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Das Schwierigste ist der Abgang

Die Verschwörung des Fiesco zu Genua, die am vergangenen Donnerstag in der Inszenierung von Paul Bäcker Premiere feierte, wird auf deutschen Bühnen selten gespielt. Schillers republikanisches Trauerspiel besitzt eine äußerst unglückliche Wirkungsgeschichte, an deren Anfang Schiller persönlich steht. Denn abgeschreckt von einer Lesung des Dichters urteilte 1782 der Direktor des Mannheimer Theaters, dies sei das Allerschlechteste, was er je gehört habe. Erst ein Blick in das Manuskript lässt ihn seine Meinung ändern. »Was deklamiert der Schiller denn so verwünscht schwäbisch hochtrabend!«, mokiert er sich. Das Stück sei großartig. Sehr erfreulich also, dass sich das Kleine Theater Bad Godesberg des Fiesco angenommen hat ...


Meucheln und Morden im Sinne der Kunst

Klaus Weise richtet in seiner Neuinszenierung des Cardillac an der Oper Bonn den Fokus nicht auf die Kriminalhandlung, sondern konzentriert sich stattdessen weitestgehend auf die Erörterung der Künstler-Thematik oder besser -Problematik. Den einfacheren Weg, aus dem sich zwangsläufig alle weiteren Gesichtspunkte entwickeln könnten, wählte er mit seiner kühl bis düster, oft verwirrend reduziert wirkenden Interpretation wahrlich nicht und ging das Risiko einer Ästhetisierung ein. Das Publikum ließ sich verführen und folgte begeistert und gespannt dem sperrigen Bühnenwerk ...


Banalisierung großer Gefühle

Martin Crimps Stück Sanft und grausam basiert auf Sophokles’ Drama Die Trachinierinnen. Während die antike Tragödie nur sehr selten gespielt wird, steht die moderne Bearbeitung momentan auf dem Spielplan jedes zweiten städtischen Theaters. Das Theater Bonn zeigt in dieser Spielzeit beide Stücke und ermöglicht so einen direkten Vergleich von Original und Neufassung – ein Vergleich, dem letztlich die zeitgenössische Version nicht standhalten kann.


Freiheit = Wille + Unfalltod

Kaum ein Autor seiner Zeit wird noch heute auf seine Aktualität hin derart oft befragt wie Gotthold Ephraim Lessing. Seine anhaltende Popularität mag zwar unter anderem auch aus der oftmals wenig erbaulichen Ausnudelung des schulischen Deutschunterrichts herrühren, doch wäre weder Lessing noch seinem Werk wahrlich gedient, es damit auf sich beruhen zu lassen, insbesondere da Lessing schließlich auch als literaturphilosophischer Theoretiker von großer Bedeutung ist. An Lessings Dramen erstaunt daher am meisten, wie klar, stringent und analytisch ein Thema en detail geradewegs vom grünen Tisch ins grüne Leben der Bühnenwirklichkeit getragen werden kann.


Everywhere but home

Blökende Schafe, brodelnde Geysire, märchenhafte Elfen, Trolle und Björk. Viel mehr bringt der durchschnittliche Westeuropäer wohl kaum mit diesem kleinen, in unseren Augen etwas verschrobenen, mystisch-idyllischen Fleckchen namens Island in Verbindung. Kristof Magnusson macht es sich in seinem Romandebüt zur Aufgabe, den Feenstaub der letzten Jahrhunderte von der Insel wegzufegen, um unter den Klischees das moderne Reykjavik zum Vorschein zu bringen. Dabei bricht der Autor jedoch nicht völlig mit der Geschichte, sondern situiert seine Erzählung vielmehr im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne.


Das Elend liegt im Märchenwald

„Mein Leben ist ein schönes Märchen, so reich und glücklich. Wäre mir als Knabe, als ich arm und allein in die Welt hinausging, eine mächtige Fee begegnet und hätte gesagt: Wähle deine Laufbahn und dein Ziel, und dann, je nach deiner Geistesentwicklung und wie es der Vernunft gemäß in dieser Welt sein muss, beschütze und führe ich dich!“ – mein Schicksal hätte nicht glücklicher, klüger und besser geleitet werden können. Meine Lebensgeschichte wird der Welt sagen, was sie mir sagte: Es gibt einen liebevollen Gott, der alles zum besten führt.“ – Mit diesen Worten aus der Feder Hans Christian Andersens beginnt Johann Kresnik seine getanzte Biographie des vor rund 200 Jahren geborenen Märchenerzählers.


Klicken, Klackern und Blut

Wie schon 1993 zum Amtsantritt als Tanzleiter der Berliner Volksbühne, brachte Johann Kresnik, das künstlerisch keineswegs angegraute enfant terrible der internationalen Tanzszene, jüngst seine Journalistenbiographie aus dem Wendejahr, Ulrike Meinhof (Uraufführung 1990 in Bremen), in Bonn erneut auf die Bühne – und beweist Erstaunliches: Auch nach so langer Zeit funktioniert sein Alptraum vom freien Geist in einer zerrütteten Gesellschaft. Manches mag angestaubt wirken, einiges kontrovers, insgesamt jedoch bleibt seine Vision eindringlich und bewegend.


Ein Menschenversuch

„Der Mensch ist frei, in dem Menschen verklärt sich die Individualität zur Freiheit“, belehrt Frau Doktor den Soldaten Franz Woyzeck. Doch ist der Mensch wirklich frei oder wird er getrieben von seiner Umwelt? – Stefan Otteni versucht dieser Frage in seiner Woyzeck-Inszenierung durch eine Versuchsanordnung auf den Grund zu gehen: ein Menschenversuch. Eingesperrt in eine Box lässt er den Soldaten Franz Woyzeck und sieben weitere Figuren aus Georg Büchners Dramenfragment aufeinander los ...


Die gerechte Revolution?

»Am ersten Tag der Revolution ist er einfach unbezahlbar, doch am nächsten Tag muss man ihn erschießen.« Louis Marc Caussidières Erkenntnis über Michail Bakunin ist sicher nicht ganz die neueste, aber wohl wahr: Politik ist ein schmutziges Geschäft. Trotz allem müssen sich Revolutionäre keine Sorgen machen, gibt es doch immer junge Menschen, die sich begeistert, bereits an allen Enden brennend, doch noch vor irgendeinen Karren spannen lassen und sich die Hände schmutzig machen. Sartres Hugo in Die schmutzigen Hände ist so ein Kandidat ...


 

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