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	<title>Kritische Ausgabe &#187; Winkelzüge</title>
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	<description>Zeitschrift für Germanistik &#38; Literatur</description>
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		<title>Am Rande der Sprachlosigkeit</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Sep 2009 21:00:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Julia-Rebecca Riedel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Winkelzüge]]></category>

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		<description><![CDATA[<em>Vom Leben, vom Tod und vom Übrigen auch dies und das</em> – die Vorlesungen über Poetik, die Urs Widmer im Januar und Februar 2007 an der Universität Frankfurt hält, sind eine Spurensuche. Eine Suche nach den Spuren, die Sprache in der Literatur hinterlässt – bei dem, dem sie entrinnt, bei dem, dem sie entgegeneilt. Die Suche wird zur Sehnsucht. Sehnsucht: tief und klar in gleicher Weise.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Eine Warnung aber zuvor: Glauben Sie keinem, der Ihnen weismachen will, dass das Schreiben schrecklich sei.</p></blockquote>
<p><img class="right" title="Urs Widmer: Vom Leben, vom Tod und vom Übrigen auch dies und das (Cover)" src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2009/09/UrsWidmer.jpg" alt="Urs Widmer: Vom Leben, vom Tod und vom Übrigen auch dies und das (Cover)" width="150" height="237" /><em>Vom Leben, vom Tod und vom Übrigen auch dies und das</em> – die Vorlesungen über Poetik, die Urs Widmer im Januar und Februar 2007 an der Universität Frankfurt hält, sind eine Spurensuche. Eine Suche nach den Spuren, die Sprache in der Literatur hinterlässt – bei dem, dem sie entrinnt, bei dem, dem sie entgegeneilt. Die Suche wird zur Sehnsucht. Sehnsucht: tief und klar in gleicher Weise. Seine Poetikvorlesungen hält der gebürtige Baseler, Germanist und Romancier Urs Widmer an einem Ort der Erinnerung: 1959/60 beginnt die poetische Vorlesungsreihe mit Ingeborg Bachmann, u.a. folgen Christa Wolf und Ernst Jandl. Ein Ort der Erinnerung also, und der Sehnsucht.</p>
<blockquote><p>Ich will vom Leiden der Dichter sprechen. Denn ohne ein Leiden geht es nicht ab in der Literatur. Ohne Schmerzen.</p></blockquote>
<p>Widmer konstruiert Dichterlandschaften. Irgendwo zwischen Höllenfahrt und Himmelsleiter. Dichterlandschaften, in denen Leiden Blüten treibt. Er sucht Zuhause und Heimat der Dichter. Katalogisiert akribisch Gefühl um Gefühl. Wort um Wort. Wendet sich gedankenverloren dem Übrigen zu. Spricht hie und da über Leben und Tod – ebenso direkt wie diskret. Dabei driftet er gelegentlich ab in Schwärmereien: das Schweigen Robert Walsers, das Grün Gottfried Kellers, die Schwellfüße des Ödipus.</p>
<blockquote><p>Es ist immerhin ein Trost, dass alles, auch das sorgsam Antizipierte, bei uns normalen Sterblichen dann nochmal anders ist.</p></blockquote>
<p>Wie er schreibt, so beschreibt er sich selbst; den normalen Sterblichen. Der Abweichungsprozess von der Norm der Sprache, der Sprachfindungsprozess nach 1945, das sich Befreien von der Trostlosigkeit nicht vorhandener Ambivalenzen beschäftigen ihn. Urs Widmer gibt sich liebevoll-einfühlsam der Psyche der Dichter und der Literatur hin.</p>
<blockquote><p>Keiner kann sein Sprachschicksal frei wählen. Die eigenen, oft so wundersamen Sprachmöglichkeiten sind auch das Gefängnis, in dem die Dichter eingesperrt sind. Lebenslänglich. Wie glanzvoll sich der Sprachraum, den der Einzelne beherrscht, auch ausnehmen mag, er hat für jeden seine Grenzen. Kein Ausbrechen möglich.</p></blockquote>
<p>Widmer warnt deutlich vor der Idealisierung des Leidens des Dichters an sich. Es ist nicht so, dass das Schreiben selbst beschwert, das Beschwerende ist vielmehr die Erfahrung, die Erinnerung des Dichters. Die Erinnerung an das Nicht-Schreiben-Können.</p>
<blockquote><p>Die Dichter, die übers Schreiben klagen, meinen gar nicht das Schreiben. Sie sprechen vom Nicht-Schreiben. Nicht schreiben können, das tut weh, und die Schnittstellen allerdings schmerzen, an denen das Schreiben-Müssen und das Nicht-Schreiben-Können aneinander stoßen.</p></blockquote>
<p>Der ›horror vacui‹ – die Angst vor dem weißen Blatt, der ›horror linguae‹ – die Angst vor der Sprache, ist es, der den Dichter an den Rand der Verzweiflung bringt; manch einen verzweifeln, gar verstummen lässt. Verstummen ist, so Widmer, die radikalste aller Methoden um der Sprachskepsis zu entkommen, gleichzeitig ihr Höhepunkt. Arthur Rimbaud schrieb von seinem 21. Lebensjahr bis zu seinem Tod im Jahr 1891 kein Wort mehr. Robert Walser starb 1956, sein Verschwinden war dem Tod allerdings Jahre vorausgeeilt, lange schon hatte er aufgehört zu sprechen, stand sich, seiner Welt sprachlos gegenüber.</p>
<p>Irgendwann also scheint der Punkt erreicht, an dem es nicht mehr weitergeht, an dem sich die Sprache erschöpft, an dem das Sprechen, das Schreiben versagt, die Worte versiegen und neue Ausdrucksformen gefunden werden müssen, selten jedoch gesucht werden. Das Leiden der Dichter: Verstummen. Stumm werden. Nicht ganz folgerichtig. Konsequent der Gedanke des im Tod Verstummens. Der Dichter aber verstummt im Sterben – also in dem, was wir gemeinhin als Leben bezeichnen und das doch als ein unvermeidlich dem Ende entgegeneilendes Sterben bedeutet – und krankt an der eigenen Sprachlosigkeit, bis sie ihn real einholt – am Ende. Stumm ist nur der Tod. Schweigen ist dem Sterbenden – also dem Lebenden – gegeben. Das Schweigen, das Stumm werden als Sprechen in sich zeichnet den Dichter einer schweren Erkrankung gleich, soll Heilung sein und birgt doch Verderben.</p>
<blockquote><p>Es ist die Frage, welchen Wert wir dem zumessen, ohne das wir nicht leben können, der Sprache.</p></blockquote>
<p>Absurd verkehrt. Radikal. Schmerzhaft. So wird die beschwerte zur leichten Sprache, zum tänzelnden Wort, die Radikalität einfühlsam, zurückhaltend – weich – der Schmerz verkehrt sich in elendes Wohlgefühl. Ausdruck verspricht eben immer auch Eindruck. Urs Widmer ist ein Meister der Ambivalenz. Er stellt nicht bloß dar, er sucht tiefer. Findet Einsichten, jenseits:</p>
<blockquote><p>Kafka. Wo wohnt Kafka? Er hat gar kein Haus mehr, er ist über die Abgrundkante ins schwarze Nichts gesprungen und schreibt im freien Fall.</p></blockquote>
<p>Es ist wohl dem Genre der Vor-Lesung geschuldet, dass Urs Widmer mit dem Gedanken des Zur-Sprache-Kommens des Dichters hinter sich und dem eigenen Zur-Sprache-Kommen zurückbleibt. Die Fähigkeit absorbiert als Dichter zu leben, sich in die ihm eigene Sprache zu verlieren, kommt ihm in seinen Vorlesungen abhanden. Auch wenn er mit seiner tiefen wie klaren Sprache humorvoll auf Spurensuche geht, bleibt es eine Spurensuche, nicht mehr und nicht weniger. Es ist ein findiges Detektivspielen in einer diffus-phantastischen Dichterlandschaft und in einer Landschaft dieser Art geht Urs Widmer nun auch verloren. Der spontane, bissig-leichte Charme seiner Romane verliert sich in der Koketterie des Vorlesers mit der Geisteslandschaft.</p>
<blockquote><p>Wahrscheinlich kann man die sogenannte Moderne, für die manch eine Definition gefunden worden ist, mit diesen zwei letzten Sätzen fassen: »Es ist der Wald, in dem niemand den Weg kennt. Man ist verloren, während man noch ruft: Ich bin gerettet!«</p></blockquote>
<p>Widmer führt akribisch Protokoll und trifft nicht ganz den ihm gewohnten Ton. Protokoll der Elite – literarischer Natur. Der Dichter an sich findet sich wieder in den elitären Reihen des Widmerschen Geistes. Einer neben dem anderen. Hübsch aufgereiht wie Zinnsoldaten. Mal in die Untiefen des Geistes stürzend, mal in Erinnerung betrachtet. Das Zeichnen einer Dichterlandschaft muss uneben um der Fülle Willen bleiben. Und auch wenn Widmer tiefe Einblicke gibt, den Raum der Sprache durchmisst, ihn förmlich vermisst, Dichter in Reih und Glied antanzen lässt, betrachtet, seziert, beschreibt, liebevoll psychologisches Profil beispielsweise von Gottfried Keller formuliert: Die Vor-Lesung muss hinter dem, über den gesagt wird, zurückbleiben. Es müssen lose formulierte Gedanken sein, ehrlich und offen, befreiend; und doch fehlt ihnen das Leben. Leben, das nur der Dichter selbst dem Wort einhauchen kann, das über ihn gesagt wird.</p>
<p>Das Gesprochene, das das Zwischenlesen geforderter macht denn je. Zwischen. Lesen. Die Vorlesung Widmers muss unterbrochen werden durch den Gang an das heimische Bücherregal und den Griff in ebendieses. Nachlesen. Eine Nachlese der Widmerschen Gedanken muss der geneigte Frankfurter Hörer und der Leser betreiben um Widmer in Leben und Tod und in allem Übrigen folgen zu können, dies und das zu sagen zu haben und nicht angesichts der verzweifelnden Fülle das Werk Vergangener in Erinnerung und Sehnsucht zu betrachten und stumm zu bleiben gegenüber dem sich daraus Entwickelnden.</p>
<p>Lesen und Widerlesen! Lesen, aber niemals die »Originale« aus den Augen verlieren. Der literaturwissenschaftlich-psychologische Aufriss Widmers kann nur Essenz eines langen Lebens voller Erfahrung und Erinnerung mit und an Dichter und Dichtung sein. Widerlesen, um nicht zu vergessen, wie eigen- und widersinnig Sprache und ihre Schöpfer sind.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Urs Widmer: <strong>Vom Leben, vom Tod und vom Übrigen auch dies und das. Frankfurter Poetikvorlesungen.</strong> Zürich: Diogenes, 2007. 152 Seiten. ISBN 978-3-257-06598-5. 18,90 Euro.</em></p>
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		<title>you are hear:</title>
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		<pubDate>Sat, 02 May 2009 09:34:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Crauss</dc:creator>
				<category><![CDATA[Winkelzüge]]></category>

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		<description><![CDATA[es gibt nicht viele bücher, die japan, insbesondere tokyo zu beschreiben vermögen, ohne in gegensatzpaaren zu verharren. der architekt Wolfgang Koelbl befand sich 1996/97 im rahmen eines projektstipendiums in tokyo, ein phänomen zu umreissen, das er als »superdichte« bezeichnet: die grösstmögliche konzentration urbaner situationen. in seinem lustvoll geschriebenen, halbtheoretischen buch <strong>tokyo superdichte</strong> erklärt er die stadt als nicht abgrenzbar und streicht den begriff des innen und aussen (in einer stadt / im zentrum oder davor; vor oder in einem gebäude) zugunsten angemessenerer kategorien, nämlich des glatten raums versus der räumlichen insel ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>es gibt nicht viele bücher, die japan, insbesondere tokyo zu beschreiben vermögen, ohne in gegensatzpaaren zu verharren. der architekt Wolfgang Koelbl befand sich 1996/97 im rahmen eines projektstipendiums in tokyo, ein phänomen zu umreissen, das er als »superdichte« bezeichnet: die grösstmögliche konzentration urbaner situationen. in seinem lustvoll geschriebenen, halbtheoretischen buch <strong>tokyo superdichte</strong> erklärt er die stadt als nicht abgrenzbar und streicht den begriff des innen und aussen (in einer stadt / im zentrum oder davor; vor oder in einem gebäude) zugunsten angemessenerer kategorien, nämlich des glatten raums versus der räumlichen insel. nach und nach löst er die europäische vorstellung davon, was eine stadt ist, auf. dabei gelingt es ihm, dem thema des glatten raums angemessen, eine zwischen wissenschaft und essay changierende, geglättete schrift vorzulegen:</p>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/koelbl_tokyo.jpg" class="right" alt="Wolfgang Koelbl: Tokyo Superdichte" />text- wie thematische zitate ähneln fossilen abdrücken nicht mehr anwesender mitspieler. vorgestellt wird – gleichsam eine art negativtext – die negativform eines klassischen architekturverständnisses, das unter dem eindruck der gesteigerten dichte eine strukturumwandlung erfahren hat. eine shopping-werdung der architektur.</p>
<p>superdichte (= tokyo) ist in erster linie ein massenphänomen, und diese masse muss entsprechend bedient werden, vor allem räumlich. nur ein raumkonzept, das sich dem täglichen sturmlauf nicht entgegenstellt, ihn ganz im gegenteil stimuliert, ist ihm gewachsen. würde man die gleiche masse an menschen, objekten, ereignissen abbremsen, portionieren und in eine herkömmliche raumstruktur verpacken, würde die masse an sich selbst ersticken. die einzige möglichkeit, einem derartigen kollaps zu entgehen besteht darin, die masse unablässig umzurühren und aus der bewegung heraus zu modellieren.</p>
<p>tokyo ist eine agglomeration, die aus ihrem umfeld kontinuierlich herauswächst und nur übergänge anbietet, aber keine grenzen. man ist immer in der stadt. an den bahnsteigen der zentralstation shinjuku steigen täglich mehr als 1.700.000 passagiere aus den permanent anrollenden zügen aus. die gleiche anzahl steigt wieder ein. in summe über 3.400.000 bewegungen pro tag im jahresdurchschnitt. eine enorme bewegungsleistung und ein stadtgefüge kollidieren an einem punkt. hier versagen die bekannten denkmodelle des urbanen und architektonischen raumes inklusive seiner subkonzepte: orientierung, wahrnehmung. schockwellen, chaos, verformungen. der unmittelbare einflussbereich der kollision wird zum trümmerfeld des stadt- und architekturbegriffes, eine gesamtstatistische bevölkerungszahl als qualifizierung versagt, sehr viel aufschlussreicher sind die täglichen potentialschwankungen bzw. die vitalstruktur innerhalb der metropole. schlafstadt, bürokomplex, konsumbereich. förderband statt bus. die urbanen sonderzonen basieren auf einem konsequenten zusammenschluss von shopping, öffentlichkeit und schaltstellen der transportsysteme; die übergänge sind fliessend, es verschwinden annäherung, einstimmung, orts- und distanzverständnis, meist geht auch jegliches zeitverständnis verloren. trotzdem kann man an zentralen knotenpunkten eine fläche von (nur!) etwa einem halben quadratkilometer als ›superdicht‹ oder von superdichte entscheidend beeinflusst ausmachen.</p>
<p>was zuerst als extremvariante einer stadt anmutet, entpuppt sich sukzessive als das gegenteil, als nicht-stadt, die nur funktionieren kann, wenn sie alles vermeintlich städtische abwirft und zu einem reinen zustand der intensität wird. die stadt entledigt sich ihrer selbst, ganz ähnlich der entindividualisierung, wie sie in Michal Hvoreckys roman <strong>city</strong> vorgestellt wird. in der neuen hauptstadt supereuropas bestimmt der globale kapitalismus das leben der menschen, neugeborene werden Nivea oder Gucci genannt, da grosse konzerne für die namensgebung bezahlen. der erzähler versucht sich von den fesseln der virtualität, von der übermacht der bilder zu befreien, was ihm wie seinem autor nur bedingt gelingt. der erzählfaden reisst zugunsten atmosphärischer ebenen ab – und entspricht damit wiederum ganz den voraussetzungen supereuropas.</p>
<p>das städtische abzuwerfen bedeutet, keinen unterschied mehr zu machen zwischen innen und aussen. durch eine relative übergangslosigkeit, das gleiten von einem stadtzustand in einen anderen, entfallen architektonische oder räumliche bewertungskategorien. die uneindeutigkeit eines departmentstores etwa entwickelt so eine im grundsätzlichen raumverständnis der japanischen mentalität bereits verankerte art androgynie. ›gross‹ meint in superdichte daher zuallererst breit und nicht hoch, raum in japan ist eine horizontale kategorie, keine vertikale. selbst die hochgeschossigen gebäude tokyos versuchen, einen bewussten etagenwechel zu vermeiden. laufbänder, rolltreppen, schiebetüren. bereits einfache wohnhäuser funktionieren seit jeher auf diese weise:</p>
<p>they were not built to impress from the outside, and inside permanently installed dividing walls were minimal, with most of the space partitioned with sliding, removable panels. this gave the interior space a singularly fluid quality and profoundly affected japanese lifestyles and ways of thinking.</p>
<p>der glatte raum führt stadt von einer formal-ästhetisch verkrusteten vielfachbesetzung auf einen simplen, ursprünglichen zustand zurück. die einströmende energie wird nicht passiv weitergeleitet, sondern umgewandelt von der bewegung von menschen, fahrzeugen, objekten in eine massive bewegung von informationen, konsumgütern, dienstleistungen, cash, erregung, erotik.</p>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/hvorecky_city.jpg" alt="Michal Hvorecky: City oder der unwahrscheinlichste aller Orte" />die idee des übergangs ist dabei unmittelbar präsent, auch im sinne von vergänglichkeit. ein ewigkeitsanspruch wie in der europäischen architekturtradition, etwa wie in istanbul, wo nach traditionsrecht ein einmal errichtetes gebäude (und sei es noch so verfallen) nicht  wieder abgerissen werden darf, kann sich in derartigen szenerien nicht festsetzen. entweder wird der horizont durch diffundieranschlüsse ins endlose verlängert oder dort, wo er in form einer kante auftreten wollte, durch ausstattung, dekoration kaschiert. ein vertikales raumorientierungsdenken scheint in der glatten raumlandschaft nicht zu existieren, lediglich ein horizontales optionendenken, das sich beispielsweise auch im reiseverhalten der japaner spiegelt: (ganz) europa in fünf tagen.</p>
<p>der effekt dieser quantitativen anstrengung ist das zusammenwirken der zahlreichen attraktionen zu einer unterhaltungsmaschine, deren gesamtwirkung die blosse summe der einzelattraktionen nicht nur übertrifft, sondern kategorisch überholt: superdichte ist ein aggregatzustand des shopping, den man betreten, durchstreifen, angreifen kann, der gestaltwandlerisch architekturimages nachahmt, ohne aber die originale zuzulassen. so ist es von europa in fünf tagen zu europapark an einem tag nicht einmal mehr ein ganzer schritt, sondern höchstens eine körperdrehung. es verschwinden annäherung, einstimmung, orts- und distanzverständnis.</p>
<p>das führt u. a. auch zu einem verlust des privaten. mit dem auslagern von relax- und wohnfunktionen in den öffentlichen raum wird gleichzeitig das bedürfnis nach privatheit ausgelagert. man nimmt einen teil der wohnung als anspruch nach superdichte mit. die simple (europäische) zuordnung wohnung = privat und departmentstore = öffentlich muss um diese auslagerungsbewegung verfeinert werden. superdichte bedeutet einen grundzustand des öffentlichen, in den eingestreut nischen bzw. inseln der privatheit platziert sind,  die bezeichnenderweise nicht per gleitband oder rolltreppe, sondern nur durch einen abgeschlossenen, nach aussen sich aber in den glatten raum unauffällig einfügenden lift erreicht werden können. dabei wird für eine zone der entspannung und des nicht-konsums gleichwohl eintritt verlangt, was einerseits beweist, dass shopping mindestaktivität in superdichte ist und jegliche abweichung von diesem ausgangslevel, egal ob mehr oder weniger shopping, zusätzlich verrechnet werden muss.</p>
<p>tokyo verursacht verwirrung. es gibt weder hausnummern noch strassenbezeichnungen. nur brücken und wenige hauptadern tragen einen namen. abgesehen von einem rechtschreib-lektorat, dessen das buch dringend bedurft hätte, gelingt Wolfgang Koelbl die nachahmung des superdichten zustands nahezu authentisch: nur wenige überschriften, der text gleitet von teilbereich zu teilbereich, wiederholt sich auch. argumente ermüden durch streckenweise zu wenig konzentration, der autor verpasst es, metaphern wie die des fliessenden übergangs auszureizen, wenn er bald software/hardware-vergleiche führt, bald wieder manga-assoziationen darlegt. genau das jedoch entspricht dem beschriebenen gegenstand; wiederholungen gehören angekündigtermaszen zum konzept des umherdriftens, fliessens. hier, bereits in der beschreibung, beginnt die substanzlose, scheinbare, flüchtige stadt: die letzten kapitel diffundieren mehr und mehr ins unkonkrete, die mehrzahl der zugänge sowohl zur stadt als auch zum buch bleibt unbeschildert, ebenfalls folgen viele der direkten abgänge in die stationsbereiche der öffentlichen verkehrsmittel dieser schweigsamkeit. sie sind oft nicht einmal aus nächster nähe als solche zu erkennen. wer aber diese dichte eintrittsperspektive erreicht hat, ist längst in den ereignisraum eingestiegen. dann ist superdichte nicht mehr revidierbar.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em><strong>mit zitaten aus:</strong></p>
<p>Wolfgang Koelbl: <a href="http://www.ritterbooks.com/index.cfm?master=1&#038;category=3&#038;template=book.cfm&#038;book=5">tokyo superdichte</a>. hg. von Christine Bärnthaler. ritter theorie. klagenfurt: ritter verlag, 2000. 243 seiten. isbn 978-3-85415-281-1. 15,90 euro. </p>
<p>Michal Hvorecky: <a href="http://www.klett-cotta.de/tropen_literatur.html?&#038;tt_products=2188">city oder der unwahrscheinlichste aller orte</a>. aus dem slowakischen übersetzt von Mirko Kraetsch. stuttgart: tropen/klett-cotta, 2006. 288 seiten. isbn 978-3-608-50081-3. 19,80 euro.</em></p>
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		<title>Selbstauslöser</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Dec 2008 10:57:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Simak Büchel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Winkelzüge]]></category>

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		<description><![CDATA[Bei der Box, die Günter Grass’ neuestem Buch zum Titel verhalf, handelt es sich um eine Kastenkamera der Firma Agfa, die in den 1930er Jahren auf den Markt kam. Soweit die Fakten, der Rest ist märchenhaft.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/grass_box.jpg" alt="Günter Grass: Die Box" title="Günter Grass: Die Box" /></p>
<div align="right" style="color: #777;">»Meine Box macht Bilder, die gibts nicht. Und Sachen sieht die, die vorher nicht da waren. Oder zeigt Dinge, die möchten euch nicht im Traum einfallen. Ist allsichtig, meine Box. Muß ihr beim Brand passiert sein. Spielt verrückt seitdem.«</div>
<p>&nbsp;</p>
<p>Bei der Box, die Günter Grass’ neuestem Buch zum Titel verhalf, handelt es sich um eine Kastenkamera der Firma Agfa, die in den 1930er Jahren auf den Markt kam. Soweit die Fakten, der Rest ist märchenhaft. Günter Grass bedient sich eines Kunstgriffs, um sein Leben sprechen zu lassen und jene Jahre in den Fokus zu rücken, die sich an den Bericht aus »Beim Häuten der Zwiebel« anschlossen. Ein Vater versammelt seine Kinder um sich und lässt diese über sich reden und urteilen. Um die einzelnen Erinnerungen aus der Vergangenheit heraufzubeschwören, hilft man sich mit den Fotos aus, die Knips-Mariechen, die visuelle Chronistin in Grass’ Leben, mit ihrer Box aufgenommen haben soll. Ihre Fotos zeigen Wunderbares und Unheimliches, Dinge die waren oder hätten sein können, Wünsche ebenso wie Ängste. Mariechens Box »sieht alles, was ist, was war und was sein wird. Die kann keiner beschummeln. Hat einfach den Durchblick.«</p>
<p>Ja, das wünscht sich Grass und richtet – im Schreiben des Buches – die Box auf sich selbst. Was man sich hier erlesen kann, ist das (v)erwunschene Bild, das er, sein Werk überblickend, von sich geben will. Es ist ein Handbuch des Schauens, aber kein Buch über seine Familie. Etwas über seine Ehen erfahren? Seine Kinder kennen lernen? Ihm in der Werkstatt über die Schulter spinksen? Nein, das zeigt »Die Box« nicht. Es sind andere Bilder, die Grass arrangiert, um sich gegen jedwede Form von Kritik und Anklage zu wappnen! Seine Kinder sind Kopfgeburten, erstarrt zu austauschbaren Stimmen, die dem Vater Kontur verleihen, indem sie ihn besprechen. Doch damit gelingt Grass etwas Verblüffendes, er entkommt dem Vatermord der Urhorde, den Freud als den Ursprung aller Kultur annahm, indem er die Horde kurzerhand in sein Werk einreiht und auf den Selbstauslöser drückt. »Die Box« ist das Dokument einer Selbstbespiegelung, spannend für Grass-Interessierte, jedoch nur ein unterbelichteter Schnappschuss für diejenigen, die sich Einblicke in das Intimste des Nobelpreisträgers erhoffen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em><a href="http://www.nobelpreis.org/Literatur/grass.htm">Günter Grass</a>: <strong>Die Box</strong>. Göttingen, Steidl 2008. 211 Seiten. ISBN 978-3865217714. 18,00 Euro.</em></p>
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		</item>
		<item>
		<title>Gedeutete Wirklichkeit</title>
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		<pubDate>Fri, 24 Oct 2008 17:32:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Matthias Fallenstein</dc:creator>
				<category><![CDATA[Winkelzüge]]></category>

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		<description><![CDATA[In einem literaturhistorischen Vortrag zum Thema »Fakten und Fiktionen« kommt Ruth Klüger auf eine wichtige Unterscheidung zu sprechen, die man berücksichtigen muss, wenn man sich dem unbequemen Thema der Wirklichkeit nähern will, ohne sich in die unendlichen Horizontverschiebungen philosophischer Erörterung zu verlieren. Es ist die Unterscheidung von Ding und Deutung ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div align="right"><em>für Elfriede Gerstl</em></div>
<p>&nbsp;</p>
<p>In einem literaturhistorischen Vortrag zum Thema »Fakten und Fiktionen« kommt <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ruth_Kl%C3%BCger">Ruth Klüger</a> auf eine wichtige Unterscheidung zu sprechen, die man berücksichtigen muss, wenn man sich dem unbequemen Thema der Wirklichkeit nähern will, ohne sich in die unendlichen Horizontverschiebungen philosophischer Erörterung zu verlieren. Es ist die Unterscheidung von Ding und Deutung. In einem einprägsamen Bild erinnert Klüger an die Anlage von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Stonehenge">Stonehenge</a>. Da sind die riesigen Steine, urtümliche Natur, die doch nicht bloß natürlich, sondern von Menschenhand angeordnet sind: </p>
<blockquote><p>»Man staunt sie an, man weiß, da gibt es Zusammenhänge, nicht zufällig sind sie hierher geschleppt worden, man bittet um Interpretationen, man bekommt sie angeboten, astronomische, astrologische, historische, religiöse, abergläubische.«</p></blockquote>
<p>Die verschiedenen Deutungen, die man der Anlage geben kann, verändern die tatsächliche Anordnung der Steine nicht; sie bleiben dort, wo sie sind. </p>
<blockquote><p>»Gewiß, die Deutungen ändern sich, wie auch die langen Schatten von Stonehenge sich ändern, je nach Tages- und Jahreszeiten. Kein Faktum und kein Ding ist, bei Lichte besehen, schatten- oder deutungslos. Nur verwechseln soll man das eine nicht mit dem anderen, das Ding nicht mit der Deutung.«<a href="#footnote-1-1318" id="footnote-link-1-1318" title="Zur Anmerkung"><sup>[1]</sup></a></p></blockquote>
<p>Wer nach der Wirklichkeit fragen will, muss lernen, die Dinge dort zu lassen, wo sie sind. Das <em>brutum factum</em> lässt sich nicht in Frage stellen. Schon Protokollsätze sind Interpretationen. Zur Diskussion stehen also die Deutungen.</p>
<p>Deutungen vollziehen sich durch Sprache. Man kann zwar sagen, dass Kinder die Welt handelnd zu deuten lernen. Allein jede Mutter und auch mancher Vater weiß, dass dieser Prozess nicht möglich ist, ohne mit dem Kind wortwörtlich zu verhandeln, nämlich alltägliche Konflikte zu lösen, indem man darüber spricht. Es gibt davon abgesehen nur noch die Möglichkeit, Konflikte mit Gewalt zu beenden. Man kann Kinder auch schlagen.</p>
<p>Weil Deutungen sich durch Sprache vollziehen, müssen sie verstanden werden. Verständigung kann sich unmittelbar in mündlicher Auseinandersetzung herstellen. Sie kann aber auch schriftlich festgehalten werden: dann entstehen Texte. Es ist sinnvoll, Texte allgemein als Deutungen der Wirklichkeit zu verstehen.</p>
<p>Ich will nun versuchen, anhand des Textes eines der bekanntesten Grimmschen Märchen einen Blick auf die Wirklichkeit zu werfen. Es handelt sich um das <a href="http://www.zeno.org/Literatur/M/Grimm,+Jacob+und+Wilhelm/M%C3%A4rchen/Kinder-+und+Hausm%C3%A4rchen+(1812-15)/Erster+Band/24.+Frau+Holle">Märchen von der Frau Holle</a>. Den Inhalt darf ich hier als bekannt voraussetzen. Der Text findet sich in der Märchensammlung der Gebrüder Grimm schon in der ersten Ausgabe, die 1812 erschien. Ich werde mich ausschließlich auf diesen Text beziehen, Vorformen, Parallelen und Überarbeitungen sind <a href="http://www.maerchenlexikon.de/at-lexikon/at480.htm">reichlich vorhanden</a>, erweitern aber den Deutungshorizont nicht wesentlich. Einzig die Tatsache, dass in späteren Überarbeitungen des Märchens die beiden Mädchen einen Namen erhalten – sie werden dann nämlich alle beide Marie heißen – und dass sie dort am Ende vom Hahn, der bekanntlich zur Stunde der Wahrheit kräht, als Goldmarie und Pechmarie unterschieden werden, kann ich nicht übergehen.</p>
<p>Kinder- und Hausmärchen sind, wenn man sie nicht tiefenpsychologisch interpretiert, Texte, in denen Menschen sich in einfacher Form über die Wirklichkeit verständigen. Schließlich sollen es ja auch die Kleinen und das Gesinde verstehen können. Da aber Wirklichkeit, wie schon erwähnt, konfliktbeladen und folglich vieldeutig ist, können Texte, die uns darüber belehren wollen, nicht ohne inneren Widerspruch sein. Wer sich in den Text der Frau Holle vertieft, so, wie er in den Grimmschen Märchen überliefert ist, wird bald merken, wie zwiespältig und ungemütlich die Sache ist.</p>
<h4 class="anmerkungen">Anmerkungen</h4><ol class="footnotes"><li id="footnote-1-1318">Ruth Klüger, <a href="http://www.wallstein-verlag.de/9783835300262.html"><em>Gelesene Wirklichkeit. Fakten und Fiktionen in der Literatur</em></a>, Göttingen: Wallstein, 2006, S. 92 f.  [<a href="#footnote-link-1-1318">zurück</a>]</li></ol>]]></content:encoded>
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		<title>Sherlock Holmes und das Geheimnis der Bayard-Papiere</title>
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		<pubDate>Wed, 15 Oct 2008 09:51:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Guido Rohm</dc:creator>
				<category><![CDATA[Winkelzüge]]></category>

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		<description><![CDATA[Kürzlich erst weilte ich wieder einmal in der Baker Street, bei meinem alten Freund Holmes, der mich auf Tee und Kokain zu sich eingeladen hatte. Sie können sich sicherlich vorstellen, wie sehr es mich freute, dem berühmten Detektiv wieder einmal von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu sitzen. Beide pressten wir uns eng in die Ohrensessel, entzündeten unsere Pfeifen und lauschten dem Prasseln des Kaminfeuers. Und es prasselte, obwohl es warm genug war. Wahrscheinlich prasselte es aus atmosphärischen Gründen.
»Mein lieber Holmes, was macht eigentlich Watson?«, unterbrach ich die brennenden Holzscheite.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/CoverBayard.jpg" width="145" height="230" alt="Pierre Bayard, Freispruch für den Hund der Baskervilles" title="Pierre Bayard, Freispruch für den Hund der Baskervilles" />Kürzlich erst weilte ich wieder einmal in der Baker Street, bei meinem alten Freund Holmes, der mich auf Tee und Kokain zu sich eingeladen hatte. Sie können sich sicherlich vorstellen, wie sehr es mich freute, dem berühmten Detektiv wieder einmal von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu sitzen. Beide pressten wir uns eng in die Ohrensessel, entzündeten unsere Pfeifen und lauschten dem Prasseln des Kaminfeuers. Und es prasselte, obwohl es warm genug war. Wahrscheinlich prasselte es aus atmosphärischen Gründen.<br />
»Mein lieber Holmes, was macht eigentlich Watson?«, unterbrach ich die brennenden Holzscheite.<br />
Holmes grinste breiter als gewöhnlich. »Watson? Der gute alte Watson. Er hat sich zur Ruhe gesetzt. Endgültig, so will es mir scheinen. Hin und wieder besucht er mich. Wir schwatzen über die guten alten Zeiten, gehen gemeinsam zum Friedhof und gedenken dort der vergangenen Freunde.«<br />
»Und Conan Doyle?«<br />
»Auch seine Grabstätte beehren wir. Obwohl es mir schwer fällt. Zu sehr hasste er mich in seinen letzten Lebensjahren.«<br />
»Haben Sie vom Buch dieses Pierre Bayard gehört?«<br />
»Ach, mein lieber Rohm, natürlich habe ich das. Dort drüben liegt es.« Holmes zeigte mit seinen knöchernen Fingern hinüber zu einem wilden Stapel aus Zeitschriften, Zeitungen und Büchern.<br />
»Und was halten Sie davon?«<br />
»Nett, aber verdreht. Es mutet mir schon etwas seltsam an, dass man sich genötigt fühlt, meine Realität zu beweisen. Als müsse man mich aus einem wie auch immer gearteten Reich der Phantasie ans Licht zerren. Es gibt mich. Sie selbst können davon künden.« Holmes zog an seiner Pfeife und paffte den Rauch quer durch einen einfallenden Sonnenstrahl. Von Effekten hatte er schon immer etwas verstanden, dachte ich.<br />
»Er nimmt Sie aber ziemlich auseinander.«<br />
»Was erwarten Sie auch anderes von einem Literaturprofessor und Psychoanalytiker, mein lieber Rohm?« Holmes lachte auf.<br />
»Sie werden wohl Recht haben. Obwohl? Ich bin nicht einmal sicher, ob es ihn überhaupt gibt.«<br />
»Bayard? Glauben Sie mir, er ist so real wie Sie und ich es sind.«<br />
»Aber welchen Beweis haben wir für seine Existenz?«<br />
»Er lebt. Buchstäblich. Wir haben als Beweis seines Daseins sein Buch über mich.« Holmes lehnte sich ein wenig vor und badete sein Haupt für einen kurzen Augenblick im Sonnenlicht.<br />
»Aber reicht ein Buch, um das Sein eines Menschen zu bestimmen?«<br />
»Nichts anderes bestimmt über den Menschen, mein lieber Rohm, nichts anderes. Wir alle sind nur literarische Geburten. Wir leben in Geschichten, wir erfinden Geschichten, wir werden von Geschichten erfunden. Sie. Ich. Bayard. Die gesamte Menschheit. Wir werden aus der Familiengeschichte geschaffen, aus der Werbung, aus Zeitungsmeldungen, aus Fernsehbildern.« Holmes lachte glucksend auf.<br />
»Bayard greift sie in dem Buch aber gewaltig an. Er nimmt Ihnen, wenn es mir erlaubt ist das zu sagen, die Feder aus der Hand. Er rollt die Geschehnisse rund um den Hund von Baskerville noch einmal auf, zerpflückt die Geschichte und findet einen ganz anderen Mörder. Seine Ausführungen, ich hoffe Sie nehmen mir das nicht übel, sind voller Esprit. Er sprüht nur so vor Gedankenschärfe.« Ich hatte mich während meiner letzten Worte ein wenig mehr im Sessel vergraben, befürchtete ich doch, dieses Mal zu weit gegangen zu sein. Holmes aber lächelte nur milde. Vielleicht hatte ihn der Tee besänftigt. Von dem Kokain sollte ich ihm heute lieber abraten.<br />
»Sie irren, Rohm. Sie irren wie immer. Verzeihen Sie mir meine Zurechtweisung. Sie mögen ein ganz passabler Schreiberling sein. Eher passabel denn wirklich gut. Ihr Hochmut kommt Ihnen immer wieder in die Quere. Sie vergessen das wichtigste Instrumentarium im Falle Bayard wie auch in meinem Fall. Die Sprache. Beide arbeiten wir mit dem Instrumentarium der Sprache. Ein Instrumentarium, das schnell zur Bestie werden kann, zu einem Höllenhund, der sich in uns verbeißt. Ich kann mich natürlich schnell hinter Conan Doyle verstecken, kann sagen, halt, halt, das war ja alles gar nicht meine Idee. Der dort, Conan Doyle, er schuf mich. Und als er mich nicht mehr los wurde, da wollte er mich Wasserfälle hinabstürzen, und als auch dies nicht gelang, verfiel er auf die Idee mich in einen mehr als löchrigen Fall zu verwickeln. Natürlich ist der Hund von Baskerville misslungen. Ein unlogischer Fall par excellence. Bayard hat das bewiesen. Keine Frage. Aber die Atmosphäre. Die Stimmung. Alles ist perfekt. Alles versteckt sich im Moor. Alles versteckt sich im Nebel. Auch die wahren Mörder. Ich beließ sie dort. Sie oder ihn. Wen auch immer man ausmachen will. Ich beließ sie dort der Geschichte willen. Ich ging den Weg der größtmöglichen Atmosphäre. Das ist natürlich nicht immer der logischste Weg.«<br />
»Also, also hat Bayard Recht?« Ich starrte Holmes mit offenem Mund an.<br />
»Recht, mein lieber Rohm, was ist das schon. Das Recht sollten wir den Juristen überlassen. Die Atmosphäre aber den Könnern der Sprache. Conan Doyle war vielleicht nicht einmal der größte Könner dieses Fachs. Aber er schuf mich. Und er machte mich unsterblich. Und nur deshalb mein lieber Rohm können wir heute hier in der Baker Street sitzen und unsere Pfeifen rauchen.«<br />
»Und Bayard?«<br />
»Bayard hat Recht. Vielleicht. Interpretationen haben den Vorteil, viele Wege zu offenbaren. Bayard hat Recht. Aber er ist sterblich.« Holmes zog abermals genüsslich an seiner Pfeife. »Obwohl«, fuhr er fort, » er arbeitet mit beträchtlichem Fleiß an der eigenen Unsterblichkeit. Nicht das schlechteste. Nicht das schlechteste.« Holmes versank in seine Gedanken und schwieg. Ich hing auch meinen Gedanken nach, spann an Geschichten, die es wert sein könnten, erzählt zu werden. Aber sie müssten mich zur Hauptperson haben. Ich will doch noch in einigen hundert Jahren hier hocken können und grübeln, mit Holmes oder Bayard, oder einem der anderen Unsterblichen. Falls es sie denn wirklich gab. Was für ein Unsinn. Ich konnte nach Holmes fassen. Es gab ihn. Ja, es gab ihn. Aber wenn er beschriebenes Personal war, wer beschrieb mich dann gerade? Erschrocken fuhr ich auf und spähte ins Dunkel des Zimmers. War da nicht eine Hand, die sich nach mir streckte? Oder war es der Schatten der Hand von Holmes? Ich konnte es kaum sagen. Beide Möglichkeiten schienen mir real und wahr.<br />
Als ich mich dann am Abend von Holmes verabschiedete, kam mir sein Blick trüber als sonst vor. Ich glaube, sollte er dereinst doch sterben, werde ich ihn sehr vermissen. Ach, mein lieber Holmes, bleiben sie uns noch lange erhalten.   </p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Pierre_Bayard">Pierre Bayard</a>: <a href="http://kunstmann.txt.de/Kunstmann/TXTSIArtikel/978-3-88897-529-5_Freispruch%20f%C3%BCr%20den%20Hund%20der%20Baskervilles">Freispruch für den Hund der Baskervilles</a>. Hier irrte Sherlock Holmes. Eine Kriminalkritik. Aus dem Französischen von Lis Künzli. Kunstmann, München 2008. 208 Seiten. ISBN 978-3-88897-529-5. 16,90 Euro.</em></p>
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		<title>Gott verdamme mich oder: Basara schreibt besser</title>
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		<pubDate>Tue, 16 Sep 2008 19:02:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Guido Rohm</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Winkelzüge]]></category>

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		<description><![CDATA[Rezensionsexemplare treffen ein, man blättert, sieht sich die Einbände an, murmelt mit Sabber in den Mundwinkeln vor sich hin, erinnert sich an die ersten Leseerlebnisse, oh ja, grandiose Stunden waren das, angefüllt mit Abwesenheit, hatte da nicht jemand gerufen, und ehe man sich versah, schrieb man selbst, vielleicht geschult an den Romanen von Thomas Mann, versuchte man sich mit viel zu langen Sätzen, die manchmal noch aus einem heraus brechen. Kurze Zeit liest man Hemingway. Dann werden auch die eigenen Sätze kürzer.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/Basara.jpg" width="145" height="230" alt="Svetislav Basara: Führer in die innere Mongolei" title="Svetislav Basara: Führer in die innere Mongolei" />Rezensionsexemplare treffen ein, man blättert, sieht sich die Einbände an, murmelt mit Sabber in den Mundwinkeln vor sich hin, erinnert sich an die ersten Leseerlebnisse, oh ja, grandiose Stunden waren das, angefüllt mit Abwesenheit, hatte da nicht jemand gerufen, und ehe man sich versah, schrieb man selbst, vielleicht geschult an den Romanen von Thomas Mann, versuchte man sich mit viel zu langen Sätzen, die manchmal noch aus einem heraus brechen. Kurze Zeit liest man Hemingway. Dann werden auch die eigenen Sätze kürzer. Wie sonderbar.</p>
<p>Ein Leseleben verbraucht Energie. Wahrscheinlich viel zu viel Energie. All die Geburten, Scheidungen, Morde, Selbstmorde, Justizirrtümer vergewaltigen das eigene Selbst. Die Literatur besteht aus einem Heer von Büchern, die antreten, um uns zu überwältigen. In den meisten Fällen überwältigen sie aber leider nur unsere Geldbeutel, unsere Zeit, unsere Geduld. Spätestens jetzt hinterfragt man sein Leseleben. Man befragt den befremdlichen Gedanken, das Leseleben zu beenden. Man könnte in einer Buchhandlung Amok laufen, man könnte sich auf der Frankfurter Buchmesse in die Luft sprengen. Am Ende aber bleiben alle Gedanken nur Literatur. Aus eben diesem Grund ist man ja auch Leser geworden.</p>
<p>Und dann plötzlich schlägt das Schicksal in seiner ganzen Zärtlichkeit zu. Es beschenkt einem mit einem Buch, das einen wieder Kind werden lässt, der Atem wird schneller, man schwitzt, Gott, ganze Liter rinnen am Körper herab, man wird zu einem Springbrunnen, einem Wasserfall, und bemerkt fast zu spät: abermals wurden die Sätze länger und leider auch viel zu pathetisch. Also schüttelt man sich und gebietet den Übergriffen dieses fremden Buches Einhalt. </p>
<p>Vielleicht hatte ich gerade eine Zigarette geraucht, vielleicht auch nicht. Ehrlich gesagt, weiß ich das auch überhaupt nicht mehr. Ich schreibe Zigaretten einfach gerne in meine Texte hinein, weil sie dem Ganzen einen, wie soll ich sagen, gewagten Touch geben, man gebärdet sich wild, man möchte sich gerne als kettenrauchendes Genie sehen. Wahrscheinlich wird man sich solche Gedanken auf der Lungenkrebsstation schnell abgewöhnen, das Rauchen wohl leider eher nicht mehr. </p>
<p>Ich nahm also den Neuerwerb in meine Hände und las. Gott, verfluchte Scheiße, dachte ich. Und glauben Sie mir, das habe ich wirklich gedacht. Ich fluche gern und viel. Jeder in meiner Familie flucht gern und viel. Eine weitere Unart, mit der wir uns von der Masse absetzen wollen. Obwohl, glauben Sie das jetzt lieber nicht. Ich glaube jetzt habe ich auch wieder gelogen. Sie wissen doch: Lügen gehört zum Handwerk. Wir fluchen einfach nur gerne. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Die letzen beiden Sätze waren natürlich Hemingway-Sätze. Die Thomas-Mann-Sätze mag ich inzwischen überhaupt nicht mehr.</p>
<p>Wo war ich? Genau! Ich fluchte. Warum ich fluchte? Weil ich einen gottverdammten Berserker von einem Roman las, einen Roman, wie man ihn nur ganz selten in die schweißnassen Hände bekommt, wie er sich einem nie offenbaren will. Gottverdammt, wo sind sie nur, all die guten Bücher?</p>
<p>Wie war der Name des Autors? Svetislav Basara. Noch nie gehört. Wo hat der sich nur die ganze Zeit rum getrieben? Hm, mal hinten im Schutzumschlag nachsehen. Das Bildchen von ihm sieht aus, als hätten sie sich einen aus einer Trinkerhalle weggestohlen. Mehr so ein Geht-schon-Foto. Können die da nicht mal ein paar gute Fotografen ranlassen. Wie läuft so was? Wahrscheinlich so: Verlag: Wir brauchen ein Autorenfoto, Autor: Passt. Hab hier noch eins rum fliegen. Anschließend hört man Rülpsen und das Räumen von Flaschen. Dann ist das Gespräch beendet. Verflucht, lichtet die Typen doch in verrauchten Kneipen ab, wie sie sich gerade im Halbschatten einen hinter die Binde gießen. Solche Fotos wollen wir. Oder? Ja! Das wollte ich hören. </p>
<p>Weiter geht es. Mal sehen. Er ist also 1953 geboren. Tolle Sache, kann ich da nur sagen. Serbe. Aha. Gute Filmemacher gibt es ja. David Albahari wird erwähnt. Ist okay. »Götz und Meyer« hat mir gefallen. Kennen Sie nicht? Kaufen, sag ich. So. Basara hat über 20 Romane geschrieben. Gut. Also ab in die Weiten des Internet. Mal sehen. Wie? 20 Romane? Gott verdamme mich. Man findet gerade mal einen im Internet. Da kann ich nur sagen, na dann mal ran, meine lieben Herren Übersetzer. Da sitzt da irgendwo so ein serbisches Genie rum, aber keiner übersetzt ihn.</p>
<p>Dankt dem Kunstmann-Verlag, dankt dem Übersetzer Patrik Alac. Gut. Jetzt könnt ihr euch wieder setzen, meine Schwestern und Brüder. Na, so gemütlich braucht ihr euch auch wieder nicht hin setzten. Kaufen müsst ihr das Buch nämlich auch noch. Denn er braucht Leser, unser Basara, Leser, Zuspruch braucht er. Jetzt reicht es aber. Rohm, Sie setzen sich jetzt auch wieder. Mach ich natürlich.</p>
<p>Basaras Roman »Führer in die innere Mongolei« ist der Roman, ich gebe es unumwunden zu, den ich gerne geschrieben hätte. Ein archaisches anarchisches verrücktes Buch über die Welt en gros und en detail. Heißt: wir kommen da alle drin vor. Das Buch ist ein Reiseführer in die Innenwelten einer ganz besonderen Spezies, die von manchen »Mensch« benannt, eventuell in gar nicht so ferner Zukunft aussterben könnte. Gut, das es dann vielleicht noch die Bücher von Basara gibt. Die Toten werden mit einem Schmunzeln darin blättern. Die müssen sich ja dann auch irgendwie unterhalten können. </p>
<p>Der Auftrag eines Toten steht am Anfang des Romans. Das Roman-Ich wird in die Mongolei entsandt. Er soll mal einen Reiseführer über die Mongolei abliefern. Gesagt. Getan. In Romanen reist man schnell. (Kleine Randnotiz: In Science-Fiction-Romane dauert die Reise quer durch das gesamte Universum oft nur einen Satz. Da kann man mal sehen: Literatur ist das beste Transportunternehmen.) In der Mongolei bekommen wir dann satirisch-absurde Einblicke in die Ökonomie, in die Erotikbranche. Es tauchen ferner auf, ein Bischof Van den Garten, der wie es viele andere Bischöfe wohl gerne tun würden, im Bordell missioniert, dann noch ein gewisser Chuck, der für eine Zeitung schreibt, die längst eingestellt ist. Dann ist da noch ein Herr Mercier, der einem Emanuelle-Film entstiegen und bereits tot ist. Gott, was anderes hätte man da wohl auch nicht erwartet. Ein Lama wäre noch zu erwähnen, ehemaliger Spitzel des KGB und ein gewisser Doktor Andreotti. Ach: Charlotte Rampling taucht auch noch auf. Selbstverständlich wird auch eine Hexe verbrannt. Da ist für jeden was dabei. Vor allem für all jene unter uns Lesern, die sich gerne in Textfluchten verlieren. Da taucht schnell die Frage auf, wo man denn eigentlich ist. Keine Angst. Sie sind immer an der absolut richtigen Stelle, und zwar im Buchstabenmeer eines ganz großen Autoren, das muss man immer wieder erwähnen, auch wenn wegen solcherlei Aussagen die Sätze wieder einmal länger als gewünscht werden. </p>
<p>Und dann kehrt das Roman-Ich plötzlich aus Ulan-Bator zurück. Auch die Rückreise ist eine typisch literarische Rückreise. Man erwacht einfach. So reist man in Romanen zurück. Leser reisen derart auch meist zurück. Da gleicht man sich dann an. Ab dem Moment der Rückreise greift die Postmoderne ein, im Gepäck hat sie den magischen Realismus. Alles ist möglich. Alles kann verzaubert werden. Basara höchstpersönlich mischt nun mit, und man staunt nicht schlecht, weil er auch das beherrscht.<br />
Irgendwann dann war ich mit dem Buch fertig. Gott verdamme mich. Und wie ich fertig war. Warum? Weil es noch große Bücher gibt, und weil ich sie vielleicht nie schreiben werde. Aber man sollte nie aufhören zu schreiben, zu träumen und nach guten Büchern zu suchen. Und man sollte die Sätze nie zu lang werden lassen. Das war das schon alles. </p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em><a href="http://kunstmann.txt.de/cgi-bin/WebObjects/TXTSVKunstmann2.woa/633/wo/mr3DkNRIKntH2TI2xE3Szsvjexb/3.0.15.1.7.3.WOComponentContent.3.7.1.0.1.0.BoxArticleBig.5.3.0.1.2">Svetislav Basara</a>: <a href="http://kunstmann.txt.de/cgi-bin/WebObjects/TXTSVKunstmann2.woa/633/wo/mr3DkNRIKntH2TI2xE3Szsvjexb/4.0.15.1.7.3.WOComponentContent.1.5.0.1.0.BoxAuthorBig.11.0.1.0">Führer in die innere Mongolei</a>. Roman. Aus dem Serbischen von Patrik Alac. Kunstmann, München 2008. 144 Seiten. ISBN 978-3-88897-524-0 <a href="javascript:Pick it!ISBN: 978-3-88897-524-0"><img style="border: 0px none ;" src="http://www.citavi.com/softlink?linkid=FindIt" alt="Pick It!" title='Titel anhand dieser ISBN in Citavi-Projekt übernehmen'/></a> . 16,90 Euro.<br />
</em></p>
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		<item>
		<title>Doping</title>
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		<pubDate>Sat, 16 Aug 2008 14:30:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Holger Schwab</dc:creator>
				<category><![CDATA[bücherBrief]]></category>

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		<description><![CDATA[Bei Schriftstellern gehört ein lockeres Verhältnis zu Drogen fast schon zum guten Ruf. Von sechs amerikanischen Nobelpreisträgern für Literatur waren vier Alkoholiker: Steinbeck, Hemingway, Fitzgerald und Faulkner. Bei Edgar Allan Poe streiten sich noch heute die Biographen, ob er nun opiumsüchtig war oder im Delirium tremens seine bekannten wilden Anfälle bekam. Niemand kommt deshalb auf die Idee, ihre Bücher nicht zu mögen ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bei Schriftstellern gehört ein lockeres Verhältnis zu Drogen fast schon zum guten Ruf.<br />
Von sechs amerikanischen Nobelpreisträgern für Literatur waren vier Alkoholiker: Steinbeck, Hemingway, Fitzgerald und Faulkner.<br />
Bei Edgar Allan Poe streiten sich noch heute die Biographen, ob er nun opiumsüchtig war oder im Delirium tremens seine bekannten wilden Anfälle bekam.<br />
Niemand kommt deshalb auf die Idee, ihre Bücher nicht zu mögen. Im Gegenteil: Malcolm Lowrys Schilderungen besoffener Zustände etwa sind unbestritten große Literatur.</p>
<dl style="width:180px; float:right; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/dany_speed.jpg" alt="Hans-Christian Dany: Speed – Eine Gesellschaft auf Droge (Umschlag)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Die Informationen für diesen Beitrag verdanke ich vor allem dem glänzend geschriebenen Buch von Hans-Christian Dany, <a href="http://www.edition-nautilus.de/proc.php?buecher/dany/pol_speed.html"><em>Speed – Eine Gesellschaft auf Droge</em></a> &#8230;
</dd>
</dl>
<p>Wenn Jean-Paul Sartre im Café schrieb, hatte er einen besonderen Füller für seinen Nachschub an <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Amphetamin">Amphetamin</a>-Tabletten. Trinken und Rauchen tat er sowieso, aber Amphetamine bedeuteten ihm, seinen übrigen Körper aufgeben zu können, um sich ganz in der Bewegung der Feder, der Imagination und der Entwicklung der Ideen wahrzunehmen.<br />
Ein Röhrchen »Corydran« und eine Idee – zwei Tage später war das Buch fertig.<br />
Das ist einwandfreies Doping: Der Körper soll in den  Zustand gebracht werden, der für die Erreichung des gesetzten Zieles notwendig ist.<br />
Sind seine Bücher deshalb etwa schlecht?</p>
<p>Und was macht man mit den Büchern des Science-Fiction-Autors Philip K. Dick? Er war hochgradig von Amphetaminen abhängig. Als er endlich von der Droge loskommen wollte und in eine Entziehungsklinik ging, wurde er am nächsten Tag als geheilt entlassen. Seine Leber war so krank, dass sie das für den Rausch verantwortliche Enzym gar nicht mehr bildete und der Körper das Amphetamin einfach wieder ausschied. Trotzdem fühlte sich Dick auf Droge, wenn er schrieb.</p>
<p>Der Film »Der Zauberer von Oz« konnte nur deshalb mit Judy Garland als Hauptdarstellerin gedreht werden, weil man der damals 16-Jährigen Amphetamine verabreichte, um ihre körperliche Entwicklung zu verlangsamen. Deshalb auch ihre weit aufgerissenen Augen.<br />
Drehtage in der Traumfabrik Hollywood waren für alle eine Qual: 72 Stunden lang, dazwischen nur vier Stunden Pause und entsprechend viele Amphetamingaben.</p>
<dl style="width:180px; float:right; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/goodwin_alkautor.jpg" alt="Donald W. Goodwin: Alkohol &#038; Autor (Umschlag)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">&#8230; und dem Buch von Donald W. Goodwin, <a href="http://www.suhrkamp.de/titel/titel.cfm?bestellnr=39583"><em>Alkohol &#038; Autor</em></a>.
</dd>
</dl>
<p>Die deutschen, amerikanischen und englischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg waren auf Droge: Amphetamine machten den Blitzkrieg möglich! Später dann das »Wunder von Bern«: »<a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Pervitin">Pervitin</a>« hieß da das Mittel.</p>
<p>Kinder, die ›nicht richtig funktionieren‹, bekommen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ritalin">Ritalin</a>. Sie sind heute die größte Gruppe legaler Nutzer von Amphetaminen.<br />
Der Mediziner Gottfried Benn hatte dies übrigens schon in den dreißiger Jahren empfohlen. </p>
<p>Als Appetitzügler werden Amphetamine eingesetzt, und in Asthmamitteln sind sie ebenfalls enthalten. Studenten glauben, mit Amphetaminen besser und schneller lernen, und Lastwagenfahrer, länger durchhalten zu können. Der Körper wird ruhiggestellt, geformt oder auf Trab gebracht, ganz wie es der Einsatz eben erfordert.</p>
<p>Warum, frage ich mich, sind <a href="http://news.google.de/news?q=doping%20peking&#038;ie=UTF-8">dopende Sportler bei Olympia</a> eigentlich ein Skandal?</p>
<p>&nbsp;</p>
<h4>Apropos »Alkohol &#038; Autor« &#8230;</h4>
<p>Am <strong>Montag, den 18. August 2008</strong> findet im <a href="http://www.buchladen46.de/">buchLaden 46</a> in Bonn eine Veranstaltung unter dem Titel »Die Liebe ist ein Höllenhund« mit Stories und Gedichten von <strong>Charles Bukowski</strong> und Songs von <strong>Tom Waits</strong> und <strong>Frank Zappa</strong> statt. Es liest Maximilian Hilbrand in Begleitung von Markus Quabeck (Kontrabass) und Thomas Weger (Gitarre). Beginn ist um 21 Uhr, der Eintritt kostet 10,– Euro.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><strong>* * *</strong></p>
<div style="color: #777;"><strong>Holger Schwab</strong> ist seit 1979 Buchhändler mit eigenem Geschäft in Bonn. Eine Auswahl der Buchempfehlungen und Gedanken zum Literaturbetrieb, die er als »bücherBriefe« an die Kunden des <a href="http://www.buchladen46.de/">buchLadens 46</a> verschickt, veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen <a href="http://kritische-ausgabe.de/index.php/ressort/kaplus/winkelzuge/buecherbrief/">hier in unserem Online-Magazin</a>.</div>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><strong>* * *</strong></p>
<div style="color: #777;">Dem Thema <strong>Rausch</strong> in der und rund um die Literatur hat die K.A. übrigens 2005 ein eigenes Heft gewidmet, dessen Beiträge mittlerweile <a href="http://kritische-ausgabe.de/index.php/hefte/rausch/">komplett online stehen</a> – darunter etwa ein Artikel darüber, <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/hefte/rausch/milovanovic1.pdf">was der »Säufer-Poet« E.T.A Hoffmann tatsächlich in Berliner Kneipen trieb</a>, sowie eine <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/hefte/rausch/anspach.pdf">Besprechung verschiedener Bücher über den Einfluss des Alkohols auf die Literatur</a>, unter anderem des oben genannten.</div>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
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		<item>
		<title>Kulturkampf</title>
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		<pubDate>Tue, 08 Jan 2008 13:52:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Holger Schwab</dc:creator>
				<category><![CDATA[bücherBrief]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://kritische-ausgabe.de/?p=1095</guid>
		<description><![CDATA[Die Jahreszeiten-Wimmelbücher von Rotraut Susanne Berner gehören zu den erfolgreichsten Kinderbüchern seit langem – in Deutschland und auf der ganzen Welt. Nur in Nordamerika nicht ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die Jahreszeiten-Wimmelbücher von <a href="http://www.gerstenberg-verlag.de/index.php?action=autoren_detail&#038;adrzif=17">Rotraut Susanne Berner</a> gehören zu den erfolgreichsten Kinderbüchern seit langem – in Deutschland und auf der ganzen Welt. </p>
<dl style="width:225px; float:right; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/wimmel1.jpg" alt="»Schwanz ab« für den amerikanischen Markt? (Detail aus dem Winter-Wimmelbuch von Rotraut Susanne Berner)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">»Schwanz ab« für den amerikanischen Markt?<br />
(Detail aus dem <a href="http://www.gerstenberg-verlag.de/index.php?action=detail&#038;url_ISBN=9783836950336&#038;url_webkat=&#038;url_sek_navi=">Winter-Wimmelbuch</a> von Rotraut Susanne Berner)
</dd>
</dl>
<p>Nur in Nordamerika nicht. Der interessierte Verlag verlangte von der Autorin, dieser männlichen Figur – einer Statuette in einem Museum, im Buch gerade mal 7 mm hoch – das Schwänzchen zu entfernen und ein Gemälde, das eine nackte Frau zeigt, so zu verändern, dass diese angezogen ist.</p>
<p>In einem Land, das Krieg führt, hat man Angst vor Kinderbüchern und vor nackten Menschen! Das ist eigentlich eine gute Nachricht, oder? </p>
<p>Und noch eine: Rotraut Susanne Berner hat Nein gesagt. </p>
<p>Dem liberalen Verleger des amerikanischen Verlages war das alles natürlich gnadenlos peinlich. Sein Motiv war Opportunismus: Es ließen sich mehr Wimmelbücher verkaufen, wenn nichts Nacktes drin wäre. Wegen der Fundamentalisten – der christlichen und denen der Political Correctness –, die sonst gegen das Buch aktiv werden würden. </p>
<p>Andere deutsche Kinderbuchautoren kamen dem amerikanischen Verlangen nach Bekleidung nach: Ali Mitgutsch malte den kleinen, badenden Mädchen Bikini-Oberteile in seine Wimmelbücher, und Axel Scheffler machte aus der deutschen Ziege (mit Euter) eine amerikanische (ohne Euter). </p>
<p>Ein regelrechter Kulturkampf findet in der amerikanischen Provinz statt. Gruppen, die sich z.B. »Betende Lehrer« oder »Komitee zur Überwachung der kulturellen Integrität afroamerikanischer Bürger« nennen, durchforsten Bibliotheken von Schulen und Gemeinden und stellen Anträge, <a href="http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,439628,00.html">Bücher zu verbannen</a>. Mit Erfolg: Seit 1990 sind 8.700 Titel aus lokalen Bibliotheken verbannt worden, darunter Klassiker wie »Huckleberry Finn«, weil darin das Wort »Nigger« für Afroamerikaner benutzt wird. Ein 16-jähriges schwarzes Mädchen stellte den Antrag. Dieses Buch von Mark Twain aus dem Jahr 1884 ist eines der ersten in der amerikanischen Literatur, in dem ein Sklave sein Leben selbst in die Hand nimmt.</p>
<p>Eines der meistverbannten Bücher ist »Fahrenheit 451« von Ray Bradbury, das eine Gesellschaft beschreibt, in der der Besitz von Büchern verboten ist. »Harry Potter« trifft der Bannstrahl sowieso: Hexen und Zauberer werden positiv dargestellt und die Kinder befolgen die Anweisungen der Erwachsenen nicht. Selbst eine Biographie des Wirtschaftswissenschaftlers Keynes wurde aus einer Bibliothek verbannt, weil Schüler, die mit diesem Buch gesehen würden, Hänseleien ausgesetzt sein könnten – wegen der Schwere des Textes.</p>
<p>Immerhin ist in den USA noch nicht auf Autoren geschossen worden – anders als auf Ärzte, die Abtreibungen vorgenommen haben. Trotzdem möchte man fragen: Worin genau besteht eigentlich der Unterschied zwischen christlichem und dem in letzter Zeit so viel diskutierten islamischen Fundamentalismus?</p>
<p><strong>Und in Deutschland ist das alles anders?</strong></p>
<p>Die meisten Gründungen privater Schulen gehen auf das Konto christlicher Freikirchen – Fundamentalisten eben. Und der Kreationismus ist auf dem Vormarsch – nicht nur in privaten, sondern auch in öffentlichen Schulen und teilweise sogar schon den Universitäten. Die Zahl derjenigen, die die Evolutionstheorie in Bausch und Bogen verdammen, steigt. So glaubt, <a href="http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,391542,00.html">neueren Umfragen zufolge</a>, jeder zweite Bundesbürger daran, dass die Erde und das Leben auf ihr durch eine höhere Macht als die Natur erschaffen wurde.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><strong>* * *</strong></p>
<div style="color: #777;"><strong>Holger Schwab</strong> ist seit 1979 Buchhändler mit eigenem Geschäft in Bonn. Eine Auswahl der Buchempfehlungen und Gedanken zum Literaturbetrieb, die er als »bücherBriefe« an die Kunden des <a href="http://www.buchladen46.de/">buchLadens 46</a> verschickt, veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen <a href="http://kritische-ausgabe.de/index.php/ressort/kaplus/winkelzuge/buecherbrief/">hier in unserem Online-Magazin</a>.</div>
<p>&nbsp;</p>
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		<item>
		<title>Pippi</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Nov 2007 18:15:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Holger Schwab</dc:creator>
				<category><![CDATA[bücherBrief]]></category>

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		<description><![CDATA[Am 14. November wäre Astrid Lindgren 100 Jahre alt geworden. Gestorben ist sie im Jahr 2002 mit 94 Jahren. 1945 erschien zum ersten Mal »Pippi Langstrumpf« als Buch. Als Astrid Lindgren das Manuskript einreichte, musste sie in einem Begleitbrief noch darum bitten, nicht das Jugendamt zu unterrichten – ihre Kinder seien wohlerzogen ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<dl style="width:139px; float:left; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/pippi_se.jpg" alt="Erstausgabe von »Pippi Langstrumpf« auf Schwedisch (Umschlagabbildung)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Erstausgabe von »Pippi Langstrumpf« auf Schwedisch
</dd>
</dl>
<p>Am 14. November wäre <a href="http://www.astrid-lindgren.de/">Astrid Lindgren</a> 100 Jahre alt geworden. Gestorben ist sie im Jahr 2002 mit 94 Jahren. 1945 erschien zum ersten Mal »<a href="http://www.efraimstochter.de/">Pippi Langstrumpf</a>« als Buch.</p>
<p>Als Astrid Lindgren das Manuskript einreichte, musste sie in einem Begleitbrief noch darum bitten, nicht das Jugendamt zu unterrichten – ihre Kinder seien wohlerzogen. Die gesellschaftlichen Regeln waren auch in Schweden damals ganz andere als heute. »Pippi Langstrumpf« war eine große Befreiung: Jetzt gab es eine Kinderbuchfigur, die ohne Erwachsene lebte und stärker und frecher als diese war! </p>
<p>Für manche war sie <em>zu</em> frech und <em>zu</em> stark: </p>
<p>1951 wollte ein französischer Verlag das Buch herausbringen und zensierte es drastisch um alles Freche und Aufmüpfige. Das Titelbild sollte ebenfalls geändert werden: Pippi sollte statt eines Pferdes nur ein Pony hochheben können. </p>
<dl style="width:148px; float:right; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/pippi_fr.jpg" alt="»Fifi Brindacier« – »Pippi Langstrumpf« auf Französisch (Umschlagabbildung)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">»Fifi Brindacier« – »Pippi Langstrumpf« auf Französisch
</dd>
</dl>
<p>»Die französischen Kinder haben Kriegserfahrungen gemacht, daher sind sie realistischer als schwedische Kinder«, erklärte der Verleger. »Französische Kinder würden nie an ein Mädchen glauben, das so stark ist, dass es ein ausgewachsenes Pferd hochheben kann.« – »Ach so«, erwiderte Astrid Lindgren. »Aber dann zeigen Sie mir doch bitte ein Mädchen, das in Wirklichkeit ein Pony mit gestreckten Armen in die Luft stemmt.«</p>
<p>Erst 1995 erschien eine unzensierte Fassung in Frankreich. </p>
<p>Und heute? Ist Pippi Langstrumpf noch eine zeitgemäße Kinderbuch-Figur? Oder ist sie ein hyperaktives Kind – wohlstandsverwahrlost und kontaktgestört?<br />
Denn so könnte man es auch lesen!</p>
<p>Oder?</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><strong>* * *</strong></p>
<p>Astrid Lindgren hat mehr als 90 Bücher geschrieben, die in noch mehr Sprachen übersetzt wurden. Sie hat so ziemlich alle Preise bekommen, die eine Kinderbuchautorin bekommen kann. </p>
<dl style="width:148px; float:left; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/pippi1.jpg" alt="»Pippi Langstrumpf«, 1949 erstmals auf Deutsch erschienen (Umschlagabbildung)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">»Pippi Langstrumpf«, 1949 erstmals auf Deutsch erschienen
</dd>
</dl>
<p>Bei einer dieser Preisverleihungen sieht man sie zwischen Männern sitzen, mit ihrem schmalen Mund leicht lächelnd. Nach mehreren Lobreden auf sie sagt man ihr: »Du musst jetzt auch was sagen!« Und sie: »Wenn das alles, was hier über mich gesagt wurde, stimmt, bekomme ich den Preis zu Recht.«</p>
<p>1978 bekommt sie den Friedenspreis des deutschen Buchhandels als erste Kinderbuchautorin. Sie schreibt dafür ihre berühmt gewordene Rede »<a href="http://www.zeit.de/reden/die_historische_rede/friedenspreis_lindgren?page=all">Niemals Gewalt!</a>«. Darin begründet sie, dass Friedenspolitik im Kinderzimmer anfängt. Geschlagene Kinder können keine friedlichen Menschen werden. Liebt eure Kinder, keine Gewalt im Kinderzimmer!</p>
<p>Diese Rede muss sie im Vorhinein dem Preiskomitee vorlegen. Das Komitee ruft sie an und schlägt ihr vor, sie solle nur den Preis entgegennehmen – die Rede ist nicht erwünscht! Als Astrid Lindgren im Gegenzug vorschlägt, dann gar nicht erst zu kommen, kriegen die deutschen Buchhändler kalte Füße. Sie hält die Rede.</p>
<p>Zwei deutsche Jungen machen sich daraufhin sofort nach Schweden auf in dem Glauben, dort hätten sie es besser als in dem Heim, in dem sie lebten. Was wohl aus ihnen geworden ist?</p>
<p>1979 wurde in Schweden das Schlagen von Kindern unter Strafe gestellt, in Deutschland erst Ende der 90er Jahre.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/karlsson_lindgren.jpg" class=frei title="Astrid Lindgren (Foto: Roine Karlsson)" alt="Astrid Lindgren (Foto: Roine Karlsson)" /><br />
<font size="-1">Astrid Lindgren (Foto: Roine Karlsson)</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><strong>* * *</strong></p>
<p>Die russische Wissenschaftsakademie bittet Astrid Lindgren, den neu entdeckten Asteroiden Nr. 3204 nach ihr benennen zu dürfen. Sie erlaubt es.</p>
<p>»Von nun an«, erklärt sie, »dürft ihr mich <em>Asteroid</em> Lindgren nennen.«</p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="zentriert"><strong>* * *</strong></p>
<div style="color: #777;"><strong>Holger Schwab</strong> ist seit 1979 Buchhändler im eigenen buchLaden in Bonn. Er schreibt: »Der <a href="http://www.buchladen46.de">buchLaden 46</a> ist ein kleiner, persönlich geführter Buchladen, in dem Sie sich zu allen Themen gute Bücher empfehlen lassen können. Neben dem eigentlichen Ladengeschäft veranstalten wir Lesungen, bei denen wir das Gespräch mit dem Schriftsteller vermitteln, kommen in Kindergärten, um den Eltern Vorträge über gute Kinderbücher zu halten, und versenden auch Bücherbriefe an unsere Kunden. Der Kontakt zu anderen Menschen über das Lesen ist das Wichtigste, was wir mit unserem buchLaden erreichen. Ich selber lese auch vor: zuletzt aus der Weltliteratur über das Thema ›Meer‹ und demnächst <a href="http://www.bonn-liest-roth.de/lesemarathon.html">Philip Roth</a>.«</div>
<div style="color: #777;">&nbsp;</div>
<div style="color: #777;"><em>Eine Auswahl der »bücherBriefe« des buchLadens 46 – in dem übrigens auch die »Kritische Ausgabe« des öfteren zu Gast ist, um ihre Hefte zu präsentieren – veröffentlichen wir ab jetzt in unregelmäßigen Abständen <a href="http://kritische-ausgabe.de/index.php/ressort/kaplus/winkelzuge/buecherbrief/">hier in unserem Online-Magazin</a>.</em></div>
<p>&nbsp;</p>
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		</item>
		<item>
		<title>»Man kann keine Trends auswählen, nur gute Texte«</title>
		<link>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/984/</link>
		<comments>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/984/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 26 Jun 2007 19:05:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marcel Diel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Neues aus dem Literaturbetrieb]]></category>
		<category><![CDATA[Winkelzüge]]></category>

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		<description><![CDATA[Morgen beginnen in Klagenfurt die <a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis">31. Tage der deutschsprachigen Literatur</a> – und ich gestehe: von 18 teilnehmenden Autorinnen und Autoren kenne ich gerade mal zehn zumindest dem Namen nach ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/klagenfurt2007.jpg" alt="31. Tage der deutschsprachigen Literatur 2007 in Klagenfurt (Logo)" />Morgen beginnen in Klagenfurt die <a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis">31. Tage der deutschsprachigen Literatur</a> – und ich gestehe: von 18 teilnehmenden Autorinnen und Autoren kenne ich gerade mal zehn zumindest dem Namen nach und davon auch nur sieben etwas genauer. Für jemanden, der sich beruflich mit deutscher Gegenwartsliteratur beschäftigt, ist das kein guter Schnitt, auch wenn er von manchen Kollegen sicherlich noch unterboten werden dürfte &#8230;</p>
<p>Wie gut, dass es so zuverlässige Institutionen wie die Zeitschrift <em><a href="http://www.volltext.net/">Volltext</a></em> gibt, die den Bachmannpreis-Aspiranten jedes Jahr im Vorfeld des Schaulesens einen Sonderteil widmet – so auch die aktuelle Nummer <a href="http://volltext.net/magazin/magazindetail/article/364/">3/2007</a>. Im Eröffnungsinterview erklärt Jury-Neuzugang <a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/jury/stories/172818/">Ijoma Mangold</a>, Literaturredakteur der <em>Süddeutschen Zeitung</em> und mit 36 Jahren einer der jüngsten Juroren, den der ehrwürdige Wettbewerb in seiner Geschichte gesehen hat, was Klagenfurt seiner Meinung nach leisten kann und was nicht:</p>
<blockquote><p>»Wünschenswert wäre natürlich, wenn man sagen könnte: [Der Wettbewerb leistet eine] Standortbestimmung dessen, was zurzeit auf Deutsch geschrieben wird. Aber ich glaube, das ist eine Illusion. So funktioniert die Literatur nicht. [...] [I]n Wahrheit kann ein solcher Literaturwettbewerb mit Glück allenfalls im Nachhinein als so etwas wie ein Trendlabor betrachtet werden – so wie man in den letzten fünf Jahren langsam feststellte, dass die Thomas-Bernhard-Imitationen plötzlich ausblieben. Die Sache ist doch so: Man kann keine Trends auswählen, man kann nur gute Texte auswählen.«</p></blockquote>
<p>Dass Trends und gute Texte einander zumindest nicht ausschließen, sondern im günstigsten Falle sogar gemeinsam auftreten, dafür steht nicht zuletzt beispielhaft die Bachmann-Preisträgerin des vergangenen Jahres, <a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/110801/">Kathrin Passig</a>, die sich selbst eher als Bloggerin denn als Schriftstellerin definiert und das literaturinteressierte Publikum damit zugleich auf Weblogs als Orte eines noch relativ neuen, nicht-avantgardistischen Subgenres der Internetliteratur aufmerksam machte. (Auskunft über ihren eigenen Werdegang gibt sie übrigens auch im K.A.-Germanistenfragebogen; <a href="http://kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/862/">hier entlang</a> bitte.)</p>
<p>Ähnlich exotisch wie Passigs Nominierung mag in diesem Jahr diejenige von <a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/195931/">PeterLicht</a> anmuten, der vielen wohl eher aus anderen, wenn auch verwandten Zusammenhängen bekannt sein dürfte – ich sag nur: »Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf'm Sonnendeck«, 2000 ein veritabler Sommerhit. Viel weiß man nicht über den publikumsscheuen Künstler, der keine Fotos von sich veröffentlicht sehen möchte und dessen <a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/195931/">Video</a> auf der Website zum Bachmannpreis daher erwartungsgemäß skurril ausfällt. So rätselt denn auch die Fangemeinde bei <a href="http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=PeterLicht&#038;oldid=33016968"><em>Wikipedia</em></a>, ob PeterLicht wohl in Klagenfurt endlich »sein Gesicht zeigen wird«. 2006 erschien sein literarisches Debüt, <em><a href="http://blumenbar.de/blumenbar_dat/buch_peterlicht.html">Wir werden siegen. Buch vom Ende des Kapitalismus</a></em>, im Münchner Independent-Verlag blumenbar. Im ORF-Autorenportrait heißt es, er bewege sich »mit seiner Arbeit zwischen den Polen Text, Musik, Pop, Kunst, soziale Skulptur, Kapitalismus und Schnäppchenmarkt«.</p>
<p>Ähnlich multipel begabt ist auch einer von Mangolds Kandidaten: <a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/195969/">Jan Böttcher</a>. Der Sänger und Texter der (leider unterschätzten und inzwischen quasi scheintoten) Berliner Band <a href="http://www.herr-nilsson.de/">Herr Nilsson</a> hat 2003 mit seiner Erzählung <em>Lina oder: Das kalte Moor</em>, einem der ersten Bücher des vielbeachteten Independent-Verlags <a href="http://www.kookbooks.de/">KOOKbooks</a>, auf sich aufmerksam gemacht. Es folgte ein Hörbuch im selben Verlag und dann im vergangenen Jahr mit seinem Roman <em><a href="http://www.rowohlt.de/buch/Jan_Boettcher_Geld_oder_Leben.12062007.349301.html">Geld oder Leben</a></em> der Wechsel zu Rowohlt. Böttcher, 1973 in Lüneburg geboren, hat seit 1996 in etlichen Zeitschriften Texte veröffentlicht, unter anderem auch in der <em>Kritischen Ausgabe</em> (seine Gedichte aus Heft Nr. 2/2001 finden Sie <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/hefte/provinz/boettcher.pdf">hier im PDF-Format</a>).</p>
<p>K.A.-Lesern der frühen Stunde ebenfalls bekannt sein dürfte ein anderer Berliner: <a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/195920/">Jochen Schmidt</a>, 1970 in Ost-Berlin geboren, Mitbegründer der Lesebühne <a href="http://www.enthusiasten.de/">»Chaussee der Enthusiasten«</a> und Mitglied der deutschen Autoren-Fußballnationalmannschaft. Im Gespräch mit Tobias Hülswitt (<a href="http://www.kritische-ausgabe.de/hefte/ddr/huelswitt-schmidt.pdf">hier als PDF</a>) behauptete der gebürtige Ost-Berliner seinerzeit noch, dass es »bei uns«, also in der ehemaligen DDR, »viel spannender« gewesen sei. Sein Debüt hat er allerdings in einem westdeutschen Verlag gegeben, nämlich 2000 bei C.H. Beck mit dem Roman <em><a href="http://rsw.beck.de/rsw/shop/default.asp?docid=31922">Triumphgemüse</a></em>, und ist den Münchnern, von einer Ausnahme abgesehen, bis heute treu geblieben. Sein nächster Band mit dem – ähm, interessanten Titel <em><a href="http://rsw.beck.de/rsw/shop/default.asp?docid=224955">Meine wichtigsten Körperfunktionen</a></em> erscheint in Kürze. Na, wenn das mal bloß kein Anzeichen einer vorzeitigen Midlifecrisis ist &#8230;   </p>
<p>Und nochmal der Rückbezug zu Böttcher: Bei KOOKbooks angefangen hat auch <a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/195913/">Michael Stavarič</a>, der dort 2005 mit dem Prosaband <em>Europa – eine Litanei</em> debütierte. Es folgten die Romane <em>stillborn</em> (2006) und <em>Terminifera</em> (2007) im <a href="http://www.residenzverlag.at/?m=2&#038;o=2&#038;char=S&#038;id_author=5">Residenz-Verlag</a>. In <em>Volltext</em> präsentiert sich Stavarič, der 1971 im tschechoslowakischen Brno geboren wurde und seit 1979 in Österreich lebt, in guter Nossackscher Tradition mit einem Interview mit sich selbst, das darauf schließen lässt, dass sein Wettbewerbsbeitrag entweder unterhaltsam oder lehrreich oder, im besten Falle, beides sein wird. </p>
<p><a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/195923/">Silke Scheuermann</a> – um endlich auch eine der (nur) vier weiblichen Kandidaten dieses Jahres zu nennen – wollte sich 2006 von uns partout nicht zur <a href="http://kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/702/">»Kritik der Gegenwart«</a> einladen lassen. Sehr schade, halte ich sie doch (yep, ungelogen) für eine der bemerkenswertesten Schriftstellerinnen der jungen Generation. Zumindest in Bezug auf ihre Gedichte. Aber darum geht's ja in Klagenfurt gerade <em>nicht</em> (das lyrische Pendant zum Bachmannpreis, den <a href="http://www.literarischer-maerz.de/">Leonce-und-Lena-Preis</a>, hat sie übrigens 2001 bereits gewonnen). Allerdings weiß Scheuermann auch in Sachen Prosa zu punkten: Nach zwei Gedichtbänden bei <a href="http://www.suhrkamp.de/autoren/autor.cfm?id=4264">Suhrkamp</a> legte sie 2005 mit <em>Reiche Mädchen</em> eine Erzählsammlung und 2007 mit <em>Die Stunde zwischen Hund und Wolf</em> ihren ersten Roman bei <a href="http://www.schoeffling.de/content/autoren/silke-scheuermann.html">Schöffling</a> vor und landete damit mehr als nur Achtungserfolge bei der Literaturkritik.</p>
<p>Acht Jahre jünger als Scheuermann und damit der zweitjüngste Anwärter auf die begehrten 25.000 Euro Preisgeld ist <a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/195974/">Jörg Albrecht</a>, 1981 in Bonn geboren und heuer in Berlin lebend. Wer vor drei Wochen in Köln beim <a href="http://kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/928/">»Treffen junger Magazine«</a> war, konnte ihn aus seinem kürzlich bei Wallstein erschienenen Debütroman <em><a href="http://www.wallstein-verlag.de/9783835300903.html">Drei Herzen</a></em> lesen hören – unter erschwerten Bedingungen leider, denn das technische Equipment, mit dem er seine Lesungen zu bestreiten gewohnt ist, versagte kurzfristig den Dienst. Dabei hätte, was auch immer er an klanglicher Begleitung geplant hatte, seinem Auftritt sicher gut getan, denn der Text, den er vortrug – Erinnerungsteilchen in assoziativer Fügung – erwies sich beim Zuhören als recht sperrig – wobei der ein oder andere Gedanke durchaus mitreißend war. Ich persönlich bin sehr gespannt darauf, was er in Klagenfurt lesen wird!</p>
<p>Ältester Teilnehmer in diesem Jahr ist <a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/195928/">Kurt Oesterle</a>, der 1955 im schwäbischen Oberrot geboren wurde und heute als freier Autor und Dozent in Tübingen lebt. Oesterle kam über den Journalismus zur Literatur – »ein großer Umweg«, wie er in <em>Volltext</em> schreibt, letztlich jedoch »eine Liebesehe«, aus der 2003 ein vielbeachtetes Buch, <em><a href="http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=169308">Stammheim. Die Geschichte des Vollzugsbeamten Horst Bubeck</a></em>, entsprang. Ein Jahr zuvor hatte er im Verlag <a href="http://www.kloepfer-meyer.de/site/frame1.html">Klöpfer &#038; Meyer</a> sein literarisches Debüt gegeben: <em><a href="http://www.berlinverlag.de/bucher/bucherDetails.asp?isbn=9783833300189">Der Fernsehgast oder Wie ich lernte die Welt zu sehen</a></em> – ein autobiographischer Roman, der nicht nur thematisch die Luft der frühen sechziger Jahre atmet (was gar nicht despektierlich gemeint ist). In Klagenfurt wird er, wie er auf seiner <a href="http://www.kurt-oesterle.de/">Homepage</a> mitteilt, den Anfang eines neuen, unveröffentlichten Romans lesen.</p>
<p>Das waren die sieben – der Rest sei hier Aufzählung:</p>
<ul>
<li><a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/195973/">Martin Becker</a> (1982 im Sauerland geboren, lebt in Berlin und hat von 2003 bis 2006 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert – Institutsprosa-Diskussion, ick hör dir trapsen &#8230; By the way: Die Eröffnungsrede zum Festival hält morgen abend <a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/information/stories/195772/">Hanns-Josef Ortheil</a>, Professor für Kreatives Schreiben an der zweiten großen Schriftstellerschmiede Deutschlands, der <a href="http://www.uni-hildesheim.de/de/kreatives-schreiben.htm">Universität Hildesheim</a>.)</li>
<li><a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/195971/">Christian Bernhardt</a> (1964 in Köln geboren, lebt dort)</li>
<li><a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/195934/">Andrea Grill</a> (1975 in Bad Ischl geboren, lebt in Bologna)</li>
<li><a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/195933/">Björn Kern</a> (1978 in Lörrach geboren, lebt in Berlin und Südbaden)</li>
<li><a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/195930/">Jagoda Marinič</a> (1977 in Waiblingen geboren, lebt in Heidelberg)</li>
<li><a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/195929/">Milena Oda</a> (1975 in Jicín/Tschechoslowakei geboren, lebt in Berlin</li>
<li><a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/195925/">Ronald Reng</a> (1970 in Frankfurt am Main geboren, lebt in Barcelona)</li>
<li><a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/195922/">Fridolin Schley</a> (1976 in München geboren, lebt dort)</li>
<li><a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/195917/">Lutz Seiler</a> (1963 in Gera geboren, lebt in Wilhelmshorst bei Berlin)</li>
<li><a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/195915/">Thomas Stangl</a> (1966 in Wien geboren, lebt dort)</li>
<li><a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/195912/">Dieter Zwicky</a> (1957 in Mollis geboren, lebt in Uster und Frauenfeld/Schweiz)</li>
</ul>
<p>Wie immer werden die Lesungen, die von Donnerstag bis Samstag stattfinden, <a href="http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/bachmann_index.html">live auf 3sat übertragen</a>. Ein Live-Blogging wird es an dieser Stelle leider nicht geben (<acronym title="Yep. Siehe Kommentare">an anderer Stelle im Netz vielleicht?</acronym>), aber wer möchte, ist natürlich herzlich dazu eingeladen, sich hier in den Kommentaren zum Verlauf des Wettbewerbs zu äußern!</p>
<p>Eine Frage lasse ich hier bewusst offen – nämlich die nach meinen persönlichen Favoriten (die übrigens nicht zwingend die oben näher beschriebenen sind). In den vergangenen Jahren haben sich zwei Dinge sehr deutlich gezeigt: 1. dass die Jury immer für Überraschungen gut ist und 2. dass ich mit meinen Vorhersagen letztlich immer daneben lag. 2004 war ich mir sicher genug, einen halben Kasten Bier auf <a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/11095/">Guy Helminger</a> zu setzen – der dann ›nur‹ den 3sat-Preis holte. 2006 lag ich zwar mit Kathrin Passig richtig, hätte aber meine Hand dafür ins Feuer gelegt, dass <a href="http://bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis/autoren/stories/110804/">Norbert Scheuer</a> bei dieser Jury keine Chance haben würde – und gewonnen hat er (völlig zurecht) den 3sat-Preis.</p>
<p>Norbert Scheuer übrigens erzählte anlässlich seiner <a href="http://kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/812/">Lesung</a> im Rahmen unserer Reihe »Kritik der Gegenwart«, es sei ein Mythos, dass die Kandidaten sich nicht zu der Kritik, die sie vonseiten der Jury erfahren, äußern dürften. Sie dürften schon – aber kaum einer würde es wagen. Um seine Chancen nicht zu verspielen. Und das – so viel wage ich dann doch zu prognostizieren – wird auch in diesem Jahr nicht anders sein &#8230; <img src='http://www.kritische-ausgabe.de/wp-includes/images/smilies/icon_wink.gif' alt=';-)' class='wp-smiley' /> </p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><em>addendum (27.06.07):</em></strong> Die <a href="http://riesenmaschine.de/index.html?nr=20070618120227">Riesenmaschine</a>, das Organ der <a href="http://www.zentrale-intelligenz-agentur.de/">Zentralen Intelligenz-Agentur</a> (ZIA), der auch Kathrin Passig angehört, »bietet überforderten Zuschauern, Lesemuffeln und Verlagsagenten [...] als Serviceleistung und zum Zweck frühzeitiger Favoritenerkennung [...] eine Aktienbörse an«: Jeder, der sich dafür registriert, kann 5.000 Dollar Spielgeld auf seine Kandidaten setzen und am Ende sogar noch echte Preise gewinnen. <a href="https://riesenmaschine.inklingmarkets.com/market/show/5251">Hier geht's zum »Klagenfurt-Totalisator«</a>. – Die ZIA selbst ist übrigens auf »Betriebsausflug« und wird, wie ich annehme, <del title="offenbar doch nicht">zeitnah und</del> launisch wie eh über den Verlauf des Wettbewerbs <a href="http://riesenmaschine.de/">berichten</a>.</p>
<p>&nbsp;</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Brecht?</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Aug 2006 00:09:13 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marcel Diel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Winkelzüge]]></category>

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		<description><![CDATA[<font size=-1>[Anm. d. A.: Dieser Text erschien zuerst in »Kritische Ausgabe« 1/1999 und wird hier gnadenlos wiederverwertet.]</font>

Aber kann man uns wirklich vorwerfen, wir hätten uns zu seinem Hundertsten nichts einfallen lassen? Zum Beispiel die tolle 3sat-Reihe, die einiges an Raritäten zu bieten hatte. Oder der wiederaufgewärmte »Skandal« um Brecht und die Frauen. Überhaupt: Waren unsere Spielpläne und Universitäten nicht seiner Stücke voll? Gab es etwa nicht genügend Fernseh- und Radiofeatures zum Thema, waren nicht auch die Zeitungen satt vor lauter Brecht? Und dann der Biermann-Abend im November: War das nicht höchst lehrreich? Ja, sogar die Marxisten haben wir uns angehört (passend zum anderen Großjubiläum: 30 Jahre 68er). Und hat nicht Suhrkamp, dies alles zu krönen, eine Sonderausgabe der Werke Brechts in Leder (wofür man sie allesamt kreuzigen sollte!) auf den Markt gebracht? ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><font size=-1>[<strong>Anm. d. A.:</strong> Dieser Text erschien zuerst in »Kritische Ausgabe« 1/<u>1999</u> und wird hier gnadenlos wiederverwertet.]</font></p>
<p>&nbsp;</p>
<blockquote><p>»Mir fällt zu Brecht nichts ein.«<br />
<font size="-1">(Ursa Klark)</font></p></blockquote>
<p>Aber kann man uns wirklich vorwerfen, wir hätten uns zu seinem Hundertsten nichts einfallen lassen? Zum Beispiel die tolle 3sat-Reihe, die einiges an Raritäten zu bieten hatte. Oder der wiederaufgewärmte »Skandal« um Brecht und die Frauen. Überhaupt: Waren unsere Spielpläne und Universitäten nicht seiner Stücke voll? Gab es etwa nicht genügend Fernseh- und Radiofeatures zum Thema, waren nicht auch die Zeitungen satt vor lauter Brecht? Und dann der Biermann-Abend im November: War das nicht höchst lehrreich? Ja, sogar die Marxisten haben wir uns angehört (passend zum anderen Großjubiläum: 30 Jahre 68er). Und hat nicht Suhrkamp, dies alles zu krönen, eine Sonderausgabe der Werke Brechts in Leder (wofür man sie allesamt kreuzigen sollte!) auf den Markt gebracht?</p>
<p>Ganz erschöpft sind wir von soviel Brecht – und schauen ahnungsvoll ins nächste Jahr, nach 1999, wo es den ungleich größeren Herrn G. zu feiern gilt. Müßten wir uns angesichts dessen nicht eher fragen, was uns noch zu Goethe einfällt, dem Olympier, dem Genie schlechthin? – Nicht ganz soviel Pathos! Wie Biermann schon argwöhnte in einem seiner Songs, der Herr B. hätte sehr wohl seinen Spaß dran gehabt zu sehen, wieviel Arbeit er seinen Nachgeborenen macht.</p>
<p>Tut er das wirklich? – Macht er uns noch Arbeit, der arme B.B., hat er denn endlich sein <em>statement</em>, wie ers ankündigte damals beim Komittee für unamerikanische Umtriebe, verkündet – oder hat man ihn, wie damals, mal wieder nicht gelassen?</p>
<p>Antwort »am Grunde der Moldau« – Brecht zu Stein erstarrt, zu Stein geworden, wälzend und wandernd im Bett vor jedweder goldenen Stadt, seinen Städten ein steinerner Kaiser? »Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine« – Trost für Scheinrevoluzzer: nein, Herr Biermann, das können wir nicht beziehen auf 68 in Prag! Brecht! kein Hanussen! Schnupftabak für einen Totenkopf – sozusagen (arp! arp! die raben rufen). In welche Ecke stellen wir den Herrn K. denn nun, in welcher Schublade, zwischen welchen Buchdeckeln (aus Leder oder nicht) legen wir ihn ab? Was halten wir an ihm für überlieferungswürdig? Was gefällt uns denn nun so an Herrn Brecht, daß wir das ganze Jahr über an ihm festhielten wie sonst nie und daß er auf einmal so unumstritten als der Dramatiker des 20. Jahrhunderts gefeiert wird?</p>
<p>In Koblenz wars, da besuchte ich einmal eine Aufführung von »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny«, die auch passabler hätte sein können, hätte sich ein freundlicher Herr (es mag der Vizeintendant des Theaters gewesen sein) nicht zuvor die Mühe gemacht, seinem Publikum zu erläutern, was er über Brechts Werke dächte. Es sei nämlich, sagte er, etwas in der Rezeption speziell dieses Brechtstückes bisher immer vernachlässigt worden, was aber gerade jetzt, wo sich die Ideologie, die Brecht verfochten habe, gleich einem Spukbild (jenes oft und nicht zuletzt von ihren Begründern propagierte »Gespenst«) aufgelöst hätte, wieder in den Vordergrund rücken sollte: der Humor! (ein Klavier! ein Klavier!) Da standen wir nun, etwa fünfzig Motivierte, und fragten uns, oder doch zumindest ein Teil von uns fragte sich sicherlich, was der gute Mann eigentlich damit sagen wollte. Klar! Brecht strotzt nur so vor Humor! Vor allem in der Mahagonny-Oper! Daß wir das bisher noch nicht bemerkt hatten! Wir mußten ja geradezu blind gewesen sein!</p>
<p>An dieser Stelle aber muß der Autor gestehen: Er mag Brecht. Schimpf und Schande ganzer Schülergenerationen über ihn! Er mag Brecht sogar so sehr, daß es ihm schlicht egal ist, ob der Mann sein Leben lang nur abgeschrieben hat (nunja, so wars freilich nicht, und Biermann merkte völlig zurecht an, daß etwa Elisabeth Hauptmann, die Übersetzerin der Dreigroschenoper aus dem Englischen, mehr als genug Zeit gehabt hätte, die Frage um die Autorschaft richtigzustellen, wenn sie es denn gewollt hätte; stattdessen hat die gute Frau Brechts Werke posthum herausgegeben, das mag für sich – gar für ihn? – sprechen). Ebenso frei aber will der Autor auch eingestehen, daß er ein ungleich größerer Fan von Brechts Lyrik als von seiner Dramatik oder seiner Prosa ist. Sie ist s. E. das, was bleiben wird, da mag nun die ganze Ideologie seiner Stücke in Trümmern liegen (by the way: seit wann ist das ausschlaggebend dafür, ob ein Stück »klassisch« ist oder nicht?). Brecht: größter Dramatiker und größter Lyriker des 20. Jahrhunderts, will man den Superlativ gebrauchen, den Biermann so schamlos zweideutig auf sich selbst zurückblinzelnd gebrauchte. Kein Genie, nein, diese Einschränkung sei getan, aber herausragend über alle Epochen und Stilrichtungen, die dieses verworrene Säkulum hervorgebracht hat. Zeitlos. Brecht über den Wassern, ja, im Anfang war &#8230;</p>
<p>Baal – nein, wir wollen nicht übertreiben. Nein – DOCH! laßt uns noch ein wenig übertreiben: »Zum Augenblicke dürft ich sagen: VERWEILE DOCH!« <em>Mensch!</em> Verweile noch ein wenig, DU WARST SO SCHÖN! – was haben sie aus Dir gemacht, Du armer toter Mensch! Wo plötzlich Dein berühmtes Zitat aus Deinem vielleicht berühmtesten Gedicht An die Nachgeborenen:</p>
<blockquote><p>Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut<br />
In der wir untergegangen sind<br />
Gedenkt<br />
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht<br />
Auch der finsteren Zeit<br />
Der ihr entronnen seid</p></blockquote>
<p>benutzt wird, um für oder gegen Wehrmachtsausstellung oder Holocaustmahnmal zu argumentieren. Liebe Güte! Hätten sie doch nur Weihnachtsbäume verkauft stattdessen – oder Eier: »Und wenn der Kopf fällt, sag ich: Hoppla!« Was tatest Du? Du starbst den Heldentod, aber dem Kaiser hats nicht gefallen, da hat er Dich lassen exhumieren und seinem Karren vorgespannt und diese unselige Fledderausgabe Deiner Werke in Leder (meine Güte, nochmal! was wird in dieser wirren Zeit eigentlich noch alles in Leder verpackt!) herausgebracht als Zeichen dafür, daß der Krieg noch immer nicht vorbei ist! (<em>marx! marx! – den die metz erwürgt im graben, des knaben letzte laute waren</em>) Was hätte Dein getreuer Heiner wohl daraus gemacht?! Und jetzt ist der auch schon tot, mit ihm die ganze Postmoderne, und in Deutschland proben sie längst wieder das »Marschieren«, daß einem ganz pfingstig wird ums heil – ach! das war Argwohn, nicht wesentlich.</p>
<p>Im übrigen aber habe ich nie verstanden, warum ausgerechnet die »Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration« in nahezu jedes Lesebuch aufgenommen wurde, oftmals sogar als einziges oder eins von wenigen Beispielen für Brechts Lyrik. Dieser weise und gemein daherschleichende, fürs Auswendiglernen und Verhaßtmachen geradezu prädestinierte Sezuanappell der Gewaltlosigkeit, weiches Wasser, harter Stein, schon wieder Prag? Luma diesmal? »Freilich dreht das Rad sich immer weiter &#8230;« Wassermetaphorik bei Brecht, was Exquisites: »Dann ward sie Aas in Flüssen mit vielem Aas« – (Brecht und die Frauen?) herrlich! –, und besonders: Baummetaphorik!</p>
<p>Ungemein schätze ich etwa die »Morgendliche Rede an den Baum Grien« – ich kann sie nachvollziehen, weil auch vor meinem Fenster ein sehr lieber Baum steht, der im Wind ächzt und rauscht und sich zwar beugen, aber nicht unterkriegen läßt, das macht ihn mir sehr sympathisch. Flexibel wie sein Schreiber, dieser grienend-grünende Baum, stark und flexibel zugleich in seinen Prinzipien, blieb immer so lange wie der Ort es zuließ, im Bewußtsein: »Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie hindurchging, der Wind!«, soviel Gelassenheit wie nötig zeigend: »Bei den Erdbeben, die kommen werden, werde ich hoffentlich / meine Virginia nicht ausgehen lassen durch Bitterkeit« – dies alles schon 1921 festgeschrieben, zwölf Jahre vor dem Erdbeben (ohne die Naturkatastrophenmetaphorik allzu sehr strapazieren zu wollen, die man in bezug auf den 30. Januar 1933 ff. so gerne und oft, möchte man sagen: ins Feld führt – »Herr Schweyk, wenn das Dritte Reich untergeht / Waren nur die Naturgewalten schuld an dem Mißgeschick.«) und nochmal zwölf, »öfter als die Schuhe die Länder wechselnd« (was hoffentlich so nicht zutrifft), und das erst auf nicht ganz halber Strecke. Zwei Bekenntnisse, wenn man so will, dazwischen siebzehn Jahre, beide selbstreflexiv, das zweite ausgreifend auf die Gesellschaft, politischer, mahnender allemal.</p>
<p>Auch heute noch?</p>
<p>Biermann, um wieder mal auf den zurückzukommen, der sich offenbar als rechtmäßiger Nachfolger Brechts versteht (aber Liebe kann einen Menschen nicht retten, schon gar nicht vor einem Krittler), Biermann versuchte ja eine Antwort auf die Fragen: Wie stehen die Nachgeborenen zu Brecht? Wer war und ist uns dieser Brecht eigentlich? Und er sagte ein paar sehr wahre Dinge, und wer dort war, kann es bezeugen, aber letztlich hatte er die Antwort nicht, und es war »nur« ein schöner, teils etwas stahlnostalgisch angehauchter Abend, immerhin. Vielleicht stimmt es, daß man die Welt von heute nicht durch Brechts Brille sehen kann, alas, daß man noch lange zu Einseitigkeiten in der Interpretation seiner Werke neigen wird, daß auch die ewig Gestrigen es immer nur im Sinn des ewig Gestrigen deuteln werden auf ihre längst abgeschriebene »glorreiche Revolution«, aber wen interessieren die schon! (Und komm mir niemand mit Père Josephe!) Für die Interpretation des nächsten Jahrtausends wünschte sich der Autor dieser Zeilen ein bißchen mehr Anmut, bißchen mehr Mühe, Leidenschaft, bißchen mehr Verstand auch, nich son wirres Zeug, son ideologisches Rumludern, det is nich hübsch, nee, nich sojet montiertet, und daß uns wieder mehr und besseres einfällt zu Brecht, denn: so ganz richtig war das im letzten Jahr nicht, da war was gezwungen-verlogenes dran, sowas von Pflichtschuld, son pestiger Beigeschmack zum Aufstoßen (RRUMMS!). Allzu gerne gedenken wir der Toten, zementieren ihr Andenken, versteinern sie gleichsam zu Denkmälern, insgeheim froh, uns auf diese achso »würdige« Weise ihrer entledigt zu haben in den Teich der Geschichte, die uns zu Lebzeiten noch soviel Ärger und Sorgen verursachten. (man möge 3 <em>sic!</em> einfügen)</p>
<p>Und was das diesjährige Pflichtjubiläum (»Hic Weimar, hic salta!«) angeht, da hab ich auch so meine Zweifel. Im vergangenen Sommer machte die Stadt Frankfurt a.M. eine Umfrage unter ihren Bürgern, was ihnen denn, sinngemäß, zu dem größten Sohn ihrer Stadt einfiele. Zitat aus dem Presseartikel (<em>pia</em>): </p>
<blockquote><p>Manchmal war auch das Prinzip der Umfrage noch nicht ganz transparent. »Da will einer von der Stadt wisse, wann der Goethe geboren is. Karl, guck doch emal im Lexikon. So, mir habbes gefunne. Schreibe se uff. 28. August 1749.« </p></blockquote>
<p>Na denn &#8230;</p>
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		<title>Die Spieluhr Heine</title>
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		<pubDate>Tue, 21 Feb 2006 22:35:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marcel Diel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Winkelzüge]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/wassollesbedeuten.jpg" alt="Spieluhr" />Dieses neckische Ding ist eine <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Spieluhr">Spieluhr</a> – oder wie der Fachmann sagen würde: ein Handkurbel-Spielwerk –, das ich im Sommer 1994 in <a href="http://www.ruedesheim.de/">Rüdesheim</a> erworben habe, einem dieser Rhein-Wein-Örtchen, die gemeinhin als »romantisch« gelten, weshalb dort zu jeder Jahreszeit hordenweise Touristen aus aller Welt einfallen, um die Straßen zu verstopfen, die Cafés zu fluten und Kitsch aus chinesischen Souvenirfabriken zu erwerben. Doch grollen möchte ich ihnen nicht, den Spurensuchern der Rheinromantik, war ich doch damals<sup><font size="-2">[TM]</font></sup> selbst einer, mit meiner ersten Freundin auf der ersten längeren Tour mit meinem ersten eigenen Auto ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>»Wir leben in einer Zeit der Mysterien, wo freundschaftliche Besprechungen unter Ehrenleuten nothwendig sind, um der schleichenden Verleumdung hohlköpfiger armer Sünder nicht bloßgestellt zu seyn.«</p>
<p><font size=-1>(Heinrich Heine in einem <a href="http://germazope.uni-trier.de/Projects/HHP/briefe">Brief</a> an Felix Bamberg; Paris, 4. Februar 1852)</font></p></blockquote>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/Spieluhr_Loreleylied.mp3"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/wassollesbedeuten.jpg" alt="Spieluhr" title="Klick und lausch!"/></a>Dieses neckische Ding ist eine <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Spieluhr">Spieluhr</a> – oder wie der Fachmann sagen würde: ein Handkurbel-Spielwerk –, das ich im Sommer 1994 in <a href="http://www.ruedesheim.de/">Rüdesheim</a> erworben habe, einem dieser Rhein-Wein-Örtchen, die gemeinhin als »romantisch« gelten, weshalb dort zu jeder Jahreszeit hordenweise Touristen aus aller Welt einfallen, um die Straßen zu verstopfen, die Cafés zu fluten und Kitsch aus chinesischen Souvenirfabriken zu erwerben. Doch grollen möchte ich ihnen nicht, den Spurensuchern der Rheinromantik, war ich doch damals<sup><font size="-2">[TM]</font></sup> selbst einer, mit meiner ersten Freundin auf der ersten längeren Tour mit meinem ersten eigenen Auto. <em>O Wunder der Jugend! O Wellen des Rheins! O Brummen des Motors!</em> (ein Toyota Starlet, Baujahr 82, und eigentlich dröhnte er mehr als dass er brummte – <em>o verklärende Erinnerung!</em>)</p>
<p><a href="http://www.bbs1-northeim.de/Unter-projekte/Unterrichtsprojekte/Deutschprojekte/brecht/lyrik/ohlust.htm">»und du / neuer Gedanke!«</a> Von der »Lust des Beginnens«, die Herr Brecht so trefflich besungen hat, war in Rüdesheim nichts zu spüren. Dominant erschien mir dort eher die längst zur Routine gewordene Lust an der Wiederholung des Immergleichen – aber gut, was ist Romantik letztlich schon anderes? Heine an jeder Straßenecke, hier und da ein japanisches Juxgrüppchen, das vom Weingeist befreit <a href="http://www.loreley.de/loreley/lorelied.htm">»Ich weiß nicht, was soll es bedeuten«</a> bis zur Unkenntlichkeit zersang (sie hatten’s <em>faustig</em> hinter den Ohren, jaja). Heine und »die Lore-Ley« – zuweilen befürchte ich, dass am Ende doch noch die berühmt-berüchtigte deutsche Weinseligkeit Dichter und Werk verschlingen wird: »und das hat mit seinem Singen / der Männerchor getan«. Darüber kann man geteilter Ansicht sein (Kulturpessimisten sind Schisser, das weiß ich von mir selbst nur zu gut). Enno Stahl vom Düsseldorfer Heine-Institut etwa mutmaßte jüngst im <a href="http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/470793/">Deutschlandfunk-»Büchermarkt«</a>:</p>
<blockquote><p>Heine hätte das sicher nicht gestört, sagte er doch von sich: »Ich bin kein Gelehrter, ich selber bin Volk.« Gerade diese Volkstümlichkeit, die seinen Gedichten, seiner Prosa eigen ist, hat ihn zu Deutschlands zweitgrößtem, für manche gar größtem Dichter gemacht, je nach politischer Couleur des Betrachters. Volkstümlich, das bedeutet bei Heine zeitlos und zugänglich. Nicht zuletzt deswegen wird er heute noch viel gelesen.«</p>
<p><font size=-1>(Zum Nachhören <a href="http://www.dradio.de/aodflash/player.php?station=1&amp;broadcast=57976&amp;datum=20060217&amp;playtime=1140189004&amp;fileid=6ea7f673&amp;sendung=57976&amp;beitrag=470793&amp;/">hier</a>; Zitat nach Transkript)</font></p></blockquote>
<p>Folklorisierung, damit hat Stahl (wenn ich ihn mal so interpretieren darf) zweifellos Recht, ist noch immer die beliebteste Wund- und Heilsalbe (Achtung! <a href="http://www.fr-aktuell.de/ressorts/kultur_und_medien/feuilleton/?cnt=805813">Adorno</a> von links!). Auch das mag Heiner Müller – ohne Heine genausowenig denkbar wie Brecht, Biermann und überhaupt der größte Teil nicht nur der Satiriker, Lyriker und Liedermacher des deutschen 20. und 21. Jahrhunderts – vor Augen gehabt haben, als er in seiner grandiosen Büchnerpreisrede von 1985 konstatierte: »DIE WUNDE HEINE beginnt zu vernarben, schief« – wohlgemerkt: vernarben, nicht verheilen. Heine, die schiefe Narbe, der Schmiss im Antlitz der Deutschen, der <a href="http://www.princeton.edu/%7Ebatke/moby/moby_041.html">Moby Dick</a> unter den Walen, Haien und kleinen Fischen der Literaturgeschichte, der nicht nur zu Lebzeiten kontrovers diskutierte, verfemte und zugleich legendäre (und nur legendäre) <a href="http://www.welt.de/data/2006/02/11/843844.html"><em>Dichter unbekannt</em></a> und Sinnbild des armen Poeten (der er de facto nicht gewesen ist) – ja, wenn man's recht betrachtet (und darauf wollen die Germanisten <a href="http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/470793/">Stahl</a> und <a href="http://www.fr-aktuell.de/ressorts/kultur_und_medien/feuilleton/?cnt=805813">Schneider</a> ja auch hinaus): Heine, der sperrigste Dichter und scharfzüngigste, ätzendste Kritiker seiner Zeit, ist längst popularisiert, populär ohnehin, ist, kurz gesagt, <em>Pop</em>. Versöhnt mit allen, ist er einer jener Brüder, von denen Thomas Mann sagte: »Der Bursche ist eine Katastrophe; das ist kein Grund, ihn als Charakter und Schicksal nicht interessant zu finden«, und: »Ein etwas unangenehmer und beschämender Bruder; er geht einem auf die Nerven, es ist eine reichlich peinliche Verwandtschaft«, was ihn jedoch zu dem Schluss verleitete: »Ich will trotzdem die Augen nicht davor schließen, denn [...] besser, aufrichtiger, heiterer und produktiver als der Haß ist das Sich-wieder-Erkennen, die Bereitschaft zur Selbstvereinigung mit dem Hassenswerten [...].« Der, den er mit diesen beißend ironischen Zeilen, geschrieben am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, meinte, war Hitler – noch so eine nicht verheilende Wunde, noch so ein Schmiss, den man mit allen nur möglichen kosmetischen Mitteln zu verdecken, wenn nicht gar den ganzen wahrlich katastrophalen Burschen zu folklorisieren sucht.</p>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/Heinrich_Heine.jpg" class=right title="Heinrich Heine im Jahre 1829 (Selbstportrait)" alt="Heinrich Heine im Jahre 1829 (Selbstportrait)" />»Mein lieber Scholli, Herr Diel! Hitler und Heine in einem Atemzug nennen, geht denn das?«, höre ich da jemanden fragen. Klar geht das, sag ich, wenn auch etwas zu weit: Denn nicht die beiden miteinander zu vergleichen ist mein Ziel (das wäre ja auch völliger Humbug), sondern dem sozialpsychologischen Mechanismus nachzuspüren, der scheinbar zuverlässig immer dann greift, wenn ein missliebiges Subjekt eine derartige Präsenz zeitigt, dass man es schlichtweg weder ignorieren noch leugnen kann: Folklorisierung, Popularisierung – nennt es wie ihr wollt, jedenfalls Einverleibung im Sinne eben jener »Selbstvereinigung mit dem Hassenswerten«, die Herr Mann meint und die im späteren Umgang mit Hitler wahlweise zu Dämonisierung, Verharmlosung oder Verspottung und im Umgang mit Heine zur Verniedlichung geführt hat. Auf menschlicher Ebene derselbe Mechanismus, der uns dazu verleitet, uns einen Entwurf von jemandem zu machen und dann – aus Hass oder Liebe – zu sorgen, dass er ihm ähnlich werde: »›Wer? Der Entwurf?‹ ›Nein‹, sagte Herr K., ›Der Mensch.‹« (<a href="http://www.yolanthe.de/stories/brecht01.htm">Brecht</a>, aus derselben Sammlung <a href="http://abundant.twoday.net/stories/701577/">wie dies hier</a>) Der Mechanismus der Kompensation auf das als politische Floskel so beliebte »sozialverträgliche Maß«, das uns (»lieb Vaterland, magst ruhig sein«) friedlich schlafen lässt (no Marx intended!) – ein soziokulturelles Phänomen.</p>
<p>Auf Heine bezogen – und bevor ich hier gänzlich abschweife – heißt das: »Die Loreley« ist harmlos genug (nicht wirklich harmlos, wenn man sich das Gedicht mal genauer anschaut, aber eben harmlos <em>genug</em>), um der Folklorisierung des Dichters ein Portal zu bieten, sie ist konsumentenfreundlich, singbar zudem, männergesangvereinskompatibel und damit per se das »verträgliche Maß«, auf das sich der liebe Heine verniedlichen lässt. »Deutschland. Ein Wintermärchen« ist es nicht (böser Heine!), obwohl Biermann wirklich (wenn auch, wie stets, in anderer, eigener Absicht) sein Bestes versucht hat. Und doch hilft uns die Silcher-Melodei von der fischerverschlingenden blonden Sirene auf dem schroffen Felsen, auch den Satiriker und nimmermüden Deutschlandkritiker Heine mit einem gelassenen Lächeln zu kompensieren, ihm ein Plätzchen im <a href="http://kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/330/">Kanon</a>, in der Gruft der deutschen Dichter und Denker zuzuweisen. Alle paar Jahre schaut man mal nach, wie weit der Verwesungsprozess fortgeschritten ist, huldigt den Gebeinen, konstatiert zum x-ten Mal, dass »die Deutschen mit xyz Frieden geschlossen haben«, und dankt artig fürs Da- oder <a href="http://www.google.com/search?q=heine+vorbild">Vorbild-gewesen-Sein</a>. Natürlich geht es bei der ganzen Chose letztlich nur um Selbstbestätigung, jenes »Sich-wieder-Erkennen«, von dem Thomas Mann spricht – was ich im übrigen weder übermäßig kritisieren, noch mich selbst davon ausnehmen möchte.</p>
<p>»Und wie halten Sie’s mit dem Gedenken, Herr Diel?« Nunja, ich mag diesen Festtagsrummel nicht, dieses Gewese um irgendwelche Geburts- oder Todestage, auch wenn ich einsehe, dass sie eine nicht unwichtige Funktion erfüllen. Aber ganz ohne Souvenirs geht es auch für mich nicht – und ging es schon damals in Rüdesheim nicht. Davon zeugt die oben abgebildete Spieluhr, die ja hier nicht nur als Sinnbild der Folklorisierung und Wiederholung des Immergleichen steht, sondern sehrwohl etwas mit dem Thema (was war es doch gleich? achja: Heine!) zu tun hat. Wer draufklickt, weiß mehr! <img src='http://www.kritische-ausgabe.de/wp-includes/images/smilies/icon_wink.gif' alt=';-)' class='wp-smiley' /> </p>
<p>Diese Spieluhr steht auf meinem Schreibtisch, und oft, wenn ich in einer Arbeit feststecke, das Gefühl habe, nicht von der Stelle zu kommen, oder zu viele Dinge auf einmal erledigen muss, drehe ich ein paarmal die Kurbel, mal schneller, mal langsamer, und lausche den Klängen: »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten«. Ich gestehe: Diese Wiederholung der immergleichen Melodie hat eine ungeheuer beruhigende Wirkung!</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><font size="-1">[Dieser Beitrag erschien zuerst unter <a href="http://abundant.twoday.net/stories/1602920/">http://abundant.twoday.net/stories/1602920/</a>.]</font></p>
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		<title>Kanon-Futter, haufenweise</title>
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		<pubDate>Tue, 27 Sep 2005 11:16:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Marcel Diel</dc:creator>
				<category><![CDATA[Diskussion]]></category>
		<category><![CDATA[Neues aus dem Literaturbetrieb]]></category>
		<category><![CDATA[Winkelzüge]]></category>

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		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/canon.jpg" align=left vspace=10 hspace=10 title="Irgendwie passend: Kneipenschild in Düsseldorf ;o)" alt="Irgendwie passend: Kneipenschild in Düsseldorf ;o)" />Der <a href="http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/literaturge/kanon.htm">Kanon</a>, das ewige Gespenst der Literaturwissenschaft: So mancher Forscher, Kritiker und Autor hat sich bereits als Exorzist versucht und ist mehr oder minder kläglich an der – sagen wir mal: Eigendynamik des Diskurses gescheitert. Von den einen als längst überkommenes Instrument der Klassifizierung, ja der Indoktrination verschrien, von den anderen immer wieder als notwendige Orientierungshilfe in Schule und Studium beschworen, fristet der Kanon eine geradezu paradoxe Existenz: Obwohl in Gänze inhaltlich unbestimmbar, ist er dennoch präsent – in den Lehrplänen der Schulen und Universitäten etwa, vor allem aber in unseren Köpfen ...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/canon.jpg" align=left vspace=10 hspace=10 title="Irgendwie passend: Kneipenschild in Düsseldorf" alt="Irgendwie passend: Kneipenschild in Düsseldorf" />Der <a href="http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/literaturge/kanon.htm">Kanon</a>, das ewige Gespenst der Literaturwissenschaft: So mancher Forscher, Kritiker und Autor hat sich bereits als Exorzist versucht und ist mehr oder minder kläglich an der – sagen wir mal: Eigendynamik des Diskurses gescheitert. Von den einen als längst überkommenes Instrument der Klassifizierung, ja der Indoktrination verschrien, von den anderen immer wieder als notwendige Orientierungshilfe in Schule und Studium beschworen, fristet der Kanon eine geradezu paradoxe Existenz: Obwohl in Gänze inhaltlich unbestimmbar, ist er dennoch präsent – in den Lehrplänen der Schulen und Universitäten etwa, vor allem aber in unseren Köpfen. </p>
<p>Jeder x-beliebige Zeitgenosse wird auf die Frage, was denn seiner Ansicht nach kanonische Werke der deutschen Literatur seien, im Brustton der Überzeugung eine Antwort geben können, in der mit mindestens 90%iger Wahrscheinlichkeit die Worte »Goethe« und »Schiller« vorkommen dürften. Ebenso sicher aber wird dieser Jedermann keine schlüssigen Kriterien für seine Entscheidung benennen können, sondern sich bestenfalls auf die Fakten schaffende Kraft eben des Schulunterrichts (»Das ham wir doch damals so gelernt«) und der Medien (»Davon reden doch alle«) berufen, so dass das weite Feld jenseits von Goethe und Schiller eher diffus erscheinen wird, insbesondere je näher man der Gegenwart kommt. Ein Dilemma übrigens, das auch und gerade Literaturhistorikern vertraut ist: Nicht »wer bestimmt, was wir lesen« (so der Titel einer bemerkenswerten Ausgabe der Zeitschrift <em><a href="http://www.literaturen.de">Literaturen</a></em> aus dem Jahr 2002), sondern wonach bemisst sich, was als »wichtig« und »von bleibendem Wert« gelten kann? Und was ist überhaupt dieser »Wert«, nach dem sich die Kanonisierung bestimmter Autoren und Werke angeblich richtet?</p>
<p>Darüber hat die Literaturwissenschaft seit ihren Anfängen immer wieder ausführlich und kontrovers diskutiert. Längst verworfen wurde die Vorstellung von dem <em>einen</em>, sich selbst regulierenden Kanon der Welt- oder auch nur der deutschen Literatur als Abbild »zeitloser Qualität«; an ihre Stelle getreten ist das vor allem von der noch recht jungen Disziplin der Literatursoziologie initiierte Modell einer flexiblen Kanonbildung, das durch eine Vielzahl literaturinterner (z.B. ästhetische Programme, Gattungstraditionen) und -externer Kriterien (z.B. die politisch-kulturellen Bedingungen einer Gesellschaft und nicht zuletzt natürlich subjektive Wertungen der jeweiligen Editoren) bestimmt wird und in einer Kanonpluralität, einem Nebeneinander verschiedener Kanons, resultiert. Dass diese Erkenntnis mittlerweile auch in den Literatur- und Bildungsbetrieb eingesickert ist, zeigt sich übrigens auch darin, dass immer häufiger von Lektürelisten oder -empfehlungen die Rede ist, während die Bezeichnung Kanon den Beißreflex der Kritiker geradezu herausfordert – man denke nur an die Diskussionen um die offensiv als »Kanon« beworbenen <a href="http://www.derkanon.de/">Textsammlungen</a> Marcel Reich-Ranickis, den <a href="http://www.perlentaucher.de/buch/358.html">Bildungskanon</a> des seligen Dietrich Schwanitz, die <em><a href="http://www.perlentaucher.de/buch/9505.html">Kurze Geschichte der deutschen Literatur</a></em> von Heinz Schlaffer (dazu hier ein <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/hefte/industrie/geulen.pdf">K.A.-Beitrag</a> von Eva Geulen) oder den »<a href="http://www.diepresse.com/Artikel.aspx?id=509059">Austrokoffer</a>« von Günther Nenning et al., der soeben unter dem neuen, unverfänglicheren Titel <a href="http://www.landvermessung-vormals-austrokoffer.at/star.htm"><em>Landvermessung</em></a> im St. Pöltener Residenz-Verlag erschienen ist.</p>
<p><a href="http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/11/0,1872,2130667,00.html"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/unsere_besten.gif" align=right vspace=10 hspace=10 title="»Unsere besten drei«: Tolkien, Bibel, Follett" alt="»Unsere besten drei«: Tolkien, Bibel, Follett" /></a>Längst haben sich auch die Medien in die Kanondebatte eingeklinkt und versuchen, den Geschmack und das Wissen des gemeinen Lesers zu ergründen. Bestsellerlisten, mittlerweile fester Bestandteil der meisten Publikumszeitschriften, bilden die aktuellen Verkaufszahlen ab, nicht jedoch Werturteile. Hier kommen die Meinungsforscher zum Zuge – oder, weil auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen inzwischen stärker auf Sparflamme kocht, Redakteure, PR-Leute und Programmierer, die sich gemeinsam so denkwürdige Ereignisse wie z.B. die »Büchershow« <a href="http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/11/0,1872,2130667,00.html"><em>Unsere Besten – Das große Lesen</em></a> einfallen lassen. Das ZDF hatte seine Zuschauer dazu aufgerufen, bis zum 6. August 2004 aus einer (von einer »<a href="http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/17/0,1872,2142161,00.html">Kommission</a>« des Senders zusammengestellten) <a href="http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/21/0,1872,2004501,00.html">Liste</a> mit 200 Buchtiteln ihre »Lieblingsbücher« auszuwählen; die 50 meistgenannten wurden dann am 1. Oktober im Rahmen einer zweistündigen Show, moderiert von Johannes B. Kerner und kommentiert von ausgewiesenen Literaturexperten wie Ottfried Fischer, Alice Schwarzer und Reinhold Messner, abgefeiert. Überraschungen gab es erwartungsgemäß keine: 'Erster' wurde <em>Der Herr der Ringe</em>, 'Zweiter' die Bibel, Platz 15 belegte Goethe mit <em>Faust I</em> und als sageundschreibe 48. kam Günter Grass mit der <em>Blechtrommel</em> ins Ziel. Da gähnt der Fachmann und der Laie nickt. Gleichwohl wurde natürlich versucht, das Ergebnis in sensationelle Erkenntnis <a href="http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/26/0,1872,2198906,00.html">umzumünzen</a>:</p>
<ul>
<li>»Die Liebe der Deutschen zu ihren Büchern konzentriert sich [...] häufig auf bestimmte Autoren: So haben es Hermann Hesse, Joanne K. Rowling, Thomas Mann oder auch John Irving gleich mehrfach unter die ersten 50 geschafft, Heinrich Böll und viele andere große Namen der deutschen und internationalen Literatur sind dagegen in der Spitzengruppe nicht vertreten.« (Ach!)</li>
<li>»Kontrastwelten und historische Stoffe, das ist es, was die Deutschen an ihren Büchern fasziniert.« (Oho!)</li>
<li>»[...] viele Bücher zählen zwar zum Kulturgut, werden aber offensichtlich wenig geliebt, sobald sie als Schulliteratur abgehakt sind.« (Ui!)</li>
<li>»[...] andere Bücher, wie John Irvings ›Gottes Werk und Teufels Beitrag‹ oder Margaret Mitchells ›Vom Winde verweht‹ und nicht zuletzt J. R. R. Tolkiens ›Der Herr der Ringe‹ verdanken ihre Platzierung der Strahlkraft der Kinofilme. So wurde Tolkien vor allem von jüngeren Lesern besonders häufig genannt.« (Uff!)</li>
<li>»Männer und Frauen haben bei Büchern unterschiedliche Vorlieben, auch das hat die Wahl für ›Das große Lesen‹ ergeben.« (Dä!)</li>
<li>»So zu sein, wie die Romanheldin oder der Romanheld, das wünschen sich viele Leser.« (&#8230;!)</li>
</ul>
<p>Noch Fragen?</p>
<p>Einen ähnlichen »echten Erkenntnisgewinn« verspricht übrigens die August-Ausgabe des Magazins <a href="http://www.buecher-magazin.de/"><em>bücher</em></a>, die der Menge an »geschmäcklerischen und subjektiven Kanons« eine Liste der »<a href="http://www.buecher-magazin.de/index.php?id=top_50">50 wichtigsten deutschen Autoren</a>« gegenüberstellt, die stolz als »der erste echte Kanon« angepriesen wird:</p>
<blockquote><p>Woran erkennt man einen relevanten Autor? Daran, dass über ihn geredet wird. [...] Deshalb haben wir für unseren Vorschlag eines echten Kanons gut 1.000 Autorennamen (deutschsprachige Belletristik) gesammelt. Aus allen bisher erschienenen Ausgaben von <em>bücher</em>, den Spiegel-Bestsellerlisten der vergangenen fünf Jahre und einer umfangreichen Liste des Germanistischen Instituts der FU Berlin. Nach diesen Namen haben wir die Suchmaschinen Google, MSN und Yahoo im deutschsprachigen Web suchen lassen. Je mehr Treffer ein Autor bekam, desto weiter oben steht er auf unserer Liste. Man mag uns vorwerfen, dass Masse keine Qualität darstellt. Aber dies ist der erste Kanon, der nicht geschmäcklerisch ist, sondern widerspiegelt, wer die Menschen bewegt.</p></blockquote>
<p><a href="http://www.buecher-magazin.de/index.php?id=top_50"><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/signale/files/buecherbeste50.jpg" align=right vspace=10 hspace=10 title="(c) buecher-magazin.de" alt="(c) buecher-magazin.de" /></a>Allzu ernst können die Autoren Konrad Lischka und Christian Blohm ihr Vorhaben eines empirischen Kanons wohl kaum gemeint haben – dafür sind die Schwachstellen ihrer Methode und die Provokation, die ihr Versuch beabsichtigt, allzu offensichtlich. Angefangen mit der Datengrundlage, deren Zustandekommen und Details in keiner Weise erläutert werden (Warum ausgerechnet die <em>Spiegel</em>-Bestsellerlisten und nicht z.B. die <a href="http://www.boersenblatt.net/sixcms/detail.php?template=b2_tpl_service">Verkaufscharts</a> des Börsenvereins des deutschen Buchhandels? Warum nur die der letzten fünf Jahre? Und wie wurden die Daten ausgewertet? Kamen alle Autoren auf die Suchliste oder nur solche, die mehr als einmal/zweimal/x-mal genannt wurden bzw. die sich mindestens x Wochen in den Top 20 halten konnten?), über die Wahl des Untersuchungsfeldes (nicht nur die Zahl der bei den Suchmaschinen erfassten Websites, sondern oft auch deren Inhalte sind bekanntlich einem permanenten Wandel unterworfen, so dass das Ergebnis zwangsläufig den Charakter einer Momentaufnahme trägt) bis hin zur Präsentation des Ergebnisses (by the way: Was soll denn eigentlich unter einem »echten« Kanon zu verstehen sein?), von dem zu allem Überfluss auch noch behauptet wird, es bilde die »Relevanz« der jeweiligen Autoren ab, als ob sich diese an der Quantität der bloßen Namensnennung ablesen ließe.</p>
<p>Achja, das <a href="http://www.buecher-magazin.de/index.php?id=top_50">Ergebnis</a>&#8230; Hier die ersten zehn Plätze:</p>
<ol>
<li>Heinrich Heine<br />
<em>Deutschland. Ein Wintermärchen</em></li>
<li>Friedrich Schiller<br />
<em>Die Räuber</em></li>
<li>Karl May<br />
<em>Winnetou I–III</em></li>
<li>Thomas Mann<br />
<em>Buddenbrooks</em></li>
<li>Franz Kafka<br />
<em>Der Prozess</em></li>
<li>Wilhelm Busch<br />
<em>Max und Moritz</em></li>
<li>Hermann Hesse<br />
<em>Der Steppenwolf</em></li>
<li>Johann Wolfgang von Goethe<br />
<em>Faust. Der Tragödie erster Teil</em></li>
<li>Bertolt Brecht<br />
<em>Die Dreigroschenoper</em></li>
<li>Erich Kästner<br />
<em>Das fliegende Klassenzimmer</em></li>
</ol>
<p>Wir erfahren nicht, welche Ergebnisse die Suchmaschinen en detail erbracht haben, und ebensowenig, wonach eigentlich genau gesucht wurde – was man durch entsprechende Nachprüfungen allerdings schnell herausfinden kann. Gesucht wurde offenbar ausschließlich die Kombination »Vorname Nachname«; abweichende Schreibweisen, z.B. mit Abkürzung des Vornamens (»J. W. Goethe« statt »Johann Wolfgang von Goethe«) oder verschiedenen Kasusendungen (»Heinrich Heines«), wurden hingegen nicht berücksichtigt. Das kann man so machen – schon allein, um durch Mehrfachnennungen der selben Quellen, die ohnehin nicht zu vermeiden sind, das Ergebnis nicht noch weiter zu verwässern –, sollte es dann aber auch fairerweise erwähnen. Gibt man den Namen des Erstplatzierten, »Heinrich Heine«, bei Google ein, erhält man ca. 2.070.000 Treffer (plus weitere 72.300 für »H. Heine«); »Johann Wolfgang von Goethe« bringt es demgegenüber zwar nur auf 2.040.000, rechnet man jedoch die Varianten »Johann Wolfgang Goethe« (1.580.000), »J. W. Goethe« (520.000) und »J. W. von Goethe« (90.900) hinzu, ergibt sich gleich ein ganz anderes Bild. Ähnlich beim angeblich relevantesten noch lebenden deutschen Schriftsteller, dem auf Rang 15 platzierten Günter Grass (1.080.000), dessen Vorname selbst von Literaturwissenschaftlern und -kritikern gerne falsch, nämlich »Günther«, geschrieben wird (68.100). Die Prüfung der anderen Ergebnisse und Suchmaschinen erübrigt sich damit schon fast.</p>
<p>Völlig im Unklaren lassen uns die Autoren dieses »echten Kanons« übrigens darüber, nach welchen Kriterien sie die oben aufgeführten Texte der einzelnen Autoren (denn nur diese wurden ja angeblich »empirisch« erforscht)  ausgewählt haben. Sollte es sich am Ende gar um eine willkürliche, vulgo »geschmäcklerische« Zuordnung handeln?<br />
(Aber nein, ich versteh schon: Bestimmt wurden nur die »bekanntesten« Werke aufgezählt! Hm, wie sie die wohl herausgefunden haben? Empirie, Empirie&#8230;)</p>
<p>Wie schon gesagt: Den einen, »echten« Kanon kann und wird es nie geben. Ebenso gewiss dürfte jedoch sein, dass die Versuche, ihn zu konstruieren, genauso wenig abreißen werden wie die Debatte darüber in den Feuilletons, an den Universitäten und an den Schulen, gerade in unserer von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/PISA">PISA</a> gezeichneten Bildungslandschaft. Gut so, denn ohne Diskussion keine Kultur. Aber vergesst vor allem eines nicht, liebe Lesende: Lest! <img src='http://www.kritische-ausgabe.de/wp-includes/images/smilies/icon_wink.gif' alt=';)' class='wp-smiley' /> </p>
<p><em>(Mit Dank an <a href="http://sammler.blogg.de/eintrag.php?id=875">litartworld</a> für die Inspiration!)</em></p>
<p><strong>addendum:</strong> Übrigens hat auch die <a href="http://www.uni-bonn.de/~ufge00">Fachschaft Germanistik</a> an der Uni Bonn, langjährige Heimstatt der <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/"><em>Kritischen Ausgabe</em></a>, vor einigen Jahren einmal den Versuch unternommen, einen empirischen Studienkanon aufzustellen. Dafür wurden an die Studierenden in allen Hauptseminaren und an alle DozentInnen Fragebögen verteilt mit der Bitte, pro Epoche bzw. Jahrhundert bis zu zehn Werke zu nennen, die ihrer Ansicht nach von Bedeutung und von studienbezogener Relevanz seien. Das Ergebnis war ernüchternd, um nicht zu sagen ein Desaster: Von 700 Fragebögen kamen weniger als 80 (teilweise nur sehr spärlich) ausgefüllt zurück. Das Projekt, ursprünglich ins Leben gerufen, um besonders Studienanfängern die Orientierung ein wenig zu erleichtern, war damit am Desinteresse und womöglich auch am Unwissen der lieben KommilitonInnen gescheitert. Wer mag, kann sich den Fragebogen übrigens <a href="http://www.uni-bonn.de/~ufge00/pdf/kanon-umfrage_stud_2002.pdf">hier als PDF-Dokument</a> herunterladen und natürlich gerne auch in den Kommentaren darüber diskutieren.</p>
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