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	<title>Kritische Ausgabe &#187; K.A. Plus</title>
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	<description>Zeitschrift für Germanistik &#38; Literatur</description>
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		<title>Das neue Denken</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Jul 2010 23:12:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/poser_wasserfrau-150x150.jpg" align="left" alt="(Foto: Manfred Poser)" />Bei meinem netten Buchhändler Herrn Eberth in Heitersheim aus der Ramschkiste gefischt: »Das neue Denken«, dtv-Taschenbuch von Fritjof Capra, erschienen 1992. Das lesend, spürte ich wieder die Begeisterung, die mich in jenem meinem ersten Jahr in Freiburg am Institut (1992) bei der Lektüre der Bücher aus den 1980er Jahren beseelt hatte. Die Quanten waren Zen-Buddhismus, jüdische Mystik und Novalis in einem! Capra, der Innsbrucker, spricht in dem Buch mit Gregory Bateson, Krishnamurti, Werner Heisenberg, Stanislav Grof und Ronald D. Laing ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bei meinem netten Buchhändler Herrn Eberth in Heitersheim aus der Ramschkiste gefischt: »Das neue Denken«, dtv-Taschenbuch von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Fritjof_Capra">Fritjof Capra</a>, erschienen 1992. Das lesend, spürte ich wieder die Begeisterung, die mich in jenem meinem ersten Jahr in Freiburg am <a href="http://www.igpp.de/german/welcome.htm">Institut</a> (1992) bei der Lektüre der Bücher aus den 1980er Jahren beseelt hatte. Die Quanten waren Zen-Buddhismus, jüdische Mystik und Novalis in einem! Capra, der Innsbrucker, spricht in dem Buch mit Gregory Bateson, Krishnamurti, Werner Heisenberg, Stanislav Grof und Ronald D. Laing.</p>
<p>Damals glaubte man noch, das <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/New_Age#Das_Neue_Zeitalter">Wassermann-Zeitalter</a> stehe bevor! Es konnte nicht mehr lange dauern bis zum Paradigmenwechsel. Doch dann brach Ende 1989 der Kommunismus zusammen, und es kam ein Zeitalter für Hamster, Pfauen und Löwen. Die Welt musste für den schrankenlosen Konsumkapitalismus hergerichtet werden. Kürzlich meinte in der FAZ ein US-Professor, in den vergangenen 20 Jahren habe der Wohlstand im Westen unnatürlich zugenommen; das werde zurückgehen. 1990 hat es angefangen, dass alles effizient und in Geld messbar sein musste. Der Neoliberalismus führte den Kampf aller gegen alle wieder ein, der heute »Wettbewerb« heißt. Homo homini lupus! Statt einer Verlangsamung und des Buddhismus kamen eine Beschleunigung und der Computer.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/poser_wasserfrau.jpg" style="text-align:center; max-width:100%" alt="(Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Das Wassermann- – und Wasserfrau- – Zeitalter schien bevorzustehen &#8230;<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Reaktionäre haben wieder Oberwasser. Im April ist Nobelpreisträger <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Brian_D._Josephson">Brian Josephson</a> von einer Tagung wieder ausgeladen worden, weil er bekanntermaßen an Psi glaubt. Und alles ist bedroht, was nicht seine finanzielle Nutzbarkeit beweisen kann. An höheren italienischen Schulen sollte die Geographie fast ganz wegfallen (ich weiß nicht, was daraus geworden ist). Die Universität Middlesex in England will ihre ambitionierte Philosophie-Fakultät schließen, wie der Dekan am 26. April bekanntgab. Auch hier sind Proteste am Laufen.</p>
<p>Wir sind wieder ganz bodenständig geworden, sind reumütig zurückgekehrt zu den realen Problemen einer von Gier und Angst hin- und hergerissenen Industriegesellschaft, die hitzig redet und sich dabei die Ohren zuhält. Irgendwie sind wir in die zyklische Zeit der Majas eingetreten: die Zeit als Rad. Geschichtsschreibung hat keinen rechten Sinn mehr; alles wiederholt sich, nur unter anderen Vorzeichen und mit anderen Namen. Alle Avantgarde-Denker sind wieder in die Vergessenheit zurückgekehrt, und ihre Werke sind Ladenhüter. Das »vernetzte Denken« kann sich nirgendwo einklinken. Alles ist ohnehin vernetzt. Nur falsch.</p>
<p>Hier auf dem Land wollen sie in meiner Nähe einen Supermarkt bauen, und sicher werden sie bei der Vorstellung des Projekts von »Entwicklungsmöglichkeiten der Region« geredet haben. Bei einem kostenlosen Abend spielte in der Mehrzweckhalle eine Rumpel-Rockband aus Freiburg Stücke von vorgestern. Gab’s nichts Intelligenteres? Eine Heimataktion wurde ausgerufen (das Markgräflerland als »Heimat der Sinne«), unter deren Schirm alle möglichen Aktivitäten blühen. Auf der Straße sah ich einen vierjährigen Jungen, der die Mini-Imitation einer Kettensäge in der Hand hielt, die Sägegeräusche produzierte, und er hatte sogar gelbe Kopfhörer auf. Da wächst schon ein neuer Baumarkt-Kunde heran.</p>
<p>Etwas weiter haben sie schnell ein paar Flachbauten hingestellt, Parkplatz geteert, und fertig war das Zentrum mit Drogeriemarkt, Supermarkt, Billigboutique. Drumherum noch aufgewühlte Erde. Eine vulgäre Warenverteilanstalt, hingeknallt im Namen des Zynismus und des schnellen Geldes. Aber die Leute füllen den Parkplatz und kaufen den Ramsch. Einkaufen als Freizeitbeschäftigung. Und abends RTL.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/poser_winner.JPG" style="max-width:100%" alt="(Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">And the Winner is &#8230;<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Unser Gärtlein</h5>
<p>Aber wie war das damals? Da gab es die hoffnungsvollen 1970er Jahre, begonnen mit Willy Brandt, in denen alte Konzepte in Frage gestellt wurden. Die Rockmusik gab der Jugend, die unter der Knute der Autorität lebte, eine Stimme. Kanzler Helmut Schmidt und US-Präsident Jimmy Carter (davor Gerald Ford als Nachfolger von Nixon) regierten. In der populären Musik forderten Disco und Soul den männerlastigen Hardrock heraus, und in der Politik standen sich die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion gegenüber.</p>
<p>Den alten Männern in der UdSSR entsprachen die Giganten der Rockmusik. Es waren zwar junge Leute, doch schon 1976 und 1977 hatte man das Gefühl, dass sie keine Einfälle mehr hatten. Pink Floyd, Led Zeppelin und Deep Purple legten immer schwächere Alben vor, Disco hatte eine Alternative zum Wummern der Bässe zu bieten, und dann kam als Erneuerung der böse Punk (Van Halen war eine Offenbarung); anscheinend war in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre alles in Bewegung, es gärte, und dazu passte auch das neue Denken mit der Quantenphysik als zeitgenössischer Variante der Mystik.</p>
<p>Die 1980er Jahre waren hedonistisch, man verdiente gut, die Musik wurde ätherisch und überproduziert, und am Ende des Jahrzehnts hatten wir hier House und Techno (in ihren Anfängen), dort den Hip Hop. Das war im Grunde die alte Konfrontation Disco/Rock in einem anderen Gewand. Auch am neuen Denken wurde weitergedacht. Dann kam 1989. Und seither? Ich wiederhole mich, ich wiederhole mich. Die Wiederholung der Wiederholung.</p>
<p>Alles ist zu einer großen Maschinerie geworden. Es gibt keinen Zauber des Anfangs mehr. Jede Sensation war schon einmal da, auch wenn ich es für möglich halte, dass es meine persönliche Desillusionierung ist. Der Feminismus hat einen immer schwereren Stand. Die Medien fressen uns auf. Zu viele Events. Wir wissen zu viel und zu wenig. Doch: Obama! Beyoncé! Messi! (Das waren früher: Carter! Whitney Houston! Beckenbauer!) Jeder Mensch muss sein persönliches Fazit ziehen.</p>
<p>Wir haben vergessen, was wir vergessen haben. Aber es gibt die Bücher. Es gab sie immer. Autoren guter Bücher zitieren weitere gute Bücher; eins führt zum anderen. Das ist unser Komplott, die Verschwörung der Guten. Ein paar Verleger wollten diese Bücher machen, wohl wissend, dass sie kein Erfolg sein würden. Auf der Welt sein mussten diese Bücher. Diese Verleger hätten sich verachtet, hätten sie Bücher für den Normalgeschmack gemacht.</p>
<p>Jemand muss es tun. Wenn nur ein Mensch die <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/3090/">Tora</a> studiert, hält er die Welt am Laufen. Dieser Gelehrte will keine Medaille; er meint einfach, dass jemand die Tora studieren müsse, und warum nicht er? Nur die, die Zweckloses tun, seien unersetzlich, hat Theodor W. Adorno einmal geschrieben. Also studieren wir die verwegensten Fächer, die verrücktesten Thesen, wir pflegen unser eigenes Geistes-Gärtlein, und niemand kann uns das verwehren. Vielleicht ist das der einzige Gestus des Protestes, der heute noch möglich ist.</p>
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		<title>Schwarz und Weiß</title>
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		<pubDate>Fri, 09 Jul 2010 05:30:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/poser_alphabet_kl.jpg" align="left" alt="(Foto: Manfred Poser)" />Esra ben Salomon aus Gerona schreibt in seinem Kommentar zum Hohelied, die Tora (die fünf Bücher Moses oder der Pentateuch) enthalte auch nicht einen überflüssigen Buchstaben oder Punkt, »weil sie in ihrer göttlichen Totalität einen Bau darstellt, der aus dem Namen des Heiligen, gelobt sei Er, ausgehauen ist«. Und der Autor des Buches <em>Sefer Jesirah</em> (3. Jahrhundert) schildert, wie der Schöpfer aus der Urluft die 22 hebräischen Urbuchstaben herausholte ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<dl style="width:250px; float:left; padding:2px 6px 6px 0; margin:2px 6px 6px 0">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/poser_alphabet.jpg" width="250" alt="An einem Haus in Offenbach/Main (Foto: Manfred Poser)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Ausschnitt aus dem Alphabet.<br />
An einem Haus in Offenbach/Main.<br />
(Foto: Manfred Poser)</dd>
</dl>
<p>Esra ben Salomon aus Gerona schreibt in seinem Kommentar zum <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hohes_Lied">Hohelied</a>, die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Tora">Tora</a> (die fünf Bücher Moses oder der Pentateuch) enthalte auch nicht einen überflüssigen Buchstaben oder Punkt, »weil sie in ihrer göttlichen Totalität einen Bau darstellt, der aus dem Namen des Heiligen, gelobt sei Er, ausgehauen ist«.</p>
<p>Und der Autor des Buches <em><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sefer_Jetzira">Sefer Jesirah</a></em> (3. Jahrhundert) schildert, wie der Schöpfer aus der Urluft die 22 hebräischen Urbuchstaben herausholte. 1:11 des <em>Sefer Jesirah</em> sagt auf Englisch: »Three: Water from Breath / With it He engraved and carved (22 letters from) / chaos and void /mire and clay / He engraved them like a sort of wall / He covered them like a sort of ceiling …«</p>
<p>Rabbi Aryeh Kaplan erläutert die Zeilen »Wasser von Atem / Damit grub er ein und scharrte 22 Lettern aus &#8230;« so:</p>
<blockquote><p>»Hier spricht das <em>Sefer Jesirah</em> über den Anfang der geschriebenen Lettern. Die gesprochenen Buchstaben entstammen dem Atem, aber damit geschriebene Lettern entstehen können, muss eine Schreibflüssigkeit dasein wie die Tinte. Das setzt den flüssigen Zustand voraus, dessen Prototyp das Wasser ist. Diese Flüssigkeit wird als Schlamm und Lehm (mire and clay) erwähnt.«</p></blockquote>
<p><em>Tohu wabohu</em> kommt zu Beginn der Schöpfungsgeschichte vor. Tohu benennt die pure Substanz, die keine Information enthält. Bohu ist reine Information, die sich nicht auf Substanz bezieht. Mit Bohu (Information) konnten die Buchstaben des Alphabets in Tohu (Substanz) eingegraben werden. Es heißt: »Eingraben wie einen Garten, formen zu einer Wand, abschließen mit einer Decke.« Damit ist gemeint, man solle die Grundlinien der hebräischen Buchstaben eingraben, die dünneren Seitenlinien aufrichten und die Oberlinien darauflegen: So, sagen die Gelehrten, sei auch der Raum entstanden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Der Raum</h5>
<p>Raum – er ist alles zwischen den Buchstaben und um die Buchstaben herum. In Büchern und auf Papier ist dieser Raum weiß, und der Anteil der Farbe Weiß auf einer Seite ist ein Vielfaches des Schwarzen (vermutlich würde der Anteil von Materie im Universum einem Punkt auf der Seite entsprechen; wenn überhaupt). In der Typografie gibt es daher das Problem der »Irradiation«. Auf einem didaktischen Typografie-Plakat lesen wir:</p>
<blockquote><p>»Weiße Flächen und Striche neigen auf einer dunklen Fläche zum Überstrahlen. Auf den Schriftsatz angewandt, hat dies ein leichtes Erweitern der Buchstabenzwischenräume zur Folge. Gleiches gilt auch für den Schriftsatz von Schildern, die auf große Entfernung gelesen werden: Der weiße Untergrund überstrahlt die schwarze Schrift.« (Andreas Maxbauer)</p></blockquote>
<dl style="width:250px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/ritualandspace.jpg" width="250" alt="»Ritual and Space« von Fred Thompson" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Titelblatt des dünnen Buches »Ritual and Space«<br />
von Fred Thompson (1980).</dd>
</dl>
<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Roland_Barthes">Roland Barthes</a> (1915-1980) hat in seinem Buch <em>Das Reich der Zeichen</em> über die japanische Sprache geschrieben. <em>Mu</em> ist die Leere, <em>ma</em> ist der Zwischenraum, die Pause. Die Signifikanten verweisen nicht immer auf ein Signifikat; viele komplexe Zeichen, viel Leere dahinter und kein Gott. Das Subjekt der Äußerungen ist eine große leere Sprachhülle und wird ausgeblutet und aufgelöst durch eine »bis zur völligen Leere parzellierte, partikularisierte und zerstreute Sprache«. Der ganze Körper spreche mit, alles müsse gedeutet werden, der Sinn liege im Ganzen.</p>
<p>Auch das japanische (oder asiatische) Konzept von Raum ist ein anderes. Ma oder Raumzeit ist ein Kontinuum, wie der Architekturexperte Fred Thompson erläuterte, und nicht fragmentiert oder eingeteilt; es ist eher die Leere des Raums, der seine Form nur im Verhältnis zu unsichtbaren Grenzen findet. Das architektonische <em>ma</em> ist der Raum zwischen Pfeilern. Im östlichen Konzept von Architektur gibt es kein Innen oder Außen, und die Sicherheit muss aus dem Geist kommen, nicht von der physischen Form.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Schriftlich und mündlich</h5>
<p>Im Judentum ist die Tora jedoch nur dann ein Ganzes, wenn man die schriftliche und die mündliche, die Moses gemeinsam mit der schriftlichen empfing, zusammen nimmt.</p>
<blockquote><p>»Der feurige Organismus der Tora, die in schwarzem auf weißem Feuer vor Gott brannte, wird von ihm nun dahin verstanden, dass das weiße Feuer die schriftliche Tora ist, in der die Form der Buchstaben noch nicht hervortritt, sondern solche Form der Konsonanten oder Vokalpunkte erst durch die Kraft des schwarzen Feuers erhält, welches die mündliche Tora ist. Dies schwarze Feuer ist wie die Tinte auf dem Pergament.«</p></blockquote>
<p>Die schriftliche Tora kann nur durch die mündliche wahrhaft verstanden werden. Das bedeutet: Es gibt überhaupt keine schriftliche Tora. »Fürwahr eine weitreichende Idee!«, kommentiert <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gershom_Scholem">Gershom Scholem</a> begeistert. Was wir schriftliche Tora nennen, sei selber schon durch das Medium der mündlichen gegangen, sei nicht mehr im weißen Licht verborgene Form, sondern aus dem schwarzen Licht hervorgetreten.</p>
<blockquote><p>»Alles, was wir in der Tora in festen Formen, mit Tinte auf Pergament geschrieben, wahrnehmen, sind letzten Endes schon Deutungen, sind nähere Bestimmungen des Verborgenen. Es gibt nur mündliche Tora, das ist der esoterische Sinn dieser Worte, und schriftliche Tora ist nur ein mystischer Begriff. Er erfüllt sich nur in einer Sphäre, die allein Propheten zugänglich ist.«</p></blockquote>
<p>Das schreibt Scholem in <em>Zur Kabbala und ihrer Symbolik</em>. Die Ägypter fanden durch Hermes Trismegistos zur Schrift, aber die Inder der prähistorischen Zeit etwa hielten jede Fixierung von Gedanken für eine Entweihung des Göttlichen; alles wurde nur mündlich überliefert.</p>
<p>Ich hatte früher immer Unsterbliches schreiben wollen – gut, dass dies nun relativiert wird. Denn Schreiben und Lesen war eine spätere Entwicklung. Professor Ernst Pöppel <a href="http://www.faz.net/s/RubCEB3712D41B64C3094E31BDC1446D18E/Doc~EF8D179F2E8204D279AA216E94EA97883~ATpl~Ecommon~Scontent.html">sagte</a> unlängst der FAZ: »Die ursprüngliche Kommunikation zwischen Menschen bestand im gesprochenen Wort, zusammen mit Mimik und Gestik. Die Einführung der Schrift war eine Revolution, denn durch sie werden Hirnareale fremdgenutzt. An sich ist Lesen also ein Missbrauch des Gehirns.«</p>
<p>In dem also sein Gehirn missbrauchenden Leser entsteht erst das Buch, da er seinen mündlichen Kommentar dazutut; er füllt das Weiße mit seinen Gedanken und erschafft sein eigenes Buch; das schriftlich vorliegende Buch ohne Leser ist nichts. Was dasteht, ist eigentlich aus der Fülle der Geschichten, aus dem Universum herausgelöst und auf das Papier als Oberfläche übertragen worden. Die Zahl der möglichen Geschichten ist unendlich; was fixiert ist, ist eine davon; doch durch die unendlich möglichen mündlichen Interpretationen ist diese Geschichte, wie immer sie geschrieben sein mag, gleichzeitig alle Geschichten.</p>
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		<item>
		<title>Ordnung und Sprache</title>
		<link>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/3070/</link>
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		<pubDate>Thu, 24 Jun 2010 22:26:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/poser_lindau_kl.jpg" class="right" alt="(Foto: Manfred Poser)" />Der Sortier-Engel fühlte sich vernachlässigt, kam vorbei, half mir ein wenig, und im Wegfliegen flüsterte er mir ins Ohr, ich möge doch etwas zur Ordnung im Universum sagen; das hätten ihm deutsche Physiker aufgetragen ... und dann war er weg.

Wo anfangen? Beim Anfang, beim Urknall. Danach war plötzlich Materie da. Sie besteht aus <em>Protonen</em>, <em>Neutronen</em> und <em>Elektronen</em>. Dann, 1932, spürte Carl Anderson in der Höhenstrahlung das <em>Positron</em> auf, das erste Beispiel eines Antiteilchens. Es lebt nicht lange und wird beim Zusammenstoß mit dem Elektron eliminiert. 1955 entdeckte man im Beschleunigerlabor das <em>Antiproton</em>. Jedes Teilchen hat sein Antiteilchen. Das weiß man theoretisch ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2744/">Sortier-Engel</a> fühlte sich vernachlässigt, kam vorbei, half mir ein wenig, und im Wegfliegen flüsterte er mir ins Ohr, ich möge doch etwas zur Ordnung im Universum sagen; das hätten ihm deutsche Physiker aufgetragen &#8230; und dann war er weg.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Anfangen beim Anfang</h5>
<p>Wo anfangen? Beim Anfang, beim Urknall. Danach war plötzlich Materie da. Sie besteht aus <em>Protonen</em>, <em>Neutronen</em> und <em>Elektronen</em>. Dann, 1932, spürte <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_David_Anderson">Carl Anderson</a> in der Höhenstrahlung das <em>Positron</em> auf, das erste Beispiel eines Antiteilchens. Es lebt nicht lange und wird beim Zusammenstoß mit dem Elektron eliminiert. 1955 entdeckte man im Beschleunigerlabor das <em>Antiproton</em>. Jedes Teilchen hat sein Antiteilchen. Das weiß man theoretisch.</p>
<p>»Aber in unserem heutigen Universum gibt es keinen Hinweis auf die Existenz von Antimaterie«, sagte <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Konrad_Kleinknecht">Konrad Kleinknecht</a> 2002 in einem Vortrag vor der nordrhein-westfälischen Akademie der Wissenschaften. »Beim Urknall entstand Materie und Antimaterie bei sehr hohen Temperaturen in gleichen Mengen, denn die Kräfte, die für die Erzeugung von Materie aus Licht in Frage kommen, sind völlig symmetrisch bezüglich Materie und Antimaterie.« Warum aber sind wir hier in dieser schönen Welt; wieso haben sich Materie und Antimaterie nicht gegenseitig annulliert? Warum gibt es, wie der Philosoph fragt, »etwas und nicht vielmehr nichts«?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/poser_lindau.jpg" style="max-width:100%" alt="Am Hafen von Lindau am Bodensee (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Symmetrie und Spiegelung am Hafen von Lindau am Bodensee.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der russische Physiker <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Andrei_Dmitrijewitsch_Sacharow">Andrej Sacharow</a> dachte, dass es eine Kraft geben müsse, die die tief verankerte Symmetrie verletzt habe und den Überschuss an Materie verursachte. Diese schwache Kraft konnte nachgewiesen werden: Man spricht von der Verletzung der CP-Symmetrie (charge/parity). Wunderbar. Dann lese ich am 29. März in der <a href="http://www.faz.net/s/Rub163D8A6908014952B0FB3DB178F372D4/Doc~EC7E254C2B2EB42F4A398105250045C81~ATpl~Ecommon~Scontent.html">FAZ</a>: »So ist noch immer unklar, warum es im Universum Materie gibt, aber keine Antimaterie, obwohl doch beides ursprünglich zu gleichen Teilen aus dem Urknall hervorgegangen ist. Warum gibt es vier Naturkräfte? Und woraus besteht die dunkle Materie, die den überwiegenden Teil der Materie des Kosmos ausmacht, aber selbst mit den leistungsfähigsten Teleskopen nicht gesichtet werden kann?«</p>
<p>Da denken Dutzende Wissenschaftler Jahrzehnte herum und finden etwas, und dann wird es wieder ignoriert, weil es zu kompliziert ist. Sagen wir doch einfach, man weiß es nicht, merkt doch keiner. Schon Pythagoras sah Symmetrien als Prinzip der Natur, und die Symmetrie mathematischer Beziehungen findet ihre Entsprechung in der Natur. Zu jeder Symmetrie gibt es, wie die Mathematikerin <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Emmy_Noether">Emmy Noether</a> herausfand, den entsprechenden Erhaltungssatz. Und bei Elementarteilchen könnte jede Reaktion auch spiegelbildlich ablaufen. Sie leben in einer anderen Welt als der unsrigen, die der »Zeitpfeil« diktiert.</p>
<p>Jedes Teilchen hat seinen Partner, es gibt Komplementarität und auch Ähnlichkeit, auf jeden Fall eine ganze Menge Anziehung im Elementarbereich. Die Kabbala erklärt die Schöpfung poetisch-philosophisch. <a href="http://www.willparfitt.com/">Will Parfitt</a> erläutert das in seinem Buch <em>Kabbalah</em> so: Am Anfang war da ein Punkt, Kether, die Nummer 1.  Er will mehr und betrachtet sich, dupliziert sich; eine Linie zu Punkt 2 entsteht: zu Chokmah, der Weisheit. Aber erst drei Punkte können sich unterscheiden und bilden eine Oberfläche: Binah, Nummer 3, wird hinzugefügt: die Bewusstheit. Dieses »Übernatürliche Dreieck« ist durch einen Abgrund von der konkreten Welt getrennt. Die Trennung ist Absicht, um den abgespaltenen Teilen die Chance zu geben, durch Vereinigung und Liebe zusammenzukommen.</p>
<p>Die chilenischen Biologen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Humberto_Maturana">Humberto Maturana</a> und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Francisco_Varela">Francisco Varela</a> haben dies ebenfalls erkannt. In ihrem Buch <em>Der Baum der</em> <em>Erkenntnis</em> (1987) schreiben sie: »Die einzige Chance für die Koexistenz ist also die Suche nach einer umfassenderen Perspektive. [...] Wir haben nur die Welt, die wir zusammen mit anderen hervorbringen, und nur Liebe ermöglicht uns, diese Welt hervorzubringen.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Wir müssen auf unsere Sprache achten</h5>
<p>Wie sie dann aussieht, hängt von uns ab. Wenn wir Liebe und Zusammensein in den Mittelpunkt stellen, entsteht eine andere Welt, als wenn wir Unabhängigkeit und Trennung betonen. Der amerikanische Physiker <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/David_Bohm">David Bohm</a> meinte, Ordnen sei ein »dynamischer Prozess zwischen Subjekt und Objekt«. Statt die Polarität Ordnung/Unordnung aufzubauen, sollten wir lieber von Graden von Ordnung sprechen. Ordnung heiße, auf ähnliche Unterschiede und unterschiedliche Ähnlichkeiten zu achten. Wir müssten auf unsere Sprache achten, mahnte er vor allem in seinen Büchern <em>Die implizite Ordnung</em> (1984) und Die <em>verborgene Ordnung des Lebens</em> (1988).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/poser_goetheschiller.jpg" style="max-width:100%" alt="Goethe und Schiller (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Teilchen und Antiteilchen: Goethe und Schiller.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>David Bohm wünschte sich, man möge keine negativen Worte verwenden. »Gerade die Bekämpfung des Bösen – die Annahme des Bösen – trägt zur Vermehrung des Bösen bei. [...] Wir teilen, was unteilbar ist; wir vereinen, was unvereinbar ist. Es sieht so aus, als sei die Fragmentierung ironischerweise der einzige universelle Zug in unserer Lebensweise, der alles uneingeschränkt und grenzenlos ergreift.« Das führe zu Krisen, zu Verwirrung, zur Vergeudung von Energie.</p>
<p>Man solle keine Trennung zwischen dem Denkvorgang und dem Inhalt vornehmen: »Die Einheit von Prozess und Inhalt entspricht der Einheit von Beobachter und Beobachtetem.« Das heißt: So schreiben, wie es <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1534/">Blogger</a> tun oder wie ich frank und frei erkläre, welche Gedanken zu meinem Thema führten. (Wenn es geht. Es gibt Textformen, etwa die wissenschaftliche Arbeit oder der Bericht ans Management, wo das eben nicht möglich ist.) Und »das Messbare und das Unermessliche in Harmonie setzen. Der Mensch sollte seine volle schöpferische Energie der Untersuchung auf dem Feld des Messens widmen. Das ist schwierig und mühsam.«</p>
<p>Ein weiterer Wunsch des Physikers: »Dem Verbum die tragende Rolle zumessen. Im Hebräischen war das Verb primär. In gleicher Weise werden wir uns nun einen Modus überlegen, bei dem die Bewegung die erste Stelle in unserem Denken einnimmt und bei dem dieser Gedanke so dem Sprachraum einverleibt wird, dass wir dem Verb anstelle des Substantivs die Hauptrolle zugestehen.« <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Bertrand_Russell">Bertrand Russell</a> meinte, unsere übliche Satzstellung bringe Vorurteile mit sich; wir sollten sie überdenken. Und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Osho">Bhagwan Shree Rajneesh</a> sagte: »Sprache als solche ist ein Muster / Sprache ist Ideologie. [...] Worte sind wie die beiden Ufer eines Flusses. [...] Vergiss die Ufer. Schau zwischen sie.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Der Prozess des Werdens von Wissen </h5>
<p>Es müsse ein Denken, sagt Bohm, das Alles zum Inhalt hat, »als eine Form von Kunst wie etwa Dichtung betrachtet werden, deren Aufgabe in erster Linie darin besteht, eine neue Wahrnehmung sowie ein Handeln, das in dieser Wahrnehmung angelegt ist, entstehen zu lassen, anstatt ein spiegelbildliches Wissen davon zu vermitteln, ›wie alles ist‹.« Ein Prozess müsse deutlich werden, dessen Form und Inhalt sich dauernd veränderten. Das sei der Prozess des »Werdens von Wissen«.</p>
<p>Unsere Sprache spiegelt leider oft unsere Einfallslosigkeit wieder: Es ist, was ist.  Heute wird geschrieben wie vor 200 Jahren. Alles ist hemmungslos verbürgerlicht. Viele Leute projizieren ihre simplen Weltbilder auf eine naive Leserschaft, die nach der Lektüre nur gut schlafen können möchte. (Oder es gibt den kalkulierten Skandal, der auch seine Rolle im Geschäft hat.) Die Avantgarde ist verbeamtet oder spielt im Internet herum; die Wissenschaftler bleiben brav unter sich. Die Schüler speist man mit den Maxwellschen Feldgleichungen und Impulsrechnungen ab. So kann man schön weltfremd sein mit einer Ordnung, die von gestern ist. Bürgerliche Ruhe.</p>
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		<title>Der Schein trügt</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Jun 2010 06:00:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benedikt Viertelhaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Auf die Ohren!]]></category>
		<category><![CDATA[Diskussion]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/schoeftland2.jpg" alt="Die Band Schöftland (Foto: © Schöftland, Bern)" title="Die Band Schöftland (Foto: © Schöftland, Bern)" width="150" height="100" class=right />Die Informationsfülle im Internet bietet nur wenig orientierenden Überblick über das gesamte Tagesgeschehen. Schnell geht dabei etwas unter, das einen im Grunde auch interessiert hätte. Die Alternative heißt bis heute Tageszeitung, in deren Feuilleton man zum Beispiel auf eine Rezension des Albums <em>Der Schein trügt</em> der Berner Band Schöftland stoßen konnte …<br />&#160;]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<dl style="width:300px; float:left; padding:2px 6px 6px 6px; margin:2px 6px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/NZZ2.JPG" alt="Titel der »Neue Zürcher Zeitung« (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" title="Titel der »Neue Zürcher Zeitung« (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" width="300" height="209" /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Start in einen gelungenen Tag:<br />
Der Blick in die Tageszeitung<br />
(Foto: © Benedikt Viertelhaus)</dd>
</dl>
<p>Seit das Internet zu einem allgemein zugänglichen Medium geworden ist, leidet die Tageszeitung weltweit eine Absatzkrise. Es ist in den letzten Jahren viel darüber spekuliert worden, wo die Antworten liegen könnten, um dieses alte Medium zu retten. Schnell geht es dann um Möglichkeiten des ›paid content‹, bezahlten Inhalten, um im Internet, ergänzend zum gedruckten Blatt, Geld zu verdienen. Das Internet aber hat, daran darf man nicht vorbeireden, eine Kostenlosmentalität gefördert, auf die es zu antworten gilt und der Internetnutzer hat ein anderes Verhalten als der Leser einer Tageszeitung. Solange der User seine Informationen kostenlos bekommen kann, ist zu erwarten, daß er dafür nicht zahlen wird. Das gilt neben den Nachrichten, die früher unter anderen Medien die Zeitung lieferte, für Musik, Filme, Lexikonartikel und vieles mehr. Eine Lösung sucht man in Begriffen wie dem <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1480/">»Qualitätsjournalismus«</a>. Darin steckt der Gedanke, daß ich bei bezahlten Medien Informationen bekomme, deren Richtigkeit ich mir sicher sein kann, bzw. daß Fehler, die immer mal passieren, in einer der nächsten Ausgaben korrigiert werden. Redakteure werden für ihre Arbeit bezahlt, der Blogger oder der Autor eines Wikipedia-Artikels nicht, ist aber womöglich ein richtiger Experte in seinem Gebiet. Der Vorteil, den ich mir mit einer Tageszeitung ins Haus hole muß also ein anderer sein, wenn ich an alle Informationen auch kostenlos komme. Oder ist es reine Nostalgie, die einige noch zum Zahlen für Journalismus veranlaßt?</p>
<h5>»Alle geben gerne Auskunft – aber niemand kann richtig Auskunft geben«</h5>
<p>Vielleicht, dachte ich lange, bin ich einer dieser hoffnungslosen Nostalgiker, die täglich ihre Zeitung brauchen, weil es zu einem gelungenen Tag gehört, sich morgens einen Überblick über die Geschehnisse in der Welt zu machen. Aber was würde ich über Frankreich erfahren, wenn nicht gerade Präsidentenwahlkampf ist, was über Iran, wenn nicht gerade ein allgemeines Interesse an den Entwicklungen bestünde? Mit der Tageszeitung bekommen wir einen Überblick geboten, den uns das Internet trotz, oder wegen, der Fülle an Informationen kaum bietet. Die Breite an Information, die das Internet bietet, ist unendlich groß, aber schnell verliert man beim Surfen die Sicht auf das Relevante. Eine Tageszeitung ist einen Tag aktuell und hat eine letzte Seite. Das Internet ist immer aktuell und kennt keine letzte Seite. Schnell bleibt man daher orientierungslos im Informationsüberfluß stecken, besucht nur die ersten 20 Googletreffer, schaut für die Tagesnachrichten nur noch bei <em>Spiegel Online</em> über die Startseite, liest, wo einen die interessanten Überschriften hinleiten, weiter aber selten. Und genau da liegt eines der größten Probleme, die das Internet hat. Es hilft der Vertiefung, vereinfacht die Recherche, verhindert aber mitunter die Teilhabe am »ganzen Leben«. Die Tageszeitung liefert täglich einen Ausschnitt dessen, was die Redakteure für relevant halten. Ich bin ihnen zwar diesbezüglich ausgeliefert, finde aber eine Orientierung über das Tagesgeschehen. Nur dem Radio bin ich, solange es läuft, in ähnlicher Weise ausgeliefert. Eine Ergänzung liefert mir das Internet je danach, wenn ich Informationen vertiefen will oder Zweifel an der Interpretation habe.</p>
<p>Die Tages- oder Wochenzeitung und das Radio verleiten dazu, an Dingen hängenzubleiben, nach denen man im Internet nicht gesucht hätte. Man kann hier Entdeckungen machen, ohne Link, ohne Referenz, die von Themen ausgeht, über die man sich gerade eh informierte, und daher mindestens in einem ähnlichen Spektrum verortet sind. Sich über Tageszeitungen informiert zu halten, ermöglicht viel stärker, an gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, als das im Internet der Fall ist. Die Selektion der Themen ist breiter und nur übers Internet informiert läuft man Gefahr, sich z.B. nur über die aktuelle Kultur zu informieren. Man könnte sagen, es wäre wie wenn ein SPD-Mitglied nur den <em>Vorwärts</em> lesen würde und denken, er sei informiert. Bei einer Tageszeitung, die den Versuch unternimmt unparteiisch zu sein, sollten Ansätze aller Parteien kritisch betrachtet werden. </p>
<p>Beim Lesen der Zeitung wird der Leser verleitet, von einer Überschrift schneller in Artikel rein zu lesen, als auf Onlineplattformen einem Überschriftenlink zu folgen. Zwar kann sich im Internet jeder äußern, aber die Wahrscheinlichkeit, gelesen und wahrgenommen zu werden, ist gering. Wer meint, das Internet sei aufgrund der breiten Äußerungsmöglichkeiten demokratischer, der muß auch die Frage stellen, ob Demokratie grundsätzlich die Separation in einzelne Interessensgebiete bedeutet oder ob die Willensbildung nicht vor allem auch einen Allgemeinbildungsprozeß erfordert. Im Internet ist jedoch vor allem ein breites Nebeneinanderher zu beobachten. </p>
<dl style="width:300px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/schoeftland2.jpg" alt="Die Band Schöftland (Foto: © Schöftland, Bern)" title="Die Band Schöftland (Foto: © Schöftland, Bern)" width="300" height="200" /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Die Berner Band Schöftland<br />
(Foto: © <a href="http://www.schoeftland.com/fuer">Schöftland</a>)</dd>
</dl>
<p>Daß dies ein Problem des Internets ist, ist mir anhand eines Beispiels aufgefallen, das verdeutlicht hat, wie sehr die Zeitung diesen allgemeinbildenden Vorteil hat. Auf die Berner Band <a href="http://www.schoeftland.com/">Schöftland</a> wäre ich im Internet so schnell nicht gestoßen, auch wenn es jene Verweise gibt, die da hätten nachhelfen können: Verstärkung bekommen die Schweizer auf ihrem phantastischen Album Der Schein trügt von zwei Gastsängern, die viele Musikinteressierte auf das Debut aufmerksam machen könnten: <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/210/">Nils Koppruch</a> und <a href="http://www.gisbertzuknyphausen.de/">Gisbert zu Knyphausen</a>. Verdanken muß ich die musikalische Entdeckung des Frühjahrs aber der <em>Neuen Zürcher Zeitung</em>, die auf ihren »Kultur Zürich«-Seiten immer wieder Platten der Bands vorstellt, die in ein paar Tagen in der Gegend spielen werden. »Hochdeutsch zu singen, ist in der Schweiz nicht nur aussergewöhnlich, sondern auch mutig, denn Englisch ist die Sprache der Rockmusik geblieben, Mundart der Schlüssel zum Erfolg im Pop«, heißt es in <a href="http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/pop_und_jazz/gluecklich_machende_melancholie_1.4457797.html">dem Artikel </a>direkt zu Anfang. Den Verweis auf die Band lieferte also die Zeitung, die starke These als Einstieg in den Artikel das Interesse zu einem Weiterlesen.</p>
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		<title>Lookism oder die hässliche Seite der Schönheit</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Jun 2010 06:00:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Roberto Jurkschat</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskussion]]></category>
		<category><![CDATA[Wunderliches]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/foto-lookism.jpg" alt="Fight-Lookism-Streetart in Berlin (Foto: © Projekt L)" title="Fight-Lookism-Streetart in Berlin (Foto: © Projekt L)" width="150" height="113" class="right" />Unter dem Begriff ›Schönheit‹ verstand man einmal »interessenloses Wohlgefallen«, aber das ist inzwischen lange her. Die gesellschaftliche Bedeutung des äußeren Erscheinungsbildes, des Stylings, des Gewichts und der Körpergröße, hat längst die Grenzen der Pathologie durchbrochen. Ob Essstörungen, plastische Chirurgie oder Diskriminierung. Ignorierbar sind die verheerenden Folgen des Schönheitswahns eigentlich schon lange nicht mehr – auch nicht für die Politik. Doch der Druck zur Anpassung an das Ideal sichert der Kosmetikindustrie jährlich Gewinne in Milliardenhöhe …]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<dl style="width:300px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/Nasenformer.JPG" alt="Werbeanzeige für einen Nasenformer (1927)" title="Werbeanzeige für einen Nasenformer (1927)" width="300" height="225" /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Plastische Chirurgie anno 1927: In der Zeitschrift <em>Wochenblatt</em> wurde der Nasenformer beworben.<br />
Ziel: die »griechisch-römische Normalnase«.</dd>
</dl>
<p>
<div style="color: #777;"><em>Unter dem Begriff ›Schönheit‹ verstand man einmal »interessenloses Wohlgefallen«, aber das ist inzwischen lange her. Die gesellschaftliche Bedeutung des äußeren Erscheinungsbildes, des Stylings, des Gewichts und der Körpergröße, hat längst die Grenzen der Pathologie durchbrochen. Ob Essstörungen, plastische Chirurgie oder Diskriminierung. Ignorierbar sind die verheerenden Folgen des Schönheitswahns eigentlich schon lange nicht mehr – auch nicht für die Politik. Doch der Druck zur Anpassung an das Ideal sichert der Kosmetikindustrie jährlich Gewinne in Milliardenhöhe.</em></div>
</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://www.facebook.com/pages/Dr-Stephen-T-Greenberg/49940060324">Steven T. Greenberg</a> ist Schönheitschirurg in Woodbury, einem beschaulichen Vorort New Yorks, unweit der Küste. In seiner Praxis herrscht regerer Betrieb, als bei Fachkollegen in der Umgebung. Bei ihm gibt es das sogenannte »Jobfighter Package«, eine Mischung aus Brustvergrößerung, Face-Lifting und Botox zum Sonderpreis. Die Patienten im Wartezimmer sind vorwiegend weiblich, älter als 30 und arbeitslos. Ihnen wird suggeriert, nach einer Schönheitsoperation bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und obendrein einen höheren Stundenlohn zu erhalten. </p>
<p>Als bekannt wurde, dass der Chirurg von gesellschaftlicher Not profitieren will, häufte sich öffentlicher Protest. Greenberg habe eine Grenze überschritten, <a href="http://blogs.wsj.com/wallet/2009/03/27/cant-find-a-job-get-a-facelift/tab/article/">hieß es</a>. Infragestellen möchte den Zusammenhang zwischen Schönheit und beruflichem Erfolg zwar eigentlich keiner mehr, da er von Psychologen ohnehin bereits seit Jahrzehnten vermutet wird. Aber der offensive Umgang mit diesem Thema und die Schreckensvision, dass plastische Chirurgie womöglich bald der neue Standard für die Erwerbssicherung sein könnte, sind Punkte, die allgemeine Empörung hervorrufen. </p>
<p>Die Wurzel dieses Problems ist dabei weder mangelnde Berufsethik, noch die beunruhigende Arbeitslosenstatistik. Angebote wie das »Jobfighter Package« sind Symptome eines gesellschaftlichen Schönheitsdenkens, das sich in alle Bereiche des öffentlichen Lebens gedrängt hat.</p>
<p>Bis zur Aufklärung verstand man Schönheit dabei als »interessenloses Wohlgefallen« und als fixe Eigenschaft bestimmter Menschen und Gegenstände. <a href="http://korpora.org/Kant/aa05/204.html">Kant</a> hat diesem Ansatz 1790 in die Mottenkiste verbannt und argumentiert, Schönheit sei ein Geschmacksurteil, das im Auge des Betrachters liege. Heute führen die Marketingabteilungen der Kosmetikbranche vor, dass Schönheit vor allem ein begehrtes Produkt ist. Egal, ob auf Plakaten, im Fernsehen, oder im Internet. Auf allen visuellen Werbekanälen tritt Schönheit als Kalkül eines weltweiten Marktes in Erscheinung. </p>
<p>Folgt man den <a href="http://www.beautycheck.de/cmsms/">Attraktivitätsforschern der Universität in Regensburg</a>, gibt es im ästhetischen Empfinden aller Menschen einen Konsens – angeblich kulturübergreifend. Testpersonen bewerten dieselben Gesichter und Körper als attraktiv oder unattraktiv. Weil die Übereinstimmungen signifikant sind, stellen die Wissenschaftler des psychologischen Instituts die gewagte These auf, »Schönheit ist messbar«. Der perfekte Körper und das perfekte Gesicht ließen sich anhand einiger Proportionen und Knochenabstände ziemlich genau ausrechnen. Mit Kultur, Erziehung, Werbung und gesellschaftlicher Sozialisation habe das alles kaum etwas zu tun. Jeder Mensch verfüge vielmehr über »angeborene Verhaltensmuster«.</p>
<p>Das zentrale Argument für die Validität dieses Ergebnisses liegt im kulturübergreifenden Design der Studie – doch genau dieser Punkt ist problematisch. In den postkolonialen Strukturen des 21. Jahrhunderts sind Kulturen nicht mehr als streng voneinander getrennt zu denken. In der Globalisierung ist vor allem die westliche Kultur als Exportware über den Planeten gewandert, einige regionale Kulturformen stehen in scheinbar altersschwacher Haltung daneben. Sieht man sich Werbeplakate in China und Brasilien an, auf denen weiße Fotomodelle Werbung für Hautcremes und Bademoden machen, stellt sich die Frage, was das Attribut »kulturübergreifend« der Regensburger Studien aussagt. Wenn in den Regensburger Umfragen also Menschen mit unterschiedlicher Herkunft dieselben Merkmale attraktiv fanden, könnte das auch bedeuten, dass das westliche Schönheitsideal bereits in andere Regionen vorgedrungen ist. Sollte das zutreffen, wäre das Schönheitsdenken keine biologische Gegebenheit, sondern eine Frage der gesellschaftlichen Sozialisation.</p>
<h5>Schönheit in der Globalisierung</h5>
<p>Argumente für diese These findet man unter anderem in Internet. Die Homepage des deutschen Schönheitschirurgen Dr. Batze informiert unter anderem über mögliche Operationen an den Augen. Unter dem <a href="http://www.dr-batze.de/lidkorrektur.html">Stichwort »Lidkorrektur«</a> ist der Punkt »Europäisierung asiatischer Lider« aufgeführt . In Asien rangiert diese Maßnahme auf <a href="http://www.schoenheit-und-medizin.de/schoenheitschirurgie/kopf-und-gesicht/lidstraffung/europaeische-augen.html">Platz eins</a> aller Schönheitsoperationen.</p>
<p>Schönheit rückt immer weiter ins Zentrum des öffentlichen Lebens. Sowohl die Verkaufszahl von Botoxspritzen wie auch die Anzahl der Schönheitsoperationen sind in den vergangenen zwei Jahren in Deutschland um mehr als das zweifache gestiegen, die Kosmetikindustrie schreibt konstant schwarze Zahlen trotz Krise. Die wichtigste Regel ist: Was als »schön« geltend gemacht werden kann, das wird auch verkauft.</p>
<p>Zu den Profiteuren des Schönheitswahns gehört auch L’Oreal. Der Marktwert des französischen Branchenriesen beträgt etwa 67 Milliarden Euro und liegt damit höher als der der Deutschen Bank. Die Zielgruppe von L’Oreal ist beinahe unbegrenzt, die Produktpalette dementsprechend breit. In der Werbung schwingt die Suggestion von Selbstvrwirklichung und Individualität, doch diese Begriffe sind irreführend. Genauer gesagt wird zuerst ein Schönheitsideal konstituiert und die Annäherungsmöglichkeiten daran verkauft. Dass die meisten Menschen auf der Welt dabei vom Ideal abweichen, ist Teil des Geschäftskonzepts, Beispiele gibt es genug. </p>
<p>So sind in den USA seit vielen Jahren Haarglättungspräparate sehr erfolgreich. Der Dokumentarfilm <em>Good Hair</em> führt vor, dass zum Kundenkreis hauptsächlich afroamerikanische Frauen gehören. In Friseursalons werden Damen interviewt, junge Mädchen sitzen vor den Spiegeln und lassen sich die Haare mit einer blauen Paste einstreichen. In einer Gesellschaft, die immernoch von weißen Machthabern geprägt sei, und deren Industrie ein eigenes Schönheitsideal hervorbringe, nähmen Afroameriakaner ihre eigene Haarstruktur häufig als unästhetisch wahr, das ist der Tenor der Doku. Auch daher kommen die ausgezeichneten Bilanzen von Firmen, wie L’Oreal. 2,6 Milliarden Euro Gewinn im Jahr 2009 sprechen eine deutliche Sprache. Dass die Geschäftsethik vieler Kosmetikunternehmer von Massentierversuchen für Botox bis hin zum Import von echtem Menschenhaar mehr als zweifelhaft ist, hat bislang noch wenig wirklich breite Empörung hervorgerufen. Ethische Bedenken und Diskriminierungen kamen bislang kaum in an entscheidender Stelle zur Sprache. Neuere Studien stellen die Debatten aber auf eine völlig neue Grundlage.</p>
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		<title>Fußball in Afrika</title>
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		<pubDate>Thu, 10 Jun 2010 22:01:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/poser_fbwerbung_kl.jpg" align="left" alt="(Foto: Manfred Poser)" />Das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft! Das war ja schon lange bekannt, also konnte ich meine Geschichte vorbereiten. Afrika bedeutet mir viel. Ich war 1978 in der Sahara und 1984 in Ostafrika, damals schrieb ich sogar einige Artikel darüber. Wäre ich mutiger gewesen, hätte ich mich in Nairobi niedergelassen und von dort als Stringer (freier Journalist) für deutsche Zeitungen geschrieben. Doch dann ging ich zur dpa in Hamburg, und im Großraum tauchte plötzlich ein Schweizer Journalist auf, den ich in Nairobi getroffen hatte und der wohl, da er Schweizer war, auch ein wenig auf Sicherheit aus war. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Meier hieß er ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft! Das war ja schon lange bekannt, also konnte ich meine Geschichte vorbereiten. Afrika bedeutet mir viel. Ich war 1978 in der Sahara und 1984 in Ostafrika, damals schrieb ich sogar einige Artikel darüber. Wäre ich mutiger gewesen, hätte ich mich in Nairobi niedergelassen und von dort als Stringer (freier Journalist) für deutsche Zeitungen geschrieben. Doch dann ging ich zur dpa in Hamburg, und im Großraum tauchte plötzlich ein Schweizer Journalist auf, den ich in Nairobi getroffen hatte und der wohl, da er Schweizer war, auch ein wenig auf Sicherheit aus war. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Meier hieß er.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/poser_fbwerbung.jpg" style="max-width:100%" alt="(Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Werbung für Fußball in Afrika in Frankfurt, an einem Haus am Main<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Seitdem beobachte ich natürlich, was über Afrika geschrieben wird. Und das ist ziemlich deprimierend. Der <em>Spiegel</em> hatte immer mal wieder etwas über Fußball in Afrika, und meist ging es um schwarze Magie und derlei Sachen. Weil die Leute im Westen das anscheinend erwarten. In meinem <a href="http://kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/989/">Roman</a> kam dann auch Uganda vor, obwohl ich nie dort war. Anfang März veröffentlichte die <em>Süddeutsche Zeitung</em> auf ihrer Reportageseite eine ziemlich eklige Geschichte über Kinder, die in Uganda entführt werden und denen man, um eine gewisse Nachfrage zu befriedigen, die Geschlechtsteile &#8230; Das war über der Grenze.</p>
<p>Da fragt man sich dann: Warum? Von Uganda erfährt man ja sonst wenig. Auch in Kampala, Ugandas Hauptstadt, wird es Handys geben und Fernsehen, der rückständige Busch ist woanders. Man stelle sich einmal vor, eine Zeitung in Kampala bringt monatelang nichts über Deutschland, aber dann einen Artikel über Priester, die kleine Jungs in Internaten belästigen. Das ist es dann, was die Ugander über Deutschland erfahren: ein Land mit bösen Priestern. Die Geschichte über Uganda war ja nicht erlogen, das hat sich sicher so abgespielt, aber damit verfestigen sich nur die Vorurteile über den »schwarzen Kontinent«. Anscheinend ändert sich in der Welt wenig. Ein außenpolitischer Redakteur beschließt, dass das die Geschichte ist, die deutsche Menschen über Uganda erfahren wollen und sollen. Und natürlich ist kürzlich ein Buch über Magie und Hexerei im afrikanischen Fußball erschienen, das den erwartbaren Titel <em><a href="http://www.chbeck.de/productview.aspx?product=30412">Voodoo im Strafraum</a></em> trägt.</p>
<p>Kürzlich bin ich auf das englische Internet-Magazin <em>nthposition</em> gestoßen. Es gibt eine Konferenz vom Februar 2009 über die politische Situation in Afrika wieder, <a href="http://www.nthposition.com/conversationswitha.php">kenntnisreich und detailliert</a>. Da erfährt man etwas. Etwa, dass am 8. November 2005 in Liberia die 1938 geborene Ellen Johnson Sirleaf den ehemaligen Fußballer George Weah in der Stichwahl schlug und seither Präsidentin ist. Diese kluge und mutige Frau, die lange bei der UNO in New York tätig war, muss nun in der Welt umherreisen und um Gaben betteln, weil ihr Land arm ist. Vier Tage nach ihrem Sieg, verrät uns <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ellen_Johnson-Sirleaf">Wikipedia</a>, veröffentlichte die taz den Artikel »Die Eiserne Oma von der Pfefferküste« von Dominic Johnson. Ja, das ist Journalismus &#8230; von gestern. Die Eiserne Oma.</p>
<p>Mein alter Bekannter Lothar Sobczak, im Oktober 2009 gestorben, war etwa von 1978 bis 1984 dpa-Korrespondent in Nairobi, zuständig für eine Menge afrikanische Staaten. Mal gibt es einen Putsch hier, mal dort, aber wenn nichts passiert, muss der Korrespondent Features anbieten, und die dürfen nicht langweilig sein. Einmal hat der gute Lothar entdeckt, dass ein Kenianer seinen Sohn »Hitler« getauft hatte, und das wurde natürlich eine seiner erfolgreichsten Geschichten.</p>
<p>Ja, der Korrespondent möchte es vielleicht ganz anders haben, aber etwas aus dem Alltag kriegt er nicht los, denn: Hast du nichts Besseres? Komm, Junge: Afrika, Großwildjagd, Massai, da ist doch was drin! Du kannst doch was! Und dann klickt der Korrespondent, nachdem er wochenlang nichts absetzen konnte, eben die altgewohnten Vokabeln an, die beim Auslandsredakteur einen Reflex bewirken. Und die Welt wird täglich neu nach unserem alten Bilde erschaffen. Wir sehen Unglücke und Porträts von Politikern, aber das Leben sehen wir nicht.</p>
<p>Kein Wunder, dass ich kürzlich bei Freunden gierig nach Architektur-Zeitschriften wie <em>domus</em> griff, denn darin sah man Bilder von Häusern und deren Umgebungen in anderen Ländern, weder Top-Politik noch nach Weihrauchstäbchen duftende Reiseberichte, sondern einfach schöne Häuser, Straßen, Wohnbezirke.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/poser_tansania.jpg" style="max-width:100%" alt="(Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Tansania, im Landesinneren. März 1984.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Reden wir vom Fußball</h5>
<p>Reden wir besser vom Fußball. In Deutschland kennt man noch den Nigerianer Jay Jay Okocha (erst Borussia Neunkirchen, dann Eintracht Frankfurt) und Anthony Yeboah aus Ghana. In Italien ist der bekannteste Afrikaner der noch nicht 20-jährige Mario Balotelli (schade, dass er nicht Ballotelli heißt). Er ist seit August 2008 Italiener, was den Fans nicht gefällt. Andauernd buhen sie ihn aus, und manchmal gibt es sogar Sprechchöre gegen Balotelli, wenn er gar nicht spielt. Anfang Mai, als im Olympiastadion in Rom der heimische Verein das Pokalfinale gegen Inter Mailand 0:1 verlor, gab Francesco Totti, der sich gern leicht vertrottelt darstellen lässt, dem jungen Balotelli einen Tritt, was ihm die rote Karte einbrachte. Der Geschädigte sagte später, Totti habe ihn als »Scheißneger« (negro di merda) bezeichnet. Sogar der Staatspräsident schaltete sich rügend ein.</p>
<p>In Rom habe ich mir damals in der Leihbücherei nebenan Bücher von afrikanischen Autoren, öfter noch von Autorinnen geholt. Es ist schwierig, in Deutschland so etwas zu finden. <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Buchi_Emecheta">Buchi Emecheta</a> war toll, hier fand ich im Drittweltladen Landsberg am Lech <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Paulina_Chiziane">Paulina Chiziane</a>, <em>Wind der Apokalypse</em> (1997). Schonungslos. Ebenso schonungslos ist <em>Die Schlangengrube</em> des Uganders <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Moses_Isegawa">Moses Isegawa</a>. Filme gibt es in Programmkinos, und ich erinnere mich an <em><a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/882/">Bamako</a></em>. Und gerade, als ich das schreibe, läuft bei mir die postum (2006) veröffentlichte CD <em>Savane</em> von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ali_Farka_Tour%C3%A9">Ali Farka Touré</a> aus Mali. Großer Mann.</p>
<p>Aber was schreibe ich darüber, man braucht ja doch keine Illusionen zu haben. Die westlichen Medien gleichen Müllkippen und Recyclinganstalten, alle schwimmen im eigenen Saft herum. Was brauchen wir andere Kontinente? Uns reicht der eigene Hinterhof, und bei der WM starren wir ohnehin nur auf den grünen Rasen, der in Südafrika ebenso grün ist wie in Oberbayern. Damals, 1984, war es nach dem Studium eine verrückte Reise, höchst riskant, warum tut man so etwas?</p>
<p>Im Matatu-Taxi von der kenianischen Grenze nach Daressalam, dort Mr. Mwakyami besucht, und irgendwann zum Abschied haben wir dann in der Agip-Bar viele Biere getrunken. Zu Fuß durch die halbe Stadt zum Busbahnhof, der Schweiß brach mir aus. Dann hing ich da 20 Stunden herum, bis der Bus abfuhr, und er fuhr wiederum 20 Stunden ins Landesinnere, und ein hochgewachsener Tansanier nahm mich unter seine Fittiche. Der Bus brach zusammen, wir wanderten stundenlang durch die Nacht, und als ich nicht mehr wollte, sagte einer: »Hey Mister, we go!« Alle waren so freundlich, und dabei hätten sie mich zwanzigmal ausrauben können.</p>
<p>Das vergisst man nie mehr. Dann kürzlich <em>Erotische Geschichten aus Afrika</em> gelesen, ein Taschenbuch. Was für Geschichten! Gut, dass es Afrika gibt.</p>
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		<title>Erkundungen des weiten Feldes Familie</title>
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		<pubDate>Mon, 07 Jun 2010 06:00:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aus der Redaktion]]></category>
		<category><![CDATA[Veranstaltungen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kritische-ausgabe.de/?p=2937</guid>
		<description><![CDATA[»Familie ist ein weites Feld. Wer sich mit ihr beschäftigt, muß fest vor Augen haben, was er von ihr wissen will, sonst verliert er sich«, stellte <strong>John von Düffel</strong> unlängst in einer seiner Bamberger Poetikvorlesungen fest. Dem weiten Feld der Familie ist auch das jüngste Heft der <em>Kritischen Ausgabe</em> gewidmet. Literarisch und literaturwissenschaftlich erkunden die Beiträge ein Thema, das jeden betrifft. Familie ist, das zeigt sich allerorten, etwas »irgendwie Normales« und in der Vielzahl der möglichen (und unmöglichsten) Konstellationen etwas Besonderes.

Das Heft und die Weite des Feldes Familie präsentiert die Redaktion am kommenden <strong>Montag, dem 14. Juni, ab 20 Uhr im KULT 41</strong> in Bonn mit einer »Release-Party«, einem Mix aus Lesung und »Musik, die zum Thema passt« …]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>»Familie ist ein weites Feld. Wer sich mit ihr beschäftigt, muß fest vor Augen haben, was er von ihr wissen will, sonst verliert er sich«, stellte <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/John_von_D%C3%BCffel"><strong>John von Düffel</strong></a> unlängst in einer seiner Bamberger Poetikvorlesungen fest. Dem weiten Feld der Familie ist auch das <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/hefte/familie/">jüngste Heft</a> der <em>Kritischen Ausgabe</em> gewidmet. Literarisch und literaturwissenschaftlich erkunden die Beiträge ein Thema, das jeden betrifft. Familie ist, das zeigt sich allerorten, etwas »irgendwie Normales« und in der Vielzahl der möglichen (und unmöglichsten) Konstellationen etwas Besonderes.</p>
<dl style="width:200px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/Marko_Milovanovic.jpg" alt="Marko Milovanovic (Foto: © Corinna Northe)" title="Marko Milovanovic (Foto: © Corinna Northe)" width="200" height="198" /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Marko Milovanovic<br />
(Foto: © Corinna Northe)</dd>
</dl>
<p>Das Heft und die Weite des Feldes Familie präsentiert die Redaktion am kommenden <strong>Montag, dem 14. Juni, ab 20 Uhr im <a href="http://www.kult41.de/">KULT 41</a></strong> in Bonn mit einer »Release-Party«, einem Mix aus Lesung und »Musik, die zum Thema passt«. Als Lesender eingeladen ist der Berliner Musiker, Autor und ehemalige <em>K.A.</em>-Redaktionskollege <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/author/marko-milovanovic/"><strong>Marko Milovanovic</strong></a>, der Auszüge aus seinem noch unveröffentlichten Debütroman <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2695/"><em>Fernlicht</em></a> präsentieren wird. Weiterer Gast ist der Bonner Literat, Physiker und Philosoph <a href="http://www.iphil.uni-bonn.de/mitarbeiter/copy_of_privatdozenten/pd-dr.-dietmar-huebner-1"><strong>Dietmar Hübner</strong></a> mit seiner Kurzgeschichte <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2684/"><em>Das Kind in Holland</em></a>, in der er für die <em>K.A.</em> ebenfalls Szenen einer (modernen?) Familienkonstellation ausgeleuchtet hat.</p>
<p>Wer mag, kann sich im Anschluss dann gleich ein Exemplar der neuesten <em>Kritischen Ausgabe</em> mit den Texten der beiden Autoren sichern und signieren lassen. Alle Hefte werden am Montagabend zum Aktionspreis von 3,– Euro angeboten – und wer drei oder mehr Hefte kauft, bekommt (solange der Vorrat reicht) noch eine <a href="http://kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/989/">Leseratten-Zugabe</a> von <em>K.A.</em>-Kolumnist <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/author/manfred-poser/"><strong>Manfred Poser</strong></a> obendrauf.</p>
<dl style="width:200px; float:left; padding:2px 6px 6px 6px; margin:2px 6px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/Dietmar_Hübner.JPG" alt="Dietmar Hübner (Foto: © privat)" title="Dietmar Hübner (Foto: © privat)" width="200" height="150"  /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Dietmar Hübner<br />
(Foto: © privat)</dd>
</dl>
<p>Übrigens: Studierende und alle anderen Interessenten haben bereits im Vorfeld der »Release-Party« über die <em>Kritische Ausgabe</em> und die ehrenamtliche Arbeit der Redaktion informieren. <strong>Von Dienstag bis Donnerstag, 8. bis 10. Juni,</strong> stehen Redakteurinnen und Redakteure der <em>K.A.</em> im Vestibül des <a href="http://www.germanistik.uni-bonn.de">Instituts für Germanistik, Vergleichende Literatur und Kulturwissenschaft</a> (<strong>Universitätshauptgebäude, Südturm, 2. OG</strong>) jeweils <strong>von 11 bis 12 Uhr</strong> sowie von <strong>14 bis 16 Uhr</strong> Rede und Antwort; <strong>am Donnerstag und Montag, 10. und 14. Juni,</strong> zudem <strong>von 12 bis 14 Uhr</strong> in der <a href="http://www.studentenwerk-bonn.de/index.php?option=com_content&#038;task=view&#038;id=27&#038;Itemid=180"><strong>Mensa in der Nassestraße 11</strong></a>. Und das Beste: Der Sonderpreis für die Hefte gilt schon dort, und Studierende können an diesen Tagen außerdem Karten für die Lesung zum vergünstigen Vorverkaufspreis von 3,50 Euro erwerben. An der Abendkasse kostet der Eintritt dann 5,– Euro.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Release-Party der Kritischen Ausgabe mit Lesung und Musik: Montag, 14. Juni 2010, 20 Uhr (Einlass ab 19:30 Uhr) im KULT 41, Hochstadenring 41, 53119 Bonn. Eintritt (Abendkasse): 5,– Euro; für KULT-Mitglieder 20% Nachlass.</em></p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Zwischen den Flüssen</title>
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		<pubDate>Mon, 31 May 2010 06:00:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Tim Kangro</dc:creator>
				<category><![CDATA[In eigener Sache]]></category>
		<category><![CDATA[Veranstaltungen]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Rhein ist der Ort der Romantik, der hübschen kleinen Städte und eines beschaulichen Miteinanders von Natur und Kultur. Die Ruhr dagegen barg lange Zeit schon in der Artikulation ihres Namens Assoziationen von grauen, hässlichen Industrielandschaften, verschmutzter Luft und dem Triumph der Technik über die geschändete Natur. Dabei lag das Ruhrgebiet schon immer im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Diskursen – und zwischen diesen beiden Flüssen …]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Rhein ist der Ort der Romantik, der hübschen kleinen Städte und eines beschaulichen Miteinanders von Natur und Kultur. Die Ruhr dagegen barg lange Zeit schon in der Artikulation ihres Namens Assoziationen von grauen, hässlichen Industrielandschaften, verschmutzter Luft und dem Triumph der Technik über die geschändete Natur. Dabei lag das Ruhrgebiet schon immer im Spannungsfeld zwischen diesen beiden Diskursen – und zwischen diesen beiden Flüssen. </p>
<p>In diesem Jahr, in dem nun das ganze Ruhrgebiet Kulturhauptstadt ist, widmet sich eine Tagung der Verortung des ›Potts‹ zwischen diesen Topoi: Zum Abschluss der <a href="http://www.duisburger-akzente.de/de/index.php">33. Duisburger Akzente</a> veranstaltet die <a href="http://www.duisburg.de/micro/stadtbibliothek/">Stadtbibliothek Duisburg</a> am 4. und 5. Juni 2010 gemeinsam mit dem <a href="http://www.moderne-im-rheinland.com/">Institut »Moderne im Rheinland« der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf</a>, dem <a href="http://www.fhi.dortmund.de/project/assets/template2.jsp?ecode=grossprojekte.fhi&#038;eid=0&#038;elimit=5&#038;etitle=Veranstaltungen&#038;ncode=grossprojekte.fhi&#038;nid=0&#038;nlimit=2&#038;ntitle=Meldungen&#038;pid=11157&#038;smi=1.0">Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt</a> und der <a href="http://www.ruhr-uni-bochum.de/sbr/sbr/frameset_sbr.htm">Stiftung Bibliothek des Ruhrgebiets</a> eine Zusammenkunft, die sich der Frage widmet, wie zwischen Rhein und Ruhr »Von Flussidyllen und Fördertürmen« erzählt wurde und wird. </p>
<p>Das Erzählte, das hier untersucht wird, umfasst das 19. wie das 20. Jahrhundert; es geht um die schon traditionelle Transkulturalität der Region, ihre kulturelle Selbstdefinition und Abgrenzung gegenüber Städten wie Köln und Düsseldorf, und natürlich auch um den Mythos des solidarischen Kumpels. Medial wird ein weiter Bogen von Romanen über Zeitungsbeiträge bis zu Hörspielen gespannt.</p>
<p>Ein Vortrag auf der Tagung stammt, und das möchten wir nicht unerwähnt lassen, aus den Reihen der <em>K.A.</em>-Redaktion: <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/author/fabian-beer/">Fabian Beer</a> beleuchtet mit »›Strom der Geschichte und Geschichten‹. Der Rhein und andere Flusslandschaften im Werk John von Düffels«, wie der Schriftsteller, Dramatiker und Dramaturg in seinen Texten versucht, »die Struktur von Wasser, die Art und Weise seines Fließens und Verweilens zu untersuchen und in der Sprache abzubilden«. Dabei wird unter anderem von Düffels These untersucht, dass es vor allem die Mythen und Geschichten der am Wasser lebenden Menschen seien, die das Wasser erzählbar machen. Unser stellvertretender Chefredakteur stellt dabei die Frage, inwieweit der Rhein sich seine mythische, zuweilen idyllische Aura erhalten hat – und  wie sehr vielleicht auch Rheingold, Loreley und ›Vater Rhein‹ in der Wahrnehmung von Kulturproduktion und -rezeption durch die ›Fördertürme‹ der Industrialisierung verdrängt worden sind.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em><strong>»Von Flussidyllen und Fördertürmen. Literatur an der Nahtstelle zwischen Ruhr und Rhein«.</strong> Wissenschaftliche Tagung in der Schifferbörse Duisburg-Ruhrort (Gustav-Sander-Platz 1, 47119 Duisburg). 4.–5. Juni 2010, jeweils 10–17 Uhr. Tagungsbeitrag: 10 Euro pro Tag. – Weitere Informationen und ein detailliertes Programm finden Sie <a href="http://www.duisburg.de/micro/stadtbibliothek/veranstaltungen/102010100000317206.php">hier</a>.</em></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Gräfin Dracula</title>
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		<pubDate>Thu, 27 May 2010 23:02:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/poser_irlandabtei.jpg" width="150px" align="left" alt="Spukgemäuer in Irland (Foto: Manfred Poser)" />Das klang packend: <em>Countess Dracula – The Life and Times of Elisabeth Báthory, the Blood Countess</em>. Dieses Buch des Engländers Tony Thorne erschien 1997, es stand am Institut und ich entlieh es mir. Schon die Einführung! »In den Jahren, bevor sie sich umbrachte, schrieb die argentinische Surrealistin Alejandra Pizarnik kleine Geschichten und Gedichte.« Eine Erzählung behandelte die Blutgräfin, »la Condesa Sangrienta« Elisabeth Báthory. Sie lebte von 1560 bis 1614 in Transsylvanien, das damals ungarisch war. Gerüchten zufolge soll sie 650 junge Mädchen gefoltert und getötet haben, nach anderen Angaben waren es 220, und Zeugen vor Gericht kamen auf 35 ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das klang packend: <em>Countess Dracula – The Life and Times of Elisabeth Báthory, the Blood Countess</em>. Dieses Buch des Engländers <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Tony_Thorne">Tony Thorne</a> erschien 1997, es stand am Institut und ich entlieh es mir. Schon die Einführung! »In den Jahren, bevor sie sich umbrachte, schrieb die argentinische Surrealistin Alejandra Pizarnik kleine Geschichten und Gedichte.« Eine Erzählung behandelte die Blutgräfin, »la Condesa Sangrienta« <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Erzs%C3%A9bet_B%C3%A1thory">Elisabeth Báthory</a>. Sie lebte von 1560 bis 1614 in Transsylvanien, das damals ungarisch war. Gerüchten zufolge soll sie 650 junge Mädchen gefoltert und getötet haben, nach anderen Angaben waren es 220, und Zeugen vor Gericht kamen auf 35.</p>
<p>War Elisabeth das Vorbild für Graf Dracula? Schwer zu sagen. In Transsylvanien entdeckte der 1847 geborene Ire Bram Stoker den Fürsten Vlad III. Tepes Draculeo (1431–1477), aus dem er den bösen Dracula machte. Stokers gleichnamiger Roman erschien 1897, doch sein Autor starb verarmt 1912, noch bevor er den großen Erfolg seines Werks erleben durfte. Die Angst vor Wiedergängern speiste sich aus der Angst vor den Toten überhaupt und dem Horror vor ungewöhnlichen Todesfällen. Die Kirche wirkte mit, heidnische Bräuche hinüber ins Mittelalter zu transportieren, und es sind Beispiele überliefert, dass man Leichen schlimm zurichtete, um deren Rückkehr als Phantome zu verhindern. Alles dazu steht in einem Buch des französischen Volkskundlers Claude Lecouteux, als <em>The Return of the Dead</em> nun auf Englisch erhältlich.</p>
<p>Am 29. Dezember 1610 stellte der Vizekönig von Ungarn, Graf George Thurzó, ein Strafkommando zusammen und wollte die Gräfin zur Rechenschaft ziehen. Er überfiel Schloss Čachtice und brachte die Adelige hinter Schloss und Riegel. Ihre Helfershelfer wurden ebenfalls festgenommen, gefoltert und ausgefragt. Drei wurden gleich zum Tode verurteilt und verbrannt. Elisabeth Báthory verschwand hinter Kerkermauern. Ab 1613 war die Anklage vorbereitet, und hundert Zeugen wurden befragt. Aber wegen politischer Querelen kam es nie zur offiziellen Anklageerhebung. Am 25. August 1614 wurde Elisabeth Báthory tot in ihrer Zelle gefunden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/poser_irlandabtei.jpg" style="max-width:100%" class="frei" alt="Irland (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">So sieht ein Spukgemäuer aus. Irland, 1977.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Zu viel Besitz und zu viel Macht</h5>
<p>Ihre Geschichte wurde mehrmals verfilmt – so, wie jeder sie verfilmen würde. Es wurden grelle Romane über sie geschrieben. Das wäre nun ein wunderbares Thema für ein Buch gewesen, das man mit Schaudern liest. Doch Tony Thorne ist Historiker. Er erzählt gründlich, und ganz langsam sät er Zweifel in seine Geschichte. Könnte es nicht sein, dass einige Todesfälle medizinischen Praktiken zuzuschreiben waren, die man seinerzeit pflegte? Elisabeth Báthory sieht auf einem großen Gemälde, das in Budapest zu sehen ist, elegant aus. Sanfte Augen, grazile Gestalt.</p>
<p>Ich bat das Nationalmuseum in einer E-Mail darum, ihr Foto und das ihres Verfolgers verwenden zu dürfen (gratis freilich; das steckte semantisch in der Anfrage drin). Als Antwort kam ein Einschreibebrief mit der Erlaubnis und angekündigten  Kosten von 100 Euro. Ich musste dankend ablehnen. Wir sind ja hier nicht bei der FAZ.</p>
<p>Der Autor Thorne hat umfassend recherchiert und breitet akribisch aus, was er weiß. Die Machtverhältnisse der Gegend. Langsam stellt sich heraus, dass der gute Paladin George Thurzó, der so freundlich mit seiner Frau umgeht, bei einer weiteren Strafexpedition schnell ein paar Köpfe rollen lässt, dass er dynastische Träume hegt und möglichst schnell hochkommen will. Elisabeths Mann Francis Nádasdy, der Schlossherr, war 1604 gestorben. Die Witwe verwaltete den Besitz, ist gerecht und schreibt ruhige, deutliche Briefe.</p>
<p>Auch der Autor Tony Thorne wird deutlich: »Ohne Zweifel lag in der Meinung von Elisabeth Báthorys Zeitgenossen ihre Schuld darin, dass sie zu viel Besitz hatte, mehr als der Paladin, und zu viel Macht.« Eine weitere Meinung lautete, dass Macht den männlichen Sprösslingen zukommen sollte; Witwen sollten eigentlich nichts zu sagen haben und verdienten die Besitztümer nicht. »Es war nur eine Frage der Zeit, bis irgendjemand [...] gegen sie vorgehen würde.«</p>
<p>Thorne beschreibt, wie Elisabeth sich in zwei Welten bewegte – auf ihrem Schloss mit den Dienstboten und bei Festen des Adels. »Sie war ein Geschöpf ihrer Zeit, aber eine außerordentliche und starke Frau, die allerdings zu viel von sich hielt und zu viel von denen verlangte, die ihr aufwarteten.« Eine Anklage gegen sie zu zimmern, war vielleicht nicht schwer – und geradezu ideal, ihr Hexerei und das Foltern unschuldiger junger Mädchen vorzuwerfen. Auch das Motiv konnte jeder einfache Zeitgenosse nachvollziehen: Die Gräfin habe sich mithilfe des Blutes ewige Jugend sichern wollen. Da war Empörung im Volk garantiert!</p>
<p>Die Zeugenaussagen tröpfelten ein. »Dann, als klar wurde, dass Elisabeth Báthory verdammt war, löste sich die Spannung in einer Flut von Denunziationen.« Kennen wir das nicht? Die ersten Zeugen waren ja gleich verbrannt worden, zur zweiten Anklage kam es nicht. Elisabeth Báthory durfte sich nie zu den Vorwürfen äußern.  Hätte man sie vor einem Provinzgericht oder etwa einem höheren Gericht angeklagt, hätte sie womöglich Dinge gesagt, die niemand hören wollte. Wie gut, dass sie rechtzeitig starb. Der Paladin George Thurzó überlebte sie nur um knapp zwei Jahre.</p>
<p>Tony Thorne merkt pflichtbewusst an, dass wir nie wissen könnten, ob Elisabeth Báthory nicht vielleicht doch eine Blutgräfin war. Das Beweismaterial jedoch spricht eine andere Sprache. Dass seither 400 Jahre vergangen sind, macht keinen großen Unterschied. Haben wir nicht auch Fälle erlebt, die sonnenklar erschienen – und sich dann als ganz anders entpuppten? Die  Medien lieferten die Geschichte, die wir uns erwarteten. Kaum einer fragte nach oder bot eine besonnenere, zurückhaltende Version.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/poser_temeschwar.jpg" style="max-width:100%" class="frei" alt="Temeschwar (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Die lauschige Einfahrt in die Transsylvanien-Metropole Temeschwar.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Temeschwar 1989</h5>
<p>Oft zeigt sich dann, dass man vorschnell jemanden dämonisierte – wie man damals Elisabeth Báthory dämonisierte. Der oder die Angeklagte hat es schwer. Im Zweifel ist man immer gegen sie/ihn. Die Medienwelt geht so massiv und kompakt vor, dass abweichende Meinungen – sogar auf Fakten gestützte abweichende Versionen – keine Chance haben. Vielleicht erinnern wir uns noch an das angebliche Massaker von Temeschwar 1989, das 70.000 Menschen das Leben gekostet haben soll. Eine Agenturjournalistin wusste es besser, doch ihre Zentrale wischte die Fakten beiseite. Die anderen hatten die 70.000, da konnte man nicht zurückstehen. Heute weiß man, dass es eher 700 Menschen waren, die damals (im ganzen Land) ums Leben gekommen waren.</p>
<p>Man könnte nicht behaupten, dass es seither besser geworden wäre. Im Gegenteil: Es ist viel schlimmer geworden. Und es kann eigentlich nur noch schlimmer werden, nicht besser. Wir haben nun die Vielfalt, mit der uns Mitte der 1980er Jahre Privatfernsehen schmackhaft gemacht wurde. Als ich Ende 1985, vor einem Vierteljahrhundert, bei der dpa in Hamburg meine erste Redakteursstelle antrat, kam ich unter seriöse Herren (Damen gab es wenige). Das Verbum »durchführen« stand auf dem Index, weil es die Nazis verwendet hatten.</p>
<p>Meine Geschichten über Popmusiker und Filmstars wurden von den Kollegen, die viele Jahre in Nairobi, London und Kairo verbracht hatten, mit hochgezogenen Augenbrauen quittiert. Ich war der Paradiesvogel. Schrieb schon zehn Jahre vor der Gründung der dpa-Redaktion »Modernes Leben« über bunte Themen, über Rock und Sonnenbrillen. Da hast du es, Michail: Auch wer zu früh kommt, den bestraft das Leben manchmal.</p>
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		<item>
		<title>Nachruf auf die Tabakspfeife</title>
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		<pubDate>Thu, 13 May 2010 22:30:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/flusser.jpg" class="right" width="150" alt="Auch ein Pfeifenraucher: Vilém Flusser (Foto: orange-press)" title="Auch ein Pfeifenraucher: Vilém Flusser (Foto: orange-press)" />Ein heißer Sommertag an der Côte d’Azur. Der belgische Romancier Georges Simenon hat sich vier Pfeifen gestopft, die nun vorbereitet in einem Gestell neben der Schreibmaschine auf ihn warten. Dann zieht er die Vorhänge zu, schenkt sich einen Genever ein und fängt zu schreiben an, denn Kommissar Maigret soll an einem nebligen Abend in Belgien einem Fall nachgehen, der auf einem Schiff spielt. Der Autor hört, wie das Wasser an die Bordwand klatscht ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein heißer Sommertag an der Côte d’Azur. Der belgische Romancier Georges Simenon hat sich vier Pfeifen gestopft, die nun vorbereitet in einem Gestell neben der Schreibmaschine auf ihn warten. Dann zieht er die Vorhänge zu, schenkt sich einen Genever ein und fängt zu schreiben an, denn Kommissar Maigret soll an einem nebligen Abend in Belgien einem Fall nachgehen, der auf einem Schiff spielt. Der Autor hört, wie das Wasser an die Bordwand klatscht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/max+moritz.jpg" style="max-width:100%" width="100%" alt="Max und Moritz" /><br /><font size="-1"><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Max_und_Moritz">Max und Moritz</a>, die Bösen, präparieren die Pfeife des verhassten Lehrers Lämpel.</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Die handelnden Personen </h5>
<p>Kommissar Maigret war natürlich auch ein besessener Pfeifenraucher. Meine Lieblingsseiten betrafen immer das ausgedehnte Abschlussverhör, das bis zur Erschöpfung aller Beteiligten dauerte. Zwischendurch riss der Kommissar, nehme ich an, einmal kurz das Fenster seines Büros auf und ließ sich vom Bistro unten Bier und Sandwiches kommen. Das war alles so sinnlich und doch einfach geschildert, dass man plötzlich selber Lust auf ein Sandwich und ein Bier bekam und das für das beste Gericht der Welt hielt. Kein Wunder, dass der Verhörte nach wenigen Stunden schon einknickte: Eingenebelt von Maigrets Tabak müssen ihm die Sinne geschwunden sein. Heute würde er den Gerichtshof für Menschenrechte anrufen wegen Folter.</p>
<p>Als Günter Grass vor vielleicht sieben Jahren in Rom in der Casa di Goethe ein Buch vorstellte, ließ ich es mir signieren und bemerkte beiläufig, dass ich ebenfalls Pfeifenraucher sei. »Ach«, erwiderte er etwas resigniert, »wir werden immer weniger.« Der einzige Tabakhändler in Müllheim (Baden) räumte vor einigen Monaten alle seine Pfeifen weg. Er verkaufe kaum mehr welche, meinte er, die Jungen rauchten alle Shisha – die orientalische Wasserpfeife – und die anderen höchstens noch Zigaretten.</p>
<p>Die ungeheure Rauchentwicklung der Pfeife ist heute natürlich anachronistisch und gilt fast schon als Körperverletzung. Früher wurde das hingenommen, ohne mit der Wimper zu zucken. Blicken wir zurück. Pfeife rauchten: Johann Sebastian Bach, Ernst Bloch, Raymond Chandler, Jacques Derrida, Friedrich Dürrenmatt, Albert Einstein, William Faulkner, Vilém Flusser, Max Frisch, Jens Gerlach, Vincent van Gogh, Carl Gustav Jung, Immanuel Kant, Paul Klee, Heinrich von Kleist, Golo Mann, Fritz Reuter, Bertrand Russell, Helmut Schmidt, Mark Twain, Herbert Wehner. Noch rauchen dürfen: Bill Bryson (bekannt vom <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2550/">Bibliotheken-Engel</a>), Siegfried Lenz. Nur Männer.</p>
<p>Die zweite große literarische Rauchergestalt ist Sherlock Holmes. Er war manchmal morgens schon mit der langen Lesepfeife von Doktor Watson anzutreffen und rauchte, wenn er sich langweilte, schon mal am Tag ein Päckchen Tabak weg. Holmes nahm aber auch Kokain und Morphium zu sich, was damals noch nicht verboten war. Sir Arthur Conan Doyle (1859–1930), der Medizin studierte, schuf mit Sherlock Holmes die Urgestalt des wissenschaftlich arbeitenden, dabei auch seine Kreativität einsetzenden Kriminalisten, wofür ihm ein Lehrer der Universität als Vorbild diente.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/poser_pfeifen.jpg" style="max-width:100%" width="100%" alt="Das Fensterbrett des rauchenden Autors (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Das Fensterbrett des rauchenden Autors (Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Das Objekt </h5>
<p>Sprechen wir über die Pfeife. Den Tabak brachte Sir Walter Raleigh nach Europa; vor 1500 gab es da keine Pfeifen. Die Tabakspfeife fasste vor allem in Ländern mit kühlem Klima Fuß: in Deutschland, den Niederlanden, Dänemark, auf den britischen Inseln. Die besten Pfeifenmacher gibt es traditionell in Dänemark, dessen Tabake – auch aus Tradition – süß sind. Das Gegenteil sind die englischen Mischungen: Sie riechen nach Räucherschinken, und wer nie geraucht hat, kann sich nicht vorstellen, welchen Genuss sie bieten. (Gerade rauche ich »Early Morning Pipe« von Dunhill, den Lieblingstabak von Max Frisch.)</p>
<p>Die Friedenspfeife rauchen. Bei den Lakota-Indianern hieß die zeremonielle Pfeife Chanunpa, und der Schamane Black Elk erläutert: »Cha ist ein Holz, Nunpa ist zwei. Der Pfeifenkopf repräsentiert die ganze Welt. Der Stiel verkörpert den Baum des Lebens.« Der Stein gilt als das Weibliche, der Stiel als das Männliche: »Also sind Mann und Frau in der Chanunpa miteinander vereint.«</p>
<p>Pfeife rauchen war immer ein Ritual, eine Zeremonie. Das Objekt der Begierde ist fast ein Fetisch. Ich besitze 20 Exemplare, es waren auch schon einmal 30, und die teuerste Pfeife ist eine Davidoff für 400 Franken; stopfen; anzünden; die ersten Züge tun. »Pfeifenraucher sind ruhige Menschen.« Wie oft habe ich das gehört! – Dabei bin ich überhaupt nicht ruhig; manche Pfeifenraucher möchten gerne ruhig sein, darum rauchen sie. Langsam ziehen, das diszipliniert die Atmung, nachstopfen, ruhig bleiben; rauchen, wie man atmet. Es gibt sogar Wettbewerbe: 5 Gramm Tabak, ein Streichholz, wer kann am längsten?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/flusser.jpg" style="max-width:100%" width="100%" alt="Vilém Flusser (Foto: orange-press)" /><br /><font size="-1">Auch ein Pfeifenraucher: der große Kommunikationsphilosoph <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Vil%C3%A9m_Flusser">Vilém Flusser</a> (1920–1991).<br />
Am 14. Mai wäre er 90 Jahre alt geworden. (Foto: <a href="http://www.orange-press.com/programm/alle-titel/absolute-vilem-flusser.html">orange-press</a>, Freiburg)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Warum?</h5>
<p>Pfeifenraucher sind Genussmenschen – oder besser: Menschen, die den langen Genuss (Pfeife und Bier/Wein) dem kurzen Kick (Zigarette und Whisky) vorziehen. Sicher haben sie auch ein besonderes Verhältnis zum Olfaktorischen: Sie riechen und schnüffeln gern; Düfte bedeuten ihnen viel. Und das Ritual bedeutet ihnen viel. Es verselbständigt sich. Ich schreibe meist von zehn Uhr abends bis Mitternacht. Kühles Bier eingießen, Pfeife entzünden: Das ist der Startschuss. Dann geht es eigentlich nicht mehr ohne. Das ist Sucht.</p>
<p>Kürzlich las ich wieder einmal auf einer Serviceseite (vermutlich bei Yahoo oder Microsoft), um wie viel man sein Leben mit den Lastern Tabak und Alkohol verkürzt. Hat sich schon jemand Gedanken darüber gemacht, wie viel Leben dadurch gerettet wird, weil es ohne diese Laster quälend wäre? Ich rauche, weil ich rauchen muss. Robert Musil (Zigarettenraucher) schrieb einmal, er lebe, um zu rauchen.</p>
<p>Wenn die Pfeife gefüllt ist und dampft, beginnt eine frische Zeit; der Tabak glimmt, ich lege die Beine auf den Schreibtisch hoch, sehe den Rauchschwaden nach – und bin außerhalb der Zeit. Der sinkende Tabakstand in der Pfeife aber gemahnt daran, dass alles einmal zu Ende geht. Ich stopfe nach; doch irgendwann ist sie nur noch auszukratzen. Finito.</p>
<p>Als wir in St. Gallen einzogen, forderte ich, in meinem Arbeitszimmer rauchen zu dürfen; so kompromisslos sind wir. Man raucht, weil man meditativ schreiben will, doch drängt einem die Pfeife auch einen Rhythmus auf; so wie sie nicht ausgehen soll, schreibt man auch weiter und hält sich nicht auf; es muss weitergehen, und auch das stetige Summen des Computers unterhalb gibt einem eine Bewegung mit. Aber das muss kein Nachteil sein.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>(Übrigens habe ich beim Verfassen dieses Textes des öfteren irrtümlich »ruachen« geschrieben statt »rauchen«. Irrtümer sind kreativ. <em>Ruach Elohim</em> ist der Geist Gottes, der über den Wassern schwebte. <em>Ruach Hakodesh</em> ist in den hebräischen Schriften der Ausdruck für göttliche Inspiration, den Heiligen Geist, der zwischen Stimme und Sprechen vermittelt. Dies ist dem Buch <em>Sefer Yetzirah</em> zu entnehmen, in dem 1990 Aryeh Kaplan diese heilige Schrift interpretierte. Das Wort <em>Ruach</em> ist weiblich. Der Heilige Geist könnte ebenfalls weiblich sein. Das würde mir auch besser gefallen.)</p>
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		<title>Identität = Nationalität?</title>
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		<pubDate>Wed, 05 May 2010 06:00:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ute Friederich</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausstellungen]]></category>
		<category><![CDATA[Termine]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/arts-lyrics-150x150.jpg" alt="»Du bist Deutschland – wer bin ich?« (Ausstellungsplakat, © www.arts-and-lyrics.de)" title="»Du bist Deutschland – wer bin ich?« (Ausstellungsplakat, © www.arts-and-lyrics.de)" width="150" height="150" class="right" />»Du bist Deutschland« – so lautete vor ein paar Jahren der Slogan einer großen Werbekampagne, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, ein neues deutsches Nationalgefühl heraufzubeschwören. Sieben in Deutschland lebende Künstler nahmen diesen Slogan zum Anlass, sich die Frage »Wer bin ich?« zu stellen. Die individuellen Antworten werden vom 6. bis 24. Mai 2010 in einer Ausstellung in der Rheinlandhalle in Köln-Ehrenfeld präsentiert. Diese zeigt verschiedene Sichtweisen auf das Leben in Deutschland, die sich in ebenso vielfältiger Weise in allen Bereichen der bildenden Kunst manifestieren …
<p>&#160;</p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/arts-lyrics.jpg" alt="»Du bist Deutschland – wer bin ich?« (Ausstellungsplakat, © www.arts-and-lyrics.de)" title="»Du bist Deutschland – wer bin ich?« (Ausstellungsplakat, © www.arts-and-lyrics.de)" width="252" height="250" class="right" />»Du bist Deutschland« – so lautete vor ein paar Jahren der Slogan einer großen Werbekampagne, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, ein neues deutsches Nationalgefühl heraufzubeschwören. Sieben in Deutschland lebende Künstler nahmen diesen Slogan zum Anlass, sich die Frage »Wer bin ich?« zu stellen. Die individuellen Antworten werden ab morgen bis zum 24. Mai 2010 in einer Ausstellung in der Rheinlandhalle in Köln präsentiert. Diese zeigt verschiedene Sichtweisen auf das Leben in Deutschland, die sich in ebenso vielfältiger Weise in allen Bereichen der bildenden Kunst manifestieren.</p>
<p>Der in Algerien geborene <a href="http://www.denisguillomo.de/">Denis Guillomo</a> spürt in seinen Werken Emigrationen und Menschen nach. <a href="http://www.faridaheuck.net/">Farida Heuck</a> widmet sich in ihren Installationen Identitätszuschreibungen im alltäglichen Leben. Das Moment der Grenze ist dabei zentral für ihre Arbeiten. Während die meisten der Künstler eine eher persönliche Sicht auf das Leben in Deutschland präsentieren, beschäftigt sich der Fotograf <a href="http://www.andyscholz.com/">Andy Scholz</a> vor allem mit den strukturellen Oberflächen, die er in der Architektur der Städte findet. Neben diesen drei Künstlern sind außerdem <a href="http://www.christina-kratzenberg.de/">Christina Kratzenberg</a>, Moritz Liebig, Geert Westphal und Saeed Foroghi mit ihren Werken vertreten.</p>
<p>Egal, ob es sich bei den Exponaten um Fotografien, Malerie oder Bildhauerarbeiten handelt – alle suchen auf ihre Weise nach Antworten auf die Frage, welche Bedeutung die Identifikation mit der eigenen Nationalität für die Identitätsfindung hat. Migration und Integration sind folgerichtig auch die Themen, denen sich die Poetry-Slammer <a href="http://www.lyrock.com/">Florian Cieslik</a>, Özlem Tasel und <a href="http://www.establishmensch.de/">Andy Strauß</a> im Rahmen der Ausstellungseröffnung am 6. Mai widmen. Ihr freundschaftlicher Dichterwettstreit bildet den Auftakt des Abends. Bei der sich anschließenden Party haben die Besucher dann Gelegenheit, sich mit den Künstlern und Slam-Poeten auszutauschen.</p>
<p>Das Gesamtkonzept der Veranstaltung, die unter dem Motto »arts and lyrics« Literatur und bildende Kunst zusammenführt, geht auf die Abschlussprüfung zweier Jung-Absolventinnen der Kölner <a href="http://www.akd-online.de/">Akademie für Kommunikationsdesign</a> zurück. Auf der eigens angelegten <a href="http://www.arts-and-lyrics.de/">Homepage zur Ausstellung</a> erläutern Franziska Liebig und Meike Detering die Idee ihres Konzepts und stellen die beteiligten Künstler und die »location« im Stadtteil Ehrenfeld vor. Klicken Sie mal rein und schauen Sie vorbei: Die Ausstellung unter dem Titel »Du bist Deutschland – Wer bin ich?« ist bis zum 24. Mai zwischen 12 und 20 Uhr in der Rheinlandhalle (Venloer Straße 389, 3. Etage) in Köln zu sehen. Der Eintritt kostet 4,– Euro.</p>
<p><em>Am 6. Mai wird die Ausstellung um 18 Uhr eröffnet. Um 20 Uhr beginnt die Lesung, gegen 22 Uhr die anschließende Party. Der Eintritt für den Vernissage-Abend kostet 6,– Euro.</em></p>
<p><font size="-1">&nbsp;<br />Foto: © <a href="http://www.arts-and-lyrics.de/">www.arts-and-lyrics.de</a>.</font></p>
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		<title>Short Stories</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Apr 2010 23:55:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/04/poser_sunbeam_kl.jpg" align="left" alt="(Foto: Manfred Poser)" />Seit dem »Zauberer von Rom« im Dezember 2009 keinen großen Roman mehr gelesen. Anderes war zu tun, ich pflügte kreuz und quer durch die Parapsychologie, und die Konzentration für einen Roman fehlte. Ein alter Freund, Englischlehrer an einem bayerischen Gymnasium, schwärmte mir von (Sir) Kingsley Amis (1922–1995) vor und empfahl dessen »Collected Stories«. Und dann legte mir Rolf Hannes aus Freiburg noch die Kanadierin Alice Munro (geboren 1931) ans Herz, die meist Geschichten von etwa 30 Seiten Länge schreibt. Ich war begeistert ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seit dem <em><a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2260/">Zauberer von Rom</a></em> im Dezember 2009 keinen großen Roman mehr gelesen. Anderes war zu tun, ich pflügte kreuz und quer durch die <a href="http://www.orange-press.com/programm/alle-titel/absolute-parapsychologie.html">Parapsychologie</a>, und die Konzentration für einen Roman fehlte. Ein alter Freund, Englischlehrer an einem bayerischen Gymnasium, schwärmte mir von (Sir) <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Kingsley_Amis">Kingsley Amis</a> (1922–1995) vor und empfahl dessen <em>Collected Stories</em>. Und dann legte mir Rolf Hannes aus Freiburg noch die Kanadierin <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Alice_Munro">Alice Munro</a> (geboren 1931) ans Herz, die meist Geschichten von etwa 30 Seiten Länge schreibt. Ich war begeistert.</p>
<p>Die Kurzgeschichte oder Short Story ist ja im angelsächsischen Sprachraum zur Blüte gelangt, seit Edgar Allen Poe (1809–1849) und den Fortsetzungsromanen im 19. Jahrhundert. Viele große Autorinnen und Autoren haben die kurze Form gepflegt, doch wir lassen sie alle beiseite. Kingsley Amis schrieb in seiner Einführung zu den <em>Collected Stories</em>, er habe immer gewusst, wenn er ein Thema für eine kleine Geschichte in den Fingern hatte; das sei angenehm, denn im Roman müsse man immer mit 20 Kegeln gleichzeitig jonglieren, bei der Short Story mit höchstens zwei.</p>
<p>Dann überlegt er, warum diese so wenig gefragt sind. Verleger meinten, die Leser hätten keine Lust, sich immer wieder auf neue Protagonisten oder ein neues Setting einzustellen. In Deutschland sind Erzählungen ja auch wenig beliebt. Die Leser (eher: die Leserinnen) wollen lieber in ein großes Gebilde eintauchen, denn so entflieht man besser der Realität. Die Leser seien mehr geworden, räsonniert Amis (1981), auch die Schriftsteller; aber im Ganzen seien beide heute schlechter als früher. Der Untertitel »Erzählungen« verscheuche alle Leserinnen. Das sei schade.</p>
<p>»With Neil I worry a bit, with Maury only a tiny little bit. And Gretchen I don’t worry about at all. Because women always have got something, haven’t they, to keep them going? That men haven’t got.« – Das ist eine Stelle aus <em>Tricks</em> von Alice Munro in der wunderbaren Beiläufigkeit, mit der in englischer Sprache tiefe Wahrheiten daherkommen. Und das ist so schwer zu übersetzen, damit es nicht banal klingt oder zu tiefsinnig. Etwa: »Frauen haben immer etwas, das sie weiterträgt, nicht wahr? Männer haben das nicht.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/04/poser_grabstein.jpg" width="100%" style="max-width:100%" alt="Grabstein mit Geschichte (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Eine Short Story: Ende kompakt. – <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Danilo_Ki%C5%A1">Danilo Kiš</a> schrieb einmal, die Angaben auf einem Grabstein<br />
seien der kürzeste Roman überhaupt.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>That the German language hasn’t got</h5>
<p>Ach, diese <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Ernest_Hemingway">Hemingway</a>’sche Lakonie, diese Vieldeutigkeit einer eleganten Smalltalk-Sprache! Wie im Italienischen oder Russischen kann da unendlich herumgequatscht werden, ohne dass ein Kern deutlich würde – aber dann wieder fängt ein einziger Ausdruck unübertrefflich eine »Befindlichkeit« ein mit all ihren Nuancen, sodass mir für manche Empfindung eine italienische Wendung ganz natürlich vorkommt. »That the German language hasn’t got.« Ich wollte nun ein deutsches Beispiel verwenden, um zu zeigen, dass unsere Sprache an Präzision ihresgleichen sucht; wir müssen eben durch Umkreisen des Kerns die Nuancen einfangen, und so, eben mit größerem Aufwand, ist es auch zu schaffen.</p>
<p>Ich schlug also zufällig (<a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2744/">ohne zu suchen</a>) <em>Austerlitz</em> von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/W._G._Sebald">W. G. Sebald</a> auf, und da erzählt auf Seite 223 der Romanheld, dass Véra und er meist Französisch gesprochen hätten. »Mitten in dieser Bemerkung war Véra selber, unwillkürlich, wie ich annehme, sagte Austerlitz, aus der einen Sprache in die andere übergewechselt, und ich, der ich weder am Flugplatz, noch im Staatsarchiv, ja nicht einmal beim Auswendiglernen der Frage, die mir, an der falschen Adresse, gewiß nicht viel weitergeholfen hätte, auch im entferntesten nur auf den Gedanken gekommen war, vom Tschechischen je berührt worden zu sein, verstand nun wie ein Tauber, dem durch ein Wunder das Gehör wiederaufging, so gut wie alles, was Véra sagte, und wollte nurmehr die Augen schließen und ihren vielsilbig dahineilenden Wörtern lauschen in einem fort.« (Dazu unbedingt lesen: <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2661/">den schönen Aufsatz</a> von Florian Radvan im <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/hefte/familie/">K.A.-Heft »Familie«</a> über W. G. Sebald!)</p>
<p>Grace lernte Neil kennen. »How far she had seen into him, now.« Schön. Ich habe nun die Sammlung <em>Runaway</em> der Munro mit acht Erzählungen, die seit eineinhalb Jahren unter dem Titel <em>Tricks</em> vorliegt, schon zwei Mal verschenkt (an Frauen), und ein kurzes Überfliegen zeigte mir, dass die Übersetzung gelungen ist. Joseph Conrad (1857–1924) habe ich auch in der Übersetzung leidenschaftlich gern gelesen.</p>
<p>Zu Conrads Zeit hieß der größte englische Autor <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Thomas_Hardy">Thomas Hardy</a> (1840–1928). Er schrieb bis zu seinem fünfzigsten Jahr große Romane und Novellen, danach nur mehr Poesie. Seine <em>Wessex Tales</em> spielen in der Nähe von Dorchester, wo er lebte. Simon Gatrell schreibt wunderbar über sie: »Das Gefühl von etwas Weichem, Flüchtigen und Untergehenden ist bei Hardy oft spürbar, aber es zeigt sich deutlicher in den <em>Wessex Tales</em> wegen der relativen Kürze der Short Story, die den Leser dazu zwingt, nicht nur die Zerbrechlichkeit der Dinge, sondern auch und oft ihre Endlichkeit zu bedenken.«</p>
<p>Denn bei Thomas Hardy enden viele Geschichten tragisch, und der Tod steht immer im Hintergrund. Die <em>Tales</em>, vor 100 Jahren geschrieben, blicken meist ins 19. Jahrhundert zurück und haben noch den großmeisterlichen Atem der alten Zeit mit akkuraten Beschreibungen und abstrakten Erläuterungen. Als Hardy 1928 starb, hatte Hemingway gerade <em>Fiesta </em>und die <em>Nick-Adams-Stories </em>veröffentlicht, und ein neuer Stil war da. Die Großmeister dankten ab, die Kurzgeschichten wurden klarer und herber. Wie die der jungen <a href="http://hannahtinti.com/">Hannah Tinti</a>, die 2004 <em>Tanz der Tiere</em> vorlegte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/04/poser_sunbeam.jpg" width="100%" style="max-width:100%" alt="Ein Sunbeam aus Wolverhampton (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Ein Sunbeam aus Wolverhampton, mit dem Engländer an Sonntagen sportliche Ausfahrten unternahmen.<br />
Baujahr 1928: Damals starb Hardy, und Hemingway hatte das Neue zu bieten.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>Too many things</h5>
<p>Der <em>Spiegel</em> will Anfang des Jahres bemerkt haben, dass sich Kurzgeschichten wieder besser verkaufen. Ich glaube nicht an solche Trends. Wenden wir uns besser dem Handwerk zu und Mrs. Munro. Genießen wir den Anfang von <em>Differently</em>:</p>
<p>»Georgia once took a creative-writing course, and what the instructor told her was: Too many things. Too many things going on at the same time; also too many people. Think, he told her. What is the important thing? What do you want us to pay attention to? Think.«</p>
<p>Fünf Zeilen. Simpler Wortschatz. Viele Wiederholungen. Hier sind sie strategisch: Sie zeigen die Penetranz und das Nölende des Lehrers. Wir kennen Georgia noch nicht, aber wir sind schon auf ihrer Seite. Die beiden »think« umklammern das Credo des Lehrers und zeigen syntaktisch seine Engstirnigkeit. Diese viereinhalb Zeilen sind einfach und doch genial gebaut, mit gutem Fluss und Rhetorik.</p>
<p>Die folgende Geschichte ist dann schwierig; too many things. So ist das Leben. Georgia besucht Raymond und dessen Frau Anne in dem »splendid stone house where she used to visit Maya«. Wo ist Maya denn geblieben? Raymond sagt Anne, was für tolle Freunde sie gewesen seien, Georgia und Ben und er und Maya.  Dann: »Maya is dead. Georgia and Ben are long divorced.« Anne ist eine langweilige Blondine, Raymond plappert und outet sich als oberflächlicher Bourgeois.</p>
<p>Die Informationen sind so geschickt platziert, dass man neugierig wird. Wie hängt das alles zusammen? Georgia dachte lange, »that someday she might write to Maya, there might come a time when their friendship could be mended«. Aha! Andere Autoren hätten geschrieben: »Denn Georgia und Maya hatten keinerlei Kontakt mehr.«</p>
<p>Da gibt es viele Leerstellen und ambivalente Ausdrücke, das Puzzle lässt endlich eine vage Gestalt erkennen, und der Schluss ist immer herb und offen. Alice Munro wird nächstes Jahr 80. In ihren Geschichten schauen Menschen zurück; alles liegt in der Vergangenheit, das Glück hätte eine Liebe sein können, die es nicht gab, und gab es sie doch, wurde sie nicht zum Glück, und zwischen den Sätzen klaffen immer wieder Lücken auf, in denen kein Gott ist und kein Engel, aber einen Zauber gibt es: Er liegt in den Sätzen und in diesem seltsamen, abenteuerlichen Leben hier und jetzt.</p>
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		<title>Grundlagen der Kritik</title>
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		<pubDate>Wed, 21 Apr 2010 16:00:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Andres</dc:creator>
				<category><![CDATA[Germanisten im Beruf]]></category>

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		<description><![CDATA[Das Verhältnis von Theorie und Praxis war während des Studiums von Dorothea Marcus bestens ausgewogen: Bei Hans-Ulrich Treichel bejubelte und verriss sie Gedichte von Kommilitonen, mit einer Arbeit über den Begriff der Mystik in der Literatur um 1900 schloss sie ihr Germanistik-Studium ab. Erst danach entdeckte sie das Berufsfeld des Kulturjournalismus für sich: Während es in Berlin, wo sie studierte, stets aussichtslos erschien, Praktika-Plätze zu ergattern, kam ihre berufliche Karriere in Freiburg richtig in Schwung. Mittlerweile ist Marcus Autorin für Rundfunk, Theater-Magazine und überregionale Tageszeitungen. Seit Anfang 2009 ist sie Chefredakteurin der <em>akT</em>, der neugegründeten Kölner Theaterzeitung, mit der der Medienlandschaft in der rheinischen Metropole eine vernehmbare Stimme für die Kultur hinzugefügt wurde …]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Verhältnis von Theorie und Praxis war während des Studiums von <strong>Dorothea Marcus</strong> bestens ausgewogen: Bei Hans-Ulrich Treichel bejubelte und verriss sie Gedichte von Kommilitonen, mit einer Arbeit über den Begriff der Mystik in der Literatur um 1900 schloss sie ihr Germanistik-Studium ab. Erst danach entdeckte sie das Berufsfeld des Kulturjournalismus für sich: Während es in Berlin, wo sie studierte, stets aussichtslos erschien, Praktika-Plätze zu ergattern, kam ihre berufliche Karriere in Freiburg richtig in Schwung. Mittlerweile ist Marcus Autorin für Rundfunk, Theater-Magazine und überregionale Tageszeitungen. Seit Anfang 2009 ist sie Chefredakteurin der <a href="http://www.theaterzeitung-koeln.de/"><em>akT</em></a>, der neugegründeten Kölner Theaterzeitung, mit der der Medienlandschaft in der rheinischen Metropole eine vernehmbare Stimme für die Kultur hinzugefügt wurde.</p>
<p>Um diese Stimme nun auch dauerhaft zu etablieren, müssen Herausgeber und Redaktion nach zwölf Ausgaben sowie einer Budgetkürzung durch das Kulturamt der Stadt Köln derzeit um Spenden kämpfen – näheres dazu (und wie man helfen kann) <a href="http://www.theaterzeitung-koeln.de/down/Finanziert.pdf">hier</a> sowie bei <a href="http://www.facebook.com/group.php?gid=111276185562718"><em>facebook</em></a>. Die <em>Kritische Ausgabe</em> drückt dafür jedenfalls alle verfügbaren Daumen!</p>
<p>Wie ihr das Germanistik-Studium zunächst zu den Grundlagen der Kritik und nun zur Theaterzeitung nach Köln verhalf, das verrät Dorothea Marcus in ihren Antworten zu unserem Fragebogen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h4>Unsere zwölf Fragen, beantwortet von Dorothea Marcus:</h4>
<ol>
<li><strong>Wie lange und wo haben Sie studiert, welchen Abschluss haben Sie erreicht? War Germanistik Ihr Haupt- oder Nebenfach?</strong>
<p>Ich habe sechs Jahre lang, von 1989 bis 1996,  in Berlin an der FU Germanistik und Geschichte im Hauptfach auf Staatsexamen studiert. Da es in Berlin so viel zu tun gab – unter anderem Theater spielen – hat es etwas länger gedauert …</li>
<li><strong>Was hat Sie damals dazu bewogen, Germanistik zu studieren?</strong>
<p>Für mich stand diese Studienwahl schon immer fest, da ich schon immer eine begeisterte Leserin war und vom Schreiben träumte – ich dachte immer, das sei da in Idealform vereint.</li>
<li><strong>Zu welchem Thema haben Sie Ihre Abschlussarbeit eingereicht?</strong>
<p>»Der Begriff der Mystik in der Literatur der Jahrhundertwende am Beispiel von Hofmannsthals <em>Brief des Lord Chandos</em>, Musils <em>Erinnerungen des Zöglings Törleß</em> und Rilkes <em>Stundenbuch</em>«.</li>
<li><strong>Zu welchen wissenschaftlichen Ergebnissen sind Sie in dieser Arbeit gelangt?</strong>
<p>Dass Mystik nichts mit Religion zu tun haben muss, sondern in dieser Zeit geradezu das Gegenteil war und eine Art spirituell-esoterisches Lebensgefühl repräsentierte, eine »Lebensmystik«, die sich dem Diesseits zuwandte und allenfalls mit religiösen Formen und Formulierungen spielte. Eine Alternative zum tiefen Sprachskeptizismus, die einzige Möglichkeit, die durch die Moderne zerfallene Sprache temporär wiederzugewinnen.</li>
<li><strong>Wer war Ihr(e) bevorzugte(r) Professor(in) und was machte sie/ihn aus?</strong>
<p>Ich habe wenige Professoren namentlich im Kopf behalten. Aber einen schon, der allerdings kein Professor war und später ans Literaturinstitut in Leipzig ging: Immer noch denke ich mit schönen Erinnerungen an die Seminare des Schriftstellers Hans-Ulrich Treichel zurück. Das eine, sehr eindrückliche Seminar ging über die Lyrik nach 1945. Aber das noch wichtigere Seminar war »Studenten stellen selbst geschriebene Lyrik vor«. Dort waren viele heute bekannte Autoren und Journalisten (u.a. Judith Hermann) – und die Gedichte der Kommilitonen wurden gnadenlos kritisiert, aufgespießt, analysiert, verworfen, aber auch bejubelt. Ich habe nie wieder vorher oder nachher eine so inspirierende Veranstaltung besucht. Nebenbei habe ich dort auch lebenslange Freundschaften geschlossen. Und es hat mich auch schlichtweg einfach die Grundlagen der Kritik gelehrt, die ich heute nutze.</li>
<li><strong>Was war / ist Ihr Lieblingsbuch / Lieblingsautor(in) / Lieblingsepoche / Lieblingsgattung / Lieblingsgenre?</strong>
<p>Heute hat es sich ziemlich diversifiziert, ich lese eigentlich am liebsten neue deutsche Autoren, zuletzt <em>Grenzgang</em> von Stephan Thome. Damals waren es eindeutig die Jahrhundertwende bzw. die Entwicklungen nach 1945: Robert Musil: <em>Mann ohne Eigenschaften</em>, Lyrik von Ingeborg Bachmann und Paul Celan, das Gesamtwerk von Simone de Beauvoir.</li>
<li><strong>Wo haben Sie Ihre ersten beruflichen Erfahrungen gesammelt, welche studienbegleitenden Tätigkeiten (Praktika etc.) haben Sie absolviert und dabei ggf. welche Schlüsselqualifikationen erworben?</strong>
<p>Gegen Ende des Studiums war ich, da durch ein DAAD-Stipendium in Bordeaux sehr frankophil geworden, sogenannte wissenschaftliche Referentin in der deutsch-französischen Ausstellung im Martin-Gropius-Bau »Marianne und Germania«. Ich habe also Gruppen durch die Ausstellung geführt sowie ein Programm „Kreatives Schreiben für Schüler“ mitentwickelt und durchgeführt – und gleichzeitig noch ein wenig mit der Schauspielerei kokettiert. Mein »Volontariat« nach dem Studium habe ich in der Redaktion der Ludwigsburger Schlossfestspiele gemacht und dort viele Programmheft-Texte geschrieben und Interviews mit Künstlern geführt, hatte also viel Material, um mich bei Zeitungen zu bewerben. Mein eigentlicher Traum war immer, zum Straßburger Sender Arte zu gehen – dort habe ich schließlich, als ich in Freiburg wohnte, dann auch Praktika und Urlaubsvertretungen in der Pressestelle gemacht. Als es mit der freien Autorentätigkeit immer besser lief, passte diese doch sehr administrative Tätigkeit nicht mehr so richtig. </li>
<li><strong>Wie sind Sie nach dem Studium geworden, was Sie nun sind? Und: Wollten Sie es werden?</strong>
<p>Dafür, dass ich immer davon geträumt habe, Journalistin zu werden, habe ich während meines Studiums erstaunlich wenig dafür getan – in Berlin wollten das so viele, dass Praktika absolut aussichtslos erschienen. Im eigentlichen Sinne journalistisch gearbeitet habe ich erst, als ich nach dem Studium nach Freiburg gespült wurde und mit meinen Berliner Theaterkenntnissen und Texten freie Mitarbeiterin und Theaterkritikerin bei der <em>Badischen Zeitung</em>, der <em>Basler Zeitung</em> und dem <em>SWR</em> wurde und davon recht schnell leben konnte. Von diesem Standbein aus habe ich versucht, mich überregional als Autorin von <em>DLF, WDR, FR, taz, Die deutsche Bühne</em> etc. zu etablieren, was auch klappte. Als ich aus privaten Gründen nach Köln ging, machte ich so weiter, es lief weiterhin gut. Bewusst war ich nicht »nur« Theaterkritikerin, sondern schrieb auch immer wieder in Magazinen und machte Radiofeatures und auch Dokumentarfilme zu psychologischen und zu »Frauen«-Themen. Ich hätte eigentlich keinen Anlass gesehen, mich umzuorientieren &#8211; auch wenn das Dasein als freie Autorin viel Energie kostet. Aber dann war die Stelle ausgeschrieben als Chefredakteurin einer neu zu gründenden Theaterzeitung in Köln. Eine Aufgabe, die mich sehr reizte und perfekt auf mich zu passen schien: etwas Neues aufzubauen in einem Bereich, der absolut meiner ist, stärker kulturpolitisch einzugreifen und selbst zu gestalten, Themen setzen und ihnen nicht nur hinterherzulaufen. Seit Anfang 2009 bin ich sehr glücklich, Chefredakteurin von <em>akT, der Kölner Theaterzeitung</em>, zu sein. Ich bin formal immer noch freiberuflich (und war für einige Monate im Mutterschutz). Meine anderen Tätigkeiten als Feature-Autorin und überregionale Kritikerin betreibe ich weiter, wenn auch weniger regelmäßig.</li>
<li><strong>Nützt Ihnen das im Studium erworbene Wissen in Ihrem Beruf – und wenn ja: was?</strong>
<p>Ja, auf jeden Fall, siehe Frage 5, 7 und 8.</li>
<li><strong>Würden Sie sich heute wieder für ein Germanistik-Studium entscheiden – und warum (nicht)?</strong>
<p>Ich würde mich wieder für ein Germanistik-Studium entscheiden, ich habe leidenschaftlich gerne studiert. Allerdings war auch wichtig, dass ich Umwege machen konnte und nicht so strikt und schnell studieren musste, wie es heute vorgeschrieben ist. Ohne, dass ich in Berlin ständig ins Theater gegangen wäre, Theater gespielt und auch nebenbei reichlich Vorlesungen in Theaterwissenschaften besucht hätte, wäre ich nie Kritikerin geworden – aber ich bezweifele, dass dafür ein heutiger Student noch Zeit hat.</li>
<li><strong>Wie viele Ihrer (Branchen-)Kollegen haben Germanistik oder ein anderes geisteswissenschaftliches Studium absolviert? Und werden in Ihrem Bereich noch weitere Germanisten bzw. Geisteswissenschaftler gesucht?</strong>
<p>Bei der Auswahl der Praktikanten für meine Zeitung achte ich schon darauf, dass sie im Idealfall auch Germanistik studiert haben. Das Studium gibt für den Beruf des Theaterkritikers eine solide Hintergrundbildung und formales Rüstzeug für interpretatorische Vorgänge mit, wenn es gut gelaufen ist. Auch viele meiner Kritikerkollegen haben tatsächlich Germanistik studiert, das ist sogar häufiger, als dass sie ein Volontariat absolviert haben. Bei Menschen die das nicht getan haben, fehlt oft schlicht die literarische Bildung, die für den Beruf des Kritikers unerlässlich ist.</li>
<li><strong>Welche Frage haben Sie an heutige Studierende der Germanistik? Und was würden Sie ihnen raten zu tun (oder zu lassen), um den Sprung von der Uni ins Berufsleben zu schaffen?</strong>
<p>Siehe Frage 7 – den Mut zu eigenen Aktivitäten, selbst viel schreiben, Umwege gehen, selber denken, viel lesen und sich von den eigenen Interessen an dem Fach leiten lassen. Und gleichzeitig Praktika bei Zeitungen und Rundfunkredaktionen machen und sich nach dem Studium für Volontariate oder Journalistenschulen bewerben. </li>
</ol>
<h4>&nbsp;</h4>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/04/Dorothea_Marcus.jpg" alt="Dorothea Marcus (Foto: © akT. Die Kölner Theaterzeitung)" title="Dorothea Marcus (Foto: © akT. Die Kölner Theaterzeitung)" width="124" height="150" class="left" /><strong>Dorothea Marcus</strong>, Jahrgang 1969, Studium der Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaften in Berlin und Bordeaux. Seit 1999 ist sie freie Kulturjournalistin für Print und Hörfunk in Köln, vorher Freiburg. Sie arbeitet für <em>DLF, taz, SWR, WDR, Die Deutsche Bühne</em> und <a href="http://www.nachtkritik.de/"><em>www.nachtkritik.de</em></a>. Seit Januar 2009 ist sie Chefredakteurin der Kölner Theaterzeitung <a href="http://www.theaterzeitung-koeln.de/"><em>akT</em></a>.</p>
<p><font size="-1">Foto: © akT. Die Kölner Theaterzeitung.</font></p>
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<div style="color: #777;">Seit 2006 geben ehemalige Germanistik-Studentinnen und -Studenten in der <em>K.A. plus</em> Auskunft über ihren Werdegang und über den Nutzen ihres literaturwissenschaftlichen Studiums. Die zwölf Fragen unseres Fragebogens beantwortete vor Marcus zuletzt der Leiter des Katholischen Bildungswerks in Leverkusen, <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1846/">Elmar Funken</a>. Weitere <a href="http://kritische-ausgabe.de/index.php/ressort/kaplus/germanistinnen-im-beruf/">»Germanisten im Beruf«</a> werden folgen!</div>
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		<title>Und wieder wiederholt sich was!</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Apr 2010 22:01:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Manfred Poser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausreißversuche]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/04/poser_baraka_kl.jpg" align="left" title="Blues ist Wiederholung" alt="Blues ist Wiederholung (Foto: Manfred Poser)" />Wir kehren zurück zu dem österreichischen Biologen Paul Kammerer (1880–1925). Der exzentrische Wissenschaftler entdeckte an Kröten ein höchst interessantes Vererbungsmerkmal, was ihn berühmt machte wie vorher Darwin. Allerdings kamen Zweifel an der Stichhaltigkeit der Ergebnisse auf (der Fall ist noch immer ungeklärt; Arthur Koestler hat ihn 1971 in seinem Buch »The Case of the Midwife Toad« aufbereitet), die Kammerers Reputation zerstörten und ihn in den Selbstmord trieben ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Wir kehren zurück zu dem österreichischen Biologen <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2744/">Paul Kammerer</a> (1880–1925). Der exzentrische Wissenschaftler entdeckte an Kröten ein höchst interessantes Vererbungsmerkmal, was ihn berühmt machte wie vorher Darwin. Allerdings kamen Zweifel an der Stichhaltigkeit der Ergebnisse auf (der Fall ist noch immer ungeklärt; Arthur Koestler hat ihn 1971 in seinem Buch »The Case of the Midwife Toad« aufbereitet), die Kammerers Reputation zerstörten und ihn in den Selbstmord trieben.</p>
<p>Kammerers Buch »Das Gesetz der Serie« war sehr einflussreich. Sigmund Freud und C.&nbsp;G. Jung nahmen die (persönlichen) Beobachtungen Kammerers ernst, dass Ereignisse in Serie aufträten, was zu dem Ausdruck »Duplizität der Ereignisse« führte und Jungs Überlegungen zu den Synchronizitäten untermauerte. Das Werk lässt nichts aus, was auch nur annähernd zum Thema gehört, und Kammerer zeigt sich so, wie man ihn in den höheren Gesellschaftskreisen kannte: als charmanter und etwas exzentrischer Causeur. Im letzten Abschnitt widmet er sich auch Philologie und Linguistik; er schreibt:</p>
<blockquote><p>»Nach <em>Behaghel</em> ist Wiederholung ein Urphänomen der Sprache: an ihrer Entstehung haben häufig wiederholte Ereignisse der Außenwelt, wie rhythmische Handgriffe bei der täglichen Arbeit offenbar weitreichenden Anteil gehabt. [...] Seit <em>Pott</em> werden diese gestockten Sedimente der Sprechwiederholung als <em>Doppelung</em> (Reduplikation) bezeichnet, wovon sich zwei Hauptarten unterscheiden: Wiederholung im ganzen und verkürzte Wiederholung.«</p></blockquote>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/04/poser_baraka.jpg" class="frei" alt="Amiri Baraka (Zweiter von rechts) mit Sängerin Leena Conquest im April 2004 in Rom (Foto: Manfred Poser)" /><br /><font size="-1">Blues ist Wiederholung. Amiri Baraka (Zweiter von rechts) mit Sängerin Leena Conquest<br />
im April 2004 in Rom mit der William Parker Band.<br />
(Foto: Manfred Poser)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>»Jenny gone away«</h5>
<p>Das finden wir etwa im Blues der schwarzen amerikanischen Baumwollpflücker. <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Lafcadio_Hearn">Lafcadio Hearns</a> hat einen kreolischen Blues aufgezeichnet, der so geht: »Ouendé, ouendé, macaya! / Ma pas barrasse, macaya! / Ouendé, ouendé, macaya! / Mo bois bon divin, macaya!« (aus dem Buch »Blues People« von <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Amiri_Baraka">Amiri Baraka</a>). In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde gesungen: »Jenny shake her toe at me, / Jenny gone away; / Jenny shake her toe at me, / Jenny gone away. / Hurrah! Miss Susy, oh! / Jenny gone away; / Hurrah! Miss Susy, oh! / Jenny gone away.« (ebd.)</p>
<p>Ein Blick in die Bibliografie des Kammerer-Buchs zeigt das Werk »Doppelung (Reduplikation, Gemination) als eines der wichtigsten Bildungsmittel der Sprache«, erschienen 1862 in der Meyerschen Hofbuchhandlung Lemgo und Detmold. Autor ist <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/August_Friedrich_Pott">August Friedrich Pott</a> (1802–1887), der 1845 die <em>Deutsche Morgenländische Gesellschaft</em> gründete, ein gutes Buch über die Sprache der Zigeuner schrieb und sich gegen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Arthur_de_Gobineau">Gobineaus</a> These von der Ungleichheit menschlicher Rassen wandte.</p>
<p>Jedenfalls hat <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Gerard_Manley_Hopkins">Gerard Manley Hopkins</a> nicht im Alleingang den <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2135/">Parallelismus</a> entdeckt; es ist ein Phänomen, dass Entdeckungen zur selben Zeit an verschiedenen Orten auftauchen. Darwin zögerte sehr lange mit der Veröffentlichung seiner Thesen, da schickte ihm <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Russel_Wallace">Alfred Russell Wallace</a> einen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ternate-Manuskript">Brief</a>, in dem er Darwins Findungen fast wörtlich wiederholte. Telepathie oder ein unheimliches »Feld«?</p>
<p>Pott schreibt: »Das große Naturgesetz der Anziehungskraft, Assimilation, Wahlverwandtschaft oder wie man es sonst immer nennen möge, übt auch in der Sprache einen unermesslichen Einfluss auf ihre Gebilde und deren Verknüpfung aus.« Kammerer verweist auf Berichte von emotional verstörenden Ereignissen sowie auf das Stottern, Stammeln und Lallen, auf das Versprechen, Verlesen, Verhören oder Verschreiben. Wiederholungen beziehen sich nicht nur auf Hauptwörter, sondern auch auf Verben. Das Lateinische verlor seine Doppelungen (Carl Jacoby: »Die Reduplikation im Lateinischen«, 1878) wieder, »während die alten Latiner mit allen Naturvölkern den Sinn für Klangmalerei gemeinsam hatten, der ihnen das Wiederholen der Sprechelemente vorschrieb«.</p>
<p>Da treten wieder vielfältige Assoziationen auf, und so wiederhole auch ich meinen Sermon über die Wiederholung. Denken wir an die zahlreichen Wiederholungen von Motiven in der klassischen Musik, etwa bei Schubert (im 3. Satz des Streichquartetts D 804 in a-Moll ist es auffallend, auch im Allegro assai); dann natürlich die Kopisten im mittelalterlichen Mönchstum, verewigt in Umberto Ecos »Der Name der Rose«: Schreiben ist ja eine stete Wiederholung von Zeichen, wenngleich in Variationen. In der Evolution treten dauernde Wiederholungen auf, doch bedeutsam sind die kleinen Variationen, die laut Chaostheorie dem »seltsamen Attraktor« zustreben und dann einmal zu »Sprüngen« führen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/04/kraemer_ammersee.jpg" class="frei" alt="2 Vögel über dem Ammersee (Foto: Helmut Krämer)" /><br /><font size="-1">2 Vögel über dem Ammersee.<br />
(Foto: Helmut Krämer)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<h5>»Psychic excess«</h5>
<p>Aber nun, nachdem alles verknüpft und vernetzt wurde, soll nicht alles in Theorie versanden. Handelt es sich bei Synchronizitäten und Koinzidenzen nicht auch um Wiederholungen? Paul Kammerer war so überzeugt von seinen Serien, dass er sogar meinte, man müsse sich bei jedem Ereignis fragen: Wo ist die »Nachfolgenummer«? Wie heißt es: Ein Unglück kommt selten allein. Wenn man den Teufel nennt, kommt er g’rennt. Das Kriterium der »Serialität« habe ich ja durch meine Beiträge bereits erfüllt, aber auch viele kleinere Erlebnisse gehabt, die ich getreulich in ein Buch schreibe, und diese Geschichten sind fast spannender als die Kammerer-Episoden.</p>
<p>Da ist eine Energie, die aus intensivem Denken stammt, und sie hat, da ich selten mein Haus verlasse, keine andere Chance, als sich beim Lesen zu äußern. Am 27. März sagt eine Freundin zu mir, sie fühle sich »wie elektrisch«, sie könne sich nicht aufs Lesen konzentrieren. Gleich darauf lese ich bei <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Alice_Munro">Alice Munro</a>: »She set herself jobs of rearranging things, else she would have gone mad … It was at this time that she entirely gave up reading.« Ich denke an einen verstorbenen Bekannten, den alten Lothar – und lese: »In the mountains &#8230; she must have tried to tell them her name, and ›Lottar‹ was what they made of it.«</p>
<p>Ich sehe einen alten Bekannten vorüberfahren, den ich zehn Jahre nicht mehr gesprochen habe, den netten Redakteur Kirk. Am Tag vorher, einzige Erklärung, hatte ich ein Bild aus »Star Trek« verschickt, und mein Blick war auf Captain Kirk gefallen. – Ich muss zum Zahnarzt, und plötzlich höre ich überall von Leuten, die gerade Zahnarzttermine haben (Koestlers »Echo-Effekt«). Eine Verwandte namens Gertrud hat eine rätselhafte Krankheit, und am selben Tag, als mir meine Mutter davon erzählt, lese ich eine Geschichte von <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Thomas_Hardy">Thomas Hardy</a> über »Gertrude Lodge«, die eine rätselhafte Wunde am Arm hat, die immer schlimmer wird.</p>
<p>Nun könnte man sagen, da fabuliere sich jemand etwas zusammen. Doch ich habe ein gutes Archiv und darin meine Aufzeichnungen aus dem Buch »Borderline« von Peter K. Chadwick (1992) gefunden. Der Autor, ein früherer Geologe, wurde 1979 psychotisch, und nachdem er geheilt war, wirkte er als Therapeut – ein klarer Fall von »wounded healer«. Er meinte, das Einsetzen von Verrücktheit sei nicht immer ein Fehler im Denken, sondern basiere auf äußeren Faktoren, die die Kontrolle von innen nach außen zu verlagern helfen. Das Gefühl einer »Bedeutung« kennzeichne den Borderline-Patienten und den Mystiker. Vielleicht, meinte Chadwick, produziere ein Zustand von psychischem Überschuss (<em>psychic excess</em>) wie ein semantisches Feld Koinzidenzen.</p>
<p>Natürlich muss man achtgeben, nicht alles als Botschaft oder Teil eines Systems anzusehen. Paranoia, schrieb Freud, sei kreative Handlung zur Selbstheilung, eine wissenschaftliche Analyse vorliegender Daten; und überhaupt besteht Kreativität ja darin, Assoziationen zu produzieren, die in einem gewissen Kontext angemessen wirken. Die Grenze zum Pathologischen ist dabei fließend.</p>
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		<title>Kein Ende in Sicht</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Apr 2010 06:00:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N. N.</dc:creator>
				<category><![CDATA[Auf die Ohren!]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

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		<description><![CDATA[Ist Popmusik am Ende? Eine Frage, die mehr und mehr Statement-Charakter annahm, beschäftigte gegen Ende des letzten Jahres mal wieder so manchen Feuilletonisten, der mit dem Tod Michael Jacksons gleich noch ein historisches Ereignis bei der Hand hatte. So titelte beispielsweise das SZ-Magazin: »Verfallsdatum abgelaufen. Die Ära des Pop ist vorbei«. Das ist der Stoff, aus dem Schubladen- und Epochendenken gemacht ist. Kaum endet ein Jahr/Jahrzehnt/Jahrhundert, wird zusammengefasst, abgeschlossen, resümiert, totgesagt …]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ist Popmusik am Ende? Eine Frage, die mehr und mehr Statement-Charakter annahm, beschäftigte gegen Ende des letzten Jahres mal wieder so manchen Feuilletonisten, der mit dem Tod Michael Jacksons gleich noch ein historisches Ereignis bei der Hand hatte. So titelte beispielsweise das SZ-Magazin: »Verfallsdatum abgelaufen. Die Ära des Pop ist vorbei«. Das ist der Stoff, aus dem Schubladen- und Epochendenken gemacht ist. Kaum endet ein Jahr/Jahrzehnt/Jahrhundert, wird zusammengefasst, abgeschlossen, resümiert, totgesagt.</p>
<dl style="width: 200px; float: right; padding: 2px 0px 6px 6px; margin: 2px 0px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;"> <img title="Tocotronic: »Schall &amp; Wahn« (Cover)" src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/03/schallundwahn.jpg" alt="Tocotronic: »Schall &amp; Wahn« (Cover)" width="200" height="200" /> </dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Tocotronic: <em>Schall &amp; Wahn</em><br />
(Cover)</dd>
</dl>
<p>Paradox irgendwie, dass gerade das deutsche Popjahr(zehnt) mit dem Erscheinen zweier Platten beginnt, die gleichermaßen Abschluss, Rückblende und Fortschritt symbolisieren. Mit dem Album <em>Schall &amp;Wahn</em> nahmen Tocotronic den letzten Teil ihrer »Berlin-Trilogie« auf, die mit <em>Pure Vernunft Darf Niemals Siegen</em> und <em>Kapitulation </em>ihren Anfang nahm. Mit dem Abschlusswerk liefern sie gleichzeitig auch das (zumindest vorzeitige) Ende einer Entwicklung, die sich von coolen Sprüchen für das Federmäppchen (»Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein«, »Digital Ist Besser«) hin zu einer ausgereiften Kunstsprache mauserte.</p>
<p>Anders die Band Fehlfarben, die exakt 30 Jahre nach dem Konsensalbum <em>Monarchie und Alltag</em>, mit <em>Glücksmaschinen</em> ein Album veröffentlichen, das genauso auch vor 3 Dekaden hätte aufgenommen werden können und gleichzeitig heute dennoch bitter nötig scheint. Dass die politischen und gesellschaftlichen Reibungspunkte, die Peter Hein und seine Düsseldorfer Bandkollegen 1980 umgaben, auch im Jahr 2010 noch in ähnlichem Maße existieren, ist nicht unbedingt neu. Nennenswert hingegen ist der künstlerische (musikalische, wie textliche) Rückbezug, der einen Aspekt von Popmusik zu manifestieren weiß, der in Zeiten immer enger werdender Hosen und immer größer werdender Brillen, ad absurdum geführt wurde: die Zeitlosigkeit. Bereits im Opener und Titelsong des Albums verweist Hein auf damals und erörtert gleichzeitig augenzwinkernd die eigene Rolle, die sich selbstredend in den ganzen Jahren verändert hat:</p>
<blockquote><p>Du stellst die Musik so leise<br />
seit ich bei dir bin<br />
Früher sagtest du ›mach lauter‹<br />
danach war alles drin<br />
Hören wir auch heute wenig<br />
können uns doch gut verstehen<br />
Und wird das Grau auch mehr<br />
wir brauchen keinen Neubeginn</p></blockquote>
<p>Es muss irgendwann im Jahr 1979 gewesen sein, als sich die Fehlfarben vom Spaß- und Krawallpunk englischer Vorbilder wie den Sex Pistols entfernten, um ernsthafte, beizeiten romantische Punkmusik zu machen. Dieser Entscheidung standen Bands Pate wie die Buzzcocks, The Clash oder The Jam und so entstand eines der unbestrittensten Konsensalben der deutschen Popmusik. Sozusagen als Nebeneffekt leiteten die Fehlfarben die Neue Deutsche Welle ein, die später mit Nena und ihren »99 Luftballons« in die Belanglosigkeit abhob, und brachten das, was auf der Insel als Post-Punk oder New Wave firmierte, nach Deutschland.</p>
<p>Nach Jahren der Absenz (Peter Hein verließ nach dem Album die Fehlfarben und stieß 1989 wieder hinzu) und Belanglosigkeit, war das 2002 erschienene <em>Knietief im Dispo</em> zumindest ein kleiner Lichtblick. Doch erst das Album <em>Glücksmaschinen</em> vermag die Band aus dem stillen Vorwurf, ein One-Hit-Wonder zu sein, zu befreien. Nach Jahren des Post-Punk-Revivals brechen die Protagonisten der deutschen Szene mitten hinein in den fröhlichen neonfarbenen Retroschick, der dieser Tage den Status der Popmusik neu zu definieren versucht.</p>
<dl style="width: 200px; float: left; padding: 2px 0px 6px 6px; margin: 2px 0px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;"> <img title="Fehlfarben: »Glücksmaschinen« (Cover)" src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/03/fehlfarben_gluecksmaschinen.jpg" alt="Fehlfarben: »Glücksmaschinen« (Cover)" width="200" height="200" /> </dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Fehlfarben: <em>Glücksmaschinen</em><br />
(Cover)</dd>
</dl>
<p>Musikalisch nimmt uns die Band mit auf eine Zeitreise und beweist, dass die Kopie vom Original immer noch am authentischsten klingt. 1980 hätten an dieser Stelle Bands wie Joy Division und Gang Of Four referentielle Erwähnung gefunden – drei Dekaden nach dem Debütmeilenstein <em>Monarchie und Alltag</em> reicht als Bezugspunkt die ausführende Band selbst. Textlich scheint die Wut und Destruktivität der Anfangstage konserviert und für das 21. Jahrhundert frisch aufgetischt worden zu sein. Zwischen den Zeilen liest man aber eine latente layed-back-Mentalität in Heins Gesellschaftsbeobachtungen heraus, die wohl dem Alter geschuldet sein dürfte. »Gebrauchte Fußballspiele«, die den ganzen Tag laufen und Werbepartner, die im »Pleitegrab» liegen werden da besungen und obschon die Wortwahl eine äußerst prägnante ist, erkennt man doch in den Klagen über Eventkultur und den Seitenhieb gegen die Opfer der Finanzkrise eine gewisse Distanz. Verhältnisse werden nicht mehr angeklagt, sie werden lokalisiert und benannt. »Aktiv sein, das sollen jetzt mal Andere«, so der Tenor, der uns entgegenschlägt, »aber zu sagen haben wir auch noch etwas«.</p>
<p>Tocotronic dagegen sind in den letzten Jahren durchgängig aktiv gewesen – und das ziemlich erfolgreich. Und auch wenn die Wahlberliner um Dirk von Lowtzow nicht mehr zur ganz jungen Garde gehören (wie beispielsweise die grandiosen Ja, Panik), so ist der Werdegang  der Band ein Indiz dafür, dass Popmusik immer auch diachron stattfindet. Durch Abgrenzung wie durch Aneignung entwickelt sie sich von Jahr zu Jahr, von Band zu Band und vor allem (im Falle von Tocotronic ganz besonders) von Platte zu Platte weiter und liefert gleichsam Rückblick wie Ausblick.</p>
<p>Im Gegensatz zu der vergleichsweise brachialen und direkten Sprache mit der Peter Hein alltägliche Beobachtungen vergegenwärtigt, entwickelte Dirk von Lowtzow in mittlerweile 17 Jahren Tocotronic seine eigene Kunstsprache. Maßgeblich beeinflusst von Beatliteraten wie Borroughs und Kerouac, sowie dem Cut-Up-Prinzip, wie es auch Hubert Fichte prägte, entwickelte von Lowtzow eine Art Open-Source-Lyrik, die weiten Spielraum für Assoziationen lässt. Dabei arbeitet er vor allem mit Signalwörtern, die eine Art Leitfaden bilden.</p>
<p>Von <em>Kapitulation</em> und einigen Songs auf <em>Schall &amp; Wahn</em> abgesehen werden aggressive und offensive Schlagworte wie »Verschwörung«, »Festung« oder »Terror« mit romantischer, verträumter und meist zurückhaltender Popmusik gekoppelt, wodurch ein geplanter Widerspruch entsteht, der sich nicht sofort aufdrängt.</p>
<p><em>Schall &amp; Wahn</em> schließt nun die Berlin-Trilogie ab und mit ihr den Eskapismus von <em>Pure Vernunft Darf Niemals Siegen</em> sowie die passive Verweigerungshaltung von <em>Kapitulation</em>. Gleichzeitig manifestiert die Platte die Entwicklung, die die Band vom ungestümen  Indie-Rock und dem im Nachhinein als ironisch klassifizierten modischen Gestus auf <em>Digital Ist Besser</em> hin zu Tocotronic im Jahr 2010 vollzog.</p>
<p>Dass die Popmusik tot sei, kann behaupten wer will. Wer jedoch ganz genau beobachtet, die Umstände der Zeit und die natürliche Fluktuation der Popmusik in die Betrachtungen mit einbezieht, wird sehen, dass es anders ist. Die Oberfläche mag abgegraben sein und vieles mag innovationslos wirken, doch dieser Umstand ist einer seit jeher auf Kopie und Repetition ausgelegten populären Musik inhärent. Alleine <em>Glücksmaschinen</em> und <em>Schall &amp;Wahn</em> legen tapfer  Zeugnis davon ab, dass die deutschsprachige Popmusik (stellvertretend für die globale Entwicklung) noch lange nicht am Tropf hängt. Dieser Gedanke kann auf die letztjährig erschienenen Platten von Ja, Panik (<em>The Taste And The Money</em>) und den Goldenen Zitronen (<em>Die Entstehung der Nacht</em>), sowie auf die vor kurzem erschienene Veröffentlichung von den Aeronauten (<em>Hallo Leidenschaft</em>) ausgeweitet werden, um nur die zeitnächsten Beispiele zu nennen. Interessant ist dabei, dass es in der deutschsprachigen Szene vor allem Bands der alten Garde sind, die die These der dahinsiechenden Popmusik anfechten.</p>
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