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 <title>Kritische Ausgabe Plus - Gesamt</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/taxonomy/term/154/2</link>
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 <language>de</language>
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 <title>Rollenspiel</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/rollenspiel</link>
 <description>&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&amp;raquo;Sie sind die Frau. Es ist Ihre Rolle. Sagen Sie es mir&amp;laquo;, entgegnet der Regisseur Willi Forst seiner Hauptdarstellerin Pola Negri, als diese im Jahr 1934 bei den Dreharbeiten zur Cin&amp;eacute;-Allianz-Produktion Mazurka die Gef&amp;uuml;hle der von ihr verk&amp;ouml;rperten Figur nicht versteht und es nicht schafft, &amp;uuml;berzeugende Tr&amp;auml;nen flie&amp;szlig;en zu lassen. Negri, polnische Stummfilmdiva mit glanzvoller Vergangenheit und ungewisser Zukunft, ist die Hauptfigur in Daniela Dr&amp;ouml;schers j&amp;uuml;ngstem Roman &lt;em&gt;Pola&lt;/em&gt;. Sie hat an diesem Punkt ihrer Karriere bereits &amp;raquo;dreiundf&amp;uuml;nfzig Filme, zwei Ehem&amp;auml;nner und einen Weltkrieg &amp;uuml;berlebt&amp;laquo;, eine wenig schmeichelhafte Abschiebung aus Hollywood hinter sich und so h&amp;auml;ufig die eigene Geschichte umgeschrieben, dass die Worte, die die Autorin dem Regisseur in den Mund legt, f&amp;uuml;r Pola Negris Leben wie f&amp;uuml;r den Roman Dr&amp;ouml;schers programmatisch scheinen.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;Die Verschmelzung von Fakten und Fiktionen kennzeichnete bereits Dr&amp;ouml;schers Deb&amp;uuml;t &lt;/span&gt;&lt;em style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;Die Lichter des George Psalmanazar &lt;/em&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;(2009), in dem die 1977 geborene Autorin das Leben George Psalmanazars, des angeblich ersten Ureinwohners der Insel Formosa, der nach Europa kam, und des englischen Dichters und Gelehrten Samuel Johnsons zu einem wunderbar eindr&amp;uuml;cklichen und sprachm&amp;auml;chtigen Kosmos verdichtete. In Dr&amp;ouml;schers zweitem Roman steht mit der Schauspielerin Pola Negri erneut eine historische Figur im Mittelpunkt, der die Autorin ein geist- und fiktionsreiches Denkmal setzt.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	&lt;strong&gt;Portr&amp;auml;t einer &amp;raquo;professionellen L&amp;uuml;gnerin&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Zun&amp;auml;chst die vermeintlichen Fakten: 1897 als Apolonia Barbara Chałupiec geboren, gelang dem polnischen M&amp;auml;dchen aus &amp;auml;rmlichen Verh&amp;auml;ltnissen nach dem Ersten Weltkrieg der Aufstieg zu einer der gro&amp;szlig;en Diven des deutschen und internationalen Stummfilms. Filme wie &lt;em&gt;Madame Dubarry&lt;/em&gt; (1919) mit Ernst Lubitsch und Emil Jannings begr&amp;uuml;ndeten ihren Durchbruch als Schauspielerin in Deutschland, Aff&amp;auml;ren mit Charlie Chaplin und Rudolph Valentino ihren Ruf als m&amp;auml;nnerverschlingende Femme fatale. In Hollywood konkurriert sie mit Marlene Dietrich, Greta Garbo und den zahlreichen Stimmen, die nach dem Siegeszug des Tonfilms eher den Gefallen des amerikanischen und internationalen Filmpublikums finden als Pola Negris rauchig-polnischer Akzent. Als sie 1934 nach Deutschland zur&amp;uuml;ckkehrt, liegen die H&amp;ouml;hepunkte ihrer Karriere hinter ihr. Sie ist Legende &amp;ndash; die Wahrnehmung des Publikums, seine Ablehnung und Anerkennung, bestimmen ihre Identit&amp;auml;t. Was der Schauspielerin Pola Negri bleibt &amp;ndash; und damit ist der Schritt zur literarischen Biografie Dr&amp;ouml;schers nur mehr ein formaler &amp;ndash; ist der Versuch, die eigene Legende zu perfektionieren, um weiter spielen zu k&amp;ouml;nnen. Die Schauspielerin wei&amp;szlig;, dass es nicht nur Jugend und Aussehen, Gl&amp;uuml;ck und Talent, B&amp;uuml;cher, Ger&amp;uuml;chte oder Aff&amp;auml;ren sind, die &amp;uuml;ber ihr Schicksal entscheiden: &amp;raquo;Es war das Bild, das sich die Welt von einer Schauspielerin machte. Wie dieses Bild aussah, oblag nicht der eigenen Kontrolle, und doch waren sie alle damit besch&amp;auml;ftigt, es unabl&amp;auml;ssig zu verfeinern und zu korrigieren.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Das Bild, das Daniela Dr&amp;ouml;scher von Pola Negri entwirft, w&amp;uuml;rdigt diese, einem Schauspielerinnenleben inh&amp;auml;rente, Fiktionalit&amp;auml;t auf mehreren Ebenen. Die Ann&amp;auml;herung von Set und Setting, von Biografie und Erz&amp;auml;hlweise, bildet sich bereits in der Dramaturgie des sorgf&amp;auml;ltig komponierten Textes ab. Die Erz&amp;auml;hlgegenwart des Romans, die vor allem die Zeit der zweiten deutschen Karriere Pola Negris umfasst und deutlich aus der Perspektive der Hauptfigur geschildert ist, wird geschickt verflochten mit den per definitionem unzuverl&amp;auml;ssigen Erinnerungen Pola Negris an ihre Kindheit, ihrem Weg zur Schauspielerin und ihre zahlreichen Liebschaften. Wie Psalmanazar und Johnson aus Dr&amp;ouml;schers Erstlingswerk f&amp;uuml;hlt sich auch die Schauspielerin in &lt;em&gt;Pola&lt;/em&gt; Tatsachen eher lose verbunden. Von der italienischen Dichterin Ada Negri &amp;uuml;bernimmt sie den Nachnamen, aus ihrem Vater, einem wegen Diebstahl und Hochverrat nach Sibirien verbannten slowakischen Rom, wird ein &amp;raquo;glut&amp;auml;ugiger Widerstandsk&amp;auml;mpfer&amp;laquo; gegen die russischen Besetzer Polens, und im Wortsinn legend&amp;auml;r ist ihr tr&amp;auml;nenreicher Zusammenbruch am Grab ihres Geliebten Rudolph Valentino. Diese Theatralit&amp;auml;t, die ihr den Unwillen der &amp;Ouml;ffentlichkeit einbrachte, motiviert Dr&amp;ouml;scher in ihrem Roman allerdings &amp;ndash; und treibt damit das Spiel der Uneigentlichkeit augenzwinkernd noch ein wenig weiter:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	&amp;raquo;Du musst mir etwas versprechen&amp;laquo;, sagte Rudolph pl&amp;ouml;tzlich mit einem schelmischen Grinsen in die Stille hinein. &amp;raquo;Versprich mir, dass du den Weibern, wenn es so weit ist, die Show stielst. Ihnen allen.&amp;laquo; Pola leckte sich die trockenen Lippen. &amp;raquo;Versprochen&amp;laquo;, sagte sie.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Dr&amp;ouml;schers Umgang mit ihrem Material und dessen Wahrheitsgehalt ist insgesamt ein spielerisch-humorvoller. Nicht nur werden Leben und Wirken historischer Figur literarisiert, &amp;uuml;ber eine h&amp;auml;ufig frequentierte Wahrsagerin mit dem vielsagenden Namen Gin Sling legt die Autorin ihren Figuren zudem weitreichende Prophezeiungen in den Mund. So wird etwa Hermann Braun, dem jugendlichen Liebhaber Pola Negris und zun&amp;auml;chst erfolgreichen Jungdarsteller arischer Offiziere, sein baldiger, sich in der Realit&amp;auml;t zehn Jahre sp&amp;auml;ter bewahrheitender Tod an der Front vorausgesagt:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	&amp;raquo;Aber ich kehre wieder.&amp;laquo; Er lachte. &amp;raquo;Als m&amp;auml;nnliche Hauptfigur in einem Film eines M&amp;uuml;nchener Jungregisseurs. Ein Kerl namens Fassbinder. Angeblich der wichtigste deutsche Regisseur des Jahrhunderts.&amp;laquo; Wieder lachte er. &amp;raquo;Du bist ja verr&amp;uuml;ckt&amp;laquo;, rief sie emp&amp;ouml;rt.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Durch die Zeiten ver-r&amp;uuml;ckt wird hier nicht nur der Name Hermann Braun, sondern zugleich die Frage nach dem Wahrheitsgehalt von historischen Fakten in Erz&amp;auml;hlzusammenh&amp;auml;ngen und -texten. Auch diese, so scheint die Antwort, sind mitnichten feststehend und unverr&amp;uuml;ckbar, sondern flie&amp;szlig;end und in Bewegung.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	&lt;strong&gt;T&amp;auml;uschend echtes Spiel?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Was f&amp;uuml;r die Autorin Gl&amp;uuml;cksfall und Voraussetzung ihrer Arbeit und f&amp;uuml;r den Leser anregende Lekt&amp;uuml;re ist, l&amp;auml;sst sich f&amp;uuml;r die Protagonistin des Textes nur mit einer geh&amp;ouml;rigen Portion Humor und Sturheit ertragen. Wie zwischen den Wahrheiten schwankt sie zwischen dem verzweifelten Versuch, Haltung zu bewahren, und der Absurdit&amp;auml;t ihres Lebens als alternde Stummfilmdiva im faschistischen Deutschland. So steckt Dr&amp;ouml;schers Roman auch voller komischer Szenen: Ihr 17j&amp;auml;hriger Liebhaber, der schon erw&amp;auml;hnte Hermann Braun, schenkt ihr eine furzende Chihuahua-H&amp;uuml;ndin, mit deren Hilfe er sich von einem Analytiker von seiner Angst vor Obrigkeiten heilen lie&amp;szlig;, ein fehlgeleiteter Hitler-Gru&amp;szlig; zertr&amp;uuml;mmert ihr bei ihrer R&amp;uuml;ckkehr nach Deutschland die Nase, und ein kleiner, hinkender Minister, der &amp;raquo;an einen ausgemergelten Ziegenbock&amp;laquo; erinnert, w&amp;auml;re beinahe tats&amp;auml;chlich in der Lage, ihre Arbeitserlaubnis zu gef&amp;auml;hrden &amp;ndash; wenn nicht der Kanzler selbst im Geheimen Fan der erotischen Ausstrahlung der Diva w&amp;auml;re.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Wie eng Komik und Tragik hier beieinanderliegen, wird erneut &amp;uuml;ber die Frage nach der &amp;ouml;ffentlichen Wahrnehmung und, indirekt, nach einer &amp;ouml;ffentlichen Wahrheit verhandelt. Nicht willens, sich als M&amp;auml;tresse f&amp;uuml;r den polnischen Botschafter in den Dienst Hitlerdeutschlands zu stellen (&amp;raquo;Es schien ihr ungeheuerlich, dass es nicht etwa das woll&amp;uuml;stige Verlangen war, sie in das ministerliche Gemach zu zerren, das sie hierhergeholt hatte.&amp;laquo;), droht der Minister Pola unverhohlen mit der Erinnerung an einen ihrer ersten Filme: &amp;raquo;&amp;rsaquo;Ich werde nie vergessen, mit welcher Intensit&amp;auml;t Sie die Rolle spielten. [&amp;hellip;] Sie haben eine J&amp;uuml;din dargestellt. Ganz t&amp;auml;uschend echt spielten Sie sie.&amp;lsaquo;&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Dass Pola Negri als in politischen Dingen v&amp;ouml;llig naive Figur gezeigt wird, ist zugleich Gewinn und Problem f&amp;uuml;r den Roman. Die Unbedarftheit, mit der sie sich auf hochpolitischem Parkett bewegt, ist einerseits Voraussetzung f&amp;uuml;r viele komische Episoden im Roman und seine Perspektivierung auf die Kunst. Die Differenz zwischen der historischen Realit&amp;auml;t und ihrer subjektiven Wahrnehmung stellt aber andererseits inhaltlich wie formal ausschlie&amp;szlig;lich die Kunst in den Mittelpunkt. Diesem inhaltlichen (und wohl auch biografischen) Schwerpunkt werden der Ton und vor allem die Sprache des Romans nicht gerecht &amp;ndash; zu ausdauernd und fr&amp;ouml;hlich wird hier &amp;raquo;gekr&amp;auml;ht&amp;laquo;, &amp;raquo;geschrien&amp;laquo; und &amp;raquo;gefl&amp;ouml;tet&amp;laquo;. Zwar sch&amp;ouml;pft Daniela Dr&amp;ouml;scher so insgesamt das humoristische und reflexive Potential ihres Stoffes auf unterhaltsame Weise aus, die Figur Pola Negri bleibt aber bis zum Schluss schwer fassbar, und der Roman als Abbild einer komplexen Epoche oberfl&amp;auml;chlich. Der intelligenten, selbstreflexiven Inszenierung eines Schauspielerinnenlebens tut dies keinen Abbruch. An die atmosph&amp;auml;rische Dichte des Vorg&amp;auml;ngerromans, in dessen Darstellung zugleich eine Epoche und ihre Figuren lebendig wurden, reicht &lt;em&gt;Pola &lt;/em&gt;allerdings nicht heran. Aber vielleicht ist auch das schon wieder Programm: Pola bleibt ihre Rolle.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Daniela Dr&amp;ouml;scher: Pola. Berlin: Berlin Verlag, 2012. 304 Seiten. ISBN 978-3-8270-1106-0. 19,99 Euro.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/rollenspiel#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Thu, 18 Apr 2013 18:54:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Anna Valerius</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4902 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
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 <title>Reine Geschmackssache</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/reine-geschmackssache</link>
 <description>&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	&amp;raquo;Bon voyage das Leben ist ne Reise. Spring einfach auf und es zieht seine Kreise. [...] Wie verr&amp;uuml;ckt das Ziel ist die Suche und wenn man was findet ist es das Gl&amp;uuml;ck.&amp;laquo;&lt;br /&gt;
	(Freakatronic, &amp;raquo;Bon Voyage&amp;laquo;, aus dem Album &amp;raquo;Error&amp;laquo;, 2010)&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Ich habe dieses Jahr nicht bewusst nach neuen k&amp;uuml;nstlerischen Einfl&amp;uuml;ssen gesucht, sondern mich berieseln lassen und dadurch ganz ungezwungen zu Dingen gefunden, die ich vielleicht gar nicht vorhatte zu finden. Man hat ja immer Vorstellungen von dem was zu einem passt, da macht man bei der Kunst keine Ausnahme. Sie kleidet einen ebenso wie die Kleidung, die man tagt&amp;auml;glich am K&amp;ouml;rper tr&amp;auml;gt.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&amp;Uuml;ber eine Wiederentdeckung&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Musikalisch habe ich im Sommer als ich in Frankreich war die Vorz&amp;uuml;ge von &lt;strong&gt;Coldplay&lt;/strong&gt; wieder zu sch&amp;auml;tzen gelernt. Vielleicht kann keine Band auf so hohem Niveau auf die Tr&amp;auml;nendr&amp;uuml;se dr&amp;uuml;cken, wie diese. Alles ist irgendwie schnulzig abgehoben und die gro&amp;szlig;e Kunst ist es nun, dass dies nicht negativ auff&amp;auml;llt. W&amp;uuml;rde jemand die Musik von Coldplay in einen Roman transkribieren wei&amp;szlig; ich nicht, ob ich ihn je lesen w&amp;uuml;rde. Zum Gl&amp;uuml;ck ist Chris Martin aber kein Schriftsteller, sondern ein S&amp;auml;nger und seine leicht nasale Stimme schafft es bei ihr auszuharren und verweilen zu wollen, gro&amp;szlig;e Gef&amp;uuml;hle zuzulassen ohne in einer Dunstglocke aus Kitsch zu ersticken. Ich werde Coldplay nun wohl immer mit Frankreich in Verbindung bringen, das Land, wo ich nach mehreren Jahren wieder diese Band geh&amp;ouml;rt habe. Das ist ja gerade das Gro&amp;szlig;artige an Kunst, die mal verr&amp;uuml;ckten, mal leisen konnektiven Einzigartigen, die sie bei jedem einzelnen ausl&amp;ouml;sen kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&amp;Uuml;ber das Staunen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Generell hat das Jahr 2012 mich ein wenig weg von der Rockmusik mit ihren dreckigen Gitarren hin zur elektronischen Musik gef&amp;uuml;hrt. Ich h&amp;auml;tte nie gedacht, dass ich das mal sagen w&amp;uuml;rde. Wirklich nie h&amp;auml;tte ich gedacht, dass ich freiwillig elektronische Musik auflege und ihr mehr als nur ein paar Sekunden lausche, aber dieses Jahr habe ich mir fast nur Platten von&amp;nbsp; Elektro-K&amp;uuml;nstlern gekauft. Die Verwunderung r&amp;uuml;hrt daher, dass ich jahrelang mit dem Vorurteil gelebt habe, dass elektronische Musik mit dem Schaffen von Scooter gleichzusetzen sei, alles reine Geschmackssache, aber eben nicht mein Geschmack. Es ist nicht so, als h&amp;auml;tte ich mich nun 2012 gro&amp;szlig;artig hineingelesen in die Welt, die f&amp;uuml;r mich, meinem bescheidenen Wissen verschuldet, einfach den Namen Elektro tr&amp;auml;gt und doch eigentlich so unendlich viele Unterscheidungen in sich birgt, wie jede andere Musikrichtung auch. Sie ist vielmehr einfach &amp;uuml;ber mich gekommen und ich begebe mich seitdem auf eine Entdeckungsreise. Verweile an der einen Stelle etwas l&amp;auml;nger, einer anderen kehre ich nach wenigen Minuten den R&amp;uuml;cken zu und es nicht schlimm, denn ich hatte ja gar keine Erwartungen und kann nur gewinnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;LouisEx&lt;/strong&gt; lassen sich mich auf einer Blumenwiese frische Luft atmen, wobei sich am Horizont in der Ferne schon dunkle Wolken ank&amp;uuml;ndigen, so dass ich immer daran erinnert werde, wie marode doch alles ist. &lt;strong&gt;Spektre&lt;/strong&gt; heben mich mit ihren elektronischen Kl&amp;auml;ngen ein wenig in den Weltraum und in Gedanken springe ich vielleicht wie &lt;strong&gt;Felix Baumgarnter&lt;/strong&gt; aus der Kapsel eines Ballons aus 36.000 Metern H&amp;ouml;he und komme unversehrt wieder auf der Erde an und m&amp;ouml;chte nur noch tanzen. Ich k&amp;ouml;nnte jetzt noch einige K&amp;uuml;nstler nennen, wie zum Beispiel &lt;strong&gt;SBTRKT&lt;/strong&gt;, deren eing&amp;auml;ngige Beats und minimalistischer Gesang bewirken, dass&amp;nbsp; man einfach nicht anders kann als sich zu bewegen, oder &lt;strong&gt;Robot Koch&lt;/strong&gt;, dessen Song &amp;raquo;The Other Side&amp;laquo; mich auch nach mehrmaligen H&amp;ouml;ren verwundert, weil er alles ausdr&amp;uuml;ckt ohne das ein Wort gesprochen wird. Alles, was mir erkl&amp;auml;rt, warum Elektro in meinen Augen Beachtung verdient. Eben nicht diese eint&amp;ouml;nigen Beats, diese Wums-Wums-Mentalit&amp;auml;t, die ich jahrelang ver&amp;auml;chtlich mit einer Handbewegung aus meinem Einflussradius abgewehrt habe, wie l&amp;auml;stige Fliegen, sondern Komplexit&amp;auml;t, die nicht nur von ihrer Lautst&amp;auml;rke und ihrem Bass lebt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn ich mir nun so recht &amp;uuml;berlege, ist mein ganz pers&amp;ouml;nliches Highlight nach Jahren Zugang zu einer Musikrichtung gefunden zu haben, der ich fr&amp;uuml;her nie eine Chance gegeben habe und worin ich etwas gefunden habe, was ich in den n&amp;auml;chsten Jahren sicherlich nicht mehr unbeachtet lassen werde.&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/reine-geschmackssache#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse">Kontroverse</category>
 <pubDate>Fri, 21 Dec 2012 06:00:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Ines Böckelmann</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4887 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
</item>
<item>
 <title>Der türkische Antichrist</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/der-t%C3%BCrkische-antichrist</link>
 <description>&lt;p class=&quot;rtejustify&quot; style=&quot;&quot;&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;&amp;raquo;Alter, seh&amp;lsquo; ich aus wie &amp;lsquo;ne Schwuchtel oder was?!&amp;laquo; Nein, nat&amp;uuml;rlich nicht. Eine Schwuchtel hat eine bestimmte K&amp;ouml;rperhaltung, einen charakteristischen Haarschnitt und eine einpr&amp;auml;gende Stimmlage. Du hingegen hast volles, dunkles Haar, einen m&amp;auml;nnlichen K&amp;ouml;rper und st&amp;auml;ndig umherwandernde Augen, die zu deiner aggressiven K&amp;ouml;rpersprache passen &amp;ndash; du bist definitiv keine &lt;/span&gt;&lt;em style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;Schwuchtel&lt;/em&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot; style=&quot;&quot;&gt;Man will es vielleicht nicht glauben, aber gerade in t&amp;uuml;rkischen Kulturkreisen ist das Thema Homosexualit&amp;auml;t mit einem gesellschaftlichen Tabu verbunden. Das liegt nicht zuletzt an der fehlenden Aufkl&amp;auml;rung; deshalb wird aus einem aus der Luft gegriffenen Stereotypen schnell eine Beleidigung kreiert. Fragen Sie doch mal einen Mitb&amp;uuml;rger mit t&amp;uuml;rkischem Migrationshintergrund, was genau eigentlich eine Schwuchtel ist. Sie werden erstaunt sein &amp;uuml;ber die Definition, die man Ihnen liefert.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot; style=&quot;&quot;&gt;Doch eine wichtige Frage, die mit dem Feststellen dieses Faktums einhergeht, ist folgende: Wie sieht es eigentlich mit dem Anteil an t&amp;uuml;rkischen Homosexuellen in Deutschland aus?&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p class=&quot;rtejustify&quot; style=&quot;&quot;&gt;&lt;strong style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;Der steinige Weg der Andersartigkeit&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot; style=&quot;&quot;&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 13px; line-height: 20px;&quot;&gt;Um diese Leitfrage zu beantworten, m&amp;uuml;ssen wir einige Jahre in der Geschichte zur&amp;uuml;ckgehen:&amp;nbsp;&lt;/span&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;W&amp;auml;hrend in den 1960er und 1970er Jahren in den USA eine gro&amp;szlig;e Bewegung ihren Lauf nahm, um Menschen mit einer anderen sexuellen Orientierung als der heterosexuellen zu &amp;raquo;befreien&amp;laquo;, kam hier in Deutschland nicht sehr viel davon an. Erst einige Jahre sp&amp;auml;ter verbreitete sich die Bewegung auch auf das westliche Europa und andere Kontinente. In der T&amp;uuml;rkei existieren erst seit Anfang der 90er Jahre Organisationen und Vereine, die sich f&amp;uuml;r die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transvestiten und &amp;ndash;sexuellen einsetzen (kurz auch &lt;/span&gt;&lt;em style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;LGBTT&lt;/em&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt; f&amp;uuml;r &lt;/span&gt;&lt;em style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender and Transsexual&lt;/em&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;); die zwei bedeutendsten von ihnen sind der &lt;/span&gt;&lt;em style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;Lambda&lt;/em&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;, der 1993 in Istanbul gegr&amp;uuml;ndet wurde, und der &lt;/span&gt;&lt;em style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;Kaos GL&lt;/em&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;, der seit 1994 in Ankara aktiv ist. Sowohl die Gesetzesgrundlage als auch die Gesellschaftsmentalit&amp;auml;t in der T&amp;uuml;rkei erschwerten lange Zeit die Arbeit jeglicher Vereine, die eine Verbesserung der Gesamtsituation anstrebten. Nichtsdestotrotz wurden &lt;/span&gt;&lt;em style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;Lambda&lt;/em&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt; und &lt;/span&gt;&lt;em style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;Kaos GL&lt;/em&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt; zu Pionieren, an denen sich viele Andere ein Beispiel nahmen. Leider sind und bleiben diese Bem&amp;uuml;hungen Fremdk&amp;ouml;rper einer Gesellschaft (ob t&amp;uuml;rkisch oder nicht, spielt hier tats&amp;auml;chlich keine Rolle), die gepr&amp;auml;gt ist vom &amp;raquo;Drei-Affen-Prinzip&amp;laquo;. Daher ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass Homo-, Bi- oder Transsexuelle oftmals nicht nur mit Argwohn, sondern auch Gewalt behandelt werden.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot; style=&quot;&quot;&gt;&lt;strong style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;Homosexuelle T&amp;uuml;rken in Deutschland&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot; style=&quot;&quot;&gt;Wenn es also in der T&amp;uuml;rkei so zuging, wie gestaltete sich das Ganze dann wohl f&amp;uuml;r die T&amp;uuml;rken in Deutschland? Leider ist die Realit&amp;auml;t frustrierender, als man denkt: Wenn man so weit weg ist von der Heimat und ihren Werten, h&amp;auml;lt man umso st&amp;auml;rker an ihnen fest. Gastfamilien, die ihre Kinder hier in Deutschland zur Welt brachten und sie ihren eigenen Wertvorstellungen entsprechend aufzuziehen versuchten, gaben ihr Nicht-Wissen an die n&amp;auml;chste Generation weiter. Aufgrund von mangelnder Aufkl&amp;auml;rung und einem stark polarisierten Freundeskreis blieben diese verankerten Vorstellungen von Sexualit&amp;auml;t bestehen und stellen auch heute noch ein zentrales Problem dar, besonders bei t&amp;uuml;rkischen Jugendlichen. Nicht nur in der T&amp;uuml;rkei, die in Sachen Sexualit&amp;auml;t und Freiz&amp;uuml;gigkeit vielleicht nicht an westlichere L&amp;auml;nder heranreichen mag, sondern auch in Deutschland, wo Aufkl&amp;auml;rung und Toleranz ganz oben auf der To-Do-Liste stehen. Dabei existieren viele Anlaufstellen, von denen Viele nur nichts wissen.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot; style=&quot;&quot;&gt;Bekanntlich best&amp;auml;tigen Ausnahmen ja die Regel: Es gibt in der Tat viel mehr homosexuelle Deutsch-T&amp;uuml;rken, als man zun&amp;auml;chst denkt. Dies ist nicht &amp;uuml;berraschend, zumal sich jene vor famili&amp;auml;ren Konfrontationen und eventuellen Problemen, die sich daraus ergeben, sch&amp;uuml;tzen wollen. Meistens wird das Ganze verschwiegen und von den betroffenen Personen als &amp;raquo;eine Phase&amp;laquo; abgestempelt. Gerade bei m&amp;auml;nnlichen Homosexuellen ist der Druck aus dem Familien- und Freundeskreis sehr gro&amp;szlig;; die Bef&amp;uuml;rchtung, seine M&amp;auml;nnlichkeit aufgegeben zu haben, hindert die meisten daran, offen mit ihrer sexuellen Orientierung umzugehen. Und nicht selten passiert es, dass gerade diejenigen, die Hassparolen und abwertende Witze &amp;uuml;ber Schwuchtel aussprechen, selber schwul oder lesbisch sind.&lt;br /&gt;
	Doch genau an dieser Stelle operiert &lt;em&gt;GLADT&lt;/em&gt; in Deutschland: &lt;em&gt;Gays &amp;amp; Lesbians aus der T&amp;uuml;rkei&lt;/em&gt; ist ein unabh&amp;auml;ngiger Verein, der seit 2003 offiziell aktiv ist. Er ist auch der einzige Verein, der sich anfangs explizit mit t&amp;uuml;rkischst&amp;auml;mmigen Homosexuellen in Deutschland besch&amp;auml;ftigte; in den letzten Jahren sind allerdings weitere Nationalit&amp;auml;ten dazugesto&amp;szlig;en, die den Verein f&amp;uuml;r sich entdeckt haben. GLADT ist nicht nur eine Anlaufstelle f&amp;uuml;r Menschen, die ihre Sexualit&amp;auml;t neu definiert haben, sondern auch eine St&amp;uuml;tze f&amp;uuml;r diejenigen, die sich seit Langem zu einem &amp;raquo;Coming-Out&amp;laquo; &amp;uuml;berwinden m&amp;ouml;chten. Dass es Menschen gibt, die die Integration der sexuellen Andersartigkeit verbessern wollen, d&amp;uuml;rfte nicht nur f&amp;uuml;r die Betroffenen motivierend sein.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot; style=&quot;&quot;&gt;&lt;strong style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;Der erste Schritt zum richtigen Bewusstsein&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot; style=&quot;&quot;&gt;Was aber sagt diese Sachlage eigentlich aus?&amp;nbsp;Sie belegt, dass wir ein gro&amp;szlig;es Problem haben, das viel zu oft unter den Teppich gekehrt wird. Es wird immer noch viel zu selten &amp;uuml;ber das Thema Homosexualit&amp;auml;t gesprochen &amp;ndash; und wenn es mal passiert, dann meistens falsch. Aussagen wie &amp;raquo;Schwule P&amp;auml;rchen finde ich voll s&amp;uuml;&amp;szlig;!&amp;laquo; sind genauso diskreditierend wie zu behaupten, Homosexualit&amp;auml;t sei eine Krankheit (jenes Statement habe ich &amp;uuml;brigens auch viel zu oft von deutschen Mitb&amp;uuml;rgern geh&amp;ouml;rt). Stattdessen sollte die Bem&amp;uuml;hung, diesen Teil der Bev&amp;ouml;lkerung als gleichwertig anzusehen, &amp;uuml;berragen. Es geht nicht darum, Homosexuellen besondere Aufmerksamkeit zu schenken oder sie zu analysieren, sondern vielmehr um eine stille Akzeptanz ihnen gegen&amp;uuml;ber. Bezogen auf T&amp;uuml;rken in Deutschland erfordert es selbstverst&amp;auml;ndlich eine andere Handhabung, da es schwierig ist, vom Kindesalter an vermittelte und tief verankerte Vorstellungen zu &amp;auml;ndern. Die von mir bereits erw&amp;auml;hnten Anlaufstellen kommen leider erst dann zum Einsatz, wenn die Probleme vor der T&amp;uuml;r stehen.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot; style=&quot;&quot;&gt;Allerdings kann man vorbeugen: Gezielte Aufkl&amp;auml;rung an Schulen und in der Familie, die Zusammenarbeit mit entsprechenden Vereinen und nicht zuletzt das Motivieren zum Erkennen der eigenen Sexualit&amp;auml;t sind hier die Schlagworte. Denn letzten Endes geht es nur darum, dass auch t&amp;uuml;rkische M&amp;auml;nner M&amp;auml;nner und t&amp;uuml;rkische Frauen Frauen lieben k&amp;ouml;nnen &amp;ndash; und keine Antichristen sind.&lt;/p&gt;
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 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/der-t%C3%BCrkische-antichrist#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse">Kontroverse</category>
 <pubDate>Tue, 16 Apr 2013 07:30:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>N. N.</dc:creator>
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 <title>Konkurrenz im eigenen Haus?</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/konkurrenz-im-eigenen-haus</link>
 <description>&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;Ja, der Metzler-Verlag. In grauer Vorzeit war er au&amp;szlig;er f&amp;uuml;r &amp;Uuml;berblickswerke auch als Ort wichtiger literaturwissenschaftlicher Monographien bekannt. Doch seit einigen Jahren hat man sich &amp;ndash; offenbar recht erfolgreich &amp;ndash; ganz darauf verlegt [!], mittels Handb&amp;uuml;chern und Einf&amp;uuml;hrungen wissenschaftliche Grund- und Erstversorgung zu liefern. Als eine der neuesten Einf&amp;uuml;hrungen ist k&amp;uuml;rzlich eine von Franziska Sch&amp;ouml;&amp;szlig;ler verfasste &lt;em&gt;Einf&amp;uuml;hrung in die Dramenanalyse&lt;/em&gt; erschienen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Dass es eine neue Einf&amp;uuml;hrung zur Dramenanalyse gibt, ist folgerichtig und verwunderlich zugleich. Folgerichtig ist es, weil 2008 eine &lt;em&gt;Einf&amp;uuml;hrung in die Analyse von Erz&amp;auml;hltexten&lt;/em&gt; publiziert wurde (die aktuell jedoch nicht lieferbar ist) und bei Metzler ein Anspruch auf Vollst&amp;auml;ndigkeit zu bestehen scheint. Verwunderlich ist es aber, weil es bei genau diesem Verlag noch immer ein absolutes Standardwerk zum Thema zu kaufen gibt: Bernhard Asmuths altehrw&amp;uuml;rdige &lt;em&gt;Einf&amp;uuml;hrung in die Dramenanalyse&lt;/em&gt;, 2009 in der siebten Auflage erschienen. Warum besteht also die Notwendigkeit, sich Konkurrenz zu diesem Longseller ins Haus zu holen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Antwort ist wohl: weil es keine Konkurrenz ist. Und damit soll zun&amp;auml;chst nichts &amp;uuml;ber die Qualit&amp;auml;t des neuen Bands ausgesagt sein, sondern einfach auf den Umstand hingewiesen werden, dass sich die von Sch&amp;ouml;&amp;szlig;ler verfasste Einf&amp;uuml;hrung offensichtlich an ein anderes Publikum richtet als die von Asmuth. Darauf deutet in erster Linie das Design des Buches hin, das etwas weniger alteurop&amp;auml;isch daherkommt als der &amp;auml;ltere, 188. Band aus der &amp;raquo;Sammlung Metzler&amp;laquo;: Durch farbig abgehobene Textboxen mit Definitionen, Informationen zur Vertiefung oder beispielhaften Kurzanalysen sowie gelegentlicher, dabei aber sehr gut ausgew&amp;auml;hlter Bebilderung zeigt sich das Buch um visuelle Zug&amp;auml;nglichkeit bem&amp;uuml;ht. Am auff&amp;auml;lligsten sind die am Ende jedes Kapitels gelieferten Fragen, die die M&amp;ouml;glichkeit bieten sollen, das Gelesene zu wiederholen. Hier zeigt sich ein Hang zum Didaktisieren, der zu erkennen gibt, dass sich der Verlag den impliziten Leser des Bandes zwischen Oberstufe und erstem Semester stehend vorstellt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;Franziska Schößler: »Einführung in die Dramenanalyse« (Cover)&quot; src=&quot;/sites/default/files/Schoessler_Dramenanalyse.jpg&quot; style=&quot;width: 169px; height: 252px; border-width: 0px; border-style: solid; margin: 5px 15px; float: right;&quot; /&gt;Daran ist zun&amp;auml;chst einmal nichts Verwerfliches. Und in der Tat informiert die Einf&amp;uuml;hrung zu den Genres und den wichtigen Elementen des Dramas (Handlung, Figur, Sprache, Zeit, Raum) sowie den historischen Bedingungen der deutschen Theaterlandschaft und der Theaterberufe im Gro&amp;szlig;en und Ganzen recht verl&amp;auml;sslich. Gerade die konsequente Inklusion der theatralen Dimension des Dramas, die Asmuths Einf&amp;uuml;hrung vermissen l&amp;auml;sst, hebt Sch&amp;ouml;&amp;szlig;lers Buch von dem verlagseigenen Gegenmodell ab. Dass Sch&amp;ouml;&amp;szlig;ler abschlie&amp;szlig;end sogar ein Kapitel zum Verh&amp;auml;ltnis von Theater und Schule integriert hat, zeigt ein weiteres Mal, wie weit sich ihr Konzept von Asmuth entfernt hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Allerdings sollte man beim Metzler-Verlag &amp;uuml;berlegen, wie weit man die Benutzerfreundlichkeit treiben m&amp;ouml;chte &amp;ndash; denn bei Sch&amp;ouml;&amp;szlig;ler zeigen sich mehrfach Ungenauigkeiten in der Darstellung zentraler Zusammenh&amp;auml;nge. So wird in Bezug auf Aristoteles&amp;rsquo; &lt;em&gt;Poetik&lt;/em&gt; der Mythos-Begriff fahrl&amp;auml;ssig gleichgesetzt mit den Geschichten der griechischen Mythologie (also dem heutigen Verst&amp;auml;ndnis von &amp;rsaquo;Mythos&amp;lsaquo;), wobei &amp;rsaquo;m&amp;yacute;thos&amp;lsaquo; bei Aristoteles doch schlicht und ergreifend &amp;rsaquo;Handlung&amp;lsaquo; bedeutet. Auch die Bestimmungen zum Einakter (in einer Textbox &amp;raquo;Zur Vertiefung&amp;laquo;) sind zumindest ungenau: Zwar ist es richtig, dass Lessing und Kleist einaktige St&amp;uuml;cke geschrieben haben, doch findet sich in der Einf&amp;uuml;hrung kein Wort dar&amp;uuml;ber, dass der Einakter bis zum Ende des 19. Jahrhunderts eine anspruchslose Dramenform war, die als Vor- oder Zwischenspiel an einem Theaterabend Zerstreuung bieten sollten und erst mit ihrer Aufwertung durch Strindberg und Maeterlinck Dignit&amp;auml;t gewonnen haben. Am schwersten wiegt vielleicht der Fall in Bezug auf Volker Klotz&amp;rsquo; bekannte Unterscheidung von geschlossener und offener Dramenform. Dieser immerhin gut 50 Jahre alte Ansatz wird Einf&amp;uuml;hrung f&amp;uuml;r Einf&amp;uuml;hrung, Handbuch f&amp;uuml;r Handbuch wieder aufgew&amp;auml;rmt, was er wohl seiner Griffigkeit und unmittelbaren Einsichtigkeit verdankt. Es liegt nahe, ihn auch hier als Heuristik einzuf&amp;uuml;hren. Doch sollte man dabei in einem Nebensatz die Grenzen dieses Konzepts ansprechen (und nicht nur mitteilen, dass es sich dabei um Idealtypen hand&lt;span style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;elt &amp;ndash; was schon Volker Klotz selbst immer wieder betont hat). Dass das Verh&amp;auml;ltnis von geschlossener zu offener Dramenform in etwa dem Verh&amp;auml;ltnis von blau zu unblau entspricht, wie Hans-Thies Lehmann einmal h&amp;uuml;bsch formuliert hat, sollten auch Studienanf&amp;auml;nger vermittelt bekommen &amp;ndash; Bernhard Asmuth hat einen solchen Hinweis in seinen Band aufgenommen.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Inwieweit diese M&amp;auml;ngel der Trierer Professorin und ihren Mitarbeitern Christine B&amp;auml;hr und Nico Theisen anzulasten sind, ist nat&amp;uuml;rlich sehr schwer zu entscheiden. Es ist allerdings anzunehmen, dass Sch&amp;ouml;&amp;szlig;ler um diese Problematiken wei&amp;szlig;, angesichts eines allzu vergr&amp;ouml;bernden Einf&amp;uuml;hrungs-Konzepts aber zu Konzessionen gezwungen war. In dieser Hinsicht fragt es sich, ob der Metzler-Verlag nicht gut daran t&amp;auml;te, trotz aller Schauwerte die Inhalte seiner Einf&amp;uuml;hrungen nicht doch ein bisschen alteurop&amp;auml;ischer auszurichten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;em&gt;Franziska Sch&amp;ouml;&amp;szlig;ler:&amp;nbsp;&lt;a href=&quot;https://www.metzlerverlag.de/index.php?mod=bookdetail&amp;amp;isbn=978-3-476-02339-1&quot;&gt;Einf&amp;uuml;hrung in die Dramenanalyse&lt;/a&gt;.&amp;nbsp;Unter Mitarbeit von Christine B&amp;auml;hr und Nico Theisen.&amp;nbsp;Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler, 2012.&amp;nbsp;X + 277 Seiten, 48 farb. Abb.&amp;nbsp;&lt;span style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;ISBN 978-3-476-02339-1.&amp;nbsp;&lt;/span&gt;&lt;span style=&quot;font-size: 13px;&quot;&gt;19,95 Euro.&lt;/span&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/konkurrenz-im-eigenen-haus#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Mon, 08 Apr 2013 07:00:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>N. N.</dc:creator>
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 <title>Eine Suche nach dem Fundament des Umweltgedankens</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/eine-suche-nach-dem-fundament-des-umweltgedankens</link>
 <description>&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;In der Antrittsrede des US-Pr&amp;auml;sidenten Barack Obama ist &amp;raquo;nachhaltig&amp;laquo; ein wichtiges Wort &amp;ndash; doch es steht ebenso in verschiedenen Werbetexten. Gegen die drohende Beliebigkeit zeigt Ulrich Grober mit sehr umfangreichem und tiefgr&amp;uuml;ndigem &amp;Uuml;berblick vielschichtige Hintergr&amp;uuml;nde und Wurzeln des Begriffes, der f&amp;uuml;r ihn zum &amp;raquo;Weltkulturerbe&amp;laquo; geh&amp;ouml;rt.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&amp;raquo;Der Weg zu nachhaltigen Energiequellen (&amp;raquo;sustainable energy sources&amp;laquo;) wird lang und schwierig werden&amp;laquo;, sagte Barack Obama am 21. Januar 2013 in der Antrittsrede seiner zweiten Amtszeit.&lt;br /&gt;
	Wenn daneben auch Haarshampoo &amp;raquo;nachhaltig wirken&amp;laquo; kann, wird die tiefere Bedeutung des sehr vielschichtigen Begriffes fragw&amp;uuml;rdig. Ulrich Grobers 2010 erschienenes Buch Di&lt;em&gt;e Entdeckung der Nachhaltigkeit. &lt;/em&gt;Kulturgeschichte eines Begriffs &amp;raquo;leistet [...] einen wichtigen Beitrag dazu, dass Nachhaltigkeit nicht zum Modewort verkommt, sondern die Idee vom nachhaltigen Denken, Leben und Handeln die K&amp;ouml;pfe und Herzen der Menschen im Alltag erreicht.&amp;laquo; Die Begr&amp;uuml;ndung f&amp;uuml;r den Brandenburgischen Literaturpreis Umwelt, mit dem das Buch 2011 ausgezeichnet wurde, bringt die Sache gut auf den Punkt.&lt;br /&gt;
	&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/DSC_9236.jpg&quot; style=&quot;margin: 5px; width: 197px; height: 298px; float: right;&quot; /&gt;&amp;raquo;Aber was ist nachhaltig?&amp;laquo; fragt der Journalist und Publizist in seinem 300 Seiten umfassenden und &amp;raquo;hervorragend lesbaren Buch&amp;laquo; (Deutschlandfunk). Er antwortet darauf mit einem mehrere Jahrhunderte und viele Themen umfassenden &amp;Uuml;berblick. Der 64-j&amp;auml;hrige Germanist und Anglist aus Lippstadt findet bis zu Franz von Assisi zur&amp;uuml;ckreichende Wurzeln &amp;ndash; und fragt zudem nach Urspr&amp;uuml;ngen bereits vor 5300 Jahren. Denn war nicht schon &amp;Ouml;tzi &amp;raquo;einer aus der langen Ahnenreihe der Erfinder der Nachhaltigkeit?&amp;laquo; Grober verfolgt sehr detailliert die sprachliche Entwicklung bzw. &amp;raquo;Entdeckung&amp;laquo; des Begriffes, betrachtet sie genau in ihrem gesellschaftlichen Kontext und zeigt auf, was alles in dem Begriff mitschwingt. Sein Ziel: &amp;raquo;arch&amp;auml;ologische Schichten&amp;laquo; freizulegen und so &amp;raquo;an das Potenzial heranzukommen, das sich dagegen sperrt, mit unserer gegenw&amp;auml;rtigen Normalit&amp;auml;t gleichgeschaltet zu werden.&amp;laquo; Dazu gr&amp;auml;bt er konsequent und aufschlussreich in verschiedenen Sprachen und Zeiten.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;p&gt;
	Das von Joachim Heinrich Campe, dem Lehrer Alexander von Humboldts, 1809 herausgegebene &amp;raquo;W&amp;ouml;rterbuch der deutschen Sprache&amp;laquo; definiert Nachhalt als das, woran man sich h&amp;auml;lt, wenn alles nicht mehr h&amp;auml;lt. Das klingt tr&amp;ouml;stlich. Wie eine Flaschenpost aus einer fernen Vergangenheit f&amp;uuml;r unsere prek&amp;auml;ren Zeiten. Wir suchen ein Modell, das ein Weltsystem abbildet, das 1. nachhaltig (sustainable) ist ohne pl&amp;ouml;tzlichen und unkontrollierbaren Kollaps; und 2. f&amp;auml;hig ist, die materiellen Grundanspr&amp;uuml;che aller seiner Menschen zu befriedigen. Noch eine Flaschenpost. Diese ist in dem ber&amp;uuml;hmten Bericht an den Club of Rome von 1972 &amp;uuml;ber die Grenzen des Wachstums enthalten.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Hier zeigt sich eine wesentliche Qualit&amp;auml;t des Buches: Weitreichend wird verkn&amp;uuml;pft, was &amp;uuml;ber den Begriff der Nachhaltigkeit miteinander verbunden ist. Dies ist sehr hilfreich zum tiefergehenden Verst&amp;auml;ndnis daf&amp;uuml;r, wie umfangreich und tiefgr&amp;uuml;ndig er ist &amp;ndash; und verdeutlicht zudem die spannende Entwicklung, die notwendig ist, bis eine Idee sprachlich klar gefasst werden kann. Dabei zeigt Grober viele weitreichende Verbindungen auf, die er anhand zahlreicher Zitate belegt. Die Zusammengeh&amp;ouml;rigkeit wird dadurch klar erkennbar. Nur an wenigen Stellen bleibt fraglich, ob nicht zu dem von Grober beschriebenen Zusammenhang weitere Verbindungslinien bestehen k&amp;ouml;nnten. Doch bei der enormen Stoffmenge sind diese vernachl&amp;auml;ssigbar, auch wenn dann statt der klaren Aussage eine weitere Suchbewegung stimmiger w&amp;auml;re.&lt;br /&gt;
	Grober nimmt den Leser mit in die entscheidenden Situationen und gibt ihm Vergleiche und Denkanst&amp;ouml;&amp;szlig;e in verschiedenste Richtungen, so dass er sich ein differenziertes Bild machen kann. Sein Fokus auf die sprachliche &amp;raquo;Entdeckung&amp;laquo; zeigt sich hier beispielhaft:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;p&gt;
	Auf die Tradition pfleglicher Holznutzung fu&amp;szlig;t die Argumentation von Carlowitz. [...] Der traditionelle Terminus pfleglich scheint dem Autor jedoch nicht mehr auszureichen. Er sucht, tastet f&amp;ouml;rmlich, nach einem anderen. Und dann stellt er die Frage:&lt;br /&gt;
	wie eine [...] Conservation und Anbau des Holzes anzustellen [ist], da&amp;szlig; es eine continuierliche best&amp;auml;ndige und nachhaltende Nutzung gebe [...].&lt;br /&gt;
	Da ist das Wort! Zum ersten Mal in seiner heutigen Bedeutung. [...] Es ist f&amp;ouml;rmlich mit H&amp;auml;nden zu greifen, wie der Autor die deutsche Sprache nach einem Wort abklopft, das die langfristige zeitliche Kontinuit&amp;auml;t von Naturnutzung und den Gedanken des Einteilens und Sparens von Ressourcen plastisch und pr&amp;auml;zise zum Ausdruck bringt.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Grober analysiert und ordnet den Begriff sprachlich genau ein &amp;ndash; doch ebenso stellt er ihn in die verschiedenen philosophischen Str&amp;ouml;mungen: &amp;raquo;Zwischen den Zeilen ist Spinozas Entwurf von Nachhaltigkeit deutlich pr&amp;auml;sent. St&amp;auml;rker jedenfalls als Descartes&amp;#39; Leitgedanke nationaler Naturbeherrschung.&amp;laquo; Insgesamt sieht Grober die St&amp;auml;rke der Wortsch&amp;ouml;pfung in der Breite des Begriffes, da Carlowitz &amp;raquo;die Begrifflichkeit seiner Vordenker, die &amp;raquo;Urtexte&amp;laquo; der Nachhaltigkeit, umfassend ins Spiel bringt&amp;laquo;.&lt;br /&gt;
	Das Buch besticht durch sprachliche Brillanz und hat seine besondere St&amp;auml;rke darin, dass viele entscheidende Momente sehr plastisch dargestellt werden. So werden beispielsweise wichtige Reden der Umweltkonferenz in Stockholm 1972 im Wortlaut aufgef&amp;uuml;hrt und damit&amp;nbsp; intensive Eindr&amp;uuml;cke der Atmosph&amp;auml;re vermittelt. So wird das Buch zudem eine Quelle f&amp;uuml;r Originaltexte entscheidender Momente der Umweltbewegung. Dies weckt den Wunsch, Grobers Text hier seitenweise wiederzugeben.&lt;br /&gt;
	Die von Grober freigelegten &amp;raquo;arch&amp;auml;ologischen Schichten&amp;laquo; sind keineswegs staubig oder auf wissenschaftlich-technische Aspekte beschr&amp;auml;nkt. Wie spannend und kompetent er das tiefgehende Potential der Nachhaltigkeit aufdeckt, kann an dieser Stelle trotz umfangreicher Zitate lediglich grob skizziert werden. Er blickt bis zu dem bereits erw&amp;auml;hnten &amp;raquo;Gletschermann&amp;laquo; zur&amp;uuml;ck und gr&amp;auml;bt bis in tiefere Schichten. Doch ebenso zeigt er die wichtige Rolle der Raumfahrt und verdeutlicht den Einfluss der Aufnahmen aus dem Weltall, beispielsweise den der ber&amp;uuml;hmten Bilder unseres blauen Planeten Earthrise und Blue marble. Grober verdeutlicht auch, wie wichtig die Musik in der Entwicklung des Umweltbewusstseins ist. Dabei geht er detailliert auf John Lennons Imagine ein &amp;ndash; doch diese stimmige Verbindung kann der Leser am Besten durch die eigene Lekt&amp;uuml;re&amp;nbsp;selber &amp;raquo;entdecken&amp;laquo;!&lt;br /&gt;
	Grober wanderte &amp;uuml;ber Jahre zu vielen Originalschaupl&amp;auml;tzen und so ist der Leser durch die detaillierten Beschreibungen immer wieder &amp;raquo;vor Ort&amp;laquo;. Er fokussiert den Wald vom Titelbild bis hin zu vielen Schl&amp;uuml;sselszenen, da er entscheidend daf&amp;uuml;r ist, dass der Begriff der Nachhaltigkeit weiterentwickelt und konkret umgesetzt werden konnte. Im abschliessenden Zitat zeigt sich nochmals die Spannweite von Grobers Perspektive, denn sie geht von den Waldimpressionen des Dichters Johann Wolfgang von Goethe &amp;ndash; der an vielen Stellen wegweisend ist &amp;ndash; bis zu modernen Ergebnissen der Literaturwissenschaft:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;p&gt;
	Die Sichel des Mondes tritt silbern hervor. Kurze Zeit sp&amp;auml;ter kommt der erste Stern heraus. Ein feierlicher Augenblick: Dies ist der Blick &amp;uuml;ber die n&amp;auml;chtliche Landschaft, den Goethe hatte, als er am sp&amp;auml;ten Abend des 6. September 1780 mit Bleistift &amp;raquo;Wanderers Nachtlied&amp;laquo; an die Bretterwand der H&amp;uuml;tte schrieb, an der ich lehne.&lt;br /&gt;
	&amp;Uuml;ber allen Gipfeln / Ist Ruh&amp;#39; / In allen Wipfeln / Sp&amp;uuml;rest du / Kaum einen Hauch. / Die V&amp;ouml;glein schweigen im Walde. / Warte nur! Balde / Ruhest du auch.&lt;br /&gt;
	[...] Dieses ganze herausgehobene &amp;rsaquo;auch&amp;lsaquo; ist sozusagen das &amp;raquo;metaphysische Gleichheitszeichen&amp;laquo;, so der Literaturwissenschaftler Werner Kraft, zwischen Mensch, Natur und Kosmos. Es hebt die Antithese Ich/Natur auf. Der cartesianische Dualismus l&amp;ouml;st sich auf. Und damit die Anthropozentrik, der absolute Vorrang des Menschen in der Sch&amp;ouml;pfung.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;P.S.: Bereits Ulrich Grobers vorangegangenes Buch &lt;em&gt;Vom Wandern &amp;ndash; Neue Wege zu einer alten Kunst&lt;/em&gt; (2006) begeisterte als eine praxistaugliche sowie philosophische &amp;raquo;Grundlage&amp;laquo; und wird in einem zweiten Text vorgestellt.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;em&gt;Ulrich Grober: Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffes. M&amp;uuml;nchen: Kunstmann Verlag, 2010. 300 Seiten. ISBN 978-3-88897-648-3. 19,90 &amp;euro;.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/eine-suche-nach-dem-fundament-des-umweltgedankens#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse">Kontroverse</category>
 <pubDate>Wed, 27 Feb 2013 08:32:31 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Benedikt Viertelhaus</dc:creator>
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</item>
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 <title>Keine erzählenswerte Biographie</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/keine-erz%C3%A4hlenswerte-biographie</link>
 <description>&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Leben und Tod; das sind Themen, &amp;uuml;ber die schon alles gesagt wurde, zu denen aber eigentlich auch noch alles gesagt werden kann. Als zentrale Aspekte des Menschseins verm&amp;ouml;gen sie noch immer viel herzugeben. Auch Ren&amp;eacute; Sydow wagt sich in seinem Deb&amp;uuml;troman &lt;em&gt;Der Reiher&lt;/em&gt; an keinen geringeren Stoff und &amp;uuml;bernimmt sich damit.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;span style=&quot;text-align: justify; font-size: 12.72px;&quot;&gt;Der Roman handelt vom 74-j&amp;auml;hrigen Witwer Richard, der anl&amp;auml;sslich des 46. Geburtstages seiner Tochter und des Todes eines alten Freundes, nach vielen Jahren in seine Heimat an den Bodensee zur&amp;uuml;ckkehrt. Ausgel&amp;ouml;st durch beide Ereignisse beginnt in den Gedanken des Ich-Erz&amp;auml;hlers auch eine Reise zur&amp;uuml;ck in die Erinnerung. Lange Vergessenes wird dabei wiederentdeckt; dabei d&amp;uuml;rfen auch Gef&amp;uuml;hle an den ersten Schwarm und das Treffen mit alten Schulfreunden nicht fehlen. Und wenn ein alter Mann sein Leben Revue passieren l&amp;auml;sst bedeutet das immer auch eine Besch&amp;auml;ftigung mit Leben, aber nat&amp;uuml;rlich auch mit dem Tod.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;strong&gt;Die Kreisstruktur des Lebens&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Der Tod als Thema spiegelt sich auch in der Struktur des Buches wieder. Der Text weist eine Kreisstruktur auf, oder vielleicht richtiger, eine Form auf, die man analog zum Staffellauf sehen kann. Richard reflektiert ohne Chronologie&amp;nbsp; &amp;uuml;ber sein Leben, an dessen Ende er sich nun w&amp;auml;hnt. Der Leser folgt ihm dabei zu Stationen seiner Kindheit, Jugend, der Zeit mit seiner ersten Frau Elisabeth und Tochter Cordula bis zum Tod seiner zweiten Frau Marina.&amp;nbsp; Gegen Ende des Buches&amp;nbsp; ragen aus diesem episodenhaften Nacherz&amp;auml;hlen nur zwei Gespr&amp;auml;che heraus, die im Unterschied zum Wiedererinnern in die Zukunft weisen. Im Gespr&amp;auml;ch mit einem alten Fischer spricht Richard direkt &amp;uuml;ber Tod und dessen Konsequenzen. Beide sind Teil der gleichen Generation und bauen auf dieser Verbindung auf. Mit seiner Enkelin Nadja spricht Richard dann &amp;uuml;ber den Kontrast zwischen ihren Generationen. An dieser Stelle, im Vergleich mit der fremd gewordenen Jugend, schlie&amp;szlig;t sich der Kreis, gibt Richard den Stab seines Lebens weiter.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Leider schafft es Sydow nicht das Buch durchweg mit den gro&amp;szlig;en Themen angemessenen Inhalten zu f&amp;uuml;llen. So liest sich Sydows Lebensr&amp;uuml;ckblick eines alten Mannes teilweise seicht wie ein ARD-Unterhaltungsfilm . Der Versuch Tiefe und Bedeutung zu erzeugen endet im Eindruck eklektisch zusammengew&amp;uuml;rfelter Erinnerungen, denen eine klare Linie fehlt. Zu Beginn wird dies ironisiert, sp&amp;auml;ter versucht ernst zu reden. Dabei bem&amp;uuml;ht sich Sydow Komik und Tiefe einander anzubinden, ohne dass eine Verschmelzung zur Tragikomik gel&amp;auml;nge:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&amp;raquo;Das M&amp;auml;dchen behielt [&amp;hellip;] eine tiefe, lebenslange Narbe am Oberarm. Der Hund behielt nichts. Die Gemeinde lie&amp;szlig; ihn einschl&amp;auml;fern.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;strong&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;http://cult-mag.de/wp-content/uploads/2013/01/rene-Sydow_-Der-Reiher.jpg&quot; style=&quot;border-width: 1px; border-style: solid; margin: 20px; width: 200px; height: 338px; float: right;&quot; /&gt;Erzwungene Tiefe&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Vieles in diesem Deb&amp;uuml;troman wirkt erzwungen. Sowohl Witz als auch ernste Gedanken l&amp;ouml;sen oft kaum mehr als das Gef&amp;uuml;hl peinlicher Ber&amp;uuml;hrung aus, etwa wenn Richard vermeintlich scharfsinnig die zwei Arten von Menschen am Bahnhof analysiert: &amp;raquo;An einem Bahnhof gibt es nur zwei Arten von Menschen, die Traurigen und die Wartenden.&amp;laquo;, und er daraufhin ein P&amp;auml;rchen auf diese Eigenschaften hin &amp;uuml;berpr&amp;uuml;ft um zu dem Schluss zu kommen: &amp;raquo;Er war es, der ging. Er hatte einen Koffer bei sich, sie leere H&amp;auml;nde. Indizien sind alles. Jede Kleinigkeit, die wir bemerken, kann ein Leben ver&amp;auml;ndern.&amp;laquo; Ein Scherlock Scherlock Holmes ist Richard sicherlich nicht. Wirklich originelle Gedanken oder Handlungsmomente fehlen in &lt;em&gt;Der Reiter&lt;/em&gt; v&amp;ouml;llig und so ersch&amp;ouml;pft sich der Roman im Arrangement von Allgemeinpl&amp;auml;tzen und bereits anderswo Geschriebenem. Das zeigt sich vor allem in den klischeehaften Schlafzimmerszenen , etwa beim Sex mit Richards zweiter Frau: &amp;raquo;Im Licht des Fensters glitten zwei Schattenrisse immer wieder ineinander.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Doch Der Reiter hat auch gute Seiten. So ist der H&amp;ouml;hepunkt der Geschichte, eine (vorhersehbare) Wiedererinnerung an verdr&amp;auml;ngte Geschehnisse, sprachlich durchaus ansprechend geschrieben. Doch gelungene Szenen werden im Verlauf des Buches bald mit ihrem Gegenteil konfrontiert. So folgt auf den H&amp;ouml;hepunkt der Dialog mit Nadja, der in seiner reflexiven Gezwungenheit furchtbar ist, furchtbar langweilig und in furchtbar banal. So wirkt diese letzte Szene wie ein Antiklimax, ein trauriges Auslaufen des Romans, welches man lieber &amp;uuml;berlesen w&amp;uuml;rde. Sp&amp;auml;testens nach dem letzten Satz erkennt der Leser die Schw&amp;auml;che von &lt;em&gt;Der Reiter &lt;/em&gt;im vertanen Potential. Die Tiefe des Buches ist fadenscheinig, doch f&amp;uuml;r eine oberfl&amp;auml;chliche Geschichte, einen Wohlf&amp;uuml;hlroman, ist es nicht oberfl&amp;auml;chlich genug und sind die Themen zu gro&amp;szlig;, zu ernst. Ohne sich f&amp;uuml;r eine Seite, Tiefe oder Heiterkeit zu entscheiden, mangelt es dem Buch an Relevanz. Sydow hat mit seinem Deb&amp;uuml;troman aus einem tiefgr&amp;uuml;ndigen Thema und interessanter Textstruktur eine langweilige Geschichte gemacht: Und so trifft ein Zitat Richards das Buch letzten Endes am besten: &amp;raquo;Ich hatte keine Biographie, die erz&amp;auml;hlenswert war.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;em&gt;Sydow, Ren&amp;eacute; : Der Reiher. Innsbruck: Kyrene Verlag, 2012. 177 Seiten. ISBN&amp;nbsp;&lt;/em&gt;&lt;em&gt;978-3902873057&lt;/em&gt;&lt;em&gt;&amp;nbsp; 16,50 Euro.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/keine-erz%C3%A4hlenswerte-biographie#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Thu, 31 Jan 2013 18:37:33 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
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 <title>Gewinne, Verluste und Hoffnungen</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/gewinne-verluste-und-hoffnungen</link>
 <description>&lt;p&gt;Reunions sind seit sp&amp;auml;testens den 90-er Jahren an der Tagesordnung und bei vielen Bands w&amp;auml;re es wohl ehrlicher gewesen zu sagen, wir machen dann halt mal ne Pause und schauen, ob wir sp&amp;auml;ter mal wieder etwas zusammenmachen. Endg&amp;uuml;ltig dagegen klang die Trennung der britischen Band &lt;strong&gt;DODGY&lt;/strong&gt;. Die Band mit dem oft fr&amp;ouml;hlich druckvollen Britpop, mal mit melancholisch bed&amp;auml;chtigen Liedern, die zu einer Zeit begannen zu musizieren, als der Begriff bestenfalls schwammig vorformuliert war, kam nie recht auf dem Kontinent an. Kein Wunder also, da&amp;szlig; dieses Comeback hier als keines wahrgenommen wurde. 1993 erschien mit The Dodgy Album das Debut, 1996, als die damalige Britpopwelle gerade nur abebbten konnte, mit Free Peace Sweet das letzte Album in Urbesetzung. Die Trennung von S&amp;auml;nger Nigel Clark, der eine Solokariere startete, f&amp;uuml;hrte zu einer Umbesetzung, die eine logische musikalische Umorientierung brachte, mehr Blues, weniger Melodie. Da&amp;szlig; sie in der Urbesetzung noch einmal spielen w&amp;uuml;rden, war daher unwahrscheinlicher als bei all den sonstigen Reunions. Doch Anfang des Jahres war es nach einigen gemeinsamen Touren, die sie wieder spielten, soweit &amp;ndash; und mit Stand upright in a cool place erschien nach 16 Jahren ein viertes Album.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/Dodgy_0.jpg&quot; style=&quot;margin: 5px; width: 200px; float: left; height: 200px&quot; /&gt;Damit, da&amp;szlig; sie nicht weitermachen w&amp;uuml;rden, wo sie 1996 aufgeh&amp;ouml;rt hatten, war wohl zu rechnen. Und so ist die neue Platte zwar eindeutig eine Dodgy-Platte, was vor allem an Nigel Clark, dem S&amp;auml;nger und seiner markanten, angenehmen Gesangsstimme liegt, aber dennoch in vielen Punkten anders. Ruhiger sind die alten Herren geworden und schon mit dem ersten Song &amp;raquo;Tripped and Fell&amp;laquo; sind Gesangsharmonien das Pr&amp;auml;gende. Hatten fr&amp;uuml;here Alben eher durch Bl&amp;auml;ser einen Wall of Sound, so sind nun der mehrstimmige Gesang und die E-Gitarre tonangebend. Ein wenig erinnern sie dabei an Crosby, Stills, Nash and Young, auch wenn schnell klar wird, da&amp;szlig; wir es mit einer europ&amp;auml;ischen Band zu tun haben. Blues klingt dabei eher selten an. Stand upright in a cool place ist vor allem in seiner vordergr&amp;uuml;ndig recht ruhigen Art eine ganz besondere &amp;Uuml;berraschung. Beim h&amp;auml;ufigeren H&amp;ouml;ren merkt man noch einiges der fr&amp;uuml;heren Unruhe in den Songs, wie ein feines Gespinst, das die Songs nicht langweilig werden l&amp;auml;&amp;szlig;t: die Instrumentierung ist punktgenau gesetzt. Vielleicht war die Pause n&amp;ouml;tig, f&amp;uuml;r diese Weiterentwicklung, die doch so stark ist, da&amp;szlig; man kaum sagen k&amp;ouml;nnte, welches der Dodgy-Alben das beste ist, da sie nun recht unterschiedlich sind. Eines der besten Alben des Jahres ist ihnen in jedem Falle gegl&amp;uuml;ckt und dank Internet kommt man auch in Deutschland relativ gut an die Scheibe, da sie nur als Importware zu bekommen ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;strong&gt;Verluste&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Der Verlust des Jahres kam so &amp;uuml;berraschend, da&amp;szlig; es mich mit unerwarteter H&amp;auml;rte traf. Mitte September hatte ich ihn in der K&amp;ouml;lner Kulturkirche noch mit seiner neuen Formation live gesehen, Mitte Oktober erreichte mich auf der Buchmesse von einem Freund per SMS die Nachricht, da&amp;szlig; er gestorben sei. Mit seiner ersten Band hatte er gezeigt, welche H&amp;ouml;henfl&amp;uuml;ge deutschsprachige Rockmusik erreichen kann, eingebettet in die Musik, die wir im Westen gerne als Independent bezeichnen und die dabei auch eigen, selbstbewu&amp;szlig;t ist. Nicht wenigen gab diese Art mit deutscher Sprache umzugehen sehr viel. Eben nicht in der ironischen Selbstreflexion eines Dirk von Lowtzow &amp;uuml;ber Dinge zu singen, &amp;uuml;ber die er behauptet auf Deutsch nicht singen zu k&amp;ouml;nnen. Nicht wenigen gab er den Mut, selbstbewu&amp;szlig;ter mit der eigenen Sprache umzugehen und vermutlich wird sein Einflu&amp;szlig; noch lange w&amp;auml;hren. Die Rede ist von &lt;strong&gt;NILS KOPPRUCH&lt;/strong&gt;, dem ehemaligen S&amp;auml;nger der Hamburger Band Fink, der in diesem Jahr mit Gisbert zu Knyphausen als &lt;strong&gt;KID KOPPHAUSEN &lt;/strong&gt;das Album I ver&amp;ouml;ffentlichte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/Kid.png&quot; style=&quot;margin: 5px; width: 200px; float: left; height: 200px&quot; /&gt;Ich durfte ihn vor Jahren kennenlernen. Schon nach dem ersten Konzert, bei dem ich seine Band Fink live sah, habe ich mich nach dem Auftritt kurz mit ihm unterhalten. F&amp;uuml;r die Kritische Ausgabe habe ich dann gemeinsam mit Marko Milovanovic ein Interview gef&amp;uuml;hrt, kurz bevor er seine Solokariere startete. Mit Den Teufel tun erschien 2007 eine eher etwas blutleere Platte und erst Caruso 2012 zeigte, da&amp;szlig; Nils Koppruch noch viel zu sagen hatte. Wie viel und was dabei herauskommen konnte, zeigte dann im vergangenen Jahr die Zusammenarbeit mit Gisbert zu Knyphausen. Die Erwartungen an diese Truppe waren hoch, auch an das, was da noch kommen w&amp;uuml;rde. Leider wird es nun bei diesem einen Album bleiben. Gerade als es f&amp;uuml;r den als Maler fast schon st&amp;auml;rker wahrgenommenen Nils Koppruch musikalisch in einer breiteren &amp;Ouml;ffentlichkeit erfolgreich wurde, mu&amp;szlig;te er gehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;strong&gt;Hoffnungen?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Anders als Musik begleiten B&amp;uuml;cher selten &amp;uuml;ber einen l&amp;auml;ngeren Zeitraum, es sei denn, sie lesen sich nicht mal eben weg, soda&amp;szlig; man sich Zeit lassen mu&amp;szlig; oder Zeit lassen will. Erschreckend im R&amp;uuml;ckblick allerdings, da&amp;szlig; mir beim &amp;Uuml;berblicken der Buchr&amp;uuml;cken kein Buch aufgefallen ist, das hier nach einer l&amp;auml;ngeren Nachbesprechung ruft und das ich in diesem Jahr zu Ende gelesen habe. Sicher, es gab gute B&amp;uuml;cher wie Tschick, das ich im Urlaub endlich gelesen habe, Die Laute von Michael Roes, das ein gutes und zugleich auch informatives Buch ist. Oder Livanelis Katze, Mann und Tod, in dem angelegt ist, was er in sp&amp;auml;teren Romanen perfektioniert hat. Und im Rahmen meiner Verlagsarbeit gingen mir B&amp;uuml;cher &amp;uuml;ber den Schreibtisch und durch die H&amp;auml;nde, die in den Feuilletons nicht von ungef&amp;auml;hr und nicht selten gut besprochen wurden, Die Manon Lescaut von Turdej von Wsewolod Petrow oder Carl Nixons Rocking Horse Road. Doch ist in diesen F&amp;auml;llen ein freies Verh&amp;auml;ltnis f&amp;uuml;r Kritik nicht mehr gegeben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Zum Ausklang des Jahres&amp;nbsp; hatte ich 2011 Die N&amp;auml;he der Sonne von &lt;strong&gt;GERNOT WOLFGRUBER &lt;/strong&gt;gelesen, nach so etwas h&amp;auml;tte ich jetzt eigentlich gesucht: nach einem Buch, in das man immer wieder reinblickt, das einen auch etwas ratlos zur&amp;uuml;ckl&amp;auml;&amp;szlig;t. Das, was Wolfgruber mit seinem letzten Roman 1985 abgeliefert hat, war f&amp;uuml;r mich neu und beeindruckend. Denn nach seinen sehr realistisch geschilderten Angestelltenromanen kommt dort eine Komponente hinzu, pointiert gesetzt, glaubhaft und weit &amp;uuml;ber vieles hinausreichend von dem, was wir an zwar oft sehr guter, aber oft kaum verst&amp;ouml;rend guter Literatur in den letzten Monaten zu lesen bekommen haben. Da&amp;szlig; mich der Roman auch &amp;uuml;ber meine Recherche f&amp;uuml;r das Portrait in Nr. 22 (2012) unserer Zeitschrift hinaus, immer wieder gedanklich besch&amp;auml;ftigte, macht ihn letztlich doch zu so etwas wie meiner Romanentdeckung des Jahres.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;strong&gt;Liegengebliebenes&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/Kolanovic_U1_67.jpg&quot; style=&quot;border-bottom: 1px solid; border-left: 1px solid; margin: 5px; width: 118px; float: left; height: 186px; border-top: 1px solid; border-right: 1px solid&quot; /&gt;In unserem Redaktionsbriefkasten finden sich hin und wieder B&amp;uuml;cher ein, die wir nicht zur Rezension erbeten haben und die dann etwas liegenbleiben. Eines dieser B&amp;uuml;cher aus dem vergangenen Jahr ist Underground Barbie von &lt;strong&gt;Ma&amp;scaron;a Kolanović&lt;/strong&gt;. Sie erz&amp;auml;hlt in dem Roman von den Kinderspielen und wie der Krieg, die Brutalit&amp;auml;t immer st&amp;auml;rker in die Geschichten von Barbie und dem falschen Ken, in den Spielen Dr. Kajfes genannt, die sie erfinden, hereinbricht. Ob unter freiem Himmel oder im Luftschutzkeller, das unterbrochene Spiel findet eine Fortsetzung, bis der Krieg zu Ende ist. Dieses bemerkenswerte Buch ist mit Zeichnungen der Autorin versehen, die das erz&amp;auml;hlte Spielgeschehen aufnehmen. Leider ist beim Einf&amp;uuml;gen der Zeichnungen auf den Satz keinen Wert gelegt worden. So umflie&amp;szlig;t der Text die Bilder, was zu extrem h&amp;auml;ufigen Trennungen f&amp;uuml;hrt: &amp;raquo;Mama bekam einen Anruf [...], dass ihr Sohn unbe-fugt in die R&amp;auml;umlichkei-ten der Mar-schall-Tito-Kaserne in Travno ein-gedrungen sei&amp;laquo;. Das ist unsch&amp;ouml;n und st&amp;ouml;rt den Leseflu&amp;szlig; dieses ansonsten beeindruckenden Debuts der 1979 geborenen Kroatin, das dennoch zu den Entdeckungen des Jahres 2012 zu z&amp;auml;hlen ist.&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/gewinne-verluste-und-hoffnungen#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse">Kontroverse</category>
 <pubDate>Mon, 28 Jan 2013 14:43:33 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Benedikt Viertelhaus</dc:creator>
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</item>
<item>
 <title>Shakespeare gegen Schiller</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/shakespeare-gegen-schiller</link>
 <description>&lt;p&gt;&amp;raquo;Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.&amp;laquo; So hei&amp;szlig;t es bei Friedrich Schiller, genauer gesagt in dem St&amp;uuml;ck &lt;em&gt;Wallensteins Lager&lt;/em&gt;. Unzweifelhaft ernst war das Leben von Bogislaw XIV., dem letzten Herzog von Pommern, dem Volker Harry Altwasser nun ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Was den &amp;raquo;Theaterroman&amp;laquo; denn auch letztlich heiter macht, ist eben &amp;ndash; die Kunst. Denn &lt;em&gt;Ich, dann eine Weile nichts&lt;/em&gt; ist gro&amp;szlig;e Kunst.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;
	Volker Harry Altwasser l&amp;auml;sst Bogislaw XIV., der sein Herzogtum Pommern durch die Wirren des Drei&amp;szlig;igj&amp;auml;hrigen Krieges steuern musste, episodenweise aus seinen letzten Lebensjahren erz&amp;auml;hlen. Und so berichtet uns der Pommer von den Verhandlungen mit dem Feldherrn Wallenstein, dem erzwungenen B&amp;uuml;ndnis mit den Schweden Gustav II. Adolfs und letztlich auch vom eigenen Tod 1647, im Jahr vor dem Kriegsende. So entsteht nach und nach das Psychogramm eines Gescheiterten, musste sich Bogislaw doch stets den verschiedenen, aber fortw&amp;auml;hrend &amp;uuml;berlegenen M&amp;auml;chten beugen. Vor realhistorischem Hintergrund sind seine Reflexionen &amp;uuml;ber Herrschaft und Macht, aber vor allem auch &amp;uuml;ber das Scheitern und Versagen ein eindringliches St&amp;uuml;ck Literatur. Ohne milit&amp;auml;rische Chance, ohne Nachkommen, daf&amp;uuml;r mit einem gescheiterten Selbstmordversuch ist er zuletzt nicht mehr &amp;raquo;Herr &amp;uuml;ber die eigene Person&amp;laquo; und versucht, &amp;raquo;Wehmut mit Wermut zu heilen&amp;laquo;, bis ihn ein Schlaganfall gar zu einem hilflosen &amp;raquo;S&amp;auml;ugling&amp;laquo; macht. Letztlich bleibt ihm nur die Schw&amp;auml;che, um die St&amp;auml;rke seiner Feinde zu &amp;uuml;berwinden: &amp;raquo;Denn ehrlich ist nur, wer ohne Richtschnur zaudert, nur so bringt er die Helden zum Wanken, die sich mit einer Seite nie auskennen: mit der anderen. Die auch ihre St&amp;auml;rken hat, wie Hamlet spricht, wie Macbeth spricht, wie Bartleby schweigt.&amp;laquo; Und so hat sich Bogislaw entschieden, einfach nichts zu tun &amp;ndash; um eben seine Feinde mit diesem Nichts &amp;raquo;seiner ganzen Inbrunst&amp;laquo; zu besiegen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Was Altwassers j&amp;uuml;ngstes Werk dabei umso bemerkenswerter macht, ist die k&amp;uuml;hne Konstruktion des Buches als &amp;raquo;Theaterroman&amp;laquo;. Neben den Klagemonolog Bogislaws reihen sich dramatische Elemente; so erleben wir die Verhandlungen mit Wallenstein und Gustav Adolf durch die Dialogform quasi aus erster Hand. Dieses Spiel treibt nun Altwasser auf die Spitze: Seinen Bogislaw l&amp;auml;sst er Hamlet zitieren, sein Gegenspieler Wallenstein wei&amp;szlig; hingegen Schiller als Gew&amp;auml;hrsmann ins Feld zu f&amp;uuml;hren, den &amp;raquo;Schreiber meines Ruhmes&amp;laquo; &amp;ndash; und in der Hinterhand hat er &amp;raquo;sogar noch Golo Mann&amp;laquo;. Diese &amp;uuml;berzeitliche Perspektive der Figuren erm&amp;ouml;glicht es Altwasser, seine Gestalten wie selbstverst&amp;auml;ndlich von Zuk&amp;uuml;nftigem reden zu lassen und letztlich auch um ihren eigenen Tod zu wissen, wie im Falle des locker &amp;uuml;ber sein kommendes Ableben parlierenden Gustav Adolf. Nebenbei treten als Geister Gestalten aus der &amp;auml;lteren Geschichte Pommerns auf, so etwa K&amp;ouml;nig Erich I., aber auch die &amp;raquo;Edelfrau, Hexe, Jungfer&amp;laquo; Sidonie von Borcke. Altwasser stellt seinen Theaterroman augenzwinkernd in die Nachfolge Hamlets: Geisterauftritte und eine in das St&amp;uuml;ck integrierte Schauspielauff&amp;uuml;hrung sind seine Hommage an Shakespeare und seinen Helden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Dieser traditionsreichen und mythisch anmutenden Anlage des Spieles mit Adligen, Kriegen und den geisterhaften Stimmen Verstorbener wird Altwasser auch durch seine Sprache gerecht: Schon Bogislaws Monolog ist ein barock anmutendes Klagelied, das hinsichtlich Kunstfertigkeit durch die Dialoge noch &amp;uuml;bertroffen wird. Seine Akteure l&amp;auml;sst Altwasser althergebracht in Reimform sprechen, was ihm bis auf wenige, gespreizt anmutende Ausnahmen auch vortrefflich gl&amp;uuml;ckt. So r&amp;auml;t etwa der Geist K&amp;ouml;nig Erichs I. zur T&amp;ouml;tung Wallensteins, denn &amp;raquo;Er ist der Teufel des Verrats, er ist der Meister des Zauderns, / er ist der Gott des Z&amp;ouml;gerns, er ist das Weib des Plauderns! / Denn er fragt und mordet, er redet und schlachtet, / er l&amp;auml;chelt und entmachtet.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Volker Harry Altwassers j&amp;uuml;ngstes Buch ist ein k&amp;uuml;hnes Experiment: Spielerisch greift er Elemente aus Roman und Drama auf und schmiedet sie fest in seinem Theaterroman zusammen. &lt;em&gt;Ich, dann eine Weile nichts&lt;/em&gt; ist nicht nur eine Hommage an Shakespeare und Schiller, sondern geradezu eine Neuaufbereitung des Hamlet-Themas, die Altwasser brillant gelingt. Der Pommer Altwasser hat die letzten Jahre des Pommern Bogislaw XIV. zu gro&amp;szlig;er Kunst verarbeitet. &amp;raquo;Ach, Bogislaw, ach, dummer Knabe, / was poltert dir der Todesrabe?&amp;laquo; Ein Husarenst&amp;uuml;ck!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Volker Harry Altwasser: Ich, dann eine Weile nichts. Theaterroman. Berlin: Matthes &amp;amp; Seitz Verlag, 2012. 176 Seiten. ISBN 978-3-88221-987-6. 19,90 Euro.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/shakespeare-gegen-schiller#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Wed, 23 Jan 2013 06:00:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>N. N.</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4892 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
</item>
<item>
 <title>Vom Popfaschismus zum Identitätsverlust</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/vom-popfaschismus-zum-identit%C3%A4tsverlust</link>
 <description>&lt;p&gt;Das 21. Jahrhundert als Irritation des Individuums und der daraus folgenden Grausamkeit: So oder so &amp;auml;hnlich lautet die Kernthese des j&amp;uuml;ngsten Essays &lt;em&gt;Von der Beunruhigung auf der Welt zu sein&lt;/em&gt; (original: &lt;em&gt;L&amp;rsquo; Inqui&amp;eacute;tude d&amp;rsquo; &amp;ecirc;tre au monde&lt;/em&gt;), der nicht nur inhaltlich Aufmerksamkeit auf sich zieht. Der 1976 in Lyon geborene Camille de Toledo (b&amp;uuml;rgerlich Alexis Mital) pr&amp;auml;sentierte bereits 2005 mit seinem ersten Buch &lt;em&gt;Goodbye Tristesse. Bekenntnisse einen unbequemen Zeitgenossen&lt;/em&gt; (&lt;em&gt;Confession d&amp;rsquo; un jeune homme &amp;agrave; contretemps&lt;/em&gt;) einen v&amp;ouml;llig neuen Stil, der die Elemente des Theoretischen, Autobiographischen und Fiktiven vereint: &amp;raquo;Mein Werk, sei es Lyrik, Prosa, Fotografie oder Oper, will die Poetik des 21. Jahrhundert zugleich verk&amp;ouml;rpern und neu erfinden.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Gepr&amp;auml;gt von einer Welt des Kapitalismus, entschied de Toledo sich als Enkel des pariser Danone-Gr&amp;uuml;nders Antoine Riboud gegen eine Karriere beim Weltkonzern. Stattdessen war es schon mit 15 Jahren sein Wunsch, Schriftsteller zu werden. Neben der Gr&amp;uuml;ndung der Zeitschrift&lt;em&gt; Don Quichotte&lt;/em&gt; drehte er in Buenos Aires den 15-min&amp;uuml;tigen Kurzilm &lt;em&gt;Tango de Olvido&lt;/em&gt;, der 2002 in Cannes gezeigt wurde. Seine antikapitalistische Haltung und die Distanzierung vom Kommerz haben sicherlich dazu beigetragen, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Daher ist es nicht verwunderlich, dass er in einem Interview mit der &lt;em&gt;Zeit &lt;/em&gt;&amp;uuml;ber die Familie, die in unserer Gesellschaft als der intimste Zusammenschluss sozialer Bindungen angesehen wird, Folgendes sagt: &amp;raquo;Ich mag die Familie als soziale Einheit nicht, weil ich die Eigenheiten jedes Einzelnen viel zu sehr sch&amp;auml;tze.&amp;laquo;&lt;br /&gt;
&amp;nbsp;&lt;br /&gt;
Und der Einzelne ist es, den de Toledo in seinem neuesten Essay thematisiert. Ohne krampfhaft nach einem Warum f&amp;uuml;r die Verbrechen zu suchen, beschreibt er poetisch und kritisch zugleich das von Konsum und Kapital gepr&amp;auml;gte Gesellschaftssystem. Ein System, das Identit&amp;auml;ten mit anderen Prinzipien deplatziert und sie dadurch gewisserma&amp;szlig;en zu schrecklichen Taten verleitet.&lt;br /&gt;
	&amp;nbsp;&lt;br /&gt;
Jeder Literaturinteressierte, der sich pers&amp;ouml;nlich von der Haltbarkeit von Camille de Toledos Thesen &amp;uuml;berzeugen m&amp;ouml;chte, ist herzlich zur 19. Lesung der Reihe &amp;raquo;Reading Europe&amp;laquo; eingeladen. Die Veranstaltungsreihe ist ein Projekt, an dem Lab Concepts GmbH, die Vertretung der Europ&amp;auml;ischen Kommission Bonn, der Landschaftsverband Rheinland und die Bonner Literaturzeitschrift &lt;em&gt;Kritische Ausgabe&lt;/em&gt; beteiligt sind.&lt;br /&gt;
&amp;nbsp;&lt;br /&gt;
&lt;em&gt;Die Lesung findet am 30. Januar 2013 um 19 Uhr im LVR-LandesMuseum (Colmantstra&amp;szlig;e 14&amp;ndash;16) in Bonn statt und wird in franz&amp;ouml;sischer Sprache und deutscher &amp;Uuml;bersetzung gehalten. F&amp;uuml;r diese ist Prof. Dr. Fran&amp;ccedil;oise R&amp;eacute;tif, Leiterin des Institut fran&amp;ccedil;ais Bonn und Hochschulattach&amp;eacute;e der franz&amp;ouml;sischen Botschaft, zust&amp;auml;ndig. Der Eintritt ist frei. Der Flyer zu der Veranstaltung samt Leseprobe kann &lt;a href=&quot;http://www.lab-concepts.de/scripte/_pull_download_lesungen.asp?id=51&quot;&gt;hier als PDF-Dokument&lt;/a&gt; heruntergeladen werden.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/vom-popfaschismus-zum-identit%C3%A4tsverlust#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur">Literatur</category>
 <pubDate>Tue, 22 Jan 2013 15:02:54 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Anne Katrin Sommer</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4893 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
</item>
<item>
 <title>Mord und Gerechtigkeit – Wer trägt die Schuld?</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/mord-und-gerechtigkeit-%E2%80%93-wer-tr%C3%A4gt-die-schuld</link>
 <description>&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Ein Rechtsmediziner, der im Kopf einer Leiche die Telefonnummer seiner Tochter findet. Eine Comiczeichnerin, die sich auf einer Insel vor ihrem Ex-Freund versteckt und am Strand eine Leiche entdeckt. Zwei Menschen, zwei Geschichten. Doch ihre Wege werden sich schneiden &amp;ndash; weil Er es so geplant hat! Fitzek und Tsokos &amp;ndash; beide Experten auf ihrem Gebiet &amp;ndash; brillieren gemeinsam in ihrem Roman &lt;em&gt;Abgeschnitten&lt;/em&gt;. Fitzek, der sich bereits mit Bestsellern wie Das Kind oder Der Augensammler einen Namen gemacht hat, verb&amp;uuml;ndet sich mit Tsokos, dem wohl bekanntesten deutschen Rechtsmediziner, der schon mit Der Totenleser Unglaubliches aus seinem Beruf erz&amp;auml;hlte und dessen Spezialgebiet sich un&amp;uuml;bersehbar in diesem Thriller spiegelt.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	Einer der Protagonisten ist Paul Herzfeld, Rechtsmediziner in Berlin. Bei der Obduktion einer brutal zugerichteten Frauenleiche findet er im Kopf der Toten eine kleine Kapsel, die die Telefonnummer von seiner einzigen Tochter Hannah preisgibt. Nachdem er feststellen muss, dass Hannah offensichtlich entf&amp;uuml;hrt wurde, folgt er den Spuren, die der Peiniger f&amp;uuml;r ihn gezielt hinterlassen hat. Parallel dazu versteckt sich die zweite Protagonistin Linda, eine junge Comiczeichnerin, auf der Insel Helgoland vor ihrem Ex-Freund, der ihr offenbar gefolgt ist und dort sein Unwesen treibt. Beide Handlungsstr&amp;auml;nge br&amp;uuml;hren sich erstmals, als Linda am Strand die Leiche eines Mannes entdeckt, der Hannahs Handy bei sich tr&amp;auml;gt. Als Herzfeld kurz darauf die Nummer seiner Tochter w&amp;auml;hlt und so Linda kennenlernt, muss er feststellen, dass der Tote der n&amp;auml;chste Hinweis des Entf&amp;uuml;hrers ist. Fortan m&amp;uuml;ssen beide Protagonisten kooperieren, denn Hannahs Leben h&amp;auml;ngt allein davon ab, wie schnell Herzfeld die Hinweise entschl&amp;uuml;sseln kann und da ein heftiges Unwetter die Insel vom Festland abgeschottet hat, muss Linda helfen und die Kommunikation zun&amp;auml;chst telefonisch ablaufen. So muss sie auch noch trotz fehlender Kenntnisse die Leiche f&amp;uuml;r Herzfeld sezieren und wei&amp;szlig; nicht, dass dies erst der Anfang ist.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;b&gt;Drei Fragmente &amp;ndash; ein Albtraum&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
	Die Geschichte wird in drei Handlungsstr&amp;auml;ngen erz&amp;auml;hlt; der personale Erz&amp;auml;hler erm&amp;ouml;glicht dem Leser den Einblick in das Innenleben der Akteure, wodurch eine gewisse Authentizit&amp;auml;t gew&amp;auml;hrleistet ist. Dabei ist es hilfreich, dass die Abschnitte jeweils mit &amp;raquo;Berlin&amp;laquo;, &amp;raquo;Helgoland&amp;laquo; und &amp;raquo;In der H&amp;ouml;lle&amp;laquo; gekennzeichnet sind; letzterer gibt die Sicht eines bis zum Schluss unbekannten Opfers wieder. Handelt es sich hier um Hannah? Oder gibt es eine weitere Figur? Die Autoren enth&amp;uuml;llen nur nach und nach Details aus dem Leben der Protagonisten, sodass die Spannung niemals abebbt.&lt;br /&gt;
	Der Leser soll geschockt werden. Gelegentlich an den Splatter-Stil erinnernde Abschnitte machen ein Wegsehen somit unm&amp;ouml;glich; damit ist aber auch gleichzeitig gew&amp;auml;hrleistet, dass wir uns perfekt in den Plot hineinversetzen k&amp;ouml;nnen:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Mittlerweile hatte sie den Rock bis zur H&amp;uuml;fte aufgeschlagen. Der Holzstiel ragte etwa f&amp;uuml;nfzehn Zentimeter aus dem After. Er f&amp;uuml;hlte sich rauh und spr&amp;ouml;de an, als Linda ihn packte, und erst da merkte sie, dass sie vergessen hatte, sich wieder Handschuhe anzuziehen. Widerwillig begann sie mit auf- und abw&amp;auml;rstgerichteten Hebelbewegungen an ihm zu r&amp;uuml;tteln, um den in Leichenstarre verh&amp;auml;rteten Schlie&amp;szlig;muskel zu dehnen. Die schmatzenden Ger&amp;auml;usche, die sie dadurch erzeugte, klangen, als w&amp;uuml;rde sie den letzten Rest aus einer leeren Duschgelflasche quetschen.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;b&gt;Der Humor und das &amp;Uuml;berraschungsmoment als Gegensatz zur Einseitigkeit&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
	Trotz der Brutalit&amp;auml;t schaffen es Fitzek und Tsokos, mit einem gewissen Witz an den richtigen Stellen zu &amp;uuml;berraschen und der Leser kann mit mehr als einem Erz&amp;auml;hlton rechnen:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Herzfeld zog unbek&amp;uuml;mmert seine Finger aus dem ge&amp;ouml;ffneten Unterleib und packte die Hand des Besuchers, um sie zu sch&amp;uuml;tteln, ohne sich zuvor den blut- und sekretverschmierten Latexhandschuh auszuziehen. Seine geschwollenen Finger br&amp;uuml;llten vor Schmerz, aber das war ihm der Spa&amp;szlig; wert.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/Fitzek.jpg&quot; style=&quot;width: 122px; height: 187px; float: right; margin-left: 10px; margin-right: 10px; margin-top: 10px; margin-bottom: 10px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Verwirrend sind dennoch der Prolog sowie kleinere Auschnitte aus Zeitungsartikeln, die bis zum &amp;uuml;berraschenden Finale ein R&amp;auml;tsel bleiben. Sind sie nur ein Ablenkungsman wom&amp;ouml;glich eine unerwartete Wendung? Wer aufmerksam genug ist, wird der Antwort rechtzeitig auf die Schliche kommen und feststellen, dass der Roman weitaus mehr ist als nur eine Schnitzeljagd auf den psychopathischen M&amp;ouml;rder.&lt;br /&gt;
	Fitzek und Tsokos beweisen auch mit &lt;em&gt;Abgeschnitten&lt;/em&gt; Klasse und zeigen, dass der deutsche Thriller einem amerikanischen Cody McFadyen in keinster Weise nachhinkt. Ein absolut genialer Thriller, den man am liebsten in einem Zug durchlesen m&amp;ouml;chte!&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;em&gt;Fitzek, Sebastian/Tsokos, Michael: Abgeschnitten. M&amp;uuml;nchen: Droemer, 2012. 393 Seiten. ISBN 978-3-426-19926-8. 19,99 Euro.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/mord-und-gerechtigkeit-%E2%80%93-wer-tr%C3%A4gt-die-schuld#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Tue, 15 Jan 2013 07:29:45 +0000</pubDate>
 <dc:creator>N. N.</dc:creator>
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 <title>Entdeckt: Ein Vorfahr der Literaturadaptionen im Comic</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/entdeckt-ein-vorfahr-der-literaturadaptionen-im-comic</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Auch im Jahr 2012 war der Trend der Adaptionen literarischer &amp;rsaquo;Klassiker&amp;lsaquo; in Comicform ungebrochen. In der FAZ fanden gleich zwei Literaturadaptionen ihren Platz in der Reihe t&amp;auml;glich erscheinender Strips der Zeitung: Flix&amp;rsquo; &lt;em&gt;Don Quijote&lt;/em&gt; endete im Fr&amp;uuml;hjahr des Jahres und ist inzwischen auch in Buchform beim Carlsen Verlag erschienen. &lt;em&gt;Alice in Sussex&lt;/em&gt; startete vor einigen Wochen und zeigt Nicholas Mahlers Adaption von H.C Artmanns Roman &lt;em&gt;Frankenstein in Sussex&lt;/em&gt;, der sich wiederum auf Lewis Carrolls &lt;em&gt;Alice im Wunderland&lt;/em&gt; bezieht. Und ein Blick auf die Ank&amp;uuml;ndigungen des Suhrkamp Verlags f&amp;uuml;r 2013 zeigt, dass man dort auch im kommenden Jahr auf die Vermittlung &amp;rsaquo;kanonischer&amp;lsaquo; Suhrkamp-Texte durch das Medium Comic setzt: Eine Adaption von Marcel Beyers &lt;em&gt;Flughunden &lt;/em&gt;durch die &amp;ouml;sterreichische Zeichnerin Ulli Lust sowie Olivia Viewegs Version von Marc Twains &lt;em&gt;Huck Finn&lt;/em&gt; sollen im Fr&amp;uuml;hsommer 2013 erscheinen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;h7&gt;&lt;strong&gt; Das Ziel: den Text zu &amp;rsaquo;verzehren&amp;lsaquo;&lt;/strong&gt;&lt;/h7&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Doch auch wenn Flix&amp;rsquo; Version der Geschichte des Ritters &amp;rsaquo;de la Mancha&amp;lsaquo; durchaus Lesevergn&amp;uuml;gen bereitete und Nicholas Mahlers &lt;em&gt;Alice in Sussex&lt;/em&gt; sehr vielversprechend gestartet ist &amp;ndash; die Entdeckung meines Lesejahres 2012 ist bereits drei Jahrzehnte alt und k&amp;ouml;nnte als kongenialer Vorfahre der gegenw&amp;auml;rtigen Comicadaptionen gelten. Es handelt sich zwar auch um eine Literaturadaption, sie ist jedoch weder im eigentlichen Sinne ein Comic, noch ist sie mit der (im Falle von Suhrkamp vom Verlag ausgehenden) Intention, einen literarischen Klassiker in neuem Gewand zu pr&amp;auml;sentieren und so den Lesern auf neue Weise nahezubringen, entstanden. Im Gegenteil: als &lt;strong&gt;Hans Hillmann&lt;/strong&gt; Ende 1975 mit der Umsetzung von Dashiell Hammetts Kriminalgeschichte&amp;nbsp; &lt;strong&gt;&lt;em&gt;Flypaper &lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;begann, war es sein Ziel, den Text zu &amp;raquo;verzehren&amp;laquo;,&lt;a href=&quot;#sdendnote1sym&quot; name=&quot;sdendnote1anc&quot;&gt;&lt;sup&gt;1&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt; ihn nahezu vollst&amp;auml;ndig in Bilder umzuwandeln. &amp;raquo;Es interessierte mich herauszufinden, ob es gelingen w&amp;uuml;rde, auf etwa 60 bis 90 Seiten mit je einem ganzseitigen oder einem unterteilten doppelseitigen Bild die Geschichte zu erz&amp;auml;hlen und dabei mit ganz wenig Text unter den Bildern auszukommen ...&amp;laquo;&amp;nbsp;&lt;a href=&quot;#sdendnote2sym&quot; name=&quot;sdendnote2anc&quot;&gt;&lt;sup&gt;2&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt; Herausgekommen ist &amp;ndash; nach sieben Jahren Arbeit &amp;ndash; ein gut 250 Seiten starkes Buch (erschien 1982 bei Zweitausendeins), das als Neuerscheinung im Jahr 2012 wohl mit dem Label &amp;rsaquo;Graphic Novel&amp;lsaquo; versehen worden w&amp;auml;re.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;em&gt;Fliegenpapier &lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;kommt dabei tats&amp;auml;chlich mit sehr wenig Text aus. Maximal sechs Zeilen finden sich unter den gro&amp;szlig;formatigen Bildern, die nahezu die gesamte Seite einnehmen. Oft kommt das Buch auch &amp;uuml;ber mehrere Seiten hinweg ganz ohne Text aus. Der vor allem f&amp;uuml;r seine Filmplakate bekannte Grafiker und Illustrator Hillmann erz&amp;auml;hl die Kriminalgeschichte in Aquarellen, die vor allem durch den Kontrast von Licht und Schatten und das Spiel mit unz&amp;auml;hligen Nuancen von Grau gefangennehmen. Damit n&amp;auml;hert er sich nicht nur &amp;auml;sthetisch dem Film noir. Sein Gebrauch unterschiedlicher Bildausschnitte und die Kombination dieser in der Sequenz der Bilder &amp;uuml;bertr&amp;auml;gt verschiedene filmische Verfahren wie Zoom und Schnitt in ein anderes Medium und macht sie dort f&amp;uuml;r die Narration fruchtbar. Die Tatsache, dass die gro&amp;szlig;formatigen Bilder vom Leser in Verbindung gesetzt und die Leerstellen zwischen den einzelnen Motiven gef&amp;uuml;llt werden m&amp;uuml;ssen, r&amp;uuml;ckt &lt;em&gt;Fliegenpapier &lt;/em&gt;in die N&amp;auml;he des Comics.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;h7&gt;&lt;strong&gt; Versteckt in unz&amp;auml;hligen Grauschattierungen&lt;/strong&gt;&lt;/h7&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;In Hammetts Kurzkrimi geht es um einen Detektiv, der beauftagt wird, eine Tochter aus gutem New Yorker Hause im Auge zu behalten, die ihre Familie verlassen hat und zusammen mit ihrem Liebhaber im Verbrechermilieu von San Francisco abgetaucht ist. Hillmanns Adaption spannt sich auf zwischen den beiden Polen von &amp;uuml;beraus detailreichen Bildern, in denen man sich verlieren kann, und solchen, die sehr klar strukturiert und auf die n&amp;ouml;tigsten Bildinhalte reduziert sind. Er beginnt mit der Vorstellung der Protagonistin. Das Auge des Betrachters schweift im Bild umher, bleibt an der New Yorker Skyline, auf die das Fenster ihres Zimmers blickt, h&amp;auml;ngen, verliert sich im Muster des Teppichs, der Kommode, aus deren Schubladen alle m&amp;ouml;glichen Gegenst&amp;auml;nde quellen und der verwelkenden Blumen in einer Vase. Unter dem Bild ist zu lesen: &amp;raquo;Es ging um eine mi&amp;szlig;ratene Tochter.&amp;laquo;&amp;nbsp;&lt;a href=&quot;#sdendnote3sym&quot; name=&quot;sdendnote3anc&quot;&gt;&lt;sup&gt;3&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt; Und erst jetzt entdeckt man sie, in der Ecke ihres Zimmers mit Pelzkragen und Hut. Sp&amp;auml;ter dann, wenn das Gansterp&amp;auml;rchen unauffindbar bleibt, zeigt Hillmann auf einer Doppelseite die Ansicht eines Verlassenen Strandes sowie den Blick aus einem mit Jallousien verschlossenen Fenster auf eine Stra&amp;szlig;e. Beide Motive sind kaum detailliert ausgestaltet, dennoch gen&amp;uuml;gt ein Blick, um die Stimmung von Melancholie und Einsamkeit in sich aufzunehmen. Diese unterschiedliche Art der Bildgestaltung wirkt sich auch auf das Lesetempo aus. Streckenweise bl&amp;auml;ttert man schnell von Seite zu Seite, gefangen im Rhythmus von Schuss und Gegenschuss. Dann wieder verharrt man minutenlang &amp;uuml;ber einem der &amp;rsaquo;Wimmelbilder&amp;lsaquo;. &lt;em&gt;Fliegenpapier &lt;/em&gt;ist daher mehr als eine Adaption eines literarischen Textes in Bildern, es zeigt dar&amp;uuml;ber hinaus auf, welche Verbindung zwischen den drei Medien Literatur, Malerei und Film existieren und auf welch virtuose Weise sie verkn&amp;uuml;pft werden k&amp;ouml;nnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch im Angesicht all der aktuellen Neuerscheinungen auf dem Feld der Literaturadaptionen im Comicformat lohnt es also, sich auf ein inzwischen 30 Jahre altes Werk zu besinnen, das &amp;ndash; auch wenn es kein klassischer Comic ist &amp;ndash; ein wunderbares Beispiel daf&amp;uuml;r ist, was Literaturadaptionen im Comic leisten k&amp;ouml;nnen: Sie k&amp;ouml;nnen mit ihrer Vorlage in einen Dialog treten. Umso bedauernswerter ist es, dass &lt;em&gt;Fliegenpapier &lt;/em&gt;zur Zeit nur antiquarisch zu bekommen ist (auch die im Jahr 2005 bei dtv erschienene Neuauflage ist inzwischen vergriffen).&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;JUSTIFY&quot;&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;div id=&quot;sdendnote1&quot;&gt;
&lt;p align=&quot;JUSTIFY&quot;&gt;&lt;span&gt;&lt;a href=&quot;#sdendnote1anc&quot; name=&quot;sdendnote1sym&quot;&gt;1 &lt;/a&gt; Zitiert nach Christoph Hochh&amp;auml;usler: In der L&amp;uuml;cke. &amp;Uuml;ber Hans Hillmanns &amp;raquo;Fliegenpapier&amp;laquo;. In: Neue Rundschau 123 (2012). Heft 3: Comic. S. 128-132; hier: S. 128.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div id=&quot;sdendnote2&quot;&gt;
&lt;p align=&quot;JUSTIFY&quot;&gt;&lt;span&gt;&lt;a href=&quot;#sdendnote2anc&quot; name=&quot;sdendnote2sym&quot;&gt;2 &lt;/a&gt; Hans Hillmann: Fliegenpapier. Nach Dashiell Hammetts Kriminalgeschichte Flypaper. M&amp;uuml;nchen 2005.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div id=&quot;sdendnote3&quot;&gt;
&lt;p align=&quot;JUSTIFY&quot;&gt;&lt;span&gt;&lt;a href=&quot;#sdendnote3anc&quot; name=&quot;sdendnote3sym&quot;&gt;3 &lt;/a&gt; Ebd., S.9.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/entdeckt-ein-vorfahr-der-literaturadaptionen-im-comic#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse">Kontroverse</category>
 <pubDate>Fri, 21 Dec 2012 15:39:42 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Ute Friederich</dc:creator>
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</item>
<item>
 <title>»Wir konzentrieren uns nun auf Literatur, weil wir inzwischen damit umgehen können«</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/wir-konzentrieren-uns-nun-auf-literatur-weil-wir-inzwischen-damit-umgehen-k%C3%B6nnen</link>
 <description>&lt;p&gt;Crowdfunding f&amp;uuml;r Kulturprojekte hat sich bereits f&amp;uuml;r viele Bereiche etabliert. Zum Beispiel im Musikbusiness ist diese Form der Vorfinanzierung von Projekten weiterhin auf dem Vormarsch. F&amp;uuml;r den Buchbereich konnten im Vergleich eher wenige Projekte auf diese Weise finanziert werden. Mit der &amp;raquo;&amp;eacute;dition bibliophile&amp;laquo; startet nun der Z&amp;uuml;rcher &lt;a href=&quot;http://www.salisverlag.com/&quot;&gt;Salis Verlag&lt;/a&gt; ein Crowdfunding-Projekt, das ansonsten ganz von der Digitalen Welt wegweist. Alle belletristischen Titel sollen ab dem Fr&amp;uuml;hjahrsprogramm 2013 auch in einer kleinen Auflage von 250 Exemplaren in besonders sorgf&amp;auml;ltiger Ausstattung vorgelegt werden. Mit Andr&amp;eacute; Gstettenhofer, dem Verleger des kleinen Schweizer Verlags, sprach K.A.-Chefredakteur Benedikt Viertelhaus.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;
	&lt;strong&gt;Kritische Ausgabe (K.A.):&lt;/strong&gt; Gerade in Zeiten wachsender Ums&amp;auml;tze mit E-Books klingt die &amp;raquo;&amp;eacute;dition bibliophile&amp;laquo; nach einer Reihe, die gegen den Trend gedacht ist. Wie kamen Sie auf die Idee, B&amp;uuml;cher in hochwertiger Ausstattung als Nebenauflage zum regul&amp;auml;ren Buch zu machen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;strong&gt;Andr&amp;eacute; Gstettenhofer: &lt;/strong&gt;Da&amp;szlig; man mit der bibliophilen Edition ein limitiertes, hochwertiges und exklusives St&amp;uuml;ck kriegt, das f&amp;uuml;r den Sammler unter Umst&amp;auml;nden auch mal eine Wertsteigerung beinhaltet und mit dem wir einen Anteil der gesamten Produktionskosten finanzieren k&amp;ouml;nnen, diese Verbindung fand ich bestechend. Mit der &amp;raquo;&amp;eacute;dition bibliophile&amp;laquo; haben wir nun bei den belletristischen Titeln neben dem normalen Hardcover und dem E-Book auch die sehr hochwertige Edition f&amp;uuml;r B&amp;uuml;chernarren wie mich und somit Ausgaben f&amp;uuml;r alle Lebenslagen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;strong&gt;K.A.:&lt;/strong&gt; W&amp;auml;re es nicht eher zeitgem&amp;auml;&amp;szlig; gewesen, einen Partner zu suchen, bei dem man sich mit einem Code, der in den B&amp;uuml;chern steht, ein E-Book des Titels f&amp;uuml;r unterwegs herunterladen kann, &amp;auml;hnlich wie es bei Schallplatten heute f&amp;uuml;r mp3 &amp;uuml;blich ist?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;strong&gt;Andr&amp;eacute; Gstettenhofer:&lt;/strong&gt; Das mit den kostenlosen E-Books beim Kauf der Hardcover-Ausgabe gibt es bei Salis seit Fr&amp;uuml;hjahr 2012 und wird rege genutzt. Anscheinend ist es ein Bed&amp;uuml;rfnis der Leserinnen und Leser, zum einen das Buch als Objekt zu besitzen, zum anderen es aber (auch) auf dem E-Reader zu lesen. Das ist in der Tat ein Modell aus der Musikindustrie, das von den Verlagen sehr schnell adaptiert wurde und auch sehr sinnvoll ist.&lt;img alt=&quot;Wir verlieren hoch&quot; src=&quot;/sites/default/files/SALIS_0.jpg&quot; style=&quot;width: 222px; height: 300px; float: right; margin: 20px;&quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;strong&gt;K.A.:&lt;/strong&gt; Crowdfunding ist, anders als hochwertig gestaltete B&amp;uuml;cher, ein neuer Trend. Pa&amp;szlig;t das zusammen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;strong&gt;Andr&amp;eacute; Gstettenhofer:&lt;/strong&gt; Na klar, &amp;uuml;ber die Plattform wemakeit.ch werden Kulturprojekte verschiedenster Art an das Publikum getragen. Literatur hat in diesem Sinne aber bisher gefehlt. Mein Gedanke war grunds&amp;auml;tzlich, den Leserinnen und Leser etwas anbieten zu k&amp;ouml;nnen, was weit &amp;uuml;ber eine normale &amp;raquo;Belohnung&amp;laquo; im Crowdfunding-System hinausgeht, ein eigenes, exklusives Produkt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;strong&gt;K.A.:&lt;/strong&gt; Crowdfunding ist ja auch gedacht, gro&amp;szlig;e Projekte zu f&amp;ouml;rdern. Eine Zusatzauflage von 250 Exemplaren ist nicht unbedingt viel. Wird mit der Kampagne auch die gesamte Produktion querfinanziert?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;strong&gt;Andr&amp;eacute; Gstettenhofer:&lt;/strong&gt; &lt;a href=&quot;http://wemakeit.ch/&quot;&gt;wemakeit.ch&lt;/a&gt; hat sich spezialisiert auf kleinere und mittlere Projekte und hat in diesem Bereich sehr viel Erfolg. Ganze Kinoproduktionen werden damit aber eher weniger finanziert. Und ja, wir erhalten mit den 250 limitierten Exemplaren einen Beitrag f&amp;uuml;r die gesamte Produktion, was uns wiederum von anderen Druckkostenzusch&amp;uuml;ssen von Stiftungen etc. unabh&amp;auml;ngiger macht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;strong&gt;K.A.:&lt;/strong&gt; Das hochwertig gestaltete Buch ist etwas, das lange halten soll. Man denke nur an teure Gesamtausgaben, f&amp;uuml;r die man gerne mehr Geld ausgibt, weil man sie immer wieder in die Hand nimmt. Im Backprogramm des Salis Verlags sind zum Beispiel auch einige Thriller; B&amp;uuml;cher, die ihren Wert vor allem darin haben, Unterhaltung zu bieten und die man danach nicht unbedingt wieder in die Hand nimmt. Ist die neue Reihe auch ein Statement in eine neue Verlagsausrichtung, die sich im Herbstprogramm mit Autoren wie Daniel Mezger und Thomas Meyer bereits angek&amp;uuml;ndigt hatte?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;strong&gt;Andr&amp;eacute; Gstettenhofer: &lt;/strong&gt;Wir haben in den jetzt sechs Jahren im belletristischen Bereich immer mal wieder was ausprobiert, Politthriller, Science Fiction etc. Das war auch wichtig um herauszufinden, was Salis ausmacht und was nicht. Wir konzentrieren uns nun &amp;ndash; wie eben mit Thomas Meyer und Daniel Mezger oder bei den laufenden Aktionen im Crowdfundung mit Martin Felder, Mario Gm&amp;uuml;r und Beat Gloor &amp;ndash; auf Literatur, weil wir inzwischen damit umgehen k&amp;ouml;nnen, diese Autoren und B&amp;uuml;cher an den richtigen Stellen platzieren k&amp;ouml;nnen und vielleicht auch ein wenig mit dem Verlagsnamen f&amp;uuml;r gute, junge Literatur stehen.&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/wir-konzentrieren-uns-nun-auf-literatur-weil-wir-inzwischen-damit-umgehen-k%C3%B6nnen#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-portr%C3%A4t-interview">Literatur - Porträt &amp; Interview</category>
 <pubDate>Tue, 18 Dec 2012 08:32:19 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Benedikt Viertelhaus</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4888 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
</item>
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 <title>Günter Grass&#039; Gedicht ›Was gesagt werden muss‹: Der Intellektuelle, sein Skandal und die Folgen</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/g%C3%BCnter-grass-gedicht-was-gesagt-werden-muss</link>
 <description>&lt;p align=&quot;JUSTIFY&quot;&gt;&amp;Uuml;ber Literaturereignisse im sich zu Ende neigenden Jahr zu schreiben, ohne G&amp;uuml;nter Grass zu erw&amp;auml;hnen, f&amp;auml;llt schwer. Ein Jahresr&amp;uuml;ckblick kommt um ihn im Jahr 2012 nicht herum. Das liegt nicht nur daran, dass der Schriftsteller in diesem Jahr 85 Jahre alt geworden ist und es damit wieder Zeit war f&amp;uuml;r seine ber&amp;uuml;chtigten Kopfst&amp;auml;nde, sondern auch dass nicht nur das Feuilleton eine Zeitlang durch die Ver&amp;ouml;ffentlichung seines Leitgedichts &amp;rsaquo;Was gesagt werden muss&amp;lsaquo;&lt;a href=&quot;#sdendnote1sym&quot; name=&quot;sdendnote1anc&quot;&gt;&lt;sup&gt;1&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt; in einigen europ&amp;auml;ischen Zeitungen und die heftigen internationalen Reaktionen darauf, bestimmt wurde.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p align=&quot;JUSTIFY&quot;&gt;Vor allem das zweite Ereignis bedarf, l&amp;auml;sst man die vergangenen Monate Revue passieren, einer besonderen Ber&amp;uuml;cksichtigung, weil es &amp;uuml;ber fr&amp;uuml;here Reaktionen auf die Stellungnahmen aus dem Mund oder der Feder dieses Autors, die sich als Welle des Zuspruchs aber auch der Emp&amp;ouml;rung zeigten, hinausgeht. Verfolgt man die Vita des Schriftstellers, so liegen die Urspr&amp;uuml;nge dieses Ph&amp;auml;nomens schon in der Mitte der 1960er Jahre, als G&amp;uuml;nter Grass mit seiner &lt;em&gt;Blechtrommel&lt;/em&gt; die literarische B&amp;uuml;hne betritt. Nicht nur &amp;uuml;berschw&amp;auml;ngliches Lob, das vor allem die Sprachm&amp;auml;chtigkeit hervorhebt&lt;a href=&quot;#sdendnote2sym&quot; name=&quot;sdendnote2anc&quot;&gt;&lt;sup&gt;2&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt;, erntet er dabei, es wird ihm auch deutliche Kritik zuteil. So urteilte beispielsweise Marcel Reich-Ranicki, dass G&amp;uuml;nter Grass schlicht die Worte durchgehen w&amp;uuml;rden&lt;a href=&quot;#sdendnote3sym&quot; name=&quot;sdendnote3anc&quot;&gt;&lt;sup&gt;3&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt; und Joachim Kaiser f&amp;uuml;gte in seiner Besprechung des Romans die Beobachtung hinzu, dass es an einer Ber&amp;uuml;cksichtigung ideologischer aber auch moralischer Bekenntnisse mangeln w&amp;uuml;rde.&lt;a href=&quot;#sdendnote4sym&quot; name=&quot;sdendnote4anc&quot;&gt;&lt;sup&gt;4&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt; Betrachtet man diese literaturkritischen &amp;Auml;u&amp;szlig;erungen genauer, und versteht sie aus dem Blickwinkel einer Ideologiekritik, so wird aus G&amp;uuml;nter Grass&amp;#39; &lt;em&gt;Blechtrommel&lt;/em&gt; und seiner Besch&amp;auml;ftigung mit der deutschen Nachkriegsgesellschaft ein Angriff auf den politischen und moralischen Stillstand jener Zeit.&lt;a href=&quot;#sdendnote5sym&quot; name=&quot;sdendnote5anc&quot;&gt;&lt;sup&gt;5&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;JUSTIFY&quot;&gt;Wie unsch&amp;auml;tzbar wichtig dieser Beitrag trotz oder angesichts der Kritik gewesen ist, zeigt sich nicht nur in der w&amp;uuml;rdigenden Begr&amp;uuml;ndung f&amp;uuml;r die Vergabe des Literaturnobelpreises im Jahr 1999&lt;a href=&quot;#sdendnote6sym&quot; name=&quot;sdendnote6anc&quot;&gt;&lt;sup&gt;6&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt;, sondern auch in der Tatsache, dass G&amp;uuml;nter Grass mit seiner Literatur Ma&amp;szlig;st&amp;auml;be gesetzt hat, die letztlich auch dazu gef&amp;uuml;hrt haben, dass er daran bis in die Gegenwart und ins hohe Alter gemessen wird. Das Literarische hat dabei jedoch im Laufe der Zeit immer mehr andere Qualit&amp;auml;ten gewonnen, so dass es bei einer Bewertung letztlich abseits der &amp;uuml;blichen Kritik nicht mehr nur entscheidend war, darauf zu achten, welche Meinung G&amp;uuml;nter Grass in einem aktuellen Werk vertrat, sondern auch auf welche Weise sie vorgebracht und unter welchen Umst&amp;auml;nden sie ge&amp;auml;u&amp;szlig;ert wurde. Frank Schirrmacher hat so als einer der ersten festgestellt, dass sich die Protagonisten der Grass&amp;#39;schen Romane zu &amp;raquo;Sprechautomaten&amp;laquo;&lt;a href=&quot;#sdendnote7sym&quot; name=&quot;sdendnote7anc&quot;&gt;&lt;sup&gt;7&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt; der politischen Meinung ihres Erschaffers weiterentwickelt und eine funktionale Rolle eingenommen h&amp;auml;tten. Gerade angesichts der Diskussionen, die sich aus seiner N&amp;auml;he zur SPD aber auch durch die Bekanntmachung seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS ergaben, schien es bei der literaturkritischen Besch&amp;auml;ftigung mit G&amp;uuml;nter Grass einen Grundkonsens zu geben, demzufolge weiteres Einmischen in politische Angelegenheiten mit seinem Schaffen unvereinbar w&amp;auml;ren.&lt;a href=&quot;#sdendnote8sym&quot; name=&quot;sdendnote8anc&quot;&gt;&lt;sup&gt;8&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt; Sollten Literatur und Politik doch aufeinander treffen, w&amp;uuml;rden sie eine explosive Mischung ergeben und so empfahlen die Kritiker dem Schriftsteller, besser zu schweigen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;JUSTIFY&quot;&gt;&lt;strong&gt;Der Intellektuelle und sein Bruch des Schweigens&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Auf diese Weise best&amp;auml;tigt sich eindrucksvoll, dass es der Schriftsteller als Intellektueller bei seiner Suche nach Aufmerksamkeit und Anerkennung nicht leicht hat. Unabh&amp;auml;ngig von Form und Inhalt seiner Botschaft polarisiert er und muss seinen Platz innerhalb der Gesellschaft immer wieder neu begr&amp;uuml;nden. Angeregt durch die Debatten des Poststrukturalismus und einer Diskussion &amp;uuml;ber seine schwindende Bedeutung hat er zudem nicht nur dagegen anzuk&amp;auml;mpfen, dass seine kulturelle Kompetenz infrage gestellt wird, sondern auch, dass das Ger&amp;uuml;cht von seinem Tod immer wieder die Runde macht.&lt;a href=&quot;#sdendnote9sym&quot; name=&quot;sdendnote9anc&quot;&gt;&lt;sup&gt;9&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt; Kommt man an dieser Stelle auf G&amp;uuml;nter Grass und das Jahr 2012 zur&amp;uuml;ck, so l&amp;auml;sst es sich auch als jener Moment beschreiben, in dem er vor allem in seiner Rolle als Intellektueller ein weiteres Mal versucht hat, seine Position im literarischen Feld zu verteidigen und sein Schweigen zu brechen. Wie der Titel des Gedichts &amp;rsaquo;Was gesagt werden muss&amp;lsaquo; bereits ank&amp;uuml;ndigt, geht es ihm darum, das Wort zu ergreifen und Stellung zu beziehen. Das Thema, dem er sich dabei annimmt, ist &amp;auml;hnlich explosiv wie die Form, die er daf&amp;uuml;r w&amp;auml;hlt, und die Reaktionen, die er in Kauf nimmt. Es geht ihm um die Gefahr des atomaren Erstschlags im Nahen Osten, einer brisanten politischen Frage des aktuellen Weltgeschehens, der Betrachtung Israels und des Irans als Atomm&amp;auml;chte sowie der Rolle Deutschlands, das sich in diesen Konflikt unter anderem durch den Verkauf von U-Booten eingemischt hat. Geplagt vom f&amp;uuml;r Intellektuelle obligatorischen Selbstzweifel und dem Zwang zur Einmischung spielt G&amp;uuml;nter Grass regelrecht mit seiner Rolle als desjenigen, der die Stimme erhebt, und wird dabei zugleich pathetisch, wenn er, sich auf seinen anstehenden 85. Geburtstag beziehend, davon spricht, dass er &amp;raquo;gealtert und mit letzter Tinte&amp;laquo;&lt;a href=&quot;#sdendnote10sym&quot; name=&quot;sdendnote10anc&quot;&gt;&lt;sup&gt;10&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt; das Wort ergreift, den politischen Skandal kritisiert und in seiner Position somit selbst auch inszeniert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;JUSTIFY&quot;&gt;Im Mittelpunkt steht dabei nicht mehr nur wie zuvor die Aufgabe, die &amp;raquo;Vergegenkunft&amp;laquo;&lt;a href=&quot;#sdendnote11sym&quot; name=&quot;sdendnote11anc&quot;&gt;&lt;sup&gt;11&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt; der Dinge zu beleuchten und mithilfe seiner Stimme zu hinterfragen, sondern auch die Position des Intellektuellen zu untermauern. Sowohl die Form seiner &amp;Auml;u&amp;szlig;erung als auch ihre Sprache und ihr Inhalt spielen dabei gleichwertig f&amp;uuml;r sich, aber auch in ihrer Verbindung eine Rolle und bestimmen schlie&amp;szlig;lich in ihrer Provokation auf absehbare Weise die Rezeption. Vielerorts begann man deshalb mit der Analyse und der Interpretation des Leitgedichts. So werden in &amp;uuml;berregionalen Medien nicht nur Stimmen laut, die in dem Inhalt einen Skandal erkennen, sondern auch darauf hinweisen, das es der Form nach gar kein Gedicht sein k&amp;ouml;nne, da G&amp;uuml;nter Grass unter dem Deckmantel der Lyrik, wie Frank Schirrmacher es zum Beispiel betonte, blo&amp;szlig; einen Etikettenschwindel betreiben w&amp;uuml;rde.&lt;a href=&quot;#sdendnote12sym&quot; name=&quot;sdendnote12anc&quot;&gt;&lt;sup&gt;12&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt; Marcel Reich-Ranicki sprach im Interview mit Volker Weidermann gar von Ekel.&lt;a href=&quot;#sdendnote13sym&quot; name=&quot;sdendnote13anc&quot;&gt;&lt;sup&gt;13&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt; Der lyrische Erstschlag, wie Sebastian Hammelehle dies bezeichnete&lt;a href=&quot;#sdendnote14sym&quot; name=&quot;sdendnote14anc&quot;&gt;&lt;sup&gt;14&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt;, hatte sein Ziel nicht verfehlt. So sah sich schlie&amp;szlig;lich Tilman Krause in seiner Analyse des Gedichts sogar dazu veranlasst, aufgrund von demagogischer Sprache eine N&amp;auml;he zum Nationalsozialismus zu sehen und das Gedicht schlie&amp;szlig;lich auch mit Joseph Goebbels Rede im Sportpalast in Verbindung zu bringen.&lt;a href=&quot;#sdendnote15sym&quot; name=&quot;sdendnote15anc&quot;&gt;&lt;sup&gt;15&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt; Vor dem Hintergrund systematischer NS-Vergleiche entsprach dies einem Totschlagargument, das die entstandene Debatte &amp;uuml;ber G&amp;uuml;nter Grass nicht entsch&amp;auml;rfte, sondern die Reaktionen noch befl&amp;uuml;gelte.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;JUSTIFY&quot;&gt;&lt;strong&gt;Vom Fall der moralischen Instanz zum ewigen Antisemiten&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Der Ausgrenzungsdiskurs versch&amp;auml;rfte sich noch weiter, so dass abseits dieser Besch&amp;auml;ftigung auch Diskussionen an anderem Ort stattfanden. G&amp;uuml;nter Grass trat in Nachrichtensendungen auf und musste sich dort der Kritik stellen. Neben Vertretern j&amp;uuml;discher Verb&amp;auml;nde, die in dem Leitgedicht ein Pamphlet erkannten und Antisemitismus kritisierten, meldeten sich neben Wissenschaftlern nun auch viele Politiker aus dem In- und Ausland zu Wort, so dass die Literatur als Staatsangelegenheit am Ende nicht mehr nur f&amp;uuml;r Emp&amp;ouml;rung oder einem &amp;raquo;absoluten Skandal&amp;laquo;&lt;a href=&quot;#sdendnote16sym&quot; name=&quot;sdendnote16anc&quot;&gt;&lt;sup&gt;16&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt; sorgte, sondern G&amp;uuml;nter Grass schlie&amp;szlig;lich vom israelischen Staat offiziell zur &lt;em&gt;persona non grata &lt;/em&gt;erkl&amp;auml;rt und gegen ihn ein Einreiseverbot ausgesprochen wurde.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;JUSTIFY&quot;&gt;Von allen Seiten in das Abseits gedr&amp;auml;ngt, blieb G&amp;uuml;nter Grass am Ende nur der Beiname &amp;raquo;der ewige Antisemit&amp;laquo;&lt;a href=&quot;#sdendnote17sym&quot; name=&quot;sdendnote17anc&quot;&gt;&lt;sup&gt;17&lt;/sup&gt;&lt;/a&gt; und die Erkenntnis, dass schon am Tag des Erscheinens erste vernichtende Besprechungen des Gedichts erschienen waren. Nicht nur der lyrische Erstschlag sondern auch seine heftige Vergeltung machten den Eindruck gezielter Planung und so drehte sich die Welt f&amp;uuml;r G&amp;uuml;nter Grass schon vor seinem 85. Geburtstag, ohne dass er selbst seinen Stand ver&amp;auml;nderte. Indem er sein Leitgedicht in der Diskussion noch einmal pr&amp;auml;zisierte und nicht nachgab, entsprach er weiter seiner intellektuellen Haltung. Er wagte nicht nur einen erneuten Angriff, indem er eine Gleichschaltung der Presselandschaft diagnostizierte, sondern beklagte auch, dass seine lyrische Stellungnahme keine Diskussion zur Sache bewirkte. Hatte G&amp;uuml;nter Grass in all der Zeit seiner gezielten Provokationen &amp;uuml;bersehen, dass Auseinandersetzungen des Intellektuellen immer Diskussionen &amp;uuml;ber ihn selbst gewesen waren, so hat das Jahr 2012 ihm und seinen Kritikern dies in seiner ganzen Dimension vor Augen gef&amp;uuml;hrt.&lt;/p&gt;
&lt;p align=&quot;JUSTIFY&quot;&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;div id=&quot;sdendnote1&quot;&gt;
&lt;p align=&quot;JUSTIFY&quot;&gt;&lt;span&gt;&lt;a href=&quot;#sdendnote1anc&quot; name=&quot;sdendnote1sym&quot;&gt;1 &lt;/a&gt;Das Gedicht &amp;rsaquo;Was gesagt werden muss&amp;lsaquo; erschien am 4. April 2012 zeitgleich in den drei europ&amp;auml;ischen &amp;uuml;berregionalen Tageszeitungen S&amp;uuml;ddeutsche Zeitung, La Repubblica und El Pais. Erst danach wurde auch eine autorisierte englischsprachige Fassung erstellt, die ebenfalls publiziert wurde. Es verbreitete sich durch Rezeption sowohl in anderen Zeitungen als auch Zeitschriften, fand aber auch in anderen Medien wie dem Fernsehen oder dem Internet einen Widerhall. Das Gedicht ist, mit &amp;Uuml;berarbeitung einer Verszeile, inzwischen in dem ebenfalls 2012 erschienenen Gedichtbands &lt;em&gt;Eintagsfliegen. Gelegentliche Gedichte&lt;/em&gt; im Steidl Verlag G&amp;ouml;ttingen ver&amp;ouml;ffentlicht worden.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div id=&quot;sdendnote2&quot;&gt;
&lt;p align=&quot;JUSTIFY&quot;&gt;&lt;span&gt;&lt;a href=&quot;#sdendnote2anc&quot; name=&quot;sdendnote2sym&quot;&gt;2 &lt;/a&gt;Enzensberger, Hans-Magnus: Wilhelm Meister, auf Blech getrommelt. In: Losch&amp;uuml;tz, Gert (Hg.): Von Buch zu Buch &amp;ndash; G&amp;uuml;nter Grass in der Kritik. Neuwied und Berlin 1968, S. 8-12, Geiger, Hannsludwig: Alarm auf der Blechtrommel. Evangelischer Literaturbeobachter 36, M&amp;uuml;nchen 1956 u. Schwab-Felisch, Hans: Talente und Stilfragen bei der &amp;raquo;Gruppe 47&amp;laquo;. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. 11. 1958.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div id=&quot;sdendnote3&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;a href=&quot;#sdendnote3anc&quot; name=&quot;sdendnote3sym&quot;&gt;3 &lt;/a&gt;Reich-Ranicki, Marcel: G&amp;uuml;nter Grass, Z&amp;uuml;rich 1992, S. 13-18, hier: S. 14.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div id=&quot;sdendnote4&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;a href=&quot;#sdendnote4anc&quot; name=&quot;sdendnote4sym&quot;&gt;4 &lt;/a&gt;Vgl. Kaiser, Joachim: Oskars getrommelte Bekenntnisse. In: Losch&amp;uuml;tz, Gert (Hg.): Von Buch zu Buch &amp;ndash; G&amp;uuml;nter Grass in der Kritik. Neuwied und Berlin 1968, S. 13-14. hier: S. 13.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div id=&quot;sdendnote5&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;a href=&quot;#sdendnote5anc&quot; name=&quot;sdendnote5sym&quot;&gt;5 &lt;/a&gt;Vgl. H&amp;auml;gele, Christoph: Skandal oder Inszenierung? G&amp;uuml;nter Grass in der Kritik. In: Neuhaus, Stefan/ Johannes Holzer (Hg.): Literatur als Skandal. F&amp;auml;lle &amp;ndash; Funktionen &amp;ndash; Folgen, G&amp;ouml;ttingen 2007, S. 598-612, hier: S. 600.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div id=&quot;sdendnote6&quot;&gt;
&lt;p align=&quot;JUSTIFY&quot;&gt;&lt;span&gt;&lt;a href=&quot;#sdendnote6anc&quot; name=&quot;sdendnote6sym&quot;&gt;6 &lt;/a&gt;In der Begr&amp;uuml;ndung f&amp;uuml;r den Literaturnobelpreis an G&amp;uuml;nter Grass im Jahr 1999 hob die Jury hervor, dass er sich darum verdient gemacht h&amp;auml;tte, vergessene Gesichter der Geschichte zu portr&amp;auml;tieren; Vgl. The Nobel Prize in Literature 1999. Online verf&amp;uuml;gbar unter: &lt;a href=&quot;http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/1999/&quot;&gt;&lt;span&gt;http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laureates/1999&lt;/span&gt;&lt;/a&gt; (Stand: Dezember 2012).&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div id=&quot;sdendnote7&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;a href=&quot;#sdendnote7anc&quot; name=&quot;sdendnote7sym&quot;&gt;7 &lt;/a&gt;Vgl. H&amp;auml;gele, Christoph: Skandal oder Inszenierung? [wie Anm. 5], S. 603.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div id=&quot;sdendnote8&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;a href=&quot;#sdendnote8anc&quot; name=&quot;sdendnote8sym&quot;&gt;8&lt;/a&gt; Vgl. ebd., S. 605.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div id=&quot;sdendnote9&quot;&gt;
&lt;p align=&quot;JUSTIFY&quot;&gt;&lt;span&gt;&lt;a href=&quot;#sdendnote9anc&quot; name=&quot;sdendnote9sym&quot;&gt;9 &lt;/a&gt;Vgl. hierzu zuletzt: Bock, Hans Manfred: Nekrologe auf Widerruf. Legenden vom Tod des Intellektuellen. In: Demandt, Christian (Hg.): Macht und Ohnmacht der Experten. Sonderheft Merkur. Deutsche Zeitschrift f&amp;uuml;r europ&amp;auml;isches Denken, Berlin 2012, S. 866-877.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div id=&quot;sdendnote10&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;a href=&quot;#sdendnote10anc&quot; name=&quot;sdendnote10sym&quot;&gt;10 &lt;/a&gt;Grass, G&amp;uuml;nter: Was gesagt werden muss. In: S&amp;uuml;ddeutsche Zeitung, 4. April 2012.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div id=&quot;sdendnote11&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;a href=&quot;#sdendnote11anc&quot; name=&quot;sdendnote11sym&quot;&gt;11 &lt;/a&gt;Grass, G&amp;uuml;nter: Schreiben nach Auschwitz. Frankfurter Poetik-Vorlesung, Frankfurt a. Main, S. 33.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div id=&quot;sdendnote12&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;a href=&quot;#sdendnote12anc&quot; name=&quot;sdendnote12sym&quot;&gt;12 &lt;/a&gt;Vgl. Schirrmacher, Frank: Was Grass uns sagen will. Eine Erl&amp;auml;uterung. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. April 2012&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div id=&quot;sdendnote13&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;a href=&quot;#sdendnote13anc&quot; name=&quot;sdendnote13sym&quot;&gt;13 &lt;/a&gt;Vgl. Weidermann, Volker: Es ist ein ekelhaftes Gedicht. Marcel Reich-Ranicki &amp;uuml;ber Grass. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 8. April 2012.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div id=&quot;sdendnote14&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;a href=&quot;#sdendnote14anc&quot; name=&quot;sdendnote14sym&quot;&gt;14 &lt;/a&gt; Vgl. Hammelehle, Sebastian: Lyrischer Erstschlag. Online verf&amp;uuml;gbar unter: &lt;a href=&quot;http://www.spiegel.de/kultur/literatur/kritik-an-israel-gedicht-was-gesagt-werden-muss-von-guenter-grass-a-825669.htmlhttp://www.spiegel.de/kultur/literatur/kritik-an-israel-gedicht-was-gesagt-werden-muss-von-guenter-grass-a-825669.html&quot;&gt;&lt;span&gt;http://www.spiegel.de/kultur/literatur/kritik-an-israel-gedicht-was-gesagt-werden-muss-von-guenter-grass-a-825669.htm &lt;/span&gt;&lt;/a&gt;&lt;span&gt;(Stand: Dezember 2012).&lt;/span&gt;&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div id=&quot;sdendnote15&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;a href=&quot;#sdendnote15anc&quot; name=&quot;sdendnote15sym&quot;&gt;15 &lt;/a&gt;Vgl. Krause, Tilman: Grass&amp;#39; Anti-Israel-Gedicht steckt voller NS-Stereotypen. In: Berliner Morgenpost, 4. April 2012.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div id=&quot;sdendnote16&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;a href=&quot;#sdendnote16anc&quot; name=&quot;sdendnote16sym&quot;&gt;16 &lt;/a&gt;Seibel, Andrea/ Clemens Wergin/ Michael Borgstede: Netanjahu nennt Grass moralisch nicht urteilsf&amp;auml;hig. In: DIE WELT, 21. 4. 2012.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;div id=&quot;sdendnote17&quot;&gt;
&lt;p&gt;&lt;span&gt;&lt;a href=&quot;#sdendnote17anc&quot; name=&quot;sdendnote17sym&quot;&gt;17 &lt;/a&gt;Broder, Henryk M.: G&amp;uuml;nter Grass, der ewige Antisemit. In: DIE WELT, 4. April 2012&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/g%C3%BCnter-grass-gedicht-was-gesagt-werden-muss#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse">Kontroverse</category>
 <pubDate>Thu, 13 Dec 2012 11:45:14 +0000</pubDate>
 <dc:creator>michael.preidel</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4886 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
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 <title>Berlin – (K)eine Stadt der Liebe</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/berlin-%E2%80%93-keine-stadt-der-liebe</link>
 <description>&lt;p&gt;Ich lebe nun seit einem Jahr in Berlin. Noch nicht lange genug, um &amp;raquo;Bulette&amp;laquo; statt &amp;raquo;Fleischk&amp;uuml;chle&amp;laquo; zu sagen. &amp;raquo;Fleischk&amp;uuml;chle&amp;laquo; klingt einfach lieblicher. Lieblich ist Berlin ganz und gar nicht und will es auch nicht sein. Berlin ist keine Stadt der Liebe. Aber Berlin ist voll von Kunst und die Kunst handelt viel von Liebe. Der Liebe in ihrer mannigfachen Manifestation &amp;ndash; ihrer tragischen, rationalen, g&amp;ouml;ttlichen und komischen Gestalt &amp;ndash; widme ich daher meinen Jahresr&amp;uuml;ckblick.&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;
	&lt;b&gt;MUSIK | &amp;raquo;Not all my torments can your pity move&amp;laquo;&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
	Die Liebeslieder des englischen Barock-Komponisten &lt;strong&gt;Henry Purcell&lt;/strong&gt; (1659-1695) entf&amp;uuml;hren uns in hypnotische Klanggefilde zwischen Hoffnung und Resignation, Manie und Depression. Auf dem international renommierten Festival &lt;strong&gt;zeitfenster &amp;ndash; VI. Biennale Alter Musik&lt;/strong&gt; konnte man davon eine eindr&amp;uuml;ckliche Kostprobe erleben. Die in Sheffield geborene und in Berlin lebende Sopranistin Deborah York gab dabei auch weniger bekannte Lieder von Purcell zum Besten &amp;ndash; darunter auch die folgenden, blumenreich vorgetragenen Verse: &amp;raquo;Not all my torments can your pity move, /Your scorn increases with my love. / Yet to the grave I will my sorrow bear; / I love, tho&amp;#39; I despair.&amp;laquo; Ja, das ist der Kuschelrock des 17. Jahrhunderts und er geht einem f&amp;ouml;rmlich durch Mark und Bein.&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;strong&gt;VIDEO | &amp;raquo;Muss man ein Werk kennen, um es zu lieben?&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Das &lt;strong&gt;Konzerthaus Berlin&lt;/strong&gt; pr&amp;auml;sentiert sich nicht nur optisch im neuen Gewand. Seit der Saison 2012/13 ist der Ungar Iv&amp;aacute;n Fischer neuer Chefdirigent des Konzerthausorchesters. Sein Anliegen: klassische Musik der breiten &amp;Ouml;ffentlichkeit n&amp;auml;herzubringen. Welche schwerf&amp;auml;llige Kulturinstitution sucht sich heutzutage nicht ihres elit&amp;auml;ren Images zu entledigen? Das Konzerthaus Berlin vermittelt Offenheit in am&amp;uuml;santer und glaubhafter Weise. In der &lt;a href=&quot;http://www.konzerthaus.de/chefdirigent-ivan-fischer/videos&quot;&gt;Clipreihe &amp;raquo;Eine Frage, Herr Fischer&amp;laquo;&lt;/a&gt; &amp;nbsp;erf&amp;auml;hrt man so manches Interessantes &amp;uuml;ber peinliche Pannen, st&amp;ouml;renden Husten und die Liebe auf den zweiten oder dritten Blick: TOP-Dirigenten gibt es viele, aber nur wenige nehmen ihr Publikum so ernst. Chapeau, Herr Fischer!&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;strong&gt;LYRIK | &amp;raquo;Ein Knie, das jedes Knie der Welt in Schatten stellt&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Wie bezwingt man schriftstellerisch ein Monstrum wie den Pergamonaltar, ohne dass das Ergebnis vor Schwei&amp;szlig; trieft? &amp;ndash; Mittels sinnlicher Hingabe, wie der Lyriker &lt;strong&gt;Gerhard Falkner&lt;/strong&gt; zeigt. Seine &lt;strong&gt;&lt;em&gt;Pergamon Poems&lt;/em&gt;&lt;/strong&gt; sind eine lyrische Ekphrasis des auf dem Fries in Szene gesetzten, dramatischen Kampfes zwischen G&amp;ouml;ttern und Giganten. Schauspieler der Schaub&amp;uuml;hne Berlin &amp;uuml;bersetzten die Gedichte im Auftrag des Pergamonmuseums ins filmische Medium. Das &amp;raquo;G&amp;ouml;tterkino&amp;laquo; gibt es &lt;a href=&quot;http://www.youtube.com/watch?v=u_yC1iZqaBU&amp;amp;feature=relmfu&quot;&gt;hier zu sehen&lt;/a&gt;. Aufgrund der brachialen Mixtur aus Alltagssprache und antikem Pathos wirken einige Gedichte etwas forciert. Das &amp;raquo;G&amp;ouml;tterkino&amp;laquo; jedenfalls beweist: Eine professioneller Vortragsweise ist die beste Kosmetik f&amp;uuml;r mittelm&amp;auml;&amp;szlig;ige Texte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;strong&gt;THEATER | &amp;raquo;Wenn Musik die Nahrung f&amp;uuml;r die Liebe ist, f&amp;uuml;ttert mich weiter&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Das &lt;strong&gt;Berliner Ensemble&lt;/strong&gt; nennt sich ein &amp;raquo;Theater f&amp;uuml;r Zeitgenossen&amp;laquo;. Ist das eigentlich ironisch gemeint? Denn das BE h&amp;auml;lt gro&amp;szlig;e St&amp;uuml;cke auf seine Staubdecke &amp;ndash; zu Recht. Das klassische Brecht-Repertoire und die alt bew&amp;auml;hrte Wilson-&amp;Auml;sthetik sind das einzig Ertr&amp;auml;gliche, was dieses Haus zu bieten hat &amp;ndash; der Rest ist M&amp;uuml;ll. Das war zumindest meine unersch&amp;uuml;tterliche Meinung bis zur Premiere von William Shakespeares Verwechslungskom&amp;ouml;die &lt;strong&gt;&lt;em&gt;Was ihr wollt&lt;/em&gt; in der Regie von Katharina Thalbach&lt;/strong&gt;. Die Regisseurin setzt in ihrer Inszenierung auf schauspielerische Virtuosit&amp;auml;t und derbe Komik. Die ekstatische Lachgemeinschaft dankte es ihr mit tosendem Szenen- und Schlussapplaus.&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/berlin-%E2%80%93-keine-stadt-der-liebe#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse">Kontroverse</category>
 <pubDate>Tue, 11 Dec 2012 14:02:45 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Marion Acker</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4884 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
</item>
<item>
 <title>»und ich male mir aus, was vorher noch dastand«</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BBund-ich-male-mir-aus-was-vorher-noch-dastand%C2%AB</link>
 <description>&lt;p&gt;Ein unbeschriebenes Blatt oder &amp;ndash; um auf die Texte von Floh von Gr&amp;uuml;ningen anzuspielen &amp;ndash; eine unbemalte Leinwand, sind Sch&amp;ouml;ftland nicht mehr, auch wenn viele das denken k&amp;ouml;nnen, da sie die Band bislang noch nicht wahrgenommen haben. Doch ihre vielgelobte erste Langspielplatte &lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/der-schein-trügt&quot;&gt;Der Schein tr&amp;uuml;gt&lt;/a&gt; hat einige Erwartungen geweckt. Allein die Vielseitigkeit dieser Platte aus dem Jahr 2010 hat die Latte sehr hochgeh&amp;auml;ngt und ein wenig stellte sich die Frage, was kann danach noch kommen?&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;So ist auf Sch&amp;ouml;ftland, der selbstbetitelten Platte der f&amp;uuml;nf Schweizer eigentlich wenig wirklich Neues zu entdecken, denn sie machen da weiter, wo sie vor drei Jahren aufgeh&amp;ouml;rt hatten. Auch auf ihrem zweiten Longplayer spielen sie einen vielschichtigen Deutschrock, dem man anmerkt, da&amp;szlig; einige der Musiker um den S&amp;auml;nger und Maler Floh von Gr&amp;uuml;ningen ihr Instrument wirklich studiert haben. So bricht in den ruhigen Opener &amp;raquo;wenn es l&amp;auml;uft&amp;laquo; eine postrockige Gitarrenl&amp;auml;rmwand, die die musikalisch brave Idylle, die den Hauptteil des Liedes pr&amp;auml;gt, erst sch&amp;ouml;n und rund macht. Wie in dem ersten Song wechseln sich auf der Platte ruhigere Titel (&amp;raquo;schlaf ruhig ein&amp;laquo;) mit rockigeren (&amp;raquo;der Graf&amp;laquo;) ab.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;b&gt;Ein Lied wie ein Bild&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
	In dem ruhigeren St&amp;uuml;ck &amp;raquo;Weissenb&amp;uuml;hl&amp;laquo; finden die Talente des Texters Floh von Gr&amp;uuml;ningen mit seinem Zweitberuf als Maler vollkommen zusammen:&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	der lautsprecher sagt&lt;br /&gt;
	weissenb&amp;uuml;hl&lt;br /&gt;
	und ich steige aus&lt;br /&gt;
	denn ich wohne hier&lt;br /&gt;
	ist endstation&lt;br /&gt;
	und hier ist anfang&lt;br /&gt;
	zuerst f&amp;auml;llt schnee&lt;br /&gt;
	und dann der Vorhang&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;[...]&lt;br /&gt;
		es ist alles weiss&lt;br /&gt;
		wie eine leere leinwand&lt;br /&gt;
		und ich male mir aus&lt;br /&gt;
		was vorher noch da stand&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Nach und nach wird beschrieben, &amp;raquo;was vorher noch da stand&amp;laquo;, untermalt von einem Waldhorn, was die Idylle unterstreicht und das Bild einer verschneiten Landschaft, in der kaum noch etwas zu erkennen ist, verst&amp;auml;rkt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;b&gt;&amp;raquo;aber sicherheit gibt&amp;rsquo;s nicht&amp;laquo;&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
	W&amp;auml;hrend das Vorg&amp;auml;ngeralbum Der Schein tr&amp;uuml;gt bisher eine lange Halbwertszeit bewies und auch nach mehrmaligem H&amp;ouml;ren noch ein Gewinn ist, stellt sich die Frage nach dieser nun vor allem bei den politischen Titeln &amp;raquo;sicherheit&amp;laquo; und &amp;raquo;wegwerfen ist besser&amp;laquo;. Als politische, gesellschaftskritische Lieder fallen diese aus dem, was Sch&amp;ouml;ftland bisher auf Platte ver&amp;ouml;ffentlichten, etwas heraus.&amp;nbsp; Bei politischen Songs ist oft zu beobachten, wie schnell sie ihren Reiz verlieren. Einige Lieder von bspw. Franz Josef Degenhardt h&amp;ouml;rt man heute vor allem mit einem Schmunzeln. Und doch gibt es immer wieder Titel, die pl&amp;ouml;tzlich neue Aktualit&amp;auml;t gewinnen. Wie lange &amp;raquo;sicherheit&amp;laquo;, das sich ironisch, und auch Verst&amp;auml;ndnis zeigend, mit dem Sicherheitswahn unserer Zeit besch&amp;auml;ftigt, aktuell bleibt, ist abzuwarten. Sollten wir einmal wieder einen etwas lockereren Umgang mit der st&amp;auml;ndigen Unsicherheit, die uns in Zeiten des&amp;nbsp; globalen Terrors immer umgeben wird, finden, wird es vor allem als Zeitdokument einen Wert behalten. Degenhardts&amp;nbsp; &amp;raquo;Die guten alten Zeiten&amp;laquo;, das einst gegen einen m&amp;ouml;glichen Atomkrieg geschrieben, nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl eine neue traurige Realit&amp;auml;t bekam, beschied ein eher seltenes Schicksal. Anders verh&amp;auml;lt es sich bei dem etwas r&amp;uuml;hrselig beginnenden &amp;raquo;wegwerfen ist besser&amp;laquo;, das sich mit der immerw&amp;auml;hrenden Wegwerfgesellschaft besch&amp;auml;ftigt. S&amp;auml;tze wie &amp;raquo;wenn ich mir was neues kauf/ mach ich mir neue sorgen&amp;laquo; gehen doch weit &amp;uuml;ber den politischen Aspekt hinaus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Einziges Wermutstr&amp;ouml;pfchen des Albums ist die mitunter etwas unsichere Intonation des S&amp;auml;ngers. Bemerkbar ist das vor allem im Vergleich zu Liedern, bei denen die T&amp;ouml;ne wirklich sitzen. In dem w&amp;uuml;tend rockigen &amp;raquo;wenn du nicht w&amp;auml;rst&amp;laquo; oder dem ebenfalls lauteren &amp;raquo;der graf&amp;laquo; br&amp;uuml;llt Floh von Gr&amp;uuml;nigen und &amp;uuml;berwindet diese Schw&amp;auml;che scheinbar ohne Probleme.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;b&gt;Gesamtkunstwerk&lt;/b&gt;&lt;br /&gt;
	&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/Sc%C3%B6ftland.jpg&quot; style=&quot;width: 121px; height: 165px; float: right;&quot; /&gt;Wenn der S&amp;auml;nger und Texter einer Band Maler ist, lohnt es oft auch &amp;uuml;ber die Gestaltung zu sprechen.&amp;nbsp; In Zeiten, in denen zwar vielleicht der Download vorbei am Geldbeutel nicht mehr so oft stattfindet, hat doch die mp3 ihren Siegeszug noch nicht beendet. Doch mit dem aufwendigen Digipack im Format einer DVD Verpackung setzen die f&amp;uuml;nf jene Akzente, die schon auf den ersten Blick zeigen, da&amp;szlig; es lohnt, etwas mehr Geld auszugeben und das Album eben nicht in gepackter und auch klanglich reduzierter Form im Internet zu erwerben. Alle Bandmitglieder hat Floh von Gr&amp;uuml;nigen f&amp;uuml;r das gro&amp;szlig;formatige Booklet portraitiert. Die Gestaltung ist rund, jeder Text bekommt eine eigene Seite und so ist das Album nicht nur musikalisch ein Genu&amp;szlig;!&lt;br /&gt;
	&lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://www.schoeftland.com/&quot;&gt;Sch&amp;ouml;ftland&lt;/a&gt;: Sch&amp;ouml;ftland. Chop Records Bern 2012. Ca. 20 Euro.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BBund-ich-male-mir-aus-was-vorher-noch-dastand%C2%AB#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/musik/musik-kritik">Musik - Kritik</category>
 <pubDate>Fri, 30 Nov 2012 08:22:22 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Benedikt Viertelhaus</dc:creator>
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</item>
<item>
 <title>Das Recht des Kanuns</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/das-recht-des-kanuns-0</link>
 <description>&lt;p&gt;Wenn im heutigen Literaturbetrieb von einem historischen Kriminalroman die Rede ist, dann spricht man meist von B&amp;uuml;chern aus dem Bereich der trivialen Unterhaltungsliteratur. Dass sich dabei auch anspruchsvollere Literatur in diesen Gefilden tummelt, ger&amp;auml;t trotz Umberto Ecos Der Name der Rose und Patrick S&amp;uuml;skinds Das Parf&amp;uuml;m schnell in Vergessenheit. Ein solches Beispiel f&amp;uuml;r einen aktuellen Historienkrimi mit literarischem Niveau hat nun j&amp;uuml;ngst die in Albanien geborene Autorin Anila Wilms ver&amp;ouml;ffentlicht. Ihr Roman &lt;em&gt;Das albanische &amp;Ouml;l oder Mord auf der Stra&amp;szlig;e des Nordens&lt;/em&gt; beweist eindrucksvoll, dass auch dieses Genre gute Literatur hervorbringen kann &amp;ndash; und zugleich auch, dass nicht jeder Historienkrimi immer zwangsl&amp;auml;ufig im Mittelalter angesiedelt sein muss.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Doppelmord in den Bergen&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Zun&amp;auml;chst beginnt auch bei Wilms alles mit einem Mord: Auf der titelgebenden &amp;raquo;Stra&amp;szlig;e des Nordens&amp;laquo;, mitten im albanischen Bergland gelegen, werden in den 1920er-Jahren zwei amerikanische Touristen ermordet. In der Folge entspinnt sich eine vielgestaltige Jagd auf die T&amp;auml;ter: vonseiten der noch jungen Regierung, die eine kriegerische Intervention der Amerikaner f&amp;uuml;rchtet, vonseiten der britischen und amerikanischen Botschafter, die ein Auge auf den angeblich vorhandenen &amp;Ouml;lschatz des Landes geworfen haben und letztlich auch vonseiten des Bergvolkes, deren hergebrachtes Recht eine solche Tat durch einen Einheimischen als Verletzung des heiligen Gastrechtes begreift. &amp;raquo;Das Haus geh&amp;ouml;rt Gott und dem Gast&amp;laquo;, wodurch der Doppelmord zu einem zu s&amp;uuml;hnenden Angriff auf das Gemeinwesen wird.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Was den Roman der studierten Historikerin Anila Wilms dabei nun von dem gemeinen Trivialgut abhebt, ist die Lesart des historischen Kriminalromans als politisches und gesellschaftliches Statement. Wilms breitet die realhistorische innenpolitische Krise infolge des Mordes an den Amerikanern aus. In den Figuren des Premierministers Fuad Herri, der &amp;raquo;unbelastet durch Scham oder Moral&amp;laquo; das politische R&amp;auml;nkespiel &amp;raquo;wie kein anderer&amp;laquo; beherrscht, und des oppositionellen Bischofs Dorotheus hat Wilms das Widersacherpaar Ahmet Zogu und Fan Noli verewigt. Sie zeichnet ein Bild Albaniens im Widerstreit zwischen Vergangenheit und Zukunft, Tradition und Revolution, in dessen Hintergrund der Kampf des Westens um Einflussnahme und nat&amp;uuml;rliche Ressourcen tobt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	&lt;strong&gt;Eine Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Selbiges gelingt ihr auch durch die Skizzierung des Bergvolkes als zwar wenig modernen, doch aufrichtigen und bisweilen schrulligen Menschenschlag, der zugleich mit einem Hauch Exotismus daherkommt. Wenngleich bisweilen eine un&amp;uuml;berschaubare &amp;Uuml;berzahl an Namen und Figuren den Schauplatz bev&amp;ouml;lkert, so gewinnt der Leser doch ein eindr&amp;uuml;ckliches Bild der albanischen Bev&amp;ouml;lkerung w&amp;auml;hrend der 20er-Jahre. Nachdr&amp;uuml;cklich legt Wilms dabei einen Fokus auf das alte Gewohnheitsrecht der Albaner, den Kanun, das hierzulande allzu oft auf das Prinzip der Blutrache reduziert wird, realiter jedoch ein hochkomplexes Gebilde aus gesellschaftlichen Verhaltensregeln bildet, das ebenso wenig verteufelt wie idealisiert werden darf.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Die Blutrache ist nicht willk&amp;uuml;rlich, sondern eine von der Gemeinschaft streng geh&amp;uuml;tete Institution. In den Bergen gilt zwar eine andere Zeitrechnung, doch f&amp;uuml;r die Bewohner ist dies eine in sich vollkommen stimmige, lebensbejahende und phantasiestarke Welt. Es w&amp;auml;re ganz und gar an der Realit&amp;auml;t vorbei, das Lebensgef&amp;uuml;hl des Bergvolkes auf die Blutrache zu reduzieren.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Durch dieses vielgestaltige Gesellschafts- und Politikpanorama geh&amp;uuml;llt in die Rahmenhandlung eines Doppelmordes wird &lt;em&gt;Das albanische &amp;Ouml;l oder Mord auf der Stra&amp;szlig;e des Nordens &lt;/em&gt;zu einer ebenso aufschlussreichen wie spannenden Lekt&amp;uuml;re. Die in Berlin lebende Anila Wilms beweist mit ihrem kurzen Roman, den sie zun&amp;auml;chst auf Albanisch und nun auch auf Deutsch neugeschrieben hat, dass das Genre des historischen Kriminalromans keineswegs auf triviale Mittelalter-Possen begrenzt ist, sondern durchaus auch einen Mehrwert haben kann. Wilms&amp;rsquo; Buch bringt dabei nicht nur Licht in Mentalit&amp;auml;ten vergangener Zeiten, sondern wei&amp;szlig; zugleich unter der Oberfl&amp;auml;che einiges &amp;uuml;ber die aktuelle Lage auf dem Balkan zu sagen, wo nach wie vor mit allen Mitteln um Macht, Einfluss und Identit&amp;auml;t gerungen wird. &lt;em&gt;Das albanische &amp;Ouml;l oder Mord auf der Stra&amp;szlig;e des Nordens&lt;/em&gt; ist ein hochgradig unterhaltsamer Roman geworden, der &amp;uuml;ber Politik und Gesellschaft gleicherma&amp;szlig;en viel verr&amp;auml;t und im Herzen des Lesers ein eindringliches Bild des doch allzu fremden Landes Albanien zur&amp;uuml;ckl&amp;auml;sst.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Anila Wilms: Das albanische &amp;Ouml;l oder Mord auf der Stra&amp;szlig;e des Nordens. Roman. Berlin: Transit Buchverlag, 2012. 176 Seiten. ISBN 978-3887472795. 18,80 Euro.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/das-recht-des-kanuns-0#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Wed, 28 Nov 2012 08:22:52 +0000</pubDate>
 <dc:creator>N. N.</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4882 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
</item>
<item>
 <title>Postmoderne Untergangsszenarien</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/postmoderne-untergangsszenarien</link>
 <description>&lt;p&gt;Das Ende des Subjekts, das Ende der Geschichte, das Ende der gro&amp;szlig;en Erz&amp;auml;hlungen, das Ende der Metaphysik, das Ende der Realit&amp;auml;t, das Ende der Kunst &amp;hellip; Untergangsprophezeiungen erleben in der zeitgen&amp;ouml;ssischen Philosophie Hochkonjunktur. In der Diskussion um das Ende der Postmoderne findet das Enden vielleicht ein Ende. Und das Theater? Ebenso wenig wie die Fotografie das Ende der Malerei bedeutete, brachte der Film &amp;ndash; trotz gegenteiliger Vorhersagen &amp;ndash; das Ende des Theaters. Und das Drama? &amp;bdquo;Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende&amp;ldquo;, so lautet der frappierende Beginn von Becketts Endspiel. Was hier zu Ende geht, ist das Drama in seiner etymologischen Bedeutung als Handlung: Becketts anti-aristotelisches Drama verzichtet auf eine kausal logische Handlung und differenzierte Figurenpsychologie. Die Negation bestimmter Genrekonventionen geht einher mit der Transformation und Neuerfindung der dramatischen Gattung, nicht aber mit deren g&amp;auml;nzlichen Abschaffung. Wo immer also gro&amp;szlig;spurig das Ende verk&amp;uuml;ndet wird, gilt es zu differenzieren.&lt;br /&gt;
	&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Theater in der Krise?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Wenn Skeptiker nach der Daseinsberechtigung des Theaters heute fragen und damit implizit eine Krise diagnostizieren,&amp;nbsp; so ist dem zun&amp;auml;chst Berechtigung zuzugestehen. Zwei triftige Gr&amp;uuml;nde seien hierf&amp;uuml;r angef&amp;uuml;hrt: Zum einen hat der Film dem Theater insofern seine spezifische Legitimationsgrundlage entzogen, als er medial zu einer ungleich vollkommeneren Illusionswirkung disponiert ist. Zum anderen l&amp;auml;sst sich auch und gerade gegen das zeitgen&amp;ouml;ssische Theater der klassische &amp;Auml;sthetizismus-Vorwurf des l&amp;rsquo;art pour l&amp;rsquo;art vorbringen: Man denke an manierierte St&amp;uuml;cke wie Fahr zur H&amp;ouml;lle, Ingo Sachs von Studio Braun,&amp;nbsp; JFK von Ren&amp;eacute; Pollesch oder Perplex von Marius von Mayenburg &amp;ndash; sie sind vortreffliche Beispiele f&amp;uuml;r ein narzisstisches Metatheater, das sich allein um sich selbst bek&amp;uuml;mmert. Die mittels Fiktionsironie gest&amp;ouml;rte Illusionierung des Publikums &amp;ndash; Brecht ist hierf&amp;uuml;r das Paradebeispiel &amp;ndash; korrespondiert zwar prinzipiell mit einem funktionalen Verst&amp;auml;ndnis von Theater, der gegenw&amp;auml;rtige Trend geht jedoch in die gegenteilige Richtung: Das in Berlin grassierende Metatheater gehorcht in seiner Freundlichkeit und leichten Bek&amp;ouml;mmlichkeit den Gesetzen der Unterhaltungsindustrie. Wo des Weiteren Engagement draufsteht, ist nicht immer Engagement drin: Am deutschen Theater etwa erscheint die systematische Trivialisierung politischer Stoffe am weitesten vorangetrieben: &amp;bdquo;vergn&amp;uuml;gliche, zeitgeschichtlich forschende, popul&amp;auml;rwissenschaftliche, staatsb&amp;uuml;rgerkundliche Polit-Theater-Revue-Bastelarbeit&amp;ldquo; &amp;ndash; so charakterisiert der Theaterkritiker Ulrich Seidler die publikumsgef&amp;auml;lligen Inszenierungen von Kuttner/K&amp;uuml;hnel.&lt;br /&gt;
	&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Theater als letzte Bastion der Realit&amp;auml;t im Zeitalter der Hyperrealit&amp;auml;t?&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Zur&amp;uuml;ck zum Ende: Dem postmodernen Theoretiker Jean Baudrillard zufolge leben wir im Zeitalter der Simulation. Die Simulation vernichtet die herk&amp;ouml;mmliche bin&amp;auml;re Leitdifferenz Realit&amp;auml;t/Fiktion, wonach sich Echtes von Unechtem, Sein von Schein, Wahres von Falschem eindeutig unterscheiden l&amp;auml;sst, sie ist &amp;bdquo;vor jeder Trennung von Realem und Imagin&amp;auml;rem&amp;ldquo; sicher. &amp;bdquo;&amp;sbquo;Das ist Zirkus&amp;lsquo;, &amp;sbquo;Das ist Theater&amp;lsquo;, &amp;sbquo;Das ist Kino&amp;lsquo;, alte Spr&amp;uuml;che, alte, naturalistische Unterscheidungen. Darum geht es jetzt nicht mehr.&amp;ldquo; Baudrillard glaubt den Zugang zu einer konkret erfahrbaren Wirklichkeit verloren. Hauptakteure im Simulationsgeschehen sind die Massenmedien. Baudrillard spricht daher auch von der &amp;bdquo;Hyperrealit&amp;auml;t der Medien&amp;ldquo;.&lt;br /&gt;
	Ausgehend von Baudrillards These vom Ende der Realit&amp;auml;t l&amp;auml;sst sich die Funktion des Theaters bestimmen: Seine heutige Bedeutung liegt gerade in seiner Antiquiertheit begr&amp;uuml;ndet. Baudrillard unterscheidet zwischen drei verschiedenen Ordnungen von Zeichen bzw. Simulakren. Das Theater spielt noch in einer heilen Welt: Es geh&amp;ouml;rt der ersten Ordnung von Simulakren, der Ordnung der Imitation an. In dieser Ordnung herrscht ein &amp;bdquo;sp&amp;uuml;rbarer Widerstreit&amp;ldquo;, eine souver&amp;auml;ne Differenz zwischen Signifikant und Signifikat, theatraler Illusion und Realem. Die Grenze zwischen Fiktion und Realit&amp;auml;t verl&amp;auml;uft im Theater entlang der Grenze zwischen B&amp;uuml;hne und Publikumsraum. Mit Iser gesprochen herrscht im Theater &amp;ndash; wie auch bei einer Romanlekt&amp;uuml;re &amp;ndash; ein &amp;bdquo;stummes Wissen&amp;ldquo; &amp;uuml;ber die Differenz von Fiktion und Realit&amp;auml;t. Wir wissen, dass das, was sich auf der B&amp;uuml;hne abspielt, nicht die Wirklichkeit ist. Im Metatheater, welches die Grenze zwischen Fiktion und Realit&amp;auml;t thematisiert, indem es &amp;ndash; entgegen dem Illusionsprinzip &amp;ndash; seine K&amp;uuml;nstlichkeit ausstellt, wird dieses &amp;bdquo;stumme Wissen&amp;ldquo; explizit thematisiert. Daraus folgt die paradox anmutende These, dass gerade jenes Theater, welches vordergr&amp;uuml;ndig nur mit sich selbst besch&amp;auml;ftigt zu sein scheint, von gr&amp;ouml;&amp;szlig;ter gesellschaftlicher Bedeutung ist. Die soziale Realit&amp;auml;t ist &amp;ndash; soweit wird man Baudrillard in jedem Falle folgen k&amp;ouml;nnen &amp;ndash; medial gepr&amp;auml;gt und generiert. Das Theater erscheint als letzte Bastion der Realit&amp;auml;t, weil es die l&amp;auml;ngst obsolete Opposition zwischen Fiktion und Fakt weiter aufrechterh&amp;auml;lt. In Zeiten der Indifferenz, in welchen nur schwerlich zwischen authentischen und medial produzierten Ereignissen unterschieden werden kann, fungiert das Theater als stabilisierender Faktor, sozialer Schutzraum und letzte Bastion der Realit&amp;auml;t: Hier k&amp;ouml;nnen wir uns der Kategorien von Sein und Schein und damit unserer eigenen Realit&amp;auml;t r&amp;uuml;ckversichern. Hier erleben wir statt virtueller Absenz, reine k&amp;ouml;rperliche Pr&amp;auml;senz. Das Theater ist zwar potenziell dazu in der Lage, durch den Einsatz elektronischer Medien virtuelle Pr&amp;auml;senz-Effekte zu erzeugen, seine &lt;em&gt;differentia specifica&lt;/em&gt; ist jedoch die tats&amp;auml;chliche Pr&amp;auml;senz lebendiger K&amp;ouml;rper.&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/postmoderne-untergangsszenarien#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater">Theater</category>
 <pubDate>Tue, 20 Nov 2012 17:03:08 +0000</pubDate>
 <dc:creator>N. N.</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4881 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
</item>
<item>
 <title>Zombies, Monster und Mutanten</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/zombies-monster-und-mutanten-0</link>
 <description>&lt;p&gt;Stellen Sie sich vor, die Welt geht heute unter. Aber es ist kein schneller Untergang, kein &amp;raquo;Big Bang&amp;laquo; und das war&amp;rsquo;s. Es ist eine zun&amp;auml;chst &amp;uuml;berlebbare Katastrophe, nach der &amp;Uuml;berlebende in Ruinenst&amp;auml;dten umherirren und &amp;uuml;ber den Sinn von all dem philosophieren k&amp;ouml;nnen. So jedenfalls zeigen es aktuelle Vertreter fiktiver Untergangszenarien. Doch es sind keine realistischen Hochrechnungen f&amp;uuml;r den Ernstfall, sondern Kassenschlager, preisgekr&amp;ouml;nte Fernsehserien und Videospiele, die den Rezipienten zugleich verst&amp;ouml;ren und faszinieren. Dabei mischen Macher und Autoren moderne mit alten Gruselmythen. Was entsteht sind einzigartige Gesellschaftsbilder in den &amp;raquo;letzten Tagen der Menschheit&amp;laquo;. Doch was ist eigentlich das Fesselnde am Untergang unserer Spezies?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em style=&quot;font-size: 13px; line-height: 20px;&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;https://lh4.googleusercontent.com/-dzWQ8xcbgdY/UKGOuwi_2lI/AAAAAAAAFoQ/sSzc15sADW8/s800/I_am_legend_teaser.jpg&quot; style=&quot;margin: 20px; border-width: 2px; font-size: 13px; float: left; width: 250px; height: 370px;&quot; /&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;em&gt;I am Legend&lt;/em&gt; &amp;ndash; symbolischer Trendsetter im verw&amp;uuml;steten New York&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vielen Kinog&amp;auml;ngern ist &lt;em&gt;I am Legend&lt;/em&gt; (2007) ein Begriff. Immerhin spielt in dem Blockbuster Publikumsliebling Will Smith die Hauptrolle. Basierend auf Richard Mathesons gleichnamigen Roman spielt Smith den Virologen Dr. Robert Neville, der f&amp;uuml;r das Milit&amp;auml;r den Masernvirus modifizierte und damit eine t&amp;ouml;dliche Pandemie mutierter Killerviren ausl&amp;ouml;ste. Die Verluste: 90 Prozent der Weltbev&amp;ouml;lkerung. Die Geschichte bleibt dabei sowohl in Buch als Film &amp;auml;u&amp;szlig;erst blass. Neville selbst geh&amp;ouml;rt zu den Nichtinfizierten, bleibt im evakuierten New York und forscht fieberhaft an einem Heilmittel gegen seinen eigenen katastrophalen Fehler. Gefangen zwischen Schuldgef&amp;uuml;hlen und Trauma reflektiert er &amp;uuml;ber den Verlust seiner Familie und l&amp;auml;sst sich von seiner Sch&amp;auml;ferh&amp;uuml;ndin Samantha tr&amp;ouml;sten. Faszinierend wirkt &lt;em&gt;I am Legend&lt;/em&gt; aber in der Darstellung von Nevilles Alltag. Auf gro&amp;szlig;er Kinoleinwand pirschen Mensch und Hund durch leere Stra&amp;szlig;en und verfallene Geb&amp;auml;ude. Wenn Neville mit einer Flinte ein Reh durch die bildgewaltigen Ruinen jagt, stellt der Film eine stumme Frage: &amp;raquo;Was bleibt von uns?&amp;laquo; Nicht viel, k&amp;ouml;nnte man meinen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;I am Legend&lt;/em&gt; kann verstanden werden als Memento Mori, ein erschreckender und mahnender Ausblick, dazu gedacht, eine andere Perspektive auf die Nichtigkeiten der modernen Gesellschaft einzunehmen. Pandemien und mutierte Viren sind zwar unsichtbare Schrecken, gelten aber als wahrscheinlichstes Untergangsszenario der Menschheit. Vor dem Hintergrund von fortschreitender Biotechnologie, technologischem Fortschritt, sowie der Verunsicherung durch 9/11, Fukushima und Finanzkrise k&amp;ouml;nnen Nevilles mutierten Viren symbolisch f&amp;uuml;r ein vages Gef&amp;uuml;hl der Bedrohung in der westlichen Welt stehen. Doch Viren sind schlechte Gegenspieler f&amp;uuml;r eine Geschichte, die auf Charakterentwicklung abzielt. Deshalb bewohnen auch Monster die Welt von &lt;em&gt;I am Legend&lt;/em&gt;: degeneriert, instinktgesteuert und lichtscheu sind sie von klassischen Horrorgestalten wie Zombie und Vampir inspiriert. Im Film wirken sie aufgesetzt; in anderen Untergangsmythen entfalten sie ihren ganzen Schrecken.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;em&gt;The Walking Dead&lt;/em&gt; und die Psychologie des &amp;Uuml;berlebens&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;https://lh5.googleusercontent.com/-PRBTJdfiAJM/UKGOr0EcS4I/AAAAAAAAFoE/N1Uk0gLbcBc/s800/walking%2520dead.png&quot; style=&quot;border-width: 2px; border-style: solid; margin: 20px; float: right; width: 250px; height: 378px;&quot; /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Sie sind &amp;uuml;berall. Es gibt kein Entkommen. So k&amp;ouml;nnte die Botschaft der Comicreihe &lt;em&gt;The Walking Dead&lt;/em&gt; von Autor Robert Kirkman lauten. Seit 2003 erscheint die fortlaufende Reihe bei Image Comics. Statt archaischer Einsamkeit dreht sich alles um eine Gruppe von &amp;Uuml;berlebenden und ihrem Weg durch ein verw&amp;uuml;stetes Amerika vor dem Hintergrund einer Zombieapokalypse. Protagonist ist Rick Grimes, Kleinstadtpolizist aus Kentucky, der nach der Katastrophe aus einem Koma aufwacht. Durch Zufall st&amp;ouml;&amp;szlig;t er auf eine Gruppe &amp;Uuml;berlebender, darunter seine Frau Lori und sein Sohn Carl und seinen besten Freund Shane. Dumm nur, dass Shane und Lori ihn f&amp;uuml;r tot hielten und ein Verh&amp;auml;ltnis begonnen haben. Gef&amp;uuml;hle von Liebe und Neid, Zorn und Freundschaft werden in der Personenkonstellation der &amp;Uuml;berlebenden zum Motor der Handlung. So streiten Rick und Shane um Lori, um Carl und die Rolle als Anf&amp;uuml;hrer. Hier agieren keine &amp;uuml;berh&amp;ouml;hten Personen mit kaum zu erfassenden Schuld eines Robert Neville, sondern vertraut wirkende Menschen, die die Nachbarn des Lesers sein k&amp;ouml;nnten &amp;ndash; vollst&amp;auml;ndig mit allzu bekannten Lastern und Fehlern.&lt;em&gt; The Walking Dead&lt;/em&gt; wirkt dabei weniger wie eine stringente Geschichte oder konstruierte Dystopie, als viel eher ein psychologisches Experiment um eine kleine Gruppe in einer Extremsituation. F&amp;uuml;r den Leser wird der Schrecken des Untergangs durch Sympathie und Immersion umso greifbarer. Er leidet mit, wenn Mitglieder der Gruppe im ihren letzten Augenblicken &amp;uuml;ber den Sinn von allem philosophieren oder ganz dem pers&amp;ouml;nlichen Horror erliegen und verzweifeln.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;The Walking Dead&lt;/em&gt; zeigt dabei nicht weniger als das Aussterben der Spezies Mensch. Anders als bei &lt;em&gt;I am Legend&lt;/em&gt; gibt keine Hoffnung, die Zombieseuche scheint ungreifbar und unheilbar, tritt in der Geschichte auch in den Hintergrund. Sie bildet den halbwegs glaubw&amp;uuml;rdigen Unterbau des Szenarios und liefert dessen simple Regeln &amp;raquo;Wenn du gebissen wirst, stirbst Du. Wenn Du stirbst, wirst Du zu einem von ihnen. Damit das nicht passiert, muss man den Kopf zerst&amp;ouml;ren.&amp;laquo; Die Zombies hingegen sind sehr konkrete Schrecken, da immer wieder vertraute Figuren als Untote zur&amp;uuml;ckkehren und jeder kleinste Biss einem Todesurteil gleichkommt. Anders als die Infizierten aus &lt;em&gt;I am Legend&lt;/em&gt; wirken sie auch in ihrer Gestalt als Horror, zeigen ausgerenkte Kiefer, offenliegende Knochen oder kriechen noch ohne Beine auf die &amp;Uuml;berlebenden zu. Sie haben die Menschen von der Spitze der Nahrungskette verdr&amp;auml;ngt und die &amp;Uuml;berlebenden k&amp;ouml;nnen nur versuchen, ihr unvermeidliches Ende weiter hinauszuz&amp;ouml;gern. Sie ern&amp;auml;hren sich aus gefundenen Konservendosen oder streiten sich untereinander &amp;uuml;ber kleinste &amp;Uuml;berreste der Zivilisation. Darin findet sich auch die symbolische Bedeutung von The Walking Dead: Positiv gesehen ist es eine Hommage an den &amp;Uuml;berlebenswillen, den unersch&amp;uuml;tterlichen Glauben an die Hoffnung &amp;ndash; aber es zeigt auch die vergeblichen M&amp;uuml;hen einzelner Individuen im Angesicht unaufhaltbarer Ereignisse. Ein Schelm, wer an dieser Stelle an Umweltzerst&amp;ouml;rung und Klimaerw&amp;auml;rmung denkt &amp;hellip;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;em&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;https://lh6.googleusercontent.com/-NP57DHjQbqs/UKGOr5bJMJI/AAAAAAAAFoA/HweiR8c2y5E/s800/Dishonored.jpg&quot; style=&quot;border-width: 2px; border-style: solid; margin: 20px; float: left; width: 250px; height: 288px;&quot; /&gt;Dishonored &lt;/em&gt;und der Verfall als mystische Plage&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zombies sind &amp;uuml;berall. Viele moderne Videospiele w&amp;auml;hlen sie als Gegner und kaum ein Wort findet sich h&amp;auml;ufiger in der Beschreibung aktueller Kickstarter-Projekte. Auch das dieses Jahr erschienene &lt;em&gt;Dishonored: Maske des Zorns&lt;/em&gt; der franz&amp;ouml;sischen Arkane Studios greift die Untoten als bestimmendes Element der Spielwelt &amp;raquo;Dunwall&amp;laquo; auf. Schuld ist wieder eine Seuche, die jedoch alles andere als ungreifbar bleibt. Die &amp;raquo;Plage&amp;laquo; kommt als mystische Strafe &amp;uuml;ber die Stadt der Walf&amp;auml;nger, die sich ganz aus den K&amp;ouml;rpern der get&amp;ouml;teten Ozeanriesen speist. Ratten sind der &amp;Uuml;bertr&amp;auml;ger und der Zustand als gieriger Zombie, sogenannte &amp;raquo;Weiner&amp;laquo;, nur ein &amp;Uuml;bergang zum unvermeidlichen Tod. Figuren und Texte des Spiels legen eine &amp;raquo;verdiente Strafe&amp;laquo; f&amp;uuml;r die S&amp;uuml;nden der Menschen nahe &amp;ndash; w&amp;auml;hrend die Stadt verf&amp;auml;llt und verhungert, feiern die Reichen in milit&amp;auml;risch abgeriegelten Bordellen und Herrenh&amp;auml;usern. Nur Protagonist Corvo Attano, der Leibw&amp;auml;chter der ermordeten Kaiserin, durchdringt beide Schichten. W&amp;auml;hrend sich Corvo auf seine m&amp;ouml;rderische Mission von Rache und Strafe begibt, scheint die Plage Rache f&amp;uuml;r die get&amp;ouml;teten Wale zu nehmen. Eine dunkle Prophezeiung best&amp;auml;tigt: &amp;raquo;Wenn der letzte Wal get&amp;ouml;tet ist, wird Dunwall in den Fluten versinken.&amp;laquo; Da ist es nur logisch, dass Corvos Dunkle Kr&amp;auml;fte ihn dazu bef&amp;auml;higen, m&amp;ouml;rderisch hungrige Ratten zu rufen oder selbst in den K&amp;ouml;rper einer solchen zu schl&amp;uuml;pfen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein weiteres interessantes Detail: Dunwall befindet sich zur Zeit des Spiels in der Industrialisierung. Die Welt und ihre Gestaltung ist dabei deutlich inspiriert von Edinburgh des beginnenden 20. Jahrhunderts. Armut, Arbeitslosigkeit, Verzweiflung und Hunger sind die Ausl&amp;ouml;ser sozialer Unruhen, unterdr&amp;uuml;ckt von einer korrupten herrschenden Schicht. Die sich ausbreitende Zombieplage (und damit der fortschreitende Untergang) dient auch als &amp;uuml;bernat&amp;uuml;rliche Strafe f&amp;uuml;r die begangenen S&amp;uuml;nden &amp;ndash; eine Vorstellung, die schon zur Zeit der Pest in Europa weit verbreitet war. Im Angesicht von Artensterben, Leerfischung der Meere und Ressourcenraubbau beziehen Titel wie &lt;em&gt;Dishonored &lt;/em&gt;ihre Faszination auch aus dem Zitat solcher vermeintlichen &amp;uuml;bernat&amp;uuml;rlichen &amp;raquo;Gerechtigkeit&amp;laquo;. Dahinter steht die Sehnsucht nach einer &amp;uuml;bergeordneten moralischen Instanz, einer im 20. Jahrhundert verlorenen Spiritualit&amp;auml;t. Das Erleben eines solchen Untergangs in Fiktion wirkt nat&amp;uuml;rlich nur anziehend, da der Rezipient gleichzeitig in der bequemen Sicherheit seines Sofas verbleibt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Zombies als Kommentar zur anhaltenden Krise&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dies sind nur drei Beispiele der zahlreichen fiktiven (Post-)Apokalypsen der letzten Jahre. Diese reichen von au&amp;szlig;er Kontrolle geratenen biologischen Waffen eines &lt;em&gt;Resident Evil: Afterlife&lt;/em&gt; (2010) &amp;uuml;ber den gruselig glaubw&amp;uuml;rdigen Ratgeber &lt;em&gt;Der Zombie Survival Guide: &amp;Uuml;berleben unter Untoten&lt;/em&gt; (dt. 2010) bis zum Untergang durch futuristische Aliens bei &lt;em&gt;X-Com: Enemy Unknown&lt;/em&gt; (2012). Sie alle haben den &amp;raquo;d&amp;uuml;steren Ton&amp;laquo; gemeinsam, der, im Gegensatz zu Untergangsfilmen der 90er (etwa &lt;em&gt;Independence Day&lt;/em&gt;, 1996), wenig Raum f&amp;uuml;r Hoffnung und Helden l&amp;auml;sst. Zombies kommen in den meisten von ihnen vor, sind die wandelnden Toten doch seit der Offenbarung eng mit dem Ende der Menschheit verkn&amp;uuml;pft. Neben Horrorelementen sind sie immer auch Symbol einer degenerierten Menschheit, vereinen Kannibalismus, Aberglaube und instinktgesteuertes Verhalten als Erinnerung archaischer Zeiten, in welcher die Zivilisation &amp;ndash; so der Tenor der Werke &amp;ndash; zu ihrem Ende hin wieder versinkt.&lt;br /&gt;
	Interessanterweise schicken sich Zombies aktuell an, die schmachtenden Vampire und grummlige Orks als &amp;raquo;Trendmonster&amp;laquo; aus der Jugendkultur zu verdr&amp;auml;ngen. Steckt dahinter nicht vielleicht auch en neuer Umgang mit den anhaltenden Krisen (Umweltkrise, Klimakrise, Finanzkrise, Terrorkrise etc.), kein Eskapismus in ein romantisiertes Utopia, sondern ein kritischer Kommentar zur Wirklichkeit in d&amp;uuml;steren Paralellwelten? Gerade Untergangsszenarien bieten Angst und Unsicherheit der heutigen Zeit ein Ventil. Das fasziniert in d&amp;uuml;sterer &amp;Uuml;berzeichnung immer mehr Kinobesucher, Gamer und Leser.&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse">Kontroverse</category>
 <pubDate>Mon, 12 Nov 2012 23:54:54 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
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 <title>»Wo die Linie andere Linien kreuzt, wo das Leben ein fremdes Leben betritt.« </title>
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 <description>&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Eine befremdende Ausgangssituation: Es ist Krieg, und ein Zug mit der Destination Milit&amp;auml;rspital f&amp;auml;hrt durch Russland; in einem Wagon liegen Offiziere und &amp;Auml;rzte auf den Pritschen und die Krankenschwestern unterhalb der Pritschen, Mittelpunkt des Wagons und des Lebens darin ist ein eiserner Kanonenofen. Eine Liebesbeziehung entwickelt sich zwischen dem Offizier und der einfachen Krankenschwester Vera. Sp&amp;auml;ter wird die Zugfahrt und auch die recht unbek&amp;uuml;mmerte Stimmung von Bombenangriffen unterbrochen, die Geliebte lebt fortan mit Nina Aleksejwna in einem kleinem Ort, der Offizier besucht sie noch einmal, bemerkt ihr reges Liebesleben, verbringt eine Nacht mit ihr, verbleibt schlie&amp;szlig;lich in Liebe zu ihr. Vera stirbt im Feuer eines Bombenangriffs. Das ist eine grobe Inhaltsskizze von &lt;em&gt;Die Manon Lescaut von Turdej&lt;/em&gt;, dem in diesem Herbst erschienenen Roman von Wsewolod Petrow.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;strong&gt;Etwas beginnt dort&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Aber kehren wir zur&amp;uuml;ck zu der Zeit, als der Ich-Erz&amp;auml;hler auf seiner Pritsche vor sich hin kr&amp;auml;nkelt und Goethes &lt;em&gt;Werther &lt;/em&gt;liest. Diese Lekt&amp;uuml;re verr&amp;auml;t etwas von der Haltung des unbenannt bleibenden Offiziers, der sich offenkundig mehr f&amp;uuml;r die empfindsamen Vorstellungen des 18. Jahrhunderts interessiert als f&amp;uuml;r den Patriotismus des seltsam konturlos bleibenden Rahmengeschehens des (2.) Weltkrieges gegen Deutschland. Sein Blick richtet sich bald auf die Gruppe der Krankenschwestern, die er zun&amp;auml;chst kaum unterscheiden kann, sie, die ein ihm fremdes Leben &amp;raquo;voller Vogelleichtsinn&amp;laquo; f&amp;uuml;hren. Bald aber sch&amp;auml;lt sich ein Profil heraus: Vera Muschnikowa. Blasser und unternehmenslustiger als die anderen, zieht sie die M&amp;auml;nner in ihren Bann; kein Wort von ihrer Sch&amp;ouml;nheit und Magie f&amp;auml;llt zun&amp;auml;chst. Ein erstes Gespr&amp;auml;ch mit dem unter Atemnot und Herzrasen leidenden Protagonisten bringt ihn zu ihrer Wahrnehmung: &amp;raquo;Ich sah Vera da zum ersten Mal wirklich. Sie hatte einen leicht dunklen Teint, kleine, dunkle, bisweilen gr&amp;uuml;ne Augen, [&amp;hellip;]&amp;laquo; . Bald geht es nur noch um ihr Erscheinen, unmerklich, ohne Versprechungen von ihrer Seite:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&amp;gt;Etwas&amp;lt; beginnt dort, wo die Linie andere Linien kreuzt, wo das Leben ein fremdes Leben betritt. Jede Existenz ist unbedeutend, wenn sie in niemanden und in nichts gespiegelt wird.&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;strong&gt;Eine au&amp;szlig;ergew&amp;ouml;hnliche Liebesgeschichte&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Was hier mit Leichtigkeit in Worte gefasst&amp;nbsp; wird, ist jene subtile Anziehung und Absto&amp;szlig;ung, die bedingungslose Liebe inmitten von Neid und Lebenshunger, Liedern, Liebeleien und Streitereien des Mikrokosmos eines Zuges im russischen Irgendwo, die atemlosen Ausfl&amp;uuml;ge der Geliebten bei Stillstand des Zuges, jenes Bangen und Verg&amp;ouml;ttern des empfindsamen Offiziers werden mit Leichtigkeit in Worte gefasst.&amp;nbsp;Vera, die in der Gruppe verschrien ist, erz&amp;auml;hlt ihm von ihrem Arbeitsleben, von ihrem Mann, der an der Front ist, ihrer freudlosen Jugend und einer ersten Ehe, ihrer Familie. Der intellektuellen Welt steht die lebensfrohe und sch&amp;ouml;ne junge Frau jedoch fremd gegen&amp;uuml;ber. &amp;raquo;Und ich liebte sie vielleicht gerade deswegen, weil sie in allem mein Gegenteil war.&amp;laquo; &amp;ndash; Es ist eine ungleiche Liebe des Intellektuellen zu dem jungen M&amp;auml;dchen, das im Text Vera hei&amp;szlig;t und in seiner Ansprache zu &amp;raquo;Verotschka&amp;laquo;, in seinen Denken zu &amp;raquo;Manon Lescaut&amp;laquo; wird.&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Das Bild der Erz&amp;auml;hlung ist jenes der Manon Lescaut. Diese ist eine Frauenfigur des kollektiven Ged&amp;auml;chtnisses Russlands&amp;nbsp; und Europas (z. B. Oper von Giacomo Puccini 1893 und zugrunde liegender Roman Abb&amp;eacute; Pr&amp;eacute;vost: &lt;em&gt;Histoire du Chevalier des Grieux et de Manon Lescaut&lt;/em&gt; 1753). Vera wei&amp;szlig;, dass sie von ihrem Liebhaber mit diesem nach ihrem Wissen anr&amp;uuml;chigen Namen genannt wird. Doch der Protagonist verteidigt die ambivalente Frauenfigur, die Liebe, Verrat, Sch&amp;ouml;nheit und Ungl&amp;uuml;ck assoziieren l&amp;auml;sst, bezeichnet sie als &amp;raquo;r&amp;uuml;hrendste aller Heldinnen&amp;laquo;, &amp;raquo;und da&amp;szlig; es unm&amp;ouml;glich ist, sie nicht zu lieben.&amp;laquo;. Vera ist ebenso jenes M&amp;auml;dchen, das mit einer unbeirrbaren Unschuld den Protagonisten offenkundig betr&amp;uuml;gt und dennoch liebt, sie verk&amp;ouml;rpert eine nicht aufzul&amp;ouml;sende Ambiguit&amp;auml;t.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;strong&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;https://lh4.googleusercontent.com/-HdcP7na7Iyw/UJkM11irLnI/AAAAAAAAFmE/O6Kg-Gob0wo/s800/250px-Locandina_Manon_Lescaut.jpg&quot; style=&quot;border-top-width: 1px; border-right-width: 1px; border-bottom-width: 1px; border-left-width: 1px; border-top-style: solid; border-right-style: solid; border-bottom-style: solid; border-left-style: solid; margin-left: 20px; margin-right: 20px; margin-top: 20px; margin-bottom: 20px; float: left; width: 250px; height: 171px; &quot; /&gt;Eine Kunst-Geschichte&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Die vorliegende Erz&amp;auml;hlung ist nicht nur eine fein nuancierte Liebesgeschichte, eine Schicht der Erz&amp;auml;hlung exponiert ein Kunstverst&amp;auml;ndnis. Manon Lescaut ist eine Kunstfigur, und &amp;raquo;Veras wahre Berufung ist die Liebe. [&amp;hellip;] Sie ist eine lebende Manon Lescaut.&amp;laquo; Bereits die erste Wahrnehmung Veras ist dem Ich-Erz&amp;auml;hler zum Kunstbild geraten (&amp;raquo;ein Antlitz aus einem Gem&amp;auml;lde von Watteau&amp;laquo;). Derweil zieht ihn eben ihre Individualit&amp;auml;t zu Vera. Immer wieder stellt sich die Frage, ob er Vera erh&amp;ouml;ht und wie ihre Natur und Nat&amp;uuml;rlichkeit zu seiner Idee ihrer Au&amp;szlig;ergew&amp;ouml;hnlichkeit stehen. Das Unkonventionelle, das er Vera, &amp;raquo;aus dem Stamm der flammenden Menschen, die au&amp;szlig;erhalb der Form leben&amp;laquo;, zuspricht, wird in Bezug gesetzt zu den vollkommenen, &amp;uuml;berragenden lodernden Genies wie Shakespeare und Michelangelo, die, &amp;raquo;mit Fehlschl&amp;auml;gen und Abst&amp;uuml;rzen, aber [...] irgendwie die Form [zerrei&amp;szlig;en] und [...] zur Zukunft durch[brechen].&amp;laquo; &amp;nbsp;Was wiederum auch f&amp;uuml;r &amp;raquo;Nicht Genies&amp;laquo; zutreffe: &amp;raquo;Auch Manon Lescaut zerrei&amp;szlig;t fortw&amp;auml;hrend die Form.&amp;laquo;. In der Gleichsetzung von Manon und Vera&amp;nbsp; ist die Forderung von Au&amp;szlig;ergew&amp;ouml;hnlichkeit und Individualit&amp;auml;t an Kunst und Leben gestellt. Wie verbinden sich Leben und Kunst und was ist Kunst? &amp;raquo;Es existieren Gesetze des Lebens, die denen der Kunst sehr &amp;auml;hneln. [&amp;hellip;] Das hei&amp;szlig;t, im Grunde m&amp;uuml;ssen das dieselben Gesetze sein. [&amp;hellip;]. Die Liebe aber ist eine solche Anspannung, da&amp;szlig; das Leben selbst zur Kunst wird.&amp;laquo; Die Grenzen werden aufgeweicht, neue Formen ersehnt. Nach dem Tod Veras, von einem ebenso betroffenen und Vera auch verbundenen Soldaten &amp;uuml;berbracht, irrt der Protagonist umher und f&amp;uuml;hlt sich umgeben von Leben, &amp;raquo;ein besonderes, abseits aller Bestimmungen. Vera und ich betraten es ohne Namen. So konnte ich Vera aufs neue lebendig f&amp;uuml;hlen.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;strong&gt;Politischer Bezug&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Zahlreiche Vergleiche und Metaphern der Novelle verweisen auf Politik und Zeitgeschehen und machen sie in Bezug auf die zeitgen&amp;ouml;ssische Leitkultur provokativ &amp;ndash; wenngleich sie diese enth&amp;auml;lt, &amp;auml;hnlich einer russischen Matrjoschka. Oleg Jurjew, der russische Lyriker und &amp;Uuml;bersetzer, zeigt im Nachwort des Textes auf, wie sehr andere russische Romane einen Bezugsrahmen f&amp;uuml;r &lt;em&gt;Die Manon Lescaut von Turdej&lt;/em&gt; bilden, so die Erz&amp;auml;hlung &lt;em&gt;Zwei Z&amp;uuml;ge&lt;/em&gt; von Wera Panowa. Die politischen Zusammenh&amp;auml;nge sind nicht abgebildet, sondern in eher als idealisierend denn sozialistisch zu bezeichnender (realistischer) Erz&amp;auml;hltechnik einer positiv beschriebenen Wirklichkeit unterstellt. Die Negativfigur des Romans ist hier ein Arzt, der der Norm nicht entspricht, vertr&amp;auml;umt, egoistisch, unpatriotisch und kunstsinnig ist. Diese Karikatur streckt in entzerrter Form in der Hauptfigur von Petrow, dem namenlosen Ich-Erz&amp;auml;hler. Petrows Erz&amp;auml;hlung ist auch ein Spiel mit der Utopie: Vera wird zu einer ausgedachten &amp;raquo;sowjetischen Manon Lescaut&amp;laquo;, also zum Traum dessen, was Freiheit und Individualit&amp;auml;t f&amp;uuml;r Russland hei&amp;szlig;en k&amp;ouml;nnte. &amp;raquo;Sie &amp;auml;hnelt gleichzeitig Marie Antoinette und Manon Lescaut&amp;laquo; &amp;ndash; sie enth&amp;auml;lt das alte Russland und die Vision des neuen. Das Durchbrechen der Form fungiert auch als Allusion auf die politische Ebene.&amp;nbsp;Dabei wird jeder politische Bezug zum Hintergrund des Krieges vermieden: Die Konzentration auf das Menschliche ist zu sehen als &amp;raquo;doppelte Reduktion&amp;laquo; &amp;ndash; und enth&amp;auml;lt in der realistischen Beschreibung menschlicher Emotionen doch die letzte Wahrheit jedes Krieges. Schlie&amp;szlig;lich stirbt Vera durch einen Bombenangriff, sie, die dem Element des Feuers zugesprochen wird, kommt in ihm um, hat einen eigenen Tod, den sie vorausgeahnt hat, aber sie ist auch Opfer des Krieges gegen Russland.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;strong&gt;Eine faszinierende und russische Erz&amp;auml;hlung&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;https://lh5.googleusercontent.com/-hW17naGecAE/UJkM180U9rI/AAAAAAAAFmA/MaWHyAFn7v8/s400/Manon%2520Lescaut%2520von%2520Turdej.jpg&quot; style=&quot;border-top-width: 1px; border-right-width: 1px; border-bottom-width: 1px; border-left-width: 1px; border-top-style: solid; border-right-style: solid; border-bottom-style: solid; border-left-style: solid; margin-left: 20px; margin-right: 20px; margin-top: 20px; margin-bottom: 20px; float: right; width: 256px; height: 400px; &quot; /&gt;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Manon Lescaut ist die Symbolfigur, mit der die drei Ebenen der Erz&amp;auml;hlung zusammengef&amp;uuml;hrt, aber nicht geeint werden &amp;ndash; Liebesgeschichte, Kunstgeschichte, Zeitgeschichte. In einer Zeit des Kommunismus und der offiziell verbotenen Individualit&amp;auml;t wie in der heutigen Epoche des Individualismus, des ausgepr&amp;auml;gten Organisierens und Strukturierens menschlicher Beziehungen sind die Themen der Geschichte aktuell.&amp;nbsp;Die vorliegende Erz&amp;auml;hlung aus diesem Jahr ist der einzige literarische Text des russischen Autors und Kunstwissenschaftlers Wsewlod Petrow (1912-1978) und wird vom Bonner Weidle Verlag hier erstmals in deutscher &amp;Uuml;bersetzung &amp;ndash; von Daniel Jurjew &amp;ndash; lesbar gemacht. Die Publikationsgeschichte ist ebenso ungew&amp;ouml;hnlich wie das Buch: zu Lebzeiten von Petrow unver&amp;ouml;ffentlicht, aber im Bekanntenkreis des Autors von ihm vorgetragen, erschien das 1946 geschriebene Werk erstmals 2006 in der Moskauer Zeitschrift &lt;em&gt;Nowyj &lt;/em&gt;mir (Heft 11, 2006). Die&lt;em&gt; Manon Lescaut von Turdej&lt;/em&gt; nennt Jurjew als Kenner russischer Literatur in seinem Nachwort &amp;raquo;einen der gl&amp;auml;nzendsten, wichtigsten und reichhaltigsten Texte der russischen Literatur des 20.Jahrhunderts&amp;laquo;, &amp;raquo;ein, wenn nicht der Schl&amp;uuml;ssel zu einigen Geheimnissen der russischen Kulturgeschichte [&amp;hellip;]&amp;laquo;. Und der Zauber jener ebenso leicht zu lesenden wie vielschichtigen Novelle ist sp&amp;uuml;rbar, ohne mit russischer Geschichte und Literatur vertraut zu sein. Sie ist eine Frage nach Liebe, Leben und Kunst in so schlichter wie k&amp;uuml;nstlerischer Form: Wer war und ist Manon Lescaut?&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;em&gt;Wsewolod Petrow: Die Manon Lescaut von Turdej. Aus dem Russischen von Daniel Jurjew. Weidle Verlag 2012, 124 Seiten, 16,90 Euro. ISBN: 978-3-938803-48-6.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <pubDate>Tue, 06 Nov 2012 13:01:05 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
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 <title>Ausgespielt hat sie noch lange nicht</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/ausgespielt-hat-sie-noch-lange-nicht</link>
 <description>&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Mehrere Monate ist es her, dass die gamescom, deutsche Leitmesse in Sachen Video- und Computerspielen und digitaler Unterhaltungselektronik im Allgemeinen, ihre Tore ge&amp;ouml;ffnet und wieder geschlossen hat. &amp;nbsp;Schwarzseher waren sich sicher, dass dies die letzte Messe dieser Art sei. Eine Branchenkrise also auch in K&amp;ouml;ln? Nie wieder Daddeln in den Messehallen? Von wegen. Wer dort gewesen ist, wei&amp;szlig;, wie es wirklich um die gamescom steht.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Unter schlechten Vorzeichen&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Zeitlich fiel die weltbekannte gr&amp;ouml;&amp;szlig;te Publikumsmesse zwischen die in Los Angeles ans&amp;auml;ssige E3, der wichtigsten Plattform f&amp;uuml;r Ank&amp;uuml;ndigungen und Pr&amp;auml;sentationen von Innovationen im Juni und der Tokyo Game Show, deren enger Fokus auf dem krisengesch&amp;uuml;ttelten Japanischen Markt lag. Auf&amp;nbsp; der E3 hatten dieses Jahr die Pressekonferenzen der gr&amp;ouml;&amp;szlig;ten Branchenvertreter Microsoft, Nintendo und Sony entt&amp;auml;uscht. Auch die gro&amp;szlig;en Publisher Ubisoft und Electronic Arts beschr&amp;auml;nkten sich auf Fortsetzungen bekannten&amp;nbsp; Videospielreihen&amp;nbsp; (z.B. &lt;em&gt;Call of Duty, Assassins Creed&lt;/em&gt;). Tats&amp;auml;chliche Neuank&amp;uuml;ndigungen waren rar und das Auslaufen der aktuellen Modellgeneration von Konsolen deutlich sp&amp;uuml;rbar. Neue Hardware suchte man vergebens. Hoffnungstr&amp;auml;ger der Branche, wie eine Playstation 4, fehlten schmerzlich.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Die der E3 nachfolgende gamescom stand dieses Jahr also unter keinem guten Stern. Lohnte sich der Besuch im Angesicht mangelnder Innovationen &amp;uuml;berhaupt? Was nach wie vor an der gamescom interessierte, war das Nebeneinander von Publikum und anwesenden Fachbesuchern, Konsumenten und Industrie. Denn in diesem Verh&amp;auml;ltnis ruht die im Vorfeld der Messe oftmals gestellte Frage nach ihrer grunds&amp;auml;tzlichen Branchenrelevanz. Von tiefroten Zahlen war im Vorfeld die Rede, von einer &amp;raquo;letztmaligen Veranstaltung &amp;laquo;. Und das in Zeiten, wo die Industrie selbst an ihren Kapazit&amp;auml;ten st&amp;ouml;&amp;szlig;t und vor Innovationen und technischen Vorst&amp;ouml;&amp;szlig;en zur&amp;uuml;ckzuschrecken scheint. Erwartungen, Bef&amp;uuml;rchtungen und Vorbehalte &amp;uuml;berschatteten die &amp;uuml;berraschungsarme Vorberichterstattung nahtlos in eine verzichtbare Live-Berichterstattung &amp;uuml;berging um dann in Blogs zu enden, auszuwerten und nachzureichen, was vielleicht vergessen worden war. Wer dieses &amp;raquo;Hintergrundrauschen&amp;laquo; 2012 verfolgte, mochte sich dem Gef&amp;uuml;hl kaum erwehren, dass es sich bei alledem um eine &amp;uuml;berschaubare Veranstaltung gehandelt hatte. &amp;Uuml;bersehbar war die gamescom aber trotz der schlechten Vorzeichen keineswegs .&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;strong&gt;Live dabei ist halt besser als Livestream&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;https://lh5.googleusercontent.com/-Q5BNscewmdU/UIpHGSGVosI/AAAAAAAAFk4/zavkk5AdHTM/s400/originalPreviewJW%2520%25282%2529.png&quot; style=&quot;font-size: 13px; line-height: 20px; text-align: justify; border-top-width: 1px; border-right-width: 1px; border-bottom-width: 1px; border-left-width: 1px; border-top-style: solid; border-right-style: solid; border-bottom-style: solid; border-left-style: solid; margin-left: 20px; margin-right: 20px; margin-top: 20px; margin-bottom: 20px; float: right; width: 400px; height: 266px; &quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Wer, wie ich, an &amp;bdquo;gamescom-Tagen&amp;ldquo; in K&amp;ouml;ln unterwegs war und sich, trotz der &amp;uuml;blichen unertr&amp;auml;glichen Hitze der Augustwochen, in einem &amp;ouml;ffentlichen Verkehrsmittel bewegte, traf bereits hier&amp;nbsp; auf junge Menschen, die rucksackbepackt und voll verproviantiert den oft weiten Weg an den Rhein angetreten hatten. Unauff&amp;auml;llig waren&amp;nbsp; dabei jene, die nur einen kurzen Abstecher wagten, um sich das eine oder andere Highlight anzuschauen, Hallenluft zu schnuppern oder sagen zu k&amp;ouml;nnen, man sei &amp;raquo;live&amp;laquo; vor Ort gewesen. Wesentlich besser zu erkennen waren die wahren Fans der gamescom, ersch&amp;ouml;pft aber gl&amp;uuml;cklich ausstaffiert mit Merchandise, unter Einsatz der eigenen Sicherheit abgegriffenen Schl&amp;uuml;sselanh&amp;auml;ngern, Masken und Fantasiefahnen, Riesent&amp;uuml;ten mit Firmenlogos. Sie beherrschten&amp;nbsp; die R&amp;uuml;ckwege und das Messegel&amp;auml;nde und bildeten, wie jedes Jahr, das Gesicht der gamescom. Als laufende Werbetr&amp;auml;ger lockten Sie einander an die St&amp;auml;nde der Firmen um selbst Goodies abzugreifen oder Licht in den ein oder anderen verr&amp;auml;tselten und durch die Gegend getragenen Schriftzug zu bringen. Ehrlicherweise sei hier erw&amp;auml;hnt, dass die meisten Handreichungen wenige Meter weiter wieder fallen gelassen wurden und schon am Hallenboden deutlich klar wurde, was begehrt war und was nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Auf eine wahre Suche nach Unbekanntem&amp;nbsp; begab sich auf der gamescom sowieso keiner. Das d&amp;uuml;nne von der Messe selbst herausgegebene gamescom-Magazin diente als schlechtere Hallenkarte; der f&amp;uuml;r Journalisten erstellte wuchtige Katalog gab sich hingegen sperrig und n&amp;ouml;tigte den Leser st&amp;auml;ndig zwischen Index, &amp;Uuml;bersichtskarte und Agenda hin- und herzuspringen. F&amp;uuml;r die Meisten Besucher war eh klar, was gesehen werden musste. Dass man dabei lange anstand war selbstverst&amp;auml;ndlich Ehrensache. Nur akkreditierte Journalisten genossen am Mittwoch freie G&amp;auml;nge und kurze Wartezeiten. Kaum &amp;ouml;ffnete sich am Donnerstag das Gel&amp;auml;nde dem breiten Publikum war es vor allem eins: voll. Wer dann ohne konkrete Ziele vor Augen die Messe betrat, konnte durch vier gro&amp;szlig;e Hallen wandern, gedr&amp;auml;ngt und vom Menschenstrom mitgerissen , ohne Einblick in irgendwas zu bekommen. Firmen bildeten auf der gamescom kleine Gemeinden, abseits der gro&amp;szlig;en Hallen, abgetrennt durch messeeigene We&amp;auml;nde, an deren Pforten dekorative Empfangsdamen vor schlichten Logos warteten um den eigentlichen Sinn der Messe zu erf&amp;uuml;llen: das Gesch&amp;auml;ftliche. Aufsuchbarkeit und Ansprechbarkeit der Macher waren dabei kaum mehr als Rechtfertigung der Werbema&amp;szlig;nahmen in eigener Sache und Zugest&amp;auml;ndnis an die Journalisten. Der Gro&amp;szlig;teil der Besucher erhielt hier keinen Zutritt. Der Gesch&amp;auml;ftsbereich erkl&amp;auml;rt auch nicht den Reiz und die Relevanz der Messe f&amp;uuml;r das normale Publikum, das in den Hallen ansteht und sich nach wenigen Minuten des Ausprobierens aus den St&amp;auml;nden schnell wieder vertreiben lassen muss.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;strong&gt;Faszination und Erl&amp;ouml;sung des Wartens&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;https://lh3.googleusercontent.com/-ki93YtXlOLo/UIpHGHyAkDI/AAAAAAAAFk0/TA4ZuI11fCs/s400/originalPreviewJW%2520%25281%2529.png&quot; style=&quot;margin-top: 20px; margin-right: 20px; margin-bottom: 20px; margin-left: 20px; border-top-width: 1px; border-right-width: 1px; border-bottom-width: 1px; border-left-width: 1px; border-style: initial; font-size: 13px; line-height: 20px; text-align: justify; float: right; width: 400px; height: 266px; &quot; /&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&amp;raquo;Die gamescom muss man erleben&amp;laquo;, hei&amp;szlig;t es. So lie&amp;szlig; ich&amp;nbsp;die Bereiche f&amp;uuml;r Journalisten hinter mir und st&amp;uuml;rzte ich mich hinein ins Get&amp;uuml;mmel, schwamm mit im Strom der Besucher und stand mit an in den langen Schlangen, die sich vor beliebten Spielen bildeten. An der Seite hunderter anderer Gamer etwas ausprobieren ist halt etwas anderes, als dasselbe pr&amp;auml;sentiert zu bekommen. Erst als ich das Gamepad in die Hand nahm, erlebte auch ich die eigentliche Faszination der gamescom: Dazu fand ich mich als erstes am Stand von &lt;em&gt;Assassins Creed 3&lt;/em&gt;&amp;nbsp; wieder. Die Spielreihe setzt seit jeher auf eine g&amp;auml;nzliche erkletterbare Welt. Der neue Schauplatz des amerikanischen Ostens zu Zeiten des Unabh&amp;auml;ngigkeitskrieges war vorab schon bekannt. Doch nur, wer auf der gamescom probespielte, konnte auf merken, wie Flora und Fauna spielerisch eingesetzt wurden. In einer Spielereihe, wo der Protagonist jedes Geb&amp;auml;ude erklettern konnte, war die Neuerung erklimmbare B&amp;auml;ume fast schon Ironie. Mein Anspielen glich trotzdem einer Selbstdemontage meines spielerischen K&amp;ouml;nnens unter den Augen des Standpersonals. Bei &lt;em&gt;Hitman &lt;/em&gt;klappte das besser, bei &lt;em&gt;God of War IV&lt;/em&gt; schon ganz passabel und bei &lt;em&gt;Tomb Raider&lt;/em&gt; war ich richtig souver&amp;auml;n. Bei &lt;em&gt;Black Ops II&lt;/em&gt; verb&amp;uuml;ndete ich mich im Multiplayer mit drei spielstarken Franzosen, die ich zwar nicht verstand, an deren Seite ich aber souver&amp;auml;ne Siege miterlebte. Fragen nach der Zukunft des Mediums, Neuerungen und Innovation, brandneuer Technik, Zweifel an der Bewandtnis der Unterhaltungselektronik &amp;uuml;berhaupt traten hier in den Hintergrund. Unglaubliche Inszenierungswut traf auf stark verz&amp;ouml;gerte Zug&amp;auml;nglichkeit. Der Wunsch, selbst Hand anzulegen, konnten viele Spieler l&amp;auml;nger aufrechterhalten, als dies das (bis zu sechs Stunden lange) Anstehen &amp;uuml;berhaupt h&amp;auml;tte rechtfertigen k&amp;ouml;nnen. Hierin liegt die eigene Dynamik der gamescom: Die Verbindung des Prinzip der &amp;uuml;blichen Demo (also der kostenlosen Probeversion eines Spielabschnitts zum Selbstausprobieren) mit der ungeduldig machenden Erfahrung, jemandem beim Spielen &amp;uuml;ber die Schulter schauen zu m&amp;uuml;ssen. Indem die Natur der Messe letzteres zur gewissen Allgemeing&amp;uuml;ltigkeit erhebt und Ersteres zur Erl&amp;ouml;sungsphantasie erkl&amp;auml;rt, erzeugt sie einen handlungstechnischen Totpunkt, der dem Zuschauer die ganze L&amp;auml;cherlichkeit des Inszenierungsgestus &amp;uuml;berhaupt ertr&amp;auml;glich macht.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;strong&gt;Eine R&amp;uuml;ckbesinnung f&amp;uuml;r die Zukunft&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Ob die gamescom auf lange Sicht Bestand haben kann, wagte ich, mittlerweile auf meinem eigenen Heimweg angekommen, nicht zu entscheiden. Gleichwohl wird sie sich ver&amp;auml;ndern m&amp;uuml;ssen. Sp&amp;auml;testens wenn die Vorhersagen bez&amp;uuml;glich eines kostenlosen Erwerbs auch von in der Herstellung h&amp;ouml;chst aufwendigen Spielen im Sinne des Free2Play sich bewahrheiten sollten, f&amp;auml;llt eine ihrer beiden Grundpfeiler der gamescom weg. Vielleicht sollte sich die Messe ihrer eigenen Strategien des Weckens und Steuerns von Aufmerksamkeit besinnen und sich fragen, wie sie sich als unverzichtbare Vermittlungs- und Ordnungsinstanz und nicht l&amp;auml;nger als reine Vorg&amp;auml;ngerform des anschlie&amp;szlig;enden Weihnachtsgesch&amp;auml;fts verstehen soll. Auch mir wach am Schluss nach einer Besinnung auf die Urspr&amp;uuml;nge der Industrie. So bog ich noch schnell ab in die Halle 10 um ganz am Ende mit wenigen Besuchern um gro&amp;szlig;e, unf&amp;ouml;rmige, laut klimpernde Automaten zu stehen. Deren kleine Monitore zeigten simpelste geometrische Figuren, die sich nur mit vollkommen unergonomischen Steuerkn&amp;uuml;ppeln und dicken Kn&amp;ouml;pfen bewegen lie&amp;szlig;en. In Vitrinen erkannte ich Spiele aus meinen Kindertagen und empfand eine wohlige Nostalgie. Hier verebbte die bis dahin so pr&amp;auml;sente Verlockung des scheinbar Neuen, gestatteten die alten Konsolen und Automaten Raum f&amp;uuml;r reue- und inszenierungsfreie Verschwendung der eigenen Zeit.&lt;/p&gt;
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 <pubDate>Fri, 26 Oct 2012 08:13:53 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Dirk Walbrühl</dc:creator>
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 <title>Vom Zufall geleitet, mit Zufall belohnt</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/vom-zufall-geleitet-mit-zufall-belohnt</link>
 <description>&lt;p&gt;Fred Schiller lebt nach dem Motto: Wenn das Leben dir etwas schenken will, dann nehme es dankend an und warte auf das n&amp;auml;chste Geschenk. Katrin Heinaus &lt;em&gt;Hochstaplerroman&lt;/em&gt; beschreibt den Weg eines Mannes, der gezwungen wird aus einem &amp;rsaquo;normalen&amp;lsaquo; Leben auszusteigen, dann sein Leben auf der Stra&amp;szlig;e versucht, ein vor&amp;uuml;bergehend leeres Haus besetzt und schlie&amp;szlig;lich zu der eigenen Ausstellungser&amp;ouml;ffnung in New York nicht erscheint.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Fred ist in seinem Leben an einem Punkt angekommen, wo der Stein, einmal in Bewegung gesetzt, nicht mehr aufh&amp;ouml;rt zu rollen: Obwohl seine Alkoholsucht besiegt, verl&amp;auml;sst ihn seine Ehefrau, ihm wird die Wohnung in Berlin gek&amp;uuml;ndigt und kurz darauf auch sein Job als Lehrer. Der einzige, der sich noch mit ihm besch&amp;auml;ftigt, ist der hilfsbereite Sozialarbeiter Hufmeier, den Fred geschickt zu manipulieren und auszunutzen wei&amp;szlig;.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Er wollte st&amp;auml;ndig mein Leben &amp;auml;ndern, er war schlimmer als eine Ehefrau. Mal steckte er psychologisch-milit&amp;auml;risch &amp;rsaquo;Etappenziele&amp;lsaquo; mit mir ab, die ich benickte und sofort wieder verga&amp;szlig;. Nat&amp;uuml;rlich gew&amp;auml;hrte er mir z&amp;auml;hneknirschend Aufschub, und das musste er auch. Er wollte seinen Job nicht verlieren, schlie&amp;szlig;lich konnte ich ihn rausschmei&amp;szlig;en! Der Staat war ich, ausnahmsweise, das begreifen nur die wenigsten, die einen Sozialarbeiter haben!&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Der Pechvogel&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Zunehmend l&amp;auml;sst Fred sich gehen, da er schon l&amp;auml;nger nicht mehr damit rechnet, eine Frau zu interessieren. Er findet regelrecht Gefallen daran, zu beobachten, wie seine Zehenn&amp;auml;gel unaufhaltsam wachsen und sich schlie&amp;szlig;lich kr&amp;uuml;mmen. Als er einen Tag nicht zur Arbeit erscheint, weil er auf der Suche nach einer Wohnung ist, scheint es die Gelegenheit f&amp;uuml;r die Schule zu sein, ihn endlich loszuwerden. Im Laufe der n&amp;auml;chsten Zeit trifft er immer wieder auf neue b&amp;uuml;rokratische H&amp;uuml;rden, die ihm das Leben erschweren und er scheint in den meisten Situationen unf&amp;auml;hig zu sein, das Leben wieder zurechtzur&amp;uuml;cken. Mit jedem Schritt verliert er immer mehr an Motivation und Selbstbewusstsein und jeder beh&amp;ouml;rdliche Anruf scheint zur qu&amp;auml;lenden Tortur zu werden. Es folgt ein Leben auf der Stra&amp;szlig;e. Erst versucht er es kurz in der Stadt und dann schlie&amp;szlig;lich auf dem Land. Dort entdeckt er eine Datsche, deren Besitzer vereist sind und gibt sich als ihr Freund aus, der das Grundst&amp;uuml;ck beaufsichtigt. Erstaunlicherweise kaufen die Nachbarn ihm die Geschichte sofort ab und fragen nicht weiter nach. Er lernt in dem Dorf eine beurlaubte Professorin namens Heidrun kennen, sie verlieben sich und verbringen gemeinsam Zeit in der Datsche. Zu keiner Zeit macht Fred Anstalten sein Eindringen auf das Grundst&amp;uuml;ck des K&amp;uuml;nstlers Jack und seiner Frau Sabine zu beichten. Er l&amp;auml;sst erfolgreich alle im Glauben, dass er ein Freund der Beiden ist. Heidrun ist von der ersten Minute an von Fred angetan.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Irgendwie war sie begeistert, dass ich Schiller hei&amp;szlig;e. Mit dem Namen kann man etwas werden! sagte sie. Genie und F&amp;uuml;hrung! [&amp;hellip;] Wof&amp;uuml;r steht Schiller nicht alles. Davon profitieren Sie, glauben Sie mir. [&amp;hellip;] F&amp;uuml;r mich steht Schiller vor allem f&amp;uuml;r Armut und fr&amp;uuml;hen Tod, sagte ich. Leben im Schatten der Goethes, schlimmer k&amp;ouml;nnte es nur noch mit &amp;rsaquo;Kleist&amp;lsaquo; oder &amp;rsaquo;Lenz&amp;lsaquo; gehen.&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Der beliebte Nachbar&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Schnell lebt sich Fred in dem Haus ein und nutzt die Zeit, bis die richtigen Besitzer des Hauses zur&amp;uuml;ckkommen, um sich mit der Nachbarschaft anzufreunden und seine Beziehung zu Heidrun zu vertiefen. Er genie&amp;szlig;t den Sommer mit ihr in dem Garten, den er zu pflegen wei&amp;szlig;. Trifft sich mit den Nachbarn und unterh&amp;auml;lt sich mit ihnen &amp;uuml;ber Literatur. Fred lebt ein Leben, das er zuvor nicht hatte. Er besitzt ein eigenes Haus mit Garten, eine Frau, die ihn liebt und die Nachbarn m&amp;ouml;gen ihn und werden zu Freunden. Mit der Zeit scheint er sich als der eigentliche Besitzer des Gartens zu sehen und trauert den Beeren hinterher, die wie er glaubt, bei den wahren Besitzern verkommen werden. Sein Gl&amp;uuml;ck scheint perfekt, zumindest bis die richtigen Besitzer wieder kommen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Der Lebensretter&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Das Ausdenken von immerzu neuen L&amp;uuml;gen, erm&amp;uuml;det ihn jedoch zunehmend. Nachdem sich Heidrun auch nicht davon abbringen l&amp;auml;sst, ihn nach Berlin zu begleiten, beschlie&amp;szlig;t er seine erfundene Lebensgeschichte zu beenden. Dazu kommt es allerdings nicht. In Berlin f&amp;uuml;hrt er sie in ein schickes Restaurant aus. Um die Rechnung nicht zu bezahlen, verschwindet er kurzerhand aus dem Lokal. Als er in das Dorf zur&amp;uuml;ckkehrt, trifft er zuf&amp;auml;llig auf Sabine, die Hausbesitzerin, die ihm davon erz&amp;auml;hlt, dass ein &amp;raquo;Penner&amp;laquo; ihr Haus verw&amp;uuml;stet h&amp;auml;tte. Die Dorfbewohner reagieren relativ gelassen auf das Ger&amp;uuml;cht, dass er der Einbrecher sein solle. Als er dann noch die Tochter der Hausbesitzer vor dem Ertrinken rettet, sind nicht nur die Eltern des M&amp;auml;dchens ihm unendlich dankbar, auch im Dorf scheint er wieder angekommen zu sein. Doch seine Beziehung zu den Hausbesitzern bleibt frostig und unbest&amp;auml;ndig.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Der K&amp;uuml;nstler&lt;/strong&gt;&lt;br /&gt;
	Als er weiter Richtung Frankfurt/Oder zieht, trifft er erneut auf das Ehepaar. Hier ist es Sabine, die seine unbezahlte Rechnung in einem Restaurant &amp;uuml;bernimmt, ohne weitere Fragen zu stellen. Sein Leben erh&amp;auml;lt die entscheidende Wendung, als er f&amp;uuml;r Jack eine Mappe abgeben soll. Dort wird er, irrt&amp;uuml;mlicherweise, von einem amerikanischen Ehepaar f&amp;uuml;r den K&amp;uuml;nstler Jack gehalten und nach New York eingeladen. In der Metropole angekommen, trifft er relativ schnell auf eine junge Frau bei der er unterkommt. Die Bekanntschaft w&amp;auml;hrt jedoch nicht lange, da das amerikanische Ehepaar ihn mit dem Kunstliebhaber Falk Lennox bekannt macht, der es Fred &amp;ndash; immer noch f&amp;uuml;r Jack gehalten &amp;ndash; erm&amp;ouml;glicht eine eigene Kunstausstellung zu bekommen. Gewohnt schnell scheint sich Fred in den Prozess des Kunstschaffens nicht nur eindenken zu k&amp;ouml;nnen, sondern mit der Zeit selber daran zu glauben, dass er ein K&amp;uuml;nstler sei.&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Meine f&amp;uuml;nf Mitarbeiter werden jeweils die kleineren Platten getrennt bearbeiten, so dass sich im Ganzen gewisse Verzerrungen ergeben werden ... Groteske Wirkung ... Die Gesichter werden verzogen sein, die Gesichtsh&amp;auml;lften abweichend, Stirn- und Kinnpartien wie von der Hand eines ungn&amp;auml;digen Sch&amp;ouml;pfers zusammengeschraubt ...&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Uninteressiert an dem Erfolg der Ausstellung, setzt sich Fred wie gewohnt ab. Nur dieses mal mit 50.000 Dollar in der Tasche.&lt;br /&gt;
	Der Titel des Romans l&amp;auml;sst einen augenblicklich an den Klassiker&lt;em&gt; Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull &lt;/em&gt;von Thomas Mann denken. Jedoch fehlt dem Protagonisten Fred Schiller, im Gegensatz zu Felix Krull die Klasse, die Grazie und die Bereitschaft sich immer weiter zu bilden. Auch der Wunsch einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht angeh&amp;ouml;ren zu wollen, ist bei Fred Schiller nicht erkennbar. Es sind viele gl&amp;uuml;ckliche Zuf&amp;auml;lle und sein Hang zum Kriminellen, die ihn dahin bringen, wo er am Ende des Buches steht. Ruhm ist ihm nicht wichtig, auch das ist einem Hochstapler un&amp;auml;hnlich. Er setzt sich noch an dem gro&amp;szlig;en Tag seiner Ausstellungser&amp;ouml;ffnung ab. Die Anspielung auf die &amp;Auml;hnlichkeit des Namens mit dem Dichter Friedrich Schiller wirkt vor diesem Hintergrund fast ironisch und verdeutlicht umso mehr wie unmotiviert Fred Schiller sein Leben gestaltet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;
	Der eigentliche H&amp;ouml;hepunkt seiner &amp;rsaquo;Hochstapler-Karriere&amp;lsaquo; kommt in dem Buch, das schon im Titel auf diese verweist, leider zu kurz. Lange wird der Leser mit Details aus seiner Zeit in dem Dorf, in dem er das Haus bewohnt, begn&amp;uuml;gt. Das Leben als K&amp;uuml;nstler, der kurz vor seiner ersten Ausstellung in New York steht, wird dagegen knapp erz&amp;auml;hlt und das Buch kommt unerwartet schnell zum Ende. Aber dies ist lediglich eine kleine Entt&amp;auml;uschung. Das personale Erz&amp;auml;hlverhalten des Ich-Erz&amp;auml;hlers erm&amp;ouml;glicht es dem Leser ein Begleiter des Protagonisten zu sein und die Welt ein St&amp;uuml;ck weit mit seinen Augen zu betrachten, obwohl man sich immer wieder fragt, warum er denn nun schon wieder so handelt, wie er handelt. Man erf&amp;auml;hrt nur ab und zu, was die anderen Menschen tats&amp;auml;chlich von ihm halten. Er als Erz&amp;auml;hler zumindest h&amp;auml;lt sich nicht lange mit solchen Ausf&amp;uuml;hrungen auf. Die Mimik wird kurz gedeutet, der Spruch verdaut und weiter geht&amp;rsquo;s. So wenig es Fred interessiert, was anderen von ihm halten, so sparsam wird dieses berichtet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Alles in allem schafft es die 1965 geborene Katrin Heinau, die Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik studierte, eine spannende, allt&amp;auml;gliche und doch ungew&amp;ouml;hnliche Lebensgeschichte eines Mannes zu zeichnen, der ohne erkennbare Talente, Ehrgeiz, ja ohne jeglichen Plan ein au&amp;szlig;ergew&amp;ouml;hnliches Leben gestaltet. Es fehlen die entscheidenden Charakterz&amp;uuml;ge eines Hochstaplers, wie Motivation, Ehrgeiz und das Streben nach etwas H&amp;ouml;herem. Fred Schiller plant seine &amp;rsaquo;Hochstapelei&amp;lsaquo; nicht, er rutscht viel mehr in sie rein, wenn der Zufall es so will. Aber das st&amp;ouml;rt nicht weiter, weil es dem Leser Spa&amp;szlig; macht seinen Weg nach zu vollziehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Katrin Heinau: Hochstaplerroman, Leipziger Literaturverlag 2010, 171 Seiten, 19,95 Euro, ISBN-13: 9783866601017&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Tue, 23 Oct 2012 13:19:49 +0000</pubDate>
 <dc:creator>N. N.</dc:creator>
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 <title>Writing Britain</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/writing-britain-1</link>
 <description>&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Die meisten Menschen, die sich zwischen dem 11. Mai und 25. September in die British Library verirrten, fl&amp;uuml;chteten wahrscheinlich vor einem ber&amp;uuml;chtigten Londoner Regenguss, oder war auf dem Weg zur Olympia-(Briefmarken-)Ausstellung nebenan. Die Neugierigen aber, die sich von schillernden Namen wie Tolkien, Blake, Austen oder Rowling locken lie&amp;szlig;en, wurden mit &lt;em&gt;Writing Britain: Wastelands to Wonderlands&lt;/em&gt; belohnt, einer herausragenden &lt;a href=&quot;http://www.bl.uk/whatson/exhibitions/writingbritain/index.html&quot;&gt;Literaturausstellung &lt;/a&gt;mit zahlreichen Originalausgaben.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;
	&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/british_library.jpg&quot; style=&quot;width: 150px; height: 199px; margin-left: 0px; margin-right: 20px; float: left;&quot; /&gt;Eine schwarze Treppe f&amp;uuml;hrt den Besucher hinab in den Keller der British Library. Hohe, mit dunklem Stoff &amp;uuml;berzogene W&amp;auml;nde umrahmen die Glasvitrinen und wenigen Leittexte der Ausstellung. Die Pr&amp;auml;sentation l&amp;auml;sst keinen Zweifel daran, dass es die Literatur ist, die bei &lt;em&gt;Writing Britain&lt;/em&gt; im Mittelpunkt steht. Einen Audioguide gibt es auch nicht; stattdessen informiert ein schlichtes Faltblatt &amp;uuml;ber die Aufteilung der Ausstellungsfl&amp;auml;che auf nur einer Ebene und listet (subjektiv) wichtige Exponate auf. Ein Literaturliebhaber steuert nat&amp;uuml;rlich gleich auf die erste Vitrine im Bereich&amp;nbsp; Rural Realms zu. Die Texte hier sind &amp;auml;lteren Kalibers: Rittersagen wie&lt;em&gt; Sir Gawain and the Green Knight&lt;/em&gt;, Legenden und M&amp;auml;rchen. &lt;em&gt;Writing Britain&lt;/em&gt; ist wie eine oberfl&amp;auml;chliche Einf&amp;uuml;hrung in englische Literaturgeschichte strukturiert &amp;ndash; von mythischen Orten &amp;uuml;ber die industrielle Stadt und ihre Vorst&amp;auml;dte hin zu fantastischen Welten.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;strong&gt;STADT, LAND, BILD, TEXT&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;em&gt;Writing Britain&lt;/em&gt; ist mehr als eine Ansammlung von seltenen Werken aus den Best&amp;auml;nden der British Library. Die Ausstellung folgt einem Gedanken, der schon im Untertitel &lt;em&gt;Wastelands to Wonderlands&lt;/em&gt; anklingt: Die englische Literatur sei durch die Landschaft und konkrete Geographie der Insel tief gepr&amp;auml;gt worden. Wahl und Arrangement der Exponate unterst&amp;uuml;tzen diese These. So sind den Vitrinen Landschaftsfotografien des fr&amp;uuml;hen 20. Jahrhunderts beigegeben, mischen sich Karten und eigene Gem&amp;auml;lde der Autoren zwischen die Texte (etwa J.R.R. Tolkiens &lt;em&gt;The Hill: Hobbitton-across-the-Water&lt;/em&gt; von 1937 oder Winifred Holtbys Karte von South Riding als Paratext zu seinem gleichnamigen Roman &lt;em&gt;South Riding&lt;/em&gt;, 1936). Im zweiten Ausstellungsabschnitt &lt;em&gt;Dark Satanic Mills&lt;/em&gt; zur industriellen Revolution werden unter einer Fotostrecke der Zeit sogar Flie&amp;szlig;bandger&amp;auml;usche eingespielt. Passend dazu liest man dort Orwells &lt;em&gt;The Road to Wigan Pier&lt;/em&gt; (1937) und Gedichte von Ted Hughes. Gerade in den Bild-Text-Kompositionen von Hughes, etwa&lt;em&gt; Lumber Chimney&lt;/em&gt; (1979, in &lt;em&gt;Remains of Elmet&lt;/em&gt;), erscheint die &amp;Uuml;bertragung von konkreter Geographie in literarische Welten logisch, ja nat&amp;uuml;rlich. Im Ausstellungsteil &lt;em&gt;Cockney Visions&lt;/em&gt; sind die Vitrinen sogar umgrenzt von Stadtpl&amp;auml;nen, wird der Text Teil der st&amp;auml;dtischen Topographie; wie bei &lt;em&gt;The Buddha of Suburbia&lt;/em&gt; (1990) von Hanif Kureishi. Die dominante These von &lt;em&gt;Writing Britain&lt;/em&gt; gipfelt im Satz &amp;raquo;Literature giving sense to a world crumble&amp;laquo; &amp;ndash; Literatur, die sich sozialen und geographischen Gegebenheiten beif&amp;uuml;gt um diese aufzuwerten undauszudeuten.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;strong&gt;EINSEITIG ABER BEEINDRUCKEND&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Die Vielzahl an in der Ausstellung gegebenen Beispielen f&amp;uuml;r eine Verbindung von Geographie und englischer Literatur ist &amp;uuml;berzeugend. Leider ersch&amp;ouml;pft sich &lt;em&gt;Writing Britain&lt;/em&gt; in der Darstellung von Literatur als durch Wirklichkeit pr&amp;auml;konfigurierte Kunst. Das Spiel zwischen den Texten, Intertextualit&amp;auml;t oder literarische Str&amp;ouml;mung etwa, wird ausgeblendet und immer wieder auf konkrete Landschaften und soziale Epochen zur&amp;uuml;ckgef&amp;uuml;hrt. Dadurch bleibt die Ausstellung letztlich einseitig, wenn selbst James Joyce &lt;em&gt;Ulysses&lt;/em&gt; (1922) und Lewis Carrolls &lt;em&gt;Alice&amp;#39;s Adventures in Wonderland&lt;/em&gt; (1865) nur unter diesem Aspekt aufgef&amp;uuml;hrt werden, ohne auf die tats&amp;auml;chliche Komplexit&amp;auml;t der Werke hinzuweisen. Sp&amp;auml;testens bei der interaktiven Englandkarte, auf der die ausgestellten Werke verortet werden k&amp;ouml;nnen, wird die Intention der Ausstellung deutlich, England als Literaturland zu pr&amp;auml;sentieren. Nationalstolz und Repr&amp;auml;sentation vor dem Hintergrund der diesj&amp;auml;hrigen Olympischen Spiele in London sind nur allzu deutlich erkennbar. Trotzdem tut das dem Erlebnis der Ausstellung keinen Abbruch. Denn nirgendwo sonst kann der Besucher eine solch beeindruckende F&amp;uuml;lle von englischen Klassikern im Original und Manuskript betrachten, welche fast vollst&amp;auml;ndig ohne im Trend liegenden, museumsp&amp;auml;dagogischen Schnickschnack (wie von Handys scannbare Barcodes) auskommt. Stattdessen ist jedem Exponat ein kleiner Text beigegeben, der durch eine &amp;ndash; mal mehr mal weniger gelungen &amp;ndash; ver&amp;auml;stelte &amp;Uuml;berschrift einen interessanten Paratext bietet (etwa &amp;raquo;Why won&amp;#39;t he speak sensible to me?&amp;laquo; zu Bernard Shaws &lt;em&gt;Pygmalion&lt;/em&gt;, 1913). Dies liefert nicht nur einen interessanten Einblick in die Interpretation der Kuratoren, sondern verst&amp;auml;rkt die Aura des Respekts vor den Exponaten und der Liebe zur Literatur, die &lt;em&gt;Writing Britain&lt;/em&gt; zu eigen ist.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;&lt;strong&gt;WARUM GIBT ES DAS NICHT IN DEUTSCHLAND?&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtejustify&quot;&gt;Ist die Verbindung von Literatur und nationaler Geographie gerade in England besonders stark? Anders gefragt: W&amp;auml;re eine solche Ausstellung auch in Deutschland m&amp;ouml;glich? Die Antwort ist: Eher nicht. Die in &lt;em&gt;Writing Britain&lt;/em&gt; sp&amp;uuml;rbare ungehemmte Ehrfurcht vor der eigenen Nationalliteratur ist konkret verbunden mit dem ausgepr&amp;auml;gten Stolz der Engl&amp;auml;nder auf ihr Land und ihre Werke. Diese hatten in j&amp;uuml;ngster Zeit nicht mit einem kulturellen Bruch zu k&amp;auml;mpfen, wie ihn Deutschland durch den Nationalsozialismus erlebte. Jede Ausstellung, die die deutsche Literatur feierte, m&amp;uuml;sste eine starke kritisch-reflektierende Ebene erhalten, die naheliegenden nationalistischen Gedanken entgegenl&amp;auml;uft. Gerade im Vergleich mit einer solch stolzen Ausstellung merkt der deutsche Besucher einmal mehr, welchen Schaden Gedanken von &amp;rsaquo;deutschem Geist&amp;lsaquo; und &amp;rsaquo;entarteter Literatur&amp;lsaquo; der hiesigen Literaturlandschaft und ihrer Selbstbetrachtung und Wertsch&amp;auml;tzung zugef&amp;uuml;gt haben. Gerade heute, in Zeiten der Finanzkrise und dem drohenden Auseinanderbrechender der europ&amp;auml;ischen Gemeinschaft, einer fortschreitenden Zersplitterung der Gesellschaft, einer Entfremdung der Jugend durch und in virtuelle Weiten, einer &amp;raquo;world crumble&amp;laquo;, w&amp;auml;re auch deutsche Literatur dazu geeignet, neuen Sinn zu geben und identit&amp;auml;tsstiftend zu wirken.&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/ausstellung">Ausstellung</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/literatur">Literatur</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/london">London</category>
 <pubDate>Thu, 18 Oct 2012 13:27:36 +0000</pubDate>
 <dc:creator>timkangro</dc:creator>
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 <title>Luftraumlücken</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/luftrauml%C3%BCcken</link>
 <description>&lt;p&gt;Berlin, 01.10.2012&lt;br /&gt;
	&amp;raquo;Die Kritik der Stimmung ist die Voraussetzung aller Kritik&amp;laquo;, sagt Linus Westheuser. Dann rollt eine Leseshow ab, die das Lyrikkollektiv G13 passend zum Erscheinen des Gruppenbuchs &lt;em&gt;40% Paradies &lt;/em&gt;und zur zugeh&amp;ouml;rigen St&amp;auml;dtetour inszeniert haben. Es geht nach Kiel, K&amp;ouml;ln, Karlsruhe unter anderem, vorerst aber zum Heimspiel in die Literaturwerkstatt Berlin, der Stadt und St&amp;auml;tte, in der sich die junge Literatur traditionsgem&amp;auml;&amp;szlig; am besten wider- und gegenbefruchtet. Halbfertiges mutet hier allein durch Eventisierung arriviert an. Der Saal ist voll, die Erwartungen gemischt.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;
	Zw&amp;ouml;lf von vierzehn Jungdichtern sitzen wie ein gespiegeltes Publikum auf der B&amp;uuml;hne und tragen ihre Lyrik chorisch, &amp;uuml;berlappend, gegengeschnitten vor, sodass man nicht entscheiden kann, welches Fragment welchem Urheber zuzuschreiben ist. Das Prinzip wird &amp;uuml;ber die Dauer des gesamten Vortrags durchgehalten, und wenn man den einen oder anderen sp&amp;auml;ter nach seinem Namen fragt, sagt er: &amp;raquo;ich bin G13.&amp;laquo; Erst in der bei Luxbooks erschienenen Anthologie steht die Eitelkeit des einzelnen &amp;uuml;ber dem Gef&amp;uuml;hl des Kollektivs und jedem Gedicht ist ein Name beigegeben. Das kann man f&amp;uuml;r inkonsequent halten oder f&amp;uuml;r eine erste Hilfe, wenn man sich eben doch f&amp;uuml;r mehr als den angleichenden Ton einer ganzen Gruppe interessiert, sondern f&amp;uuml;r die Stimme individueller, st&amp;auml;rkerer Schreiber.&lt;br /&gt;
	Der Ton, der auch nach Aufl&amp;ouml;sung des polyphon Gesprochenen zugunsten einzelner, mehr unterscheidbarer Passagen anh&amp;auml;lt, ist ein durch Poetry-Slam-Rhythmen etablierter, der die Stimme gegen Ende jeden Verses nach oben zieht und leicht macht, oft geradezu m&amp;auml;dchenhaft, auch bei den Herren. Bas B&amp;ouml;ttcher ist als eines der fr&amp;uuml;hen Vorbilder f&amp;uuml;r diesen Duktus zu nennen, auch wenn die G13er insgesamt wenig gemein haben mit ihm und man bei deutlicher akzentuierenden Sprechern an diesem Abend, etwa Can Pestanli, eher an von Schauspielern &amp;uuml;berinterpretierte Lyrik denken mag.&lt;br /&gt;
	Einzelne Texte, seien sie nun von Tristan Marquardt, Linus Westheuser erdichtet oder blo&amp;szlig; gesprochen, stechen aus dem klanglichen Einerlei heraus, einmal, weil Westheuser imstande ist, nat&amp;uuml;rlich zu betonen, andererseits weil die entsprechenden Poeme selbst &amp;uuml;ber l&amp;auml;ngere Distanzen F&amp;uuml;llfloskeln oder allzu Kitschiges vermeiden. In diesen Gedichten will dann einmal niemand &amp;raquo;Wohnwagen sein mit Unterwasserwelt&amp;laquo; oder sich beschweren, man k&amp;ouml;nne hier (wo, im Wohnwagen?) &amp;raquo;keine Zebras z&amp;auml;hlen.&amp;laquo;&lt;br /&gt;
	&amp;raquo;Man legt den Finger in die Wunde, aber nur der Finger tut weh,&amp;laquo; hei&amp;szlig;t es sinngem&amp;auml;&amp;szlig; an einer Stelle und bezeichnet ganz treffend die Krux der Gruppe, sei es nun eine Leipziger Tippgemeinschaft oder ein Berliner Lyrikchor. Dem Publikum wurde weder Schmerz zugef&amp;uuml;gt an diesem Abend noch eine Art poetische Infektion. Einziger Affekt: die Veranstaltung endet mit tosendem Applaus wie es ihn sonst nur bei Schulauff&amp;uuml;hrungen in der Provinz gibt. Lesung als Show &amp;ndash; und auch Crauss hat sich wieder einmal gut unterhalten. &amp;raquo;die Kritik der Stimmung ist die Voraussetzung aller Kritik&amp;laquo;, wiederholt Linus Westheuser ganz zum Schluss. Das an diesem Abend vorgestellte Buch muss bitte unabh&amp;auml;ngig davon und m&amp;ouml;glichst im Hinblick auf Einzelph&amp;auml;nomene betrachtet werden.&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/luftrauml%C3%BCcken#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Fri, 05 Oct 2012 06:50:20 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Crauss</dc:creator>
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 <title>»Mit Sizilien wird der Ausnahmezustand gewissermaßen von Anfang an gesetzt«</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/mit-sizilien-wird-der-ausnahmezustand-gewisserma%C3%9Fen-von-anfang-gesetzt</link>
 <description>&lt;p&gt;Im Fr&amp;uuml;hjahr legte der 1971 in M&amp;uuml;nchen geborene Schriftsteller Florian Scheibe mit &lt;em&gt;Wei&amp;szlig;e Stunde&lt;/em&gt; seinen ersten Roman vor. Der studierte Kulturwissenschaftler und Historiker zeigt einmal mehr, dass es neben dem klassischen Krimi Spannungsromane gibt, die mit Sprachwitz und einer gewissen Lust zum Experiment den Leser zu fesseln wissen. Mit K.A.-Chefredakteur Benedikt Viertelhaus hat er &amp;uuml;ber die Inspirationen zu seinem Deb&amp;uuml;t und die Schwierigkeiten bei der Arbeit am zweiten Roman gesprochen.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;strong&gt;&amp;raquo;Meine Ursprungsidee war nicht, einen Krimi zu schreiben, wohl aber einen Spannungsroman&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Kritische Ausgabe:&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Wei&amp;szlig;e Stunde&lt;/em&gt; ist alles andere als klassischer Krimi, man sollte das Buch vielleicht besser auch gar nicht so bezeichnen, um keine falschen Erwartungen zu wecken. In dem Roman verschwindet eine Frau spurlos und der Freund der Verschwundenen, der Erz&amp;auml;hler, sucht sie gar nicht erst, h&amp;auml;lt ihr Verschwinden anfangs f&amp;uuml;r eine Trotzreaktion auf eine kleine Auseinandersetzung. Er nutzt die unerwartete Ruhe, seinen Roman weiterzuschreiben, an dem er zuvor nicht weitergekommen war. War die Idee denn urspr&amp;uuml;nglich, einen Krimi zu schreiben?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Florian Scheibe:&lt;/strong&gt; Nat&amp;uuml;rlich ist &lt;em&gt;Wei&amp;szlig;e Stunde&lt;/em&gt; kein klassischer Krimi. Aber das sind die B&amp;uuml;cher von Patricia Highsmith &amp;ndash; etwa &lt;em&gt;Ripley&lt;/em&gt; oder &lt;em&gt;Venedig kann sehr kalt sein&lt;/em&gt; &amp;ndash; auch nicht. Dennoch laufen sie unter dem Label &amp;raquo;Krimi&amp;laquo; und das meiner Meinung nach zu Recht. Letztlich ist ja die Einordnung in die Schublade &amp;raquo;Krimi&amp;laquo; etwas, das vom Markt ausgeht. Aber die Grenzen sind oft flie&amp;szlig;end.&lt;br /&gt;
	Als ich, nachdem der Roman fertig war, gemeinsam mit dem Luftschacht Verlag dar&amp;uuml;ber nachgedacht habe, wie man das Buch verkaufen soll, war mein Schlagwort immer &amp;raquo;der besondere&amp;laquo; oder &amp;raquo;der andere Krimi&amp;laquo;. Denn immerhin geht es um einen Kriminalfall: Eine Frau verschwindet, der Mann unternimmt nichts dagegen und ger&amp;auml;t schlie&amp;szlig;lich unter Mordverdacht. Nat&amp;uuml;rlich geht es in dem Roman auch um ganz andere Themen: um das Schreiben, um eine komplizierte Liebesbeziehung, um emotionale Abh&amp;auml;ngigkeit. Aber das Ger&amp;uuml;st daf&amp;uuml;r bildet die besagte Konstruktion.&lt;br /&gt;
	Auf diesem Weg komme ich auch zur eigentlichen Frage: Meine Ursprungsidee war nicht, einen Krimi zu schreiben, wohl aber einen Spannungsroman, der den Leser dazu zwingt, umzubl&amp;auml;ttern und weiterzulesen. Dabei hat mich als Autor die gleiche Frage interessiert, die (hoffentlich) auch den Leser interessiert: Wie kommt ein Mensch dazu, nichts gegen das Verschwinden seines Lebenspartners zu unternehmen? Wie begr&amp;uuml;ndet er dieses Verhalten? Und wie verstrickt er sich sehenden Auges immer st&amp;auml;rker in ein kompliziertes Geflecht aus L&amp;uuml;gen und Halbwahrheiten. Das war auch der Grund daf&amp;uuml;r, die Ich-Form und die R&amp;uuml;ckschau f&amp;uuml;r den Roman zu w&amp;auml;hlen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.:&lt;/strong&gt; Es ist logisch, dass der Erz&amp;auml;hler durch dieses Verhalten selbst in den Verdacht ger&amp;auml;t, seine Freundin beseitigt zu haben. Darin &amp;auml;hnelt Ihr Roman der Erz&amp;auml;hlung &lt;em&gt;Unm&amp;ouml;gliche Beweisaufnahme&lt;/em&gt; von Hans Erich Nossack, in der ein Mann vor Gericht aussagen muss, warum er nicht nach seiner Frau gesucht hat, nachdem sie verschwunden ist. Nossacks Text wiederum wurde von &lt;em&gt;Die Unauffindbaren&lt;/em&gt; von Ernst Kreuder inspiriert. In dem Roman verl&amp;auml;sst ein Mann seine Familie und der Erz&amp;auml;hler folgt seinem Weg.&lt;br /&gt;
	Gibt es Texte, die man als Inspiration f&amp;uuml;r &lt;em&gt;Wei&amp;szlig;e Stunde&lt;/em&gt; betrachten k&amp;ouml;nnte? Oder eine andere Art Ideengeber?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Scheibe:&lt;/strong&gt; Ich muss ehrlich zugeben, dass ich&lt;em&gt; Unm&amp;ouml;gliche Beweisaufnahme&lt;/em&gt; nicht kannte. Ebenso wenig &lt;em&gt;Die Unauffindbaren&lt;/em&gt;. Aber das ist wahrscheinlich auch gut so, denn sonst h&amp;auml;tte ich &lt;em&gt;Wei&amp;szlig;e Stunde&lt;/em&gt; wom&amp;ouml;glich gar nicht schreiben k&amp;ouml;nnen.&lt;br /&gt;
	Die Idee zu dem Roman hatte ich w&amp;auml;hrend eines Spanien-Urlaubs mit meiner damaligen Freundin, meiner jetzigen Frau. Wir sind zuf&amp;auml;llig auf ein verlassenes Haus gesto&amp;szlig;en. Es war riesengro&amp;szlig;, voller M&amp;ouml;bel, Ger&amp;uuml;mpel und bekritzelter Papiere. Vielleicht war in dem Haus fr&amp;uuml;her ein Internat oder etwas &amp;Auml;hnliches gewesen. Wir sind gemeinsam reingegangen, doch ich habe mich nach ein paar Minuten unwohl gef&amp;uuml;hlt und bin zum Auto zur&amp;uuml;ckgekehrt. Es dauerte eine ganze Weile, bis meine Freundin wiederkam, und ich habe dar&amp;uuml;ber nachgedacht, was w&amp;auml;re, wenn sie nicht wiederk&amp;auml;me. Das war der Ausgangspunkt. Dann kam das Schreiben als Thema hinzu, das ja sehr h&amp;auml;ufig in Konflikt mit (Liebes-) Beziehungen ger&amp;auml;t, weil es ein gewisses Ma&amp;szlig; an Einsamkeit dazu braucht. Aber eben auch emotionale Sicherheit. Und das beides zu bekommen ist oft sehr schwierig. Wie kann man einerseits einsam sein und andererseits &amp;raquo;aktiv&amp;laquo; lieben? Ich denke, dass die meisten Autoren fr&amp;uuml;her oder sp&amp;auml;ter mit diesem Problem in Ber&amp;uuml;hrung kommen. Denn Schreiben kostet viel Zeit und Kraft.&lt;br /&gt;
	Direkte literarische Inspirationen gab es f&amp;uuml;r &lt;em&gt;Wei&amp;szlig;e Stunde&lt;/em&gt; nicht. Aber nat&amp;uuml;rlich hatte ich bestimmte Autoren im Hinterkopf, Ian McEwan zum Beispiel oder auch die bereits erw&amp;auml;hnte Highsmith.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;strong&gt;&amp;raquo;Das Klima ist fast so etwas wie ein zweiter Protagonist&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.:&lt;/strong&gt; Man verr&amp;auml;t wohl nicht zu viel, wenn man erz&amp;auml;hlt, dass das Buch einen Abschnitt mit der &amp;Uuml;berschrift &amp;raquo;Zweiter Teil&amp;laquo; hat und damit &amp;ndash; von der Aufkl&amp;auml;rung abgesehen &amp;ndash; letztlich eine vollkommen unerwartete Wendung nimmt. Man k&amp;ouml;nnte meinen, es gehe auch hier um ein Experiment: &amp;raquo;Wie ist es, als ehemaliger Tatverd&amp;auml;chtiger an den Ort zur&amp;uuml;ckzukehren?&amp;laquo; Ist das, was sich da zeigt, mehr Fabulierlust oder Gedankenexperiment? Oder anders gefragt: H&amp;auml;tte es sich nicht angeboten, mit einem klassischen Aufkl&amp;auml;rungsteil die Spannung weiterzutreiben?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Scheibe:&lt;/strong&gt; Ja, ich denke, das w&amp;auml;re das Naheliegendste gewesen. Und tats&amp;auml;chlich gab es im Manuskript auch ein paar Kapitel, die die Vernehmungen in Berlin geschildert haben. Aber w&amp;auml;hrenddessen habe ich gemerkt, dass ich den Erz&amp;auml;hler eigentlich wieder in seine Einsamkeit verfrachten m&amp;ouml;chte. Und vor allem wieder zur&amp;uuml;ck nach Sizilien. Im Zuge dessen kam mir dann die Idee mit dem zweiten Teil, der die ganze Geschichte St&amp;uuml;ck f&amp;uuml;r St&amp;uuml;ck im R&amp;uuml;ckblick aufrollt. Besonders wichtig war mir dabei, dass der Erz&amp;auml;hler im Winter nach Sizilien zur&amp;uuml;ckkehrt. Das Klima und alles, was sich daraus ergibt, ist ja fast so etwas wie ein zweiter Protagonist in dem Buch, zumindest empfinde ich es selbst so. Im ersten Teil herrscht die Hitze und Trockenheit. Im zweiten Teil ist es anfangs feucht und kalt, bevor dann der Fr&amp;uuml;hling folgt. Viel transportiert sich &amp;uuml;ber solche Stimmungen. Zumindest war das mein Ziel.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.:&lt;/strong&gt; Schauplatz des Romans, das wurde ja schon erw&amp;auml;hnt, ist mit Sizilien ein Sehnsuchtsort der Deutschen, wo es in unseren Augen kaum regnet und meistens warm ist. Ein Urlaubsort. Genau dort erf&amp;auml;hrt der Erz&amp;auml;hler die von Ihnen beschriebene Einsamkeit. Welche Rolle spielt letztlich der Ort? H&amp;auml;tte das nicht auch irgendwo in der deutschen Provinz stattfinden k&amp;ouml;nnen? Oder h&amp;auml;tte das Haus, in dem die Freundin des Erz&amp;auml;hlers verschwindet, nicht wie in Ernst Kreuders &lt;em&gt;Die Unauffindbaren&lt;/em&gt; sogar mitten in einer Stadt sein k&amp;ouml;nnen?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Scheibe:&lt;/strong&gt; Ja und nein. Nat&amp;uuml;rlich h&amp;auml;tte die Geschichte auch in Berlin oder in der deutschen Provinz ihren Reiz gehabt. Aber f&amp;uuml;r die Fremdheit, die der Erz&amp;auml;hler sich selbst gegen&amp;uuml;ber und seiner Umwelt empfindet, ist eine andere Umgebung nat&amp;uuml;rlich ergiebiger. Anders formuliert: Mit Sizilien wird der Ausnahmezustand gewisserma&amp;szlig;en von Anfang an gesetzt. Und dieser Ausnahmezustand spiegelt sich eben auch in der Hitze und in dem br&amp;ouml;ckelnden Barock der Stadt Noto wider.&lt;br /&gt;
	Ich war selbst vor einigen Jahren mal im Hochsommer f&amp;uuml;r ein paar Wochen in Noto, habe dort eine Regieassistenz f&amp;uuml;r einen Dokumentarfilm &amp;uuml;bernommen. Mittags herrschten Temperaturen von 40 Grad im Schatten, und mit unserem kleinen Filmteam waren wir die Einzigen weit und breit, die &amp;uuml;berhaupt einen Fu&amp;szlig; auf die Stra&amp;szlig;e gesetzt haben. Die Einheimischen haben uns bestimmt f&amp;uuml;r verr&amp;uuml;ckt erkl&amp;auml;rt, wie wir da die schwere Filmkamera und Schienen und alles M&amp;ouml;gliche durch die Gegend geschleppt haben.&lt;br /&gt;
	W&amp;auml;hrend dieser Wochen habe ich eine ganz &amp;auml;hnliche, fast schon psychodelische Stimmung versp&amp;uuml;rt, wie sie nun auch der Erz&amp;auml;hler in &lt;em&gt;Wei&amp;szlig;e Stunde&lt;/em&gt; empfindet. Daher war es mir auch wichtig, dass das Paar, um das es in dem Buch geht, auf Sizilien keinen Urlaub macht, sondern etwas zu tun hat: Svenja als Kunsthistorikerin und der Erz&amp;auml;hler als Schriftsteller, der endlich mit der Arbeit an seinem Roman weiterkommen will. Dazu passt auch, dass Sizilien in meinem Roman weniger Sehnsuchtsort ist, sondern eine Insel der Extreme, auf der man nur leben kann, wenn man sich dem Rhythmus, der vom Klima gesetzt wird, unterwirft.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;strong&gt;&amp;raquo;Ich mag es, wenn ich durch eine starke Ausgangssituation in eine Geschichte hineingezogen werde&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.:&lt;/strong&gt; In die Erz&amp;auml;hlung sind in Klammern immer wieder kleine Kommentare eingef&amp;uuml;gt, die man auch mit Kommas h&amp;auml;tte abtrennen oder weglassen k&amp;ouml;nnen, aber letztlich erfahren sie so doch eher eine Betonung und betonen Bilder oder bringen R&amp;uuml;ckblicke: F&amp;uuml;r mich wirkt das wie eine Kritik am konventionellen Erz&amp;auml;hlen. Was war tats&amp;auml;chlich der Gedanke dahinter?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Scheibe:&lt;/strong&gt; Die Klammern in dem Text haben eine wichtige Funktion, die erst einmal nichts mit einer Kritik am konventionellen Erz&amp;auml;hlen zu tun hat.&lt;br /&gt;
	Der Text ist, ja wie gesagt, in der R&amp;uuml;ckschau erz&amp;auml;hlt. Eine Art Rechenschaftsbericht. Und der Erz&amp;auml;hler ist jemand, der st&amp;auml;ndig abw&amp;auml;gt, relativiert, zweifelt. Dieser Zweifel, auch an der eigenen Wahrnehmung, steckt sozusagen in den Klammern. Oder um es positiv auszudr&amp;uuml;cken: Die Klammern sind eine Erweiterung. Eine bestimmte Stimmung wird in der R&amp;uuml;ckschau beschrieben und dann in den Klammern noch einmal pr&amp;auml;zisiert.&lt;br /&gt;
	Nat&amp;uuml;rlich w&amp;auml;re die Abtrennung auch mit Kommas m&amp;ouml;glich gewesen, aber erstens w&amp;auml;ren die S&amp;auml;tze dann un&amp;uuml;bersichtlich geworden und zweitens h&amp;auml;tte es nicht mehr diese beiden Ebenen gegeben: die eigentliche Erz&amp;auml;hlung und das Hadern, Zweifeln, Ausdifferenzieren. Die zwei Ebenen reichen aber noch weiter. Sie haben ja eben selbst gesagt, dass man die Klammern alle ebenso gut weglassen kann. Das ist gut erkannt. Denn tats&amp;auml;chlich war es mir wichtig, dass die Erz&amp;auml;hlung auch ohne Klammern funktioniert, denn nur so sind sie tats&amp;auml;chlich eine Erweiterung.&lt;br /&gt;
	Sicherlich k&amp;ouml;nnte man alles, was zwischen den Klammern steht, kurzerhand l&amp;ouml;schen. Die Fabel w&amp;auml;re die gleiche. Aber der Charakter des Protagonisten und die Stimmung der Erz&amp;auml;hlung w&amp;uuml;rden sich dadurch erheblich ver&amp;auml;ndern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.:&lt;/strong&gt; &lt;em&gt;Wei&amp;szlig;e Stunde&lt;/em&gt; ist Ihr erster Roman. Dennoch merkt man dem Buch an, dass Sie nicht blau&amp;auml;ugig auf die literarische B&amp;uuml;hne getreten sind. An einer Stelle schreibt der Protagonist: &amp;raquo;Doch dann kamen die ersten Ver&amp;ouml;ffentlichungen, die ersten Reaktionen, Rezensionen (Lob, ja, aber auch Verrisse), und auf einmal begann ich nachzudenken, begann damit, mich in Vergleich zu setzen, mich einzuzw&amp;auml;ngen in die bestehenden Erwartungen.&amp;laquo; W&amp;uuml;rden Sie nun, nach ersten Reaktionen auf Ihren Roman, anders schreiben? F&amp;uuml;hlen Sie sich bereits f&amp;uuml;r Kommendes eingeengt oder ist eben dieses Wissen, was passieren kann, was zu einer Blockade f&amp;uuml;hren kann, schon eine Art Schutzschild?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Scheibe:&lt;/strong&gt; Das ist eine sehr interessante Frage. Und wie alle interessanten Fragen nur schwer zu beantworten.&lt;br /&gt;
	Es ist richtig, dass ich schon recht gut um die Gefahr von Erwartungen, die von au&amp;szlig;en an einen herangetragen werden &amp;ndash; oder von denen man denkt, dass sie von au&amp;szlig;en an einen herangetragen werden &amp;ndash;, wei&amp;szlig;. Das hat auch damit zu tun, dass &lt;em&gt;Wei&amp;szlig;e Stunde&lt;/em&gt; zwar mein erster Roman ist, ich aber die ganze Situation schon von meinem Studium an der Filmhochschule ein wenig kenne. In dieser Zeit habe ich mich h&amp;auml;ufig von au&amp;szlig;en betrachtet und &amp;uuml;berlegt, was ich vorlegen muss, um einem bestimmten Bild zu entsprechen bzw. welche Schublade die richtige f&amp;uuml;r mich ist. Wenn es einem in solchen Situationen nicht gelingt, wieder zu sich selbst zur&amp;uuml;ckzukehren und sich zu fragen: &amp;raquo;Was will ich eigentlich wirklich erz&amp;auml;hlen?&amp;laquo;, dann steckt man als Autor in einem riesigen Dilemma.&lt;br /&gt;
	Nach &lt;em&gt;Wei&amp;szlig;e Stunde&lt;/em&gt; geht es mir nun tats&amp;auml;chlich ein bisschen &amp;auml;hnlich. Da ist nun dieses Buch, und zwar ganz physisch, steht da im Regal, und man fragt sich, was f&amp;uuml;r ein Buch daneben kommen soll. Oder auch: Was f&amp;uuml;r ein Buch passt daneben? Und schon ist man in dieser Zwickm&amp;uuml;hle zwischen innen und au&amp;szlig;en, und wenn es bl&amp;ouml;d l&amp;auml;uft, wei&amp;szlig; man nicht mehr, was man schreiben soll. Was dann hilft &amp;ndash; oder besser: was mir dann hilft &amp;ndash;, ist, zu &amp;uuml;berlegen: Was lese ich gerne bzw.: Was lese ich besonders gerne? Und dann lautet die Antwort, dass mich in der Literatur eher die dunklen, abgr&amp;uuml;ndigen Themen interessieren. Und dass ich es gerne mag, wenn ich durch eine starke Ausgangssituation in eine Geschichte hineingezogen werde. Auf diese Weise finde ich dann wieder zu mir und zu meinen eigenen Schreibthemen zur&amp;uuml;ck.&lt;/p&gt;
&lt;p class=&quot;rtecenter&quot;&gt;&lt;strong&gt;&amp;raquo;Ich bin auch bei dem neuen Roman auf eine l&amp;auml;ngere Reise eingestellt&amp;laquo;&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.:&lt;/strong&gt; Das klingt in gewissem Sinne etwas ratlos &amp;ndash; jetzt, nachdem das erste Buch ver&amp;ouml;ffentlicht ist. Dem Klischee nach haben die meisten Schriftsteller eine Schublade voller zumindest angefangener Texte und Ideen. Bei Ihnen klingt das anders. Gibt es denn schon konkrete Pl&amp;auml;ne f&amp;uuml;r das Folgebuch?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Scheibe:&lt;/strong&gt; Diese Schublade gibt es bei mir auch, aber ich hinterfrage sie st&amp;auml;ndig, oft auch sehr grunds&amp;auml;tzlich &amp;ndash; das hei&amp;szlig;t nicht nur die Lade, sondern die ganze Kommode. Tats&amp;auml;chlich habe ich nun ein halbes Jahr lang mit mir gerungen, was ich als n&amp;auml;chstes Romanprojekt angehen soll. In dieser Zeit habe ich nur einen k&amp;uuml;rzeren Text f&amp;uuml;r einen Wettbewerb geschrieben. Ansonsten: leeres Gedankenkreisen.&lt;br /&gt;
	Seit ein paar Wochen sitze ich nun endlich wieder an etwas, das sich zu etwas Gr&amp;ouml;&amp;szlig;erem entwickeln k&amp;ouml;nnte. Aber man wei&amp;szlig; ja nie. Auch &lt;em&gt;Wei&amp;szlig;e Stunde&lt;/em&gt; hat viel Zeit in verschiedenen Schubladen verbracht, und zwischendurch war ich mir nicht einmal sicher, ob ich es jemals fertigschreiben w&amp;uuml;rde. Daher bin ich auch bei dem neuen Roman auf eine l&amp;auml;ngere Reise eingestellt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;K.A.:&lt;/strong&gt; Wenn schreiben f&amp;uuml;r Sie auch ein Weg zu sich selbst ist, wie Sie eben gesagt haben, w&amp;uuml;rden Sie es dennoch als Beruf bezeichnen oder ist es eher ein innerer Zwang?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Scheibe:&lt;/strong&gt; Es w&amp;auml;re sch&amp;ouml;n, wenn ich das literarische Schreiben als Beruf bezeichnen k&amp;ouml;nnte, denn dann k&amp;ouml;nnte ich ja auch davon leben. Leider bin ich (noch) nicht so weit und werde es wom&amp;ouml;glich auch niemals sein. Um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, muss ich andere Schreibauftr&amp;auml;ge annehmen, die erst einmal nichts mit &amp;raquo;meinem Schreiben&amp;laquo; zu tun haben. Aber ich will nicht jammern. Ich denke, f&amp;uuml;r mich ist das ganz in Ordnung so. Ich vermute sogar, dass der Druck, vom literarischen Schreiben leben zu m&amp;uuml;ssen, meiner Kreativit&amp;auml;t abtr&amp;auml;glich sein w&amp;uuml;rde. Aber vielleicht denke ich mir auf diese Weise meine Lebenslage, die ich ja mit sehr vielen anderen Autoren in Deutschland teile, auch nur sch&amp;ouml;n.&lt;br /&gt;
	Nun aber zu Ihrer eigentlichen Frage: Ja, f&amp;uuml;r mich ist das Schreiben eindeutig innerer Zwang. Wenn ich nicht schreibe, f&amp;uuml;hle ich mich unausgeglichen, um es mal milde zu formulieren. Daher ist es besser, wenn ich mich regelm&amp;auml;&amp;szlig;ig hinsetze, egal ob dabei am Ende nur etwas f&amp;uuml;r die Schublade oder f&amp;uuml;r den Buchmarkt herauskommt.&lt;br /&gt;
	&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;Florian Scheibe (Foto: © Birgit Krause)&quot; src=&quot;/sites/default/files/2012/Portr%C3%A4t_Scheibe.jpg&quot; style=&quot;border-bottom: 0px solid; border-left: 0px solid; margin: 5px 20px; width: 110px; float: right; height: 150px; border-top: 0px solid; border-right: 0px solid&quot; title=&quot;Florian Scheibe (Foto: © Birgit Krause)&quot; /&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;&lt;a href=&quot;http://www.florianscheibe.de/&quot;&gt;Florian Scheibe&lt;/a&gt;,&lt;/strong&gt; geboren 1971 in M&amp;uuml;nchen, studierte Kulturwissenschaft und Geschichte in Bremen und Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Anschlie&amp;szlig;end arbeitete er unter anderem als Regieassistent, wissenschaftlicher Mitarbeiter und als Lektor. Inzwischen lebt er als freier Autor in Berlin. 2012 erschien sein Deb&amp;uuml;troman &lt;/em&gt;&lt;a href=&quot;http://www.luftschacht.com/index.php?id=268&amp;amp;tt_products[product]=94&quot;&gt;Wei&amp;szlig;e Stunde&lt;/a&gt;&lt;em&gt; im Wiener &lt;a href=&quot;http://www.luftschacht.com/&quot;&gt;Luftschacht Verlag&lt;/a&gt;.&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
	&lt;span style=&quot;font-size: 12px&quot;&gt;&amp;nbsp;&lt;br /&gt;
	Foto: &amp;copy; Birgit Krause.&lt;/span&gt;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/mit-sizilien-wird-der-ausnahmezustand-gewisserma%C3%9Fen-von-anfang-gesetzt#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-portr%C3%A4t-interview">Literatur - Porträt &amp; Interview</category>
 <pubDate>Tue, 02 Oct 2012 10:55:00 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Benedikt Viertelhaus</dc:creator>
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 <title>»Zwischen zwei Welten« - Neuerkundungen im Werk des Schriftstellers, Reporters und Seefahrers Heinrich Hauser.</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BBzwischen-zwei-welten%C2%AB-neuerkundungen-im-werk-des-schriftstellers-reporters-und-seefahrers-0</link>
 <description>&lt;p&gt;Ein erfolgreicher Schriftsteller, dessen scharfe Beobachtungsgabe und humanistische &amp;Uuml;berzeugung ihn ganz selbstverst&amp;auml;ndlich zur offenen Kritik an der Naziherrschaft treiben, mu&amp;szlig; seine Heimat verlassen und in die USA emigrieren. Seine Frau und die beiden Kinder sind bereits in New York. Die Frau arbeitet in einem Warenhaus, er &amp;uuml;bernimmt den Haushalt, kauft aus Geldmangel Schlachtabf&amp;auml;lle, an denen die Familie fast stirbt.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;Heinrich Hauser&quot; src=&quot;/sites/default/files/u89/hauser_4_2.jpg&quot; style=&quot;width: 200px; float: left; height: 256px&quot; /&gt;&lt;br /&gt;
	Doch das Ganze nimmt eine au&amp;szlig;erordentliche Wendung. Gerade als das Ehepaar bereit ist, den letzten Halt, einander n&amp;auml;mlich, aufzugeben, um vielleicht &amp;uuml;ber neue Beziehungen den Kindern eine Zukunft zu sichern, pr&amp;auml;sentiert das Schicksal einen deus ex machina: einen Verleger, der die d&amp;uuml;steren Texte des gehetzten Europ&amp;auml;ers ver&amp;ouml;ffentlicht. Geld kommt ins Haus, und der intellektuelle Familienvater beschlie&amp;szlig;t etwas Ungeheures ...&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Heinrich Hauser (1901-1955) schrieb Romane, Reiseb&amp;uuml;cher und Firmenschriften. 1938 emigrierte er in die USA, wo er sich als Autor, &amp;Uuml;bersetzer und Farmer durchschlug. Aus dieser Zeit stammen die Ver&amp;ouml;ffentlichungen aus dem Nachla&amp;szlig;, die in &lt;em&gt;Sinn und Form&lt;/em&gt;, der &lt;em&gt;Kritischen Ausgabe&lt;/em&gt; und dem Weidle Verlag in diesem Fr&amp;uuml;hjahr erschienen sind. Diesen Texten und dem Werdegang des Autors ist der Abend gewidmet. Seine im Rahmen von Ruhr.2010 wiederaufgelegte Ruhrgebietsreportage &amp;raquo;Schwarzes Revier&amp;laquo; konnte bereits ein breites Publikum f&amp;uuml;r den bis dahin fast vergessenen Autor gewinnen. Die nun erstmalig ver&amp;ouml;ffentlichten Texte zeigen die Breite seines Schaffens.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;	&lt;em&gt;Dienstag, 02. 10. 2012, 20:30 Uhr&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Buchh&amp;auml;ndlerkeller&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
	&lt;em&gt;Carmerstr.1&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;10623 Berlin-Charlottenburg&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Der Eintritt 3,-/5,- Euro&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BBzwischen-zwei-welten%C2%AB-neuerkundungen-im-werk-des-schriftstellers-reporters-und-seefahrers-0#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/gesamt/redaktion">Redaktion</category>
 <pubDate>Wed, 26 Sep 2012 07:39:44 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Benedikt Viertelhaus</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4862 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
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 <title>Der Stephen King-Roman in der Hegel-Gesamtausgabe, Band drei</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/der-stephen-king-roman-der-hegel-gesamtausgabe-band-drei</link>
 <description>&lt;p&gt;Dass mit dem Besitz von B&amp;uuml;chern ein Distinktionsgewinn verbunden ist, wei&amp;szlig; jeder &amp;ndash; zumindest jeder, der B&amp;uuml;cher hat. Wenn man sich gerade durch einen Gedichtband von Celan oder den neuen Danielewski hindurchgequ&amp;auml;lt hat, dann hat es etwas &amp;uuml;beraus Befriedigendes, sich von anderen gebildeten Mitmenschen die eigene Leseerfahrung gewisserma&amp;szlig;en zertifizieren zu lassen, indem man beil&amp;auml;ufig das gelesene Buch aus der Umh&amp;auml;ngetasche herausschimmern oder es noch eine Weile auf dem K&amp;uuml;chentisch oder anderswo liegen l&amp;auml;sst, wo seine Existenz fr&amp;uuml;her oder sp&amp;auml;ter auff&amp;auml;llt. Die physische Pr&amp;auml;senz des Buchs spielt dabei eine nicht zu untersch&amp;auml;tzende Rolle.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Eine gewisse Zerlesenheit, ein leicht durchgebogener Buchr&amp;uuml;cken, leicht geknickte Seiten, ein feiner Abrieb am Einband erh&amp;ouml;hen die Authentizit&amp;auml;t des Artefakts und damit auch die des eigenen Leseerlebnisses. Es versteht sich nat&amp;uuml;rlich von selbst, dass nicht alle B&amp;uuml;cher sich daf&amp;uuml;r gleich gut eignen: Einen gerade durchschm&amp;ouml;kerten Roman von Diana Gabaldon l&amp;auml;sst man vielleicht weniger offensichtlich herumliegen (zumindest wenn man gerade unter Geisteswissenschaftlern ist).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Geh&amp;ouml;rt die oben beschriebene Pr&amp;auml;sentierlust zu den kleinen Eitelkeiten, derer sich vielleicht jeder schon einmal schuldig gemacht hat, der je aus freiem Willen ein Buch las, so meinen es jedoch viele B&amp;uuml;cherbesitzer in der Bundesstadt Bonn mit der Bedeutsamkeit des bereits Gelesenen wesentlich ernster. Dies wird jedem klar, der, am besten abends, durch die Stra&amp;szlig;en der Bonner S&amp;uuml;dstadt streift. Vielfach sind diese bedeutungsschwanger nach Dichtern und Denkern benannt: Namen wie Goethestra&amp;szlig;e, Heinrich-von-Kleist-Stra&amp;szlig;e oder Lessingstra&amp;szlig;e legen es Wohnungssuchenden ja bereits nahe, dass man sich hier lieber nur ansiedeln m&amp;ouml;ge, wenn man des Lesens m&amp;auml;chtig ist &amp;ndash; und zwar nicht, um etwa Disneys Bunte Taschenb&amp;uuml;cher zu lesen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wer nun hier in der Dunkelheit den Kopf hebt, dessen Blick wird unweigerlich auf die hohen Fenster der pr&amp;auml;chtigen Altbauwohnungen gelenkt: Mit einiger Raffinesse sind die Zimmer angenehm ausgeleuchtet. Mal h&amp;auml;ngen schwere uralte L&amp;uuml;ster von der Decke, in denen sich das Licht in unz&amp;auml;hligen Bleikristallen verspielt bricht, mal verbreiten avantgardistische Deckenfluter ein, je nach Geschmack, romantisch gedimmtes oder aufkl&amp;auml;rerisch-glei&amp;szlig;endes Licht. Die Bewohner, all jene Doktoranden, Privatdozenten, Professoren und sonstigen Akademiker zum einen, die die N&amp;auml;he zur Universit&amp;auml;t sch&amp;auml;tzen, und zum anderen Referenten der Ministerien und Verb&amp;auml;nde oder Mitarbeiter internationaler Organisationen, die es von hier aus auch nicht weit zur Arbeit haben, die Bewohner all dieser Schauk&amp;auml;sten also bleiben unsichtbar; nur hin und wieder stellt man sich in heiterer Runde, Wein trinkend mit Freunden oder auch zu sp&amp;auml;ter n&amp;auml;chtlicher Stunde noch am PC arbeitend, ein wenig selbst aus.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das eigentliche Ziel der Blicklenkung in diese Wohnwelten jedoch ist etwas ganz anderes: die Pr&amp;auml;sentation der B&amp;uuml;cherregale. Hoch ragen sie auf, oft fast bis unter die Decke, so dass wohl eine B&amp;uuml;cherleiter notwendig sein wird, um die oberen Reihen zu erreichen. Oft f&amp;uuml;llen sie einen ganzen Raum aus. Selbstverst&amp;auml;ndlich haben wir es hier nicht mit Billys oder anderen schwedischen Fast Food-M&amp;ouml;beln zu tun: Wenn sie &amp;uuml;berhaupt in einem Katalog zu finden sind, dann im Manufactum-Katalog. Viel wahrscheinlicher aber ist jedes dieser Regale ein individuelles zimmerm&amp;auml;nnisches Produkt, das extra gem&amp;auml;&amp;szlig; den ganz speziellen Bed&amp;uuml;rfnissen der B&amp;uuml;cher und ihres Besitzers gerfertigt wurde. Dunkles Holz &amp;uuml;berwiegt dabei, auch wenn in den R&amp;auml;umen mit dem helleren Licht interessanterweise oft auch hellere H&amp;ouml;lzer oder gar wei&amp;szlig;e Lackierungen anzutreffen sind (hier h&amp;auml;ngen neben den Regalen manchmal auch moderne abstrakte Gem&amp;auml;lde an der Wand, deren Motiv ebenfalls schon von der Stra&amp;szlig;e aus sehr gut erkennbar ist).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;Uuml;ber die Bef&amp;uuml;llung der B&amp;uuml;cherregale kann man aus der Entfernung naturgem&amp;auml;&amp;szlig; kaum etwas sagen. Es ist aber doch auff&amp;auml;llig, dass sehr viele einander &amp;auml;hnliche Buchr&amp;uuml;cken zu sehen sind, was&lt;br /&gt;
	auf eine hohe Dichte von Werkausgaben schlie&amp;szlig;en l&amp;auml;sst. Und gerade diese scheinen oft lederne Einb&amp;auml;nde zu haben, oft mit goldenen Pr&amp;auml;gungen (geschickt zum Erstrahlen gebracht durch Leuchten, die am oberen Teil der Regale angebracht sind), was den Schlu&amp;szlig; nahelegt, dass dies entweder s&amp;uuml;ndhaft teure antike Ausgaben sind &amp;ndash; oder aber s&amp;uuml;ndhaft teure Faksimiles. Kaum &amp;uuml;berrascht es noch, dass diese schon von der Stra&amp;szlig;e aus erkennbaren Zeugnisse humanistischer Bildung vor allem in den Wohnungen mit Kronleuchtern und dunklerem Holz zu sehen sind; in den Zimmern mit der besonders hellen Beleuchtung und den wei&amp;szlig;en Regalen dagegen meint man des &amp;ouml;fteren auch Reihungen von B&amp;uuml;chern mit moderneren Einb&amp;auml;nden zu erkennen, aus Hochglanzpapier oder gar aus Kunststoff. Gerade letztere lassen vermuten, dass sie vielleicht eher naturwissenschaftliche oder juristische Textsammlungen enthalten.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Vielf&amp;auml;ltige Einblicke&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Nat&amp;uuml;rlich gibt es auch noch ganz andere Wohnungen, in denen B&amp;uuml;cherregale zu sehen sind: Bonn ist schlie&amp;szlig;lich eine Studentenstadt, und so kann man auch in vielen Wohnungen, die nicht ganz so sch&amp;ouml;n sind oder nicht ganz so hohe Decken haben B&amp;uuml;cherregale ersp&amp;auml;hen. Dies sind dann tats&amp;auml;chlich meistens Billys. Die freien Wandfl&amp;auml;chen daneben sind meist eher von Filmplakaten bedeckt. Ein klassisches Motiv ist zum Beispiel ein Szenenfoto aus Pulp Fiction in Schwarzwei&amp;szlig;, auf dem John Travolta und Samuel L. Jackson ihre Pistolen gez&amp;uuml;ckt haben. Das monatliche Einkommen mag zwar noch nicht ausreichen, um in gr&amp;ouml;&amp;szlig;eren Mengen B&amp;uuml;cher mit Ledereinb&amp;auml;nden zu kaufen, Werkausgaben sind gleichwohl auch hier schon sehr beliebt, auch wenn es in vielen F&amp;auml;llen eher noch die gesammelten Werke von Joanne K. Rowling sind.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Was alle B&amp;uuml;cherregale gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass sie hervorragend von au&amp;szlig;en sichtbar sind. Die Akkumulation von Wissen, das ist ganz klar, ist prestigetr&amp;auml;chtig, unabh&amp;auml;ngig davon, ob es sich um internalisiertes Wissen handelt oder um noch zu internalisierendes (letzteres wird ja gerne, mit zunehmend aus dem Ruder geratender Work-Life-Balance, ins eigene Rentenalter projiziert).&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wenn ich in einer der sch&amp;ouml;nen Gr&amp;uuml;nderzeitwohnungen wohnen w&amp;uuml;rde, ich w&amp;uuml;rde sicherlich auch nicht z&amp;ouml;gern, mir ein exklusives Regal in einen der gut einsehbaren stra&amp;szlig;enseitigen R&amp;auml;ume zimmern zu lassen. Die prachtvollen Reihen mit den Lederb&amp;auml;nden bieten au&amp;szlig;erdem noch einen ganz anderen Vorteil: Bonn, vielleicht nicht allzu vielen bekannt, ist auch Medienstadt. Vor allem ist hier Phoenix ans&amp;auml;ssig, der wahrscheinlich langweiligste Fernsehsender Deutschlands, der dennoch nat&amp;uuml;rlich unverzichtbar ist zur Weiterentwicklung der Mediendemokratie. Ein solcher Informationskanal nun, der rund um die Uhr Sendungen zu Politik, Wirtschaft und Wissenschaft anbietet, braucht zum Ausf&amp;uuml;llen seiner Formate nat&amp;uuml;rlich immer wieder jene menschliche Ressource, die sowohl kosteng&amp;uuml;nstig wie auch &amp;ndash; in einer Stadt wie Bonn &amp;ndash; in inflation&amp;auml;rem Ma&amp;szlig;e vorhanden ist: Experten. Gerne werden diese von einem kleinen Kamerateam zu Hause besucht und interviewt; und wenn die Aufnahmeleitung dann &amp;uuml;berlegt, was sich denn am besten als Bildhintergrund f&amp;uuml;r die monologisierende Koryph&amp;auml;e eignen k&amp;ouml;nnte, ist die L&amp;ouml;sung meist schnell gefunden: die B&amp;uuml;cherwand der heimischen Bibliothek &amp;ndash; dadurch erscheint schlie&amp;szlig;lich auch dem zuschauenden Laien das Expertentum des Befragten direkt offensichtlich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Um f&amp;uuml;r meine pers&amp;ouml;nliche 15-min&amp;uuml;tige Ber&amp;uuml;hmtheit gewappnet zu sein &amp;ndash; das Phoenix-Team k&amp;ouml;nnte doch jederzeit klingeln, auch bei mir, dem Experten f&amp;uuml;r B-Filme der 80er Jahre &amp;ndash; werde also auch ich mir sobald wie m&amp;ouml;glich mindestens eine wirklich repr&amp;auml;sentative B&amp;uuml;cherwand anschaffen. Kopfzerbrechen macht mir dabei nur das Bef&amp;uuml;llen der Regale: Ihr jetziger Inhalt ist alles andere als prestigetr&amp;auml;chtig. Zwar habe ich auch das eine oder andere als wichtig geltende Buch gelesen, die Mehrheit bildet aber eine krude Melange aus J. R. R. Tolkien, Stephen King und verschiedenen Werken, die man der Popliteratur zurechnen mag &amp;ndash; nichts, was man im Bildhintergrund haben m&amp;ouml;chte, wenn man gerade auf seinem Brillenb&amp;uuml;gel herumkaut und der jungen Journalistin die Welt erkl&amp;auml;rt. Was also ist zu tun? Man k&amp;ouml;nnte in ein Antiquariat gehen und einen Gro&amp;szlig;einkauf machen: &amp;raquo;Einmal die Manns, Goethe, Heidegger und Hegel komplett, bitte, mit Briefen und Tageb&amp;uuml;chern. In Leder und mit Goldschnitt, wenn&amp;#39;s geht.&amp;laquo; Etwas aber st&amp;ouml;rt mich an dieser Vorstellung, und das ist zugegebenerma&amp;szlig;en der Preis.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Die Attrappe&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Aber es gibt noch eine andere M&amp;ouml;glichkeit. Wenn ich (mit zumeist weiblicher Begleitung) in einem Ikea-Einrichtungshaus einkaufen gehe, wissen mich die dort arrangierten Wohnwelten immer nur f&amp;uuml;r begrenzte Zeit zu begeistern. Ich streife dann irgendwann meist ziellos zwischen den k&amp;uuml;nstlichen Zimmern umher, und fr&amp;uuml;her oder sp&amp;auml;ter bleibt mein Blick an B&amp;uuml;cherregalen h&amp;auml;ngen: Darin stehen B&amp;uuml;cher, die gar keine B&amp;uuml;cher sind; die gar keine Seiten enthalten; die eigentlich nur Papph&amp;uuml;llen sind, aber bedruckt mit Verfassernamen und Titeln &amp;ndash; und die bisweilen t&amp;auml;uschend echt wirken, solange man sie nicht aus dem Regal holt. Das eine oder andere Mal bin ich schon darauf hereingefallen und habe eins der B&amp;uuml;cher herausgenommen, in kindlicher Weise unendlich entt&amp;auml;uscht &amp;uuml;ber die Leere des bl&amp;ouml;den K&amp;auml;stchens. Aber vielleicht w&amp;auml;ren diese Potemkinschen B&amp;uuml;cherfassaden f&amp;uuml;r meine Zwecke genau das Richtige? Wie schnell lie&amp;szlig;en sich gleich mehrere B&amp;uuml;cherw&amp;auml;nde mit dieser aufgeplusterten Zellulose vollstopfen!&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Leider tragen diese Pseudob&amp;uuml;cher meistens vollkommen nichtssagende Titel, ja, in den meisten F&amp;auml;llen scheinen es gar keine real existierenden Titel oder Autoren zu sein (was mich zu dem interessanten Gedanken f&amp;uuml;hrt, wie es w&amp;auml;re &amp;uuml;ber diese nicht existenten B&amp;uuml;cher Rezensionen zu schreiben, worin es Jorge Luis Borges ja zu wahrer Meisterschaft gebracht hat, aber das w&amp;uuml;rde an dieser Stelle wohl zu weit f&amp;uuml;hren). Ob wohl in der Pseudobuchdruckerei von Ikea schon einmal jemand auf die Idee gekommen ist, en gros repr&amp;auml;sentativ wirkende Buchh&amp;uuml;llen mit Werken der Weltliteratur und der Geisteswissenschaften zu produzieren? Ich bin mir sicher, der Markt daf&amp;uuml;r ist vorhanden. Meine ganze Wohnung w&amp;uuml;rde ich mir damit vollstellen. Wenn diese H&amp;uuml;llen gro&amp;szlig; genug w&amp;auml;ren, k&amp;ouml;nnte ich au&amp;szlig;erdem die B&amp;uuml;cher, die ich tats&amp;auml;chlich besitze (und zu einem respektablen Teil auch gelesen habe) geschickt darin platzieren &amp;ndash; ansonsten m&amp;uuml;sste ich sie ja im Keller lagern, zumindest w&amp;auml;hrend das Fernsehteam zu Gast ist. In diesem Fall m&amp;uuml;sste ich nat&amp;uuml;rlich alle Pseudob&amp;uuml;cher mit einem Signatursystem versehen, um nicht den &amp;Uuml;berblick zu verlieren und stets zu wissen, dass der Stephen King-Roman in der Hegel-Gesamtausgabe, Band drei steckt, der Herr der Ringe im Zauberberg, und so weiter und so fort. Wie selbstsicher s&amp;auml;&amp;szlig;e ich in meinem Lehnsessel vor der Kamera und dozierte &amp;uuml;ber die Fortschrittskritik in Angriff der Killerbienen! Und wie gen&amp;ouml;sse ich es, abends durchs Fenster die Menschen auf der Stra&amp;szlig;e zu sehen, die zu mir emporblicken und denken w&amp;uuml;rden &amp;raquo;Mann, hat der viele B&amp;uuml;cher! Ob der die alle gelesen hat?&amp;laquo;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/der-stephen-king-roman-der-hegel-gesamtausgabe-band-drei#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/kontroverse/winkelz%C3%BCge">Winkelzüge</category>
 <pubDate>Tue, 25 Sep 2012 07:57:55 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Tim Kangro</dc:creator>
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 <title>Herr Frantz versteht die Welt nicht mehr</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/herr-frantz-versteht-die-welt-nicht-mehr-0</link>
 <description>&lt;p&gt;Endlich mal wieder einer, der sich etwas traut! Einer, der einen Roman vorlegt, der exemplarisch f&amp;uuml;r eine Stadt und eine Zeit zu sein beansprucht! Einer, der mehr will als einfach nur eine Geschichte auf sch&amp;ouml;ne Weise zu erz&amp;auml;hlen, sondern es mit den Erz&amp;auml;hlverfahren der Klassischen Moderne aufnimmt! Ein solcher ist Helmut Kuhns Roman &lt;em&gt;Gehwegsch&amp;auml;den&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Und weil der Berliner Journalist und Autor (*1962) seinen zweiten Roman in der gleichen Gegend ansiedelt, im Text oft darauf anspielt und auch, weil dadurch vielleicht deutlicher wird, warum er so eklatant unter seinen M&amp;ouml;glichkeiten bleibt, soll &lt;em&gt;Gehwegsch&amp;auml;den &lt;/em&gt;vor der Folie von D&amp;ouml;blins &lt;em&gt;Berlin Alexanderplatz &lt;/em&gt;gelesen werden. Das ist ein hoher Gradmesser, aber er erleichtert es, Kuhns Roman zu beschreiben und einzuordnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und tats&amp;auml;chlich, die Analogien zur &lt;em&gt;Geschichte vom Franz Biberkopf&lt;/em&gt; sind deutlich. Protagonist und Epizentrum des Romans ist Thomas Frantz, ein alternder Journalist, der sich mehr schlecht als recht durchs Leben schl&amp;auml;gt. Er ist in der Krise in einer Zeit der Krise, er mag die Welt nicht mehr, denn sie ist ungerecht, aber er hat sich mit ihr abgefunden. Sein Schicksal hat exemplarischen Charakter. (F&amp;uuml;r einen Moment scheint es sogar, als wolle sich der moritatenhaft-&amp;uuml;berlegene Erz&amp;auml;hlerton, den man von D&amp;ouml;blin kennt, auch hier einschleichen: &amp;raquo;Eine Disziplin braucht der Mensch, Frantz, eine Disziplin und eine Ordnung. Steh auf Frantz, tue endlich etwas und sch&amp;ouml;pfe Hoffnung f&amp;uuml;r den Tag!&amp;laquo; Aber das verliert sich leider.) Auch der Titel &lt;em&gt;Gehwegsch&amp;auml;den&lt;/em&gt; ist exemplarisch: &amp;raquo;Das Wort bedeutet, es wird hier nichts mehr repariert: Wir haben resigniert, wir haben uns abgefunden.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Die einen stehen im Schatten, die andern stehen im Licht.&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch hier folgt der Leser dem Protagonisten auf seinen Wegen durch das zeitgen&amp;ouml;ssische Berlin und lernt, wie es zugeht in der Welt: &amp;raquo;Dem einen gehts grade, dem andern gehts krumm, widebum widebum&amp;laquo; (D&amp;ouml;blin). Frantz geht es krumm. Doch das liegt nicht etwa an &lt;em&gt;seiner&lt;/em&gt; Hybris, sondern an der &lt;em&gt;Hybris der Welt&lt;/em&gt;. Denn diese Welt ist geteilt in zwei H&amp;auml;lften. Die eine wird bev&amp;ouml;lkert von Leuten wie Thomas Frantz und seinen Freunden: aufrichtigen und sozial gesinnten, aber in prek&amp;auml;ren Verh&amp;auml;ltnissen lebenden Kreativen, die versuchen, irgendwie den Kopf &amp;uuml;ber Wasser zu halten und sich auf die Gegebenheiten einzustellen. Die andere H&amp;auml;lfte ist das Reich des B&amp;ouml;sen, der &amp;raquo;Heuschrecken&amp;laquo; (142) und &amp;raquo;Ratten&amp;laquo; (231), der &amp;raquo;Konzerne&amp;laquo; (186), der &amp;raquo;Dreckschweine&amp;laquo; (285) und &amp;raquo;W&amp;uuml;rger&amp;laquo; (316), kurzum: der &amp;raquo;Herren&amp;laquo; vieler &amp;raquo;Knechte&amp;laquo; (340). Das ist ein ziemlich schlichtes manich&amp;auml;isches Denken. Es kennt nur Licht und Dunkel. Doch wie Franz Biberkopf ist auch Thomas Frantz nicht gut im Reflektieren &amp;ndash; anders als jener glaubt er das aber zu sein. Und weil es nicht reicht, dass er das glaubt, bestimmt dieses Denken den Roman vom Anfang bis zum Ende. Immer wieder das Mantra des Materialismus: Die einen stehen im Schatten, die andern stehen im Licht. Und das Schlimmste: Die im Lichte sieht man nicht! &amp;ndash; Mit einer D&amp;ouml;blinschen Formulierung wird auf die Frage, was Thomas Frantz dahin treibt, &amp;raquo;wo immer er glaubt, das Gute und Richtige zu sehen&amp;laquo;, geantwortet: &amp;raquo;etwas stellt ihm ein Bein, immer wieder.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dieses Etwas ist nicht mehr sichtbar. Wer Herr ist und wer die Dunkelm&amp;auml;nner der Konzerne, wer also daf&amp;uuml;r sorgt, dass sein Leben ist wie es ist, Thomas Frantz sieht sie nicht und kann sie nicht bek&amp;auml;mpfen. Er sieht sie nicht und er f&amp;uuml;hlt nur Leere. Denn in der Liebe, da ist es auch nicht besser: Die Freundin zu alt f&amp;uuml;r Kinder, die h&amp;uuml;bsche Doktorandin wegen des &amp;raquo;Brachialegoismus&amp;laquo; (361) ihrer Generation nicht interessiert. Sein ganzes Leben schon ist er in der Krise. Bis zum Ende des Romans wird er es sein. Vielleicht tut sich etwas am Ende, etwas in Richtung Umsturz. Vermutlich aber nicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Dilemma des Textes ist nicht die Weltsicht seines Protagonisten, sondern der Umstand, dass es nur diese eine Perspektive gibt. Anders als bei D&amp;ouml;blins Text, in dem eine Vielzahl an Stimmen und Sprachregistern mittels Montage zu einem &amp;uuml;beraus komplexen Bild seiner Zeit zusammengef&amp;uuml;gt wird, dienen die vielfach eingestreuten biographischen Schnappsch&amp;uuml;sse, technischen Daten und Nachrichtensequenzen in &lt;em&gt;Gehwegsch&amp;auml;den&lt;/em&gt; nur als F&amp;uuml;llmaterial f&amp;uuml;r das immer gleiche depressive Erz&amp;auml;hlschema: Die Welt ist schlecht, denn sie ist materialistisch strukturiert und gibt nur denen, die eh schon haben. Das ist erkennbar das alte sentimentalische Modell, das Moderne als Verlust erz&amp;auml;hlt, als Deformierung des Einzelnen durch &amp;uuml;berlegene M&amp;auml;chte, seine Rationalisierung als Marktware. Und nat&amp;uuml;rlich: Fr&amp;uuml;her war es besser. Es ist ein bisschen wenig, wenn das alles sein sollte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Dilemma des Textes ist also, dass das Material, das aufgeh&amp;auml;uft wird, ganz auf den Protagonisten hin perspektiviert wird, und dass dessen Perspektive die Makro- und Mikro-Struktur des Textes bildet &amp;ndash; immerhin mehr als 400 Seiten lang. Das Dilemma ist nicht das etwas Gutmenschige und Larmoyante der Figur und ist auch nicht das im starken Sinne engagierte Moment des Romans. Sein Inhalt &amp;ndash; Leben und Das-Leben-Anderer-Beobachten in prek&amp;auml;ren Zeiten &amp;ndash; ist vielversprechend. Seine Form vereitelt alle seine M&amp;ouml;glichkeiten. Deshalb &amp;auml;rgert der Roman, anstatt zu packen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Ein Roman f&amp;uuml;r Leser, die lesen wollen, was sie immer schon gewusst haben&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Man k&amp;ouml;nnte nun einwenden, dass die Figur doch gerade dieses depressive Muster durchbrechen soll, eine Art Krisis medizinischer Art durchl&amp;auml;uft, um am Ende gel&amp;auml;utert und gest&amp;auml;rkt ein neues Leben zu beginnen. Und in der Tat hat der Text da seine besten Momente, wo er die gewaltsame, weil deterministische Erz&amp;auml;hllogik hinter sich zu lassen scheint und etwa vom Beinahe-Tod erz&amp;auml;hlt und da f&amp;uuml;r einen Augenblick die entt&amp;auml;uschend konventionelle personale Erz&amp;auml;hlweise &amp;uuml;bersteigt. Der nun beim Vornamen genannte Protagonist scheint durch eine Bauchspeicheldr&amp;uuml;senerkrankung und das Alkoholverbot wirklich verwandelt und geht aufs Neue auf die Suche. Neben einer neuen Liebe k&amp;ouml;nnte ja vielleicht die Kunst herhalten als &amp;raquo;unschuldiger&amp;laquo; Ort. Und tats&amp;auml;chlich nimmt er Teil an einer Art Guerillaaktion gegen die Farblosigkeit des Alltags, bei der auf einer Berliner Kreuzung Farbe versch&amp;uuml;ttet wird. Die Aktion wird ein Erfolg, die Teilnehmer liegen sich gl&amp;uuml;cklich in den Armen. Selbst die von Thomas Frantz gehasse digitale Boh&amp;egrave;me ist von ihrern Latte Macchiatos aufgesprungen und zeigt sich begeistert. Aber, schlimm, sie kehren zur&amp;uuml;ck und speisen die Aktion in soziale Netzwerke ein und betrachten sie dort. Und, noch schlimmer, die Doktorandin, bei der er nicht landet, zeigt ihm sp&amp;auml;ter einen Internetfilm von der Aktion und kl&amp;auml;rt ihn auf: &amp;raquo;N&amp;auml;chste Woche wird der Clip ins Netz gestellt. Auf YouTube. [...] Nat&amp;uuml;rlich kommt noch Werbung dazu. [...] Darum geht es doch. Es ist ein Turnschuh. [...] Wir rechnen mit Millionen Hits. Das wird einschlagen wie eine Bombe, und der Turnschuh verkauft sich wie geschnitten Brot.&amp;laquo; Oh mein Gott. Denkt nicht nur Thomas Frantz. Denkt auch der Leser. Aus dem Erz&amp;auml;hlschema gibt es kein Entrinnen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;Helmut Kuhn: &amp;quot;Gehwegschäden&amp;quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u89/24105_DE_Cover_Kuhn_Internet.jpg&quot; style=&quot;width: 200px; float: right; height: 316px&quot; /&gt;Das, was &lt;em&gt;Berlin Alexanderplatz&lt;/em&gt; zu einem solchen Feuerwerk macht, das fehlt dem Roman von Helmut Kuhn: Er verf&amp;uuml;gt nicht &amp;uuml;ber ein Narrativ, das ihm erlaubt, viele Stimmen sprechen zu lassen. Wo bei D&amp;ouml;blin ein &amp;uuml;berlegener, ironisch-didaktisierender Erz&amp;auml;hler die Geschichte des Franz Biberkopf pr&amp;auml;sentiert und durch die Mythisierung Berlins als eines modernen Babylon die Grundlage f&amp;uuml;r ein polyphones Sprach-Spiel bietet, lastet bei Kuhn die Macht der Verh&amp;auml;ltnisse auf allen Episoden. Ob im Wettb&amp;uuml;ro oder bei einem Kabbala-Seminar, ob bei einem Street-Worker oder beim Besuch eines von Investoren &amp;uuml;bernommenen und als Luxus-Anwesen umgebauten DDR-Geb&amp;auml;udes &amp;ndash; immer wird der Nachweis der krisenhaften Gegenwart gef&amp;uuml;hrt (was &amp;uuml;brigens eine gewisse Sahra Wagenknecht zu &lt;a href=&quot;http://www.3sat.de/page/?source=/buchzeit/157440/index.html&quot;&gt;einer Eloge auf das Buch&lt;/a&gt; veranlasst hat). Wer so an den Verh&amp;auml;ltnissen und seinem starren Erz&amp;auml;hlschema klebt, gibt dem Text keinen erz&amp;auml;hlerischen Freiraum, tilgt jede Distanz zum erz&amp;auml;hlten Stoff, unterbindet damit auch jedes spielerische Element. Es ist ein Roman f&amp;uuml;r Leser, die lesen wollen, was sie immer schon gewusst haben. F&amp;uuml;r alle, die mehr von einem Roman erwarten, ist er entt&amp;auml;uschend und zerm&amp;uuml;rbend. Und doch: der hohe Anspruch, den der Text an sich stellt, ist begr&amp;uuml;&amp;szlig;enswert. Besser auf solche Weise scheitern als auf billige Weise siegen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Helmut Kuhn: Gehwegsch&amp;auml;den. &amp;nbsp;Roman. Frankfurt: Frankfurter Verlagsanstalt, 2012. 439 Seiten. ISBN 978-3-627-00180-3. 22,90 Euro.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Tue, 18 Sep 2012 08:33:09 +0000</pubDate>
 <dc:creator>N. N.</dc:creator>
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 <title>Die »Sfäre der Poesie« in der DDR und wie man sie findet</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/die-%C2%BBsf%C3%A4re-der-poesie%C2%AB-der-ddr-und-wie-man-sie-findet-0</link>
 <description>&lt;p&gt;&amp;raquo;A. Ist jetzt tot.&amp;laquo;&amp;nbsp; &amp;ndash; Dieser Satz durchzieht das neueste Buch Barbara Honigmanns, &lt;em&gt;Bilder von A.&lt;/em&gt;, wie ein immer wiederkehrendes Mantra. Als m&amp;uuml;sse sich die Erz&amp;auml;hlerin, eine junge Frau in Ost-Berlin, immer wieder in Erinnerung rufen, dass dieses St&amp;uuml;ck ihrer Vergangenheit, dass A., wirklich existierte.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&amp;raquo;A. Ist jetzt tot.&amp;laquo; Die Bedeutung dieser kurzen Phrase changiert, je weiter die Geschichte um ein junges Liebespaar fortschreitet. Von der Endg&amp;uuml;ltigkeit, dem Schmerz des Verlustes, bis zum schlie&amp;szlig;lich friedlichen Einsehen und Verstehen. Barbara Honigmanns Erz&amp;auml;hlerin erz&amp;auml;hlt die Geschichte ihrer Liebe zu dem bekannten Theaterregisseur A. im R&amp;uuml;ckblick. Episodenhaft und anfangs ein wenig stockend, entfaltet sich vor dem Leser eine Geschichte, die auf den ersten Blick wie eine zwar aufregende und unkonventionelle Liebesaff&amp;auml;re scheint, sich jedoch nach und nach noch eine andere Ebene entwickelt, die sich unmerklich in den Vordergrund schiebt und eine viel gr&amp;ouml;&amp;szlig;ere Bedeutung gewinnt als die allm&amp;auml;hlich abklingende Liebe des Paares: &amp;raquo;... nur kein Alltag, sondern nur Poesie! Nur Kleist!&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Barbara Honigmann verbindet auch hier, wie in ihren fr&amp;uuml;heren B&amp;uuml;chern, autobiographische Episoden mit historischen und schafft so eine atmosph&amp;auml;risch Dichte und lebendige Erz&amp;auml;hlung, die mitrei&amp;szlig;t, bewegt und zum Nachdenken anregt. &amp;Uuml;ber die seltsamen Wege der Liebe, &amp;uuml;ber die Verwirrungen und Unsicherheiten eines jungen Menschen auf der Suche nach seinem Weg und vor allem &amp;uuml;ber die eigene Identit&amp;auml;t. Diese Identit&amp;auml;t ist es, nach der die unentschlossene Erz&amp;auml;hlerin sucht; auf vielen Wegen und &amp;uuml;ber viele Hindernisse hinweg.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Frau Honigmann, die sich neben autobiographischen Episoden und so neben der eigenen Herkunft oft mit der ewig aktuellen, jedoch schon sehr abgenutzten Frage der deutsch- j&amp;uuml;dischen Beziehung auseinander setzt, langweilt in dieser weiteren Geschichte, der nie endenden Suche nach Identit&amp;auml;t und Herkunft mit abgenutzten Klischees der wirklich gar nicht romantischen Meister &amp;ndash; Musen Beziehung.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Das Theater der Liebe&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die vordergr&amp;uuml;ndig ablaufende Liebesgeschichte zwischen der Erz&amp;auml;hlerin und des Regisseurs A., in dem man schnell den Ostdeutschen Theaterregisseur Adolf Dresen wiedererkennt, ist beschr&amp;auml;nkt durch viele Tabus: &amp;raquo;A. Sagte, wir wollen uns gegenseitig nichts fragen, nichts aufb&amp;uuml;rden.&amp;laquo; Die Ehe des Regisseurs, ebenso sein Mangel sich auf seine Partnerin einlassen zu wollen und k&amp;ouml;nnen, belastet die Beziehung, die eine leichte, intellektuelle, kreative Liebe sein sollte, beruhend auf der gemeinsamen Verehrung Kleists, der Liebe zum Theater und der Bewunderung Caspar David Friedrichs, eine Liebe, die in der &amp;raquo;Sf&amp;auml;re der Poesie&amp;laquo; bleiben soll. Die Losung f&amp;uuml;r ihr Leben und ihre Liebe soll &amp;raquo;st&amp;auml;rker, gr&amp;ouml;&amp;szlig;er, sch&amp;ouml;ner, leidenschaftlicher, dunkler&amp;laquo; sein. Sie inszenieren ihre Liebe, wie man es von Theaterleuten erwartet, undefiniert und frei, poetisch und auch naiv.&lt;/p&gt;
&lt;p style=&quot;margin-left: 35.4pt;&quot;&gt;In der Inszenierung unserer Liebe waren die Rollen klar verteilt: A. Gab den Meister, [...], und ich gab die Muse. Verm&amp;auml;hlung, Offenbarung und Erl&amp;ouml;sung suchten wir beide - in der Kunst. So romantisch waren wir.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Geradezu schmerzhaft liest sich die unreife Begeisterung der jungen Frau f&amp;uuml;r ihre untergeordnete Stellung in der Beziehung und in A.s Leben &amp;uuml;berhaupt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die Geschichte dieser unerf&amp;uuml;llten Liebe, obwohl theatralisch und doch nicht kitschig, hat einen Beigeschmack von Unreife. Naiv und kindlich wirkt die Beziehung, gewollt die Einbindung der auseinanderbrechenden DDR und &amp;uuml;berzeichnet die Figuren. Die Liebe der beiden leidet unter sich selbst und der totalit&amp;auml;ren Staatsform der DDR. Die theatralische Begeisterung der beiden Protagonisten vertr&amp;auml;gt beides nicht sehr gut, die DDR beschneidet ihre Kreativit&amp;auml;t und beleidigt ihren Sinn f&amp;uuml;r das Theater, ihre Beziehung wird von den &amp;auml;u&amp;szlig;eren Gegebenheiten und von der ungesunden Rollenverteilung zerst&amp;ouml;rt. Eigentlich eine traurige Geschichte, von der dystopischen Welt Ost-Berlins, von einer jungen Frau, die viel Zeit ihres Lebens opfert um den &amp;raquo;Beruf&amp;laquo; der Liebhaberin auszuf&amp;uuml;llen und erst ihren eigenen Weg findet, als der Geliebte in den Westen flieht und von einer intelligenten, kreativen, talentierten Generation, die den Mut hatte, die DDR als ihre Heimat anzunehmen und den Versuch wagten diese zu ver&amp;auml;ndern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;&quot; src=&quot;/sites/default/files/u89/Honigmann_Bilder%20von%20A..jpg&quot; style=&quot;width: 120px; float: left; height: 196px;&quot; /&gt;W&amp;uuml;rde nicht der klare Stil und die leise Selbstironie Barbara Honigmanns von den leichten Schw&amp;auml;chen des allzu inszenierten und auch etwas zu autobiographischen Liebesdramas ablenken, w&amp;auml;re dieses Buch auf die seichte Untiefe des Rosaroten aufgelaufen. Aus dieser Gefahr gerettet wird das Buch auch durch die raffinierte Konstruktion. Langsam wird beim Lesen bewusst, dass es schon l&amp;auml;nger nicht mehr um die ungl&amp;uuml;ckliche Liebe des Paares geht, sondern um die Erz&amp;auml;hlerin und ihre aufkeimende Selbstbestimmtheit. F&amp;uuml;r den unzufriedenen und ewig n&amp;ouml;rgelnden Geliebten bleibt da wenig Raum. Und so wird die auf einen Briefwechsel reduzierte Beziehung von der Erz&amp;auml;hlerin beendet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;Auch eine Abrechnung&lt;/strong&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Man gewinnt das Gef&amp;uuml;hl, dass sich Barbara Honigmann in diesem Buch von ihrer Beziehung zu dem Regisseur Adolf Dresens befreit und der leise Eindruck es handele sich hier um eine kleine s&amp;amp;&amp;uml;&amp;szlig;e Rache an dem 2001 verstorbenen Regisseur dr&amp;auml;ngt sich auf. Das immer wiederkehrende &amp;raquo;A. ist jetzt tot.&amp;laquo; wirkt am Ende schon etwas erleichtert. Ganz so, wie die Autorin es sich von ihrer Literatur w&amp;uuml;nscht, ist auch dieses Buch &amp;raquo;eine Inszenierung, Umdichtung, Zerdichtung von Erlebtem und Erfahrenem&amp;laquo;. Dieser Roman gibt dem Leser viel. Ein wenig Romantik, ein St&amp;uuml;ck Geschichte, viel Menschlichkeit und einen kleinen Einblick in das Leben der Autorin.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Barbara Honigman: Bilder von A. Roman. M&amp;uuml;nchen: Carl Hanser Verlag, 2011. 144 Seiten, ISBN &lt;/em&gt;&lt;em&gt;978-3446237421.&lt;/em&gt;&lt;em&gt; 16,99 Euro.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Tue, 11 Sep 2012 07:48:19 +0000</pubDate>
 <dc:creator>N. N.</dc:creator>
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 <title>Von Sektkorken und ungewollten Kindern</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/von-sektkorken-und-ungewollten-kindern-0</link>
 <description>&lt;p&gt;Gisela Elsner &amp;ndash; man kennt sie als Fr&amp;auml;uleinwunder der Gruppe 47, als Autorin der Satire &amp;raquo;Die Riesenzwerge&amp;laquo;, mit Kleopatra-Per&amp;uuml;cke und schwarzen Kajal-Balken einf&amp;uuml;hlsam portr&amp;auml;tiert von Hannelore Elsner in Oskar Roehlers Spielfilm &amp;raquo;Die Unber&amp;uuml;hrbare&amp;laquo;. Jedoch kennt man sie nicht als unnahbares Monster, als Rabenmutter eines kleinen Jungen, der &amp;raquo;wie ein Sektkorken aus ihrem Bauch ploppte&amp;laquo; und den sie unmittelbar nach der Geburt als &amp;raquo;B&amp;uuml;ndel&amp;laquo; bezeichnete, mit dem sie &amp;raquo;nichts zu tun haben&amp;laquo; wolle.&lt;br /&gt;
	Eben dieses &amp;raquo;B&amp;uuml;ndel&amp;laquo; ist Oskar Roehler, Sohn des Autorenpaars Klaus Roehler und Gisela Elsner, heute einer der renommiertesten und provokativsten Filmemacher Deutschlands. Er wurde hochdekoriert mit dem Deutschen Filmpreis in Gold f&amp;uuml;r &amp;raquo;Die Unber&amp;uuml;hrbare&amp;laquo;, sorgte mit der Verfilmung von Michel Houellebecqs Skandalroman &amp;raquo;Elementarteilchen&amp;laquo; f&amp;uuml;r Furor in der deutschen Kinolandschaft. F&amp;uuml;r &amp;raquo;Jud S&amp;uuml;&amp;szlig; &amp;ndash; Film ohne Gewissen&amp;laquo;, in dem er die Dreharbeiten zu dem NS-Propagandafilm &amp;raquo;Jud S&amp;uuml;&amp;szlig;&amp;laquo; thematisierte, wurde er von der Kritik zerrissen. Nun hat Roehler mit &lt;em&gt;Herkunft&lt;/em&gt; einen autobiographischen Roman vorgelegt. Ein Roman, der verst&amp;ouml;rt, der schmerzt, der ber&amp;uuml;hrt. Und der einen unbeirrbaren Blick hinter die antib&amp;uuml;rgerliche Fassade der 68er-Generation wirft.&lt;br /&gt;
	&lt;em&gt;Herkunft&lt;/em&gt; erz&amp;auml;hlt die Familiengeschichte des jungen Robert Freytag &amp;uuml;ber drei Generationen hinweg: Sie beginnt pr&amp;auml;natal mit dem Gro&amp;szlig;vater und Kriegsheimkehrer Erich Freytag, der immer noch den Ideen des Nazi-Regimes nachh&amp;auml;ngt, setzt sich fort mit dessen Sohn Rolf, Roberts Vater, der erste Erfolge als Autor feiert und sich in die todessehns&amp;uuml;chtige Nora, Tochter aus gutem N&amp;uuml;rnberger Hause, verliebt. Die anfangs vorsichtig, ja zart erz&amp;auml;hlte Liebe zweier Jugendlicher kippt allm&amp;auml;hlich in eine Amour fou selbstzerst&amp;ouml;rerischen Ausma&amp;szlig;es und zerbricht schlie&amp;szlig;lich ganz. Sohn Robert, der Vater Rolf untergeschoben ist, wird mit derselben Geschwindigkeit von einem Erziehungsberechtigten zum n&amp;auml;chsten weitergereicht wie der Joint in den Diskussionsrunden der Studentenbewegung: Er lebt bei den Gro&amp;szlig;eltern v&amp;auml;terlicherseits, beim Vater in Berlin, bei den Gro&amp;szlig;eltern m&amp;uuml;tterlicherseits, im Internat.&lt;br /&gt;
	Wie von selbst wird dabei ein Panorama &amp;uuml;ber die gro&amp;szlig;en zeitgeschichtlichen Stimmungen und Str&amp;ouml;mungen der fr&amp;uuml;hen Bundesrepublik entfaltet: die Desillusionierung der Kriegsheimkehrer, das Wohlstandsstreben und die Fleischeslust der 50er Jahre, die radikale Abwendung von der V&amp;auml;tergeneration in den 60ern und 70ern ebenso wie das Berlin der fr&amp;uuml;hen 1980er Jahre. Durch die Augen des aufwachsenden Protagonisten erh&amp;auml;lt der Leser einen unerbittlichen, gnadenlosen Blick auf all die exzentrischen Figuren, die ihn umgeben. Es ist vor allem das Erzeugerpaar, das schlie&amp;szlig;lich an den gro&amp;szlig;en Tr&amp;auml;umen und Idealen von 1968, letztlich aber an sich selbst scheitert: Vater Rolf, dessen schriftstellerische Karriere stagniert, endet im Suff und schw&amp;auml;rmt als l&amp;auml;cherliches Abbild seiner selbst dem pubert&amp;auml;ren Sohn von der &amp;raquo;feuchten Fotze&amp;laquo; Gudrun Ensslins vor; Mutter Nora, die als Autorin zun&amp;auml;chst gefeiert wird, geht ihrem realen Vorbild Gisela Elsner gleich an ihrer Alkohol- und Tablettensucht zugrunde und sieht in ihrem Sohn, der sich zwischendurch als ihr Drogendealer Respekt zu verschaffen sucht, nichts als einen &amp;raquo;kleinen Bourgeois&amp;laquo;.&lt;br /&gt;
	Dass Oskar Roehler in seinen Filmen eine Vorliebe f&amp;uuml;r detaillierte F&amp;auml;kalbeschreibungen und au&amp;szlig;ergew&amp;ouml;hnliche Sexualpraktiken hegt, wei&amp;szlig; der interessierte Rezipient sp&amp;auml;testens seit der &amp;raquo;Jud S&amp;uuml;&amp;szlig;&amp;laquo;-Darsteller Ferdinand Marian, gespielt von Tobias Moretti, seine Gespielin am offenen Fenster von hinten penetrierte, w&amp;auml;hrend ein Bombenhagel auf das Berlin von 1943 niederging und Herbert Knaup in &amp;raquo;Agnes und seine Br&amp;uuml;der&amp;laquo; vor laufender Kamera auf eine Zeitung schiss. Umso tragischer erscheint es, dass all diese Motive, einem roten Faden gleich, in Roehlers literarischen Debut wiederzufinden sind.&lt;br /&gt;
	Denn es tut weh, wenn das Kleinkind Robert den Geschlechtsakt seiner Eltern auf der neuen Waschmaschine verfolgt &amp;ndash; aber nicht bis zum H&amp;ouml;hepunkt: &amp;raquo;&amp;rsaquo;So&amp;lsaquo;, sagte mein Vater irgendwann, &amp;rsaquo;ich habe dir nun die Br&amp;uuml;ste deiner Mutter gezeigt &amp;ndash; und jetzt kannst du wieder ins Bett gehen.&amp;lsaquo;&amp;laquo; Es tut weh, wenn der kleine Robert, inzwischen sechs Jahre alt, in der v&amp;auml;terlichen Berliner Wohnung sitzt, ver&amp;auml;ngstigt und allein gelassen, und sich an den einzigen Ort zur&amp;uuml;ckzieht, wo er Schutz empfindet &amp;ndash; die Toilette: &amp;raquo;Irgendwann fasste ich nichts mehr an und zog mich zur&amp;uuml;ck an den einzigen Ort, wo offenbar nicht alles kontrolliert wurde, aufs Klo. Stundenlang sp&amp;uuml;lte ich nicht. Ich lie&amp;szlig; mich neben der Klosch&amp;uuml;ssel nieder und betrachtete meine Exkremente. Dabei versank ich langsam in eine angenehme Trance. Erst wenn der Schl&amp;uuml;ssel mich hochschreckte, sprang ich rasch auf, zog mir die Hose hoch und sp&amp;uuml;lte. Ich verga&amp;szlig; nie, meine Exkremente wegzusp&amp;uuml;len.&amp;laquo;&lt;br /&gt;
	Nat&amp;uuml;rlich schreibt Roehler subjektiv, zeichnet eindimensionale Figurenbilder. Dies ist vor allem der monoperspektivischen Darstellung des Romans geschuldet, die die Handlung vom Zeitpunkt von Roberts Geburt an durch die Augen des Protagonisten erleben l&amp;auml;sst. Dennoch, bisweilen wirken die Beschreibungen seiner Mutter zu monstr&amp;ouml;s, die poetischen Passagen von gl&amp;uuml;cklicheren Kindheitstagen in der fr&amp;auml;nkischen Idylle zu konstruiert und auch die Jugendzeit im Internat h&amp;auml;tte inhaltlich gek&amp;uuml;rzt oder konzentriert werden k&amp;ouml;nnen.&lt;br /&gt;
	Nichtsdestotrotz trifft Roehlers Stil einen Ton, der in seiner n&amp;uuml;chternen Klarheit das Geschehen in all seiner Drastik und Dramatik intensiv und ber&amp;uuml;hrend zu erfassen in der Lage ist, der uns Leser nicht in die rosarote Wolkenwelt von seiner N&amp;uuml;rnberger Gro&amp;szlig;mutter packt, uns nicht schont, sondern sich vielmehr darum bem&amp;uuml;ht, uns keine Meinung, keine Vorverurteilung zu diktieren. Dabei Roehler einen zu sexualisierten Blick auf die Zeitgeschichte vorzuwerfen, wie es im konservativen Feuilleton der Fall war, zeugt angesichts der Authentizit&amp;auml;t der pers&amp;ouml;nlichen Erlebnisse von allzu gro&amp;szlig;er Pr&amp;uuml;derie der Rezensenten.&lt;br /&gt;
	&lt;em&gt;Herkunft&lt;/em&gt; ist eine Lebensgeschichte, auf kunstvolle Weise eingewebt in die Zeitgeschichte der fr&amp;uuml;hen Bundesrepublik, ist tieftraurig und schmerzend, gleichzeitig von ungeheurer Intensit&amp;auml;t und Lebenskraft. Ein Buch, dessen Lekt&amp;uuml;re nicht immer ein reines Vergn&amp;uuml;gen ist, aber stets eine fesselnde Reise ins Deutschland nach 1945 mit all seinen Licht- und Schattenseiten darstellt &amp;ndash; vor allem aber faszinierende Begegnungen mit einigen der schillerndsten Figuren der geistig-kulturellen Nachkriegsgeschichte erm&amp;ouml;glicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Oskar Roehler: Herkunft. Roman. Ullstein Verlag, Berlin 2011. 592 Seiten, 19,99 Euro.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/literatur/literatur-kritik">Literatur - Kritik</category>
 <pubDate>Tue, 04 Sep 2012 15:05:51 +0000</pubDate>
 <dc:creator>N. N.</dc:creator>
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 <title>Von Sektkorken und ungewollten Kindern</title>
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 <description>&lt;p&gt;Gisela Elsner &amp;ndash; man kennt sie als Fr&amp;auml;uleinwunder der Gruppe 47, als Autorin der Satire &amp;raquo;Die Riesenzwerge&amp;laquo;, mit Kleopatra-Per&amp;uuml;cke und schwarzen Kajal-Balken einf&amp;uuml;hlsam portr&amp;auml;tiert von Hannelore Elsner in Oskar Roehlers Spielfilm &amp;raquo;Die Unber&amp;uuml;hrbare&amp;laquo;. Jedoch kennt man sie nicht als unnahbares Monster, als Rabenmutter eines kleinen Jungen, der &amp;raquo;wie ein Sektkorken aus ihrem Bauch ploppte&amp;laquo; und den sie unmittelbar nach der Geburt als &amp;raquo;B&amp;uuml;ndel&amp;laquo; bezeichnete, mit dem sie &amp;raquo;nichts zu tun haben&amp;laquo; wolle.&lt;br /&gt;
	Eben dieses &amp;raquo;B&amp;uuml;ndel&amp;laquo; ist Oskar Roehler, Sohn des Autorenpaars Klaus Roehler und Gisela Elsner, heute einer der renommiertesten und provokativsten Filmemacher Deutschlands. Er wurde hochdekoriert mit dem Deutschen Filmpreis in Gold f&amp;uuml;r &amp;raquo;Die Unber&amp;uuml;hrbare&amp;laquo;, sorgte mit der Verfilmung von Michel Houellebecqs Skandalroman &amp;raquo;Elementarteilchen&amp;laquo; f&amp;uuml;r Furor in der deutschen Kinolandschaft. F&amp;uuml;r &amp;raquo;Jud S&amp;uuml;&amp;szlig; &amp;ndash; Film ohne Gewissen&amp;laquo;, in dem er die Dreharbeiten zu dem NS-Propagandafilm &amp;raquo;Jud S&amp;uuml;&amp;szlig;&amp;laquo; thematisierte, wurde er von der Kritik zerrissen. Nun hat Roehler mit &amp;raquo;Herkunft&amp;laquo; einen autobiographischen Roman vorgelegt. Ein Roman, der verst&amp;ouml;rt, der schmerzt, der ber&amp;uuml;hrt. Und der einen unbeirrbaren Blick hinter die antib&amp;uuml;rgerliche Fassade der 68er-Generation wirft.&lt;br /&gt;
	&amp;raquo;Herkunft&amp;laquo; erz&amp;auml;hlt die Familiengeschichte des jungen Robert Freytag &amp;uuml;ber drei Generationen hinweg: Sie beginnt pr&amp;auml;natal mit dem Gro&amp;szlig;vater und Kriegsheimkehrer Erich Freytag, der immer noch den Ideen des Nazi-Regimes nachh&amp;auml;ngt, setzt sich fort mit dessen Sohn Rolf, Roberts Vater, der erste Erfolge als Autor feiert und sich in die todessehns&amp;uuml;chtige Nora, Tochter aus gutem N&amp;uuml;rnberger Hause, verliebt. Die anfangs vorsichtig, ja zart erz&amp;auml;hlte Liebe zweier Jugendlicher kippt allm&amp;auml;hlich in eine Amour fou selbstzerst&amp;ouml;rerischen Ausma&amp;szlig;es und zerbricht schlie&amp;szlig;lich ganz. Sohn Robert, der Vater Rolf untergeschoben ist, wird mit derselben Geschwindigkeit von einem Erziehungsberechtigten zum n&amp;auml;chsten weitergereicht wie der Joint in den Diskussionsrunden der Studentenbewegung: Er lebt bei den Gro&amp;szlig;eltern v&amp;auml;ter