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Gone with the wind

Wie schon in seinem Film »Stay«, der 2005 völlig zu Unrecht nur geringe Beachtung in den deutschen Kinos fand, beweist Regisseur Marc Forster auch in »Drachenläufer« seine Fähigkeit, den Zuschauer mit ästhetischen Bildern zu fesseln, ohne dabei den Fokus von der Handlung zu nehmen.


Molière mit dem Presslufthammer

Mitten im Zuschauerraum sitzen sie, in blendend weißen Sesseln, Champagner-Gläser und Häppchen in der Hand: die Darsteller der Bussi-Bussi-Gesellschaft, vor der es Menschenfeind Alceste (Felix Goeser) so sehr graut. Fleißig wird Sekt verteilt an verdutzt dreinschauende Zuschauer – aus dem Premieren-Publikum werden Party-Teilnehmer. Als Alceste schließlich schreiend vor Ekel über einen Steg durch die Zuschauer auf die Bühne flieht, fühlt sich jeder im Saal mitschuldig. Was ist hier Spiel, was nicht? Und sind wir nicht alle Teil dieser verlogenen Gesellschaft, vor der er flüchtet?


Ein Mensch zu sein

Betörend erreicht der Gesang der Meerjungfrauen das Publikum in den Bonner Kammerspielen und zieht es tief hinab auf den Grund des Meeres, um ihm die traurig-schöne Liebesgeschichte der kleinen Meerjungfrau zu erzählen. Die musikalische Märchenreise nach Hans Christian Andersen ist so farbenprächtig und schillernd inszeniert, dass die Besucher das Meer förmlich zu schmecken glauben.


Heimat als Utopie

Innig schlingt er die Arme um die beiden Söhne, selig kniet sie neben ihm. Die Familienidylle könnte süßer nicht sein. Und doch trügt der schöne Schein. Wenig später wird sie diese ihre Kinder morden. Ihn lässt sie am Leben – denn welch ein Tod könnte schmerzhafter sein als lebenslanges Leid?


Religiöser Terror als fanatisches Theater

Der Skandal war groß: Hans Neuenfels’ Inszenierung von Mozarts »Idomeneo«, an der Deutschen Oper in Berlin wurde im September 2006 aus Angst vor Terroranschlägen kurzfristig vom Spielplan gestrichen. Nun inszeniert Neuenfels im Schauspiel Köln Frederico García Lorcas »Bernarda Albas Haus«. Und wieder wird ein Religionsstifter auf die Bühne gebracht, sogar in seine einzelnen Gliedmaßen zerlegt.


Der Witz des Gärtners

Wer von Klassikern spricht, redet von Grabsteinen! Doch wer so etwas heutzutage noch immer behauptet, der sollte sich anscheinend selbst um einen derartigen bemühen. Denn dass fast auf den Tag genau binnen eines knappen Jahres sowohl am Kölner Schauspiel als auch in den Bonner Kammerspielen eine Inszenierung von Gotthold Ephraim Lessings »Emilia Galotti« uraufgeführt wird, drängt die Vermutung auf, irgend etwas an diesem Stück sei einfach nicht tot zu kriegen.


Weiß wie Schnee, rot wie Blut

Denver ist ein Aussteiger. Im Norden Kanadas, am Rande eines Gletschers mitten im Nirgendwo, betreibt er mit seiner Freundin Marjorie einen Videoladen. Ab und zu kommt der einsame, junge Jude vorbei, um sich mit ihnen Pornos anzusehen. Als Jude eines Tages eine Leiche im Eis findet und die attraktive Archäologin Kim anreist, wird die Monotonie ihres Alltags gestört ...


Wenn das Glück, am Leben geblieben zu sein, zur Hölle wird

»Krieg tötet. Immer. Er besteht darin, zu töten und getötet zu werden. Das Problem der Überlebenden wiederum liegt darin, dass sie getötet haben. Aber nicht getötet worden sind.« Mit barmherzig-milder Stimme, aber merkwürdiger Sachlichkeit schildert Ordensschwester »Mama« Zara (Zoé Kovacs) das grausame Dilemma der Patienten in dem von ihr geleiteten Hospiz Sainte Jeanne. Kriegsversehrte Kreuzritter sollen hier ihre Traumata aufarbeiten. Mit der Unterstützung der Kranken- und Mitschwestern Klara (Katja Wiefel) und Violetta (Viola Streicher) zieht die Ordensmutter mit ihren sechs zerrütteten Patienten durch die Lande, um Geld für ihr Hospiz zu sammeln, und gewährt den Spendern dafür Einblick in die neuesten Therapiemethoden. Das Ziel der barmherzigen Schwestern besteht darin, die kriegsversehrten Männer zu heilen und ihren Glauben zu stärken, so dass sie wieder als Gotteskrieger losziehen können – in einen neuen Kreuzzug ...


Für eine Handvoll Kopeken

Was ist das Leben ohne Alkohol? Was aber ist Alkohol ohne Leben? Absurde Fragen scheinbar, doch beileibe nicht so absurd, wenn es, wie dem Reisenden in Wenedikt Jerofejews prosaischem Poem, darum geht, den leblosen Dingen einen Sinn zu verleihen, damit die Fragwürdigkeit des Daseins lebbar wird. Die »Reise nach Petuschki«, auf die sich der ewig torkelnde Held aufmacht, ist ein Absaufen in einer unstofflichen Welt. Nicht zwischen flüssig und fest, sondern zwischen Phantasie und Wirklichkeit, Diesseits und Jenseits spannt sich die Brücke seiner seelischen Zumutungen ...


Die Liebe zur Menschlichkeit

Biennale Bonn: Indien 13.-21. Mai 2006Es ist das Jahr 1810. Indien steht unter britischer Besatzung, die allgemeine Lage ist schlecht: Armut und Hunger haben sich ausgebreitet. Auf einem ärmlichen, bunt gemischten Basar eilen Menschen umher und preisen Händler laut ihre Waren an. Ein älterer, in Lumpen gekleideter Herr bietet Gurken feil, jedoch vergeblich, daneben sitzt ein Melonenverkäufer. Ein anderer Händler hat Tontöpfe vor seinem Stand ausgebreitet, nebenan versucht ein Gelehrter, Bücher zu verkaufen. Drei Sänger künden, gleich einer moralischen Instanz, davon, wohin der Hunger und die Gier nach Essen und Geld führt. Die Menschen fühlen sich allein gelassen und hilflos einer Welt ausgesetzt, in der es immer schwieriger wird, die eigene Identität und Kultur zu wahren. Doch langsam wandelt sich die Stimmung auf dem Basar. Es sind die einfachen Lieder und Verse, kleine Gedichte über den ganz normalen Alltag, des verkannten Poeten Nazir, die Lebensfreude wecken und den Menschen das Gefühl geben, verstanden zu werden – eine wahre Stimme des Volkes ...


 

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