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Die Sinnsuche der roten Rächer

Bill Ayers zwiespältige, aber spannende Memoiren Flüchtige Tage

Spannend, fesselnd, unterhaltsam, zwiespältig, geheimnisvoll – all dies sind legitime Begriffe, um Qualitäten eines Buches zu beschreiben. Was aber, wenn das betreffende Buch kein Roman ist, kein Krimi oder Thriller? Wenn es stattdessen die Autobiografie eines Angehörigen einer militanten Untergrundorganisation, die tatsächlich existierte, ist – oder zumindest zeitweise behauptet, dies zu sein? Mittlerweile sind wir uns ja recht sicher, alles über die Generation der 68er zu wissen, was man wissen muss. Seit ihrem vierzigjährigen Jubiläum wurde ihr mit vielen, die Stereotypen oftmals bestätigenden medialen Beiträgen ein wuchtiger Sargdeckel gezimmert, allen voran durch den mythomanischen Film Baader Meinhof Komplex von Bernd Eichinger. Übriggebliebene Köpfe aus dem gemäßigten wie dem militanten Spektrum geben sich entweder der ewig gleichen Selbstbeweihräucherung hin (Rainer Langhans), sind in eine völlig andere politische Richtung abgedriftet (Horst Mahler) oder bewahren ihr arrogantes, uneinsichtiges Schweigen (Verena Becker).


Farbenfroh im Wunderland

David Chauvel und Xavier Colette ehren mit ihrer Graphic Novel einen Klassiker

Alice im Wunderland hat gerade Hochkonjunktur. In Text, Videospiel, Film und nun auch in Comicform kann man der kleine Alice bei ihren Verirrungen auf der Spur des weißen Kaninchens begleiten. Dies hätte sich wohl auch Lewis Carrol nicht träumen lassen, als er 1865 das Kinderbuch Alice’s Adventures in Wonderland veröffentlichte. Interessanterweise war die Erstausgabe des Werkes mit Illustrationen von John Tenniel versehen – die Nähe zur bildlichen Darstellung war also bereits mit in die Wiege gegeben.


Oasen des Grauens, Zoo der Blicke

Roberto Bolaños 2666 zeigt grell ins Herz der Finsternis und erklärt nichts

»Wow!«, denkt man verblüfft. Da unterhalten sich in einem Roman eines chilenisch stämmigen Autors, der wohl zur aktuellen Weltliteratur zählt, zwei Germanisten aus Spanien und Frankreich über die Frage, »wie gut doch die Deutschen schrieben, alle«. Gemeint sind beispielsweise Döblin, Trakl, Kafka, Canetti und Arno Schmidt. Dann aber zögert man schon, denn inwiefern die deutschen Autoren so gut schrieben, dazu erfährt man in dem Roman nichts weiter, nirgends. Zu Döblin beispielsweise heißt es nur, dass der junge jüdisch-sowjetische Autor Ansky 1929 Berlin Alexanderplatz entdeckt habe.


Ein Schwimmbad, zwei Männer und eine lange Geschichte

Hugo Ramnek zeigt in dem Roman Der letzte Badegast, wie ein Mensch sich in den Gedanken eines Anderen verlieren kann

schwimmbadEr kommt wie aus dem Nichts und geht ins Nichts: Der letzte Badegast, ein Fremder, der dem Bademeister im Schwimmbad einen Besuch abstattet. Er erzählt ihm unterschiedliche und absurde Geschichten, stellt keine Fragen und sein Redefluss wird lediglich durch regelmäßige Ohnmachtsanfälle des Bademeisters unterbrochen. Es sind Geschichten von seinen Eltern, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, die sich über alles stritten und den Sohn auf gegensätzliche Weisen zu erziehen versuchten. Geschichten über das Wasser und das Schwimmen und über Ungeheuer, die die Schwimmer verschluckten.


Vor dem Abriss bewahrt: Konzerthaus. Festsaal. Denkmal.

Ein kürzlich erschienener Kolloquiumsband widmet sich den verschiedenen Aspekten um die Bonner Beethovenhalle

Beethovenhalle Bonn, Außenansicht (Foto: © Hans Schafgans)Der Entschluss, die Beethovenhalle abzureißen, stand kurz bevor. Für den Neubau eines neuen Festspielhauses gab es die Wahl zwischen von zwei kostspieligen Designerikonen, von denen eine am Standort der Beethovenhalle erstehen sollte. Viele Bürger waren ratlos, es schien keine Möglichkeit zu geben ihre Stadthalle aus der Nachkriegszeit zu retten. Im April 2010 kam dann die Nachricht, dass der Oberbürgermeister und die Vorstandsvorsitzenden der drei Bonner Dax-Unternehmen die Pläne ein Festspielhaus zu bauen vorerst nicht weiter verfolgen werden. Der Unmut der Bürgerschaft und Aktionen für den Erhalt der Halle waren nicht ganz umsonst, wie sich zeigte. Erst einmal ist die Beethovenhalle der Zerstörung entgangen. Ein großes Aufatmen geht durch die Gemeinde der Bürgerinitiative »ProBeethovenhalle« und wahrscheinlich auch durch eine ganze Reihe weiterer Bonner Bürger, die die Beethovenhalle lieben gelernt und sich besonders in den letzten Monaten für ihren Erhalt eingesetzt haben.


Die Reihenfolge der Gleichzeitigkeit

Was bleibt von den Nächten zurück, die man zusammen verbringt? Ich muss zurückrechnen. Nacht für Nacht. In einer systematischen Erinnerungsarbeit, und wenn man alles noch einmal durchgeht, findet sich vielleicht der entscheidende Moment, der Augenblick, nach dem ich schon die ganze Zeit suche.

Kaszinski, der Protagonist und Ich-Erzähler in Rainer Merkels Roman Lichtjahre entfernt, spricht von der Suche nach dem Moment, von dem er glaubt, dass er die Beziehung zu seiner langjährigen Freundin Judith negativ veränderte und somit verantwortlich für ihr Scheitern ist.


lies mal, was zu deiner pubertät passt: Hubert Fichte, Törless oder Genet

Martin Büssers »junge von nebenan« – eine graphic novel

causing one to have a clear picture in the mind: Martin Büsser spielt mit dem begriff graphic novel und schmunzelt. in seinem buch der junge von nebenan wird jugendliche, vor sich hin pubertierende, also: sich ausprobierende sexualität nicht nur beschrieben, sondern auch gezeigt! so reisserisch, so schlicht.


»Sprich, Erinnerung: Was ist noch lieferbar?«

Im Rauschen der Geschichte – Oliver Storz' Roman Die Freibadclique

Die Pubertät, die Jugend, jung sein – eine Zeit dazwischen; wie sagt man so schön: nicht Fisch nicht Fleisch. Das gilt auch für den Erzähler und seine vier Freunde in Oliver Storz' Roman Die Freibadclique. Doch das »Dazwischen« geht in diesem Roman noch weiter. Sicherlich es ist nicht neu, dass die Jugend versucht, sich von der Elterngeneration zu lösen und eigene Wege zu gehen. Die Jungen des Jahrgangs 1929 jedoch grenzen sich von einer ganzen Gesellschaft ab, und sei es zunächst nur durch die Musik. Hin- und hergerissen zwischen militärischem Drill in der HJ und der »zivilen Sehnsucht« der Musik, befinden sie sich in einem Zwiespalt.


Unwillkürliche Erinnerung

Christian Kracht, Eva Munz und Lukas Nikol bringen in Die totale Erinnerung die kulturellen Errungenschaften des stolzen koreanischen Volkes auch der westlichen Welt nahe.

 © Presse- und Informationsbüro des Russischen Präsidenten, Moskau – <a href=www.kremlin.ru)" class="right" height="150" src="http://www.kritische-ausgabe.de/wp-content/uploads/2010/07/kim-jong-il-150x150.jpg" title=" © Presse- und Informationsbüro des Russischen Präsidenten, Moskau – www.kremlin.ru)" width="150" />Von Kim Jong Ils Leidenschaft für den Film ist einiges bekannt, so etwa seine eindrucksvolle Kinemathek, die weit mehr als 20.000 Filme umfassen soll. Der Westen hat sich das Wissen um die Vorliebe, die der Geliebte Führer für den Film hegt, in der Vergangenheit wiederholt zunutze gemacht, um recht offensichtliche propagandistische Lügen zu verbreiten –, so etwa die Legende um die vermeintliche Entführung des Regisseurs Shin Sang Ok, dem es Kim Jong Il, nachdem die Bedingungen im kapitalistischen Süden des Landes durch die Zensur zum Ende der siebziger Jahren unerträglich geworden waren, ermöglichte, in Nordkorea drei Filme zu drehen, die von Fachleuten mit Recht zu den besten seines Werkes gezählt werden.


»Manchmal denke ich, ich bin die Einzige in unserem Viertel, die noch vernünftige Träume hat.«

Alina Bronskys Debutroman Scherbenpark liefert brutale Nachrichten aus dem Solitär

Träume und Schicksale prallen im Solitär aufeinander. Ein Mädchen träumt blauäugig davon, dass sie ein reicher Richter heiraten wird. Sascha indessen, die Protagonistin und Erzählerin des Romans, Scherbenpark, dem Debütroman von Alina Bronsky, träumt versessen davon, ihren Stiefvater Vadim zu töten. Diesen Wunsch hat Sascha nicht ohne Grund, denn Vadim erschoss Saschas Mutter Marina und deren Freund Harry. Marina hatte zuvor Vadim rausgeworfen, nachdem er die Familie jahrelang terrorisierte. Im Gegensatz zu den Eltern Harrys, die in einer Starre verharren, schmiedet Sascha voller Hass Mordpläne. Allerdings kommen dem Leser schnell Zweifel, ob sie den Mord wirklich begehen wird, da sich ihr schon beim Anblick eines toten Hamsters der Magen umdreht. Die entsetzliche Tat sorgte dafür, dass Journalisten deutschlandweit über das Schicksal von Saschas Mutter berichteten. Daher möchte Sascha ein Buch über ihre Mutter schreiben, um dafür zu sorgen, dass diese nicht nur aufgrund ihres Todes berühmt wurde. Sascha, eigentlich Alexandra Naimann, ist 17 Jahre alt.


 

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