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Wenn Geiz die Welt regiert

Patricia Benecke aktualisiert in den Kammerspielen Bad Godesberg Molières Der Geizige

Szenenfoto aus Molières »Der Geizige« (Foto: Thilo Beu)Ein hoher, kostspielig wirkender Raum, in dessen Mitte ein leuchtender Kronleuchter hängt. Edel aber dennoch karg ausgestattet. Da bleibt viel Platz für den Auftritt des »Geizigen« Harpagon, des Protagonisten in Molières gleichnamigen Drama. Wenn Harpagon auf den Stuhl in der Mitte der Bühne steigt und wie in Trance über sein geliebtes Geld lamentiert, so wird dem Zuschauer schnell deutlich, wer hier der Star des Abends ist. Eindrucksvoll und leidenschaftlich gestikuliert der Geizhals und schwärmt von seiner im Garten vergrabenen Geldkassette, mit der ihn eine beinahe menschliche Liebe verbindet.

 


»Das ist das Ende meiner Welt«

Patrice Chéreau und Thierry Thieu Niang bringen mit La douleur Marguerite Duras' Tagebuchaufzeichnungen aus dem Zweiten Weltkrieg auf die Bühne

Szenenfoto aus »La Douleur« (Foto: Ros Ribas/Agentur Les Visiteurs du Soir, Paris)April 1945 in Paris. Der Untergang des Nazi-Regimes zeichnet sich ab. Die großen Politiker wie Charles de Gaulle wissen: »Die Tage der Trauer sind vorbei. Die Tage des Ruhmes sind angebrochen.« Sie warten nur noch auf den Frieden. Und wissen nicht, was Warten wirklich bedeutet. Eine Frau tritt in ein Zimmer. Sie heißt Marguerite Duras (Dominique Blanc). Plötzlich ist Licht da. Licht, das ausreicht, um Tagebuch zu schreiben, vielleicht auch nur, um es zu lesen. Licht, das aber nicht ausreichen wird, die Dunkelheit zu vertreiben.


Showtreppe in die Unterwelt

Ingo Berk inszeniert Eugene O'Neills in der Halle Beuel

Morgenmäntel, Cordhosen, eine gestreifte Couch in ocker und khaki-grün – Ingo Berk hat Familie Tyrone in ein morbides 70er-Jahre-Milieu geschickt, eine Welt der Pizzapappen und der staubigen Bürgerlichkeit. Während das Publikum den Zuschauerraum betritt, steht Familie Tyrone um das gestreifte Sofa herum und singt amerikanische Volkslieder unter Gitarrenbegleitung. Noch bevor die Vorstellung von Eines langen Tages Reise in die Nacht von Eugene O'Neill beginnt, ist der Zuschauer irritiert, wo das Stück beginnt und wo es endet. Die Bühne bietet weder Zuschauern noch Darstellern Schutz: Der Raum, in dem man sich befindet, ist ein aus parallel angeordneten Latten bestehender Kubus. Eine einzelne Glühbirne hängt von der Decke. Die Bretter, die die Welt bedeuten, sind auf einmal bedrohlich durchlässig.


Drei, Zwei, Eins – Statt einem robusten Mandat

Neil LaBute: Der große Krieg

Das Gedenkjahr an das Ende des hierzulande Erster Weltkrieg genannte Großereignis ist mittlerweile fast vorüber. Doch bevor es fast vergessen werden könnte, bietet das Schauspiel Bonn etwas, was es zwar nicht wieder in die Erinnerung rückt, aber sich doch daran anlehnen möchte. Seit nun zwei Jahren entsprießt einer fast ungewöhnlich anmutenden Beziehung (jetzt aber bitte nichts Falsches denken) zwischen dem vielgespielten Dramatiker Neil LaBute und der hiesigen Darstellerin Birte Schrein ein mitunter wirkungsvoller Kraftakt Bonner Uraufführungsbemühungen. Galt es in der letzten Spielzeit »Helter Skelter« als Weltpremiere zu feiern, so gelangte nun mit »Der große Krieg« die Fortsetzung dieses Schnellschreib-Fitneß-Unterfangens zu ebensolcher Geltung. Fast überflüssig ist dabei zu erwähnen, daß jene Stücke Frau Schrein wahrlich auf den Leib geschrieben wurden.


Ohne Worte

Leidenschaftlich kreuzen sich ihre Blicke, sanft umschlingen seine Arme ihre Hüfte, entschlossen hebt er ihren Körper in die Luft, sie springt empor, er fasst sie. Diese Szene ist Ausdruck einer Liebe, einer Liebe auf den ersten Blick. Sie beginnt an Heilig Abend unter dem übergroßen und bunten Weihnachtsbaum des ebenso großen Wohnzimmers, welches die Bühne schmückt, als Marie (Viktorija Jansone) für sich und ihre Geschwister einen Nussknacker (Zigmars Kirilko) als Geschenk bekommt – für sie ist er jedoch mehr. Sie tanzt um die Holzfigur herum, umarmt sie liebevoll, legt sie schützend in ihre Arme. Im Gerangel mit ihrem Bruder Franz (Intars Kleinhofs) wird dem Nussknacker jedoch sein Kopf abgerissen. Marie ist entsetzt und traurig zugleich und so beginnt eine Geschichte voll Gefühl und Leidenschaft zwischen einer scheinbaren Holzfigur und einem Mädchen.


Gratwanderung zwischen Schauspiel und Oper

Stefan Otteni inszeniert Victorien Sardous Tosca in der Halle Beuel

Tosca – der Titel des Dramas von Victorien Sardou ist weitläufig bekannt, der Name des Autors aber kaum – als Oper von Giacomo Puccini feierte der Stoff gerade auch in diesem Jahr, dem 150. Geburtsjahr des Komponisten, auf internationalen Bühnen Erfolge. Ungewöhnlich ist also die Inszenierung des Dramas am Theater Bonn. Doch Regisseur Stefan Otteni lässt die Oper nicht außen vor: Die Hauptrollen, Floria Tosca und ihr Geliebter Mario Cavaradossi sind doppelt besetzt, durch Sänger und Schauspieler. Begleitet werden sie im Stück von Puccinis Kompositionen, gespielt von einem Quartett aus Piano, Violine, Kontrabass und Akkordeon. Damit gelingt der Inszenierung eine großartige Gratwanderung zwischen der Emotionalität der Oper und der Rationalität des Theaterstücks, das nicht nur eine tragische Liebesgeschichte zwischen der Sängerin Tosca und dem Maler Cavaradossi erzählt, sondern vor allem die Frage nach politischer Verantwortung der Kunst in den Raum stellt.


Übernatürlich, übersinnlich, intellektuell

Das Stockholmer Cullberg Baletten vertanzt die Faszination des Point of Eclipse

Eine leere schwarze Bühne, auf die ein Scheinwerfer einen Lichtkegel wirft. Eine blendend weiße Leinwand an der rechten Bühnenseite. Der Boden ist bedeckt von schwarz glänzenden Kunststoffschnipseln. Die Tänzer, ebenfalls schwarz bekleidet, tanzen alle für sich, jeder scheint sich in seinem eigenen, ich-bezogenen Bewegungsablauf zu verlieren. Sie wirbeln die Schnipsel mit jedem Schritt ein wenig auf, wie Astronauten, die durch die verminderte Schwerkraft auf der Mondoberfläche leichtfüßige, aber stark verlangsamte Sprünge machen. Entweder die Zeit oder die Gravitation, oder beides, haben versagt. Die Tänzer trotzen jeder Physiognomie, biegen, krümmen, kneten ihre Glieder, wie besessen und völlig entrückt. Aus den Boxen dröhnt lauter, hypnotischer Elektro.


»Die Tat wird aufgedeckt, der Täter überführt«

Meisterdetektiv Kalle Blomquist ermittelt in den Bonner Kammerspielen

Kalle Blomquist, wohnhaft in Kleinköping, Hauptstraße 14, hat große Ambitionen: Er will Verbrechen aufklären, wie ein richtiger Detektiv, und zwar wie der beste – da können Sherlock Holmes und Hercule Poirot einpacken. Doch anders als bei seinen berühmten Kollegen eignet sich seine kleinbürgerliche Umgebung leider so gar nicht für den Schauplatz eines gruseligen Verbrechens. So verleben Kalle und seine Freunde Anders und Eva-Lotta eine beschauliche Jugend, die nur durch den Krieg mit der Bande der roten Rosen an Spannung gewinnt – bis Eva-Lottas zwielichtiger Onkel Einar auftaucht.


Beim Häuten der Zwiebel

Karin Beier serviert mit ihrer Inszenierung von Peer Gynt am Kölner Schauspielhaus dem Zuschauer nur auf den ersten Blick leichte Kost

Das Besondere an Karin Beiers Inszenierung von Peer Gynt ist, dass der Zuschauer sie wahrnehmen kann, wie er möchte – sei es als vollkommen konfuse und wirr-komische Aneinanderreihung von Episoden oder als im wahrsten Sinne des Wortes todernste Beantwortung der Frage aller Fragen: Wer bin ich? Was ist mein Wesen?


Ein Leben hinter Mauern

Theater Bonn und fringe ensemble präsentieren einen Spionage-Abend zwischen Ost und West

Anlässlich des nahenden 60. Geburtstags der Bundesrepublik Deutschland hat das Theater Bonn in Zusammenarbeit mit dem fringe ensemble das Projekt 60 Jahre in 6 Wochen ins Leben gerufen. In dieser Reihe werden Aufführungen in der Werkstatt gezeigt, die sich mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen. Der achte November stand dabei unter dem Motto Spitzel Spione und die Mauer.


 

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