<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Kritische Ausgabe &#187; Rezensionen</title>
	<atom:link href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/ressort/rezensionen/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.kritische-ausgabe.de</link>
	<description>Zeitschrift für Germanistik &#38; Literatur</description>
	<lastBuildDate>Tue, 27 Jul 2010 06:55:51 +0000</lastBuildDate>
	<generator>http://wordpress.org/?v=2.8.4</generator>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
			<item>
		<title>Die Fliegerin und der Tod – Wenn Engel abstürzen</title>
		<link>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/3146/</link>
		<comments>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/3146/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 27 Jul 2010 06:00:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N. N.</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kritische-ausgabe.de/?p=3146</guid>
		<description><![CDATA[Was bringt eine 25-jährige, unabhängige Frau dazu, sich in einem Flugbunker in Syrien zwei Kugeln in den Kopf zu schießen? Wie kann ein Mann, der Tausende auf dem Gewissen hat, so schön Violine spielen, dass es zu Tränen rührt? Diese Fragen stellt <em>Halbschatten</em>, der neue Roman von Uwe Timm. Er ist zugleich der dritte Band von Timms Berlin-Trilogie, die angefangen mit <em>Johannisnacht</em> und <em>Rot</em> nun ihren Abschluss findet. 
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was bringt eine 25-jährige, unabhängige Frau dazu, sich in einem Flugbunker in Syrien zwei Kugeln in den Kopf zu schießen? Wie kann ein Mann, der Tausende auf dem Gewissen hat, so schön Violine spielen, dass es zu Tränen rührt? Diese Fragen stellt <em>Halbschatten</em>, der neue Roman von Uwe Timm. Er ist zugleich der dritte Band von Timms Berlin-Trilogie, die angefangen mit <em>Johannisnacht</em> und <em>Rot</em> nun ihren Abschluss findet. </p>
<p>Ein namenloser Autor wird von einem Mann, den er »den Grauen« nennt, über den Berliner Invalidenfriedhof geführt. Die Toten beginnen zu sprechen. Zum Teil sind es Figuren, die tatsächlich gelebt haben, wie der Chef des Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich. Zum Teil fügt Timm fiktive Gräber hinzu, wie das des Zauberers und Komikers Miller, der durch seine Späße die Soldaten an der Front erfreuen soll, verdeckt jedoch immer wieder das Naziregime und »den Führer« verspottet. Der Graue führt den Autor, und mit ihm den Leser, über diesen trostlosen Ort, ergänzt, wo die Toten schweigen oder wo Personen genannt werden, die nicht auf dem Friedhof liegen. </p>
<blockquote><p>An diesem Ort […] liegt die deutsche, liegt die preußische Geschichte begraben, jedenfalls die militärische. Scharnhorst liegt hier und andere Generäle, Admiräle, Obristen, Majore.</p></blockquote>
<p>Sie alle sind Teil eines Stimmengewirrs, das beim ersten Lesen ein wenig irritiert. Tote aus unterschiedlichen Jahrhunderten reden durcheinander. Um Krieg, Gewalt und Folter geht es in <em>Halbschatten</em> scheinbar nur nebensächlich. Vordergründig handelt der Roman vom Fliegen. Von besonderem Interesse ist die Stimme einer Frau, die man deutlich zwischen den vielen Männern auf dem Friedhof heraushört. Sie liegt unter einem Granitbrocken begraben. »Der Flug ist das Leben wert« ist darauf eingraviert. Es handelt sich um Marga von Etzdorf, eine junge Fliegerin, die sich im Mai 1933 in Aleppo, Syrien, nach einer Bruchlandung erschossen hat. Auch sie gehört zu den Figuren, die tatsächlich gelebt haben und tatsächlich auf dem In-validenfriedhof in Berlin begraben liegt. Der Roman erzählt eine Geschichte über sie, über ihre Liebe zum Fliegen und ihre Liebe zu dem jungen Diplomaten Christian von Dahlem. Marga ist vom Unglück verfolgt. Sie prägt sich als »Bruchmarie« in das Gedächtnis der Menschen ein, denn auf zwei Langstreckenflügen stürzt sie zweimal ab. Keiner will ihr mehr ein Flugzeug geben, keiner sie unterstützen. Sie verliert ihre Reputation als Fliegerin und sieht sich in ihrer Not am Ende gezwungen, sich auf ein Waffen- und Spionagegeschäft mit den Nazis einzulassen. Auf diesem letzten Flug stürzt sie erneut ab. Dann nimmt sie sich das Leben. </p>
<p>Die trostlose Friedhofidylle, in der auch Marga ihre letzte Ruhe fand, ist trügerisch. Geschrei, Pferdewiehern, Marschgeräusche. Die deutsche Geschichte von den Napoleonischen Befreiungskriegen bis hin zum zweiten Weltkrieg wird aus den Gräbern gespuckt. Eine Art Thriller-Szenerie á la Michael Jackson eröffnet sich dem ahnungslosen Leser. Schockierend und einzigartig: Die Toten scheinen fast lebendig, indem sie ihre Geschichten erzählen, oder der Graue das Stöhnen oder Röcheln aus einem der Gräber erklärt. Als Dante sich auf seine Reise in die Hölle begab, tat er dies freiwillig. Hier werden Leser und Erzähler förmlich hinab gezogen. Sie haben gar keine Chance, den Geräuschen aus den Gräbern zu entgehen. Ob Täter oder Opfer – im Chor der Toten ist eine klare Unterscheidung kaum noch möglich. </p>
<p>Timms Tote polarisieren, so wie im Krieg polarisiert wird. Und leider findet sich auch in der Literatur über den Krieg und Nationalsozialismus ein rigoroser Trend zur Schwarz-Weiß-Malerei. <em>Halbschatten</em> ist ein Buch, welches erfrischend anders mit diesem dunkelsten aller Kapitel unserer Geschichte umgeht. Interessant ist es, einmal nicht nur über moralisierende Kategorisierungen von Richtig und Falsch zu lesen, sondern über die feine Ebene, die dazwischen liegt. Eine Ebene, mit der wir täglich, jeder von uns, konfrontiert werden. Timm schafft keine weiteren Differenzen, er differenziert. Selbst Figuren, die eigentlich »zur guten Seite« gehören, wie Marga, können durch ihr Abkommen mit den Nazis schuldig werden. Der »Todesengel« Heydrich ist, wenn er Violine spielt, nicht mehr nur ein Monster, er kann mit seiner Musik Menschen zu Tränen rühren. Das ist grotesk. Das ist die Perversion der Realität. Timm hat sie erkannt und es ist eine Art Befreiung von altbekannten Klischees, die dieses Buch so hervorstechen lassen und das, obwohl Timm hier ein Thema gewählt hat, das fast schon selbst zum Klischee geworden ist. </p>
<p>Auf eine besondere Art ironisch ist, dass Timm den durch die Trennung Deutschlands schwer beschädigten Invalidenfriedhof als Schauplatz für seinen mehr differenzierenden als separierenden Roman gewählt hat. Denn durch den Invalidenfriedhof verlief die Berliner Mauer, durch die zahlreiche Gräber zerstört wurden. Schon der Titel <em>Halbschatten</em> birgt den Hauptaspekt des Romans in sich, es geht um die Mitte zwischen zwei Extremen. Ob nun die Mitte von Gut und Böse, Himmel und Erde, die Mitte zwischen Schwarz und Weiß oder eben zwischen Licht und Schatten. Die Dialektik zeigt sich nicht zuletzt in den Hauptfiguren selbst, die teil-weise als Mittlerfiguren fungieren. So ist der Graue Mittler zwischen den Toten und den Lebenden. Grau, das ist die Mitte zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Hell und Dunkel. In der Stilisierung Margas zu einem Engel, die in <em>Halbschatten</em> des Öfteren vorgenommen wird, zeigt sich, dass auch sie eine dieser Mittlerfiguren ist. Denn Engel sind die Boten des Wort Gottes und die Vermittler zwischen Himmel und Erde. Und auch Marga selbst ist eine Mittlerin zwischen Oben und Unten, eine Himmelsbotin, die mit ihrem Flugzeug Geschichten durch die Welt fliegen und erzählen kann. »Sie kam wie ein lärmender Engel vom Himmel. Von ihr ging eine erstaunliche Anziehung aus und gleichermaßen etwas unbeschwertes, Leichtes.« </p>
<p>Was sich zuerst wie ein leicht zusammenhangloser Episodenroman liest, der durch die vielen unterschiedlichen Stimmen etwas auseinandergesprengt scheint, stellt sich im Verlauf der Lektüre als Buch heraus, dessen Dichte und Komplexität zwar zuerst leicht überfordert, dann jedoch anregen und zuletzt überzeugen kann. Es gibt keinen durchgängigen Tonfall, der das Buch bestimmt. Tatsächlich hat man das Gefühl eine Variante von Jacksons »Thriller« zu erleben, in der Zombies real werden und anfangen zu singen. Zwar wird hier nicht gesungen, trotzdem bildet sich eine Klangvielfalt, indem die Toten jeder Szene ihren eigenen Tonfall beifügen. Heraus kommt ein Sprechorchester, dirigiert von dem Grauen und von einem beeindruckten Leser vernommen. Oft sprechen die Toten durcheinander, oft brechen sie mitten im Satz ab. So wie der namenlose Autor ist auch der Leser selbst auf das Hinweisen und Deuten des Grauen angewiesen. Obwohl dieses Durcheinander an manchen Stellen verwirrt, wirkt es doch authentisch, denn Tote richten sich nicht nach den Lebenden. Sie reden, wie sie es wollen und müssen sich längst nicht mehr um das kümmern, was über ihren Gräbern vor sich geht. Die Toten in <em>Halbschatten</em> müssen erzählen und ihre eigene Geschichte ständig wiederholen. So sind sie dazu verdammt, wie Sisyphos immer das Gleiche zu tun, weil man Geschichte nicht korrigieren kann. Eine Hölle, aus der die Toten nicht entkommen können. Das ist letztlich nichts Neues und doch stellt Timm es in einen so neuen Kontext, dass es wieder überrascht. <em>Halbschatten</em> ist ein Obduktionsbericht über den Krieg. Mit einer sachlichen Abgeklärtheit schlitzt Timm den Bauch Deutschlands auf und lässt seine Stimmen herausquellen. Schonungslos. Rabiat. Treffsicher. Das wird noch durch zahlreiche Originaldokumente verstärkt, die Timm beispielsweise über den Tod Margas einfügt. </p>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/timm_halbschatten.jpg" alt="Uwe Timm: »Halbschatten« (Cover)" title="Uwe Timm: »Halbschatten« (Cover)" width="150" height="245" class=right />Was also bringt die 25-jährige, unabhängige Frau dazu, sich in einem Flugbunker in Syrien zwei Kugeln in den Kopf zu schießen? Wie kann der Mann, der Tausende auf dem Gewissen hat, so schön Violine spielen, dass es zu Tränen rührt? <em>Halbschatten</em> wirft diese Fragen zwar auf, die Antworten werden jedoch dem Leser überlassen. Unbeantwortet bleibt, ob sich Marga nun aus Scham umbrachte, wohl wissend, dass sie auf ewig »die Bruchmarie« bleiben würde, oder aus Schuldgefühlen über das Spionagegeschäft, aus Liebeskummer oder Existenzangst. Auch was den Todesengel und seine Violine angeht, ahnt der Leser, dass es nicht wichtig ist, die Antwort zu finden. Es geht schließlich um eben die Momente und Eigenschaften, die uns menschlich machen, die einen Engel auf den Boden zurück und ein Monster in den Geigenhimmel bringen. Und so ist der Leser selbst abwechselnd in der Hölle und im Himmel. Eine dantische Reise im neuen Format. </p>
<p><em><strong>Uwe Timm: <a href="http://www.kiwi-verlag.de/36-0-buch.htm?isbn=9783462040432">Halbschatten. Roman</a>.</strong> Kiepenheuer &#038; Witsch: Köln, 2008. 272 Seiten. 18,95 Euro. ISBN 978-3-462-04043-2</em></p>
<p><font size="-1">Diese Rezension entstand im Wintersemester 2009/2010 am <a href="http://www.germanistik.uni-bonn.de/content/home">Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft</a> der Universität Bonn im Rahmen der Übung »Kritik und kritische Öffentlichkeit. Am Beispiel der Literaturkritik«. </font></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/3146/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Zeitlos in der Fusch</title>
		<link>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/3102/</link>
		<comments>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/3102/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 20 Jul 2010 11:45:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N. N.</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kritische-ausgabe.de/?p=3102</guid>
		<description><![CDATA[<div align=center><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/bad-fusch_panorama.jpg" alt="Historisches Panorama des Kurorts Bad Fusch" title="Historisches Panorama des Kurorts Bad Fusch (um 1900)" width="418" height="150" class="frei" /><br />&#160;</div>Im Sommer 1924 reist Hugo von Hofmannsthal in den Österreicher Kurort Bad Fusch, wo er in Kinder- und Jugendtagen viele Sommer mit den Eltern verbrachte. Anders als die übrigen Kurgäste, die in der Fusch Erholung suchen, sucht Hofmannsthal einen Weg aus seiner Schreibkrise. Desorientiert und nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie all seiner Utopien beraubt, taumelt der reife Schriftsteller auf endlosen Spazierwegen von Erinnerung zu Erinnerung und vermag doch nicht jene »traumwandlerische Sicherheit der frühen Jahre« zu entdecken, »als fast alles gelang …«]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Sommer 1924 reist Hugo von Hofmannsthal in den Österreicher Kurort Bad Fusch, wo er in Kinder- und Jugendtagen viele Sommer mit den Eltern verbrachte. Anders als die übrigen Kurgäste, die in der Fusch Erholung suchen, sucht Hofmannsthal einen Weg aus seiner Schreibkrise. Desorientiert und nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie all seiner Utopien beraubt, taumelt der reife Schriftsteller auf endlosen Spazierwegen von Erinnerung zu Erinnerung und vermag doch nicht jene »traumwandlerische Sicherheit der frühen Jahre« zu entdecken, »als fast alles gelang …«. Wie seine Karriere ist auch das frühere »Grandhotel« nicht mehr auf der Höhe der Zeit: An Stelle anregender Gäste wohnen nun zahlreiche Fliegen Hofmannsthals morgendlichem Kaffee bei.  </p>
<p>Von allen Freunden verlassen, sieht der alternde Schriftsteller in dem jungen Arzt Krakauer einen möglichen Vertrauten, doch ihr Beziehung ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt: Hofmannsthal scheut sich, den Bekannten direkt um seine Freundschaft zu bitten; und das stumme Flehen um Beachtung kann Krakauer nicht erhören, da er sich um seine besitzergreifende Gönnerin, die Baronin von Trattnig, zu kümmern hat.</p>
<div align=center>&nbsp;<br /><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/bad-fusch_panorama.jpg" alt="Historisches Panorama des Kurorts Bad Fusch" title="Historisches Panorama des Kurorts Bad Fusch (um 1900)" width="460" height="165" class="frei" /><br />
<font size="-1">Historisches Panorama des Kurorts Bad Fusch</font><br />&nbsp;</div>
<p>»An einem der ersten Tage hatte er überlegt, ob er womöglich zu alt geworden war, für diesen Ort, mit dem ihn seit Kindertagen zwiespältige Gefühle verbanden.« Mit diesem ersten Satz entführt Kappacher seinen Leser mitten in  die Gedankenwelt Hofmannsthals, ohne diesem jedoch zu nahe zu treten. Durch Kappachers sprachliches Können tritt die Krise des Schriftstellers dem Leser deutlich vor Augen: Die Figur, die dem Leser hier begegnet, ist nicht Hofmannsthal, es ist H. Während der Literat Hofmannsthal allein in den Gedanken und Erinnerungen Anderer existiert, lässt Kappacher den Menschen H. sprechen. Als zu dessen 50. Geburtstag lediglich sein Jugendwerk geehrt wird, fragt er gekränkt: »Ist das, was ich seither gemacht habe, also ein Nichts?« Wunderschön und tieftraurig ist die sprachliche Welt, die in diesem Text entsteht: Was wir lesen, was wir regelrecht vor uns sehen, sind die Worte, Gedanken und Erinnerungen eines Künstlers, der bereits mit 18 Jahren alles erreicht hatte, was er sich je hat vorstellen können. Im Alter bleibt ihm nur die Gewissheit, ein »in seiner zweiten Lebenshälfte Gescheiterte[r]« zu sein. </p>
<p>Seine Tage in Bad Fusch sind geprägt von langen Spaziergängen in der Gegend, die ihm einst so vertraut war, in der ihm nun aber vieles fremd erscheint. Fast täglich begegnet er jungen Männern, die ihn an sein früheres Selbst erinnern und die Landschaft für ihn zu einem »geisterhaften Ort« werden lassen. Beinahe zwanghaft sucht er seine alten Lieblingsbänke und mit ihnen die Erinnerung an die genialen Schaffensphasen während seiner Jugendjahre in Bad Fusch. Geblieben ist tatsächlich nur die Erinnerung, denn auf Phasen des Denkens und Reflektierens folgt das Ringen um den richtigen Ton, der Kampf um jede Zeile in den Dramen Turm und Timon. Dass ihm die genialen Einfälle weiterhin verwehrt bleiben, schreibt H. den Veränderungen zu, die »der unselige Krieg« über den Kurort – und über ihn selbst – gebracht hat: »Auf irgendeine Weise bin auch ich verschüttet worden, in den letzten Kriegsjahren. Innerlich … sind Dinge in mir verschüttet, und ich finde keinen Zugang mehr … « </p>
<dl style="width:179px; float:left; padding:2px 6px 6px 6px; margin:2px 6px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/hofmannsthal_1910.jpg" alt="Hugo von Hofmannsthal (Foto: Nicola Perscheid, um 1910)" title="Hugo von Hofmannsthal (Foto: Nicola Perscheid, um 1910)" width="179" height="300" /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Portraitfotografie Hugo von Hofmannsthals um 1910<br />
(Foto: Nicola Perscheid)</dd>
</dl>
<p>Durch geschickte Szenenführung fördert Kappacher jedoch den wahren Grund für die Krise des Schriftstellers zu Tage: H. ist nicht mehr das  »Genie Hofmannsthal«,  sondern ein Mann, der mit seiner Kunst eines Tages in der Welt bestehen musste. Zu Krakauer sagt er, plötzlich habe er eine Familie gehabt, er habe Geld verdienen müssen: »Ich bin ins Leben eingetreten […] und meine lyrische Begabung ist bei der anderen Tür hinaus.« Kapitel für Kapitel, Erinnerung für Erinnerung, legt H. sein verschüttetes Selbst frei, bis die nackte Seele des Künstlers vor uns steht und verzweifelt nach Halt sucht: »Ich bräuchte auch einen Vergil, einen, der mich führt«. Die Verunsicherung in Bezug auf sein vergangenes und vor allem das künftige Leben bricht sich letzten Endes Bahn in transzendentalpoetischen Reflektionen über das eigene Werk:</p>
<blockquote><p>Vielleicht wäre es eine Wohltat, in unheilvollen Zeiten wie diesen […] eine Zeitlang zu schweigen, so wie ich es in dem Brief des Lord Chandos darzustellen versucht habe. Aber anders als der Lord Chandos habe ich versagt, habe die Konsequenzen nicht tragen wollen, den Verzicht auf literarische Betätigung … </p></blockquote>
<p>Mit dem Verweis auf Lord Chandos glückt Kappacher der Kniff, der seinen Text über eine gewöhnliche biographische Erzählung hinaushebt und zur grundlegenden Problematik der Literatur führt: Die unbeantwortbare Frage von der Möglichkeit des Schreibens. H. schreibt in diesem Text nicht; Kappacher tut es sehr wohl. Mangelt es H. an Ideen, gibt Kappacher ihm Erinnerungen. Fehlen ihm die Worte, legt sein Schöpfer sie ihm auf die Zunge. Die fehlende Gattungszuweisung spricht für sich: Dieser Text ist die pure Lust am Schreiben – und der Autor möchte sein Können unter Beweis stellen. Er brilliert, während das Genie seiner Figur verschollen bleibt.</p>
<blockquote><p>Es ist, als trete man plötzlich über eine Schwelle in einen hoch geisterhaften Raum, und es bleibt dann nur mehr eine letzte Schwelle zu überschreiten …</p></blockquote>
<p>Kappacher klärt nicht auf. Kein allwissender Erzähler bahnt uns einen Weg durch die Wirren des schriftstellerischen Geistes. Im Gegenteil: H. hat sich in der Zeit verloren, er erscheint als Fremder im Nachkriegsgeschehen. Gleichsam als Symbol dieser neuen Welt, die keinen Platz mehr für ihn bietet, steht das Automobil.  Immer wieder muss H. dieser neuen Erfindung »Platz machen«, »ausweichen«, um andere Kurgäste nicht zu behindern. Kappacher beschreibt bildgewaltig eine schnelllebige Welt, eine sich rasend verändernde Gesellschaft – hinter der H. zurückbleibt. Ebenso verloren ist der Lesende im Werk Kappachers. Durch zeitliche Inkongruenzen in der Szenenführung und zeitenthobene Reflexionen H.s erreicht der Autor, dass wir selbst uns von der Zeit als solcher verabschieden und auf Momente der Aufklärung warten. Diese bringt nur die Freundschaft zu Doktor Krakauer. In den wenigen Gesprächen, mehr noch in imaginierten und realen Briefen an den jungen Vertrauten, kann H. seine Gedanken ordnen und Probleme benennen. Doch trotz seines starken Bedürfnisses, sich Krakauer als Person und unabhängig von seinem literarischen Schaffen anzuempfehlen, findet er keinen anderen Weg als die Literatur, um mit dem ersehnten Freund in Kontakt zu treten. So überlässt er dem jungen Arzt, der erst vor kurzem in das Nachkriegs-Wien zurückgekehrt ist, seine Briefe des Zurückgekehrten zur Lektüre. Als Krakauer im Anschluss darum bittet, sich mit ihm über jenes Werk unterhalten zu dürfen, weil es »ihn tief bewegt habe«, lehnt H. dies jedoch ab. In einem Brief formuliert er anschließend die Befürchtung, Krakauer habe bereits zu viel Zeit mit Lesen verbracht. Die Distanzierung H.s von seinem eigenen Werk bleibt ohne Erfolg, denn mit fortschreitender Lektüre Krakauers wächst die Distanz zwischen Verehrtem und Bewunderer: »Nachdem ich den ersten der Briefe gelesen hatte, fürchtete ich mich beinah, Ihnen noch einmal zu begegnen.« H. bleibt demnach stumm. Seine einzige Beziehung zu der Welt um die Fusch herum, ist seine Briefkorrespondenz mit Kollegen und ehemaligen Freunden, doch Kappacher lässt offen, ob auch nur ein einziger der Briefe tatsächlich beantwortet wird. Anders verhält es sich mit dem Kontakt zu seiner Ehefrau Gerty. Während er sich scheut, als H. in Kontakt mit Kritikern und Dichterkollegen zu treten, hat er von seiner Frau keinerlei Beurteilung zu erwarten, denn als Genie Hofmannsthal hat sie ihn nie kennengelernt. Seine Briefe an sie sind nicht mehr als die eines Kurgasts oder Reiseberichterstatters; was ihn wirklich umtreibt, bleibt in seinen Gedanken.</p>
<dl style="width:186px; float:right; padding:2px 6px 6px 6px; margin:2px 6px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/kappacher_fliegenpalast.jpg" alt="Walter Kappacher: »Der Fliegenpalast« (Cover)" title="Walter Kappacher: »Der Fliegenpalast« (Cover)" width="186" height="300" /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;"></dd>
</dl>
<p>Entsprechend ereignislos bleibt es auf der Handlungsebene. Kappachers Werk ist nicht aufregend im üblichen Sinne, die Spannung entsteht vielmehr dadurch, dass er eine zweite Ebene einzieht: die Welt des Hofmannsthalschen Lebenswerkes. Dieses spricht, wenn sein Schöpfer schweigt. Das Ineinandergreifen des Textes mit dem Werk Hofmannsthals und die Art und Weise, wie Kappacher eine Art vitaler Intertextualität erschafft, wie er vorführt, wie sich im Geiste Hofmannsthals Gedanken zu Ideen und Worten formen, ist einzigartig. Der Leser kann sich des Gefühls nicht erwehren, H. selbst gleite mit jedem Kapitel mehr hinüber »in sein Schattenreich, in die Gesellschaft seiner larvenhaften Figuren, die mehr oder weniger danach drängten, Gestalt, Kontur zu gewinnen«. Interessanterweise gleitet er tatsächlich hinüber: Mit dem beobachtenden und in sich zurückgezogenen Hofmannsthal, der uns hier begegnet, hat Kappacher eine geradezu perfekte Imitation der frühen Hofmannsthalschen Figuren erschaffen. Wie der sterbende Tizian beginnt er erst jetzt das Wesen seiner früheren Werke zu begreifen; und wenn H. am letzten Tag am Fenster steht und das Treiben auf der Straße beobachtet, denken wir an Claudio, der vom Fenster seines Studierzimmers aus auf den Sonnenuntergang blickt. Dass Kappacher Hugo von Hofmannsthal in eine seiner Figuren verwandelt, ist nicht nur Verehrung der Vorlage, sondern ebenso der Wettstreit mit dem großen Literaten: H.s lyrische Begabung »ist bei der anderen Tür hinaus«, Kappachers jedoch ist eben eingetreten. Am Ende ist nicht klar, ob H. die Fusch, diesen »magischen Ort« der Erinnerung wieder verlassen wird. Denn, wie er selbst sagt: »Die Wirklichkeit macht unserer Phantasie unentwegt einen Strich durch die Rechnung, nicht?«</p>
<p><em><strong>Walter Kappacher: <a href="http://www.residenzverlag.at/?m=30&#038;o=2&#038;id_program=28&#038;id_title=1190">Der Fliegenpalast</a>.</strong> 11. Auflage. St. Pölten/Salzburg: Residenz Verlag, 2009. 172 Seiten, 17,90 Euro. ISBN 978-3-7017-1510-7 <a href="javascript:Pick it!ISBN: 978-3-7017-1510-7"><img style="border: 0px none ;" src="http://www.citavi.com/softlink?linkid=FindIt" alt="Pick It!" title='Titel anhand dieser ISBN in Citavi-Projekt übernehmen'/></a> </em></p>
<p><font size="-1">Diese Rezension entstand im Wintersemester 2009/2010 am <a href="http://www.germanistik.uni-bonn.de/content/home">Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft</a> der Universität Bonn im Rahmen der Übung »Kritik und kritische Öffentlichkeit. Am Beispiel der Literaturkritik«. </font></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/3102/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Tagträume von Vorortgestrandeten</title>
		<link>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2996/</link>
		<comments>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2996/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 14 Jul 2010 06:00:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N. N.</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kritische-ausgabe.de/?p=2996</guid>
		<description><![CDATA[Ohne Frage gehören Dorffeste, Kirmessen und Kleinstadttrinkgelage zur deutschen Kultur dazu. Auch im hessischen Bergenstadt wird solch ein Ausnahmespektakel gefeiert: Grenzgang. Alle sieben Jahre freuen sich die Einwohner auf dieses kurze, aber gewaltige Ausbrechen aus der Kleinstadtmonotonie. Ein zu Tage treten all der sublimierten Leidenschaften, die unter den gepflegten Vorgartenbeeten brodeln. Dabei wird bis zum Umfallen gefeiert, Seitensprünge werden zum Kollektivvergnügen. Von zwei Menschen, die in diesen Hexenkessel geraten sind, wird in dem Roman <em>Grenzgang</em> des 1972 geborenen Autors Stephan Thome erzählt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ohne Frage gehören Dorffeste, Kirmessen und Kleinstadttrinkgelage zur deutschen Kultur dazu. Auch im hessischen Bergenstadt wird solch ein Ausnahmespektakel gefeiert: Grenzgang. Alle sieben Jahre freuen sich die Einwohner auf dieses kurze, aber gewaltige Ausbrechen aus der Kleinstadtmonotonie. Ein zu Tage treten all der sublimierten Leidenschaften, die unter den gepflegten Vorgartenbeeten brodeln. Dabei wird bis zum Umfallen gefeiert, Seitensprünge werden zum Kollektivvergnügen. Von zwei Menschen, die in diesen Hexenkessel geraten sind, wird in dem Roman <em>Grenzgang</em> des 1972 geborenen Autors Stephan Thome erzählt. Jene Zwei sind selbst Kinder der Provinz, doch mit dem Herzen weit in der Ferne. Nun sind sie dort gelandet, wo sie niemals wieder hin wollten. Der Roman erzählt von misslungenen Lebensplänen und dem zarten Willen, dieser Niederlage Stand zu halten. </p>
<p>Thomas Weidmann ist ein weltmännischer Intellektueller, dessen Uni-Karriere scheiterte, bevor sie richtig begann. Gezwungenermaßen nimmt er eine Lehrstelle am Gymnasium an, wo er sich tagtäglich mit einem großkotzigen Schulleiter herumplagen muss. Und das ausgerechnet noch in Bergenstadt, der Kleinstadt, in der er aufgewachsen ist. Meistens gewinnt derjenige, der sich am rücksichtslosesten durchsetzt, hat Weidmann lernen müssen. Diese bittere Niederlage lässt den jungen Mann an seinem Selbstverständnis als Wissenschaftler zweifeln. Gleichzeitig schmerzt ihn die Sehnsucht nach dem pulsierenden Leben in der Großstadt. </p>
<blockquote><p>Irgendwo dort könnte er sitzen in einer geschmackvoll eingerichteten Altbauwohnung, bei geöffneter Balkontür, durch die Verkehr und die Abendluft hereinwehen und ihm das Gefühl geben, mit etwas verbunden zu sein, worum er sich nicht kümmern muss.
</p></blockquote>
<p>Am anderen Ende von Bergenstadt wohnt Kerstin. Die studierte Tanzpädagogin lebt auf den Trümmern eines zerstörten Familienlebens, kämpft einerseits mit der Beziehungsmüdigkeit ihres pubertierenden Sohnes, andererseits mit der unerträglichen Langsamkeit ihrer demenzkranken Mutter. Kerstin selbst ist »verwirrt, geschockt, nicht ganz bei Sinnen und außerdem vierundvierzig.« Was beschreibt Thome für ein Leben? Eine Erstarrung und Routine, die eine geschiedene Frau mittleren Alters nicht mehr so leicht durchbrechen kann, wo doch so viel Verantwortung auf ihren Schultern lastet. Da steht sie nun, in einer bittersüßen Hoffnungslosigkeit im sommerlich blühenden Garten, den sie so ordentlich pflegt und herrichtet. Mit detaillierten Naturbeschreibungen erschafft Thome eine friedliche Harmonie innerhalb des Stadtalltags, ein  Kontrast zu dem aufkeimenden Missmut der Protagonisten. »Eine Stille aus Vogelgezwitscher und Insektengesumm füllt die schattenkühle Luft des beginnenden Tages und lässt alle anderen Geräusche verblassen.«</p>
<p>Die Ereignisse sind achronologisch verschachtelt – Thome wechselt so plötzlich und unvermutet zwischen den Jahren, dass man so manches Mal ins Straucheln gerät. Aber die Zeitsprünge überzeugen: Stellen sie doch Ursachen und Folgen wichtiger Entscheidungen in den Lebensentwürfen dar. Vier Zeitebenen der Geschichte wechseln sich ab: Von dem Fest 1985 bis zum Grenzgang 2013 wird erzählt, immer in Siebenjahressprüngen, immer werden nur die drei Tage des Festtagsgeschehen in den Blick genommen. Dabei werden Ereignisse zum Teil wiederholt aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Beim ersten Grenzgang hat Kerstin ihren Mann kennengelernt und von diesem Moment an ihr Schicksal an den Ort gefesselt. So scheint ihr das alle Jahre wiederkehrende Saufgelage fast wie bitterer Hohn. Und doch bringt sie das Fest auch wieder zurück an den Ursprung des Festes, die Möglichkeit, das Alltagsgeschäft für drei Tage zu verlassen und gegen den Rausch der Freiheit einzutauschen. Eine Freiheit, in der man den Außenblick gewinnt über das tagtägliche Leben in der Routine. Stellvertretend dafür findet das traditionelle Wandern auf den Bergipfel statt, von dem aus man ganz Bergenstadt überblickt. In dieser Höhe treffen sich Thomas und Kerstin. Zwei Menschen, die vom Weg abgetrieben sind und sich plötzlich in der Verirrung begegnen.</p>
<p>Stephan Thome ist selbst in einer Kleinstadt aufgewachsen. Er kennt das unverwechselbare Verhältnis zwischen Intimität und Oberfläche in den Supermärkten, auf den Parkplätzen, an den Gartenzäunen. In seinem Heimatort Biedenkopf wird tatsächlich immer noch Grenzgang gefeiert. Heute lebt Thome als Unidozent und Wissenschaftler in Taipeh. Damit hat er den Absprung geschafft, den sein Protagonist sich so sehnlich wünschte. In seinem Debüt beweist der Autor ein feines Gespür für unausgesprochene Konflikte und den Kampf gegen die Resignation in Lebenskrisen. Zum Beispiel in den so authentisch misslingenden Gesprächen zwischen Kerstin und ihrer kranken Mutter, oder bei den Schweige-Wettkämpfen mit dem sechzehnjährigen Sohn, der mit der Scheidung der Eltern nicht zurecht kommt. Daniel nämlich wehrt sich strikt dagegen, sein Heim noch als Zuhause zu betrachten. </p>
<blockquote><p>Er hat sich nie eingerichtet in diesem Zimmer, indem er mit ausgestreckten Armen beinahe die Seitenwände berühren kann, hat keine Poster aufgehängt und die Bücher nicht aus den Kisten geräumt, nur sein Teleskop steht unter dem Fenster und setzt Staub an.
</p></blockquote>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/thome_grenzgang-180x300.jpg" alt="Stephan Thome: »Grenzgang« (Cover)" title="Stephan Thome: »Grenzgang« (Cover)" width="180" height="300" class="right" />Man staunt über Thomes scharfen Blick für das typisch Deutsche, das Dorfgeplänkel, das Hessische. Darüber legt sich eine feine Tonspur leiser Resignation, gemischt mit dem Echo der Tagträume der Protagonisten. »Keine Wolke am Himmel, und trotzdem scheint die Sonne nicht. Nur klebriger Dunst füllt die Luft, legt sich auf die Poren der Haut und hüllt die Welt in Zwielicht.« Angedeutete Ausbruchversuche bringen Spannung in das Alltagsgeschehen von Bergenstadt. Denn schließlich ist da ja noch der Swingerclub außerhalb des Ortes, für Kerstin und Thomas die lockende Versuchung, einmal auszubrechen, ohne an die Folgen zu denken. Alles kann, nichts muss, heißt das Motto des Clubs. So könnte auch das Motto des Romans <em>Grenzgang</em> heißen.</p>
<p>Dass Stephan Thome Philosophie studiert hat, erahnt man beim Lesen der vielfachen Reflexionen der Protagonisten. Es ist eine Philosophie des Alltäglichen, in der sich die großen Themen des Lebens widerspiegeln: wie man sein Allernächstes einrichtet, was das Altern für Folgen hat, über die scheinbare Intimität in kleineren Gesellschaften, in der jeder jeden kennt, und wie weit die Welt einem scheint an so einem Ort. Außer es läuft die Fußball-WM im Fernsehen, da schauen alle Bergenstadtbewohner fasziniert in die Ferne. Die Angst vor Nähe und die Angewohnheit der Protagonisten, ständig über alles Gesagte zu reflektieren, jedes Wort des anderen auf die Waagschale zu legen, strapaziert die Geduld des Lesers, weil sich die Gespräche dadurch unnatürlich in die Länge ziehen. Andererseits scheint es nötig, zeigt es doch eine verbindende Gemeinsamkeit der Figuren. Sie sind sich selbst und dem Ort zugleich fremd und verbunden. Beim Grenzgangbesuch äußert sich diese ambivalente Empfindung: Auf der einen Seite Kerstins Spott über die militante Kleinbürgerlichkeit: »Wollt ihr den totalen Grenzgang?«, auf der anderen Seite die Liebe zur Volkstümlichkeit, zur Tradition und zum Festhalten an dem, was man im Leben gefunden hat. Und vielleicht ist es auch die Einsicht, dass hinter all dem ein stilles Glück versteckt ist, das man bloß annehmen muss. Die Liebesgeschichte zwischen Kerstin und Thomas ist alles andere als kitschig. Sie erzählt von zwei Fremden am rechten Ort, zur rechten Zeit, mit der Ahnung, dem anderen durch die gemeinsame Sehnsucht nach einem Neuanfang verbunden zu sein. So scheint ein kleines Licht gegen den düsteren, pessimistischen Grundton des Buches, eben eines der kleinen Wunder, die aus Gemüseeinkauf und Gartenpflege, aus Alltäglichem Poesie werden lassen.</p>
<p><em><strong>Stephan Thome: <a href="http://www.suhrkamp.de/buecher/grenzgang-stephan_thome_42116.html">Grenzgang. Roman</a>.</strong> Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2009. 454 S. 22,80 Euro. ISBN 978-3-518-42116-1.<br />
</em></p>
<p><font size="-1">Diese Rezension entstand im Wintersemester 2009/2010 am <a href="http://www.germanistik.uni-bonn.de/content/home">Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft</a> der Universität Bonn im Rahmen der Übung »Kritik und kritische Öffentlichkeit. Am Beispiel der Literaturkritik«. </font></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2996/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Ironie ist wieder in</title>
		<link>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/3079/</link>
		<comments>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/3079/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 06 Jul 2010 06:00:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N. N.</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kritische-ausgabe.de/?p=3079</guid>
		<description><![CDATA[Der Roman <em>Leuchtspielhaus</em> beginnt mit einem Zitat  von Anvar Tornheim: »In den kleinsten Städten glauben / Menschen an die größten Sommer.« Später wird man als Leser erfahren, dass jener Zitierte ein Freund des Erzählers Eric ist, und mit seinem nostalgisch-chiastischen Zitat die Stimmung, und auch die Ästhetik des Debuts von Leif Randt vorgibt.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der Roman <em>Leuchtspielhaus</em> beginnt mit einem Zitat  von Anvar Tornheim: »In den kleinsten Städten glauben / Menschen an die größten Sommer.« Später wird man als Leser erfahren, dass jener Zitierte ein Freund des Erzählers Eric ist, und mit seinem nostalgisch-chiastischen Zitat die Stimmung, und auch die Ästhetik des Debuts von Leif Randt vorgibt.</p>
<p>Eric hat Helen an seinem siebten Tag in der ganz und gar nicht kleinen Stadt London bemerkt. Ohne sich vorher gekannt zu haben, scheint es eine Verbindung zwischen den beiden zu geben. Helen versteht Eric, ohne, dass dieser etwas ausspricht, und das ist ihm wichtig. Ob es dabei eine Rolle spielt, dass sie beide deutsch sind, oder ob man sie mit der Vokabel Paar bezeichnen könnte – das lässt die Erzählung im Vagen. Sie eröffnen einen Salon, der sich vordergründig auf »Vintage-Haircuts« spezialisiert hat, aber eigentlich ein Ort des Rückzugs, der Fantasie, der Exklusivität für die beiden, aber auch für die anderen »Members«, ist. In der fiktional-elitären Parallelwelt des Salons geht es um Farben und Formen, um Ästhetik, um differenzierte Geschmäcker. Als Erkennungsmerkmal tragen alle einen individuellen Monatshaarschnitt und Blousons in bestimmten Farben und Größen. Und natürlich bedeutet eine Mitgliedschaft das gleichzeitige Austreten bei Facebook.</p>
<p>Die Regeln, wie man ein »Member« jener blousontragenden Gemeinschaft wird, werden nicht ausgesprochen, sie sind für den Erzähler Eric unaussprechbar, denn einer dieser Grundsätze – und genau dort schneidet sich der Inhalt mit der Art und Weise der Erzählung – ist, dass man die Dinge nicht aussprechen darf. Denn darin steckt die größte Angst Erics: sich zu entscheiden, den Pragmatismus, oder auch die Realität gewinnen zu lassen, den Bereich des Vagen, und vor allem den Bereich des ironischen Zitats zu verlassen. Dies hieße dann auch, eine Identität anzunehmen. Doch seine Persönlichkeit bleibt glitschig und unfassbar, so wie man von einem ästhetischen Vintage-Trend in den nächsten hineinschlittert. Nur logisch ist es daher auch, dass die Charaktere oft von nicht gelebten Leben erzählen und der Was-wäre-wenn-Frage nachgehen.</p>
<p>Im Idealfall ist der Salon ein Ort, an dem sich Ironie und Ernsthaftigkeit an die Hand nehmen, sich dialektisch auflösen, sprich, vergessen sind. Gerne spricht man dort »ernst über unernste Themen«. Aber auch in der Liebe der Member zu der Schweizer Künstlerin Bea, scheinen jegliche Zweifel vergessen. Bea verteilt in ganz London unironische, buntgeschriebene Botschaften wie »NEVER LEAVE HIGHSCHOOL« und macht sich dazu vor allem rar; niemand hat sie je gesehen, nur so kann sie eine Kunstfigur sein. In dem verzweifelten Versuch der Abschottung spiegelt sich auch die Künstlichkeit der anderen Figuren wider. Halten sich die Mitglieder des Salons für Künstler?</p>
<p>Die dargestellte Subkultur in <em>Leuchtspielhaus </em>wirkt kühl und analysierend. Sie bewertet alles nach ihren eigenen Maßstäben, und grenzt sich scheinbar ab, wo sie nur kann. Dieses beinahe zwanghafte Anderssein erreicht einen absurden Höhepunkt in der im wahrsten Sinne des Wortes Lustlosigkeit der Protagonisten. Sex und Erotik funktionieren, wie so vieles, nur noch als Zitat (aus einem Pornofilm):</p>
<blockquote><p>Für Augenblicke zitieren wir die Erotik, die wir uns ausgemalt haben, mit 12 und 13. […] Unsere Aktionen folgen logisch aufeinander, wie auswendig gelernt. Kurz spielt Helen an mir herum, dann ist sie wieder auf mir. Wir blicken uns an. Zum Spaß geben wir uns fremd und pathetisch. Irgendwann kommen wir beide, scheinbar parallel.</p></blockquote>
<p>Und doch – und dort wird es endlich differenzierter – ist die Jugend vor allem von einer tiefen Traurigkeit geprägt, die besonders in den stilisierten Gesprächen zwischen Eric und Helen sichtbar wird: »Mädchen glauben, du bist arrogant. Jungs glauben, du bist still. […] Du weißt noch nicht, was du von London denken sollst. Du fühlst dich fremd und zu Hause zugleich.« Die Gesellschaft gibt ihnen weder ein Zuhause noch Verständnis. Und so schirmen sie sich doppelt ab gegen das Außen: mit Ironie und mit Ästhetik. </p>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/leuchtspielhaus_cover.jpg" alt="Leif Randt: »Leuchtspielhaus« (Cover)" title="Leif Randt: »Leuchtspielhaus« (Cover)" width="125" height="200" class="right" />Die von Leif Randt überaus stimmig entworfene Parallelwelt ermöglicht, dass dieser doppelte Schutzschild funktioniert. Seine sehr feine Sprache setzt auf das Lesen zwischen den Zeilen. Darüber hinaus wird oft eine eigenständige Typografie (in Form von Großbuchstaben und Semikola) verwendet, die aber, wie eben die ästhetisch-vage Sprache, durch den inhaltlichen Romankontext begründet ist, und so durchaus Sinn hat. Zusätzlich anspruchsvoll wird die Lektüre durch ein Filmskript, welches Helen für Eric schreibt, und das die eigentliche Geschichte immer wieder unterbricht. Die Erzählung der unmöglichen Liebe zwischen den beiden reflektiert sich in diesem Skript auf metaphorische Weise. Allerdings bietet es sich auch dazu an, überlesen zu werden, denn die eigentliche Geschichte funktioniert auch so. </p>
<p><em>Leuchtspielhaus </em>ist gerade durch seine stilisierte Art viel näher am Gefühl einer unverstandenen Jugend als sämtliche Pseudo-Generationen-Schreibe à la »Generation Praktikum«. Die Helden sind nur scheinbar so entmoralisiert wie der berühmt gewordene Flaneur aus Christian Krachts <em>Faserland</em>, und Leif Randt schreibt tatsächlich so ästhetisch wie er. Seit dem inszenierten Treffen der »Popautoren« der 90er in <em>Tristesse Royale</em> wurde der Ironie-Diskurs nicht mehr so angeregt. Gegenwart wird hier nicht etwa wie bei Stuckrad-Barre in dessen <em>Soloalbum </em>archiviert, sie wird nostalgisiert und somit fiktionalisiert – aber wo sollte Literatur sonst angesiedelt sein, wenn nicht im Fiktionalen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em><strong>Leif Randt: <a href="http://www.berlinverlag.de/bucher/bucherDetails.asp?isbn=9783833306471">Leuchtspielhaus. Roman</a>.</strong> Berlin: Berliner Taschenbuch Verlag, 2009. 240 Seiten. ISBN 978-3-8333-0647-1. 8,90 Euro.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/3079/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Der Schein trügt</title>
		<link>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2992/</link>
		<comments>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2992/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 22 Jun 2010 06:00:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Benedikt Viertelhaus</dc:creator>
				<category><![CDATA[Auf die Ohren!]]></category>
		<category><![CDATA[Diskussion]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kritische-ausgabe.de/?p=2992</guid>
		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/schoeftland2.jpg" alt="Die Band Schöftland (Foto: © Schöftland, Bern)" title="Die Band Schöftland (Foto: © Schöftland, Bern)" width="150" height="100" class=right />Die Informationsfülle im Internet bietet nur wenig orientierenden Überblick über das gesamte Tagesgeschehen. Schnell geht dabei etwas unter, das einen im Grunde auch interessiert hätte. Die Alternative heißt bis heute Tageszeitung, in deren Feuilleton man zum Beispiel auf eine Rezension des Albums <em>Der Schein trügt</em> der Berner Band Schöftland stoßen konnte …<br />&#160;]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<dl style="width:300px; float:left; padding:2px 6px 6px 6px; margin:2px 6px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/NZZ2.JPG" alt="Titel der »Neue Zürcher Zeitung« (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" title="Titel der »Neue Zürcher Zeitung« (Foto: © Benedikt Viertelhaus)" width="300" height="209" /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Start in einen gelungenen Tag:<br />
Der Blick in die Tageszeitung<br />
(Foto: © Benedikt Viertelhaus)</dd>
</dl>
<p>Seit das Internet zu einem allgemein zugänglichen Medium geworden ist, leidet die Tageszeitung weltweit eine Absatzkrise. Es ist in den letzten Jahren viel darüber spekuliert worden, wo die Antworten liegen könnten, um dieses alte Medium zu retten. Schnell geht es dann um Möglichkeiten des ›paid content‹, bezahlten Inhalten, um im Internet, ergänzend zum gedruckten Blatt, Geld zu verdienen. Das Internet aber hat, daran darf man nicht vorbeireden, eine Kostenlosmentalität gefördert, auf die es zu antworten gilt und der Internetnutzer hat ein anderes Verhalten als der Leser einer Tageszeitung. Solange der User seine Informationen kostenlos bekommen kann, ist zu erwarten, daß er dafür nicht zahlen wird. Das gilt neben den Nachrichten, die früher unter anderen Medien die Zeitung lieferte, für Musik, Filme, Lexikonartikel und vieles mehr. Eine Lösung sucht man in Begriffen wie dem <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1480/">»Qualitätsjournalismus«</a>. Darin steckt der Gedanke, daß ich bei bezahlten Medien Informationen bekomme, deren Richtigkeit ich mir sicher sein kann, bzw. daß Fehler, die immer mal passieren, in einer der nächsten Ausgaben korrigiert werden. Redakteure werden für ihre Arbeit bezahlt, der Blogger oder der Autor eines Wikipedia-Artikels nicht, ist aber womöglich ein richtiger Experte in seinem Gebiet. Der Vorteil, den ich mir mit einer Tageszeitung ins Haus hole muß also ein anderer sein, wenn ich an alle Informationen auch kostenlos komme. Oder ist es reine Nostalgie, die einige noch zum Zahlen für Journalismus veranlaßt?</p>
<h5>»Alle geben gerne Auskunft – aber niemand kann richtig Auskunft geben«</h5>
<p>Vielleicht, dachte ich lange, bin ich einer dieser hoffnungslosen Nostalgiker, die täglich ihre Zeitung brauchen, weil es zu einem gelungenen Tag gehört, sich morgens einen Überblick über die Geschehnisse in der Welt zu machen. Aber was würde ich über Frankreich erfahren, wenn nicht gerade Präsidentenwahlkampf ist, was über Iran, wenn nicht gerade ein allgemeines Interesse an den Entwicklungen bestünde? Mit der Tageszeitung bekommen wir einen Überblick geboten, den uns das Internet trotz, oder wegen, der Fülle an Informationen kaum bietet. Die Breite an Information, die das Internet bietet, ist unendlich groß, aber schnell verliert man beim Surfen die Sicht auf das Relevante. Eine Tageszeitung ist einen Tag aktuell und hat eine letzte Seite. Das Internet ist immer aktuell und kennt keine letzte Seite. Schnell bleibt man daher orientierungslos im Informationsüberfluß stecken, besucht nur die ersten 20 Googletreffer, schaut für die Tagesnachrichten nur noch bei <em>Spiegel Online</em> über die Startseite, liest, wo einen die interessanten Überschriften hinleiten, weiter aber selten. Und genau da liegt eines der größten Probleme, die das Internet hat. Es hilft der Vertiefung, vereinfacht die Recherche, verhindert aber mitunter die Teilhabe am »ganzen Leben«. Die Tageszeitung liefert täglich einen Ausschnitt dessen, was die Redakteure für relevant halten. Ich bin ihnen zwar diesbezüglich ausgeliefert, finde aber eine Orientierung über das Tagesgeschehen. Nur dem Radio bin ich, solange es läuft, in ähnlicher Weise ausgeliefert. Eine Ergänzung liefert mir das Internet je danach, wenn ich Informationen vertiefen will oder Zweifel an der Interpretation habe.</p>
<p>Die Tages- oder Wochenzeitung und das Radio verleiten dazu, an Dingen hängenzubleiben, nach denen man im Internet nicht gesucht hätte. Man kann hier Entdeckungen machen, ohne Link, ohne Referenz, die von Themen ausgeht, über die man sich gerade eh informierte, und daher mindestens in einem ähnlichen Spektrum verortet sind. Sich über Tageszeitungen informiert zu halten, ermöglicht viel stärker, an gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, als das im Internet der Fall ist. Die Selektion der Themen ist breiter und nur übers Internet informiert läuft man Gefahr, sich z.B. nur über die aktuelle Kultur zu informieren. Man könnte sagen, es wäre wie wenn ein SPD-Mitglied nur den <em>Vorwärts</em> lesen würde und denken, er sei informiert. Bei einer Tageszeitung, die den Versuch unternimmt unparteiisch zu sein, sollten Ansätze aller Parteien kritisch betrachtet werden. </p>
<p>Beim Lesen der Zeitung wird der Leser verleitet, von einer Überschrift schneller in Artikel rein zu lesen, als auf Onlineplattformen einem Überschriftenlink zu folgen. Zwar kann sich im Internet jeder äußern, aber die Wahrscheinlichkeit, gelesen und wahrgenommen zu werden, ist gering. Wer meint, das Internet sei aufgrund der breiten Äußerungsmöglichkeiten demokratischer, der muß auch die Frage stellen, ob Demokratie grundsätzlich die Separation in einzelne Interessensgebiete bedeutet oder ob die Willensbildung nicht vor allem auch einen Allgemeinbildungsprozeß erfordert. Im Internet ist jedoch vor allem ein breites Nebeneinanderher zu beobachten. </p>
<dl style="width:300px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/06/schoeftland2.jpg" alt="Die Band Schöftland (Foto: © Schöftland, Bern)" title="Die Band Schöftland (Foto: © Schöftland, Bern)" width="300" height="200" /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Die Berner Band Schöftland<br />
(Foto: © <a href="http://www.schoeftland.com/fuer">Schöftland</a>)</dd>
</dl>
<p>Daß dies ein Problem des Internets ist, ist mir anhand eines Beispiels aufgefallen, das verdeutlicht hat, wie sehr die Zeitung diesen allgemeinbildenden Vorteil hat. Auf die Berner Band <a href="http://www.schoeftland.com/">Schöftland</a> wäre ich im Internet so schnell nicht gestoßen, auch wenn es jene Verweise gibt, die da hätten nachhelfen können: Verstärkung bekommen die Schweizer auf ihrem phantastischen Album Der Schein trügt von zwei Gastsängern, die viele Musikinteressierte auf das Debut aufmerksam machen könnten: <a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/210/">Nils Koppruch</a> und <a href="http://www.gisbertzuknyphausen.de/">Gisbert zu Knyphausen</a>. Verdanken muß ich die musikalische Entdeckung des Frühjahrs aber der <em>Neuen Zürcher Zeitung</em>, die auf ihren »Kultur Zürich«-Seiten immer wieder Platten der Bands vorstellt, die in ein paar Tagen in der Gegend spielen werden. »Hochdeutsch zu singen, ist in der Schweiz nicht nur aussergewöhnlich, sondern auch mutig, denn Englisch ist die Sprache der Rockmusik geblieben, Mundart der Schlüssel zum Erfolg im Pop«, heißt es in <a href="http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/pop_und_jazz/gluecklich_machende_melancholie_1.4457797.html">dem Artikel </a>direkt zu Anfang. Den Verweis auf die Band lieferte also die Zeitung, die starke These als Einstieg in den Artikel das Interesse zu einem Weiterlesen.</p>
<div align=right>[<a href="http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2992/2/">weiterlesen</a>]</div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2992/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Passivität als Lebensmodell</title>
		<link>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2865/</link>
		<comments>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2865/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 04 May 2010 06:00:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kritische-ausgabe.de/?p=2865</guid>
		<description><![CDATA[Jörn Birkholz’ Debütroman im Buchhandel auszumachen, dürfte – abgesehen von der Verfügbarkeit – alles andere als schwer werden. Der Astronaut vor orange-gelbem Hintergrund wirkt in der Tat etwas befremdlich und versprüht doch zugleich den poppigen Charme der auf einen jungen und unverbrauchten Text, fernab der ewig gleichen Historienschmöker und Krimiserien, hindeutet. Wer aber die Gepflogenheiten der Verlage kennt, wird schnell kalkuliertes Marketing wittern. In der Tat schreibt hier ein unverbrauchter Autor des Jahrgangs '72. Doch die poppig-penetrante Coverfarbe will nicht so recht zum Inhalt passen …]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Jörn Birkholz’ Debütroman im Buchhandel auszumachen, dürfte – abgesehen von der Verfügbarkeit – alles andere als schwer werden. Der Astronaut vor orange-gelbem Hintergrund wirkt in der Tat etwas befremdlich und versprüht doch zugleich den poppigen Charme der auf einen jungen und unverbrauchten Text, fernab der ewig gleichen Historienschmöker und Krimiserien, hindeutet. Wer aber die Gepflogenheiten der Verlage kennt, wird schnell kalkuliertes Marketing wittern. In der Tat schreibt hier ein unverbrauchter Autor des Jahrgangs '72. Doch die poppig-penetrante Coverfarbe will nicht so recht zum Inhalt passen. Der Klappentext verspricht noch in einfachem Merkreim den Weg »eines Unassimilierten, der weiß, dass er alles verliert, indem er nichts riskiert«.</p>
<h5>Belanglose Repräsentanz</h5>
<p>Bereits auf den ersten Seiten verliert <em>Deplatziert </em>die paratextuelle Leichtigkeit. Birkholz‘ namenloser Ich-Erzähler ist Student, 31 und Brillenträger. Eine biographische Ähnlichkeit zum Autor ist dabei kaum zu leugnen. In seiner durchgehaltenen Durchschnittlichkeit – keine Freundin, Langzeitstudent, schwächliche Statur – wird versucht, ihn als repräsentativen Stellvertreter einer Generation von orientierungslosen Mittdreißigern zu etablieren. Passivität und zur Überheblichkeit neigende Gesprächshaltung dürfen dabei nicht fehlen.  Zwischen Heidegger und der Sehnsucht nach Schillerscher Freigeistigkeit lebt der Protagonist am Leben schlichtweg vorbei, arbeitet halbherzig im Baumarkt, um sein Langzeitstudium zu finanzieren, besteht den Magister Artium knapp, ohne dies auch nur im Entferntesten als Einschnitt im Lebensweg wahrzunehmen:</p>
<blockquote><p>Drei Wochen später musste ich noch eine mündliche Prüfung über mich ergehen lassen, bei deren Verlauf sowohl ich als auch unterschiedliche wissenschaftliche Thesen analytisch auseinandergenommen wurden. Die Synthese dieses Schabernacks schimpfte sich dann Magister Artium.
</p></blockquote>
<p>Die hilflose Kritik des Protagonisten am »Ernst des Lebens« lässt viele Kommunikationsmöglichkeiten scheitern. Sein Verhalten wirkt dabei statt der angepriesenen »Rebellion gegen Borniertheit und Alltagstrott« mehr wie eine aus Orientierungslosigkeit geborene, spätpubertäre Verweigerungshaltung, die sich wahllos in kleinlichen Auflehnungen gegen seine Mitmenschen erschöpft. So scheitert er sogar an gewöhnlichen Alltäglichkeiten, wie z.B. Bankgeschäften:</p>
<blockquote><p>Der Bankangestellte hielt mir dennoch beharrlich mein Sparbuch hin. Unwillig kehrte ich zum Schalter zurück und riss es ihm aus der Hand. Er blickte mir daraufhin mitleidig, aber auch mit einer eigentümlichen Genugtuung direkt ins Gesicht.<br />
›Dann noch einen schönen Tag.‹ […]<br />
Ohne etwas zu erwidern, verließ ich den Tempel des Mammons. Draußen vor der Bank zerriss ich mein Sparbuch und warf die Fetzen auf den Gehweg. Ich zündete eine Zigarette an, nahm einen kräftigen Zug und trottete leise vor mich hin fluchend von dannen.
</p></blockquote>
<p>Damit wirkt auch das in <em>Deplatziert</em> Erzählte belanglos alltäglich. Mit Namenserwähnungen eingeleitete Erinnerungen und Begegnungen mit Freunden wachsen sich zu ganzen Kapiteln aus, die gegen Ende des Buches immer episodenhafter und kürzer werden. Die in ihnen ständig wiederholte Gesellschaftskritik ist wahrlich kaum neu (z.B. an den angepassten Eltern, die in ihrer »perfekten kleinen Welt [...] gemeinsam einsam« sind oder den leidenschaftslosen »Part Time Punks«, denen der Sinn des Dauerprotests entzogen ist). Eingeschobene Träume geben sich naiv symbolisch, ohne dies durch Bedeutung einzulösen: »In der Nacht hatte ich geträumt, ich hätte die uneingeschränkte Zuneigung eines Schmetterlings gewonnen.« Die eigentliche Handlung plätschert, konzentriert auf einige Herbsttage, beiläufig konfus dahin und endet mit dem Verlust seines guten Freundes Uwe an ein anderes Leben in Griechenland. </p>
<blockquote><p>Dennoch traf es mich jetzt wie ein Schlag. Udo beabsichtigte aus meinem begrenzten Umfeld zu verschwinden, und ich konnte ihn nicht daran hindern. Ich war frustriert, weil ich genau wusste, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte.</p></blockquote>
<p>Man muss unwillkürlich an den Tod Rollos in Christian Krachts Faserland oder das Verschwinden von Timothy Price in Brad Easton Ellis American Psycho denken, Romanen, denen es wesentlich besser gelingt, Stimmung und Frust einer ganzen Generation einzufangen.</p>
<h5>Von Nazis und Don Quixote</h5>
<p>Auch eingestreute Zitate retten <em>Deplatziert</em> nicht. »Oblomow«, »Don Quixote«, irgendwo zwischen ihnen will Birkholz seinen Protagonisten verorten, doch von der Tragik der großen Namen ist kaum etwas zu spüren. Interessant erscheint höchstens die motivische Fixierung auf Geld und das Völkische. Manchmal bewegt sich der Text dabei am Rand des Ertragbaren, z.B. wenn ein trunkener Punk »Ein Hoch auf den Führer!« brüllt oder der Protagonist sich in Gedanken an die »Natur der polnischen Seele« ergeht: </p>
<blockquote><p>Hätte es im Spätsommer `39 mehrere von diesen Kampfmaschinen gegeben, so wäre Hitlers Wehrmacht womöglich niemals erfolgreich in Polen einmarschiert. [...] Trotz politischer Unterdrückung war der Pole im Herzen frei [...]. Seit dem Zusammenbruch des Sowjetreiches läuft er dem politisch kulturellen ›Fortschritt‹ hinterher und wird ihm immer hinterherlaufen.</p></blockquote>
<p>Die beiden dazugehörigen Kapitel »Kleine Polnische Odyssee – I Edek« und »II Fuzja«  entwerfen eine erschreckend platte Skizze des Nachbarlandes zwischen Vodka, gebrochener Sprache, Diebstahl und Barackenhäusern.</p>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/05/Deplatziert_Cover.jpg" alt="Jörn Birkholz: »Deplatziert« (Cover)" title="Jörn Birkholz: »Deplatziert« (Cover)" width="147" height="220" class="right" />Die Bezeichnungen für das weibliche Geschlecht sind immerhin in ihrer Abwechslung halbwegs unterhaltsam, wenn auch offen chauvinistisch (»Trine«, »Perle«, »Weiblein« bis »Ostmädel«) und Teil der Inszenierung einer unverstellt frechen Erzählhaltung. Dabei wirkt die Sprache an anderen Stellen unnötig pathetisch; Wendungen wie »Tempel des Mammons«, »Kathedrale des Wissens«; »die juvenilen Herrschaften« verorten Protagonist und Text im Umfeld einer halbgebildeten Scheinboheme, in dem es ständig nach »Eskalation« riecht, jedoch niemals zu einer solchen kommt.</p>
<p>Der Leser jedenfalls zweifelt ob der übertriebenen Plakativität eher an der Wirklichkeit des Klischees jener erwähnten Thirtysomething-Generation. Die zweiundzwanzig Kapitel reichen kaum für eine lange Zugfahrt; an alternativem Tiefsinn wird in ihnen über spärliche philosophische Allgemeinplätze hinaus kaum etwas geboten. Dabei könnte <em>Deplatziert</em> unterhaltsame Popliteratur sein, wäre der Roman nicht zu eindimensional auf das Hauptthema der Passivität fixiert.</p>
<p><em>Jörn Birkholz: <a href="http://schardt-verlag.de/catalog/product_info.php?manufacturers_id=293&#038;products_id=430&#038;osCsid=106535058">Deplatziert</a>. Oldenburg: Schardt Verlag, 2009. 173 Seiten. ISBN 978-3-89841-472-2. 10,– Euro.<br />
</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2865/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Kein Ende in Sicht</title>
		<link>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2738/</link>
		<comments>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2738/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 13 Apr 2010 06:00:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N. N.</dc:creator>
				<category><![CDATA[Auf die Ohren!]]></category>
		<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kritische-ausgabe.de/?p=2738</guid>
		<description><![CDATA[Ist Popmusik am Ende? Eine Frage, die mehr und mehr Statement-Charakter annahm, beschäftigte gegen Ende des letzten Jahres mal wieder so manchen Feuilletonisten, der mit dem Tod Michael Jacksons gleich noch ein historisches Ereignis bei der Hand hatte. So titelte beispielsweise das SZ-Magazin: »Verfallsdatum abgelaufen. Die Ära des Pop ist vorbei«. Das ist der Stoff, aus dem Schubladen- und Epochendenken gemacht ist. Kaum endet ein Jahr/Jahrzehnt/Jahrhundert, wird zusammengefasst, abgeschlossen, resümiert, totgesagt …]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ist Popmusik am Ende? Eine Frage, die mehr und mehr Statement-Charakter annahm, beschäftigte gegen Ende des letzten Jahres mal wieder so manchen Feuilletonisten, der mit dem Tod Michael Jacksons gleich noch ein historisches Ereignis bei der Hand hatte. So titelte beispielsweise das SZ-Magazin: »Verfallsdatum abgelaufen. Die Ära des Pop ist vorbei«. Das ist der Stoff, aus dem Schubladen- und Epochendenken gemacht ist. Kaum endet ein Jahr/Jahrzehnt/Jahrhundert, wird zusammengefasst, abgeschlossen, resümiert, totgesagt.</p>
<dl style="width: 200px; float: right; padding: 2px 0px 6px 6px; margin: 2px 0px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;"> <img title="Tocotronic: »Schall &amp; Wahn« (Cover)" src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/03/schallundwahn.jpg" alt="Tocotronic: »Schall &amp; Wahn« (Cover)" width="200" height="200" /> </dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Tocotronic: <em>Schall &amp; Wahn</em><br />
(Cover)</dd>
</dl>
<p>Paradox irgendwie, dass gerade das deutsche Popjahr(zehnt) mit dem Erscheinen zweier Platten beginnt, die gleichermaßen Abschluss, Rückblende und Fortschritt symbolisieren. Mit dem Album <em>Schall &amp;Wahn</em> nahmen Tocotronic den letzten Teil ihrer »Berlin-Trilogie« auf, die mit <em>Pure Vernunft Darf Niemals Siegen</em> und <em>Kapitulation </em>ihren Anfang nahm. Mit dem Abschlusswerk liefern sie gleichzeitig auch das (zumindest vorzeitige) Ende einer Entwicklung, die sich von coolen Sprüchen für das Federmäppchen (»Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein«, »Digital Ist Besser«) hin zu einer ausgereiften Kunstsprache mauserte.</p>
<p>Anders die Band Fehlfarben, die exakt 30 Jahre nach dem Konsensalbum <em>Monarchie und Alltag</em>, mit <em>Glücksmaschinen</em> ein Album veröffentlichen, das genauso auch vor 3 Dekaden hätte aufgenommen werden können und gleichzeitig heute dennoch bitter nötig scheint. Dass die politischen und gesellschaftlichen Reibungspunkte, die Peter Hein und seine Düsseldorfer Bandkollegen 1980 umgaben, auch im Jahr 2010 noch in ähnlichem Maße existieren, ist nicht unbedingt neu. Nennenswert hingegen ist der künstlerische (musikalische, wie textliche) Rückbezug, der einen Aspekt von Popmusik zu manifestieren weiß, der in Zeiten immer enger werdender Hosen und immer größer werdender Brillen, ad absurdum geführt wurde: die Zeitlosigkeit. Bereits im Opener und Titelsong des Albums verweist Hein auf damals und erörtert gleichzeitig augenzwinkernd die eigene Rolle, die sich selbstredend in den ganzen Jahren verändert hat:</p>
<blockquote><p>Du stellst die Musik so leise<br />
seit ich bei dir bin<br />
Früher sagtest du ›mach lauter‹<br />
danach war alles drin<br />
Hören wir auch heute wenig<br />
können uns doch gut verstehen<br />
Und wird das Grau auch mehr<br />
wir brauchen keinen Neubeginn</p></blockquote>
<p>Es muss irgendwann im Jahr 1979 gewesen sein, als sich die Fehlfarben vom Spaß- und Krawallpunk englischer Vorbilder wie den Sex Pistols entfernten, um ernsthafte, beizeiten romantische Punkmusik zu machen. Dieser Entscheidung standen Bands Pate wie die Buzzcocks, The Clash oder The Jam und so entstand eines der unbestrittensten Konsensalben der deutschen Popmusik. Sozusagen als Nebeneffekt leiteten die Fehlfarben die Neue Deutsche Welle ein, die später mit Nena und ihren »99 Luftballons« in die Belanglosigkeit abhob, und brachten das, was auf der Insel als Post-Punk oder New Wave firmierte, nach Deutschland.</p>
<p>Nach Jahren der Absenz (Peter Hein verließ nach dem Album die Fehlfarben und stieß 1989 wieder hinzu) und Belanglosigkeit, war das 2002 erschienene <em>Knietief im Dispo</em> zumindest ein kleiner Lichtblick. Doch erst das Album <em>Glücksmaschinen</em> vermag die Band aus dem stillen Vorwurf, ein One-Hit-Wonder zu sein, zu befreien. Nach Jahren des Post-Punk-Revivals brechen die Protagonisten der deutschen Szene mitten hinein in den fröhlichen neonfarbenen Retroschick, der dieser Tage den Status der Popmusik neu zu definieren versucht.</p>
<dl style="width: 200px; float: left; padding: 2px 0px 6px 6px; margin: 2px 0px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;"> <img title="Fehlfarben: »Glücksmaschinen« (Cover)" src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/03/fehlfarben_gluecksmaschinen.jpg" alt="Fehlfarben: »Glücksmaschinen« (Cover)" width="200" height="200" /> </dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Fehlfarben: <em>Glücksmaschinen</em><br />
(Cover)</dd>
</dl>
<p>Musikalisch nimmt uns die Band mit auf eine Zeitreise und beweist, dass die Kopie vom Original immer noch am authentischsten klingt. 1980 hätten an dieser Stelle Bands wie Joy Division und Gang Of Four referentielle Erwähnung gefunden – drei Dekaden nach dem Debütmeilenstein <em>Monarchie und Alltag</em> reicht als Bezugspunkt die ausführende Band selbst. Textlich scheint die Wut und Destruktivität der Anfangstage konserviert und für das 21. Jahrhundert frisch aufgetischt worden zu sein. Zwischen den Zeilen liest man aber eine latente layed-back-Mentalität in Heins Gesellschaftsbeobachtungen heraus, die wohl dem Alter geschuldet sein dürfte. »Gebrauchte Fußballspiele«, die den ganzen Tag laufen und Werbepartner, die im »Pleitegrab» liegen werden da besungen und obschon die Wortwahl eine äußerst prägnante ist, erkennt man doch in den Klagen über Eventkultur und den Seitenhieb gegen die Opfer der Finanzkrise eine gewisse Distanz. Verhältnisse werden nicht mehr angeklagt, sie werden lokalisiert und benannt. »Aktiv sein, das sollen jetzt mal Andere«, so der Tenor, der uns entgegenschlägt, »aber zu sagen haben wir auch noch etwas«.</p>
<p>Tocotronic dagegen sind in den letzten Jahren durchgängig aktiv gewesen – und das ziemlich erfolgreich. Und auch wenn die Wahlberliner um Dirk von Lowtzow nicht mehr zur ganz jungen Garde gehören (wie beispielsweise die grandiosen Ja, Panik), so ist der Werdegang  der Band ein Indiz dafür, dass Popmusik immer auch diachron stattfindet. Durch Abgrenzung wie durch Aneignung entwickelt sie sich von Jahr zu Jahr, von Band zu Band und vor allem (im Falle von Tocotronic ganz besonders) von Platte zu Platte weiter und liefert gleichsam Rückblick wie Ausblick.</p>
<p>Im Gegensatz zu der vergleichsweise brachialen und direkten Sprache mit der Peter Hein alltägliche Beobachtungen vergegenwärtigt, entwickelte Dirk von Lowtzow in mittlerweile 17 Jahren Tocotronic seine eigene Kunstsprache. Maßgeblich beeinflusst von Beatliteraten wie Borroughs und Kerouac, sowie dem Cut-Up-Prinzip, wie es auch Hubert Fichte prägte, entwickelte von Lowtzow eine Art Open-Source-Lyrik, die weiten Spielraum für Assoziationen lässt. Dabei arbeitet er vor allem mit Signalwörtern, die eine Art Leitfaden bilden.</p>
<p>Von <em>Kapitulation</em> und einigen Songs auf <em>Schall &amp; Wahn</em> abgesehen werden aggressive und offensive Schlagworte wie »Verschwörung«, »Festung« oder »Terror« mit romantischer, verträumter und meist zurückhaltender Popmusik gekoppelt, wodurch ein geplanter Widerspruch entsteht, der sich nicht sofort aufdrängt.</p>
<p><em>Schall &amp; Wahn</em> schließt nun die Berlin-Trilogie ab und mit ihr den Eskapismus von <em>Pure Vernunft Darf Niemals Siegen</em> sowie die passive Verweigerungshaltung von <em>Kapitulation</em>. Gleichzeitig manifestiert die Platte die Entwicklung, die die Band vom ungestümen  Indie-Rock und dem im Nachhinein als ironisch klassifizierten modischen Gestus auf <em>Digital Ist Besser</em> hin zu Tocotronic im Jahr 2010 vollzog.</p>
<p>Dass die Popmusik tot sei, kann behaupten wer will. Wer jedoch ganz genau beobachtet, die Umstände der Zeit und die natürliche Fluktuation der Popmusik in die Betrachtungen mit einbezieht, wird sehen, dass es anders ist. Die Oberfläche mag abgegraben sein und vieles mag innovationslos wirken, doch dieser Umstand ist einer seit jeher auf Kopie und Repetition ausgelegten populären Musik inhärent. Alleine <em>Glücksmaschinen</em> und <em>Schall &amp;Wahn</em> legen tapfer  Zeugnis davon ab, dass die deutschsprachige Popmusik (stellvertretend für die globale Entwicklung) noch lange nicht am Tropf hängt. Dieser Gedanke kann auf die letztjährig erschienenen Platten von Ja, Panik (<em>The Taste And The Money</em>) und den Goldenen Zitronen (<em>Die Entstehung der Nacht</em>), sowie auf die vor kurzem erschienene Veröffentlichung von den Aeronauten (<em>Hallo Leidenschaft</em>) ausgeweitet werden, um nur die zeitnächsten Beispiele zu nennen. Interessant ist dabei, dass es in der deutschsprachigen Szene vor allem Bands der alten Garde sind, die die These der dahinsiechenden Popmusik anfechten.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2738/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Zwischen Kafka und Dan Brown</title>
		<link>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2804/</link>
		<comments>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2804/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 06 Apr 2010 07:00:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Ute Friederich</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kritische-ausgabe.de/?p=2804</guid>
		<description><![CDATA[Die Art und Weise, in der Tim Davys den Anfang seines Kriminalromans <em>Amberville</em> inszeniert, lässt den Leser sofort an Kafka und die ersten Seiten des <em>Proceß</em> denken. Und ähnlich wie bei Kafka, geht es auch in Davys’ Krimi um etwas Größeres, um Unumstößliches und Unergründliches, um eine Weltordnung gewissermaßen. Doch auch wenn dem Krimi ein an Kafka erinnernder Angriff auf die Erkenntnissicherheit des Lesers gelingt, bleibt die eigentliche Kriminalhandlung vorhersehbar.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Jemand musste Eric Bär verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, stattete ihm eines schönen Morgens der gefürchtete Gangsterboss der Stadt Amberville, Nicholas Taube, einen Besuch ab. Als der die Wohnung eine halbe Stunde später wieder verließ, hatten seine beiden Gorillas das Mobiliar in Kleinholz verwandelt und dem völlig überrumpelten Protagonisten eine gehörige Portion Angst eingeflößt.</p>
<p>Die Art und Weise, in der Tim Davys den Anfang seines Kriminalromans <em>Amberville </em>inszeniert, lässt den Leser sofort an Kafka und die ersten Seiten des <em>Proceß</em> denken. Auch Josef K. wird des Morgens in seinem Bett überrascht, ja sogar verhaftet. Auch er steht den Eindringlingen im Schlafanzug gegenüber und auch er scheitert bei dem Versuch, eine Erklärung für die Verhaftung zu finden. Die Davys’sche Zeichnung der Charaktere allerdings steht in einem krassen Kontrast zu Kafkas Roman. Der schmächtige und schmierige Nicholas Taube und die beiden Schläger, die ihm geistig weit unter-, dafür aber körperlich haushoch überlegen sind, bilden ein Trio, das geradewegs einem zweitklassigen Mafiafilm entstiegen sein könnte. Was die Parallelen zu Kafka auf den ersten Blick noch absurder erscheinen lässt, ist die Tatsache, dass es sich bei den Protagonisten von <em>Amberville </em>ausnahmslos um Stofftiere handelt. Aber ganz so abwegig ist der Vergleich mit dem <em>Proceß</em> vielleicht doch nicht.</p>
<p>Ähnlich wie bei Kafka, geht es auch in Tim Davys’ Krimi um etwas Größeres, um Unumstößliches und Unergründliches, um eine Weltordnung gewissermaßen, auf die die Menschen respektive Stofftiere keinen Einfluss haben, die ihr Leben aber in entscheidender Weise beeinflusst. In Kafkas Roman ist dieses Größere das Gerichtswesen, das in undurchschaubarer Weise das Leben Josef K.s bestimmt. In der Welt der Stofftiere nimmt dieses Größere die Gestalt einer sagenumwobenen »Todesliste« an, die das Ende der stofftierischen Existenz verzeichnet. Denn die Bewohner Ambervilles können so wenig ›auf natürlichem Wege‹ sterben, wie sie geboren werden. Die fertigen Stofftiere werden den glücklichen Eltern per LKW ins Haus geliefert, die todgeweihten Tiere irgendwann von Chauffeuren in einem roten Lieferwagen wieder abgeholt. Während jedes Paar mit Kinderwunsch ganz einfach einen entsprechenden Antrag stellen kann, der dann vom Umweltministerium, dessen Chefin Erics Mutter Edda Nashorn ist, geprüft wird, sind die Umstände und Instanzen, die über den Todeszeitpunkt der Stofftiere entscheiden, weitaus weniger transparent, und bei weitem nicht alle Bewohner Ambervilles glauben an die Existenz der Todesliste. Erics Mutter zum Beispiel tut es nicht: »Es hat noch nie eine Todesliste gegeben. […] Aber ich verstehe, dass es alle gerne glauben möchten. Dass der Tod nur ein Zufall sein soll … das ist irgendwie … unwürdig.« Folgerichtig existiert eine Vielzahl von Mythen, die die Existenz der Liste belegen wollen:</p>
<blockquote><p>Man kann Referenzen zu einer Todesliste in Versen und Kehrreimen finden, die vor mehreren hundert Jahren geschrieben wurden. […] Es wird behauptet, dass auf jeder der drei Fresken der Verkündigung an der Decke der Sagrada Bastantesiiste abgebildet ist […] Es heißt, dass es beim Zwanzigjährigen Krieg eigentlich um die Macht über die Liste ging […] Weiter wird behauptet, dass die Listen während der Sechzigerjahre in Form von versteckten Botschaften mit bekannten Künstlern auf Vinylplatten aufgenommen wurden.</p></blockquote>
<p>Und diese Todesliste ist nun der Grund für den Besuch, den Nicholas Taube Eric Bär abstattet, und der Ausgangspunkt für die Handlung der eigentlichen Kriminalgeschichte. Taube will nämlich erfahren haben, dass sein Name auf dieser Liste steht, auf der in regelmäßigen Abständen die Namen einer gewissen Anzahl an Stofftieren gesammelt werden, deren Leben sich dem Ende entgegen neigt. Doch Taube will sich noch nicht von den Chauffeuren mit den roten Lieferwagen abholen lassen. Eric soll deshalb nun das Geheimnis um den Ursprung der Liste ergründen und dafür sorgen, dass Taubes Name wieder gestrichen wird – eine nahezu unlösbare Aufgabe, doch der Bär steht in der Schuld des Gangsterbosses, in dessen kriminelle Machenschaften er in seiner Jugend verwickelt war. Es bleibt Eric also nichts anderes übrig, als seine Freunde aus alten Tagen – auch sie waren einst Handlanger Taubes – zusammenzutrommeln und sich an die Arbeit zu machen. </p>
<p>Es beginnt ein Wettrennen gegen die Zeit, an dessen Ende es den vier Stofftieren schließlich gelingt, das dunkle Geheimnis der Todesliste aufzudecken. Eine Art Geheimbund, der innerhalb der Kirche beheimatet ist, entscheidet über Leben und Tod der Tiere und gibt die damit verbundene Macht von Generation zu Generation weiter. Dazu gehört auch die Möglichkeit, jedes Jahr ein ausgewähltes Tier zu begnadigen. Ziel ist es, so die Macht der Kirche zu erhalten. Denn:</p>
<blockquote><p>Ohne die Verheißung eines nächsten Lebens würde die Kirche ihre Stellung verlieren […] Ohne die Verheißung eines nächsten Lebens würden die Gesetze, die die Grundlage der Gesellschaft bildeten, unbegreiflich werden.</p></blockquote>
<p>Das ist sie also, die Kraft, die hinter der scheinbar unumstößlichen und unergründlichen Weltordnung steckt, dieser höheren Instanz, die den Leser zu Beginn so intensiv an Kafka hat denken lassen. Denn auch für die Dinge, die Josef K. im <em>Proceß </em>wiederfahren, könnte eine Verschwörung höherer Mächte die Ursache sein. Doch die Art und Weise, in der Davys die Institution Kirche und die Hintergründe der Todesliste portraitiert ist so klischeehaft, dass die eigentliche Krminalhandlung sich eher im Stil Dan Browns darstellt: Die klassiche Einteilung in Gut und Böse strukturiert die erzählte Welt, wobei das Gute in der Personifizierung des Helden natürlich am Ende siegt; die Drahtzieher der Verschwörung sind ausnahmslos ältere Kirchenmänner, deren Denken in überkommenen klerikalen Strukturen verhaftet ist, die in ihrer Verblendung aber gleichzeitig genügend kriminelle Energien aufbringen, um ahnungslose Stofftiere für ihre Machenschaften zu mißbrauchen. Und auch die zahlreichen Mythen und Referenzen in kulturellen Zeugnissen auf die Liste erinnern stark an Dan Browns Schnitzeljagden von Symbol zu Symbol. Eric Bärs Suche nach dem Geheimnis der Todesliste schließlich folgt derart gängigen Mustern, dass die Geschichte vorhersehbar und langweilig wird. </p>
<p><em>Amberville</em> trüge daher die Bezeichnung »Krimalroman« zu Unrecht, wenn Tim Davys den in der dritten Person geschriebenen Bericht über die Detektivarbeit von Eric und seinen Kumpanen nicht immer wieder durch die Stimmen von Erics Zwillingsbruder Teddy, seiner Ehefrau Emma Kaninchen und dem Fadux, einem hohen Vertreter der Kirche, aufbrechen würde. Für den Leser scheint es so, als würde jeder eine eigene Wahrheit anbieten, tatsächlich aber fügen sie jeder für sich wichtige Informationen wie Mosaiksteine in die eigentliche Erzählung ein. Dabei geht es gar nicht so sehr um die eigentliche Kriminalhandlung, sondern vielmehr um die wahre Identität der einzelnen Figuren. Erst ganz am Ende des Buches ist es schließlich möglich, die verschiedenen Perspektiven zur Deckung zu bringen. Und auch Eric muss am Ende erkennen, dass die Stofftiere, die ihm an nächsten standen in Wirklichkeit nicht die sind, für die er sie lange Zeit gehalten hat. So bekennt Emma Kaninchen zum Beispiel:</p>
<blockquote><p>Das Leben mit Eric Bär war und ist nicht gerade aufregend, und der Einfall, ich sei Künstlerin, bot und bietet mir alle Möglichkeiten. Als Eric das erste Mal vorbeikommen und alles ansehen wollte … das waren einige Stunden voller Panik. Zuerst musste ich mir eine Wohnung besorgen. […] Dann rannte ich einen ganzen Vormittag in Lanceheim herum und kaufte Gemälde in jedem Antiquariat, das ich fand.</p></blockquote>
<p>Von Teddy hingegen erfährt der Leser: »Emma Kaninchen heiratete den falschen Zwilling. Ich habe nichts versprochen, was ich nicht halten kann. Eric versprach etwas, ohne sich darüber Gedanken zu machen, ob er es halten konnte.«</p>
<p>Es ist dieser Wechsel der Perspektiven und Erzählstimmen, der den Krimi doch spannend macht und den Leser bei der Stange hält, denn Davys gelingt damit ein Angriff auf die Erkenntnissicherheit des Lesers. Und dieses Gefühl der Verunsicherung, das diesen bei der Lektüre des Buches begleitet, ist es wiederum, was den Vergleich mit Kafka trotz allem gerechtfertigt erscheinen lässt. Josef K. im <em>Proceß</em> gelingt es nicht, das Gericht und seine zahlreichen Repräsentanten zu durchschauen. Die Tatsache, dass diese sich in ihren Aussagen oft selbst widersprechen, führt dazu, dass seine Suche nach Erkenntnis lediglich seine Verunsicherung vergrößert. Und auch im Kafka’schen Roman überträgt sich dieses Gefühl auf den Leser. Auch er kann sich aufgrund der vielen wiedersprüchlichen Informationen nie sicher sein, welchen Figuren er Glauben schenken soll und wie er das Verhalten des Protagonisten bewerten soll. Gerade dieser Effekt ist es jedoch, der die Faszination des <em>Proceß</em> ausmacht und der auch <em>Amberville</em> bis zu einem gewissen Grad interessant werden lässt.</p>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/04/cover_amberville.jpg" alt="Tim Davys: »Amberville« (Cover)" title="Tim Davys: »Amberville« (Cover)" width="189" height="300" class="right" />Doch obwohl das Rätsel um die wahren Charaktere von Teddy, Emma und dem Fadux bis zum Ende spannend bleibt, legt man <em>Amberville</em> mit gemischten Gefühlen aus der Hand. Die Stärke des Buches resultiert eben aus der Tatsache, dass der Leser lange Zeit ratlos und verwirrt vor den Puzzleteilen steht, die die unterschiedlichen Stimmen Stück für Stück liefern. Es wäre aber eben auch kein Krimi, wenn sich die einzelnen Teile nicht irgendwann – anders als im Kafka'schen Roman – zu einem klaren Bild zusammenfügen würden. Doch der befriedigende Aha-Effekt, der normalerweise mit der Lösung aller Wirrnisse der Kriminalhandlung einhergeht, stellt sich nicht ein. Was bleibt, ist vielmehr der Eindruck zweier sich wiederstrebender Tendenzen: Zum einen ist da die Faszination und Spannung, die von der Tatsache, dass der Leser sich seiner Erkenntnis nicht sicher sein kann, ausgehen. Zum anderen ist da aber auch die etwas platt und klischeehaft gestaltete Kriminalgeschichte, die es nicht vermag den Leser nachhaltig zu fesseln. Die Kombination aus einer Verschwörungstheorie im Stil Dan Browns und einem kafkaesken Angriff auf die Erkenntnissicherheit des Lesers will einfach nicht recht zusammenpassen. Die beiden Elemente scheinen sich in ihrer Wirkung eher gegenseitig aufzuheben. <em>Amberville</em> ist deshalb kein schlechtes Buch – es ist aber leider eben auch kein besonders gutes.   </p>
<p><em>Tim Davys: Amberville. Kriminalroman. Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch. München: Piper 2010. 384 Seiten, ISBN: 978-3-492-25750-3, 9,95 Euro.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2804/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Das »Disaster Girl«</title>
		<link>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2562/</link>
		<comments>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2562/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 23 Mar 2010 07:01:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stephanie Müller</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kritische-ausgabe.de/?p=2562</guid>
		<description><![CDATA[Eine Frau, deren Beruf Kriegsreporterin war, die bei fast allen größeren und kleineren Kriegen des 20. Jahrhunderts vor Ort mit dabei gewesen ist und die auch noch eine Ehe mit Ernest Hemingway überstanden hat, muss tough und selbstbewusst gewesen sein. Martha Gellhorn war eine bemerkenswerte Frau, die viele unterschiedliche Facetten hatte, und doch immer an ihrem einen Ziel und ihrer Überzeugung festhielt: Sie wollte von dem Elend des Krieges berichten und die Menschen auf die kleineren wichtigen und alltäglichen Dinge aufmerksam machen, die die großen Propaganden der Mächtigen außer acht ließen. Die Propaganda erkannte sie oft als Unsinn. Sie hat ihr Leben lang Briefe geschrieben, selbst noch, als sie gegen Ende kaum noch sehen konnte. Fast ein ganzes Jahrhundert entsteht so aus Gellhorns Perspektive vor dem inneren Auge des Lesers. Politische Umbrüche, Präsidenten, Kriege, Freundschaften, Todesfälle, Liebschaften: alles fand Eingang in ihre Briefe …]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eine Frau, deren Beruf Kriegsreporterin war, die bei fast allen größeren und kleineren Kriegen des 20. Jahrhunderts vor Ort mit dabei gewesen ist und die auch noch eine Ehe mit Ernest Hemingway überstanden hat, muss tough und selbstbewusst gewesen sein. Martha Gellhorn war eine bemerkenswerte Frau, die viele unterschiedliche Facetten hatte, und doch immer an ihrem einen Ziel und ihrer Überzeugung festhielt: Sie wollte von dem Elend des Krieges berichten und die Menschen auf die kleineren wichtigen und alltäglichen Dinge aufmerksam machen, die die großen Propaganden der Mächtigen außer acht ließen. Die Propaganda erkannte sie oft als Unsinn.</p>
<blockquote><p>Ich entdeckte, daß mein Thema die Menschen sind, die herumgeschubst werden, Ungerechtigkeit, das Leiden der Opfer; und daß ich die Opfer als Menschen mochte, stetig mehr und auf alle Zeit, und daß ich die Sieger nicht ertragen konnte.</p></blockquote>
<dl style="width:209px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/03/GellhornPortrait.jpg" alt="Martha Gellhorn (Foto: © Dörlemann Verlag AG, Zürich)" title="Martha Gellhorn (Foto: © Dörlemann Verlag AG, Zürich)" width="209" height="300" /></dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Martha Gellhorn<br />
(Foto: © <a href="http://www.doerlemann.com/">Dörlemann Verlag AG</a>, Zürich)</dd>
</dl>
<p>Martha Gellhorn besaß einen wachen Verstand, war intelligent genug, um die Scheinfassaden der Politik zu durchblicken, und vor allem neugierig und abenteuerlustig, um auch hinter diese zu blicken. Sie betrachtete die Welt und beschrieb sie in ihren Artikeln für <em>Collier's</em> und <em>The Guardian</em> und eigenen Büchern, die ihre Empörung über die Zustände im Krieg und über die Verhaltensweisen einzelner Parteien widerspiegeln, auch wenn ihre »Schreie« – wie sie selbst sagt – zusammengestrichen und auf ein Minimum gekürzt seien.</p>
<p>Umso deutlicher und lauter sind diese Schreie in ihren Briefen herauszuhören. Dort nimmt sie kein Blatt vor den Mund und hält sich in keiner Weise zurück. In ihren Briefen werden allen Emotionen, ob Wut, Hass, Liebe, Freude, in ihrer jeweils puren Form Ausdruck verliehen. Caroline Moorehead, die Tochter der Gellhorn'schen Freundin Lucy Moorehead, ermöglichte durch die Herausgabe der »Ausgewählten Briefe« von Martha Gellhorn einen sehr persönlichen Einblick in deren Leben, Arbeit und vor allem auch Persönlichkeit. </p>
<p>Die am 8. November 1908 in St. Louis geborene Martha Gellhorn starb am 16. Februar 1998 in London aus eigener Entscheidung im Alter von 90 Jahren.  Sie hat ihr Leben lang Briefe geschrieben, selbst noch, als sie gegen Ende kaum noch sehen konnte. Fast ein ganzes Jahrhundert entsteht so aus Gellhorns Perspektive vor dem inneren Auge des Lesers. Politische Umbrüche, Präsidenten, Kriege, Freundschaften, Todesfälle, Liebschaften: alles fand Eingang in ihre Briefe. Und von allem wurde ein bisschen für die vorliegende Ausgabe ausgewählt. Es ist erfreulich, dass die Herausgeberin sich nicht nur auf einen Aspekt – wie etwa die Kriegsberichterstattung oder nur die Freundschaften – versteifte, sondern ein buntes Potpourri eines aufregenden und langen Lebens liefert. Kurze Zwischentexte ergänzen die Briefe und die zeitlichen Lücken, die unweigerlich bei einer Auswahl entstehen müssen. Sie dienen häufig als Zeitraffer und helfen auch bei der Einordnung von Personen und Ereignissen, auf die in den Briefen Bezug genommen wird. Leider werden in den Zwischentexten des Öfteren Briefe angesprochen, die dann entweder nicht in der Edition erscheinen oder erst mehrere Seiten später folgen. Letzteres ist verwirrend und unnötig, da die Briefe, einmal erwähnt, direkt folgen sollten. So werden in einem Zwischentext zum Herbst 1949 lange Briefe (bis zu 47 Schreibmaschinenseiten) an Marthas Geliebten David Gurewitsch erwähnt. Einer dieser langen Briefe wurde auch in das Buch aufgenommen, kommt aber erst nach vier Briefen an einen anderen Mann, in denen es um Israelreisen, Kinder, Marx, Freud und andere Dinge geht. Der Zwischentext scheint hier an die falsche Stelle gerückt worden zu sein; das einzige Manko dieser Briefsammlung. </p>
<p>Ebenso nützlich wie die Zwischentexte ist der Anmerkungsapparat, der die verwendeten Koseformen und Abkürzungen, wie angesprochene Bücher, Filme und Begebenheiten in den Briefen aufzuschlüsseln hilft. Wer würde schon auf die Idee kommen mit »Matie« die Mutter von Martha, Edna Gellhorn, in Verbindung zu bringen oder »Laus« mit Ernest Hemingway . Sollte man dennoch bei den vielen Namen und Korrespondenzpartnern den Überblick verlieren, dann kann das Orts- und Namensregister einem auf die Sprünge helfen. </p>
<h5>Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen</h5>
<p>Die Briefe selbst sind leicht, spritzig und sprühen vor Freude am Briefe schreiben. Martha Gellhorn bemerkt mehrmals, dass sie Schwierigkeiten habe, ihre Geschichten zu Papier zu bringen – nicht so sehr ihre Reportagen und Artikel, sondern viel mehr ihre Romane und Novellen. In ihren Briefen ist das jedoch schwer nachzuvollziehen, da sie sich dort einem mühelosen Plaudern hingibt, wie auch Sigrid Löffler in dem Nachwort bemerkt: »Nie wurde leichtfüßiger, federnder und eleganter über die eigene Schwerfälligkeit lamentiert.«</p>
<p>Und nicht nur über die eigene Schwerfälligkeit beschwert sie sich und damit sind sowohl Schreibhemmungen als auch gesundheitliche und physische Zustände gemeint. Ebenso kritisiert, lobt, beschimpft, richtet und ermuntert sie andere Personen, egal ob Freund oder Feind. So streitet Martha Gellhorn sich ausgiebig mit ihrem Sohn Sandy über dessen Fettleibigkeit und sein Desinteresse, sagt dem todkranken Leonard Bernstein, dass er sich zusammenreißen solle und empört sich wütend bei Gouverneur Adlai Stevenson über die amerikanische Apartheid und die amerikanischen Zustände im Jahr 1963. Ihr Brief an Stevenson endet mit den Worten: </p>
<blockquote><p>Ich wünsche Dir alles Gute, mein Junge. Und es tut mir leid, Dich betrübt zu haben; und um meiner selbst willen erst recht, Zeit mit Dir verschenkt zu haben. Deine Marty </p></blockquote>
<p>Angepasste Unterordnung und unnötige Höflichkeiten ignoriert sie, wenn sie ihren Standpunkt deutlich machen will. Für sie ist besonders auch der Journalismus eine Möglichkeit den Menschen die Augen zu öffnen, sie über Dinge in Kenntnis zu setzen, die sie sonst nicht erfahren würden und könnten. Die Leidenschaft mit der sie berichtet, geht über ihre Artikel hinaus. So erklärt sie in einem Brief an Ernest Hemingway, was für sie das Wichtigste an ihrem Beruf als Reporterin ist: »Der Journalismus ermöglicht mir, Menschen kennenzulernen, die ich sonst nie kennenlernen würde, und ich will sie kennen.« Und sie verteidigt leidenschaftlich ihre journalistische Arbeit:</p>
<blockquote><p>wenn die öffentliche Meinung überhaupt zählt, dann hat auch diese Art des Schreibens seine Berechtigung. Ich will damit nicht sagen, daß irgend etwas von dem, was ich schreibe, unmittelbar Taten nach sich zieht oder überhaupt irgendwelche Taten; ich bilde mir aber gerne ein, daß es ein gewisses Klima schafft, daß es die Leser für etwas sensibilisiert. Der zweite Aspekt ist negativ; wenn meinesgleichen nicht schreiben würde, täten es viel schlimmere Leute. Ich kann nur die Wahrhaftigkeit dessen, was ich schreibe, garantieren, ohne je zu behaupten, daß es die ganze Wahrheit wäre, denn ich kenne nie die ganze Wahrheit, und wenn, würde sie keiner drucken. Aber ich weiß, daß ich gewissenhaft und bemüht bin und nichts erfinde, und ich glaube tatsächlich, daß ich etwas negativ Nützliches tue, indem ich den Raum und das Papier benutze, die sonst von weitaus Schlimmeren in Anspruch genommen würden.</p></blockquote>
<p>Martha Gellhorn schrieb über die Große Depression, berichtete eindringlich von der Bombardierung Madrids 1937, war 1938 und 1939 in der Tschechoslowakei und erreichte einen Tag vor dem russisch-finnischen Kriegsbeginn Helsinki, wohnte kurze Zeit auf einem Kriegsschiff, reiste für die Zeitschrift Collier’s in den Fernen Osten und die Karibik und war im Mai 1945 bei der Befreiung von Dachau dabei. Bereits 1940 bemerkte sie einmal, dass sie »den Ruf des »Disaster Girl« mehr oder weniger« weghabe.</p>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/03/GellhornCover.jpg" alt="Martha Gellhorn: »Ausgewählte Briefe« (Cover)" title="Martha Gellhorn: »Ausgewählte Briefe« (Cover)" width="174" height="280" class=right />Sie wollte so dringend über den Krieg berichten, dass sie ihre Reise nach Vietnam im Sommer 1966 selbst bezahlte und nicht wie bisher ihre Auftraggeber – Zeitungen wie <em>Collier's</em> und <em>The Guardian</em>, die sich in diesem Falle weigerten. Sie könne nicht mit dem Gefühl leben, nicht alles ihr Mögliche (wenig genug) getan zu haben, um gegen den Krieg in Vietnam zu protestieren, wie sie in einem Brief an ihre Mutter im August 1966 schreibt.</p>
<p>Martha Gellhorn war eine rastlose Reisende, die von einem Krieg zum nächsten zog, um über das Elend und die Opfer zu berichten. Und wenn sie nicht an den Fronten unterwegs war, suchte sie schöne einsame Plätze, an denen sie sich niederlassen und ein Haus bauen konnte wie unter anderem in Kuba, Mexiko, Italien, Afrika und England. Wie aufregend ihr Leben war, war ihr in den seltensten Fällen wirklich bewusst. Eine Biographie oder auch Autobiographie würde diesem ruhelosen Dasein wohl kaum gerecht werden. Ihre lebendigen, emotionsgeladenen Briefe, in denen sie sich nie scheute etwas auszusprechen sind dagegen das beredte Zeugnis schlechthin. Das deutete auch Martha Gellhorn selbst an:</p>
<blockquote><p>und wenn irgend etwas übrigbleibt, auf Papier, von meinem Leben, wird es so aussehen müssen, unverbunden und zaghaft, ohne Ziel aufgeschrieben und in einem Umschlag verschickt« </p></blockquote>
<p><em>Martha Gellhorn: <a href="http://www.doerlemann.com/n/master.php?http://www.doerlemann.com/n/buchauswahldetail.php?id=453">Ausgewählte Briefe</a>. Herausgegeben von Caroline Moorehead. Aus dem Englischen übersetzt von Miriam Mandelkow. Mit einem Nachwort von Sigrid Löffler. Zürich: Dörlemann Verlag, 2009. 420 S. ISBN 978-3-908777-50-2. 24,90 Euro.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2562/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>In deutscher Tradition</title>
		<link>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2435/</link>
		<comments>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2435/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 09 Mar 2010 08:00:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N. N.</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kritische-ausgabe.de/?p=2435</guid>
		<description><![CDATA[Ein Selbstportrait ist nicht zu verwechseln mit einer Autobiographie. Maxim Biller unternimmt in <em>Der gebrauchte Jude</em> einen sehr literarischen Versuch der Selbstdarstellung. Das Ergebnis ist ein sprachlich dichtes Werk bei dem es dem Leser egal sein sollte, ob die geschilderten Anekdoten tatsächlich so stattgefunden haben. ]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Nun ist ein Selbstporträt nicht zu verwechseln mit einer Autobiographie. Dieses Faktum bemerkt der aufmerksame Leser des »gebrauchten Juden« sogleich mit dem einleitenden Satz: »Im Sommersemester 1982 ging ich lieber in den Englischen Garten als ins Thomas-Mann-Seminar.« Maxim Biller unternimmt den Versuch einer sehr literarischen Selbstdarstellung, und das gleich im doppelten Sinne. </p>
<p>Denn einmal geht es – neben dem großen Thema der jüdischen Identität – um den Werdegang zum Schriftsteller; samt Umweg über den Journalismus. Und hinzu kommt eben die stilisierte Art seines Schreibens. »Im Zug nach München dachte ich nach. Draußen war Deutschland, und drinnen war ich.« Wer solche <em>un-glaublichen</em> Sätze formuliert, dem geht es vor allem um eins: die Literatur.</p>
<p>Dazu passt auch sehr gut, dass Biller seine Retrospektive, die mehr oder weniger die Jahre 1982 bis 1989 umfasst, immer wieder durch Gespräche oder auch Gesprächsversuche mit Marcel Reich-Ranicki unterbricht. Haarklein beschreibt er seine Annäherungsversuche an Ranicki, vom ersten Interviewversuch als Hospitant bei der <em>Zeit</em>, bis zum letzten gemeinsamen Treffen. Dabei lässt er es sich natürlich nicht nehmen, dieses Verhältnis überspitzt zu pointieren. Auch kommt er im Verlaufe seines Selbstporträts immer wieder auf den jüdisch-stämmigen Philip Roth zu sprechen, welcher ihm – so berichtet Biller es zumindest – die Besonderheit seiner jüdischen Identität vor Augen führte. Somit ist Roth auch, wie Biller selbst, ein »gebrauchter« Jude – nur eine der vielen Bedeutungen, die man dem Adjektiv des Titels geben könnte.</p>
<p>Man lernt Biller als 22-jährigen Germanistikstudenten kennen, der vor allem mit Töchtern berühmter Väter befreundet ist. Gleich im ersten Kapitel stilisiert er sich zum deutschen Woody Allen. Und wie es bei seinem früheren Tempo-Kollegen Christian Kracht die Markennamen sind, die in dessen Roman <em>Faserland </em>am laufenden Band aufgezählt werden, sind es bei Maxim Biller eben die Namen kulturschaffender Persönlichkeiten: Bret Easton Ellis, Thomas Mann, Marcel Reich-Ranicki, Joachim Kaiser, George Moorse, Heiner Friedrich, Woody Allen, Böll, Handke, James Joyce. Alle auf den ersten beiden Seiten.</p>
<p>Doch einen großen, und eigentlich umso wichtigeren, vergisst Maxim Biller in seiner Reihe: nämlichen den Pseudo-Autobiographen Johann Wolfgang von Goethe. Vor etwa 200 Jahren betitelte dieser seine niedergeschriebenen Memoiren mit <em>Dichtung und Wahrheit</em> und ging dabei ähnlich vor, wie Biller es heute tut. Er bereicherte seine Erinnerung mit fiktiven Lückenfüllern und machte das symbolische Erinnern zu seinem Programm. So wie Goethe damit beginnt, die günstige Planetenkonstellation in der Nacht seiner Geburt wiederzugeben, und somit seinem Werdegang zum Dichter einen Grund zu geben, beginnt Maxim Biller damit, seinen Bekanntenkreis am germanistischen Institut zu memorieren. Wenn man so will stand also während des 19. Jahrhunderts das Schicksal in den Sternen, wogegen es heutzutage in einem Adressbuch steht. </p>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/02/biller_cover.jpg" alt="Maxim Biller: »Der gebrauchte Jude« (Cover)" title="Maxim Biller: »Der gebrauchte Jude« (Cover)" width="187" height="300" class="right" />Ein Beispiel für diese sich zum Schriftsteller stilisierende Art in Maxim Billers Selbstdarstellung ist gleichzeitig eine der schönsten Stellen des Buches und soll daher auch nicht unerwähnt bleiben: Am Abend vor seinem Umzug von Hamburg nach München sitzt Maxim in seinem Zimmer, denkt nach und hat schreckliche Angst. Vor seinem inneren Auge sieht er verschwommen seine Zukunft, ohne dass er ausdrücken könnte, was er da sieht. Dann setzt er sich an sein Klavier und spielt G, e-Moll, C, D. Immer wieder. Und singt dabei <em>I love my Leid</em>, bis schließlich der Vater hineinkommt. »I love my Leid«, das ist  sein Leitsatz, und auch wenn man dieser Entstehungsgeschichte nur schwer Glauben schenken kann – ästhetisch wertvoll und damit lesenswert ist sie allemal. </p>
<p>Bekannt wurde Maxim Biller vor allem durch seine polemische Kolumne <em>100 Zeilen Hass</em>, die in den 80er/90er Jahren in dem Popkultur Magazin <em>Tempo </em>erschien. <em>Der gebrauchte Jude</em> &#8211; das ist Maxim Biller, wie man ihn kennt und in seiner polemischen Art entweder bewundert oder hasst. Aber wer auf knapp 170 Seiten ein solch sprachlich dichtes literarisches »Selbstporträt« schreiben kann, in einer klaren und mühelosen Sprache – bei dem sollte einem eigentlich egal sein, worüber er da so schreibt und ob das überhaupt stimmt.</p>
<p><em>Maxim Biller: Der gebrauchte Jude. Köln: Kiepenheuer &#038; Witsch, 2009. 176 S. ISBN 978-3-462-03703-6. 16,95 Euro.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2435/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>»Skandale und erfundene Geschichten sind in der Filmwelt keine Kuchen«</title>
		<link>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2353/</link>
		<comments>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2353/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 23 Feb 2010 07:00:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>N. N.</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kritische-ausgabe.de/?p=2353</guid>
		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/hollywood-sign.jpg" class=right width=150 height=93 alt="Hollywood-Schriftzug (Foto: © Alexandra Bucurescu/PIXELIO)" title="Hollywood-Schriftzug (Foto: © Alexandra Bucurescu/PIXELIO)" />Ben Hecht. Ein Name, der vielleicht nicht jedem bekannt ist, aber hinter dem sich eine Erfolgsgeschichte verbirgt, die den amerikanischen Traum beschreibt, wie er in den Köpfen der Menschen verankert ist. In der Folge seines Lebens arbeitete er an sechzig Filmen, u.a. an Howard Hawks' <em>Scarface</em>, Alfred Hitchcocks <em>Spellbound</em> und <em>Notorious</em>, sowie an Billy Wilders <em>Extrablatt</em> und lieferte Ideen für fünfzig Hollywood-Produktionen in denen sein Name nicht auftaucht. Der, im Gegensatz zu Deutschland, in Amerika deutlich bekanntere Drehbuchautor hat nach Jahren in Hollywood ein zweiseitiges Verhältnis zu der gigantischen Filmfabrik, wie in dem Buch <em>Von Chicago nach Hollywood</em> deutlich wird.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>Dreißig Jahre Hollywood – und ein guter Film in drei Jahren, das war die Ausbeute. Zehn gute unter zehn tausend. Vielleicht wären bessere Filme entstanden, wenn es keine Filmindustrie gegeben hätte. Wäre nicht eine kleine Gruppe von Buchhaltern über Hollywood hergefallen und hätte das Kino in eine Müllindustrie verwandelt, dann wäre Hollywood vielleicht zum Zentrum einer neuen menschlichen Ausdrucksform geworden.</p></blockquote>
<p>Ben Hecht. Ein Name, der vielleicht nicht jedem bekannt ist, aber hinter dem sich eine Erfolgsgeschichte verbirgt, die den amerikanischen Traum beschreibt, wie er in den Köpfen der Menschen verankert ist. Er lebte von 1896 bis 1964 und war Journalist und Drehbuchautor. Er stammte aus einer jüdischen, aus Russland immigrierten, Familie und wurde in einem jüdischen Viertel in New York geboren. Gegen den Willen seiner Mutter wollte der 16-jährige Ben nicht an der Universität studieren und kam relativ früh in Berührung mit dem Journalismus. Außerdem schrieb er damals Kurzgeschichten, Romane und Theaterstücke. Nach einiger Zeit begann er zudem Drehbücher zu schreiben und schaffte es bis nach Hollywood. In der Folge seines Lebens arbeitete er an sechzig Filmen, u.a. an Howard Hawks' <em>Scarface</em>, Alfred Hitchcocks <em>Spellbound</em> und <em>Notorious</em>, sowie an Billy Wilders <em>Extrablatt</em> und lieferte Ideen für fünfzig Hollywood-Produktionen in denen sein Name nicht auftaucht. Der im Gegensatz zu Deutschland in Amerika deutlich bekanntere Drehbuchautor hat nach Jahren in Hollywood ein zweiseitiges Verhältnis zu der gigantischen Filmfabrik, wie in dem Buch <em>Von Chicago nach Hollywood</em> deutlich wird.</p>
<dl style="width:300px; float:right; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/hollywood-sign.jpg" width=300 height=185 alt="Hollywood-Schriftzug (Foto: © Alexandra Bucurescu/PIXELIO)" title="Hollywood-Schriftzug (Foto: © Alexandra Bucurescu/PIXELIO)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Markenzeichen und Sinnbild: Der Hollywood-Schriftzug<br />
(Foto: © Alexandra Bucurescu/<a href="http://www.pixelio.de/">PIXELIO</a>)</dd>
</dl>
<p>Es ist eine in zwei Kapitel gegliederte Sammlung von ausgewählten Texten aus Ben Hechts 1954 erschienener Autobiografie <em>A Child of the Century</em> sowie aus den Erzählbänden <em>1001 Afternoons in Chicago </em>und <em>The Collected Stories of Ben Hecht</em>. Das Kapitel »Chicago« behandelt die jungen Jahre und das journalistische Wirken Hechts, das Kapitel »Hollywood«, stellt seine Erfahrungen als Drehbuchautor dar und beschreibt Hollywood aus seinen Augen. Abgeschlossen wird das Buch mit einem informativen Nachwort von Helga Herborth, das interessante biografische Aspekte aus Hechts Leben in Bezug auf Episoden darstellt und dem Leser eine gute Orientierungshilfe ist.</p>
<p>Der 16-jährige Hecht kommt durch seinen Onkel zufällig zum Chicago Daily Journal. Dort fühlt er sich zunächst überflüssig, begeistert sich aber zunehmend am Sensationsjournalismus. Bald sind mysteriöse Morde und kriminelle Zufälle sein tägliches Arbeitsgebiet. Sein journalistisches Material eignet er sich dabei nicht immer auf legalem Wege an und gerät zunehmend in Schwierigkeiten mit der Polizei. Doch trotz oder gerade wegen dieser Strapazen genießt er es, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, alles zu beobachten und einer der ersten zu sein, der etwas Sensationelles erfährt und für die Zeitung ein Foto oder Ähnliches ergattert.</p>
<p>So vergehen Jahre, in denen Hecht zwar ungewöhnliche Geschichten erlebt, aber so wenig verdient, dass er an der Grenze des Existenzminimums lebt. Eines Tages bekommt er ein Schreiben von Herman Mankiewics, der ihn nach Hollywood mit der Begründung lockt, dass seine einzigen Konkurrenten bloß »Idioten« seien. Hecht lässt sich die Chance nicht entgehen und macht sich in Hollywood schnell einen Namen. </p>
<p>Nach und nach werden von ihm unterschiedliche Hollywoodberufe beschrieben und kritisiert. Er erzählt von gierigen Produzenten und Studioleitern, von Autoren und Regisseuren, die ihre Kreativität nicht entfalten können und von überbezahlten Schauspielern. Lediglich die Kameramänner sieht er noch als wahre Künstler. </p>
<blockquote><p>Mir der liebste unter meinen Hollywood-Kollegen war weder Autor noch Regisseur, noch Studioboss, sondern Kameramann Lee Garmes. Lee führte mich in die wahre Magie der Filmwelt und ihr technisches Potential ein. […] Für ihn war die Kamera ein Pinsel, er malte mit ihr; aber in seiner Malerei lag das Wissen um Hunderte von Fallgruben, die im Filmemachen verborgen sind.</p></blockquote>
<p>Den Höhepunkt des Absurden erreicht die Hollywoodgeschichte über Daisy Marcher: Als eines Tages der Agent Orlando Higgins, ein Freund Hechts, erfährt, dass das Drama <em>Eine sündhafte Frau</em>, welches er nicht mal für lesenswert hielt, aus Versehen an die Empire Studios geschickt wurde und von den Bossen Hollywoods als ein Meisterwerk gefeiert und sogleich gekauft wird, versteht Higgins die Welt nicht mehr. Als er nach langer Zeit endlich die Autorin ausfindig machen kann und sie persönlich kennenlernt, steht ein kleines Mädchen vor ihm. Dieses Kind erzählt nacheinander immer wieder neue abenteuerliche Geschichten über sich und schnell wird Higgins die Kreativität und Fantasie des Mädchens klar. Folglich beginnt ein Katz und Maus-Spiel mit den Bossen Hollywoods, die auf keinen Fall erfahren sollen, dass das von ihnen gekaufte Drama von einem kleinen Kind geschrieben worden ist. Dieses Drama wird schließlich verfilmt, bevor die Empire Studios schockiert feststellen müssen, wer die Autorin tatsächlich ist. Diese Geschichte ist nur ein Beispiel für viele kuriose Erzählungen in Hechts Werk.</p>
<p>Das Buch ist eine knappe, auf ca. 140 Seiten komprimierte Darstellung der großen Welt Hollywoods, basierend auf subjektiven Erfahrungen Hechts. Er schildert seine persönlichen Erfahrungen sehr detailliert und betrachtet Hollywood nicht nur als Drehbuchautor, sondern auch als kritischer Journalist. Er scheut sich nicht, Namen zu nennen und Illusionen über Hollywood zu zerstören. Viel mehr möchte er das Künstlertum in Kontrast zu dieser Filmindustrie stellen und die Ehrfurcht vor dem Riesen Hollywood nehmen. Das Buch ist nicht als Biografie zu lesen, da zwischen den Geschichten nicht nur inhaltliche und zeitliche Sprünge bemerkbar sind, sondern auch weil Hecht neben seiner Geschichte auch die von anderen interessanten Persönlichkeiten erzählt.</p>
<p>Vieles wird ausgesprochen, was sich der Leser sowieso über Hollywood denkt, anderes aber wirkt sehr überraschend, teilweise gar übertrieben vereinfacht und unrealistisch, wie zum Beispiel die Geschichte von Daisy Marcher. Die Sprache ist sehr einfach, humoristisch, teils ironisch, offen, bildlich und sehr lebendig. </p>
<blockquote><p>Skandale und erfundene Geschichten sind in der Filmwelt keine Kuchen, sondern das tägliche Brot. Der Ort ist ein wildes Gestrüpp aus großspurigen Legenden und Sindbadschen Anekdoten. Hunderte von Publicity-Abteilungen arbeiten vierundzwanzig Stunden am Tag daran, die Verrücktheiten aus Hollywood herauszupumpen und sie der übrigen Welt zum Fraß vorzuwerfen.</p></blockquote>
<p>&nbsp;</p>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/hecht-cover.jpg" class=left alt="Ben Hecht: »Von Chicago nach Hollywood« (Cover)" title="Ben Hecht: »Von Chicago nach Hollywood« (Cover)" />In der übersichtlichen Aufmachung des Buches mit kurzen Unterkapiteln spiegelt sich auch der Sprachstil wider. </p>
<p>Nicht nur für diejenigen, die mehr über die Person Ben Hecht und das was sich hinter den Kulissen Hollywoods abspielt erfahren möchten, ist <em>Von Chicago nach Hollywood</em> ein lesenswertes Buch, sondern auch für solche, die einfach eine leichte, amüsante Geschichte einer außergewöhnlichen Künstlerkarriere lesen möchten. Die Offenheit des Autors trägt zur angenehmen Unterhaltung bei, so dass das Buch dem Leser, ohne ihn zu überfordern oder ihn mit langweiligen Daten und unnötig komplizierter Terminologie, Wissenswertes und Interessantes vermittelt.</p>
<p><em>Ben Hecht: Von Chicago nach Hollywood. Erinnerungen an den amerikanischen Traum. Ausgewählt, aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Helga Herborth. Berlin: Berenberg Verlag, 2009. 152 Seiten. ISBN 978-3-937834-35-1. EUR 19,00.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2353/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Mindestens gut geklaut</title>
		<link>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2489/</link>
		<comments>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2489/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 13 Feb 2010 07:00:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stephan Rauer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kritische-ausgabe.de/?p=2489</guid>
		<description><![CDATA[Gerade noch wurde Helene Hegemann mit ihrem neuen Roman in den Feuilletons durchgejubelt, dann wurden vor allem die nicht deklarierten Leihnahmen aus anderen Texten diskutiert. Bei all dem übertönt die lärmende Zustimmung wie auch Ablehnung Ratloses.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Gerade noch wurde Helene Hegemann mit ihrem neuen Roman in den Feuilletons durchgejubelt, dann wurden vor allem die nicht deklarierten Leihnahmen aus anderen Texten diskutiert. Bei all dem übertönt die lärmende Zustimmung wie auch Ablehnung Ratloses: »Was man heraushört, ist weniger die Stimme irgendeiner Generation als vielmehr das Grundgeräusch unserer Gegenwart« schreibt Ursula März in der <a href="http://www.zeit.de/2010/04/L-B-Hegemann?page=all"><em>ZEIT</em></a>, »Sie kippt uns eine ganze Wagenladung brennender Intensität vor die Füße, einen großen Haufen von dem, was man gleichermaßen als ihr Innerstes oder das Rauschen der Gegenwart verstehen kann« – Peter  Michalzik in der <a href="http://www.fr-online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/literatur/?em_cnt=2262228&#038;"><em>Frankfurter Rundschau</em></a>.  Airen wiederum, aus dessen Buch Hegemann eine erkleckliche Reihe von Textausbaustein entnommen hat, <a href="http://www.faz.net/s/RubD3A1C56FC2F14794AA21336F72054101/Doc~E88A9CA72ADE445F390437D064F10C598~ATpl~Ecommon~Scontent.html">äußert sich  nüchterner</a>: »Ich habe ihren Roman gelesen, es ist genau die Art von Buch, die ich gern lese, aber es wäre auch ohne meine Stellen cool gewesen. Ich würde gern wissen, was Helene Hegemann gedacht hat. [...] Das ist kein Roman, das ist mein Leben gewesen. Ich habe mir das nicht ausgedacht. Helene Hegemann hat das nicht erlebt. Ich habe das so erlebt.«</p>
<p>Folgerichtig war insofern, dass Hegemann <em>ihren</em> Text als »Roman« ausweist, wie auch damals schon, in manchem vielleicht vergleichbar, Lebert sein <em>Crazy</em>, Kracht sein <em>Faserland</em>, Stuckrad-Barre sein <em>Soloalbum</em> usw., alles »Romane«. Wenn aus Frau Kegler, der Leiterin der Potsdamer Montessori-Schule, die Hegemann nach der 10. Klasse verlassen hat, im Roman Frau »Pegler« wird, wird allerdings hier vielleicht ein Roman zum »Roman«? Natürlich spielt dieser Text auch mit den voyeuristischen Erwartungen des Publikums. Dass das Spiel so gut funktioniert, hat v.a. zwei Gründe:  (a) die ungewöhnliche (mit 17 sehr junge, Tochter aus Berliner In-Group-Kulturkreisen) = interessante Autorin und (b) die Erfahrungswelt des Textes.</p>
<p>(a) geschenkt, also gleich zu (b): Mifti verfasst mit 16 ein Tagebuch, im Zentrum steht der Versuch, sich »bei mir selbst dafür entschuldigen« zu wollen, dass »all die meinem späteren Ich gegebenen Versprechungen von irgendeinem tauben Wind in Stücke gerissen werden.« Nach dem Tod ihrer Mutter ist sie vor 3 Jahren in die Stadt ihres Vaters (kulturschaffend) nach Berlin gezogen, wo sie mit zwei Halbgeschwistern in einer WG lebt, sich nicht aufraffen kann, zur Schule zu gehen, unglücklich verliebt ist in Ophelia, eine 30 Jahre ältere Frau, durch Tage und Partys stürzt, und dabei ständig Sex mit wechselnden Zufallspartnern und Drogen konsumiert. Als sich Ophelia auf Miftis erstem Heroin-Trip von ihr trennt, gibt diese dem Werben der 20 Jahre älteren Alice nach und rekapituliert in einer masochistischen Bondageszene noch einmal die grauenhafte Geschichte mit ihrer Mutter. Von der Familie sagt sie sich los, als sich herausstellt, dass diese ihr Tagebuch (= wohl diese Aufzeichnungen) gelesen haben und mit ihr reden wollen: »Mifti«, sagt der Vater, »ich muss mit dir, obwohl &#8230;«</p>
<p>Eingerahmt wird diese Handlung einer jugendlichen Nichtbefreiung in sehr viel »Kotze«, »bis zum Getno« und Verbalphantasien über Massen- und Kindervergewaltigungen, von einem das Kinderzimmer erinnernden Alptraum am Anfang und einem Brief der Mutter am Ende. Die einzelnen Kapitel sind mit Mottos aus Songs, Foster Wallace oder Franz Beckenbauer versehen und in sich geschlossen: so beschreibt ein Kapitel die Schule (anhand eines seltsamen KZ-Besuchs in Sachsenhausen), ein anderes die Geschichte mit der Mutter, das längste den Heroin-Trip usw.</p>
<p>Vor allem aber führt Hegemann eine Haltung vor: Es geht um die Absage an Konventionen. Gemeint sind Konventionen aller Art: Sex- und Beziehungskonventionen, Jungseinskonventionen, Karriere- und Sinn-Konventionen, Moral- und Linke-Weltanschauungskonventionen, Modekonventionen, Erklärungskonventionen, wohl auch Urheberrechtskonventionen. Das ist radikal gemeint und steht so  in etwa auch auf dem Umschlag des Buches.</p>
<p>Zum Glück aber, und deshalb ist das Buch wohl doch gut, ist es nicht radikal gemacht. Zwar gibt es formalen Schnickschnack der Art, wie dass das »Vorwort« erst als drittes Kapitel auftaucht, SMS und Mail- Verkehr eingefügt sind, die letzten Kapitel atemlos kurz gehalten sind usw., aber Hegemann verzichtet (von etwa dem etwas überambitionierten Fremdwortverschleiß abgesehen) fast völlig auf eine stilistische Aufmotzung ihres Textes. Stattdessen vertraut sie auf die Kraft ihrer Sätze und Dialoge. Und die sind gelegentlich, öfter, erstaunlich. Um irgendein Beispiel zu nehmen:</p>
<blockquote><p>Pörksen über mir, meine Palettenstrumpfhose an meinen Fesseln. In dieser Position lasse ich mich aus diversen Gründen wahnsinnig lange in den Mund ficken. Als die Sonne aufgeht, läuft mir sein warmes Sperma die Kehle runter. Es ergießt sich über mein ganzes Gesicht, das hat komischerweise was ziemlich Opernhaftes. Ich drehe den Kopf ganz langsam ein Stück nach links.</p></blockquote>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/02/hegemann_cover.jpg" alt="Helene Hegemann: »Axolotl Roadkill« (Cover)" title="Helene Hegemann: »Axolotl Roadkill« (Cover)" width="145" height="220" class="right" />Was zum Beispiel hier Konventionen glaubhaft und kraftvoll abwehrt, ist eben nicht das warme Sperma in der Kehle, sondern das »aus diversen Gründen« und das »was ziemlich Opernhaftes«, als die »Sonne aufgeht«. So ist das oft in dem Buch, viele Momente und Formulierungen sind – ja was eigentlich? »schön«? »glaubhaft«? »intensiv«? Weiß nicht genau. Jedenfalls respekteinflößend.</p>
<p>Und das, um auf den Anfang zurückzukommen, macht mich Älteren, der so nie jung war, nicht weniger ratlos als die sonstigen Jubler. Plötzlich kommen einem die eigenen Hände, mit denen man beim Lesen ständig psychologisierend, pädagogisierend, kultur- und gesellschaftskritisierend eingreifen möchte irgendwie unpassend vor: zu plumpzutraulich, zu kaltverschwitzt, zu mitleidfremd. Es ist manchmal eine Traurigkeit in diesem Roman (und eben nicht »Roman«) in einem »irgendwie tauben Wind«, die einen ratlos lässt, ohne zu Sentimentalität zu verpflichten. Das geht. Das ist irgendwie manchmal sogar schön. In dieser Hinsicht Hochachtung also. Und wenn es alles geklaut wäre, Satz für Satz von irgendwoher, dann wäre es doch wenigstens – gut geklaut.</p>
<p><em>Helene Hegemann: Axolotl Roadkill. Berlin: Ullstein, 2010. 208 Seiten. ISBN 978 3-550-08792-9. 14,95 Euro.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2489/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Pssst! – Gedenkminute an einen großen Schriftsteller</title>
		<link>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2339/</link>
		<comments>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2339/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 02 Feb 2010 07:00:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Lena Sundheimer</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kritische-ausgabe.de/?p=2339</guid>
		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/Federman.jpg" width=150 height=103 class= right alt="Raymond Federman (Foto: © Weidle Verlag)" title="Raymond Federman (Foto: © Weidle Verlag)" />Raymond Federman wurde am 15. Mai des Jahres 1928 im beschaulichen Montrouge geboren. Die ersten Jahre seines Lebens jedoch spielten sich weitgehend in der französischen Metropole schlechthin ab. Schon als Kind lebte er mit seinen Eltern in Paris, von wo er aufgrund eines furchtbaren Kriegserlebnisses jedoch bald fliehen sollte.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<dl style="width:300px; float:right; padding:2px 0px 6px 6px; margin:2px 0px 6px 6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/Federman.jpg" width=300 height=205 alt="Raymond Federman (Foto: © Weidle Verlag)" title="Raymond Federman (Foto: © Weidle Verlag)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Raymond Federman<br />
(Foto: © Weidle Verlag)</dd>
</dl>
<p>Raymond Federman wurde am 15. Mai des Jahres 1928 im beschaulichen Montrouge geboren. Die ersten Jahre seines Lebens jedoch spielten sich weitgehend in der französischen Metropole schlechthin ab. Schon als Kind lebte er mit seinen Eltern in Paris, von wo er aufgrund eines furchtbaren Kriegserlebnisses jedoch bald fliehen sollte. Im Jahre 1942 nämlich wurden zahlreiche Razzien durch die französischen Kollaborateure in der Hauptstadt durchgeführt, die zum Ziel hatten, sämtliche Pariser Juden zu erfassen und in Konzentrationslager zu deportieren. Eine dieser Razzien traf auch die Familie Federman. Mithilfe seiner Mutter gelang es Raymond allerdings, sich in einer Abstellkammer versteckt zu halten, während sein Vater, seine Mutter und seine beiden Schwestern von den Polizisten abgeführt wurden um nach Ausschwitz deportiert und später vergast zu werden. Diese traumatische Erfahrung bestimmt das gesamte Werk Federmans. Sein œuvre ist geprägt von der Erfahrung des Holocausts und dem Gefühl der Einsamkeit, aber auch der Auserwähltheit, da einzig er der Deportation und dem sicheren Tode entkommen konnte. Schuld und Verlassenheit sind daher die zentralen Themen in den Romanen des jüdischen Schriftstellers. Trotz des tiefsitzenden Traumas und der stets im Raum stehenden Frage »Warum?« zeugen seine Texte aber auch von Lebensfreude, die er der Nazimacht und seinen Erfahrungen mit derselben gegenüberzustellen vermag. Seine Liebe zum Leben und seine stets bewahrte Kindlichkeit fungieren geradezu als Antwort und als Antithese auf die Greuel des Faschismus, die er am eigenen Leibe erfahren musste.</p>
<h5>Aufbruch in die Neue Welt </h5>
<p>Bald schon zieht es Federman jedoch ins Ausland. Wie viele andere europäische Juden emigriert er im Jahre 1947 in die USA, wo er sich zunächst mit Gelegenheitsjobs, etwa als Jazz-Saxophonist, verdingt. Später arbeitet er in Tokio als Übersetzer für die US Army, da er sich dadurch ein Stipendium für ein Universitätsstudium erhofft. Nach Annahme der amerikanischen Staatsbürgerschaft im Jahre 1953, beginnt er das Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaften an der University of Columbia. Im Anschluss an den erworbenen Master of Arts, übernimmt er eine Dozentenstelle an der University of Santa Barbara. Seine Doktorarbeit über den ihm freundschaftlich verbundenen Samuel Beckett folgt fünf Jahre darauf, im Jahre 1963. Auch nach seiner Promotion bleibt Federmann der akademischen Laufbahn zugetan und lehrt zukünftig an der University of New York in Buffalo. Neben seiner Lehrtätigkeit steht für Federman aber vor allem eins im Vordergrund: das Schreiben. Federman sieht sich dabei nicht bloß als Erzähler, sondern auch als Begründer einer neuen Literaturbewegung. In <em>Double or Nothing</em> etwa, gelingt es ihm, Prosa mit konkreter Poesie zu verbinden. In den 70er Jahren kreiert er zudem den Begriff der <em>Surfiction</em>, worunter er Literatur versteht, die die Fragen von konstruierter, bzw. imaginierter Wirklichkeit thematisiert. Sie versucht nicht etwa, die Wirklichkeit so abzubilden, wie sie tatsächlich ist, sondern nähert sich den Ideen der Postmoderne und verschreibt sich vornehmlich der Metafiktion, also der Thematisierung des Schreibprozesses selber. Dies wird vor allem dort deutlich, wo der Autor den Leser mit einbezieht und seine eigene, parallel entstehende Erzählung kommentiert:</p>
<blockquote><p>
Federman, hör auf, uns zu erzählen, daß du uns deine Kindheit erzählen wirst, und erzähle. Du wirst uns nicht wieder Bocksprungprosa machen voller Abschweifungen in den Abschweifungen.</p>
<p>Was glaubt ihr denn? Daß ich meine Kindheit chronologisch erzähle? Schön wär's. Ich habe es schon soundso oft gesagt, die Chronologie hält mich auf, und von Logik verstehe ich 	nichts.</p>
<p>Außerdem, was von meiner Kindheit in meinem Kopf übrig ist, das sind nur Bruchstücke, Erinnerungsreste, für die eine Form improvisiert werden muß.</p>
<p>Gut, ich versuche trotzdem weiterzumachen.</p></blockquote>
<p>Auch wenn Federman erst im Alter von 20 Jahren des Englischen mächtig wird, begreift er seine aus der Emigration resultierende Zweisprachigkeit als enormen Zugewinn für sein literarisches Werk. Einige seiner Romane verfasst er auf französisch, andere auf englisch. Gelegentlich versucht er sich selber an den Übersetzungen und bewacht diese aufs strengste. Ähnlich wie sein Freund Samuel Beckett, vermag Federman mit der Sprache und ihren Möglichkeiten zu spielen wie kaum ein anderer zeitgenössischer Autor. So auch in seinem letzten Roman <em>Pssst – Geschichte einer Kindheit</em>. </p>
<h5>Krönender Abschluss eines Lebenswerkes</h5>
<p>Der Roman bedient sich einer an Laurence Sterne erinnernden Erzählweise, da Federman bewusst auf eine chronologische Darstellung seiner Kindheitserlebnisse verzichtet, um stattdessen rein assoziativ oder in Form von Anekdoten zu berichten. Der Autor erzählt in seinem autobiografischen Roman davon, wie seine Mutter ihn in einer Abstellkammer versteckte, wie er erleben musste, dass seine gesamte Familie von den französischen Kollaborateuren der Gestapo abgeführt wurde, wie er nach einem dunklen und angsterfüllten Tag aus seinem Versteck gekrochen kam, um das Elend und die Verwüstung der Deportation mit anzusehen. Federman erinnert sich in <em>Pssst!</em> aber vornehmlich an die Zeit vor diesem grauenhaften Erlebnis, an das abenteuerliche Leben seines spielsüchtigen Vaters, der zahlreiche Liebschaften pflegte, an die Fürsorge und Liebe seiner Mutter, die ihm zum Geburtstag trotz ihrer Armut einen Schokoladen-Éclair kaufte, an seine beiden Schwestern, die gemeinsam auf dem Küchenboden schlafen mussten. </p>
<p>Bemerkenswert ist, wie Federmann es vermag, diesen eigentlich sehr tristen und tragischen Stoff dem Leser verdaulich zu machen, indem er ihn durch zahlreiche Anekdoten komisch zu durchsetzen versteht. Dies tut er mit einer geradezu kindlichen, typisch französischen Leichtigkeit, die man auch  bei Autoren wie etwa Eric-Emmanuel Schmitt, Francois Lelord oder Antoine de Saint-Exupéry bewundern kann, da sie schwierige und tiefgreifende Themen mit einer erfrischenden Einfachheit behandelten. Auch Federman bedient sich dieser Légèreté, etwa wenn er von dem ekelerregenden Kackeimer berichtet, der nachts über von der Familie benutzt wird, da sich die Toilette auf dem Hof befindet, und den er allmorgendlich ausleeren muss:</p>
<blockquote><p>Ach ja, ich werde von diesem Eimer erzählen, er hat so sehr zu meiner Kindheit gehört. Was habe ich nicht jeden Morgen geschimpft, bevor ich diesen ekelhaften Eimer voller Kacke und Pisse hinunterbrachte, und gemault, es sei nicht gerecht, immer ich müsse diese Dreckarbeit machen. [...] Jeden Morgen bin ich also mit diesem Emailleeimer in der Hand die drei Stockwerke hinuntergegangen, um ihn im Abort hinten im Hof auszuleeren. Ich mußte aufpassen, daß ich mich nicht vollspritzte, wenn ich den Eimer ausleerte, sonst hatte ich die Schuhe und die Beine voller Scheiße.</p></blockquote>
<p>Dieser und ähnlichen Episoden mangelt es an jeglichem Schamgefühl, was aber wiederum die Kindlichkeit und Naivität des Erzählers zum Ausdruck bringt und angenehm authentisch wirkt.  Auch die Behandlung eben trivialer Tätigkeiten und Vorkommnisse tragen zu dieser Authentizität des Romans bei und vermittelt die Geschichte der Pariser Okkupation durch die Nazis greifbarer als jedes Geschichtsbuch dies tun könnte. Ähnlich wie in dem <em>Roman eines Schicksallosen </em>von Imre Kertész oder dem Film <em>Das Leben ist</em> schön von Roberto Benigni wird die Naziherrschaft mit den gutgläubigen und beschönigenden Augen eines Kindes gesehen, welche die Schrecken des Régimes zwar naiv betrachten, ohne jedoch die Greuel des Holocausts zu verharmlosen. Die Löffel-Episode etwa, während derer Raymond feststellen muss, dass die Familie eines Schulkameraden nach der Deportation seiner Familie, das der Mutter so teure Tafelsilber entwendet hat, lässt den Erzähler verstummen und schockiert ihn zutiefst: </p>
<blockquote><p>MF. Das sind die Initialen, die ich auf dem Löffel sehe. Und plötzlich wird mir klar, daß ich einen Löffel in der Hand halte, der meiner Mutter gehörte. [...] Die Nachbarn und die Leute aus dem Viertel aber, die hatten vor nichts Achtung. Sie haben alles zu sich transportiert, sobald man uns abtransportiert hatte. Und so geriet der silberne Löffel meiner Mutter auf den Eßtisch von Monsieur und Madame Laurent. Ich bin noch einen Augenblick mit erhobener Hand sitzen geblieben und habe auf den Löffel gestarrt. Dann habe ich ihn langsam auf den Tisch zurückgelegt. Ich bin aufgestanden. Ich habe nichts gesagt. Sie waren alle über ihre Suppe gebeugt. Ich stand einen Moment da, dann bin ich gegangen, ohne die Tür zuzuschlagen. Ich habe das beklemmende Schweigen hinter mir gespürt, als ich sie zugemacht habe.</p></blockquote>
<p>In dieser Episode wird zudem deutlich, dass Federman sich nicht an die gültigen Klischees hält und davon Abstand nimmt, die Welt in Schwarz und Weiß zu zeichnen. Die Nazis etwa werden nicht nur negativ porträtiert, teils sogar, wie etwa auf dem französischen Land, werden sie als durchaus umgängliche Menschen dargestellt, welche die Familie Federmann mit Kohle und Lebensmitteln versorgen, da der Vater Raymonds mehrere Sprachen beherrscht und sich schnell mit ihnen anfreundet. So beschreibt das Kind Federman die Zeit in Argentan als die »wenigste unglückliche Zeit meiner Kindheit« und betont, dass die Familie besser dort geblieben wäre, anstatt nach Paris zurückzukehren.</p>
<p>Neben dieser gnädigen und milden Zeichnung einiger deutscher Besatzer, scheint die Darstellung des jüdischen Onkels recht hart und kritisch auszufallen und den typisch antisemitischen Klischees zu entsprechen. Onkel Léon nämlich ist ein Schneider mit äußerst betuchten Kunden. Er ist ein Snob und Geizhals, der die Familie Raymonds zwar in seinem Haus wohnen lässt, sie aber nie zum Essen einlädt oder sie an seinem Reichtum teilhaben lässt. Er zwingt Raymond sogar ab und zu für ihn zu arbeiten, da ein »Dussel« wie er das lernen müsse.</p>
<h5>Die Welt in all ihren Schattierungen</h5>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/federman-cover.jpg" alt="Raymond Federman: »Pssst! Geschichte einer Kindheit«" title="Raymond Federman: »Pssst! Geschichte einer Kindheit«" class=right />Auf diese Weise evoziert Raymond Federman in seinem letzten Roman ein äußerst ehrliches und authentisches Bild, welches sich ganz auf seine Erinnerungen und persönliche Erfahrungen stützt, nicht aber auf die vorgefertigten und gängigen Bilder, die jeder von uns über den zweiten Weltkrieg und seine Ursachen im Kopf hat. Er zeigt auf, dass Gutes und Böses jedem Menschen, jeder Nation, jedem Volk innewohnen und warnt somit vor Pauschalierungen, die versuchen, alles über einen Kamm zu scheren. <em>Pssst!</em> ist ein bemerkenswertes Buch voller Anekdoten, aber auch Traurigkeiten, welches ein facettenreiches Spektrum der 30er und 40er Jahre dieses Jahrhunderts aufbietet und eine völlig neue Sicht auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges ermöglicht, eine Sicht in der nicht bloß eine böse Seite und eine gute existieren, sondern in der sich die Kategorien in jeder Figur aufs Neue vermischen. Sein letzter Roman, ebenso wie das Gesamtwerk Raymond Federmans gemahnt an die grausame europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts, an die Fehlbarkeit jedes Einzelnen, aber auch an die Kindlichkeit und Freude, die jedem Menschenleben innewohnen. Daher wird dieses wundervolle Lebenswerk auch nach Federmans Tod im Oktober letzten Jahres nichts von seiner maßgeblichen Bedeutung verlieren.</p>
<p><em>Federman, Raymond: Pssst! Geschichte einer Kindheit. Bonn: Weidle Verlag, 2008. 200 Seiten. ISBN: 978-3-938803-10-3. 23,– Euro.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2339/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Von Tieren, Champignons und Tieren</title>
		<link>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2314/</link>
		<comments>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2314/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 26 Jan 2010 09:00:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Caroline Fuchs</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kritische-ausgabe.de/?p=2314</guid>
		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/LaimaM.jpg" width=106 height=150 class="right" alt="Laima Muktupavela (Foto: © Weidle Verlag)" title="Laima Muktupavela (Foto: © Weidle Verlag)" />In <em>Das Champignonvermächtnis</em> erzählt Autorin Laima Muktupavela uns vom Leben und Leiden der lettischen Gastarbeiterin Iva. Man kann dieses Werk als Rezeptbuch für das Leben sehen, zu jeder Situation gibt es ein Rezept, zu jedem Problem einen Lösungsvorschlag. Doch man braucht viel Durchhaltevermögen, um sich all diese Vorschläge bis zum Schluss durchzulesen …
<br />&#160;
<br />&#160;]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Bei dem Problem »Wie gestalte ich meinen nächsten Roman?« könnte der lettischen Autorin Laima Muktupavela folgendes Rezept vorgeschwebt haben: Man nehme eine aufgeweckte lettische Gastarbeiterin, die grüne Insel Irland, lettische Traditionen, Tiermetaphern, Gemüse und einige Champignons. Wenn man alles in eine Schüssel gibt, gut vermengt und es bei 180 °C in den Ofen schiebt, erhält man als Resultat <em>Das Champignonvermächtnis</em><strong>. </strong>Im Zentrum stehen Iva und ihr Lebenshunger. Der Roman beginnt mit einer Rückblende. Iva fliegt zurück nach Lettland, nachdem sie in Irland mit Schwarzarbeit auf zwei Champignonfarmen Geld verdient hat. Sie betrachtet sich im Spiegel der Flughafen Toilette und denkt an ihr zurückliegendes Jahr.</p>
<p>Dieses vergangene Jahr war sie in Irland um dort ihrer Arbeitslosigkeit und der damit verbundenen Armut zu entfliehen. Im Laufe der Erzählung erfährt der Leser, dass Iva in Lettland oft gegen die Arbeitslosigkeit kämpfen musste und dabei schon ungefähr jeden Job gemacht hat, von der Putzfrau bis zur Prostituierten. Doch obwohl man ihre Lebenssituation eher als »Über«-leben bezeichnen könnte, ist ihre Einstellung meist von Grund auf positiv. Sie jammert nicht, sondern versucht Missstände zu ändern. Iva wird von einem Lebenshunger getrieben, der es ihr verbietet aufzugeben oder ihr Leben allzu schwarz zu sehen. Die Lösung ist für sie die Reise nach Irland, obwohl sie Angst hat und kein Wort Englisch spricht. Es ist ihre letzte Möglichkeit auf ein Einkommen, denn in Lettland kann sie kein Geld verdienen.</p>
<dl style="width:211px; float:right; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/LaimaM.jpg" width=211 height=300 alt="Laima Muktupavela (Foto: © Weidle Verlag)" title="Laima Muktupavela (Foto: © Weidle Verlag)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Laima Muktupavela<br />
(Foto: © Weidle Verlag)</dd>
</dl>
<p>Leider muss Iva schnell feststellen, dass Irland nicht unbedingt besser ist als Lettland. Mit der neuen Arbeit auf einer Champignonfarm beginnt für Iva der Weg in die Sklaverei. Sie muss ununterbrochen arbeiten, sieben Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag Champignons ernten. Ihr Lohn ist gering &#8211; wenn der Bauer seine Angestellten überhaupt bezahlt. Zeitweise muss sie zwei Wochen ohne Essen auskommen. Doch auch wenn alles ungerecht ist, Iva macht das Beste aus ihrer Situation und bewahrt ihre moralischen Grundsätze. Sie packt ihre Sachen und geht einfach los, weg vom Hof, auf dem sie die Zustände nicht mehr ertragen kann, weg von ihrem Chef. Durch Zufall landet sie auf einer neuen Farm und findet wieder Arbeit. Doch auch hier ist der Farmer nur an seinem eigenen Profit interessiert und so kehrt Iva nach weniger als einem Jahr zurück nach Lettland. Mit weniger Geld im Gepäck als gedacht, aber dafür noch mit ihrer Würde.</p>
<p>Durch die Ich-Perspektive der Protagonistin bekommt der Leser Einblicke in die Gedanken einer Person, die versucht in einem unmenschlichen Umfeld, menschliche Werte beizubehalten. Die Distanz des Lesers zu Iva ist sehr gering, dennoch versteht man ihre Handlungen nur schwer. Man fragt sich zum Beispiel, wieso sie nach dem Jahr der harten Arbeit ihr Geld einer Freundin gibt. Auch ihr Humor springt nur schwer über. In einer Szene sitzt sie mit ihren Mitbewohnern zusammen, die ein Lamm von einer benachbarten Weide gestohlen haben, weil sie solch großen Hunger leiden mussten. Iva hat sich der Gruppe nicht angeschlossen, weil die Tat für sie nicht vertretbar ist. Als es dann an der Tür ihres gemeinsamen Heims klopft, denkt sie: »Oho! Wir haben einen Gast! Wer mag das sein? Vielleicht irgendein vorbeiziehender Bettler, dem man sein einziges Lamm gestohlen hat? Hahaha!« &#8211; kein Humor, der leicht nachvollziehbar ist. Zu diesem Humor gehört auch, sich einen Spaß daraus zu machen ihre Mitmenschen, in ihren Gedanken, mit Tieren oder sagenhaften Gestalten zu vergleichen. Durch diese Einblicke in ihre Gedankenwelt, offenbaren sich dem Leser Hinweise auf ihre lettischen Wurzeln. Sie vergleicht etwa zwei Männer mit lettischen Märchenfiguren und diese Namensgebung scheint ihr auch zu helfen, sich in dieser fremden Welt zu orientieren und ihr Halt zu geben.</p>
<blockquote><p>Ich muss sofort an <em>Lipsts </em>und <em>Bierns </em>denken, die beiden <em>schlauen</em> Brüder aus dem Märchen des lettischen Klassikers Rainis. Und da ich mir ihre eilig dahingemurmelten Namen nicht merken kann, drängen sich die Spitznamen fast wie von selbst auf.</p></blockquote>
<p>Der Grund für Iva, diese fantasievollen Vergleiche zu wählen, liegt wohl darin, dass ihre eigene Situation gerade so unreal ist und sich die Menschen um sie herum eher wie Tiere benehmen und nicht wie Menschen. Sie werden in kleinen Hütten zusammengepfercht, bekommen kaum zu Essen und verrohen auch im Umgang miteinander. Die Männer fordern zum Beispiel Geschlechtsverkehr von den Frauen und wollen bekocht werden. Daher gibt Iva Tipps: »Wie schreckt man als Weibchen ein aufdringliches Männchen ab?« Das Buch strotzt nicht nur bei Beschreibungen der Personen vor Tier-Metaphern, auch Eigenschaften oder Verhaltensweisen werden oft Tieren zugewiesen: »Ich muss klug wie eine Ratte sein und rechtzeitig das sinkende Schiff verlassen«, denkt sich Iva etwa, als sie abwägt, ob sie bei ihrem ersten Arbeitgeber Mr. Kenneth bleiben soll.</p>
<p>Ein weiterer Anker für Iva ist das Essen, vor allem weil sie in der ersten Zeit in Irland so oft drauf verzichten muss. Durch den Hunger kreisen ihre Gedanken oft um nichts anderes. Trotzdem behält sie in diesen Zeiten ihre Würde und zelebriert auch die kleinste Mahlzeit wie ein Festessen und beteiligt sich nicht am Mundraub ihrer Mitbewohner, die ein Lamm stehlen und schlachten. Der Roman nimmt diese besondere Bedeutung des Essens auf, indem er jedes der vierzig Kapitel mit einem Rezept beendet. Diese sind in der dritten oder zweiten Person geschrieben und wirken wie persönliche Fazits von Iva, man kann sie als Rezepte interpretieren oder als Weisheiten:</p>
<blockquote><p>Beim Essen des Auflaufs stelle man sich vor, daß Winter ist. Der Boden ist gefroren und mit einer Eisschicht bedeckt, die durch den Käse symbolisiert wird. Aber du fühlst dich geborgen, weil du weißt, daß darunter etwas steckt, das schwer zu zerstören ist: weiße Pilze und keimende Bohnen. Du bist hundertprozentig sicher, daß der Frühling kommen wird, was immer auch geschehen möge, und die verdammt trotzige Bohne wird zur Sonne emporkeimen! So wirst auch du gen Himmel fahren.</p></blockquote>
<p>Das Buch ist voll von diesen Skurrilitäten. Man liest die ersten Seiten des Romans noch mit Interesse an Ivas Lebenshunger und ihren Abenteuern. Doch irgendwann wirkt alles nur noch wie eine Wiederholung. Als Leser wartet man während der Lektüre auf mehr, auf Abwechslung, auf einen Höhepunkt. Doch all das bleibt aus. Je länger man liest, desto störender werden die Skurrilitäten und desto verwirrender die vielen Tiernamen. – Welcher Mann war nochmal welcher Vogel? – Nach der Hälfte hat man den Überblick verloren und immer kommen neue Spitznamen hinzu.</p>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/muktupavela-cover.jpg" alt="Laima Muktupavela: »Das Champignonvermächtnis«" title="Laima Muktupavela: »Das Champignonvermächtnis«" width="191" height="300" class=right />Für Iva scheint die Erfahrung in Irland nicht viel verändert zu haben. Ihr Geld gibt sie einer Freundin, somit ist sie zurück in Lettland wieder in der gleichen Situation wie vor ihrer Reise. Im letzten Satz des Buches stellt sie treffend fest: »Und noch immer riecht es nach Schweiß, Irish coffee und Lebenshunger.«</p>
<p>Das Buch hat viel Potenzial. Der Handel mit Gastarbeitern scheint ein großes Geschäft zu sein, an dem jeder verdient, außer die Gastarbeiter selbst. Doch diese Ausbeutung, der die Protagonistin sich ausgesetzt sieht und die in Europa scheinbar ohne Aufregung vor den Augen von Bevölkerung und Regierung betrieben werden kann, verschwindet hinter Tiermethaphern und Ivas Humor. Das Thema und die Hauptdarstellerin der Geschichte sind ungewöhnlich und ziehen den neugierigen Leser in ihren Bann, doch sie lassen ihn auch schnell wieder los, denn die Abwechslung und Entwicklung fehlen. Um beim Thema »Essen« zu bleiben: Die Zutaten stimmen, aber damit das Gericht schmeckt, hätte das Rezept noch einige Verbesserungen benötigt.</p>
<p><em>Muktupavela, Laima: Das Champignonvermächtnis. Aus dem lettischen übersetzt von Berthold Forssman. Bonn: Weidle Verlag, 2008. ISBN 978-3-938803-07-3. 23,– Euro.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2314/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Von der erträglichen Schwere, geliebt zu werden, aber nicht selbst zu lieben</title>
		<link>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2258/</link>
		<comments>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2258/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 18 Jan 2010 11:13:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Robert Neiser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.kritische-ausgabe.de/?p=2258</guid>
		<description><![CDATA[<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/peter-stamm.JPG" width=150 height=100 class=right alt="Peter Stamm (© Stefan Kubli)" title="Peter Stamm (© Stefan Kubli)" />Die »große« Literatur kennt mehrere Konstanten. Eine davon lautet: »Große« Literatur erzählt stets davon, wie (un)glücklich Liebende ihr Leben ihrer Liebe und der Hoffnung auf die Erfüllung dieser Liebe widmen. Mit dieser Konstante bricht Peter Stamm. Alexander, Protagonist und Ich-Erzähler von <em>Sieben Jahre</em>, fühlt sich von zwei gänzlich unterschiedlichen Frauen angezogen, die er beide nicht liebt. Sein Leben als Architekt, Vater, Ehemann, Geliebter wird dabei zur Parabel auf die Konstruktion von Liebe in Zeiten sich auflösender Familien.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die »große« Literatur kennt mehrere Konstanten. Eine davon lautet: »Große« Literatur erzählt stets davon, wie (un)glücklich Liebende ihr Leben ihrer Liebe und der Hoffnung auf die Erfüllung dieser Liebe widmen. Mit dieser Konstante bricht Peter Stamm. Alexander, Protagonist und Ich-Erzähler von <em>Sieben Jahre</em>, fühlt sich von zwei gänzlich unterschiedlichen Frauen angezogen, die er beide nicht liebt. Sein Leben als Architekt, Vater, Ehemann, Geliebter wird dabei zur Parabel auf die Konstruktion von Liebe in Zeiten sich auflösender Familien.</p>
<dl style="width:300px; float:left; padding:6px; margin:6px;">
<dt style="text-align:center; margin:0px; padding:0px;">
<img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/peter-stamm.JPG" width=300 height=200 alt="Peter Stamm (Foto: © Stefan Kubli)" title="Peter Stamm (Foto: © Stefan Kubli)" />
</dt>
<dd style="text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;">Peter Stamm<br />
(Foto: © Stefan Kubli)</dd>
</dl>
<p>Zu Beginn blickt Alexander durch das Schaufenster einer Kunstgalerie. Was er sieht, ist sein eigenes Leben. Er hat es geschafft: Ein großes Haus, eine gut aussehende Frau, eine wohlerzogene Tochter, die ihre Eltern liebt, und das Architekturbüro steht nach einer bedrückenden Insolvenz auch wieder hervorragend dar. Doch das Glück ist modrig. Die Geschichte vom Zerfall dieses Glücks ist die Erzählung selbst. Nach der erfolgreichen Ausstellungseröffnung bleibt Alexander mit Antje im Wagen sitzen. Er erzählt der besten Freundin seiner Frau, von seinem Leben. Von seinem Leben vor und mit Sonja – und von Iwona, seiner Geliebten.</p>
<p>Alexanders Erzählung setzt im Jahr des Mauerfalls ein. Dieser aber scheint von München aus weit weg. Er gehört, wie auch die übrigen Großereignisse der Folgejahre, zum Alltag aller, ohne je ganz in deren Bewusstsein vorzudringen. Doch gerade der Umstand, dass Politik und Zeitgeschehen stets nur Hintergrund bilden, trägt viel zur Aktualität des Romans bei. Zeitgeschichte heute erscheint als Zeitungsnachricht, es ist Nichts, was Menschen noch auf die Straße treibt. Obgleich Teilhaber dieser Geschichte, spricht der Erzähler vielmehr im Tonfall eines beifälligen Filmkommentars. Als Sonja tatsächlich einmal für das Gedenken an die während des Tian’anmen-Massakers ermordeten Studenten demonstriert, reagiert Alexander schlicht mit Sarkasmus. Als Sonja ihm erzählt, dass sich nach buddhistischem Glauben die Seelen der Getöteten einen neuen Körper suchen, erwidert Alexander bübisch: »Ich hoffe nur, dass deine Seele sich keinen neuen Körper sucht.«</p>
<p>Leidenschaftslos sind auch seine Beziehungen. Sonja ist weniger geliebte Ehefrau als Geschäftspartnerin. Überdies wird Alexander von ihr »erwählt«, er ist vielmehr Dulder. Ähnlich passiv beginnt auch seine Beziehung zu Iwona. Alles andere als attraktiv sitzt sie lesend und trotz der sommerlichen Temperaturen leicht verschnupft im selben Biergarten wie Alexander und seine Studienfreunde. Um sich von den Vorbereitungen auf die Diplomprüfung abzulenken, soll Alexander als Mutprobe mit Iwona flirten. Er tut es mehr widerwillig als charmant, doch wird Iwona von da an fester Bestandteil seines Lebens.</p>
<p>Obwohl inzwischen scheinbar glücklich mit Sonja verheiratet, trifft er Iwona über Jahre hinweg immer wieder. Auch wenn die streng-gläubige Katholikin keinen Sex zulässt, fühlt er sich bei ihr frei von den Zwängen der Gesellschaft. Die Unterwürfigkeit und liebende Ergebenheit Iwonas wirken auf ihn zugleich abstoßend und anziehend. Nur: ein einziges Mal kommt es dann doch zum Geschlechtsverkehr. Iwona wird schwanger und bekommt das Kind, welches sich Sonja seit langem gewünscht hat. Alexander gesteht. Sonja zeigt Verständnis und handelt pragmatisch. Sie adoptiert Sophie, und trotz kleiner Kratzer ist das Familienglück perfekt.</p>
<p>Dass das Alles ein wenig konstruiert erscheint, lässt sich wohlwollend durch den Beruf des Erzählers erklären. Aber man muss es nicht gut finden. Das Leben des Ehepaares ist allzu sehr geplant, auch und gerade im Scheitern. Sonja ist mit einem Übermaß an Vernüftigkeit versehen. Darüber hinaus gewährt der Roman den übrigen Figuren nur wenig Raum für Brüche und Abweichungen in ihren Lebensläufen. Der erfolgreiche Studienfreund Ferdi wird zum erfolgreichen Kollegenfreund und der Individualist Rüdiger weicht bloß noch ein wenig mehr vom Durchschnitt ab. Aber man merkt auch: Peter Stamm hat mehr zu erzählen als die Geschichte vom Scheitern einer bürgerlichen Kleinfamilie aus dem Münchner Architektenmilieu.</p>
<p>Das Neue und Überzeugende an <em>Sieben Jahre</em> hat zu tun mit einem Perspektivwechsel. Nicht der Liebende steht im Zentrum der Erzählung, sondern die Gewalt, die von Iwonas unerfüllter Liebe ausgeht. Wenn Gabriel Garcia-Marquez aus der Sicht Florentino Arizas erzählt, so wählt Peter Stamm Ferminas Perspektive. Alexander wird nicht zermartert von der heroischen Liebe, die allen Hindernisse trotzt und entgegen aller Vergänglichkeit unvergänglich bleibt. Was ihn zerreibt, ist das Sich-nicht-entziehen-können gegenüber Iwonas Liebe.</p>
<p>Auch eine andere große Referenz verheimlicht Peter Stamm nicht. Schon der Titel ist biblisch. Alexander ist Jakob, der für Lea und Rahel je sieben Jahre arbeitet und fortan zwischen zwei Frauen steht. Auch in der Bibel geht es nicht eigentlich um Liebe, sondern um die Gründung einer Familie, eines Stammes, gar eines Volks. Doch die Rollen haben sich verändert: Jakob verlangt es nach Rahel, Alexander sind Leidenschaften völlig fremd. Iwona wartet auf Alexander wie Jakob auf Rahel. Rahel und Sonja sind schön, Lea und Iwona gebärfreudig.</p>
<p><img src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/01/stamm-cover.jpg" class=right width=184 height=300 alt="Peter Stamm: »Sieben Jahre« (Cover)" title="Peter Stamm: »Sieben Jahre« (Cover)"/>In der Genesis stehen am Ende zwölf Kinder. So fruchtbar geht es bei Stamm nicht zu. Statt eines Volks mit zwölf Stämmen bleibt ein Kind mit zwei Müttern und einem Vater. Es bleibt die moderne Familie – die es am Romanende auch schon nicht mehr geben wird. Zum Schluss steht Alexander auf der Aussichtsplattform des Münchner Flughafens, umgeben von unvollständigen Familien: entweder die Väter oder die Mütter fehlen. Und gerade dort fühlt er sich erlöst: </p>
<blockquote><p>Ich war nicht fröhlich, aber zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich mich sehr leicht und wach, als sei ich nach einer langen Bewusstlosigkeit endlich zu mir gekommen.</p></blockquote>
<p>Das Alles wird mit Distanz und Lakonie ganz wunderbar erzählt. Dass sich dabei Erfolg und Scheitern, Zufall und Absichten wie von Zauberhand fügen, irritiert ein wenig, passt aber ins Programm. Die »große« Literatur mag Leidenschaft und Liebe kennen, das Leben trifft viel häufiger auf Alexander, Sonja und Iwona. Dabei erzählt Peter Stamm allem Scheitern zum Trotz eine fesselnde Liebesgeschichte. Und als wäre der Kommentar dazu gleich mitgeliefert, äußert der Erzähler recht früh bereits einen Halbsatz, der auf den gesamten Roman passen könnte: »&#8230; und wenn es nicht so schön gewesen wäre, wäre es mir lächerlich vorgekommen.«</p>
<p><em>Peter Stamm: Sieben Jahre. Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag, 2009. 304 Seiten. ISBN: 978-3-10-075126-3. 18,95 Euro.</em></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/2258/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
