Der Gral und die Religion
In einigen Sagen kehrt der Gral (oder bei Parzival der Stein der Weisen) wieder in den »Osten« zurück und verbleibt dort an unbekanntem Ort. Wir werfen noch einmal einen Blick auf den persischen Sufismus des Mittelalters. Sohrawardi, Ibn Arabî und Rūmī lebten eben zu der Zeit, als die Gralserzählungen geschrieben wurden.

Der Gral steht für das Göttliche in der Welt. Seine Geschichte ist ein verzweigter Mythos und gehört zur Literatur. Arthur Edward Waite schreibt in seinem 680 Seiten starken Buch The Hidden Church of the Holy Grail (1909): »Der Gedanke an die Ewigkeit steigt vom Heiligen Gral auf, ebenso wie von jeder Literatur höchster Prägung.« Am ansprechendsten sei Literatur, wenn sie nach den ewigen Dingen suche. »Ich komme also zu dem Schluss, dass der Geist der Heiligen Suche uns beim Studium der Literatur der Gralssuche ebenso begleitet, als wenn wir tatsächlich aufbrechen würden, um die Gralsburg, den Kelch, den Schwert und die Lanze zu erobern.« Spirituelle Ritter, lesende Abenteurer sind wir.
Es wird wohl nötig sein, den ganzen Sagenkreis zu durchschreiten, der zum Heiligen Gral und zu Parzival führte. Wir brauchen die äußere Handlung, erst danach können wir uns dem Geheimnis widmen. – Fangen wir bei König Arthur (oder Artus) an, der die legendäre Tafelrunde unterhielt. König Arthur ist eine mythische Figur keltischer Sagen. Er soll der Sohn von Uther Pendragon und der Königin Igraine von Cornwall sein. Der historische Arthur muss Ende des 5./Anfang des 6. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung gelebt und die sächsischen Invasoren am Hadrian-Wall bekämpft haben.
Nach meiner ersten Berührung mit der Gralssage in Rom wollte ich mehr über die Ritter erfahren. Als ich neun oder zehn Jahre alt war, las ich begierig und mehrmals einen Comic über Prinz Eisenherz, der lange schwarze Haare hatte, an der Stirn zu einem Pony geschnitten (so einen hatte ich dann auch, als ich zwanzig war). – Um sich der mittelalterlichen Ritterschaft zu näher, kann man kein besseres Buch lesen als den Ivanhoe von Sir Walter Scott, der im Jahr 1195 spielt. Vollendet wurde das Buch 1830; aber Sir Walter war ein großer Mediävist, und erst der zeitliche Abstand führt, bei allen Verzerrungen, zu einer gewissen Objektivierung.
Was steckt hinter den Schleiern? Wir verlassen nun die Welt der Frauen, Arabien und das erste Millennium, bewegen uns zeitlich voran und landen an der Schwelle des 13. Jahrhunderts. Es könnten die Jahre von 1190 bis 1210 sein. Unsere Suche nach dem Verborgenen bringt uns zum Rittertum. Das Visier ist der Schleier des Rittersmanns. Wir werden uns in den nächsten Teilen mit dem Conte du Graal von Chrétien de Troyes beschäftigen und dem Parzival des Wolfram von Eschenbach. Die große Zeit der Gralsromane sind die Jahre zwischen 1170 und 1220.
Verborgen vor der Welt beten die frommen Frauen für sie. Wie Emissärinnen wirken sie, wie eine inkarnierte Aussage der Behauptung: Es gibt ein anderes Leben und eine andere Welt! (Das gilt auch für die Mönche.) – In einigen Lehren der spätantiken Gnosis, der stärksten Gegenspielerin der christlichen Kirche in der Geschichte, wird von sieben Kleidern oder Schleiern gesprochen, die der Mensch trägt. Unter Führung des Erlösers muss der Mensch bei seinem Abschied und Aufstieg sieben Reiche durchqueren und dabei die bösen Archonten – die Wächter – überlisten oder überreden; jedes Mal wirft der Verstorbene einen Schleier ab, und nackt tritt er vor den wirklichen guten Gott.
Der Schleier, das Schweigen, die Unterwürfigkeit der Frauen – das war in arabischen Ländern nicht immer so. Die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel (1922–2003) schrieb, dass sich »die Lage der Frau im Laufe der Zeit verschlechterte, dass die einst flexiblen Regelungen sich verhärteten und Negativvorstellungen sich ausbreiteten. Die koranische Feststellung (Sura 2:228), dass ›die Männer über den Frauen sind‹, wurde zunehmend im Sinne einer Erniedrigung der Frauen ausgelegt, wodurch viele ihrer verbrieften Rechte beschnitten wurden [...] Denn je länger desto mehr setzte sich der Gedanke durch, Frauen sollten nicht lesen und schreiben lernen, obgleich bekannt ist, dass zumindest eine der Frauen des Propheten des Lesens und Schreibens kundig war.«