</em> endet kurz vor dem entscheidenden Ereignis, das den Arbeiter- und Bauernstaat das Zeitliche segnen ließ. Für den »Turm« erhielt Tellkamp schon vor Erscheinen den Uwe-Johnson-Preis 2008, dann im Herbst den zum vierten Mal verliehenen Deutschen Buchpreis. Zuvor ist der in Dresden gebürtige Autor, der zurzeit in Freiburg lebt, mit dem bei Rowohlt Berlin veröffentlichten Roman <em>Der Eisvogel</em> (2005) bekannt geworden, einer bitterbösen Gesellschaftssatire auf die bundesdeutsche Gegenwart.</p>
<p>Jetzt, im Frühjahr 2009, hält sich <em>Der Turm</em> solide auf Platz 8 der Spiegel-Bestsellerliste. Das vom Verlag apostrophierte »gewaltige Medienecho« – der Roman wurde in allen großen Tageszeitungen ausführlich besprochen und als »ultimativer« DDR-Roman gefeiert – ist ein wenig verhallt. Zeit, das wuchtige 900-Seiten-Buch noch einmal jenseits aller fieberhaften Feierlaune unter die Lupe zu nehmen.</p>
<p>Es ist ein langer Roman, soviel steht schon einmal fest. Epische Dimension, Familiengeschichte im Dresdner Villenviertel, mit besonderem Schwerpunkt auf dem empfindsamen Arztsohn Christian Hoffmann. Die Handlung beginnt 1982, im Jahr des Todes von KPdSU-Generalsekretär Leonid Iljitsch Breschnew. Die Bewohner des »Turms« (so die verklärende Bezeichnung der bildungsbürgerlichen Eremiten im Weißen Hirsch) feiern: Richard Hoffmann, Familienoberhaupt und Chirurg an der Dresdner Unfallklinik, hat Geburtstag und schart Familie, Freunde und Kollegen um sich. Die Gesellschaft wird durch die Augen von Christian beschrieben, der als letzter den vollbesetzten Saal erreicht: </p>
<blockquote><p>Alle Köpfe wandten sich nach Christian um, der spürte, wie er rot wurde und sich unwillkürlich kleiner zu machen versuchte. Er ärgerte sich […] Ohne jemand Bestimmtes anzusehen, mit gesenktem Kopf, nickte er einen Gruß zu der im Geviert aufgestellten Tafel, an der vierzig oder fünfzig Gäste sitzen mochten. Rechts entdeckte er Familie Tietze, Meno daneben, Onkel Ulrich und seine Frau Barbara, Alice und Sandor. Anne saß neben dem Vater und dem Chefarzt der Chirurgischen Klinik an der Stirnseite der Tafel. Auch Großvater Rohde und Emmy, Christians und Roberts Großmutter väterlicherseits, konnte er entdecken, als er, immer noch puterrot und mit vor Scham gerunzelter Stirn, zu den Sitzenden hinschielte.</p></blockquote>
<p>Das hier auftretende Personal lässt schon eine Grundkonstellation erkennen, die Tellkamp in seinem Roman immer wieder, in verschiedenen Zusammensetzungen, verwendet: der Schüler Christian, der uns bis zum Ende des Romans begleiten wird, gibt mit seinen Cousins und Cousinen die jugendliche, mal auch saloppe Sicht auf die Handlung; unter den wunderlichen Mitgliedern der Großfamilien Hoffmann und Rohde ist Christians Onkel Meno der schillerndste Charakter, der ganz im Geiste der Klassiker über Kunst und Literatur philosophiert. Aus der Reihe von Richard Hoffmanns Klinik-Kollegen dagegen tritt durch eine launige Rede der Vorgesetzte hervor, im Übrigen ein strammes SED-Mitglied, dem keiner so recht über den Weg traut.</p>
<p>Tellkamp lässt sich Zeit, seine Figuren ausführlich zu beschreiben und ihnen unverwechselbare Charakterzüge zu verleihen. Selbst der Kater der Familie Hoffmann mit dem rätselhaften Namen »Chakamankabudibaba« wird in einem eigenen Absatz gewürdigt und kommt leitmotivisch immer wieder an verschiedenen Stellen des Romans um die Ecke geschlichen. Die Turm-Bewohner residieren in Villen, die phantastische Namen wie »Haus Karavelle«, »Tausendaugenhaus« oder »Haus Abendstern« tragen, die Straße dagegen wird zur »Mondleite«. Das alles deutet auf eine märchenhafte Verwandlung der Wirklichkeit hin. Die als nachteilig empfundene Realität wird zur Traumwelt verklärt. </p>
<p>Das allein wäre jedoch noch kein Stoff für einen Roman, der die Tendenz hat, zum »Volksbuch« der wiedervereinigten Deutschen zu werden, wie es vereinzelte Stimmen bereits für möglich halten. Und natürlich geht Tellkamp auch über den zauberhaft-poetischen Ausgangspunkt seiner Erzählwelt hinaus, wenn er ihn als Kontrastfolie für den Zusammenprall mit der real existierenden Eintönigkeit der DDR in den achtziger Jahren verwendet. Warenknappheit, Bespitzelung, parteiliche Willkür und NVA-Dienst werden in all ihren widerwärtigen Facetten geschildert. Hier wird die Stärke von Tellkamps Roman ersichtlich: er versetzt den Leser in die Lage des von Tauschgeschäften abhängigen DDR-Bürgers, lässt ihn die Angst vor dem IM in der Nachbarwohnung durchleben, führt die Sinnlosigkeit der Bürokratisierung des Lebensalltags vor; gegen Ende fährt der Leser sogar mit dem sensiblen Christian Hoffmann in der NVA Panzer. Als Gegensatz zu der mühsam aufrechterhaltenen Turm-Welt beschreibt Tellkamp in den düstersten Farben die rußgeschwärzten Arbeitverviertel in Leipzig; vom elitären Wissenschaftler Arbogast, der auf seinen Empfängen feinste West-Spezialitäten auftischt, bis zum einfachen, im breitesten Sächsisch lamentierenden Arbeiter (»Hörnse uff. Isch gomm aus’m real existierenden Betrieb, mei Härr!«) gelingt ihm ein überzeugendes Panorama der widersprüchlichen DDR-Gesellschaft.</p>
<p>Der einzige Schwachpunkt dieses Romans liegt in seiner ureigenen Konzeption: Tellkamp verliert sich in Details und Nebenhandlungen, ja, tendiert gar zur unpersönlichen, völlig aus der Handlung losgelösten Gedankenprosa. Die eigentliche Handlung schreitet währenddessen nur zäh voran. Aber gerade das Nicht-Geschehen von Veränderung hat der »Turm« ja auch zum Thema: Der Wink mit dem Zaunpfahl, dass die Zeit für den maroden Honeckerstaat langsam abläuft, sind nicht zuletzt die an allen Ecken und Enden des »Turms« tickenden Uhren.</p>
<p>Etiketten wie das des »ultimativen DDR-« oder »großen Wenderomans« fallen in der deutschen Literaturkritik mit schöner Regelmäßigkeit, zuletzt zu beobachten bei so unterschiedlichen Autoren wie Ingo Schulze (»Neue Leben«) und Thomas Brussig (»Wie es leuchtet«). Seit dem Jahr der Wiedervereinigung ist dies gewissermaßen ein Terminus technicus, der einer Sehnsucht nach dem einen Roman der Identitätsstiftung für das »neue« Deutschland Ausdruck verleiht. Damit läuft er parallel zu einer ähnliche Tendenz in der amerikanischen Kritik, regelmäßig »The Great American Novel« zu küren.</p>
<p>Wenn man über einen soziologischen Zugriff gemeinschaftsstiftende Elemente in Romanen analysieren möchte, bietet <em>Der Turm</em> eine ganze Palette von DDR-Erinnerungs-Stückchen, die, wie auch Zeitzeugen bestätigten, das auf ganz eigene Art und Weise beklemmende »DDR-Gefühl« wieder entstehen lassen, das man wohl nur ganz verstehen kann, wenn man es erlebt hat.</p>
<p>Insofern ist <em>Der Turm</em> vielleicht der ultimative DDR-Roman (zumindest als Kandidat für den »Wenderoman« scheidet er ja mangels inhaltlicher Abdeckung der Wendezeit aus). Die originelle Eigentümlichkeit von Tellkamps Sprache hebt den Roman dagegen auf eine eigenständige ästhetische Ebene. Man lese dazu nur die ans Lyrische grenzende »Ouvertüre«:</p>
<blockquote><p>Suchend, der Strom schien sich zu straffen in der beginnenden Nacht, seine Haut knitterte und knisterte; es schien, als wollte er dem Wind vorgreifen, der sich in der Stadt erhob, wenn der Verkehr auf den Brücken schon bis auf wenige Autos und vereinzelte Straßenbahnen ausgedünnt war, dem Wind vom Meer, das die Sozialistische Union umschloß, das Rote Reich, den Archipel, durchädert durchwachsen durchwuchert von den Arterien Venen Kapillaren des Stroms, aus dem Meer gespeist, in der Nacht der Strom, der die Geräusche und Gedanken mit sich nahm auf schimmernder Oberfläche, das Lachen und den Ernst und die Heiterkeit ins sammelnde Dunkel [...].</p></blockquote>
<p>Die unverwechselbare Traumwelt, in der sich die Turmbewohner bewegen, kurz: die Kunst des Erzählens machen aus dem »Turm« mehr, oder besser gesagt, noch etwas anderes als eine Anekdotensammlung über Alltag in der DDR, nämlich ein poetisches Denkmal an die eigene Vergangenheit.</p>
<p>Die Frage nach dem »Volksbuch«-Charakter stellt sich weiterhin: auch wenn der »Turm« mittlerweile in vielen deutschen Haushalten stehen mag, wird ihn wohl nicht jeder erklimmen. Ebensowenig, wie man seinem Kater den Namen »Chakamankabudibaba« gibt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h4>Das Einweckglas</h4>
<p><em><strong>Von Stephan Rauer</strong></em></p>
<p>Wenn alle Poesie aus der Welt verloren ginge, so ließe sie sich doch aus dem Faust wieder herstellen, schreibt Albrecht Schöne in der Einleitung zu seinem Faust-Kommentar. Vergleichbar wuchtig bejubelt die Kritik Tellkamps <em>Der Turm</em>, ganz so als ließe sich, wenn alle Literatur und alle Informationen und alle Erinnerung, was die DDR einmal war, abhanden gekommen wären, aus diesem Buch ein adäquates Bild dieses untergegangenen Landes doch wiedergewinnen.</p>
<p>Und spätestens, als Volker Hage Tellkamp auf Spiegel-Online am 17.10.08 fragte, was den größten Bruch für ihn bedeutet habe, die Wende 1989/90, der Wechsel des Berufs vom Arzt zum Schriftsteller oder der Bruch aus der Geborgenheit einer bürgerlich geprägten Danziger Familie zum Panzerfahrer der NVA, spätestens hier also konnte man gewiss sein: das Buch wird nicht als ein, sondern als das Ereignis der letzten Jahre gehandelt. Tellkamps Dresden ist allenfalls vergleichbar mit Thomas Manns Lübeck und Günter Grass' Danzig, die den Nobelpreis explizit für ihre Erstlinge, für die Wiederbeschwörung der Heimatstadt ihrer Kindheit und Jugend erhielten.  </p>
<p>Kurz gesagt: So gut ist das Buch nicht. Gut aber in einigem schon: Der sperrige Anfang soll ein Anfang für ein Gesamtprojekt sein, weitere Teile werden folgen und tatsächlich ist man gespannt, wie es den Protagonisten nach der Wende weiter ergangen ist. Das ist sicherlich einer der starken Züge des Buches, dass man sich in diese Figuren und ihre Welt hineinlebt und ›mit-geht‹. Der Wenderoman aber? Die definitive Aussage zur verlorenen Heimat DDR in literaturhistorisch bleibend relevanter Perspektive? Da war wohl doch ein allgemeiner, sich zunehmend aufdrängender Wunsch Vater des Gedankens.</p>
<p><strong>Stoff und Wirklichkeit</strong></p>
<p>Erzählt wird vor allem aus der personalen Perspektive von drei (männlichen) Protagonisten: Christian Rohde, seinem Vater Richard und dem Onkel Meno. Alle drei sind Zentralfiguren der Gegenwelt, welche der Roman vorführt, Bewohner des »Turms« in der Turmstraße im Dresdener Weißen Hirsch. Alle drei, miteinander verwoben, verkörpern das Anliegen des Romans: die Beschreibung einer zwar prekären, letztlich aber heilen bildungsbürgerlichen Gegenwelt in der Spätphase der DDR. Dabei sind Meno und Richard gewissermaßen wie in einem Altarbild um Christian herum gruppiert: rechts der Chirurg, praktische Handwerker und Verführer Richard, links der Lektor, Insektenforscher und Frauen gegenüber anscheinend eher gleichgültige Meno und in der Mitte Christian, die eigentliche Zentralfigur, die beiden zugleich nachstrebt. </p>
<p>Auf Hages Frage antwortet Tellkamp übrigens, die Armee-Erfahrung sei das prägendste Ereignis für ihn gewesen. Die Zeit in der Armee sowie die drei Jahre Haft, die Christian verbüßen muss, werden ausführlich im zweiten Teil des Romans beschrieben. Nun sind aber diese drei Jahre im Vergleich zur autobiographischen Vorlage eingefügt: Tellkamp und Christian haben beide am 28.10. Geburtstag, Tellkamp im Jahre 1968, Christian 1965. Exakt diese drei Jahre musste Tellkamp aber nicht mehr absitzen. Etwas böse gesagt: hier wurde ein wenig ›nachheroisiert‹. Im Zentrum dieses deutlich, von Tellkamp schon in der Klappenvorbemerkung auch nicht negierten, autobiographischen Romans steht also eine nicht autobiographische Opfergeschichte.</p>
<p><strong>Ambitionen (1)</strong></p>
<p>Immer wieder denkt Tellkamps Alter Ego Christian über die Genauigkeit im Beschreiben nach, eine Genauigkeit, zu der ihn sein naturwissenschaftlich geschulter Onkel Meno anleiten möchte. Er rekapituliert, warum Meno das Wort »Magie« nicht liebt: es sei ein unzulängliches und etwas hilfloses »Etikett auf dem Einweckglas, in dem sich die Dinge befinden, wenn wir uns erinnern.« Schlechte Schriftsteller, meint Meno, welche dieses Wort benutzen, umkreisen ihre Hilflosigkeit, unfähig, »dieses Phänomen« zu erzeugen, fähig allein, darüber zu reden. Das dürfte wohl auch Tellkamps Haltung beschreiben.</p>
<p>Dieses detailversessenen ›Schreibens ins Einweckglas hinein aber wird man gelegentlich überdrüssig. Beispielsweise lässt sich fragen, welche Funktion eine Stelle wie diese hat:</p>
<blockquote><p>Vor dem Park, wo die Mondleite abbog, tastete sich ein Scheinwerferpaar näher; Meno sah, daß es zu einem Müllauto gehörte, das vorsichtig und leicht schlingernd auf der unter der Neuschneeschicht glatten Straße näher kam; die Männer sprangen vom Verdeck und treidelten polternd und fluchend die aufgekanteten, übervollen Mülltonnen zum Wagen, klinkten sie in den Haltebügel, worauf die Tonnen von der Hydraulik wie Bierhumpen aufwärtsgekippt und unter mehrmaligem Rütteln entleert wurden.</p></blockquote>
<p>Ohne je in Kolumbien oder Tadschikistan gewesen zu sein, vermute ich, dass der Prozess der Müllabfuhr mittels LKW auch dort ähnlich vonstatten geht, es handelt sich also um eine Stelle, die anscheinend Marsbewohnern erklärt, wie das bei den Erdenmenschen in der DDR damals vor sich ging mit der Müllabfuhr. Und tatsächlich gibt Tellkamp in seinem Gespräch mit Dieckmann an, er schreibe für »Marsmenschen«, es sei ihm darum gegangen, auch einem Brasilianer ohne jede DDR-Beziehung die Atmosphäre damals vorstellbar zu machen. Aber führt nicht genau dieser Ansatz dazu, dass Tellkamp versucht, aus der Beschreibung banaler Tatsächlichkeit poetischen Mehrwert, eben »Magie« zu pressen, durch dichterische Überformung, in zum Teil quälender Häufung von Vergleichen mit und ohne »wie«?</p>
<p><strong>Ambitionen (2)</strong></p>
<p>Auch jenseits des Autobiographischen steckt der Roman sicherlich voller Bezüge fürs germanistische Ostereiersuchen. Man kann da derweil nur mutmaßen, dass sich ein Großteil dieser Bezüge auf national-relevante Felder wie Goethe/Thomas Mann/Doderer/Tannhäuser, wohl auch auf das utopische Potential von ›echter‹ Jugendliteratur in der »Pädagogischen Provinz« zu Zeiten einer ›progressistischen‹ Erziehungsdiktatur bezieht, nicht aber beispielsweise auf ja durchaus auch denkbare Lektüren von Autoren wie Alfred Döblin, Heinrich Mann,  und Lion Feuchtwanger, allesamt Autoren von Prosa-«Blauwalen«, welche Christian als Lektüre so liebt. So scheint mir, als gebe es in diesem sicherlich weitgespannten intertextuellen Bezugssystem kaum links-kritische, jüdisch-deutsche aus Deutschland vertriebene Intelligenz. Anscheinend erinnert Tellkamps Lese-Panorama der ausgehenden DDR hier in vielem an die literarische Landschaft der Bundesrepublik der 50er Jahre (auch der verehrte Thomas Wolfe passt da genau), sie ist voller ›Untoter‹. War das wirklich so in den Nischen bildungsbürgerlichen Bewusstseins in der untergehenden DDR? Ich weiß es nicht, in jedem Fall aber ergeben sich hier Projektionsflächen für die Träume altgeborener Anti-68er, und sorgen nicht gerade diese zumindest auch für einen Teil der begeisterten Kritik und auch der begeisterten Leserzustimmung: endlich darf man wieder irgendwie ›Heimat‹ und irgendwie ›Bildung‹ zusammendenken zu irgendwie »Bildungsheimat«? Merkwürdig in diesem Zusammenhang, dass kein Zusammenhang hergestellt wird zu der Kritik an Tellkamps Der Eisvogel, dem vor einigen Jahren noch mangelnde Distanz zum rechtselitären Gedankengut seiner Protagonisten vorgeworfen wurde. Als sei das Rechtssein in der DDR ein ›gutes‹, widerständiges Rechtssein gewesen, in der Bundesrepublik aber etwas Verwerfliches. </p>
<p><strong>Brüche</strong></p>
<p>Auch einige Brüche im Ästhetischen erklären sich, scheint mir, aus dieser ganz ungebrochenen Sehnsucht nach bildungsbürgerlicher Heimat  im Heilen. Überdeutlich wird dies in der Gestalt Georg Altbergs, des »Alten vom Berge«, der ganz fraglos bis ins äußere Erscheinungsbild nach Franz Fühmann modelliert ist. Im Gegensatz zu einigen anderen nach der Wirklichkeit gestalteten Figuren des Romans wird er nicht nur als Pappkamerad (wie beispielsweise der Arbeiterdichter Schade) für andere Zwecke eingeführt. Nein, Altberg wird in seiner Gebrochenheit vom Erzähler anscheinend ernst genommen, er ist durchaus sympathisch gezeichnet. Somit ist er wohl (neben Judith Schevola) die linke, gescheiterte Autoren-Gegenfigur im Roman (Stefan Heym-Groth wird nur angedeutet, Hacks/Hermlin-Eschlaroque ins Groteske verzerrt, die Londoner-Kuczynskis sind keine Autoren). Auch so ging das nicht, heißt das. Und wenn man sich beispielsweise die Stasi-Überwachung, der Fühmann ausgesetzt war (und von der bei Tellkamp keine Rede ist), vor Augen hält, kann man Tellkamp hier nur recht geben. Leider aber geht es ihm eigentlich gar nicht um diese Fragen: </p>
<p>Altberg nämlich ist schließlich zwar eine der zentralen Stimmen der zunehmend überdrehten Kakaphonie im letzten Drittel des Buches, allerdings beginnt er plötzlich, seine Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, die ›Sattelzeit‹ deutschen Nationalbewusstseins, zu erzählen. Was das soll, bleibt unklar. Zumal diese recht ausgedehnten Passagen wohl völlig erfunden sind, jedenfalls auch nicht im Ansatz an die auch epische Wucht von Fühmanns Versuchen einer kritischen Selbstbefragung der eigenen Geschichte in dessen (im Roman doch von Meno hochgelobten)Trakl-Essay heranreichen können. Es ist dieses Überambitionierte des Romans, das zunehmend stört (auch Menos Tagebuch beispielsweise ist über weite Strecken nicht recht genießbar).</p>
<p>Tilman Krause aber konstatiert zusammenfassend, <em>Der Turm</em> sei der ultimative Roman über die DDR, </p>
<blockquote><p>diese lächerliche sowjetische Satrapie auf deutschem Boden. Und zwar aus der Sicht derer, die nicht eine Sekunde daran zweifelten, dass sie dagegen waren. Das allein ist schon, nach all dem Wischiwaschi der Christa Wolfs, Volker Brauns, Christoph Heins und tutti quanti, eine nahezu erlösende Tat. So klar antikommunistisch, so voller schneidender Verachtung für das Proleten- und Kleinbürgertum, das 40 Jahre lang im Ostteil dieses Landes sein Gift verspritzen durfte, hat noch keiner, der aus diesen Breiten kommt, den Stab gebrochen.</p></blockquote>
<p>Sicher, so kann man das anscheinend lesen, aber ebenso sicher ist, dass Fühmann eben kein Kronzeuge für eine derart dem Heute affirmative Beschreibung der DDR in ihren letzten sieben Jahren ist. </p>
<p><strong>Zusammengefasst</strong></p>
<p>Tellkamp packt die DDR in ein Einweckglas voller reell-realer Details in aufgemotzter Poesie, etikettiert dann »Magie« und (trotzig, auch gegen das bundesrepublikanische Heute) »Heimat«. Dazu bläst er seine eigene Geschichte auf zu einem Panorama aus auch für andere packendem Selbsterlebtem, sowie ideologischem Qualm aus den Quellen der eigenen DDR- Gegenwelt-Vergangenheit und vielfältigen Schlüsselroman-Elementen. Fürs Panorama aber reicht diese Suche nach der eigenen verlorenen Zeit eben doch nicht hin.</p>
<p>Was wäre wohl übrig geblieben von diesem Roman, wenn ein skeptischerer  Lektor alles angestrengt Poetisierende, alles Zuviel im allgemeinverständlichen Detail, alles künstlich-panoramasierende herausgestrichen und geholfen hätte, den Roman in seinen Grundzügen ins Gebrochenere, weniger Idyllische zu wandeln? Ein gutes Buch sicherlich, etwas wie solider Kempowski, vielleicht auch eine Art Fallada des neuen Jahrtausends. Sicher aber nichts, was zu  Vergleichen mit Goethe, Uwe Johnson, Thomas Mann usw. hätte rufen lassen. So aber, wie es jetzt vorliegt, scheint mir der »zukünftige nationale Klassiker« (Dieckmann) vor allem ein Fall von selten einhelligem kollektivem Fehlurteil der professionellen Kritik (sehr viel kritischer dagegen fallen viele Leser-Rezensionen auf amazon.de aus).</p>
<p>Und, um zum Anfang meiner Überlegungen zurückzukehren, die Erinnerung an die DDR, welche Marsianer, Brasilianer und auch die Literaturkritik des Jahres 2008 aus Tellkamps Buch mitnehmen, ist wohl doch eine in vielerlei Hinsicht recht eingeschränkte.</p>
<p>Fühmanns berühmter Ausschnitt aus seinem eigenen Testament lautet: </p>
<blockquote><p>Ich möchte in Märkisch Buchholz begraben werden. Ich bitte Uwe Kolbe, wenn es ihm möglich ist, ein paar Worte zu sprechen. Die Herren H. Kant und D. Noll ersuche ich, von der Teilnahme am Begräbnis abzusehn &#8211; falls sie diesen Wunsch verspürt haben sollten. Ebenso Herrn G. Henninger [sic!, eig. Henniger] oder einen offiz. Vertreter dieses Schriftstellerverbandes. Ich habe grausame Schmerzen. Der bitterste ist der, gescheitert zu sein: In der Literatur und in der Hoffnung auf eine Gesellschaft, wie wir sie alle einmal erträumten. Ich grüße alle jungen Kollegen, die sich als obersten Wert ihres Schreibens die Wahrheit erwählt haben.</p></blockquote>
<p>Warum findet sich keine Stimme, die das in ähnlich überwältigende Konsens-Roman-Form fasst wie Tellkamp seine eigene Jugend in <em>Der Turm</em>? Oder geht das nicht? </p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Uwe Tellkamp: <strong><a href="http://www.suhrkamp.de/titel/titel.cfm?bestellnr=42020">Der Turm</a></strong>. Geschichte aus einem versunkenen Land. Roman. Frankfurt a.M., Suhrkamp 2008. 973 Seiten. ISBN 978-3-518-42020-1. 24,80 Euro.</em></p>
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		<title>Schluss mit dem Theater!</title>
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		<pubDate>Mon, 24 Nov 2008 07:30:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marion Acker</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskussion]]></category>
		<category><![CDATA[Vorhang auf!]]></category>

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		<description><![CDATA[»Schluss mit dem Theater!«, tönt es einstimmig aus dem Munde derer, welche um das Leben unserer Klassiker bangen. Sie verteufeln das Theater der Regisseure, welches mit seiner unbändigen Lust an Provokation, seinem ewigen, oft schon krampfhaften Antikonventionalismus und Dekonstruktivismus klassische Stücke oft bis zur Unkenntlichkeit verreißt und überformt. Der Begriff des Regietheaters wird von seinen Kritikern in diffamierender Absicht gegen Regisseure gebraucht, die solches Theater machen, das in den Augen vieler keines mehr ist. »Regietheater« bezeichnet das, was rauskommt, wenn der Regisseur absolute Willkür und Freiheit walten lässt, nicht mehr nur als Interpret, sondern Schöpfer des Stücks fungiert ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>»Schluss mit dem Theater!«, tönt es einstimmig aus dem Munde derer, welche um das Leben unserer Klassiker bangen. Sie verteufeln das Theater der Regisseure, welches mit seiner unbändigen Lust an Provokation, seinem ewigen, oft schon krampfhaften Antikonventionalismus und Dekonstruktivismus klassische Stücke oft bis zur Unkenntlichkeit verreißt und überformt. Der Begriff des Regietheaters wird von seinen Kritikern in diffamierender Absicht gegen Regisseure gebraucht, die solches Theater machen, das in den Augen vieler keines mehr ist. »Regietheater« bezeichnet demnach nicht selten das, was rauskommt, wenn der Regisseur absolute Willkür und Freiheit walten lässt, nicht mehr nur als Interpret, sondern Schöpfer des Stücks fungiert. Regietheater ist fabelloses Theater, d.h. ein Theater, in dem es nicht mehr darum geht, eine stringente, in sich stimmige Handlung auf der Bühne darzustellen. Dieses Theater zeigt undefinierte Figuren, die mit sich selbst nicht identisch sind und sich jeder psychologischen Deutungsweise entziehen.  Es ist Theater, das sich nicht als Bildungsinstitution begreifen will, dessen Aufgabe sein soll, klassische Stücke theaterpädagogisch aufzubereiten und mundgerecht zu verabreichen. Zynismus und Ironie haben im Regietheater ihren Siegeszug angetreten und dabei jegliches Pathos vertrieben – und das ist gut so!</p>
<p>Liebe Kritiker, ihr stellt euch in eine alte Tradition, die nach Aristoteles Theater als »Nachahmung von Handlung« definiert und wähnt euch damit auf der sicheren Seite, verkennt aber damit die ästhetischen Möglichkeiten der Kunstform Theater.  Ihr fordert mehr Werktreue, wobei eigentlich unklar ist, was das konkret bedeuten soll. Möglicherweise ist damit das Inszenieren in der Ästhetik einer vergangenen Epoche, im historischen Stil gemeint oder das genaue Buchstabieren des Dramentexts. Regisseure wie Peter Stein, Peter Zadek oder Claus Peymann scheinen dem Anspruch der Kritiker auf Werktreue zu genügen. Sie gehören einer Generation von Regisseuren an, deren Anliegen es ist, neue Lesarten und Interpretationen der Klassiker auf die Bühne zu bringen, deren Bedeutung und Aktualität in heutiger Zeit zu reflektieren und neue Sinnpotenziale zu entfalten. Regisseure wie diese bewahren unsere Bühnenklassiker vor ihrem Tod, vor ihrer Musealisierung und Konservierung. Die Klassiker brauchen das Theater also, um zu überleben.</p>
<p>Aber braucht  das Theater den literarischen Text? Ist das Theater denn die Magd der Literatur?</p>
<p>Aber Theater kann mehr als nur mimesis und ist mehr als nur die Illustration eines Dramentextes. Ein Dramentext kann wortwörtlich wiedergegeben und das Stück dennoch bis zur Unkenntlichkeit verändert sein. Grund dafür ist, dass der Text nur ein Aspekt von Theaterarbeit ist. Theater ist als eigenständige autonome Kunstform aufzufassen, das auf einem sensiblen Zeichensystem basiert. Auf der Bühne werden mehrere Sprachen gesprochen: Wort-, Ton-, Bild-, Körpersprache. Ton- und Bildebene müssen nicht dem linearen Textverlauf folgen, sie können beispielsweise Zeichen einer globalen Interpretation oder aber auf die Ebene des Texts bezogen vor-oder rückgreifende Zeichen sein. Mehrere Kunstformen, die alle Autonomität für sich beanspruchen, wirken zusammen und vereinigen sich in der Theaterarbeit zu einem Gesamtkunstwerk. Die Autonomie der einzelnen Künste kann dabei in einem Spannungsverhältnis zur Autonomie der Regiearbeit stehen. Man sollte sich jedoch bewusst machen, dass der literarische Text lediglich ein Teil dieser Arbeit im komplexen Gefüge der Zeichenebenen bildet und diese nicht bestimmt. Die Theaterarbeit darf sich dem literarischen Kunstwerk nicht unterordnen, sondern der Text muss sich ins Ganze der Aufführung einfügen. Schon Goethe fordert dies, wenn er sagt: »Der einnehmende Stoff, der anerkannte Gehalt solcher Werke sollte einer Form angenähert werden, die Teils der Bühne überhaupt, teils dem Sinn und Geist der Gegenwart gemäß wäre.« Solche Aussagen provozieren geradezu zu der These, das Weimarer Hoftheater unter der Leitung Goethes habe das Regietheater unserer Zeit bereits vorweggenommen.</p>
<dl style="width:300px; float:right; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/volksbhne_berlin2.jpg" alt="Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin – Foto: © Michael Fielitz/flickr" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin<br />
(Foto: Michael Fielitz/flickr)
</dd>
</dl>
<p>Regietheater in seiner kompromisslosesten Form findet sich an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin, deren Intendant seit 1992 Frank Castorf ist. Diese hat vor allem in den 90er Jahren mit den Inszenierungen von Frank Castorf, Christoph Marthaler, Johann Kresnik und Christoph Schlingensief für Furore gesorgt. Castorf macht kein Kuscheltheater, Volksbühnenabende sind ungemütlich, anstrengend und lang, denn Castorf will »die Eindeutigkeiten aufkündigen, den Bedeutungen den Boden entziehen«. Der Zuschauer sieht sich mit viel Kunstblut, pinkelnden Schauspielern, fliegendem Kartoffelsalat, nackten Körpern, freigesetzter Sexualität, lärmender Musik, Videoinstallationen, Obszönität, Exzessivität, Aggressivität und Brutalität konfrontiert. Die Volksbühne will dem Zuschauer nicht gefallen, sondern ihn befreien oder quälen und gefangennehmen &#8211;  wenn es sein muss für sechs Stunden wie in Castorfs Dostojewskij-Inszenierung <em>Dämonen</em>.  Hier stehen die Schauspieler und nicht die Figuren, die sie spielen sollen, im Mittelpunkt. Es werden Zustände beschrieben, man wartet beispielsweise stundenlang auf die Landung eines Spielzeughelikopters. Auch wenn sich Castorf und die ästhetischen Mittel, derer er sich bedient, möglicherweise schon erschöpft haben, so hat er das Theater im Kampf gegen bürgerliche Tradition und veraltete Formen doch revolutioniert und befreit. Das Off-Theater hat sich längst etabliert, Videoinstallationen und Musikeinspielungen in den Stadttheatern sind längst keine Besonderheit mehr. Dimiter Gotscheff, der für seine Inszenierung von Tschechovs <em>Iwanow</em> 2006 beim Theatertreffen in Berlin ausgezeichnet wurde, empfindet die Volksbühne als einen »Raum von Fantasie, Utopie und Widerstand«.</p>
<p>»Schluss mit dem Theater!«, könnte auch eine Forderung Carl Hegemanns (Dramaturg an der Volksbühne Berlin) lauten, die sich allerdings komplementär zur (selben) Forderung der Regietheaterkritiker verhalten würde. Denn er ist der Meinung, dass man, um das Theater ins nächste Jahrtausend zu retten, es nicht neu erfinden, sondern abschaffen müsse und die Steigerung von Realismus Realität sei. Seine Antwort auf die Frage, was Theater ist, wenn es nicht mehr Theater ist, erscheint logisch: Wirklichkeit. In Konsequenz dessen werden auf der Bühne keine Stücke mehr gespielt, sondern Castorf und Marthaler komponieren ihre Partituren selbst und verwerten dabei alles, was ihnen in die Hände fällt, »vom Gedichtband über den politischen Essay bis hin zum Strafgesetzbuch«. Das Theater hat sich mit der Abschaffung von Autor, Figur und Handlung von den Ketten der Literatur befreit und ist sich im freien Zusammenspiel verschiedener  Zeichenebenen seiner selbst als einer Kunst <em>sui generis</em> bewusst geworden. </p>
<p><font size="-1">Foto: <a href="http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de">©</a> <a href="http://flickr.com/people/michfiel/">Michael Fielitz/flickr</a>.</font></p>
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		<title>Auswege aus der Krise</title>
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		<pubDate>Tue, 08 Jul 2008 13:00:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benedikt Viertelhaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Auf die Ohren!]]></category>
		<category><![CDATA[Diskussion]]></category>

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		<description><![CDATA[Fast hatten wir uns dran gewöhnt, und die jährlichen Meldungen würden uns nicht weiter berühren: Die Plattenindustrie steckt in der Krise. Allein der fortschreitende Abwärtstrend bei der EMI hat dieses Thema in den letzten Monaten wieder in die Schlagzeilen der Tageszeitungen gebracht. Die neue Firmenpolitik seit der Übernahme durch den Finanzinvestor Terra Firma tat ihr übriges und hatte für einige hier unter Vertrag stehende Künstler Konsequenzen: von Firmenwechsel bis zum Protest durch die Verzögerung der Veröffentlichung ihrer neuen Platten. Die Krise jener Firma, die Bands wie die Beatles, Queen oder Radiohead groß gemacht hat, verdeutlicht aber nur einen Teil des Problems. Auch weniger krisengeschüttelte Konzerne müssen sich weiter gegen den Verkaufseinbruch physischer Tonträger, der vor ca. zehn Jahren mit der Möglichkeit, CDs 1:1 zu vervielfältigen, begann und später durch mp3s verschärft wurde, wappnen. Geldverdienen mit CDs und LPs, so heißt es immer wieder: Das war gestern. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Fast hatten wir uns dran gewöhnt, und die jährlichen Meldungen würden uns nicht weiter berühren: Die Plattenindustrie steckt in der Krise. Allein der fortschreitende Abwärtstrend bei der EMI hat dieses Thema in den letzten Monaten wieder in die Schlagzeilen der Tageszeitungen gebracht. Die neue Firmenpolitik seit der Übernahme durch den Finanzinvestor Terra Firma tat ihr übriges und hatte für einige hier unter Vertrag stehende Künstler Konsequenzen: von <a href="http://www.welt.de/wirtschaft/article1563178/Sogar_die_Rolling_Stones_wollen_EMI_verlassen.html">Firmenwechsel</a> bis zum Protest durch die <a href="http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,528171,00.html">Verzögerung der Veröffentlichung</a> ihrer neuen Platten. </p>
<p>Die Krise jener Firma, die Bands wie die Beatles, Queen oder Radiohead groß gemacht hat, verdeutlicht aber nur einen Teil des Problems. Auch weniger krisengeschüttelte Konzerne müssen sich weiter gegen den Verkaufseinbruch physischer Tonträger, der vor ca. zehn Jahren mit der Möglichkeit, CDs 1:1 zu vervielfältigen, begann und später durch mp3s verschärft wurde, wappnen. Geldverdienen mit CDs und LPs, so heißt es immer wieder: Das war gestern. Der Verkauf von mp3s nimmt zwar zu, kann aber die Lücke nicht schließen. Das Geschäft läge heute im Konzertbereich. Doch wenn man sich die Preisspanne ansieht, die bei Konzertkarten verschiedener Bands existiert, steht man unweigerlich vor der Frage: Wie sollen Künstler bekannt werden, wenn keine Firma am Anfang Geld für Produktion und Vermarktung in sie investiert? Konzerte junger Bands sind schon ab 9 Euro zu sehen, bei bekannten Bands liegt der Preis beim Zehnfachen. Daß bei einem Ticketpreis von 90 Euro einige davon leben können – gut vorstellbar. Doch ein finanzieller Nulleffekt ist für eine neue Band ein solches Unternehmen ohne Sponsoring eher schon. </p>
<p>Woher also sollte das Geld kommen, das zur Planung und Durchführung von Alben und Konzerten nötig ist? Der alte Weg wären Plattenfirmen, die entsprechend investieren, aber auch an den Acts verdienen müssen, die schon länger im Geschäft sind. Gerade deshalb wurde das Vorgehen der Band <a href="http://www.laut.de/wortlaut/artists/r/radiohead/index.htm">Radiohead</a> Ende letzten Jahres breit diskutiert. Nach Auslaufen des Vertrages bei der EMI boten sie ihr Album <em>In Rainbows</em> schlicht zum Download auf der Homepage an, und das zu dem Preis, der es dem Hörer wert war. Daß Radiohead nun wieder eine Plattenfirma haben, eine kleine, die sich den Aufbau neuer Bands nicht in dem Maße leisten kann, und <em>In Rainbows</em> auch als physischer Tonträger ein Erfolg wurde, war bei dieser Ausnahmeband kein Wunder; heute, da sie bekannt ist. Hätte sie aber auf einem so kleinen Label ihre Karriere begonnen, wären sie deutlich schwerer zu dem geworden, was sie heute ist. </p>
<p>So ist die Angst der Plattenfirmen zum Teil berechtigt, daß das Beispiel Schule machen wird, denn das Geld, das sie mit Radiohead verdient hätten, wäre auch Lohn für frühere Investitionen und die dazugehörigen Risiken gewesen. Doch für einen Teil der Musiker zählt das nicht, denn diese Investitionen hat es nie gegeben und sie haben ihren Namen durch viele Konzerte und das Internet verbreitet. Letzteres bietet unbekannteren Künstlern durch Netzwerke wie MySpace heute eher die Möglichkeit, ihre Musik zu promoten, als der nicht mögliche Plattenvertrag, da eben keine Firma mehr Gewinnchancen in ihrer Musik sieht. Der Musiker David Freel von <a href="http://www.laut.de/wortlaut/artists/s/swell/index.htm">Swell</a> hat die Konsequenz gezogen und bietet seine neue Platte ausschließlich auf der <a href="http://www.swellsongs.com/">Bandseite</a> und  via iTunes an. Auf seiner <a href="http://www.myspace.com/swelltheoriginalone">MySpace-Seite </a>fand sich zur Zeit der Veröffentlichung ein Artikel, der explizit Bezug auf das Vorgehen von Radiohead nahm. Schule gemacht hat es also. Nur wird ihm wohl keine Firma so schnell einen weltweiten Vertrieb anbieten und er die Investitionen und Risiken für zukünftige Projekte weiterhin allein tragen müssen.</p>
<dl style="width:300px; float:right; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/MaczdeCarpate.jpg" alt="Maczde Carpate" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Maczde Carpate</dd>
</dl>
<p>Was aber macht eine unbekannte Band, deren Plattenvertrag ausläuft und die nicht das große, einfache Geld verspricht wie Radiohead und auch nicht die Mittel hat, ihr Album allein zu produzieren? Daß es noch andere Möglichkeiten gibt, eine Platte auch bei einer Firma mit Vertrieb zu veröffentlichen, zeigt derweil die französische Band <a href="http://fr.wikipedia.org/wiki/Maczde_Carpate">Maczde Carpate</a>. Sie greift eine Vorgehensweise auf, die aus dem Verlagswesen lange bekannt ist: die Subskription. Ehrgeiziges Ziel der Band ist nicht weniger, als auf diese Weise ein Doppelalbum finanzieren zu können, bestehend aus einer Live- und einer Studio-CD. Schwierigkeit ist hier scheinbar weniger, die Firma zur Veröffentlichung einer neuen Platte zu bewegen; die Aufnahmekosten sind es, die zu tragen sind. Selbst für eine eher unbekannte Band, die jedoch in diesem Falle bereits seit 13 Jahren unterwegs ist, ist es eben keinesfalls unwesentlich, auch über die eigene Internetseite hinaus Platten vertreiben zu können. Im Gegensatz zu Swell touren Maczde Carpate zudem seit Jahren kräftig. So streuen sie ihren Namen um einiges weiter. Auch über Amazon und ähnliche Händler wird das Album nach Erscheinen erhältlich sein. Das dürfte sich als großer Vorteil erweisen. Einen Bestseller werden sie zwar auch dadurch nicht landen, es dürfte sich aber zeigen, ob im Falle dieser Offenlegung der Schwierigkeiten, das Album zu finanzieren, nicht doch einige, die bisher Platten lieber nur gehört als besessen haben, wieder einmal in den Geldbeutel greifen, um für das, was sie hören wollen, auch zu bezahlen. Denn, so die eigentliche Logik dahinter: Zahlt keiner den Subskriptionspreis von 18 Euro für die CD, wird es sie auch nicht geben. Bei Radiohead war das Produkt bereits fertig, als es angeboten wurde. Die Katze im Sack also, für die man hier subskribiert? Nicht ganz, schließlich kann man ihre letzten Alben, die eine angenehm abwechslungsreiche Kontinuität beweisen, teilweise <a href="http://www.maczde.com/">auf der Webseite anhören</a>.</p>
<p>Das Mittel der Subskription, auf das die Franzosen hier zurückgreifen, rückt den Musikmarkt in eine bemerkenswerte Nähe zum Buchmarkt. Zwar könnte man auch ein Buch mittlerweile im Internet anbieten wie eine mp3, doch könnten Autoren ihre Lebensgrundlage auf diese Weise ebenfalls nicht mehr sichern. Auch hier sind es bereits etablierte Autoren, die solche Experimente mit einem gewissen, wenn auch ideellen, Gewinn starten können. So veröffentlichte zuletzt Elfriede Jelinek ihren Roman <a href="http://www.a-e-m-gmbh.com/wessely/fneid1.htm"><em>Neid</em></a> ausschließlich im Internet. Stephen King erregte bereits 2000 Aufsehen, als er eine Kurzgeschichte im Internet veröffentlichte. Beim Buch hat das Internet allein bezüglich des Verkaufs von Büchern, vor allem auch vergriffener Werke, in den Produktionsprozeß eingegriffen, die Praktikabilität eines Internetromans ist jedoch eher gering, was Elfriede Jelinek auf ihrer Homepage zu einer <a href="http://a-e-m-gmbh.com/wessely/fanmerk.htm">Erklärung</a> verleitet, wie ihr Roman gelesen werden solle. </p>
<p>Anders die Musik. Die CD ist mit der Entwicklung von mp3 zu einem Produkt geworden, das an den Rand der Vermarktbarkeit gedrängt wird. Das Album an sich verliert seinen Stellenwert zugunsten einzelner Lieder, die dafür mitunter aus ihrem Zusammenhang herausgerissen werden, wie zu Zeiten der Single. Mit der Durchsetzung des mp3-Spielers und des mp3-Handys ist dieser Siegeszug noch einen großen Schritt vorangekommen. Doch für die Musiker wird all das zur großen Schwierigkeit. Das Verschwinden großer Plattenfirmen macht dem Musikliebhaber wenig Sorgen, eher, daß die kleinen Entdecker eines Tages aufgeben könnten, die man im übrigen durchaus mit den <a href="http://kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/188/">unabhängigen Verlagen</a> und ihrem Mut vergleichen sollte. </p>
<p>Ein entscheidender Unterschied zwischen Musik- und Literaturindustrie scheint hier jedoch die fehlende Preisbindung der CDs zu sein. Mit billigeren CDs konnte der Internetmarkt über die Grenzen hinweg den örtlichen Fachhandel um seine Existenz bringen und nahm somit auch die Möglichkeit, in ein breites Spektrum Musik zu hören, als das Internet noch nicht die Bandbreite erreichte wie heute. Bonn zählte, um ein Beispiel zu nennen, im Jahr 2000 noch sieben ernstzunehmende CD-Geschäfte, heute ist es eines. Von den zahlreichen, eigentlich unzähligen, Buchhandlungen schlossen im selben Zeitraum zwei. Stärker betroffen waren die Antiquariate, die aber noch die Möglichkeit nutzen konnten, im Internet ihren Handel fortzuführen, wenn sich ein Ladenlokal nicht mehr rentierte. Der Buchmarkt ist protegiert, während der Plattenmarkt einzugehen droht. </p>
<p>Das, was Hoffnung macht, ist, daß Bands wie Maczde Carpate mit ihrer Idee, die alte Verlagspraxis in den Musikmarkt zu integrieren und so ihre Fans zu mobilisieren und zu sensibilisieren. Sobald der Verbraucher vorgerechnet bekommt, was das Produkt kostet, obwohl man es kostenlos im Netz ziehen kann, ist die Chance da, daß die Musik auch zu einem adäquaten Preis gehandelt wird. <a href="http://www.blog.beck.de/2008/04/29/woruber-ich-mich-argere-offener-brief-der-musikindustrie/">Änderungen des Urheberrechtes</a>, die den Konsumenten eher kriminalisieren, helfen da wenig. Wichtiger wäre es, ein Bewußtsein nicht für Recht im juristischen Sinne, sondern für Gerechtigkeit und Verantwortung gegenüber den Künstlern zu schaffen. Zudem könnten sich die Plattenfirmen die Mühe geben, nicht nur Musik zu vertreiben, die man hören möchte, sondern auch Produkte, die man haben möchte. Hier waren Radiohead mit dem Packaging von <em>Kid A</em> in Buchformat und dem Landkartenformat von <em>Hail to the Thief</em> vorbildhaft. Was man dagegen für ein Zahlenpaket namens mp3 ausgibt, erscheint vielen sicherlich als verbranntes Geld. Aber für Experimente fühlen sich die Großen vielleicht einfach noch zu sicher auf dem Thron ihrer Marktanteile.</p>
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		<title>Jahreshauptversammlung: Weihnachtsgottesdienst</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Jan 2008 08:16:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Julia-Rebecca Riedel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskussion]]></category>

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		<description><![CDATA[Wer nicht im Pool der tränenüberströmten Großmütter mit selbststrickbemützten Kindern, gestressten Müttern mit Bratensoßengedanken, in Engelsflügel gespannte Konfirmanden etc. mitschwimmen, wer den Pfarrer nicht hin- und herrudern sehen will, zwischen gemischtem Chor, Krippenspiel und Kanzel, den zieht es vielleicht spät am Abend in die Christmette – oder wie mich in den Frühgottesdienst am ersten Weihnachtsfeiertag.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wer nicht im Pool der tränenüberströmten Großmütter mit selbststrickbemützten Kindern, gestressten Müttern mit Bratensoßengedanken, in Engelsflügel gespannte Konfirmanden etc. mitschwimmen, wer den Pfarrer nicht hin- und herrudern sehen will, zwischen gemischtem Chor, Krippenspiel und Kanzel, den zieht es vielleicht spät am Abend in die Christmette – oder wie mich in den Frühgottesdienst am ersten Weihnachtsfeiertag. Inzwischen ist es ein Ritual. Mir ist feierlich und ein wenig mulmig zu Mute, als ich mich ins Nachbardorf aufmache. Die Heilige Nacht ist noch Vollmond beschienen, kein Stern zu sehen, die Luft klirrt vor Kälte. Nicht ohne große Erwartungen betrete ich die kleine, warme und vertraute Dorfkirche.</p>
<p>Auch ich bin hier, obwohl ich regelmäßig den sonntäglichen Gottesdienst an meinem Studienort besuche, eines dieser verirrten Weihnachtsschafe, eines dieser wenig bekannten Gesichter, die nur zu dieser Jahreshauptversammlung erscheinen. Genau so werde ich auch betrachtet – ein merkwürdiges Gefühl. Man äugt verstohlen in meine Richtung, tuschelt vielleicht sogar ein wenig und ich muss schmunzeln. Es ist schon eine unerhörte Begebenheit, zu Hause, nicht zuhause zu sein.<br />
In erster Linie bin ich dem Gedanken auf der Spur, der eine Predigt gut werden lässt, dem Gedanken, der den Gottesdienstbesucher wohlig zusammenzucken lässt, dem Gedanken, für den es sich lohnt, den Ausführungen, den Ausuferungen zu folgen. So kann ich getrost den Beheimatungsgedanken auf ein Später verschieben und mich wieder einmal auf die Suche nach angemessenen Worten begeben. Was diese Suche angeht, befinde ich mich in guter Gesellschaft, meine ich, denn die kleine Kirche ist bereits zum Bersten voll (und einer hat ein Schaf an der Kanzel festgebunden). </p>
<p>Ein übermütig nuschelnder Presbyter liest zwar diese wunderbaren Worte über die Umstände der Geburt Jesu Christi, doch so ausdruckscheu, dass kein Flügelschlag dessen die Gemeinde in ihrem Herzen bewegt, was Lukas den Engeln an Weihnachtswirklichkeit zur Verkündigung in den Mund gelegt hatte. Der gemischte Chor ist eigentlich keiner: der Bass zu hintergründig, der Alt zu angepasst, der Sopran zu mitreißend, die Posaunen zu schläfrig, die Organistin zu wütig. Auch die Gebete ganz im Sinne der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Volxbibel">VOLX-Bibel</a> zu aufdringlich. </p>
<p>An Stelle des Evangeliums verkündet man hier sich selbst, launisch, eigen- und zuweilen widerwillig. Höhepunkt des freudlosen Gottesdienstes: die Predigt. Der Pfarrer verkündigt mühsam milde. Zu viele der Anwesenden sieht er nur an Weihnachten. Auch mich. Außerdem blökt das Schaf unpassenderweise. U-Boot-Christen machen betroffen. Was sagen, und vor allem wie? Ich höre, wie schwer es ihm fällt, der ausnahmsweise vollzähligen Gemeinde nicht die Leviten zu lesen, ihnen nicht die vorgeschlagenen zwölf Leuchttürme einer freien Kirche einzuprügeln.</p>
<p>Mühsam also gerade das, was leicht daher kommen sollte. Alles eine Frage des Stils? Und so trifft der Kern der Predigt nicht den sich auseinandersetzenden Ton, sondern macht eine Inventur festgefahrener Glaubenssätze. Der Höhepunkt  ist frustrierend. Der Pfarrer klagt an: Wieder nur eine Karte, einen Brief, ein Päckchen erhalten. Wieder kein persönlicher Besuch, kein angeregtes Gespräch, keine direkte Nähe. Lautstark der Vorwurf der gegenseitigen Entfremdung. Gott, unser Vater im Himmel, will keine Päckchen mehr von uns. Gott, unser Vater im Himmel, will all die unernsthaften Gebete nicht mehr, nicht mehr dieses aus der Ferne bitten und flehen. Nein, Gott, unser Vater, will direkten Kontakt zu uns, seinen Kindern, die wir seine Erben sind. Und weil er direkt bei uns sein will, hat er uns Jesus Christus, seinen Sohn, gesandt. Widerwillig höre ich das Ende des Monologes: Wir sind erlöst, wenn wir keine Päckchen mehr schicken. Fragwürdig. Nicht zu Ende gedacht. Enttäuschend!</p>
<p>Die Erwartung, die mich begeleitete, wurde bitter betrogen. Die Vergegenwärtigung des Evangeliums sollte im Mittelpunkt stehen. Nicht bloßes Nachplappern von ritualisierten Worten, sondern Vergegenwärtigung. Ein in-die-Welt-stellen. Zu brisant die Botschaft, als dass sie in der Zeit verhallen dürfte, zu brisant, als dass wir nur noch ihren Nachhall wahrnehmen dürften. Ich will wissen, was diese – zugegeben – schwer fassbare Geschichte mit mir und meiner Lebenswirklichkeit zu tun hat.<br />
Dieses Wissen wird mir nicht geboten, nicht einmal eine Ahnung dessen. Hier macht sich eine ganz andere Ahnung breit. Keine Rückbesinnung auf Weihnachtswirklichkeit, keine Besinnung auf das wirklich Wichtige, keine Vergegenwärtigung des Evangeliums. Die frohe Botschaft bleibt aus. </p>
<p>Wenig bewegt, dafür wehmütig gehe ich an diesem Morgen nach Hause. Denke, gerade das Gebet ist doch meine Möglichkeit der direkten Kommunikation mit Gott. Hat der Pfarrer nicht über die Stelle im Galaterbrief gepredigt, in der es heißt, dass wir Miterben Christi sind? Die Familienthematik legte sich nahe, schriebe sich wie von selbst runter, denke ich. Eine Predigt über den Begriff des Vertrauens und der Vertrautheit. Und am Ende könnte stehen, dass wir alle zum Vater gehören – gleich wie weit entfernt, sind wir eine Familie. Eine Familie mit all ihren Sorgen und Ärgernissen. Eine Familie, in der Briefe geschrieben werden, in der Päckchen geschickt werden, die die oft zu großen räumlichen Entfernungen und inneren Distanzen zu überbrücken suchen. Eine Familie, deren Vater sich freut, wenn eines der Kinder schreibt. Denn es ist doch die Sprache, die Tiefstes auszudrücken vermag, weit trägt und verbindet. Bleibt nur die Frage, welchen Wert wir ihr zumessen?</p>
<p>Bilanz: Auch im kommenden Jahr wird Weihnachten wieder völlig unerwartet hereinbrechen und die Prediger beschweren. Man könnte doch einmal nicht am 23.12., sondern am 16.6. die Predigt für den Weihnachtsabend schreiben, denn fiele vielleicht auch mehr für die Gemeinde ab, als: »Ich habe Ihnen ein Schaf mitgebracht!«.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Die Autorin des Beitrags, Julia-Rebecca Riedel, studiert Evangelische Theologie an der Universität Bonn. </em></p>
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		<title>Liebe Frau Radisch, &#8230;</title>
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		<pubDate>Tue, 20 Mar 2007 02:20:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Anna-Lena Scholz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskussion]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
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		<description><![CDATA[Liebe Frau Radisch, vergangenen Dienstag war ich bei Ihrer Lesung auf der lit.COLOGNE. Die Veranstaltung hieß »Frauen, Kinder und Karriere«, und Sie haben aus Ihrem neuen Buch »Die Schule der Frauen. Wie wir die Familie neu erfinden« vorgelesen. Am besten gefallen hat mir, neben der tollen Atmosphäre des Ortes, der KulturKirche Köln, dass Sie sich so aufgeregt haben. Dass Sie empört waren und Ihre Stimme erhoben und wild gestikuliert haben, als Sie anschließend mit der Schriftstellerin und ebenfalls alleinerziehenden Mutter Julia Franck über die ideologisch durchtränkten Schreibtischdebatten in den Zeitungen der letzten Monate diskutierten. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Frau Radisch,</p>
<p>vergangenen Dienstag war ich bei Ihrer Lesung auf der <a href="http://www.litcologne.de/">lit.COLOGNE</a>. Die Veranstaltung hieß »<a href="http://www.litcologne.de/va/130307/radischfranck.php">Frauen, Kinder und Karriere</a>«, und Sie haben aus Ihrem neuen Buch »<a href="http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=226101">Die Schule der Frauen. Wie wir die Familie neu erfinden</a>« vorgelesen. Am besten gefallen hat mir, neben der tollen Atmosphäre des Ortes, der <a href="http://www.kulturkirche-koeln.de/content/cont_2.php">KulturKirche Köln</a>, dass Sie sich so aufgeregt haben. Dass Sie empört waren und Ihre Stimme erhoben und wild gestikuliert haben, als Sie anschließend mit der Schriftstellerin und alleinerziehenden Mutter <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Julia_Franck">Julia Franck</a> über die ideologisch durchtränkten Schreibtischdebatten in den Zeitungen der letzten Monate diskutierten. Ich finde nämlich, Aufregung tut an dieser Stelle gut. Wir sind heute viel zu wenig entrüstet angesichts so mancher Äußerungen vieler Frauen und Männer zum Thema Frau- und Mannsein, Mutter- und Elternschaft, Geschlechterrollen. Dieser Meinung war wohl auch das Publikum, das als Reaktion auf Ihre Argumente und emphatischen Feststellungen immer wieder spontan dazwischenapplaudierte. </p>
<p>Wir scheinen uns also alle einig zu sein in dieser Diskussion (Sie schreiben: »Wir alle«, das seien diejenigen, die »bei klarem Verstand sind«): Thesen einer <a href="http://www.cicero.de/97.php?ress_id=7&#038;item=1111">Eva Herman</a>, die als wohlgemerkt Nachrichtensprecherin und Talkshow-Moderatorin wohl eher selten ihren Kindern das Gute-Nacht-Liedchen vorgesummt hat, aber dennoch vor den bösen Auswüchsen ebenjener Bewegung warnt, die sich Emanzipation nennt und genau ihr ermöglicht hat, ein solches Buch überhaupt schreiben zu können, oder die Ideen eines <a href="http://www.cicero.de/97.php?ress_id=4&#038;item=1172">Phillip Longman</a>, der uns die Rückkehr des Patriarchats schmackhaft machen möchte (denn patriarchalische Strukturen bedeuteten den reinsten Kindersegen für unsere ach so überalterte Welt), zeugen höchstens von dem verzweifelten und dummen Versuch, ein Idyll zurückzufordern, das es als solches nie gab. Denn die Vorstellung desselben (Mami wartet mit den Kindern im sonnendurchfluteten Garten, den warmen Schokopudding anrührend, auf Papi, der Abends von der Arbeit nach Hause kommt und sich an der psychischen Gesundheit seiner bestens bemutterten Kinderlein erfreuen kann) beruht schlicht auf Strukturen, die viele Frauen unterdrückt haben. Das ist längst durchschaut und vielfach diskutiert. </p>
<p>Doch wo heute wieder aufgerollt wird, was eigentlich längst als abgeschafft und begraben gilt, sind solche Sätze möglicherweise wieder wichtig. Sie schreiben: »Machen wir es kurz und deutlich: Die Vorlieben der überwältigenden Mehrzahl der Männer für die sozial unterlegene Weiblichkeit sind barbarisch und für die Frauen tief beschämend und demütigend.« Solche unbequemen Sätze (weil reich an hartem Vokabular) finden sich öfter auf Ihren 187 Seiten und machen vor allem eines deutlich: Weder von realer Gleichberechtigung, noch von Ideologiefreiheit kann schon die Rede sein. Sie sagen ja selbst: »Bei Müttern gehen die Rechnungen anders.« </p>
<p>Wo Frau sich zwischen Arbeit und Familie aufreibt, vom Meeting zum Stockbrotbacken im Kindergarten düst, oder sich, so wie Sie es aus Ihrem Alltag schildern, mit krankem Kind in den Zug setzt, selbiges dann Oma und Opa in den Arm legt (man könnte vermuten: gehetzt wirft), zurück zur Arbeit eilt – und nebenbei noch mit dem schlechten Gewissen kämpft -, da ist von Gleichheit gegenüber dem Arzt, der seine Operation nicht vertagt, dem Anwalt, der seinen Prozess nicht verschiebt, dem Regisseur, der seine Premiere nicht ausfallen lässt, nicht viel zu spüren. Mama wird das grippige Kind schon richten. Und Papa erobert indessen die Welt. Das ist ungerecht, und deswegen, Frau Radisch, ist Ihre atemlose Empörung absolut angebracht. </p>
<p>Frau Franck, in ihrer ruhigen, besonnen anmutenden Art, gab in der Diskussion mit Ihnen zu bedenken, sie wolle sich nicht vorstellen, dass Männer nicht an ihren Kindern interessiert seien. Und ich muss ehrlicherweise von einem Großteil an männlichen Freunden berichten, die mir, statt den patriarchalischen Macho zu geben, in ernstem Ton versichern, wie schmerzhaft es für Männer sei zu wissen, dass sie niemals in der Lage sein werden, ein Kind zu gebären. Wo die Frauen unaufhaltsam voranschreiten und sich endlich erobern, was ihnen längst seit Anbeginn der Zeit zugestanden hätte, verbleibt diese vielleicht letzte und unauslöschliche Ungerechtigkeit, dass der Mann die Erfahrung, ein Kind austragen und es stillen zu können, niemals machen wird. </p>
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		<title>Uni-Theater und Theater-Uni</title>
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		<pubDate>Tue, 02 Jan 2007 14:53:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tine Buecken</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskussion]]></category>
		<category><![CDATA[Veranstaltungen]]></category>
		<category><![CDATA[Vorhang auf!]]></category>

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		<description><![CDATA[Es ist traurig, aber wahr – in der Universitätsstadt Bonn mit ihren großen geisteswissenschaftlichen Instituten besteht das durchschnittliche Theaterpublikum wider Erwarten nicht aus Studenten, sondern zumeist aus weit älteren Semestern. Böse Zungen mögen gar behaupten, Innovation sei in der Stadt am Rhein in Sachen Kunst daher nicht gefragt, vielmehr habe sich hier das gute alte Bürgertum aus Regierungssitzzeiten in den Theaterrängen eingenistet und erwarte dort vor allem Klassisches. Doch was tun, um jüngeres Publikum und damit auch einen Zuschauernachwuchs ins Theater zu locken? ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist traurig, aber wahr – in der Universitätsstadt Bonn mit ihren großen geisteswissenschaftlichen Instituten besteht das durchschnittliche Theaterpublikum wider Erwarten nicht aus Studenten, sondern zumeist aus weit älteren Semestern. Böse Zungen mögen gar behaupten, Innovation sei in der Stadt am Rhein in Sachen Kunst daher nicht gefragt, vielmehr habe sich hier das gute alte Bürgertum aus Regierungssitzzeiten in den Theaterrängen eingenistet und erwarte dort vor allem Klassisches.</p>
<p>Doch was tun, um jüngeres Publikum und damit auch einen Zuschauernachwuchs ins Theater zu locken? Die Lösung ist im Prinzip ebenso simpel wie ihre Idee alt: Wenn die Studenten nicht ins Theater kommen, kommt das Theater eben zu den Studenten – ganz so, wie dereinst der Berg zum Propheten. Schon in den vergangenen Semestern haben mit dem Ziel eines gegenseitigen Gedankenaustauschs zahlreiche Kooperationen zwischen Theater und Universität stattgefunden, bislang vor allem im Rahmen einzelner Seminare, deren Teilnehmer sich in der Universität wie im Theater zum Gespräch mit Theatermachern zusammenfanden.</p>
<p>In diesem Semester aber hat das <a href="http://www.theater-bonn.de/index_1280.php?hd_id=5">Theater Bonn </a>eine Großoffensive gestartet. Neben diversen Kursen, meist theaterpraktischen oder literarischen Übungen, die sich in Zusammenarbeit mit dem Theater verschiedenen Aspekten der theatralen Kunstform widmen, haben theaterinteressierte Studenten neuerdings alle 14 Tage die Möglichkeit, im Rahmen einer <a href="http://www.uni-bonn.de/Studium/Studium_Universale/Ringvorlesungen/Theater.html">Ringvorlesung</a> auf Vertreter der drei Sparten Oper, Schauspiel und Tanz zu treffen. Was vereinzelt und im kleinen Seminarkreis begann, findet hier nun endlich einen größeren, institutionalisierten Rahmen. </p>
<p>Thematisch orientieren sich die Vorlesungen am Spielplan des Theaters: So finden sich Gespräche zu <a href="http://www.theater-bonn.de/neu_popup_unten.php?termine_id=2549">»Jephtha«</a>, <a href="http://www.theater-bonn.de/neu_popup.php?termine_id=4462">»Saul«</a> und »Belsazar« als dem alttestamentarischen <a href="http://www.general-anzeiger-bonn.de/index.php?k=news&#038;itemid=10003&#038;detailid=91634&#038;katid=7">Händel-Zyklus </a>in der Oper ebenso wie zu <a href="http://www.theater-bonn.de/neu_popup.php?termine_id=4363">»Emilia Galotti«</a> als Klassiker im Schauspiel oder zu <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Kresnik">Johann Kresniks </a>choreografischer Arbeit im Tanz. Und auch die Motivation seitens des Theaters, ein neues, zukünftiges Publikum zu erobern, ist ganz offensichtlich. Dennoch driftet die Vorlesungsreihe keineswegs in eine reine Werbeveranstaltung ab, sondern ist für beide Seiten höchst fruchtbar. Dramaturgen, Regisseure und Schauspieler plaudern hier – zum Teil unter der Moderation von Universitätsdozenten – Anekdoten und Informationen aus, die die Kunstmaschinerie Theater von einer dem Publikum sonst meist verschlossenen Seite beleuchten. Dabei geht man wissenschaftlichen Fragen wie »Was zeichnet die Kanadische Dramatik aus, was unterscheidet sie von der amerikanischen, was von der europäischen?« genauso nach wie theaterpraktischen Überlegungen: »Wie funktioniert das Erarbeiten einer Rolle im Zusammenspiel zwischen Autor, Text, Regisseur und Schauspieler?«</p>
<p>Bleibt dem Theater zu wünschen, dass das Vorhaben in Zeiten der von städtischer Seite aufgezwungenen Sparmaßnahmen von Erfolg gekrönt sein wird. Die Anfang Februar folgenden Ausführungen zum Thema »Theater muss kämpfen« von <a href="http://www.rowohlt.de/sixcms/detail.php?template=detail_autoren_theater&#038;id=71962&#038;_strip=511&#038;sv%5Blast_name%5D=K*">Christoph Klimke</a>, seines Zeichens Dramaturg des Choreographischen Theaters Johann Kresnik, bekommen in diesem Kontext einen recht bitteren Beigeschmack. Kresniks Choreographisches Theater eckte aufgrund seiner Radikalität, seiner »Kampfbereitschaft«, bei Publikum wie Kritik in der Vergangenheit oftmals als »geschmacklos« an und geriet aufgrund sinkender Besucherzahlen in das Visier der Kulturkommission, die Pläne zu <a href="http://kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/699/">Einsparungen am Theater </a>vorlegte und entschied, dass Kresniks Tanztheater nicht lukrativ genug sei. Der Überlebenskampf des Choreographischen Theaters hat längst begonnen. Aber wer weiß, vielleicht schafft es das Theater Bonn ja durch Veranstaltungen wie diese Ringvorlesung rechtzeitig, einen weniger konservativen, künstlerisch offeneren Publikumsnachwuchs (her)anzuziehen. </p>
<p><strong>Theater und Universität im Gespräch – Ringvorlesung, Dienstags, 18 Uhr, Hörsaal 1</strong></p>
<p><strong>Weitere Termine:</strong></p>
<p><strong>09.01.2007 </strong><br />
Martin Essinger, Dramaturgie Musiktheater<br />
<em>Oper und Libretto. Über die Zusammenarbeit von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss </em></p>
<p><strong>23.01.2007 </strong><br />
Michael Eickhoff, Dramaturgie Schauspiel<br />
<em>Verführung ist die wahre Gewalt. Zu Lessings »Emilia Galotti«</em></p>
<p><strong>06.02.2007 </strong><br />
Christoph Klimke, Dramaturgie Choreographisches Theater<br />
<em>Theater muss kämpfen. Über das Choreographische Theater Johann Kresnik</em></p>
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		<item>
		<title>Und das Wort wurde Fleisch</title>
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		<pubDate>Thu, 28 Dec 2006 14:07:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Andreas Jüngling</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskussion]]></category>

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		<description><![CDATA[Am Zweiten Weihnachtsfeiertag wurde es endlich Zeit das zu tun, worum sich seit einem Vierteljahr jede dritte Frage indirekt drehte: zum Feierlichen Hochamt in die Kirche zu gehen ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am Zweiten Weihnachtsfeiertag wurde es endlich Zeit das zu tun, worum sich seit einem Vierteljahr jede dritte Frage indirekt drehte: zum Feierlichen Hochamt in die Kirche zu gehen. Diesmal war es ein in der Architekturgeschichte nicht ganz unbekanntes Gotteshaus namens St. Clemens, irgendwo im äußersten hügeligen Westen der Republik. Nun muß ich vorausschicken, konfessionell betrachtet am falschen Orte gewesen zu sein, doch gerade darin lag der Reiz. Abgesehen davon, daß die evangelische Konkurrenz morgens leider auch nur einen Taufgottesdienst zu bieten hatte, so als wolle man sich nicht Besinnlichkeit und höheren Beistand erflehen, sondern einem Erinnerungsereignis beiwohnen. </p>
<p>In der Hoffnung, man lese der Gemeinde nun zum weiteren Male die Leviten behufs ihres frevlerischen Lebenswandels, des Sittenverfalls und der fortwährenden Amoralität, eilte ich im festen Glauben an die Notzüchtigung des Gewissens in den Tempel. Die erste Erschütterung traf mich bereits nach dem Öffnen der Tür, denn es war geheizt. Nun weiß man von den Katholiken im allgemeinen, sie mögen es kommod während der Exerzitien, man denke nur ans Kniebänkchen und ähnliche Vereinfachungen, doch diese kühle kleine und reizende Strafe, an die ich mich noch aus meiner Heimatkirche gut erinnern kann, blieb den Versammelten erspart. Der Raum war gut zur Hälfte gefüllt. Sollte das jedoch der Hauptteil der Gemeinde gewesen sein, so knabbert dieser bereits sein Gnadenbrot und das Haus kann in Bälde in einen sozialen Wohnungsbau umgewandelt werden. Man müßte wohl auf die kleinen Meßdienerinnen seine Hoffnung setzen, deren grimmige Mienen jedoch kaum die Erwartung zu bestärken schienen, irgendwann mit ihren künftigen Sprößlingen die einstige Fülle und Lebendigkeit der christlichen Zufluchtsstätten wiederzubeleben.</p>
<p>Von all diesen gegenwärtigen Sorgen unbedrängt, hob nach einem kurzen Gesang der Pfarrer an, die Predigt vorzutragen. Gespannt spitzte ich die Ohren, kam doch jetzt der wichtigste Teil, wenn die alleinige Autorität der Ecclesia ihre Beobachtungen und Mahnungen verkündete. Es sei bekannt und geschätzt, daß die Weihnachtszeit die Zeit der Liebe, der Familienzusammenkunft und der Harmonie sei. Eine Sehnsucht der Menschen gehe dann in Erfüllung. Doch auch bereits zu Zeiten Jesu herrschten Unfrieden, Mord und Krieg. Nicht anders verhalte es sich heute, wenn man wieder von Krieg, gar von Hinrichtungen und Verfolgungen höre. Doch gerade daher seien die Menschen seit immerdar der Gnade des Herren anempfohlen und fänden in ihm ihre Ruhe. Gesang. »So, und nun laßt uns beten!« Das war es! Keine Leviten, keine Heiden und Philisterscharen, die uns den Kopf waschen und das Haar gleich mitnehmen. Keine göttlichen Zornestränen über die Verkommenheit, Niederträchtigkeit und Sündenverlorenheit der Menschen. Kein Gezeter, keine sanfte aber nachdrückliche Ermahnung, keine Offenbarung, keine Weisung des rechten Weges. </p>
<p>Nein, das war es. Zart und verständig ob des steten Fehlens und Verstoßens gegen alle Gebote, aber auch ob der unausgesetzten Versuche, sie zu erfüllen und neue, stärkere zu finden, so gab sich der weißhaarige Pfarrer vor dem Altar. Was sollten Bedrängungen denn auch nützen, da die seelenformende Anstalt der Kirche leider längst unbeachtlich geworden ist und man sich in jeder beliebigen Buchhandlung x Ratgeber kaufen kann, die man liest oder auch nicht. Die rücksichtslose Freiheit ist es, die zernagt, aber nicht fromm macht. Warum darum noch viele Worte machen, aufrufen und ins Gebet nehmen, da das Laute im Gelärm, das von allen Seiten in uns dringt, sich kaum noch Gehör zu verschaffen vermag. Mit dem Sanften und liebevoll Verständigen tritt statt dessen mehr noch das Wesen des Christentums wieder hervor, das es stark und trotz allem unanfechtbar gemacht hat: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Beachte und würdige ihn, versuche zu verstehen und ihn wie dich zu erheben. Daß der Zweite Weihnachtsfeiertag zugleich auch der Tag des Heiligen Stephanus ist, zumindest für die alleinseligmachende Kirche, ergänzte diese angenehme Art der Zurückhaltung. Jener Stephanus floh einst vor seinen Verfolgern, die Häscher erreichten ihn und todwund bat er trotzdem noch vor Gott für ihre Seelen um Gnade. Diese kleine Geschichte erklärte alles, was in der Predigt nicht gesagt werden mußte. </p>
<p>So konnte das Hochamt seinen weiteren Verlauf nehmen. Ungewohnt zwar mit diesem ständigen Auf und Nieder, doch tief versenkte sich in mir bei allem Sport das Gefühl der Ruhe und Gelassenheit, die Liebe zu geben und zu nehmen und etwas wiedergefunden zu haben, das nie entdeckt zu werden braucht, weil es immer schon da war.</p>
<p>Für nächstes Jahr verspreche ich, schon am Ersten Weihnachtsfeiertag in die Kirche zu gehen.</p>
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		<title>»Nur eins verliert er nicht: Sein Gesicht.«</title>
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		<pubDate>Wed, 29 Nov 2006 14:03:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Andres</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskussion]]></category>

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		<description><![CDATA[Es gibt für einen Wissenschaftler nichts Spannenderes, als seine Wissenschaft an aktuellen Themen konkret zur Anwendung zu bringen. Richtig spannend wird es vor allem dann, wenn Wissenschaftler jedes Fachgebiets ihre Erkenntnisse auf Geschehnisse anwenden können, die mit dem eigenen Fach zunächst rein gar nichts zu tun zu haben scheinen ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Es gibt für einen Wissenschaftler nichts Spannenderes, als seine Wissenschaft an aktuellen Themen konkret zur Anwendung zu bringen. Richtig spannend wird es vor allem dann, wenn Wissenschaftler jedes Fachgebiets ihre Erkenntnisse auf Geschehnisse anwenden können, die mit dem eigenen Fach zunächst rein gar nichts zu tun zu haben scheinen. </p>
<p>Wir wenden unseren Blick auf das <a href="http://www.erzbistum-koeln.de/">Erzbistum Köln</a>. Dort rumort es seit einiger Zeit: Kardinal Joachim Meisner hat vor einigen Wochen Bistumssprecher Manfred Becker-Huberti nach 17 Jahren Tätigkeit recht ruppig aus dem Amt gejagt. An dessen Stelle trat mit Stephan Georg Schmidt ein Mitglied der umstrittenen Organisation <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Opus_Dei">»Opus Dei«</a> (dass man im Zuge dieser Ränke automatisch mit ins Gerede kommt, sollte die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der »Opus Dei« zumindest in Verlegenheit bringen). Doch dies war, so stellte sich bald heraus, nur die Spitze des Eisbergs.</p>
<p>Verschiedene Medien nahmen die Unruhe rund um den Kölner Dom zum Anlass für eine ausführliche Berichterstattung (etwa der Kölner Stadt-Anzeiger am 20. November: <a href="http://www.ksta.de/html/artikel/1162473073014.shtml">»Die Angst geht um im heiligen Köln«</a>. Und <a href="http://ocs.zgk2.de/mdsocs/mod_movies_archiv/movie/InterviewJoachimFrank/ocs_ausgabe/ksta">hier erläutert</a>, den neuen Medien sei Dank, Journalist Joachim Frank die Situation im Bistum). Von Angst und Denunziantentum ist dort die Rede, von Gemeindemitgliedern, die sich nicht trauen, gegen die kirchlichen Würdenträger selbstbewusst in Stellung zu gehen. Hintergrund seien notwendige Reformen im Bistum, mit denen einige Millionen eingespart werden sollen. Offenbar nutzen die Würdenträger, namentlich Kardinal Meisner und sein Generalvikar Dominik Schwaderlapp, mit einem »feudalherrschaftlichen Gefolgschaftsanspruch« das Druckmittel der Streichung von Geldern für ganze Gemeinden, um ihre Schäfchen hinreichend unkritisch werden zu lassen. – Die Gemeindemitglieder fürchteten nun, berichten die Medien: »Wenn wir aufmucken, nehmen sie uns den Pfarrer weg!«</p>
<p>Jemand, der sich von so etwas nicht mehr beeindrucken lassen muss, ist Prälat Erich Läufer. Der 78-Jährige, bis Jahresende noch Chefredakteur der vom Erzbischof des Bistums Köln herausgegebenen Kirchenzeitung, ist sicher alles andere als ein ängstlicher Gottesmann, der unangenehmen Auseinandersetzungen aus dem Weg ginge, sondern um ein offenes Wort nie verlegen. Aufgrund seines Alters ist seine Pensionierung bereits überfällig, zum Jahreswechsel soll sie vollzogen werden – und auch seinen Platz als Chefredakteur soll dann der neue Bistumssprecher übernehmen. </p>
<h5>»Arroganz der Macht«</h5>
<p>Neugierig greift man angesichts dieser Vorgänge zu der wöchentlich erscheinenden Kirchenzeitung, um zu sehen, was man dort darüber erfahren könne. Die Antwort ist einfach: natürlich nichts. Mit keinem Wort werden die Reibereien im Bistum erwähnt. Denn schließlich ist und bleibt Kardinal Meisner Herausgeber der Zeitung, daran ändert auch der Chefredakteur nichts. Und doch ist jedem klar, was Läufer meint, wenn er, wie Anfang November geschehen, in anderen Zusammenhängen <a href="http://www.kirchenzeitung-koeln.de/archiv/2006/0645/kommentare.htm">schreibt</a>:</p>
<blockquote><p>Auch unter Kirchenleuten wird es Strippenzieher geben und Heckenschützen, wobei besonders erbärmlich die Zuträger sind und Denunzianten, die sich um Anderleutsehre keinen Deut kümmern. Wo auch immer: Dicke Luft löst Ängste aus. Sie bedrückt. Und es gibt in der Geschichte der Kirche auch Beispiele dafür, wie die Arroganz der Macht dem Gottesvolk die Luft zum Atmen nimmt oder genommen hat.</p></blockquote>
<p>Das ist der Moment, an dem der mit esoterischen Schriften vertraute Literaturwissenschaftler einen kleinen Essay aus dem Regal hervorholt, mit dem er sich einem solchen Fall nähert: »Persecution and the Art of Writing« von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Strauss">Leo Strauss</a> (eine deutsche Übertragung existiert nicht). Strauss, der mit dem Aufwind der so genannten »Neocons« in der US-amerikanischen Politik nach 2001 erst wieder so richtig populär wurde, zumal unter Verschwörungstheoretikern, erläutert in dem 1952 veröffentlichten Büchlein, wie man die Texte verfolgter Philosophen richtig interpretiert: Unter der Prämisse nämlich, dass sie sie nicht veröffentlichen konnten, ohne ihre wahre Intention darin so sorgfältig zu verstecken, dass sie einerseits nicht enträtselt werden – etwa von der Obrigkeit –, andererseits von ihren Adressaten aber dennoch verstanden werden konnte. </p>
<p>Strauss erläutert in seinem Essay, wie man die wahren Intentionen herausfinden könne. So seien Widersprüche oder Ungenauigkeiten, mithin literarische Mängel, als planvoll zu betrachten, als Ansatzpunkte für die Entschlüsselung. Intelligenten und gebildeten Lesern verrieten die Texte mittels eines solchen Schlüssels, etwa durch einen bereits vorliegenden »Klartext«, ihre kritischen Innuendi. </p>
<p>Nehmen wir also die jüngste Ausgabe der <a href="http://www.kirchenzeitung-koeln.de/">»Kirchenzeitung«</a> vom 24. November zur Hand und schauen, worüber wir hier stolpern. Schon die Titelseite mutet hinreichend morbid an: Karge weiße Kreuze – ein Friedhof in Spitzbergen vor einer kahlen, kargen Landschaft. Schon ein erster (optischer) Hinweis auf die Lage im Bistum?</p>
<p>Doch betrachten wir Läufers Beiträge von hinten nach vorne: Auf Seite 17, in der Rubrik Kultur, ein kurzer Text zu vorgotischen Kruzifixen. Der Text beginnt so: »Es gibt eine Fülle vorgotischer Großkreuze. Die ottonische und romanische Kunst entstand in einer selbstbewussten Zeit der Wende.« Mit seinem letzten Satz gemahnt der Text an die wahre Macht in der Kirche, an die Kruzifixe stets erinnerten: »Der Allherrscher gibt sich opfernd seiner Kirche hin – Christus Dominator.«</p>
<p>»Als ob es sie nie gegeben hätte &#8230;« lautet der Titel zu Läufers nächstem Bericht, auf Seite 14, über einsame Grabstätten, auf den sich auch das erwähnte Titelbild bezieht. »Wie Fingerzeige«, beschreibt eine Bildunterschrift, wirken die weißen Grabkreuze, die an Minenarbeiter erinnern, in kahler Landschaft. </p>
<h5>»Das schreckliche Auseinander«</h5>
<p>Kaum verschlüsselt spielt Läufer offenbar auf Seite 13, Rubrik »Zum geistlichen Leben«, unter der Überschrift »Das schreckliche ›Auseinander‹« mit den »fünfzehn Bitten des Augustinus« auf die Situation im Bistum an. Läufer schreibt:</p>
<blockquote><p>Auseinander – das sollte es nicht geben und gibt es doch. Nicht nur bei der Ehescheidung. Auseinander – wenn es ernst geworden ist, dann kennt man ein Mietshaus nicht wieder, eine Familie nicht, einen Convent, eine Schule, ein Büro, ein kirchliches Gremium, eine Gemeinde.</p></blockquote>
<p>Dieser schon recht eindeutigen Anspielung schließt er die 15 Bitten des Augustinus an, die da lauten: </p>
<blockquote><p>Unruhestifter zurechtweisen, Kleinmütige trösten, sich der Schwachen annehmen, Gegner widerlegen, sich vor Nachstellern hüten, Ungebildete lehren, Träge wachrütteln, Händelsucher zurückhalten, Eingebildeten den rechten Platz zuweisen, Streitende besänftigen, Armen helfen, Unterdrückte befreien, Gute ermutigen, Böse ertragen und – ach – alle lieben.</p></blockquote>
<p>Läufer schließt diesen kleinen, eher unscheinbaren Text so: »Was Freude schenkt, der Hoffnung Chancen gibt und Angst wegnimmt, hilft auch der Liebe. Die Liebe ist das einzige was wächst, wenn wir es verschwenden.« Zu dem Artikel gehört ein Foto, dessen Zusammenhang zu dem Text sich nicht augenfällig erschließt: Es zeigt ein römisches Fresko, auf dem vier Männer versuchen, einen großen Fels zu bewegen. In der dazugehörigen Bildunterschrift heißt es: »Miteinander und zusammen bekommen wir die dicksten Brocken bewegt.« Könnte die seltsame Formulierung »Miteinander und zusammen« eine planvolle Dopplung sein?</p>
<p>Der auf der gleichen Seite abgedruckte Hymnus zum Christkönigsfest enthält, ganz nebenbei, auch diese Strophe: »Reiche erstehen, blühen und zerfallen, / aber das deine überdauert alle, / denn deine Herrschaft ist von Gott verliehen, / ewigen Ursprungs.«</p>
<p>Noch deutlicher wird Läufer auf der gegenüberliegenden Seite 12, gleiche Rubrik: Unter dem Titel »Ich nicht« stimmt er ein Loblied auf »Menschen, die sich nicht verbiegen lassen« an. Darin nimmt er zunächst Bezug auf Johannes den Täufer: »In seiner Zeit war er der Mann, der eine Meinung hatte zu dem, was Herodes Antipas nicht in den Kram passte.« Der erste Absatz endet mit der scheinbar beiläufigen Bemerkung: »Nicht immer wird das Vertreten des aufrechten Standpunktes mit einem Lorbeerkranz belohnt.« Vermittels des Buches des unlängst verstorbenen Joachim Fest leitet Läufer zu Hitlers Machtergreifung über und erinnert daran, wie der Historiker das entschlossen vertretene »Nein« seines Vaters zur Hitlerdiktatur schildert. Läufer schließt seinen Artikel, ohne einen besonderen Anlass dafür anzuführen, so:</p>
<blockquote><p>Könnte es sein, dass unsere Zeit nicht nur den Stolz, von dem der Vater von Joachim Fest noch erfüllt war, mehr und mehr verliert, sondern dass zunehmend Stillschweigen und Abtauchen als ›normal‹ gilt? Wer seine Meinung klar und deutlich für jedermann verständlich vertritt, läuft auch heute noch Gefahr, manches zu verlieren. Nur eins verliert er nicht: Sein Gesicht. Zur eigenen Überzeugung brauchen wir den festen Standpunkt, der uns hält, auch in bewegten Zeiten.</p></blockquote>
<p>Auch den obersten Hirten zieht der Chefredakteur als Kronzeugen in eigener Sache heran, indem er Auszüge aus der <a href="http://www.kirchenzeitung-koeln.de/archiv/2006/0647/papstrede.htm">Rede von Papst Benedikt XVI.</a> an die deutschen Bischöfe anlässlich des Ad-Limina-Besuchs Mitte November auf der »Kommentare«-Seite 5 unter der Rubrik »Wörtlich« abdruckt. Der erste zitierte Satz lautet: »Die Suche nach Reform kann leicht in einen äußerlichen Aktivismus abgleiten, wenn die Handelnden nicht ein echtes geistliches Leben führen und die Beweggründe für ihr Tun nicht beständig im Licht des Glaubens prüfen. Dies gilt für alle Glieder der Kirche: für Bischöfe, Priester, Diakone, Ordensleute und alle Gläubigen.« Der letzte zitierte Satz lautet, vom Papst an die deutschen Bischöfe gerichtet: »Vor allem werdet Ihr nur solchen strukturellen Reformen Eure Zustimmung geben, die voll und ganz mit der Lehre der Kirche im Einklang stehen und die die Anziehungskraft des Priesterberufs nicht mindern.« </p>
<h5>»Macht kaputt, was euch kaputt macht«</h5>
<p>Ein wahres Meisterstück verdeckter Schreibweise liefert Läufer aber mit seinem eigenen Kommentar auf der gleichen Seite ab: Unter dem Titel »Schattenrisse des Schreckens« spannt er, ausgehend von dem Mord an dem 20-jährigen Leverkusener in der Siegburger Justizvollzugsanstalt, einen Bogen über Motive der Gewalt, die sich durch unsere Gesellschaft ziehen. Er schreibt von Prügel, zusammengeschlagenen Bürgern, niedergetretenen Passanten, Knochenbrüchen und Tierquälerei. Dann dieser Satz:</p>
<blockquote><p>Auch in unserer Gesellschaft wächst jener Bodensatz von Brutalität, Rechthaberei, Verrohung und Menschenverachtung, der sich nicht nur gegen Ausländer wendet, sondern sich gegen alle richtet, die einem irgendwie nicht passen.</p></blockquote>
<p>Die Verwendung des Begriffs »Rechthaberei« erscheint in diesem Gewalt-Kontext merkwürdig, denn wurde jemals mit Rechthaberei körperlich verletzt? Aber genau hier könnte einer dieser der Strauss’schen Angelhaken versteckt sein, mit denen man nach der wahren Intention des Texts fischen kann: Nicht etwa (nur) körperliche Gewalt hätte Läufer demnach im Sinn, wenn er die brutalen Zustände in unserer Gesellschaft anprangert. Auch nicht-körperliche Gewalt kann brutal sein. Weiter heißt es: »Davor die Augen zu verschließen, ist unredlich. [...] Gewalt ist immer gleich schlecht, egal aus welchem Lager sie stammt.« Ein Hinweis, der unter den sich neu eröffnenden Zusammenhängen auf die Bistumsspitze gemünzt sein könnte. Und Läufer schließt mit einem denkwürdigen Satz, in dem er abschließend ein <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Macht_kaputt,_was_euch_kaputt_macht">Anarchisten-Motto</a> zitiert:</p>
<blockquote><p>Verrohung ist ein Kapitel aus dem Drama vom Werteverlust, in dem vielleicht jetzt nur jene Saat aufgeht, die vor wenigen Jahren mit geradezu honorigem Pathos verkündet wurde: ›Macht kaputt, was euch kaputt macht.‹</p></blockquote>
<p>Man beachte das Wort »vielleicht«, das die Pointe zu einer vagen Annahme abschwächt. Natürlich konnotiert Läufer dieses denkbar unchristliche Motto (in einer auffällig komplizierten Satzkonstruktion) negativ. Unter dem Strich aber steht dieses Zitat am Ende eines Kommentars, der sich gegen Gewalt wendet, »egal aus welchem Lager sie stammt«.</p>
<p>Die aufgezählten Auszüge könnten unter den von Strauss vorausgesetzten Bedingungen zusammengefasst werden als Aufruf bzw. »Fingerzeig« an die Gläubigen im Bistum Köln, »miteinander und zusammen« selbstbewusst Widerspruch zu wagen, das Gesicht zu wahren, Mut zur Kritik an der Obrigkeit aufzubringen, wie einst Johannes der Täufer gegenüber Herodes Antipas. Zumal der wahre Herrscher der Kirche Jesus Christus ist und niemand anderes. Oder knapp zusammengefasst: »Macht kaputt, was euch kaputt macht!«</p>
<p>Selbstverständlich handelt es sich hierbei letztlich nur um eine von vielen möglichen Interpretationen, nämlich die ganz persönliche Interpretation des Verfassers. Es mag sein, dass all diese Texte alles andere als subversiv sind und kein Anlass für ein Zwischen-den-Zeilen-Lesen besteht. Die Frage, ob das so ist, kann auch der Literaturwissenschaftler nicht beantworten. Das kann, so hat Strauss schon gewusst, nur der Adressat – in diesem Fall die Kölner Gläubigen.</p>
<p><strong>Addendum (06.12.06):</strong> Auch in der 48. Ausgabe der Kirchenzeitung kann, wer will, neue Anspielungen entdecken. Unter anderem heißt es auf der Titelseite: »Verantwortungsloser Dialog gefährdet die Zukunft«. In dem dazugehörigen Artikel geht es freilich um den Islam.</p>
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		<title>Wie verfilmt man Geruch?</title>
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		<pubDate>Sat, 30 Sep 2006 06:40:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N. N.</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskussion]]></category>
		<category><![CDATA[Vorhang auf!]]></category>

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		<description><![CDATA[Bücherfreunde beäugen Literaturverfilmungen meist sehr skeptisch. Zu groß erscheint die Gefahr, dass Regisseur oder Produzent die imaginären Bilder zu den Zeilen eines Autors verhunzen, verkürzen, ›falsch‹ darstellen. <strong><a href="http://www.parfum.film.de/">»Das Parfum«</a></strong>, der moderne Klassiker im Bücherregal vieler LiteraturliebhaberInnen, scheint ob der Vielzahl beschriebener Gerüche und Geruchsverästelungen erst recht a priori unverfilmbar. Nun ist der Roman Patrick Süskinds aber doch auf Zelluloid gebannt worden und lädt ein zur Diskussion. – K.A.-Autorinnen Ines Böckelmann und Anna-Lena Scholz haben sich den Film angesehen ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/parfum_plakat.jpg" class=right alt="Das Parfum (Filmplakat)" />Bücherfreunde beäugen Literaturverfilmungen meist sehr skeptisch. Zu groß erscheint die Gefahr, dass Regisseur oder Produzent die imaginären Bilder zu den Zeilen eines Autors verhunzen, verkürzen, ›falsch‹ darstellen. <strong><a href="http://www.parfum.film.de/">»Das Parfum«</a></strong>, der moderne Klassiker im Bücherregal vieler LiteraturliebhaberInnen, scheint ob der Vielzahl beschriebener Gerüche und Geruchsverästelungen erst recht a priori unverfilmbar. Nun ist der Roman Patrick Süskinds aber doch auf Zelluloid gebannt worden und lädt ein zur Diskussion.</p>
<p>K.A.-Autorinnen Ines Böckelmann und Anna-Lena Scholz haben sich den Film angesehen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h4>Ästhetische Opulenz</h4>
<p><em><strong>Von Ines Böckelmann</strong></em></p>
<p>Irgendwann einmal erreicht man als Literatur- und Filmliebhaber den Punkt, an dem man sich schwört, dass man sich niemals mehr eine Literaturverfilmung ansieht. Denn obwohl diese Erkenntnis mittlerweile fast zur Floskel verkommen ist, bewahrheitet sie sich in den meisten Fällen: Der Film ist immer schlechter als das Buch, er kommt nicht an die Genialität seines Vorbildes heran.</p>
<p>Doch dann machen einem <a href="http://www.film-zeit.de/home.php?action=result&#038;sub=person&#038;info=long&#038;person_id=3514">Bernd Eichinger</a> und <a href="http://www.tomtykwer.de/">Tom Tykwer</a> einen Strich durch die Rechnung, indem sie <a href="http://www.parfum.film.de/">»Das Parfum«</a> verfilmen. Wer das Buch gelesen hat, kann sich unter keinen Umständen vorstellen, wie es einem Regisseur gelingen sollte, die fabelhafte Geruchswelt des ebenso geheimnisvollen wie bestialischen Genies Grenouille darzustellen. Allein dieser Umstand macht es einem unmöglich, sich dieser Literaturverfilmung zu verweigern. Wer den Trailer gesehen hat, bildet sich zwar sofort ein zu wissen, dass sich auch hinter diesem Projekt nur hohler Raum befinden wird, schließlich hätte man diesen nicht reißerischer gestalten können. So geht man also am Tag der Premiere ins Kino ohne besondere Erwartungen, vielleicht sogar etwas von Schadenfreude erfüllt, weil man auf 2½ Stunden Zelluloid gebrandmarkt sehen will, wie Regisseur und Produzent sich um Kopf und Kragen gedreht haben.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img class="frei" src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/parfum01.jpg" alt="Szenenfoto aus »Das Parfum« (Foto: Constantin Film)" /></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dann beginnt der Film und ganze fünf Minuten kann man den Triumph seiner eigenen Schadenfreude auskosten. Fünf Minuten, in denen der schon erwachsene Grenouille im Gefängnis sitzt, sein Riechorgan in Großaufnahme, dann vor das hetzerische Volk geführt wird, welches seinen Tod fordert. Doch nachdem diese Vorausschau beendet ist und der Film seinen chronologischen Ablauf nimmt, vergeht kein Augenblick, in dem man als Zuschauer nicht ganz ungewollt ständig denken muss: Dieser Film ist ein Meisterwerk, ebenso wie das Buch, und eben doch auf ganz konträre Weise. Fabelhaft hat Tom Tykwer es verstanden, das Geruchsgenie Grenouilles darzustellen durch ausschweifende Kamera-Aufnahmen, die einzelne Elemente der Natur, der Umwelt Grenouilles in Großaufnahme zeigen, um dann immer spezifischer in das innere dieser Gegenstände hineinzublicken. Schmutz und Dreck, werden ebenso sinnlich verwertet wie die schönen Elemente des Lebens. Der Unrat, die mangelnde Hygiene dieser Epoche, die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Patrick_S%C3%BCskind">Patrick Süskind</a> mit der Geburt seines Protagonisten so gut beschreibt, hat durch Tykwers Film ein visuelles Pendant erhalten. Überhaupt glaubt man als Zuschauer ständig, den Film nicht nur sehen, sondern auch riechen zu können. Der Film legt Wert auf Details, was ihm gerade seine Eindringlichkeit verleiht. Als Grenouille auf dem Weg nach Grasse vor einem Lavendelfeld steht, dessen leuchtendes Violett sich von der bleichen und grauen Gestalt der Hauptfigur besonders abhebt, scheint einen allein das Rauschen des vom Wind umspielten Feldes in eine sinnliche Ekstase zu erheben. Tom Tykwers Verfilmung lebt von ihrer ästhetischen Opulenz.</p>
<p>Ebenso passend erweist sich die Besetzung Grenouilles mit <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ben_Whishaw">Ben Whishaw</a>. Er vermag es, seiner Figur die Aura eines Außenseiters zu verleihen. Natürlich sieht er etwas zu gut aus für einen Menschen, der im Buch als unscheinbar, eher hässlich als schön, ja als Zecke beschrieben wird. Mimik und Gestik, die immer leicht zusammengekauerte Körperhaltung und der humpelnde Gang des Schauspielers lassen dies aber die meiste Zeit des Films als nichtig erscheinen. Ein weiteres wichtiges Element des Films ist die Musik (Tykwer hat sie selbst mitkomponiert). Nicht nur visuell, sondern auch klanglich hat der Film es geschafft eine ganz besondere Atmosphäre zu vermitteln. Interessant ist auch, dass Tom Tykwer während des Films immer wieder einen Sprecher (Otto Sander) Sätze aus dem Buch rezitieren lässt. Durch Otto Sanders beruhigende Stimme wird etwas Spannung aus der Handlung genommen, um dann nur wenige Zeit später  durch die intensiven sakralen Klänge der Filmmusik den Zuschauer wieder mitten in die Leidenschaft der Hauptfigur hineinzukatapultieren. Im Booklet zur Filmmusik sagt Tykwer, dass ihm die Musik auch deswegen besonders wichtig war, weil seines Erachtens die Kunst der Parfümerie einige wichtige Elemente der Musiksprache entliehen hat. »Auch bei Parfums spricht man von Akkorden und einzelnen Duftnoten.« Das Hauptthema, der Geruchssinn, findet im Film also gleich zweimal, visuell und auditiv, seine Entsprechung.</p>
<p>Tom Tykwer hat ein opulentes Meisterwerk geschaffen, das als eigenständig betrachtet werden kann und muss. Seine Interpretation der Handlung verklärt Grenouille als einsamen Antihelden auf der Suche nach Liebe, natürlich ohne dass dies Grenouille selbst bewusst wäre. Gefangener seines Genies, strebend nach etwas, das ihm die verschlossene Welt des Alltags der anderen zugänglich macht, ruft er beim Zuschauer mehr Mitleid hervor als der Grenouille des Buches. Zum Schluss hält er in einem kleinen Flakon diesen Schlüssel zur anderen Welt in der Hand und er weiß auf einmal, dass es mehr ist, was ihn von diesen Menschen trennt: Orgiastische Liebe hervorrufen zu können, bedeutet nicht, dass man sie auch versteht oder nachempfinden kann. Diese Erkenntnis treibt ihn schließlich in den indirekten Selbstmord.</p>
<p>Die Verfilmung des Romans <a href="http://www.diogenes.ch/4DACTION/web_rd_cat_jumpto/bk_id=22800&#038;path=leser/buecher/buecher_index.html&#038;ID=3192168">»Das Parfum«</a> hingegen war kein künstlerischer Selbstmord der Verantwortlichen, sondern ist vielmehr der Beweis, dass man als literaturliebender Kinogänger nicht immer der eigenen Erfahrung trauen kann.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img class="frei" src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/parfum02.jpg" alt="Szenenfoto aus »Das Parfum« (Foto: Constantin Film)" /></p>
<p>&nbsp;</p>
<h4>Der erahnte Wahnsinn</h4>
<p><em><strong>Von Anna-Lena Scholz</strong></em></p>
<p>»Was bist Du nur für ein Mensch? Weißt Du denn gar nichts?« Die Frage, die der alternde Parfumeur Guiseppe Baldini (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Dustin_Hoffman">Dustin Hoffman</a>) seinem Lehrling Jean-Baptiste Grenouille (<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ben_Whishaw">Ben Whishaw</a>) entgegenschleudert, ist voller Fassungslosigkeit. Grenouille hat gerade Baldinis Katze in einen Topf mit kochendem Wasser geworfen in dem Versuch, den Geruch des Tieres zu destillieren. </p>
<p>Darüber, wie viel Grenouille, das Geruchsmonster aus <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Patrick_S%C3%BCskind">Patrick Süskinds</a> vielfach bejubeltem und nun durch Regisseur <a href="http://www.tomtykwer.de/">Tom Tykwer</a> verfilmtem Roman <a href="http://www.parfum.film.de/">»Das Parfum«</a>, weiß, lässt sich streiten. Über menschliche Umgangsformen, soziales Miteinander, Höflich- oder gar Freundlichkeit weiß Grenouille in der Tat nichts. Dafür ist sein Wissen um die unsichtbaren Seiten der Welt dank übernatürlichen Geruchssinns äußerst beeindruckend. Grenouille riecht nicht nur Gras, sondern auch nasses Gras, nicht nur Steine, sondern auch warme Steine, riecht nicht nur das aufgesprühte Parfum, sondern auch den Schweiß unter der Perücke, den Puder im Gesicht und den verfaulten Apfel im Haus nebenan. All diese Facetten sind freilich bloße Nebensächlichkeiten angesichts der Essenz, die die Welt im Innersten zusammenhält – nämlich der Duft der Liebe, der Unschuldigkeit, des Begehrens. Und wie lässt sich Liebe in Parfum verwandeln? </p>
<p>Grenouille für seinen Teil geht von dem stinkenden Paris des 18. Jahrhunderts ins für seine Parfumeurkunst bekannte Grasse, tötet dort 13 Jungfrauen (im Roman ganze 25), wälzt ihre nackten Leiber in Tierfett und kocht letzteres mit Alkohol. Als das Parfum fertig ist und sich Grenouille mit der Essenz der Liebe beträufelt, kommt die Ernüchterung. Zur Hölle mit diesem Leben, denkt Grenouille und lässt sich kurzerhand von einer Gruppe schmutziger und ausgehungerter Straßenflegel auffressen.</p>
<p>Dass der Roman <a href="http://www.diogenes.ch/4DACTION/web_rd_cat_jumpto/bk_id=22800&#038;path=leser/buecher/buecher_index.html&#038;ID=3192168">»Das Parfum«</a> unverfilmbar sei, schwebte jahrelang wie ein erhobener Zeigefinger über der Geschichte. An der Wort- oder vielmehr Duftgewaltigkeit des Romans könne man sich als Regisseur nur die Finger verbrennen. Zudem zeigte sich Autor Patrick Süskind jahrelang recht unkommunikativ bezüglich der Filmrechte, machte sich rar und sorgte dafür, dass sein großer Erfolgsroman in Ruhe gelassen wurde. Vor fünf Jahren gab er schließlich dem Drängen des Produzenten <a href="http://www.film-zeit.de/home.php?action=result&#038;sub=person&#038;info=long&#038;person_id=3514">Bernd Eichinger</a> nach. Das Ergebnis ist seit einigen Wochen in den Kinos zu sehen. Wie gut ist die Verfilmung nun? </p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img class="frei" src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/parfum03.jpg" alt="Szenenfoto aus »Das Parfum« (Foto: Constantin Film)" /></p>
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<p>Die Finger verbrannt hat sich Tykwer jedenfalls nicht. Die Verfilmung des Romans ist gelungen – doch hat sie einen entscheidenden Nachteil: Sie trägt sich nur zusammen mit dem Buch. Seien es die Bilder, die Gerüche zu visualisieren zu versuchen, oder die Person des Grenouille: Authentisch und bewegend wird fast jede Einstellung des Filmes, jeder Kameraschwenk und jeder Dialog nur durch die Bilder des Romans, die beim Zuschauer wie Untertitel mitlaufen. Dabei ist die grundsätzliche Visualisierung der Geruchswelt, die der entscheidende Teil der Geschichte ist, in vielen Fällen außerordentlich geglückt. Grenouilles Geburtsstätte, der Fischmarkt in Paris – von Süskind als »allerstinkendster Ort des gesamten Königreichs« beschrieben –, wird drastisch überzeichnet: Blutspritzer, abgehackte Fischköpfe, ein kotzender Mann, Schleim, Dreck, Eingeweide. All das nimmt die Kamera in schnell wechselnden Einstellungen auf und zerbricht so das Gesamtbild des Marktes zu Bildfetzen, die der kleinteiligen Beschreibung aller ekelerregenden Gerüche im Roman durchaus gleichkommen. Geradezu ironisch zitiert Tykwer an anderer Stelle die Parfumindustrie: Als Baldini an Grenouilles erstem, innerhalb von Sekunden zusammengemixten Parfum schnuppert, befindet er sich plötzlich in einem blühenden Garten voll bunter Rosen – eine überstilisierte Reklamekulisse, in der sich ihm schließlich gar eine langhaarige Schönheit nähert und ihm ein »Ich liebe dich« ins Ohr haucht. Überhaupt sind die Szenen, in denen Düfte verbildlicht werden, surreal und artifiziell und lassen die normale, sich durch gewöhnliche Sinnenswahrnehmung erschließende Welt hinter sich. Damit setzt Tykwer die Struktur des Romans, nämlich normale Wahrnehmungskategorien zu sprengen, um und lässt Raum für die unwirklich anmutende Welt Grenouilles. </p>
<p>Aber ach, der Grenouille! Geradezu schön anzuschauen ist er, der dunkelhaarige Jüngling, daran können auch ein verschmutztes Hemd und dreckige Fingernägel nichts ändern. Nichts von der Abscheulichkeit und Abartigkeit, die den Leser so schaudern ließ, findet sich in der Filmversion wieder. Zwar lassen die gestammelten, immer kurzen und oft holprig ausgestoßenen Sätze Grenouilles und sein manisch dreinblickendes Gesicht den Wahnsinn dieser Person erahnen, seine Asozialität, seinen unbeirrbaren Wahn nach dem perfekten Duft – doch ein Erahnen allein reicht für die exzessiven Ereignisse des Schlussteils nicht aus. Die Orgie auf dem Marktplatz, nachdem Grenouille erstmals drei Tropfen seines Wässerchens aufgetupft hat, wirkt beinahe lächerlich: Nacktes Fleisch, übereinanderherfallende Menschen, ein knutschender Bischof. Eine Frau schreit »Er ist ein Engel!«, mit langgezogenem »E«, damit es möglichst ekstatisch klingt. Und auch als Grenouille sich am Ende schließlich mit dem Duft, der liebend macht, übergießt, stürzen Frauen wir Männer auf ihn, um ihn mit Haut und Haar zu verschlingen und sich ihn, die scheinbar personifizierte Liebe, einzuverleiben. Wer da nicht die oftmals langen Romanpassagen im Hinterkopf hat und um die sieben Jahre weiß, die Grenouille einsam in einer Höhle nur mit sich und seinen imaginären Düften verbringt (in der Filmversion fehlt eine Zeitangabe gänzlich; und nach Haar- und Bartwuchs Grenouilles zu urteilen, kann er sich höchstens vier Wochen in der Höhle aufgehalten haben), wer da nicht um die Eindringlichkeit von Süskinds Schreibe weiß, der steht mit diesen extremen Szenen allein da und fragt sich, wieso um alles in der Welt ein Parfum liebend machen kann.</p>
<p>»Das Parfum« ist eine Geschichte, die in jeglicher Hinsicht überstilisiert ist. Ohne diese maßlos überzeichnete Künstlichkeit kann die Erzählung nicht glücken. Schade, dass Tykwer die Überzeichnung zwar sehr gelungen auf die Visualisierung der Duftfacetten und auch die ermordeten Jungfrauen – mit elfenbeinfarbener Haut und roten, fülligen Locken, mit unschuldigem Blick und vollen, pfirsichfarbenen Lippen eher für den Zuschauer als ihren Mörder übermäßig fetischisiert – anwendet, aber gerade den Kern der Geschichte, nämlich den Protagonisten Grenouille ausspart und ihn zu blass, normal und nachvollziehbar erscheinen lässt. So ist die Verfilmung des »Parfums« vielleicht einmal mehr ein Beweis für die Grundregel: Erst das Buch lesen, dann den Film schauen!</p>
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<p><em><strong>Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders.</strong> Regie: Tom Tykwer. Drehbuch: Andrew Birkin, Tom Tykwer, Bernd Eichinger, Caroline Thompson (nach dem Roman »Das Parfum« von Patrick Süskind). Kamera: Frank Griebe. Musik: Tom Tykwer, Johnny Klimek, Reinhold Heil. Darsteller: Ben Whishaw, Dustin Hoffman, Alan Rickman, Rachel Hurd Wood, Corinna Harfouch u.a. Länge: 147 min. Premiere: 14.09.2006. – Nähere Infos unter <a href="http://www.parfum.film.de">www.parfum.film.de</a>.</em></p>
<p><font size="-1">(Fotos: <a href="http://www.constantin-film.de/1/home/">Constantin Film</a>)</font></p>
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<p><strong>Anm. d. Red.:</strong> Unter dem Titel »Über<em>welt</em>igend! Wie sich das Genie an der Welt und die Schrift sich an sich selbst berauscht« ist in <a href="http://kritische-ausgabe.de/index.php/hefte/rausch/">K.A. 1/2005</a> »eine Lesart von Robert Schneiders <em>Schlafes Bruder</em> und Patrick Süskinds <em>Das Parfum</em>« von Anna-Lena Scholz erschienen. Der Essay steht <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/hefte/rausch/scholz.pdf">hier als PDF-Dokument</a> zum Download bereit (~900 kb).</p>
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		<title>Zwischen Hoffen und Bangen</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Jun 2006 17:53:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tine Buecken</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskussion]]></category>
		<category><![CDATA[Vorhang auf!]]></category>

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		<description><![CDATA[Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit, da war Bonn noch glanzvolle Bundeshauptstadt und Sitz der Regierung der Republik und ganz Deutschland blickte auf die Stadt am Rhein. Dann aber kam der Tag, der Geschichte schrieb: der 9. November des Jahres 1989 – die Mauer fiel und Ost und West lagen sich wiedervereint in den Armen. Nur wenige Jahre später zogen die Politiker vom Rhein an die Spree. Kein leichtes Los für das schon 1990 von der Bundeshauptstadt zur einfachen Bundesstadt degradierte Bonn. Das bekam auch das <a href="http://www.theater-bonn.de/">Theater Bonn</a> zu spüren ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h5>1. Akt: Es war einmal &#8230;</h5>
<p><img class=right src='http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/jephtha1000x.jpg' alt='Szenenbild Jeptha &copy; Thilo Beu' title='Szenenbild Jeptha &copy; Thilo Beu' />Es war einmal vor nicht allzu langer Zeit, da war Bonn noch glanzvolle Bundeshauptstadt und Sitz der Regierung der Republik und ganz Deutschland blickte auf die Stadt am Rhein. Dann aber kam der Tag, der Geschichte schrieb: der 9. November des Jahres 1989 – die Mauer fiel und Ost und West lagen sich wiedervereint in den Armen. Nur wenige Jahre später zogen die Politiker vom Rhein an die Spree. Kein leichtes Los für das schon 1990 von der Bundeshauptstadt zur einfachen Bundesstadt degradierte Bonn. Das bekam auch das <a href="http://www.theater-bonn.de/">Theater Bonn</a> zu spüren. </p>
<h5>2. Akt: Sparen, sparen, sparen</h5>
<p>Noch in der Spielzeit 1999/2000 konnten sich der damalige Intendant Dr. Manfred Beilharz und seine Belegschaft über einen Etat von 49,8 Millionen Euro freuen. Derart »goldene Zeiten« waren nun vorbei. Die Regierung ging und auch Beilharz verließ bald darauf die Stadt. Klaus Weise kam dafür und wurde prompt – gewissermaßen als »Willkommensgeschenk« – mit einer massiven Etatkürzung begrüßt: 35,4 Millionen sollten’s nur noch sein – eine Einsparung von über 14 Millionen Euro.</p>
<p>Ob so etwas wohl gut gehen kann? – Es konnte. Und wie! Zwar fielen den Sparmaßnahmen ca. 150 Arbeitsplätze zum Opfer – das Schauspielensemble z.B. schrumpfte von ehemals 55 Schauspielern unter Beilharz auf derzeit 28, die zudem alle noch erheblich weniger verdienen. Dennoch, die künstlerische Qualität litt nicht. Im Gegenteil: Nach 3 Spielzeiten hat sich Weises Theater am Rhein endgültig etabliert; mit hervorragenden Inszenierungen hat man es geschafft, sich ein Stammpublikum zu erarbeiten. Zahlreiche ständig ausverkaufte Vorstellungen und Auslastungszahlen, die mit etwa 85% im Schauspiel weit über Bundesdurchschnitt liegen, sprechen für sich. So lobt denn auch die Bonner Oberbürgermeisterin <a href="http://www.baerbel-dieckmann.de/">Bärbel Dieckmann</a> voller Stolz die hiesige Theaterlandschaft: </p>
<blockquote><p>»Bonn ist zu Recht stolz auf seine hoch entwickelte Infrastruktur im kulturellen Bereich, auf seine Ensembles und Spielstätten […]. In unserer Stadt ist Theater dynamisch und stets in Bewegung begriffen.«</p>
<p><font size="-1">(Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann im Grußwort zum 8. Arbeitstreffen der freien Kindertheater, <a href="http://www.theater-marabu.de/SPURENSUCHE/spurensuche.html">»Spurensuche«</a>, im Bonner Theater Marabu)</font></p></blockquote>
<h5>3. Akt: &#8230; und nochmal sparen, bitte!</h5>
<p>Das alles hört sich trotz der anfänglichen Widrigkeiten nach einer bilderbuchreifen Erfolgsgeschichte an – doch just in dem Moment, in dem sich der Erfolg eingestellt hat, sorgt eben diese stolze Bürgermeisterin für Furore in den Theaterreihen. Denn als Belohnung für die erfolgreichen Einsparungen drohen dem Theater nun schon wieder drastische Einschnitte in Millionenhöhe – man hat ja schließlich eindrucksvoll bewiesen, dass man bei gleichbleibend hoher Qualität auf ein paar Millionen verzichten kann. </p>
<p>Dass erneut gespart werden musste, war ohnehin klar; das Theater selbst machte Vorschläge für Einsparungen von etwa 3 Millionen Euro – nicht genug, so die politischen Obrigkeiten. Stattdessen werden nun möglicherweise 8 Millionen eingefordert. Derartige Sparaktionen müssen allerdings notwendigerweise jede Dynamik, die laut Dieckmann die Bonner Theater ja auszeichnet, im Keim ersticken. Die einzige Bewegung, die dem städtischen Theater unter solchen Voraussetzungen überhaupt noch bliebe, wäre ein Rück(wärts)schritt, unter dem eine Sicherung der Vielfalt des künstlerischen Angebots sowie des Niveaus des Theaters kaum mehr möglich scheint.</p>
<p>Ungeachtet dessen tagt eine Kulturkommission, bestehend aus der Oberbürgermeisterin, dem Kulturdezernenten Dr. Ludwig Krapf und den Parteispitzen, hinter verschlossenen Türen und diskutiert über mögliche Kürzungen. Experten sitzen nicht mit am Entscheidungstisch – eine recht angenehme Methode, Einsparungen widerstandsfrei zu beschließen. Dass die Überlegungen, die in der Runde auf eben diesen Tisch kommen, dadurch zum Teil recht abstrus sind, beweist ein vertrauliches Ergebnisprotokoll einer Strukturkommissionssitzung, das Anfang März an die Öffentlichkeit gelangte und erstmals die Sparvorschläge ans Licht brachte:</p>
<p>Ein zentraler Aspekt innerhalb des Planes der Kommission sieht die <a href="http://www.fr-aktuell.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/?em_cnt=868825">Schließung der Kammerspiele Bad Godesberg</a> vor. Das Schauspiel soll in die Innenstadt ziehen, genauer gesagt in das Opernhaus, und hier seinen Platz entweder auf einer separaten Kammerbühne oder gleich mit auf der Opernbühne finden. Dass dies erhebliche Schwierigkeiten in Bezug auf die Proben- und Spielplandisposition zwischen den Sparten mit sich bringt, kann ja so dramatisch nicht sein, es wird doch ohnehin weit weniger gespielt. Denn bei derart hohen Kürzungen wäre jeder dritte Arbeitsplatz am Theater akut gefährdet, ein Wegfall von ca. 200 Stellen, von der Technik über die Verwaltung bis zu den Sängern und Schauspielern, ist zu befürchten. Von den Tänzern braucht dabei offenbar gar keine Rede mehr zu sein. In der Kommission wird längst »davon ausgegangen, dass es ab 2008/2009 keine separate Sparte Tanztheater mit eigenem Ensemble mehr geben wird«. Mit einer Gesamtauslastung von zuletzt nur knapp über 30% konnte Johann Kresnik, Leiter des Choreographischen Theaters, bislang in Bonn kein breites Publikum ansprechen. </p>
<p>Auch die Personalfrage ist noch nicht endgütig geklärt: 2008 laufen die Verträge des »theatralischen Dreigestirns« aus: Generalintendant Klaus Weise, der Chef des Choreographischen Theaters, Johann Kresnik, und Roman Kofman, Generalmusikdirektor. Letzterer gab jüngst bekannt, dass er nicht plane, seinen Vertrag darüber hinaus zu verlängern – womöglich um dem bevorstehenden Strukturwandel zuvorzukommen. Die Zukunft Kresniks scheint ebenfalls nicht am Bonner Theater zu liegen. Und Klaus Weise? Im Sparplan finden sich Überlegungen, ganz auf eine Generalintendanz zu verzichten. Wenn aber schon ein Generalintendant, dann werde »eine Persönlichkeit aus dem Bereich Musiktheater« präferiert, eigene Regiearbeiten sollen hinter einer »künstlerischen Gesamtverantwortung« zurückstehen. Dieses Profil passt nicht gerade auf Weise. Dessen Erfolg lässt sich allerdings angesichts der Besucherstatistik sowie seiner eigenen erfolgreichen Inszenierungen in Oper und Schauspiel nicht leugnen. </p>
<p>Diese Sparvorschläge sorgten in den letzten Monaten für Furore; die Schauspieler <a href="http://www.ksta.de/html/artikel/1144673428799.shtml">demonstrierten</a> und riefen nach den Vorstellungen immer wieder zur Unterstützung auf – fast 30.000 Unterschriften wurden für den Erhalt der Kammerspiele gesammelt und der Oberbürgermeisterin in einer Ratssitzung <a href="http://www.presse-service.de/static/63/638426.html">überreicht</a>. Auf ein öffentliches Statement seitens der Politiker wartet man indes vergeblich.</p>
<p>Eine Meldung aus der Wirtschaft stimmte kurzzeitig zuversichtlicher: Bonn steht ein unerwarteter <a href="http://www.general-anzeiger-bonn.de/index_frameset.html?/news/artikel.php?id=176751">Geldsegen</a> in Form von Steuereinnahmen ins Haus. Zusätzlich zu den bereits eingeplanten 260 Millionen Euro Gewerbesteuern erhält die Stadt unverhofft weitere 309 Millionen – dies verkündete die Oberbürgermeisterin in einer Pressekonferenz Anfang Juni. Damit geht es der Stadt finanziell plötzlich sehr viel besser – doch die Lokalpolitiker zeigen sich ob der Neuigkeit recht reserviert: »Wir werden weiter einen Kurs fahren, um das verbliebene Strukturdefizit abzubauen und die Entschuldung der Stadt voranzutreiben.« Die Worte von Werner Hümmrich (FDP) sind exemplarisch für die allgemeine Tendenz innerhalb der Fraktionen. Zudem stehe nicht der gesamte Millionenbetrag für Investitionen zur Verfügung, nur etwa 70 % könnten tatsächlich behalten werden, so Stadtkämmerer Ludger Sander. Schön und gut, aber selbst das wären noch mehr als 216 zusätzliche Millionen. Natürlich will die Stadt nicht noch einmal eine derartige Finanznot geraten, natürlich muss die Stadt auch für die Zukunft planen – aber ist nicht gerade das auch ein Argument für die Kultur? </p>
<p>»Unsere Stadt wächst und weiteres Bevölkerungswachstum ist prognostiziert«, so <a href="http://www.bonn.de/imperia/md/content/ratundverwaltunbuergerdiensteonline/oberbuergermeisterin/rede_ob_einzelhandelskonferenz190405.pdf">Bärbel Dieckmann</a> anlässlich einer Einzelhandelskonferenz im April. Wenn sich Bonn zudem mit großen Konzernen wie der Telekom und der Deutschen Post wirtschaftlich gegen andere deutsche Großstädte behaupten will, wäre doch wohl auch eine angemessene Kulturlandschaft eine lohnenswerte Investition. Ein Blick auf die Theater in vergleichbar großen Städten lässt für den zukünftigen Stand von Theater Bonn Schlechtes ahnen: Mannheim beispielsweise investiert bei 308.353 Einwohnern 47.194.000 Euro, Karlsruhe bei 282.595 Einwohnern 40.892.000 Euro, Wiesbaden bei nur 271.995 Einwohnern 38.041.000 Euro. Wo stünde dann noch Bonn mit 311.052 Einwohnern (Tendenz steigend) und einem zukünftigen Etat von nur noch etwa 28 Millionen (Tendenz fallend)? Welche renommierten Sänger und Schauspieler würden wohl angesichts einer solch fatalen Finanzlage noch das Risiko eines Gast- oder gar eines Festengagements eingehen?</p>
<p>Ob es am Theater Bonn in Zukunft nicht nur für die Sommerpause, sondern endgültig heißt: »Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus!«, wird sich zeigen. Bis Juli müssen die Fragen geklärt sein – und da sind Theaterferien. Also kann auch hier wieder mit einer weitgehend widerstandsfreien Entscheidung gerechnet werden. Na dann: Schöne Ferien!</p>
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