Elfriede Jelinek: Gier. Ein Unterhaltungsroman. |
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Ein Unterhaltungsroman sollte, naturgemäß,
unterhalten. Nicht dass ich dem neuesten Wurf Elfriede Jelineks unterstellen
möchte, dass er dies nicht tut, doch lässt sich ein fader Beigeschmack
nicht verleugnen. "Gier" vermag nur in zweiter Hinsicht zu unterhalten,
in erster weiss dieser Roman zu verwirren, zu verstören und will
man es auf die Spitze treiben: zu quälen. Es wird begehrt, gelitten,
gemetzelt und kopuliert. Doch, es gibt noch einen anderen Erklärungsansatz, der auf einer sehr schlichten, weit ab von jeglichen Männer-Frauen/Frauen-Männer Problemen liegenden, Feststellung beruht: Jelinek schreibt nicht leicht und zu allem Überfluss auch noch sehr viel. Welchem armen, gestressten Redakteur ist es zu verübeln, dass er sich anscheinend nur das Cover (immerhin im schicken 50er-Jahre-Design), den Klappentext (Rowohlt hatte vor Äonen durchaus gute Klappentexte) und – wenn er doch noch zwei Minuten Zeit zwischen einer Tasse Kaffee und der nächsten Redaktionssitzung findet – die ersten und letzten Seiten von „Gier“ durchliest! Dieser Sachverhalt würde auch erklären, warum in kaum einer Kritik wirklich über das Buch berichtet wird, aber mit einer grandiosen Sicherheit der letzte Satz des Romans Erwähnung findet: Es war ein Unfall. Immerhin scheinen doch einige Fachmänner oder Fachfrauen Ingeborg Bachmanns "Malina" gelesen zu haben. Oder wurde hier etwa abgeschr????A ?ieben? Sechs, setzen. Gebrauchsanleitung:Kritisieren ist schön und gut, besser machen wäre jedoch die Devise. In welchen literaturwissen-schaftlichen Dimensionen schwebt denn nun dieses Werk? Jedwedes Bestreben diesen Roman unter herkömmlichen Unterhaltungsgesichtpunkten zu betrachten, endet zwangsläufig in einem Debakel1. Dann handelt es sich um einen Etikettenschwindel? Gut möglich, wer jedoch auf diese kleine Flunkerei seitens Jelineks reinfällt, der hat es nicht anders verdient. Also, schlägt man sich erst mal die Kategorie Unterhaltungsroman aus dem Kopf, stellt sich der normale Jelinek-Wahnsinn ganz von selbst ein. Einmal ins kalte Wasser geworfen, gewinnen die Charaktere zunehmend an Kontrast. Die Beurteilung der Autorin selbst kann dann getrost außer acht gelassen werden: Ich zum Beispiel habe nichts zu sagen angesichts der Figuren die ich erschaffe, her mit den Redewendungen und drauf, und noch eine und noch eine, bis sie sich unter mir winden vor Schmerz oder vielleicht auch, weil sie zu wenig Platz haben. Was will sie denn nun? Spätestens nach den ersten 30 Seiten wird klar, dass es Frau Jelinek durchaus nicht um das Erzählen einer Geschichte geht1. Wie schon angemerkt wäre der Roman in diesem Falle um einiges dünner geworden. Was die Erzählerin übrigens auch selbst so empfindet: Diese Passage gehört überhaupt ganz gestrichen, finde ich, aber dann wird das ganze zu kurz. Doch was will sie denn nun? Nichts, einfach nur erzählen, keine Geschichte, eine Welt will in der Jelinek-spezifischen Sprache geschildert werden: eine Welt kleinkrämerischer Behäbigkeit, idyllischer Brutalität und geistreicher Autorenschaft. Nicht mehr und nicht weniger. Es mag nach einer Plattitüde klingen wenn die Autorin von sich sagt, sie schreibe aus einem inneren Zwang heraus, doch will man es ihr bezüglich „Gier“ nur zu gerne glauben. Wort- und Satzmassen stürzen auf ????A ?den Leser ein, schier unendlich wirkende Kalauerketten geben sich mit verballhornten Spruchweisheiten die Klinke in die Hand. Zugegeben, dann und wann stellt sich die Frage, ob das ganze nicht langsam ein Ende nehmen möchte, dann wird beschämt nach hinten geblättert, werden noch einige hundert zu lesende Seiten zur Kenntnis genommen und tapfer die Augen gerieben. Leichtfüßig geht dieser Roman wahrlich nicht zu lesen. Aber "Ulysses" tut dies auch nicht. Womit ich die beiden Werke durchaus nicht vrglichen haben will - ich stelle nur die Frage in den Raum, warum ein unsäglich zäher Roman seine Berechtigung findet und ein, nun ja, ähnlich langwieriger mit der gesamten dem Kritiker zur Verfügung stehenden Häme überschüttet wird. Aber dies ist eine andere Geschichte... Ein adäquate ästhetische Form für das Politische Zurück zum Thema : Insgesamt wirkt alles um einiges leichter als noch vor einiger Zeit in ihrem Opus magnum "Die Kinder der Toten". Dagegen klingt "Gier" zunächst leise und resignierend. Verstummte Jelineks Wut ob der Haiderisierung Ihrer so liebevoll gehassten Republik? Wohl nicht, anders wären die vielen Spitzen nicht zu erklären, die sie mit einer gewissen Genugtuung auf das pittoreske Österreich niederprasseln lässt. Dass diese in erstaunlich Banales gebettet sind, macht die Sache eigentlich nur um so spannender. "Ich habe gedacht, daß man sich äußern muß, daß man sich politisch äußern muß, wenn man Mißstände sieht, sei es die Fremdenfeindlichkeit, sei es der drohende Rechtsradikalismus, sei es Gewalt gegen Frauen, also diese Themen, die mich eigentlich immer beschäftigt haben. Ich habe gedacht, ich müßte mich dazu äußern. Inzwischen bin ich eher befreit, weil ich weiß oder den Eindruck habe, daß es von mir nicht erwartet wird und nicht verlangt wird, daß es auch niemanden interessiert."2 Na, na, so schlimm ist es denn auch nicht. Aber fest steht: Jelinek ist ruhiger geworden, zumindest in Ihrem öffentlichen Auftreten. Ob dies mit ihrem Konzept eines Unterhaltungsromans zusammenhängt bleibt fraglich. Dass sie in Anbetracht der kaum noch zu steigernden Zahl von Anfeindungen zunehmend resignativer bzw. verbitterter wirkt, mag niemanden verwundern, ebenso dass sich dies in ihrem Werk niederschlägt. Zwischen philosophischen Überlegungen (Wie bereitet man denn nun einen Fasan zu?) und anmutigen Naturbeschreibungen (man denke nur an den ach so idyllischen (ökologisch gekippten) Bergsee, in dem die arme Gabi zur letzten Ruhe gebettet wird), findet die Tagespolitik Österreichs ihr gemütliches Plätzchen. Da muss schon mal der smarte Jörg Haider neben illustren Kollegen wie dem Briefbombenattentäter Franz Fuchs oder dem Prostituierten mordenden „Schriftsteller“ Jack Unterweger ein paar Federn lassen. Mitunter wirken diese Bezüge ein wenig geschwätzig, finden im Konzept Jelineks jedoch ihre Berechtigung. "Diese ganzen politischen Aktualitäten interessieren mich natürlich sehr, weil es mich immer interessiert hat, was für eine Sprache kann man für das Politische finden, ohne pathetisch zu werden, ohne jetzt in ein Allgemeines zu verfallen, was eben auch wieder Pathos währe. Ohne zu moralisieren, was ja auch mir und vielen meiner Kollegen und Kolleginnen ständig vorgeworfen wird: dass wir zu wenig Kälte und Distanz hätten. Das sind Dinge die mich schon immer geärgert haben, weil ich immer versucht habe, eine adäquate ästhetische Form für das Politische zu finden.3" Unter diesem Gesichtspunkt erscheint die in "Gier" gewählte Form der monoton ratternden Wortaneinanderreihungsmaschine nur recht und billig. Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken gönnt Jelinek i????A ?hren Lesern kaum eine Verschnaufpause. Wer dies anstandslos über sich ergehen lässt, hat es nicht anders verdient. Jelinek lesen ist kein gewöhnliches Lesen. Jelinek lesen ist Lust an der Qual. Doch verglichen mit dem "Sportstück" bleibt das wirkliche Ausbluten des Lesers bei "Gier" aus. Schade eigentlich. Aber immerhin handelt es sich ja hier um einen Unterhaltungsroman, da darf sich schon mal ein Hauch Triviales einschleichen. Einen eingefleischtem Jelinek-Leser wird dies nicht verschrecken. Die anderen lesen eh nur den Klappentext. Frank Auffenberg 1 Wie bereits erwähnt bleibt
die Handlung des Romans recht überschaubar: Böser Gendarm ermordet
Verkehrssünderinnen. Elfriede Jelinek: Gier.
Ein Unterhaltungsroman. |