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Übernatürlich, übersinnlich, intellektuell

Das Stockholmer Cullberg Baletten vertanzt die Faszination des Point of Eclipse

Eine leere schwarze Bühne, auf die ein Scheinwerfer einen Lichtkegel wirft. Eine blendend weiße Leinwand an der rechten Bühnenseite. Der Boden ist bedeckt von schwarz glänzenden Kunststoffschnipseln. Die Tänzer, ebenfalls schwarz bekleidet, tanzen alle für sich, jeder scheint sich in seinem eigenen, ich-bezogenen Bewegungsablauf zu verlieren. Sie wirbeln die Schnipsel mit jedem Schritt ein wenig auf, wie Astronauten, die durch die verminderte Schwerkraft auf der Mondoberfläche leichtfüßige, aber stark verlangsamte Sprünge machen. Entweder die Zeit oder die Gravitation, oder beides, haben versagt. Die Tänzer trotzen jeder Physiognomie, biegen, krümmen, kneten ihre Glieder, wie besessen und völlig entrückt. Aus den Boxen dröhnt lauter, hypnotischer Elektro.


»Die Tat wird aufgedeckt, der Täter überführt«

Meisterdetektiv Kalle Blomquist ermittelt in den Bonner Kammerspielen

Kalle Blomquist, wohnhaft in Kleinköping, Hauptstraße 14, hat große Ambitionen: Er will Verbrechen aufklären, wie ein richtiger Detektiv, und zwar wie der beste – da können Sherlock Holmes und Hercule Poirot einpacken. Doch anders als bei seinen berühmten Kollegen eignet sich seine kleinbürgerliche Umgebung leider so gar nicht für den Schauplatz eines gruseligen Verbrechens. So verleben Kalle und seine Freunde Anders und Eva-Lotta eine beschauliche Jugend, die nur durch den Krieg mit der Bande der roten Rosen an Spannung gewinnt – bis Eva-Lottas zwielichtiger Onkel Einar auftaucht.


Beim Häuten der Zwiebel

Karin Beier serviert mit ihrer Inszenierung von Peer Gynt am Kölner Schauspielhaus dem Zuschauer nur auf den ersten Blick leichte Kost

Das Besondere an Karin Beiers Inszenierung von Peer Gynt ist, dass der Zuschauer sie wahrnehmen kann, wie er möchte – sei es als vollkommen konfuse und wirr-komische Aneinanderreihung von Episoden oder als im wahrsten Sinne des Wortes todernste Beantwortung der Frage aller Fragen: Wer bin ich? Was ist mein Wesen?


Ein Leben hinter Mauern

Theater Bonn und fringe ensemble präsentieren einen Spionage-Abend zwischen Ost und West

Anlässlich des nahenden 60. Geburtstags der Bundesrepublik Deutschland hat das Theater Bonn in Zusammenarbeit mit dem fringe ensemble das Projekt 60 Jahre in 6 Wochen ins Leben gerufen. In dieser Reihe werden Aufführungen in der Werkstatt gezeigt, die sich mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen. Der achte November stand dabei unter dem Motto Spitzel Spione und die Mauer.


»Weiß nichts von mir selbst«

Don Karlos und der Rest – das Elend des Truges und die Demut des Todes

Die Bonner Kammerspiele unternehmen von Zeit zu Zeit den Versuch, des Schillers habhaft zu werden, und diesmal ist Don Karlos dran. Sehen wir mal vom Blick in den aktuellen Lehrplan ab, der den Finanzbuchhalter inspirieren könnte, so taten die Kammerspiele mit dieser Wahl durchaus einen guten Griff.


Vive la – Tasmanie?

Tasmanien von Fabrice Melquiot – ein wildes Stück zwischen surrealer Fast-Satire und Komödie, fernab der politischen Realität

Ein weißer Stuhl in futuristischer Eierschalenoptik. Weiß dominiert die Szenerie. Blaues Licht. Ein Mann im Anzug, frisch aus dem Ei gepellt. Es ist Monsieur le Möchte-Gern-Président Conrad Cyning (Thomas Huber). Er probt seine nächste Wahlkampfrede und erklärt: »Ich nenne dieses Land nicht mehr Frankreich, ich nenne es gar nicht mehr«, denn: »Wir sind jetzt in Tasmanien.« Fabrice Melquiots Tasmanien ist eine Parabel auf den französischen Wahlkampf zwischen Ségolène Royal und Nicolas Sarkozy. Dabei bekommt besonders Sarkozy sein Fett weg – assoziiert man mit Tasmanien doch in erster Linie den tasmanischen Teufel, lateinische Bezeichnung: Sarcophilus harrisii. Am Rande der Bühne krepiert parallel zu Cynings Rede seine Hündin bei der Geburt eines Welpen. »Wort« wird der heißen.


Fressen oder gefressen werden

Die Entromantisierung Italiens

In einem der beliebtesten Reiseziele der Deutschen herrscht Krieg. Von Sodom und Gomorrha im Land, wo die Zitronen blühn, handelt der Film von Matteo Garrones, der mit dem Buch von Roberto Saviano als Vorlage einen dokumentarischen Spielfilm drehte. Berichtet wird über die Camorra, eine Organisation von Wirtschaftskriminellen in Neapel. Regisseur und Autor stehen seit der Veröffentlichung ihrer Werke unter Polizeischutz.


Die globalen Folgen eines Brechts

Das Staatstheater Erzurum verortete den Kaukasischen Kreidekreis türkisch ortlos

Biennale Bonn 2008 (Logo)Doppelt exotisch erscheint es, wenn eines der bis heute am meisten gespielten Brecht-Stücke von einem Ensemble des Staatstheaters Erzurum gespielt wird. Verlagerte Brecht noch die Handlung in den das Utopische verstärkenden Exotismus Kaukasus, so rückt die türkische Aufführung diesen in eine geographische Wirklichkeit, der das Exotische als das im Fremden begründete innewohnt. An diesem Kreuzungspunkt überlagern sich die Wege der Zugänglichkeit von Hoffnung und Gegenwart, steht dort wie ein Wegstein die herkunftslose Frage nach dem Unterschied von Recht und Gerechtigkeit.


Die unerträgliche Einsamkeit des Seins

Das Tiyatro Oyunevi lässt in seiner Aufführung von Yalnizliklar (Einsamkeiten) lyrische Verse sprechen

Biennale Bonn 2008 (Logo)»Mir geht es darum, eine transzendente Erzählebene zu erschaffen, in der die Einzelteile des Textes ineinander übergehen und die alle Existenzformen gleichzeitig gewährt.« Mit diesen Worten versuchte der türkische Autor Hasan Ali Toptaș einmal, den Charakter seiner Werke zu beschreiben. Ob er dabei insbesondere an seine 1990 erschienenen, als Lexikoneinträge angelegten lyrischen Texte mit dem Titel Yalnizliklar (Einsamkeiten) gedacht hat, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall aber kann der Satz als Motto für die Bühnenfassung des Werkes dienen, die das Tiyatro Oyunevi aus Istanbul den Zuschauern auf der Werkstattbühne im Rahmen der Biennale Bonn präsentierte.


Das Spiel mit der Tradition

Das Istanbuler Staatsballett erzählt mit Güldestan (Rosengarten) sensibel die Geschichte der Türkei

Biennale Bonn 2008 (Logo)Regisseurin und Choreographin Beyhan Murphy scheint selbst so etwas wie die fleischgewordene Symbiose aus Tradition und Moderne zu sein, wirft man einen Blick in ihren Lebenslauf. Sie studierte an der London School of Contemporary Dance. Sie bekennt sich, wie ihr Mann (Bauhaus-Sänger Peter Murphy), zum Sufismus. Sie hat zwei Kinder mit ihm und ist, nach erfolgreicher Karriere in Europa und der Türkei, seit einiger Zeit Leiterin des Istanbuler Staatsballetts. Sie schafft selbst den Spagat, in den sich ihr Land, als Gelenk zwischen Orient und Europa, unweigerlich begibt. Mit Güldestan (Rosengarten) erzählt sie die Geschichte ihres Landes – nicht etwa mit Hilfe von Zahlen und Fakten, sondern sie macht die »Idee Türkei« sichtbar.


 

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