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»Weiß nichts von mir selbst«

Don Karlos und der Rest – das Elend des Truges und die Demut des Todes

Die Bonner Kammerspiele unternehmen von Zeit zu Zeit den Versuch, des Schillers habhaft zu werden, und diesmal ist Don Karlos dran. Sehen wir mal vom Blick in den aktuellen Lehrplan ab, der den Finanzbuchhalter inspirieren könnte, so taten die Kammerspiele mit dieser Wahl durchaus einen guten Griff.


Vive la – Tasmanie?

Tasmanien von Fabrice Melquiot – ein wildes Stück zwischen surrealer Fast-Satire und Komödie, fernab der politischen Realität

Ein weißer Stuhl in futuristischer Eierschalenoptik. Weiß dominiert die Szenerie. Blaues Licht. Ein Mann im Anzug, frisch aus dem Ei gepellt. Es ist Monsieur le Möchte-Gern-Président Conrad Cyning (Thomas Huber). Er probt seine nächste Wahlkampfrede und erklärt: »Ich nenne dieses Land nicht mehr Frankreich, ich nenne es gar nicht mehr«, denn: »Wir sind jetzt in Tasmanien.« Fabrice Melquiots Tasmanien ist eine Parabel auf den französischen Wahlkampf zwischen Ségolène Royal und Nicolas Sarkozy. Dabei bekommt besonders Sarkozy sein Fett weg – assoziiert man mit Tasmanien doch in erster Linie den tasmanischen Teufel, lateinische Bezeichnung: Sarcophilus harrisii. Am Rande der Bühne krepiert parallel zu Cynings Rede seine Hündin bei der Geburt eines Welpen. »Wort« wird der heißen.


Fressen oder gefressen werden

Die Entromantisierung Italiens

In einem der beliebtesten Reiseziele der Deutschen herrscht Krieg. Von Sodom und Gomorrha im Land, wo die Zitronen blühn, handelt der Film von Matteo Garrones, der mit dem Buch von Roberto Saviano als Vorlage einen dokumentarischen Spielfilm drehte. Berichtet wird über die Camorra, eine Organisation von Wirtschaftskriminellen in Neapel. Regisseur und Autor stehen seit der Veröffentlichung ihrer Werke unter Polizeischutz.


Die globalen Folgen eines Brechts

Das Staatstheater Erzurum verortete den Kaukasischen Kreidekreis türkisch ortlos

Biennale Bonn 2008 (Logo)Doppelt exotisch erscheint es, wenn eines der bis heute am meisten gespielten Brecht-Stücke von einem Ensemble des Staatstheaters Erzurum gespielt wird. Verlagerte Brecht noch die Handlung in den das Utopische verstärkenden Exotismus Kaukasus, so rückt die türkische Aufführung diesen in eine geographische Wirklichkeit, der das Exotische als das im Fremden begründete innewohnt. An diesem Kreuzungspunkt überlagern sich die Wege der Zugänglichkeit von Hoffnung und Gegenwart, steht dort wie ein Wegstein die herkunftslose Frage nach dem Unterschied von Recht und Gerechtigkeit.


Die unerträgliche Einsamkeit des Seins

Das Tiyatro Oyunevi lässt in seiner Aufführung von Yalnizliklar (Einsamkeiten) lyrische Verse sprechen

Biennale Bonn 2008 (Logo)»Mir geht es darum, eine transzendente Erzählebene zu erschaffen, in der die Einzelteile des Textes ineinander übergehen und die alle Existenzformen gleichzeitig gewährt.« Mit diesen Worten versuchte der türkische Autor Hasan Ali Toptaș einmal, den Charakter seiner Werke zu beschreiben. Ob er dabei insbesondere an seine 1990 erschienenen, als Lexikoneinträge angelegten lyrischen Texte mit dem Titel Yalnizliklar (Einsamkeiten) gedacht hat, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall aber kann der Satz als Motto für die Bühnenfassung des Werkes dienen, die das Tiyatro Oyunevi aus Istanbul den Zuschauern auf der Werkstattbühne im Rahmen der Biennale Bonn präsentierte.


Das Spiel mit der Tradition

Das Istanbuler Staatsballett erzählt mit Güldestan (Rosengarten) sensibel die Geschichte der Türkei

Biennale Bonn 2008 (Logo)Regisseurin und Choreographin Beyhan Murphy scheint selbst so etwas wie die fleischgewordene Symbiose aus Tradition und Moderne zu sein, wirft man einen Blick in ihren Lebenslauf. Sie studierte an der London School of Contemporary Dance. Sie bekennt sich, wie ihr Mann (Bauhaus-Sänger Peter Murphy), zum Sufismus. Sie hat zwei Kinder mit ihm und ist, nach erfolgreicher Karriere in Europa und der Türkei, seit einiger Zeit Leiterin des Istanbuler Staatsballetts. Sie schafft selbst den Spagat, in den sich ihr Land, als Gelenk zwischen Orient und Europa, unweigerlich begibt. Mit Güldestan (Rosengarten) erzählt sie die Geschichte ihres Landes – nicht etwa mit Hilfe von Zahlen und Fakten, sondern sie macht die »Idee Türkei« sichtbar.


Sich selbst finden

Das Ensemble Tiyatrolokomotif gastiert mit Yaban Çocuk (Das wilde Kind), einer Bearbeitung von Peter Handkes Kaspar, bei der diesjährigen Biennale

Biennale Bonn 2008 (Logo)»Das Stück ›Kaspar‹ zeigt nicht, wie ES WIRKLICH IST oder WIRKLICH WAR mit Kaspar Hauser. Es zeigt, was MÖGLICH IST mit jemandem.« Mit diesem Satz beginnt Peter Handkes Text und dieser Satz ist gleichzeitig programmatisch für die Produktion Yaban Çocuk (Das wilde Kind), die sich in einer Bearbeitung des Handke-Stücks mit dem Problem der Identitätsfindung auseinandersetzt. Die Inszenierung des Ensembles Tiyatrolokomotif aus Ankara verknüpft dabei den persönlichen Individuationsprozess mit dem sich ständig wandelnden kulturellen Selbstverständnis der Türkei und transformiert so auf eindrucksvolle Weise die längst zum Mythos gewordene Figur Kaspar Hauser zu einer Metapher des ständigen »Sich-selbst-neu-Findens«.


Getürkte Geschichten mitten aus dem Leben

Theater Bonn und fringe ensemble auf Expeditionstour durch das ›türkische‹ Bonn

Biennale Bonn 2008 (Logo)Der Ort des Geschehens an diesem Abend: das Frankenbad. Nirgends sonst in Bonn ist man so nah an der türkischen Kultur wie hier in der Bonner Altstadt. Tragendes Element der abendlichen »Expedition«, auf die Theater Bonn und fringe ensemble ihre Besucher schicken, sind O-Töne der türkischen Mitbürger Bonns. Neun Geschichten, getürkt werden erzählt, die in keiner Weise erfunden sind, sondern mitten aus dem Leben stammen.


Der Alptraum vom Fliegen

Die Kammerspiele Bad Godesberg werden für Yesim Özesoy Gülans Letzte Welt zum Flugsimulator

Biennale Bonn 2008 (Logo)Das Stück Son Dünya (Letzte Welt) beginnt schon am Eingang des Theaters: Wer eintreten will, muss sich erst einmal den örtlichen Sicherheitskontrollen unterziehen. Warum? Weil das Theater nicht länger Theater, sondern ein Flugplatz ist. Die Sicherheitsschleusen sind passiert. Die Gefahr von Terroranschlägen ist gebannt. Als die Zuschauer endlich durch Eingang – Pardon: Gateway A eintreten dürfen, warten auf der Bühne schon die Protagonisten: ein Geschäftsmann, eine Frau und ein weiterer jüngerer Mann. Sie sitzen in Flugzeugsesseln, kurz vor dem Start der Maschine. Sie lesen, schlafen, tun, was man eben so tut, damit die Zeit vergeht. Nichts verbindet sie. Vollkommene Anonymität. Ruhige Sphärenmusik wabert durch den Raum; man wiegt sich in Sicherheit.


Das Leben des Muharrem

Özer Kiziltans Drama Takva– Gottesfurcht eröffnet ungewöhnliche Einblicke in ein Leben mit dem Islam

Biennale Bonn 2008 (Logo)Welche Auswirkung hat unser tägliches Umfeld auf unsere Werte, auf das, was wir glauben? Der Film Takva zeigt fast dokumentarisch den Moslem Muharrem, der noch glaubt, an Werte und Gebote. Seine kleinen Rituale und die Strukturen seines Alltags lenken den Blick auf ein Leben, das sich ganz der Religion und der Arbeit verschrieben hat.


 

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