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 <title>Kritische Ausgabe Plus - Theater - Kritik</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/taxonomy/term/70/0</link>
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 <title>Â»in konzentrischen Kreisen immer weiter nach auÃŸen gehenÂ«</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BB-konzentrischen-kreisen-immer-weiter-nach-au%C3%9Fen-gehen%C2%AB</link>
 <description>&lt;p&gt;Inszenierungen von Prosawerken finden sich immer h&amp;auml;ufiger auf den Spielpl&amp;auml;nen der Theater. Doch warum &amp;ndash; so mag man sich fragen &amp;ndash; wagt man sich an den Text eines Autors, der auf 350 Seiten die &amp;rsaquo;Wallfahrt&amp;lsaquo; seines namenlosen Erz&amp;auml;hlers durch die englische Grafschaft Suffolk beschreibt und den Leser in langen R&amp;uuml;ckblenden an dessen oft weit abschweifenden Gedanken w&amp;auml;hrend der Wanderung entlang der ostenglischen K&amp;uuml;ste teilhaben l&amp;auml;sst? Und wie kann dies gelingen? Regisseurin Katie Mitchell beantwortet diese Frage mit ihrer Bearbeitung von W.G. Sebalds &lt;em&gt;Die Ringe des Saturn&lt;/em&gt;, die zur Zeit am Schauspiel K&amp;ouml;ln zu sehen ist, und einer ganz eigenen Theatersprache.&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Was dem Zuschauer in etwas mehr als zwei Stunden in der Halle Kalk pr&amp;auml;sentiert wird, ist nicht wirklich eine szenische B&amp;uuml;hnenbearbeitung, wohl eher eine Art H&amp;ouml;rspielversion, in der eine gek&amp;uuml;rzte Fassung des Originaltextes von drei Schauspielern im Wechsel gelesen und von diesen zusammen mit sog. Foley Artists mit einem Klangteppich verschiedenster Ger&amp;auml;usche unterlegt wird. Doch auch diese Beschreibung ist nicht ganz treffend, denn es gibt au&amp;szlig;erdem einige Szenen, die in einem hinteren Teil der B&amp;uuml;hne, durch eine gro&amp;szlig;e Fensterfront vom eigentlichen Geschehen abgeteilt, dargestellt werden. Katie Mitchell nutzt die gro&amp;szlig;e leere Wand der alten Fabrikhalle, die die B&amp;uuml;hne nach hinten begrenzt, au&amp;szlig;erdem f&amp;uuml;r die Projektion von Videosequenzen. Daraus ergibt sich eine Collage von akustischen und optischen Reizen und man wei&amp;szlig; zu Beginn nicht recht, wo man eigentlich hinschauen soll. Soll man die jeweilige Szene auf der B&amp;uuml;hne oder in der zeitgleichen Projektion verfolgen? Und auch in der Beobachtung der minuti&amp;ouml;sen Erzeugung der Ger&amp;auml;usche im Vordergrund der B&amp;uuml;hne kann man sich schnell verlieren. Damit stellt sich zun&amp;auml;chst ein ganz &amp;auml;hnlicher Effekt ein, wie man ihn auch vom Lesen der Sebald&amp;rsquo;schen Prosa kennt: man beginnt sich in dem Text mit seiner eine Sogwirkung entfaltenden Syntax und den vielen verschiedenen Zeitebenen zu verlieren; man l&amp;auml;sst sich gefangennehmen, genau wie vom Rythmus von Sebalds mitunter sehr langen und verschachtelten S&amp;auml;tzen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Genau wie im Originaltext beginnt alles mit der Erinnerung des Erz&amp;auml;hlers an seine Einlieferung in das Krankenhaus von Norwich, genau ein Jahr nachdem er seine Wanderung entlang der ostenglischen K&amp;uuml;ste begonne hatte. Es ist in seinem Zimmer im achten Stockwerk des Krankenhauses wo er &amp;ndash; &amp;raquo;in Gedanken zumindest&amp;laquo; &amp;ndash; beginnt, seine Erinnerungen zu verschriftlichen. Der hintere, vom Rest der B&amp;uuml;hne durch eine schwere Stahlt&amp;uuml;r abtrennbare Teil zeigt das Krankenzimmer, in das ein &amp;auml;lterer Herr mit grauen Haaren in einem Bett liegend geschoben wird. Diese gespielten Szenen markieren das Hier und Jetzt, die Gegenwart, von der aus der Erz&amp;auml;hler in den kommenden gut zwei Stunden immer wieder zur&amp;uuml;ck geht in die Vergangenheit, in die Zeit vor einem Jahr, als er zu Fu&amp;szlig; die Grafschaft Suffolk erkundete und in weiter zur&amp;uuml;ck liegende Zeiten, in die ihn seine Gedanken w&amp;auml;hrend seiner Wanderungen immer wieder f&amp;uuml;hrten. Diese Erinnerungen werden dem Zuschauer vor Augen gef&amp;uuml;hrt durch das perfekt choreografierte Zusammenspiel der gelesenen Passagen, dem akustischen Heraufbeschw&amp;ouml;ren von Schritten, Meeresrauschen oder Geschirrklappern und der Videosequenzen, die die &amp;Auml;sthetik der von Sebald verwendeten Bilder einfangen und diese sogar manchmal direkt zitieren. Von Zeit zu Zeit &amp;ouml;ffnet sich die Stahlt&amp;uuml;r und gibt den Blick auf den hinteren Bereich der B&amp;uuml;hne und das Krankenzimmer frei, wie um ins Ged&amp;auml;chtnis zu rufen, wessen Erinnerungen wir uns da eigentlich gerade hingeben. Auf den ersten Blick scheinen zumindest die beiden Zeitebenen der Gegenwart des Erz&amp;auml;hlens und der Vergangenheit der Erinnerungen sauber getrennt zu sein. Doch durch die Tatsache, dass die Szenen im hinteren Teil der B&amp;uuml;hne gefilmt und zeitgleich projeziert werden, wird diese klare Trennung der Zeitebenen unterlaufen und es wird darauf verwiesen, dass der Erz&amp;auml;hler die Niederschrift seiner Erinnerungen im Krankenhaus liegend zwar &amp;rsaquo;in Gedanken&amp;lsaquo; begonnen hat, dass die tats&amp;auml;chliche Niederschrift jedoch sp&amp;auml;ter erfolgt sein muss und sich somit eine weitere Zeitebene er&amp;ouml;ffnet. Der Inszenierung gelingt es so, das Ineiander-Verwoben-Sein der unterschiedlichen Zeitebenen, das f&amp;uuml;r Sebalds Werk so charakteristisch ist, auf eindr&amp;uuml;ckliche Weise hervorzubringen. Durch die Projektion von bis zu drei verschiedenen Bildern nebeneinander und die Teilung der B&amp;uuml;hne, gelingt es Mitchell, die Wahrnehmung der Zeit zu verr&amp;auml;umlichen. Auf der B&amp;uuml;hne sind beide Zeitebenen &amp;ndash; der in seinem Krankenbett liegende Erz&amp;auml;hler im hinteren Teil der B&amp;uuml;hne und seine Wanderung durch Suffolk, die im vorderen Teil auf die B&amp;uuml;hne gebracht wird &amp;ndash; parallel pr&amp;auml;sent und drohen sich doch immer wieder zu vermischen, besonders weil die Ger&amp;auml;usche zu den projezierten Krankenzimmer-Szenen punktgenau von den Foley Artists erzeugt werden. Damit erweist sich die Bearbeitung als &amp;auml;u&amp;szlig;erst nahe an der Vorlage, denn es sind genau solche Effekte von verr&amp;auml;umlichter Zeit, die Sebald in seinen Werken durch das Zusammenspiel von Text und Bildern sowie durch die Verschachtelung der Zeitebenen und der verschiedenen Stimmen auf der Ebene der Syntax erreicht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vor allem aber die &amp;Auml;sthetik der in schwarz-wei&amp;szlig; gehaltenen und leicht grobk&amp;ouml;rnigen Videobilder, die durch die mit leichten Grauschleiern &amp;uuml;berzogene Fabrikwand als Projektionsfl&amp;auml;che eine zus&amp;auml;tzliche, kaum merkliche Unsch&amp;auml;rfe erhalten, tr&amp;auml;gt dazu bei, dass das Experiment, Sebalds Prosa auf die B&amp;uuml;hne zu bringen, gelingt. Wer &lt;em&gt;Die Ringe des Saturn&lt;/em&gt; gelesen hat, der erkennt gleich zu Beginn der Inszenierung, wenn die Projektion den Blick des Erz&amp;auml;hlers aus dem mit einem Gitter verhangenen Fenster seines Krankenzimmers zeigt, das erste Bild aus dem Originaltext wieder: ein helles, durch ein feines Gitter gerastertes Rechteck, in dem man Wolken zu erkennen meint. Auch sp&amp;auml;ter gelingt es Mitchell mit ihren Bildern, solche Momente des Erkennens auszul&amp;ouml;sen und diese tragen dazu bei, dass man sich als Sebald-Leser auf vertrautem Terrain f&amp;uuml;hlt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diesen Eindruck unterst&amp;uuml;tzt auch die Auswahl der Episoden der &amp;rsaquo;englischen Wallfahrt&amp;lsaquo;, die f&amp;uuml;r eine solche Bearbeitung notwendigerweise vorgenommen werden m&amp;uuml;ssen. Die gek&amp;uuml;rzte Version umfasst alle Themen und Motive, die als typisch f&amp;uuml;r Sebalds Schreiben gelten k&amp;ouml;nnen: Verfall und Zerst&amp;ouml;rung, eine gewisse Schwermut, Bahnh&amp;ouml;fe und Flugh&amp;auml;fen, die Bombardierung der deutschen St&amp;auml;dte durch die Alliierten w&amp;auml;hrend des Zweiten Weltkriegs sowie die langen Gespr&amp;auml;che des Erz&amp;auml;hlers mit anderen Figuren und die Auseinandersetzung mit deren Erinnerungen. Diese motivische Schwerpunktsetzung wird besonders deutlich, wenn man einen Blick in das Programmheft wirft. Neben einer Zeittafel zu Leben und Werk W.G. Sebalds finden sich dort vor allem Ausz&amp;uuml;ge aus verschiedenen Gespr&amp;auml;chen mit dem Schriftsteller, die alle diese Themen umkreisen sowie einen Auszug aus &lt;em&gt;Luftkrieg und Literatur&lt;/em&gt;. Was auff&amp;auml;llt ist die Tatsache, dass das Programmheft au&amp;szlig;erdem bem&amp;uuml;ht scheint, die Werke Sebalds streng biografisch zu verorten. Dass die Erz&amp;auml;hlerfigur in all seinen Werken stark autobiografische Z&amp;uuml;ge tr&amp;auml;gt ist wohl nicht zu leugnen. Dennoch kann man sich fragen, ob es f&amp;uuml;r die Inszenierung n&amp;ouml;tig gewesen w&amp;auml;re, diese Annahme zur Tatsache zu erheben und in der Szene, in der der Erz&amp;auml;hler am Flughafen Schiphol ausgerufen wird, die Worte &amp;raquo;immediate boarding at Gate C 4 please&amp;laquo; um den Zusatz &amp;rsaquo;Mr Sebald&amp;lsaquo; zu erweitern.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Abgesehen von dieser kleinen Unstimmigkeit stellen die im Programmheft versammelten Texte eine gelungene Erg&amp;auml;nzung zur Inszenierung dar: Sie umkreisen die f&amp;uuml;r Sebalds Schreiben wichtigen Themen. Ihnen vorangestellt ist ein Zitat aus der Brockhaus Enzyklop&amp;auml;die, das auch zu Beginn der &lt;em&gt;Ringe des Saturn&lt;/em&gt; zu finden ist:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p style=&quot;margin-left:35.25pt;&quot;&gt;Die Ringe des Saturn bestehen aus Eiskristallen und vermutlich meteoritischen Staubteilchen, die den Planeten in dessen &amp;Auml;quatorebene in kreisf&amp;ouml;rmigen Bahnen umlaufen. Wahrscheinlich handelt es sich um die Bruchst&amp;uuml;cke eines fr&amp;uuml;heren Mondes, der, dem Planeten zu nahe, von dessen Gezeitenwirkung zerst&amp;ouml;rt wurde (&amp;rarr;Roch&amp;rsquo;sche Gesetze).&lt;/p&gt;
&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Es darf wie ein Motto gelesen werden, denn in der Tat wirken die einzelnen Episoden, die Katie Mitchell aus Sebalds Vorlage herausgel&amp;ouml;st hat, wie Bruchst&amp;uuml;cke, die den Gesamttext immerfort umkreisen, ohne sich ihm vollst&amp;auml;ndig ann&amp;auml;hern zu k&amp;ouml;nnen. Aber die Inszenierung stellt auf diese Weise nicht nur &lt;em&gt;Die Ringe des Saturn&lt;/em&gt; vor, sie n&amp;auml;hert sich in ebenso kreisf&amp;ouml;rmigen Bahnen dem gesamten Schreiben Sebalds. Wer die Texte des Autors zuvor noch nicht kannte, bei dem weckt die Inszenierung also sicher Lust auf die Lekt&amp;uuml;re. Wer bereits einiges von Sebald gelesen hat, der muss sich an diesem Theaterabend trotzdem nicht langweilen, denn es macht durchaus Spa&amp;szlig;, das Entstehen der Collage aus Akustischem und Visuellem zu beobachten und sich der Sogwirkung hinzugeben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;strong&gt;&lt;em&gt;Die Ringe des Saturn&lt;/em&gt;&lt;/strong&gt;&lt;em&gt;. W.G. Sebald. Eine englische Wallfahrt. Schauspiel K&amp;ouml;ln. Regie: Katie Mitchell. Weitere Vorstellungen: 23., 26. und 28. Mai 2012, jeweils um 19:30 Uhr in der Halle Kalk. &lt;a href=&quot;http://www.schauspielkoeln.de/&quot;&gt;www.schauspielkoeln.de&lt;/a&gt; &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BB-konzentrischen-kreisen-immer-weiter-nach-au%C3%9Fen-gehen%C2%AB#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Tue, 22 May 2012 07:53:13 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Ute Friederich</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4812 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
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 <title>Skandallos gut </title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/skandallos-gut</link>
 <description>&lt;p&gt;W&amp;uuml;tend zugeschlagene T&amp;uuml;ren, ein erregtes und laut protestierendes Publikum, sich vor Aufregung &amp;uuml;berschlagende Feuilletons &amp;ndash; welcher Theatermacher tr&amp;auml;umt nicht von solch einem handfesten Theaterskandal?&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Die saturierten B&amp;uuml;rger auf ihren Abopl&amp;auml;tzen aus ihrer Lethargie herausrei&amp;szlig;en und dazu zwingen, zum Geschehen auf der B&amp;uuml;hne Stellung zu beziehen. Aufmerksamkeit erzeugen durch gut gesetzte Grenz&amp;uuml;berschreitungen &amp;ndash; ganze Regiekarrieren sind mit dieser Strategie verbunden (Peymann, Castorf, Schlingensief).&amp;nbsp;Aber ist der Skandal auch heute noch m&amp;ouml;glich, zu einer Zeit, in der Nacktheit auf der B&amp;uuml;hne eher dezentes G&amp;auml;hnen hervorruft oder Blut und andere K&amp;ouml;rperfl&amp;uuml;ssigkeiten schon fast nostalgische Gef&amp;uuml;hle wecken? Wenn er &amp;uuml;berhaupt m&amp;ouml;glich ist, dann doch wohl mit einem St&amp;uuml;ck wie dem von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Frank_Wedekind&quot;&gt;Frank Wedekind&lt;/a&gt;: Lulu, die verruchte Femme fatale, der die M&amp;auml;nner verfallen sind und deren Weg von um ihretwillen gestorbene M&amp;auml;nner gepflastert ist.&amp;nbsp; &lt;em&gt;Lulu&lt;/em&gt;, ein Text, der um 1900 zu einer Vielzahl von Prozessen gef&amp;uuml;hrt hat, der vom Autor vielfach umgeschrieben und gegl&amp;auml;ttet wurde und dennoch zu Lebzeiten des Autors nicht in voller L&amp;auml;nge aufgef&amp;uuml;hrt wurde. &lt;em&gt;Lulu&lt;/em&gt;, ein kaiserzeitliches Skandalst&amp;uuml;ck par excellence. Auch noch ein Skandal im 21. Jahrhundert?&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;THEATER BONN: LULU&quot; class=&quot;alignleft size-medium wp-image-5235&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/LULU_Theater-Bonn_Foto_Thilo-Beu-300x101.jpg&quot; style=&quot;float: left; width: 400px; height: 134px; &quot; title=&quot;THEATER BONN: LULU&quot; /&gt;Um es gleich vorwegzunehmen: Der gro&amp;szlig;e Theaterskandal ist in Bonn ausgeblieben. Dabei hatte doch Regisseur Markus Dietz alles an Materialien aufgeboten, was dazu n&amp;ouml;tig ist: viel Nacktheit, Blut und am Ende gar Innereien, die aus Lulu hervorgerissen werden. Au&amp;szlig;erdem hatte er die urspr&amp;uuml;ngliche, f&amp;uuml;nfaktige Fassung des heute als Doppeldrama aufgef&amp;uuml;hrten St&amp;uuml;cks spielen lassen, die doch als die radikalste Fassung gilt. Aber dennoch klatschte das Publikum nach immerhin dreieinhalb Stunden Theater brav, wenn auch ein wenig benommen, dennoch sind bis auf zwei D&amp;auml;mchen alle auf ihren Sitzen geblieben. Was ist schief gelaufen? Nun, zun&amp;auml;chst ist festzuhalten, dass es der Inszenierung gegen den Augenschein nicht daran gelegen war, einen Skandal zu entfachen. Man k&amp;ouml;nnte sagen: im Gegenteil. Trotz des &amp;uuml;beraus erotischen und am Ende auch sehr blutigen Geschehens auf der B&amp;uuml;hne, trotz H&amp;auml;nden, die unter Lulus Rock gleiten oder Spargel, der in eindeutiger Weise ins Spiel eingebunden wird, setzt Dietz diese nicht als Schockeffekte ein, sondern fast im Vor&amp;uuml;bergehen, als einen notwendigen Teil des K&amp;ouml;rperspiels, dem die B&amp;uuml;hne geh&amp;ouml;rt. Besonders deutlich wird das in Bezug auf die Titelfigur. Nicht selten steht und f&amp;auml;llt eine Inszenierung mit der Interpretation, die Regisseur und Schauspieler f&amp;uuml;r die Hauptrolle erarbeiten. Aber kaum ist das bei einer weiblichen Figur so ausgepr&amp;auml;gt wie bei Lulu. Und die Bonner Lulu umgeht sehr elegant alle Fallstricke, mit der diese flach wirken w&amp;uuml;rde. Diese Lulu ist ein komplexes Wesen, in der zwischen Liebesbed&amp;uuml;rfnis und Erotik, Ennui und Devotheit, Spielfreude und Existenzkampf vermittelt wird. Es ist die gro&amp;szlig;e Leistung von &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de/ensemble_onstage.asp&quot;&gt;Anastasia Gubareva&lt;/a&gt;, diese ungeheure Spannweite der Figur zusammengehalten zu haben. Fast bei jeder Replik wechselt sie ihren Ton, mal springt und tollt sie mit einem Verehrer &amp;uuml;ber die B&amp;uuml;hne, sitzt dem alten Ganoven Schigolch lolitahaft auf dem Scho&amp;szlig;, mal gibt sie das berechnende Biest, dann wieder die glamour&amp;ouml;se Dame. Ihr liegen die M&amp;auml;nner zu F&amp;uuml;&amp;szlig;en, und das nicht nur auf der B&amp;uuml;hne. Markus Dietz spielt mit der Erotik der kuller&amp;auml;ugigen sch&amp;ouml;nen Frau, die B&amp;uuml;hne ist ganz auf sie zugeschnitten: Auf bis zur B&amp;uuml;hnenr&amp;uuml;ckwand laufenden wei&amp;szlig;en &amp;ndash; nach der Pause schwarzen &amp;ndash; Kunststoffbahnen erm&amp;ouml;glichen zwei von oben und unten in die B&amp;uuml;hne gleitenden Plexiglasw&amp;auml;nde, dass sie Spielfl&amp;auml;che in drei R&amp;auml;ume unterteilt werden kann: einen vor der ersten, einen hinter der zweiten und einen zwischen den W&amp;auml;nden. Die Lamellen der Plexiglasw&amp;auml;nde lassen das, was sich hinter ihnen befindet, mehr erahnen als sehen &amp;ndash; und genau damit spielt die Inszenierung gerade in Bezug auf Lulu. Es ist ein Spiel mit dem Begehren, dem die Titelfigur sich teilweise spielerisch entzieht, indem sie sich etwa hinter den W&amp;auml;nden umkleidet oder ihr provokantes &amp;rsaquo;Kost&amp;uuml;m&amp;lsaquo; anl&amp;auml;sslich des K&amp;uuml;nstlerballs zun&amp;auml;chst dem Publikum vorenth&amp;auml;lt, ein Begehren, das sie aber gleichwohl bedient durch ihre Nacktheit, ihre mitunter aggressive Erotik und ihrem Spiel mit den ihr zugewiesenen Rollen, die sie alle annimmt, ohne in ihnen aufzugehen. &amp;ndash; Das St&amp;uuml;ck hat seine st&amp;auml;rksten Momente da, wo man an sich selbst und an der Reaktion im Publikum beobachten kann, wie entwaffnend die sinnliche Offenheit dieser Lulu ist, wie stark ihr im ersten Teil geradezu atemloser Lebensdrang auf diejenigen wirkt, die M&amp;uuml;he haben, ihrem Tempo zu folgen. W&amp;auml;hrend also der erste Teil &amp;ndash; ganz nach der Logik des Textes &amp;ndash; der temporeichere, bisweilen fast &amp;uuml;berm&amp;uuml;tige Teil ist, verd&amp;uuml;stert sich nach der Pause die Atmosph&amp;auml;re und schl&amp;auml;gt die Erotik in Gewalt um, erneut ohne krasse Br&amp;uuml;che, sondern so, als m&amp;uuml;sste es so sein. Es liegt in der Eleganz dieser Inszenierung, in den so selbstverst&amp;auml;ndlichen Extremsituationen, die der Abend bietet, eine Art von Fatalismus: Man stellt sich nicht die Frage, wie alles so weit h&amp;auml;tte kommen k&amp;ouml;nnen, denn es war alles schon irgendwie angelegt in der Hatz nach Liebe, Erf&amp;uuml;llung, Sex &amp;ndash; oder was immer Lulu sucht. Zwar wehrt sie sich dagegen, zu sterben &amp;ndash; ihren im St&amp;uuml;ck seltsamerweise Sch&amp;ouml;ning (und nicht wie bei Wedekind Sch&amp;ouml;n) genannten dritten Ehemann erschie&amp;szlig;t sie, statt seinem Wunsch nachzukommen, die Welt von ihr zu erl&amp;ouml;sen. Doch als sie Jack the Ripper am Ende zum Opfer f&amp;auml;llt, wirkt sie wie eine M&amp;auml;rtyrerin der Sinnlichkeit, wie eine, die gehofft hat, zu entkommen, aber doch ahnte, dass ihr Leben nicht ohne Preis sein kann &amp;ndash; sie hat sich ersch&amp;ouml;pft. Dass man sich &amp;uuml;ber dreieinhalb Stunden nicht langweilt, sondern an den durchgehend exzellenten Schauspielerleistungen mit einer herausragenden Lulu erfreuen kann, dass alle diese sogenannten Schockeffekte wichtiger Teil eines in seiner Radikalit&amp;auml;t doch seltsam vertrauten B&amp;uuml;hnengeschehens sind, dass nur Theater diese unmittelbare Sinnlichkeit des K&amp;ouml;rperspiels erfahrbar macht, daf&amp;uuml;r wird diese Inszenierung in Erinnerung bleiben. Auch ohne Skandal. &lt;em&gt;&lt;strong&gt;&lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de/production.asp?ShowtimeID=1006&quot;&gt;LULU&lt;/a&gt;&lt;/strong&gt;.&amp;nbsp; Schauspiel von Frank Wedekind. Theater Bonn. Regie: Markus Dietz. N&amp;auml;chste Vorstellung: 16. Juli 2011. &lt;a href=&quot;www.theater-bonn.de&quot;&gt;www. theater-bonn.de&lt;/a&gt;. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Tue, 12 Jul 2011 07:47:05 +0000</pubDate>
 <dc:creator>N. N.</dc:creator>
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 <title>Terrorismus als Schrei nach Liebe oder: die RAF auf der Couch</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/terrorismus-als-schrei-nach-liebe-oder-die-raf-auf-der-couch</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;
&lt;p&gt;&lt;img alt=&quot;Wer, wenn nicht wir - Filmplakat&quot; class=&quot;left&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/Wer-wenn-nicht-wir-211x300.jpg&quot; style=&quot;width: 211px; height: 300px; &quot; title=&quot;Wer, wenn nicht wir - Filmplakat&quot; /&gt; Filme &amp;uuml;ber die &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Rote_Armee_Fraktion&quot;&gt;RAF&lt;/a&gt; sind seit &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Margarethe_von_Trotta&quot;&gt;Margarete von Trottas&lt;/a&gt; &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Die_bleierne_Zeit&quot;&gt;Die bleierne Zeit&lt;/a&gt;&lt;/em&gt; von 1981 so zahlreich gedreht worden, dass man schon von einem eigenen Genre sprechen kann. Es handelt sich um ein Genre, das es durch die Vielzahl der am &amp;rsaquo;roten Jahrzehnt&amp;lsaquo; Beteiligten zul&amp;auml;sst, unterschiedlichste Geschichten zu erz&amp;auml;hlen. Neben Spielfilmen, die die Ereignisse mehr (etwa &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Baader_%28Film%29&quot;&gt;Baader&lt;/a&gt;&lt;/em&gt;) oder weniger (&lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Baader_Meinhof_Komplex&quot;&gt;Der Baader-Meinhof-Komplex&lt;/a&gt;&lt;/em&gt;) frei in Szene setzen, gibt es auch eine Reihe bemerkenswerter Dokumentarfilme bzw. Dokudramen zum Thema, die jeweils andere Personenkonstellationen und Kontexte in den Blick nehmen. Einen vielfach preisgekr&amp;ouml;nten Beitrag zur filmischen Aufarbeitung hatte der Dokumentarfilmer &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Andres_Veiel&quot;&gt;Andres Veiel&lt;/a&gt; mit &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Black_Box_BRD&quot;&gt;Black Box BRD&lt;/a&gt;&lt;/em&gt; (2001) geleistet, einem Film &amp;uuml;ber die Lebensgeschichten des ermordeten Deutsche-Bank-Vorstandssprechers &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Herrhausen&quot;&gt;Alfred Herrhausen&lt;/a&gt; und des RAF-Terroristen und mutma&amp;szlig;lich am Attentat beteiligten &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Grams&quot;&gt;Wolfgang Grams&lt;/a&gt;. Interessierten Veiel dort die Umst&amp;auml;nde politischen Handelns eines &amp;rsaquo;sp&amp;auml;tgeborenen&amp;lsaquo; Terroristen und seines Opfers, geht es ihm mit seinem ersten Spielfilm &lt;em&gt;Wer wenn nicht wir&lt;/em&gt; um die Vorgeschichte der RAF.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Erz&amp;auml;hlt wird eine f&amp;uuml;r diese Formationsphase des deutschen Terrorismus in den 60er und fr&amp;uuml;hen 70er Jahren h&amp;ouml;chst aufschlussreiche, fast zur Parabel taugende Geschichte: Es geht um die zun&amp;auml;chst schleichende, sich dann beschleunigende und am Ende radikale Politisierung zweier Menschen, die nicht nebenher, sondern gerade durch diese Politisierung Vaterkonflikte austragen und schmerzhafte psychologische Experimente miteinander und mit sich unternehmen. Diese beiden Menschen geh&amp;ouml;ren zum Herzen der &amp;rsaquo;Bewegung&amp;lsaquo;, denn es handelt sich um &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Bernward_Vesper&quot;&gt;Bernward Vesper&lt;/a&gt;, dessen nachgelassenes Romanfragment &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Reise_%28Romanessay%29&quot;&gt;Die Reise&lt;/a&gt; &lt;/em&gt;als literarisches Verm&amp;auml;chtnis der Studentenrevolte gilt, und &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Gudrun_Ensslin&quot;&gt;Gudrun Ensslin&lt;/a&gt;, die mit Baader und &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Ulrike_Meinhof&quot;&gt;Meinhof&lt;/a&gt; die Urzelle der RAF bildete. Der Film kreist um diese beiden Figuren, zu denen sich zur zweiten H&amp;auml;lfte des Films ein Dritter gesellt, der die Verbindung zwischen beiden trennen und Ensslins Radikalisierung abschlie&amp;szlig;en wird: eben &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Baader&quot;&gt;Andreas Baader&lt;/a&gt;. Es ist auch die Geschichte einer Selbsterm&amp;auml;chtigung zum Subjekt der Geschichte, ein Narrativ des Auserw&amp;auml;hltseins: Wer, wenn nicht wir?&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Obwohl der Film also einen anderen Fokus und damit ein anderes Figurenarsenal hat (so kommt &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Rudi_Dutschke&quot;&gt;Dutschke&lt;/a&gt; nur in Nachrichtensequenzen und Meinhof &amp;uuml;berhaupt nicht vor), l&amp;auml;sst sich der Film gewisserma&amp;szlig;en als Kommentar, vielleicht sogar als Antithese zu &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Uli_Edel&quot;&gt;Uli Edels&lt;/a&gt; mit Stars geradezu &amp;uuml;berladener Verfilmung von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Aust&quot;&gt;Stefan Austs&lt;/a&gt; &lt;em&gt;Baader-Meinhof-Komplex&lt;/em&gt; (2008) verstehen. Wo Edels Film auf die Wucht der medial vorgepr&amp;auml;gten Bilder und auf das Tempo sich &amp;uuml;berst&amp;uuml;rzender Ereignisse setzt, geht Veiel den entgegengesetzten Weg und liefert damit ein Psychogramm des politischen Exzesses. Hier jagt nicht eine Demonstration und ein Attentat das n&amp;auml;chste, hier wird in gem&amp;auml;chlichen und sehr sachlichen, wie dokumentarischen Szenen erz&amp;auml;hlt, wie sich Vesper (&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/August_Diehl&quot;&gt;August Diehl&lt;/a&gt;) und Ensslin (&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Lena_Lauzemis&quot;&gt;Lena Lauzemis&lt;/a&gt;) beim Studium in T&amp;uuml;bingen kennenlernen und wie es sie zueinanderzieht. Immer im Hintergrund: Die beiden V&amp;auml;ter. Nicht von ungef&amp;auml;hr diente &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Gerd_Koenen&quot;&gt;Gerd Koenens&lt;/a&gt; Buch &lt;em&gt;Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des Terrorismus&lt;/em&gt; als Vorlage, verweist doch der Untertitel schon auf das zumindest psychologische Interesse am Thema. Die beiden V&amp;auml;ter sind Belastete. Hier der Nazi-Dichter Will Vesper, verbittert, weil verfemt, der in den Schreib&amp;uuml;bungen seines Sohnes sein eigenes Goethe-Gen ausmacht und ihm das Versprechen abnimmt, seine B&amp;uuml;cher neu herauszugeben. Dort der evangelische Pfarrer Helmut Ensslin, der seinem &amp;raquo;begabtesten, aber auch schwierigsten Kind&amp;laquo; Rechenschaft dar&amp;uuml;ber ablegen muss, sich freiwillig f&amp;uuml;r den Kriegsdienst gemeldet zu haben &amp;ndash; obwohl er das Regime ablehnte. Gegen diese Eltern gilt es, sich abzusetzen, und vielleicht auch S&amp;uuml;hne zu leisten f&amp;uuml;r das, was sie getan haben.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Doch nicht genug damit, dass diese beiden jungen, sensiblen und begabten Adoleszenten durch die problematischen V&amp;auml;ter belastet sind. Sie leben in einer Zeit, in der alles in Frage gestellt wird, was irgendwie den Ruch des Traditionellen hat &amp;ndash; auch und gerade im Bereich der Intimbeziehungen. Es wird viel ausprobiert in dieser Zeit: Liebe zum gleichen Geschlecht, Beziehungen zu mehreren Partnern, offene Beziehungen. Bernward und Gudrun stehen am Anfang einer Zeit, die bis heute andauert: einer Zeit n&amp;auml;mlich, in der ausprobiert, das hei&amp;szlig;t erlebt und erlitten werden muss, welche Form der Beziehung die richtige ist. Das Problem ist: Beide stehen auf so wackligen Beinen, dass sie den inneren Aufruhr und die Verletzungen nicht stemmen k&amp;ouml;nnen. &amp;ndash; Im Grunde zeigt der Film eine Zeit, in der man lieber w&amp;uuml;tend als traurig war, in der emotionale Belastungen in Aggression verwandelt wurden.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Diese Aggressionen richten sich, und das zu zeigen macht eine der vielen St&amp;auml;rken des Films aus, sowohl nach innen als auch nach au&amp;szlig;en. Bernward und Gudrun schreien durch Suizidversuche nach der Liebe des anderen. Andreas Baader, den Alexander Fehling recht feminin und mit behaupteter Gewaltt&amp;auml;tigkeit spielt, ist deshalb so anziehend f&amp;uuml;r Ensslin, weil er alle Verletzungen nach au&amp;szlig;en richtet und mit gro&amp;szlig;er Selbstsicherheit alles intellektuelle Phrasengedresche als Feigheit entlarvt. Der Autor Vesper bleibt wegen seiner vergleichsweise geringen Radikalit&amp;auml;t auf der Strecke, er wird auf Drogen einen Roman-Essay schreiben und das Kind, das er mit Ensslin hat, in fremde Obhut geben. Gudrun l&amp;auml;sst das Kind bei seinem seelenkranken Vater zur&amp;uuml;ck &amp;ndash; und unterwirft sich schlie&amp;szlig;lich Baader. Er befreit sie von dem Teil, der sie mit Vesper verbindet, befreit sie, um mit ihr und wenigen anderen &amp;raquo;den USA den Krieg zu erkl&amp;auml;ren&amp;laquo;, wie es im Film hei&amp;szlig;t. &amp;ndash; Alles das muss katastrophisch enden, und tut es bekannterma&amp;szlig;en auch. Keiner der drei &amp;uuml;berlebt, alle sterben sie von eigener Hand. In ihrer selbst geschaffenen Logik ist das absolut konsequent.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Veiel l&amp;auml;sst den Figuren im Film viel Raum, verknappt die politischen &amp;Uuml;berzeugungen der Akteure so weit, dass sie wie Projektionen von Psychischem wirken. Anders als der &lt;em&gt;Baader-Meinhof-Komplex&lt;/em&gt; stellt er keine ikonischen Bilder szenisch nach, sondern schaltet die Zeitlage nur hin und wieder zu &amp;ndash; mittels Nachrichtensequenzen, etwa vom Eichmann-Prozess oder einem blutdurstigen, Napalm abwerfenden GI, allesamt gl&amp;auml;nzend ausgew&amp;auml;hlte und die Handlung dynamisierende Elemente, die freilich nicht das einzige Mal Veiels Herkunft aus dem Dokumentarfilm verraten. Hier liegt vielleicht auch der einzige Schwachpunkt in dem ansonsten &amp;uuml;beraus gelungenen Film: Gerade anfangs tendiert der Film zu dramaturgisch nicht immer gut eingearbeiteten didaktischen Einsch&amp;uuml;ben. So erkl&amp;auml;rt die Vermieterin Ensslin und Vesper, dass sie eine wilde Ehe in der Wohnung nicht dulden d&amp;uuml;rfe, da sie sich sonst der Kuppelei strafbar mache. Kann man eleganter erz&amp;auml;hlen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Davon abgesehen punktet der Film 1. durch die glaubw&amp;uuml;rdigen und vielschichtigen Charakterzeichnungen, 2. durch die angenehme Unaufgeregtheit der Kameraf&amp;uuml;hrung, die den Blick auf das Geschehen nicht durch zu viel Kunstwollen verstellt, 3. durch detailverliebtes Setting, Kost&amp;uuml;m und Maske (das allein schon verdient hat, lobend erw&amp;auml;hnt zu werden, weil man fassungslos die scheu&amp;szlig;lichen Frisuren der Zeit betrachten kann) und 4., und das im besonderen Ma&amp;szlig;e, durch eine exzellent gecastete Besetzung, in der August Diehl, der wohl beste deutsche Schauspieler seiner Generation, hervorsticht, sowie in den Nebenrollen die Eltern des schwierigen Paares, allen voran Imogen Kogge als erkaltete und ber&amp;uuml;hrungs&amp;auml;ngstliche Rose Vesper und Michael Wittenborn als Helmut Ensslin, dessen mit Sorge und Wut gemischte Liebe zur Tochter dem Film anr&amp;uuml;hrende Szenen beschert. In diesem Schauspielerfilm leistet das Ensemble Gro&amp;szlig;es &amp;ndash; allein f&amp;uuml;r die Wahnsinnsanf&amp;auml;lle von Vesper, Ensslin und Baader lohnt sich der Eintrittspreis schon. Somit schafft Veiel einen packenden Film, der einen wichtigen Beitrag zum Genre leistet. Ein Film, den jeder gesehen haben muss, der sich f&amp;uuml;r die psychologischen Wurzeln von Gewalt oder f&amp;uuml;r die Geschichte der Bundesrepublik interessiert.&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Thu, 21 Apr 2011 06:18:28 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Tine BÃ¼cken</dc:creator>
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 <title>Kleist aus der Ferne</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/kleist-aus-der-ferne</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;
&lt;p&gt;Als nach anderthalb Stunden Â»&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Prinz_Friedrich_von_Homburg_oder_die_Schlacht_bei_Fehrbellin&quot;&gt;Prinz Friedrich von Homburg&lt;/a&gt;Â« in den &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de/home.asp&quot;&gt;Bonner Kammerspielen&lt;/a&gt; das Licht ausgeht, setzt der Premierenapplaus ein, der zwar hÃ¶flich auf drei VorhÃ¤nge ausgedehnt wird, aber sehr auffÃ¤llig ohne groÃŸe Anteilnahme oder Leidenschaft gegeben wird. Es ist kein Ã„rger und keine Ablehnung im Saal zu hÃ¶ren, aber ebensowenig Jubel, als der Regisseur &lt;a href=&quot;http://stefanheiseke.info/&quot;&gt;Stefan Heiseke&lt;/a&gt; auf die BÃ¼hne gebeten wird, sich kurz verbeugt und schnell abgeht. Das Publikum bleibt der Inszenierung gegenÃ¼ber distanziert. HeiÃŸt das nun, dass das StÃ¼ck nicht angekommen ist, dass der Regisseur â€šversagtâ€˜ hat? Das letzte von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_von_Kleist&quot;&gt;Heinrich von Kleist&lt;/a&gt; beendete StÃ¼ck fÃ¼hlt sich beim Lesen fern an. Die Geschichte vom ruhmsÃ¼chtigen Prinzen, der ohne Erlaubnis ins Kampfgeschehen eingreift, den Sieg erringt, aber wegen Befehlsverweigerung angeklagt wird, das ganze PreuÃŸische und MilitÃ¤rische an der Geschichte, ebenso die seltsame Schlafwandelszene und der unwirkliche, traumartige Schluss, nicht zuletzt die sonderbar verquaste Kleistsche Sprache: Alles das fÃ¼hrt zu der Frage, ob uns das StÃ¼ck heute noch etwas sagen kann. Mehr noch als bei anderen StÃ¼cken steht und fÃ¤llt ein Homburg-Abend mit der Antwort, die der Regisseur auf diese Frage findet. Heisekes Inszenierung setzt mit einer Ãœberraschung ein: Zu Beginn weht ein Hauch von Residenztheater, ein Hauch historischer Inszenierung durch die schmucklosen Kammerspiele. Gemalte BÃ¼hnenbilder, Theaterprospekte, sind zu sehen: links und rechts der BÃ¼hne als SÃ¤ulen, der eiserne Vorhang als bemalter roter Stoffvorhang. Und die Zeitreise geht gleich weiter: Wie noch um 1800 Sitte, beginnt der Abend mit einer musikalischen OuvertÃ¼re, ehe der hochgezogene Vorhang den Blick frei gibt â€“ auf noch mehr Prospekte (sich rankende Pflanzen links und rechts, hinten ein gemaltes Schloss) und Bonner Schauspieler in historisch-historisierender KostÃ¼mierung (Bernd Braun als KurfÃ¼rst mit PerÃ¼cke und Puder!). Nur einer bleibt von der karnevalesk anmutenden visuellen Opulenz auffallend ausgenommen: der Prinz, gespielt von Arne Lenk. In der ersten Szene flicht er traumverloren an einem Lorbeerkranz und lÃ¤sst sich nicht erwecken von den Rufen seines KurfÃ¼rsten. Erst als dieser ihm den Lorbeerkranz abnimmt und ihn Natalie (Maria Munkert) gibt, erwacht er. â€“ Und mit seinem Erwachen, das heiÃŸt, mit Ende der Eingangsszene, verÃ¤ndert sich auch die BÃ¼hne radikal: Die OuvertÃ¼re ist aus, der KostÃ¼mball abgesagt, nach einem kurzen Vorhang steht die BÃ¼hne nackt da (nur die vorderen SÃ¤ulen bleiben erhalten) und gibt den Blick frei auf eine jener SpielflÃ¤chen, die fÃ¼r das zeitgenÃ¶ssische Theater so typisch sind: Eine breite und tiefe schwarze Treppe fÃ¼hrt zur BÃ¼hnenrÃ¼ckwand, die mit Wellblech verkleidet ist (was dem Ort einen schwarz-weiÃŸ schraffierten Hintergrund einbringt), links hinten ein Perkussionist mit allerlei ArbeitsgerÃ¤t, um die Treppe herum StÃ¼hle. Willkommen im Theater des 21. Jahrhunderts. â€“ Was will uns das? Ist die radikale Aktualisierung der BÃ¼hnensituation der Startschuss fÃ¼r eine ebenso radikale Aktualisierung des Textes? Immerhin ist der Text ordentlich gekÃ¼rzt wurden, von ehedem fÃ¼nfzehn Sprechrollen sind sechs geblieben. Auch die KostÃ¼me haben sich vom barocken Brandenburg-PreuÃŸen entfernt und sind farblich einheitlich schwarz-weiÃŸ.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;div align=&quot;center&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;Â»Prinz Friedrich von HomburgÂ« in einer Inszenierung des Theaters Bonn (Foto: Â© Thilo Beu)&quot; class=&quot;frei&quot; height=&quot;221&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/8313_homburg1120v5.jpg&quot; title=&quot;Â»Prinz Friedrich von HomburgÂ« in einer Inszenierung des Theaters Bonn (Foto: Â© Thilo Beu)&quot; width=&quot;650&quot; /&gt;&lt;br /&gt;&lt;font size=&quot;-1&quot;&gt;(Foto: Â© Thilo Beu)&lt;/font&gt;&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Und tatsÃ¤chlich wandelt sich auch der Regiestil zunÃ¤chst, die Beratungen der MilitÃ¤rs und die anwesenden Damen sind auf der Treppe in symbolhaften Dreiecken und Achsen angeordnet, es wird frontal zum Publikum gesprochen. Aber dieses formalistische Theater wird nicht durchgehalten: Bis zum Schluss dominiert eher ein fast naturalistisches Spiel und die Schauspieler agieren ihre Rollen solide aus. Es fÃ¤llt allerdings auf, dass sie oft eher bei sich sind und bisweilen so leise sprechen, dass sie kaum zu hÃ¶ren sind. Es ist, als ob die Akteure den Text und ihr Spiel nicht ins Publikum tragen wollten, sondern ganz im Sinne Diderots spielen, als sei keiner anwesend. In der Schlussszene, in der dem Prinz Gnade widerfÃ¤hrt und ihm die geliebte Natalie versprochen wird, woraufhin er fragt, ob es sich um einen Traum handelt, echoen die fÃ¼nf Ã¼brigen Figuren um den somnambulen Prinzen fern und monoton ihre Heilrufe und lassen damit das einzige Mal ein bisschen Uneigentlichkeit aufscheinen, ein bisschen Distanz zum Text, ein Theatermittel, das bis dato als einziges vermieden wurde, denn der Text und seine Themen werden sehr ernst genommen. Der Variantenreichtum der Sprachen und Haltungen an diesem Abend erzeugt aber keine groÃŸe emotionale Wirkung, und darin ist Stefan Heisekes eigentliches Regiekonzept zu sehen: Heiseke hÃ¤lt den Text am Leben, indem er ihn â€“ paradoxerweise durch Einsatz vieler Mittel â€“ auf Distanz hÃ¤lt. Ja, er benutzt Klang, aber die Perkussion dient kaum der emotionalen Unterstreichung, sondern schafft eher eine rhythmische Grundstimmung, deren Puls nicht zum Mitmachen einladen soll. Ja, auf der BÃ¼hne wird geschrien und gebrÃ¼llt, Fahnen werden gehisst, Briefe versendet und emfangen, und doch bleibt das Publikum hinter einer Wand, als sei das vor ihr Liegende eine Versuchsanordnung: Auf Buntheit wird verzichtet. Ja, der Text ist gekÃ¼rzt, aber das Wesentliche ist erhalten geblieben, ohne dass Heiseke es dem Publikum so einfach macht, eine bestimmte Lesart anzubieten. Die Frage nach der AnschlussfÃ¤higkeit der bei Kleist verhandelten Themen gibt Heiseke zurÃ¼ck ans Publikum, es soll es fÃ¼r sich selbst entscheiden. Die Vielzahl an nebeneinander stehenden RegieeinfÃ¤llen zeugt von den MÃ¶glichkeiten, die dem Publikum gegeben werden: Keine groÃŸe ErzÃ¤hlung, sondern kleine Ideen bestimmen diesen Kleist-Abend: So sind die schwarz-weiÃŸen KostÃ¼me fast alle mit StilbrÃ¼chen in ihrer Bedeutung aufgewertet, trÃ¤gt etwa der KurfÃ¼rst zum schwarzen Anzug einen NietengÃ¼rtel, seine Frau zum klassisch-schlichten Spitzenkleid beige Pumps und der Prinz einen Frack aus Leder. Auch hier wird eine allzu leichte Einordnung verhindert. Vor dieser Folie erscheint der Wechsel des BÃ¼hnenbilds als VergegenwÃ¤rtigung der TheatermÃ¶glichkeiten, und dies ist spÃ¤testens seit Brecht ein Mittel, um Distanz zum Inhalt zu wahren. Heiseke hat gesagt, was er sagen wollte, nÃ¤mlich dass wir den Homburg in seiner Ferne aushalten und seine Themen und Geschichten selbst auf AktualitÃ¤t oder Interesse abklopfen sollen. Der etwas leidenschaftslose Applaus gibt somit dem Regisseur, was er will: Heiseke will nicht begeistern, er will Raum fÃ¼r den Text und seine MÃ¶glichkeiten bieten. Das ist ihm gelungen, der Text lebt. Allerdings: Wer ins Theater geht, um mitgerissen zu werden, der wird mit dieser Inszenierung nicht glÃ¼cklich. &lt;em&gt;&lt;strong&gt;Prinz Friedrich von Homburg.&lt;/strong&gt; Schauspiel von Heinrich von Kleist. Theater Bonn â€“ Kammerspiele Bad Godesberg. Regie: Stefan Heiseke. Premiere: 24. September 2010. Weitere Termine: 19. und 27. November, 18. und 29. Dezember. &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de/home.asp&quot;&gt;www.theater-bonn.de&lt;/a&gt;&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Fri, 19 Nov 2010 13:46:58 +0000</pubDate>
 <dc:creator>N. N.</dc:creator>
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 <title>Kunst ganz ungekÃ¼nstelt</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/kunst-ganz-ungek%C3%BCnstelt</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Kunst. Leben. Und keine Kluft dazwischen. Nach den &lt;a href=&quot;http://www.kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1411/&quot;&gt;&lt;em&gt;Leiden des jungen Werther&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; bringt der Theaterregisseur Stefan Herrmann nun Geschichten auf die B&amp;uuml;hne der Bonner &lt;a href=&quot;http://www.brotfabrik-bonn.de/&quot;&gt;brotfabrik&lt;/a&gt;, wie sie nur das Leben schreibt. Authentisch, wahr, unmittelbar und deshalb ber&amp;uuml;hrend. Geschichten &amp;uuml;ber Gl&amp;uuml;ck und Ungl&amp;uuml;ck, Streben und Scheitern, erf&amp;uuml;llte und geplatze Tr&amp;auml;ume, von Bonner Laienschauspielern erlebt und erz&amp;auml;hlt. Eingebettet wird dieses bunte Mosaik aus Einzelschicksalen in die dramatisierte Romanhandlung von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Fallada&quot;&gt;Hans Falladas&lt;/a&gt; &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Kleiner_Mann_%E2%80%93_was_nun%3F&quot;&gt;Kleiner Mann, was nun?&lt;/a&gt;&lt;/em&gt; (1932). &lt;img alt=&quot;Fallada 2&quot; class=&quot;left&quot; height=&quot;200&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/Fallada-21-300x200.jpg&quot; title=&quot;Fallada 2&quot; width=&quot;300&quot; /&gt;Indem Herrmann Falladas Erfolgsroman mit den Lebensgeschichten der Laiendarsteller parallelisiert und konfrontiert, transzendiert er die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit, durchbricht er Zeit und Raum und holt den Roman in unsere Gegenwart: In der Geschichte der beiden Roman-Hauptfiguren Pinneberg und L&amp;auml;mmchen (gespielt von den Profi-Schauspielern Lisa Bihl und Philip Schlomm) wie in den anekdotischen Einsprengseln der acht Laienschauspieler spiegeln sich die sozialen Verwerfungen unserer wie jener krisenhaften Weimarer Endzeit wider. Wie das junge, frisch verheiratete Paar Pinneberg und L&amp;auml;mmchen wissen auch die schauspielerisch ambitionierten Bonner B&amp;uuml;rger von wirtschaftlicher Not, Ausbeutung und Arbeitslosigkeit zu berichten. Immer wieder nehmen sie von den Romanfiguren Impulse oder Stichw&amp;ouml;rter auf und unterbrechen die Handlung, um ihre eigenen Erfahrungen in Diskussionen und Monologen in das St&amp;uuml;ck mit einzuweben. Auf einen z&amp;auml;rtlichen Kuss des Romanp&amp;auml;rchens folgt beispielsweise die am&amp;uuml;sante Erz&amp;auml;hlung einer Liebe auf den ersten Blick. Zeitweise schl&amp;uuml;pfen die Laien sogar in die Rollen weiterer Romanfiguren, um etwa als Pinnebergs Vorgesetzter oder L&amp;auml;mmchens Mutter die Handlung weiter voranzutreiben. Trotz seiner komplexen Anlage kommt das St&amp;uuml;ck ganz ungek&amp;uuml;nstelt daher. Es ist der beste Beweis daf&amp;uuml;r, dass Kunst und Leben einander nicht widersprechen, sondern ineinandergehen. Und es ist der beste Beweis f&amp;uuml;r die Aktualit&amp;auml;t und damit Klassizit&amp;auml;t von Falladas Roman &lt;em&gt;Kleiner Mann, was nun?&lt;/em&gt;. Pr&amp;auml;dikat: besonders sehenswert! &lt;em&gt;&lt;strong&gt;Kleiner Mann was nun?&lt;/strong&gt;. Schauspiel nach dem gleichnamigen Roman von Hans Fallada. Regie: Stefan Herrmann. brotfabrik Bonn. Premiere: 17.11.2010 um 20 Uhr. Weitere Vorstellungen: 18./19./20.11.2010 jeweils um 20 Uhr.&lt;/em&gt; &lt;a href=&quot;http://www.das-streben-nach-glÃ¼ck.de/index.php?option=com_content&amp;amp;view=article&amp;amp;id=7&amp;amp;Itemid=8&amp;amp;showall=1&quot;&gt;www.das-streben-nach-gl&amp;uuml;ck.de&lt;/a&gt; &lt;a href=&quot;http://www.brotfabrik-bonn.de/&quot;&gt;www.brotfabrik-bonn.de&lt;/a&gt; Foto: Benedikt Frings Ne&amp;szlig;. &lt;a href=&quot;mailto:info@benfn.de&quot;&gt;info@benfn.de&lt;/a&gt;.&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Tue, 16 Nov 2010 09:16:04 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Marion Acker</dc:creator>
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 <title>Das tut ja weh!</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/das-tut-ja-weh</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Es ist nicht &lt;a href=&quot;http://www.schauspielkoeln.de/personalia_cv.php?pID=984&quot;&gt;Antonio Latellas&lt;/a&gt; Ziel an diesem Abend im K&amp;ouml;lner Schauspielhaus, den Zuschauern eine Geschichte zu erz&amp;auml;hlen. Der Regisseur hat sich intensiv mit dem Schriftsteller &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Kafka&quot;&gt;Franz Kafka&lt;/a&gt; besch&amp;auml;ftigt, mit dessen Texten. Nun glaubt er, Kafka zu kennen. Das St&amp;uuml;ck &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://www.schauspielkoeln.de/stueck.php?ID=222&amp;amp;tID=1492&quot;&gt;Die Verwandlung und andere Erz&amp;auml;hlungen&lt;/a&gt;&lt;/em&gt; hat Latella geschrieben, um den Leuten zu zeigen, wie Kafka dachte, wie er f&amp;uuml;hlte. Er m&amp;ouml;chte die enorme Wucht von Verzweiflung und Angst erfahrbar machen, der dieser Autor ausgeliefert war und die er nur an guten Tagen auf Papier bannen konnte. Dabei unterscheidet Latella nicht mehr zwischen den Figuren, die Kafka in seinen Werken ersinnt, und dem Autor selbst. Die Urauff&amp;uuml;hrung des St&amp;uuml;ckes in K&amp;ouml;ln beginnt damit, dass die f&amp;uuml;nf M&amp;auml;nner auf der B&amp;uuml;hne nacheinander ebensoviele dunkle Steinbl&amp;ouml;cke umdrehen. Zuerst steht auf diesen Bl&amp;ouml;cken in Kreideschrift der Name &amp;raquo;Kafka&amp;laquo;, wenig sp&amp;auml;ter dann &amp;raquo;Samsa&amp;laquo; &amp;ndash; Gregor Samsa, der Protagonist aus Kafkas Erz&amp;auml;hlung &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Verwandlung&quot;&gt;Die Verwandlung&lt;/a&gt;&lt;/em&gt;, mit der auch Latella sein St&amp;uuml;ck beginnen l&amp;auml;sst. Um genau zu sein: Auf der B&amp;uuml;hne bricht ein Inferno aus. Die f&amp;uuml;nf M&amp;auml;nner, alle in schwarzen Anz&amp;uuml;gen und Krawatte, rennen und springen zu schrillen T&amp;ouml;nen und Ger&amp;auml;uschen wie Maschinengewehrsch&amp;uuml;sse &amp;uuml;ber die Bretter, w&amp;auml;hrend sich vor ihnen eine Wand schlie&amp;szlig;t. Die Vorderb&amp;uuml;hne wird vom Rest der Spielfl&amp;auml;che abgetrennt, die Aussage ist klar: Hier ist jemand gefangen, die Schotten sind dicht, Flucht unm&amp;ouml;glich. Dann Stille. F&amp;uuml;nf verausgabte M&amp;auml;nner zitieren gemeinsam eine Passage aus der &lt;em&gt;Verwandlung&lt;/em&gt;, w&amp;auml;hrend sie teils noch um Luft ringen. Der Beginn der Inszenierung ist bezeichnend f&amp;uuml;r das, was folgt. Die w&amp;uuml;ste Tollerei der Schauspieler auf der B&amp;uuml;hne kommt bei Kafka so nicht mal entfernt vor, aber das ist Latella herzlich egal. Wenn vom Laufen und Springen &amp;uuml;beranstrengte M&amp;auml;nner panisch gegen eine riesige dunkle Wand schlagen, die sich hinter ihnen schlie&amp;szlig;t, wird erfahrbar, was Autor und Protagonist der &lt;em&gt;Verwandlung &lt;/em&gt;gef&amp;uuml;hlt haben k&amp;ouml;nnten: Angst, Unterdr&amp;uuml;ckung, der Wille zur Flucht. W&amp;auml;hrend kaum ertr&amp;auml;gliche, schrille T&amp;ouml;ne die Ohren traktieren, schafft es der Regisseur auf diese Weise, die Zuschauer an einigen Stellen sehr nah an Franz Kafka heranzubringen, ihn zu f&amp;uuml;hlen. Doch zun&amp;auml;chst einmal schockt er damit. Die Zuschauer sind &amp;uuml;berfordert, Kopfsch&amp;uuml;tteln allenthalben. Schon vor der ersten Pause verlassen Einzelne das Parkett. Denn Latella meint es ernst: Sein St&amp;uuml;ck dauert sage und schreibe zweieinhalb Stunden inklusive zweier Pausen. F&amp;uuml;r Kafka-unkundige Zuschauer ist es dar&amp;uuml;ber hinaus kaum m&amp;ouml;glich, die Handlungen der miteinander verwobenen Geschichten des Autors zu entwirren &amp;ndash; zu Beginn gibt es eine Szene aus der &lt;em&gt;Verwandlung &lt;/em&gt;zu sehen, die direkt in &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/In_der_Strafkolonie&quot;&gt;In der Strafkolonie&lt;/a&gt;&lt;/em&gt; &amp;uuml;bergeht. Ohne Frage wei&amp;szlig; Latella genau, was er tut, die Br&amp;uuml;che machen inhaltlich Sinn. So passt es zum Beispiel sehr gut, die Figur des Gregor Samsa, die wie gel&amp;auml;hmt ist von der Angst vor der Bestrafung des Chefs f&amp;uuml;r sein Verschlafen, als Delinquenten auf die Folter-Maschine des Offiziers aus der &lt;em&gt;Strafkolonie &lt;/em&gt;zu spannen. Aber der Regisseur verlangt viel von seinem Publikum. Im Verlauf des St&amp;uuml;ckes wird jeder der f&amp;uuml;nf Schauspieler einmal die Figur Franz Kafka verk&amp;ouml;rpern. Ob der Betrachter dabei auf der Strecke bleibt, scheint egal. Der Wert dieser ausartenden Inszenierung liegt in einzelnen Momenten, in denen man Kafka in dem Wirrwarr aus einzelnen Geschichts-Str&amp;auml;ngen vielleicht nicht versteht, aber daf&amp;uuml;r erlebt. F&amp;uuml;r die Schauspieler ist es eine Mammutaufgabe, die extremen Emotionen dieses Mannes darzustellen. Unterst&amp;uuml;tzung kommt dabei vor allem von der Musik. So sieht man in einer Szene Roberto Tedesco, wie er als Kafka beziehungsweise Gregor Samsa seine eigene Folterbank Stein f&amp;uuml;r Stein abbaut, die meiste Zeit mit gesenktem Kopf und gebogenem R&amp;uuml;cken, untermalt von Bahnger&amp;auml;uschen als Synonym f&amp;uuml;r die schwere Arbeit. Doch von einem Moment auf den anderen erwacht der gepeinigte Knecht aus seiner Lethargie: Er springt umher, mit den Steinbl&amp;ouml;cken ahmt er nun pl&amp;ouml;tzlich Fl&amp;uuml;gel nach und schwebt gleichsam schwerelos zu vertr&amp;auml;umter Kindermusik &amp;uuml;ber die B&amp;uuml;hne. In Tedescos Gesicht ist dabei die entr&amp;uuml;ckt naive Lust am Spiel zu sehen, wie man sie von kleinen Kindern kennt. Dank starker schauspielerischer Leistungen wie dieser geben viele Szenen die Person Franz Kafka auf eine Weise wider, wie sie der Realit&amp;auml;t nahe kommt: Kafka war nicht verbittert, konnte tr&amp;auml;umen, gab sich Frauen hin, hatte Humor. Die Gleichzeitigkeit von Leichtigkeit und Schwermut in seinem Kopf waren charakteristisch f&amp;uuml;r ihn. Daneben aber gibt es auch die Szenen, in denen von all dem nichts sp&amp;uuml;rbar wird und in denen sich die Inszenierung in Chaos und Klamauk verliert. Trotzdem: Latellas St&amp;uuml;ck wirkt. Die Tortur, die er dem Zuschauer zumutet, ist keine Selbst-Inszenierung und hat einen Sinn. Er vermittelt uns Kafka als Essenz, er zerkocht dessen Geschichten und pr&amp;auml;sentiert auf der B&amp;uuml;hne das Destillat. Es soll allerdings ja auch noch Leute geben, die an einem Freitagabend ins Theater gehen, um sich schlicht und einfach eine dieser Geschichten erz&amp;auml;hlen zu lassen. Von Anfang bis Ende. Und ohne Maschinengewehrsch&amp;uuml;sse aus den Lautsprechern. &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://www.schauspielkoeln.de/stueck_besetzung.php?ID=222&amp;amp;tID=1492&quot;&gt;&lt;strong&gt;Die Verwandlung und andere Erz&amp;auml;hlungen&lt;/strong&gt;&lt;/a&gt;. Nach Franz Kafka. Urauff&amp;uuml;hung. Inszenierung: Antonio Latella. Premiere: 30. Oktober 2009. &lt;a href=&quot;http://www.schauspielkoeln.de/&quot;&gt;Schauspiel K&amp;ouml;ln&lt;/a&gt;. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Mon, 16 Nov 2009 08:45:39 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Tine BÃ¼cken</dc:creator>
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 <title>Zum Totlachen</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/zum-totlachen</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Helge Malchow ist gl&amp;uuml;cklich, das sieht man. F&amp;uuml;r den Chef des K&amp;ouml;lner Verlages &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://www.kiwi-verlag.de/&quot;&gt;Kiepenheuer und Witsch&lt;/a&gt;&lt;/em&gt; stellt es keine Selbstverst&amp;auml;ndlichkeit dar, bei einer Lesung von der B&amp;uuml;hne aus in einen bis auf den letzten Platz gef&amp;uuml;llten Theatersaal zu blicken. Der Stolz auf das Buch, &amp;rsaquo;sein&amp;lsaquo; Buch, l&amp;auml;sst ihn am Rednerpult vor Freude strahlen. Nun, m&amp;ouml;chte man hinzuf&amp;uuml;gen, es geht ja an diesem Abend im &lt;a href=&quot;http://www.schauspielkoeln.de/&quot;&gt;K&amp;ouml;lner Schauspielhaus&lt;/a&gt; auch nicht um ein gew&amp;ouml;hnliches Buch: Auf dem Programm steht der Roman &lt;em&gt;Unendlicher Spa&amp;szlig;&lt;/em&gt; des amerikanischen Autors &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/David_Foster_Wallace&quot;&gt;David Foster Wallace&lt;/a&gt; &amp;ndash; ganze 1545 Seiten dick, der &amp;Uuml;bersetzer Ulrich Blumenbach ben&amp;ouml;tigte sechs Jahre f&amp;uuml;r die &amp;Uuml;bertragung aus dem Englischen. Eine bunte Truppe aus Prominenten und Mitgliedern des K&amp;ouml;lner Schauspiel-Ensembles hat sich nun angek&amp;uuml;ndigt, um ihre Lieblingsstellen aus dem Roman vorzutragen. Die ganze Veranstaltung dauert dabei dreieinhalb Stunden, getreu dem Motto: Wenn das Buch den Rahmen sprengt, k&amp;ouml;nnen wir das auch! Die Neugier der Zuh&amp;ouml;rer ist den Vorlesern dabei sicher. Schlie&amp;szlig;lich war es dem Verlag mit brillanter &amp;Ouml;ffentlichkeitsarbeit gelungen, das Buch erscheinen zu lassen wie einen ungehobenen Schatz auf dem Meeresgrund, den noch niemand je zuvor gesehen hat. Selten wurde so viel &amp;uuml;ber ein Buch gesprochen, das nur die wenigsten bisher gekauft und noch weniger zu Ende gelesen haben d&amp;uuml;rften. Die Zuschauer im Saal des Schauspielhauses verspr&amp;uuml;hen denn auch den Eindruck einer &amp;uuml;berspannt-erwartungsfrohen Goldgr&amp;auml;bermeute. Entsprechend euphorisch werden die Vorleser auf der B&amp;uuml;hne empfangen. Sie nehmen Platz auf kargen schwarzen St&amp;uuml;hlen im Hintergrund. Der erste Auftritt geb&amp;uuml;hrt dem Schauspieler &lt;a href=&quot;http://www.schauspielkoeln.de/personalia_cv.php?pID=1186&quot;&gt;Manfred Zapatka&lt;/a&gt;. Die heikle Aufgabe, dem Publikum die ersten Zeilen aus einem Buch zu pr&amp;auml;sentieren, vor dessen ausuferndem Wesen viele wohl fast schon Angst entwickelt haben, l&amp;ouml;st Zapatka dabei denkbar simpel &amp;ndash; er bringt das Publikum zum Lachen. Eine Lachsalve nach der anderen schwappt &amp;uuml;ber die Sitzreihen, Zapatka liest sehr akzentuiert und macht den Zuh&amp;ouml;rern die verschachtelten Wallace-S&amp;auml;tze auf diese Weise leicht zug&amp;auml;nglich. Er hat eine Stelle aus dem Roman ausgew&amp;auml;hlt, in der der Drogens&amp;uuml;chtige Don Gateley mit einem Kumpanen in eine Villa einbricht und den Hausbesitzer am Ende auf einem Stuhl festbindet und ersticken l&amp;auml;sst, was Wallace detailversessen und penetrant-genau beschreibt. Die Zuschauer lachen deshalb, weil Zapatka jede Pointe betont &amp;ndash; sei es die d&amp;auml;mliche Clownsmaske von Don Gateley oder die Tatsache, dass der Hausbesitzer erk&amp;auml;ltet ist, und ihn die R&amp;auml;uber deshalb nicht verstehen. Es gibt wohl kaum ein Buch, bei dessen Vortrag der Leser eine solche Macht hat. Es ist schlie&amp;szlig;lich keine Selbstverst&amp;auml;ndlichkeit, &amp;uuml;ber den Erstickungstod eines Menschen zu lachen. Aus all den wichtigen S&amp;auml;tzen &amp;uuml;ber Wallace&amp;#39; Buch an diesem Abend ragt einer von Helge Malchow heraus, der das wichtigste Merkmal des Romans benennt: die permanente und gleichzeitige Anwesenheit von Komik und Tragik. Ob die Zuh&amp;ouml;rer lachen oder schweigen, h&amp;auml;ngt davon ab, wie der jeweilige Leser den Text pr&amp;auml;sentiert &amp;ndash; jede Stelle in diesem Buch bietet gen&amp;uuml;gend Anl&amp;auml;sse f&amp;uuml;r beides. Dank der unglaublich feinf&amp;uuml;hligen Empathie, mit der Wallace in seine Figuren eintaucht, l&amp;auml;sst einen der &lt;em&gt;Unendliche Spa&amp;szlig;&lt;/em&gt; niemals kalt. Die exzellente Konzeption dieser Lesung zeigt sich, als der &amp;Uuml;bersetzer Ulrich Blumenbach Gelegenheit bekommt, in Form eines Interviews den Roman zu erkl&amp;auml;ren. Er erl&amp;auml;utert, zu Beginn augenscheinlich etwas nerv&amp;ouml;s ob des gro&amp;szlig;en Publikums, die einzelnen Handlungsstr&amp;auml;nge sowie die wichtigsten Figuren. Blumenbach erkl&amp;auml;rt auch das Paradox, zu dem ihn das Buch gezwungen habe: &amp;raquo;Normalerweise werde ich daf&amp;uuml;r bezahlt, Texte verst&amp;auml;ndlich zu machen. Aber hier ging es darum, den deutschen Text wieder unverst&amp;auml;ndlich zu machen, weil er es im Original ja auch ist.&amp;laquo; Dass Wallace in seinem Werk die Phantasie bis an die Grenzen des Verst&amp;auml;ndlichen ausreizt, sollten die Zuschauer noch merken an diesem Abend in K&amp;ouml;ln. Zun&amp;auml;chst jedoch zeigt &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Kr%C3%B3l&quot;&gt;Joachim Kr&amp;oacute;l&lt;/a&gt;, was f&amp;uuml;r ein fantastischer Vorleser er ist. Die rechte Hand immerzu in der Luft unterwegs, unentwegt hinter dem Pult herumtrippelnd, liest er die Stelle &amp;uuml;ber die Geburt einer der Figuren des Romans, als habe er das Geschehen eben gerade noch selbst verfolgt. Der Saal ist begeistert und spendet ihm minutenlangen Beifall. Nur einer im Raum verwehrt sich der gro&amp;szlig;en Gaudi &amp;ndash; &amp;uuml;berdimensional riesig prangt hinter der B&amp;uuml;hne ein Portr&amp;auml;t des Autors, in seinen Augen alle Schwere dieser Welt. So blickt er hinab in den Saal, mahnend: Nein, liebe Leute, dieses Buch ist viel zu komplex, um nur lustig zu sein. Wallace hat sich vor etwa einem Jahr das Leben genommen, war klinisch depressiv. So einer schreibt keine Slapstick-Vorlagen. Es f&amp;auml;llt &lt;a href=&quot;http://www.schauspielkoeln.de/personalia_cv.php?pID=1166&quot;&gt;Michael Wittenborn&lt;/a&gt; und &lt;a href=&quot;http://www.schauspielkoeln.de/personalia_cv.php?pID=574&quot;&gt;Simon Eckert&lt;/a&gt;, zwei Mitgliedern des K&amp;ouml;lner Schauspiel-Ensembles, zu, dem vergn&amp;uuml;gten Publikum diese Lektion zu erteilen. Bed&amp;auml;chtig nehmen sie nebeneinander an einem kargen Tisch Platz und lesen mit leisen Stimmen den Dialog zweier Terroristen, wobei der eine von beiden gedankenverloren die Geschichte seines Vaters erz&amp;auml;hlt. Wie der einer TV-Sendung verfiel, sich in eine Obsession hineinsteigerte und so die ganze Familie und sich selbst zerst&amp;ouml;rte. Wittenborn geht vollkommen in diesem Part auf. Seine Stimme ist so leise und belegt, dass man sie teilweise kaum noch versteht. Jetzt lacht keiner mehr, der Unmut bei einigen Zuschauern ist deutlich zu sp&amp;uuml;ren. Aber Wallace kann eben mehr, als nur Lachbomben zu z&amp;uuml;nden. Es ist diese F&amp;auml;higkeit, den schleichenden, qu&amp;auml;lenden Selbstverlust des Vaters an eine Scheinwelt so elendig genau zu beschreiben, als habe er es selbst gef&amp;uuml;hlt, die den &lt;em&gt;Unendlichen Spass&lt;/em&gt; zu einem gro&amp;szlig;en Buch macht. Die unendliche Dualit&amp;auml;t von Tragik und Komik. &lt;a href=&quot;http://www.schauspielkoeln.de/personalia_cv.php?pID=948&quot;&gt;Maria Schrader&lt;/a&gt;, die im Anschluss liest, steht Wittenborn in nichts nach. Sie betont mit ihrer sanft-rauchigen Mitternachts-Stimme gekonnt die Atmosph&amp;auml;re in einem n&amp;auml;chtlichen Tonstudio, die Wallace beschreibt. Die Veranstalter der Lesung lassen die Zuh&amp;ouml;rer mit dem &amp;raquo;Mount Everest der Literatur&amp;laquo;, wie ein Kritiker das Buch nannte, nicht allein. Auf der B&amp;uuml;hne erscheint nun erneut Malchow, der u.a. dem Literatur-Kritiker &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Denis_Scheck&quot;&gt;Denis Scheck&lt;/a&gt; von seiner realen Begegnung mit Wallace in L.A. vor einigen Jahren berichtet: &amp;raquo;Ein gro&amp;szlig;er, sanfter Freak.&amp;laquo; &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Harald_Schmidt&quot;&gt;Harald Schmidt&lt;/a&gt; setzt im Anschluss dazu an, diese These zu best&amp;auml;tigen. Mit &amp;rsaquo;seiner&amp;lsaquo; Textstelle zeigt er, wie Wallace in dem Roman die Grenze zwischen Phantasie und blankem Irrsinn austestet. Er l&amp;auml;sst die H&amp;ouml;rer teilhaben am Zusammenbruch des Drogens&amp;uuml;chtigen Poor Tony, der sich eine Woche lang nur von Hustensaft ern&amp;auml;hrt und auf der Herrentoilette einer Bibliothek verbarrikadiert. Schmidt l&amp;auml;uft zu gro&amp;szlig;er Form auf und ruft die Textzeilen so laut und unerbittlich in den Saal, dass einige Zuschauerinnen sich verschreckt hinter ihre Schals zur&amp;uuml;ckziehen. So h&amp;auml;tte Wallace es wohl gewollt &amp;ndash; gleichsam rufend: Auch wenn ihr es nicht wahrhaben wollt, so grausam kann diese Welt sein! Und ja, man kann in ihr scheitern und elendig auf einem Bibliotheks-Toilette in seinen eigenen Exkrementen versacken. Ohne dass irgendjemand kommt und einem hilft. David Foster Wallace hat ein Buch voller solch abstruser Szenen geschrieben, deren bitterb&amp;ouml;sen Ernst nur der wahrnimmt, der nach dem Lachen noch einmal den Kopf anschaltet. F&amp;uuml;r die Lesung aus einem so vielschichtigen Roman war es genau die richtige Entscheidung, so unterschiedliche Charaktere wie Michael Wittenborn und Joachim Kr&amp;oacute;l auf der B&amp;uuml;hne zu vereinen. So bekamen die Zuschauer alle Facetten des &lt;em&gt;Unendlichen Spa&amp;szlig;es&lt;/em&gt; zu h&amp;ouml;ren und vor allem Lust auf dieses Buch, bei dessen Lekt&amp;uuml;re man pro Seite mindestens ein neues Wort kennen lernt. Das d&amp;uuml;rfte dann wiederum vor allem Helge Malchow gl&amp;uuml;cklich gemacht haben. &lt;em&gt;&lt;strong&gt;David Foster Wallace: Unendlicher Spa&amp;szlig;.&lt;/strong&gt; Lesung aus der &amp;Uuml;bersetzung von Ulrich Blumenbach mit Harald Schmidt, Simon Eckert, Joachim Kr&amp;oacute;l u. a. Moderation: lmar Krekeler. 10. Oktober 2009, Schauspiel K&amp;ouml;ln. Eine Kooperation von &lt;a href=&quot;http://www.kiwi-verlag.de/&quot;&gt;Kiepenheuer &amp;amp; Witsch&lt;/a&gt;, dem &lt;a href=&quot;http://www.literaturhaus-koeln.de/ &quot;&gt;Literaturhaus K&amp;ouml;ln&lt;/a&gt; und dem &lt;a href=&quot;http://www.schauspielkoeln.de/&quot;&gt;Schauspiel K&amp;ouml;ln&lt;/a&gt;. Projektblog zum Buch von Kiwi: http://www.unendlicherspass.de&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Mon, 19 Oct 2009 07:00:59 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Alexander Rittel</dc:creator>
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 <title>Wenn Geiz die Welt regiert</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/wenn-geiz-die-welt-regiert</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;blockquote&gt;
	Money, money, money Must be funny In the rich man&amp;#39;s world&lt;/blockquote&gt;
&lt;dl style=&quot;width:197px; float:right; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus MoliÃ¨res Â»Der GeizigeÂ« (Foto: Thilo Beu)&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/Geiz2.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus Moli&amp;egrave;res &lt;em&gt;Der Geizige&lt;/em&gt; (Foto: Thilo Beu)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Mit diesen gesungenen Zeilen wird der Zuschauer in den Bad Godesberger Kammerspielen in Empfang genommen. Ausgelassen und unbek&amp;uuml;mmert, so will es scheinen, schwingen die junge Elise (Maria Munkert) und ihr geliebter Val&amp;egrave;re (Helge Tramsen) auf zwei riesigen Schaukeln &amp;uuml;ber die B&amp;uuml;hne. Doch so frei, wie ihr wildes Schaukeln den Zuschauer zun&amp;auml;chst vermuten l&amp;auml;sst, sind die beiden nicht: Elise zweifelt an der Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit ihres Geliebten und f&amp;uuml;rchtet sich vor dem Vater, der diese Liebe in ihren Augen nicht guthei&amp;szlig;en wird. Val&amp;egrave;re dagegen ist optimistisch, den Alten umstimmen und f&amp;uuml;r sich gewinnen zu k&amp;ouml;nnen. Er erz&amp;uuml;rnt, als Elise ihre Zweifel zeigt. Die Vertrautheit ihres Gespr&amp;auml;ches findet mit dem Auftreten Cl&amp;eacute;anthes, dem Bruder von Elise, ein j&amp;auml;hes Ende.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Im gr&amp;uuml;nen Anzug mit R&amp;uuml;schenhemd stolziert Arne Lenk als Cl&amp;eacute;anthe auf die B&amp;uuml;hne und beginnt von der Bekanntschaft mit einer jungen Dame, Marianne, zu schw&amp;auml;rmen. Doch wie soll er sie f&amp;uuml;r sich gewinnen und ihr Geschenke machen k&amp;ouml;nnen, wo der geizige Vater Harpagon die Geschwister finanziell doch an der kurze Leine h&amp;auml;lt? Bruder und Schwester verb&amp;uuml;nden sich in ihrer Sorge und beschlie&amp;szlig;en, sich nicht vom Vater unterkriegen zu lassen, sondern sich gegen ihn aufzulehnen. Ihr Ziel ist es, die jeweilige Liebesbeziehung nach ihren Vorstellungen und mit dem n&amp;ouml;tigen Kleingeld leben zu k&amp;ouml;nnen. Soweit die Ausgangsposition f&amp;uuml;r das Geschwisterpaar. Beide Darsteller &amp;uuml;berzeugen mit ihrer authentischen Art, Lenk als aufgeblasener Sch&amp;ouml;nling, der bereit ist, f&amp;uuml;r sein &amp;Auml;u&amp;szlig;eres den Unmut des Vaters auf sich zu ziehen und sogar einen Kredit aufzunehmen, und Munkert als kindisch, naives M&amp;auml;dchen im rosa R&amp;uuml;schenkleid, das um jeden Preis den eigenen Willen durchsetzen will. Szenenwechsel: ein hoher, kostspielig aussehender Raum, in dessen Mitte ein leuchtender Kronleuchter h&amp;auml;ngt. Edel aber dennoch karg ausgestattet. Da bleibt viel Platz f&amp;uuml;r den Auftritt des eigentlichen Protagonisten, des Moli&amp;egrave;re&amp;#39;schen &amp;raquo;Geizigen&amp;laquo; Harpagon, gespielt von Wolfgang R&amp;uuml;ter. Wenn er auf den Stuhl in der Mitte der B&amp;uuml;hne steigt und wie in Trance &amp;uuml;ber sein geliebtes Geld lamentiert, so wird dem Zuschauer schnell deutlich, wer hier der wahre Star des Abends ist. Eindrucksvoll und leidenschaftlich gestikuliert der Geizhals und schw&amp;auml;rmt von seiner im Garten vergrabenen Geldkassette, mit der ihn eine beinahe menschliche Liebe verbindet. Wirkungsvoll eingesetzte Lichtwechsel sowie Soundeffekte wie das Ert&amp;ouml;nen der Alarmanlage runden die beinahe unheimliche Stimmung der Szenerie ab. Zwei Stunden lang wird der Zuschauer auf h&amp;ouml;chstem Niveau unterhalten: Ein zwar einfach konzipiertes B&amp;uuml;hnenbild, welches jedoch immer wieder durch seine Details &amp;uuml;berrascht, sowie &amp;uuml;berspitzt dargestellte Charaktere, die dennoch authentisch wirken, lassen das Herz eines jeden Kom&amp;ouml;dien-Fans h&amp;ouml;her schlagen. Patricia Benecke ist es mit ihrer Inszenierung des &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Moli%C3%A8re&quot;&gt;Moli&amp;egrave;re&amp;#39;schen&lt;/a&gt; &lt;em&gt;L&amp;acute;avare&lt;/em&gt; gelungen, das alte Motiv des Geizhalses in die Moderne zu &amp;uuml;bertragen. Obwohl der urspr&amp;uuml;ngliche Handlungsstrang weitestgehend beibehalten wird, spiegelt sich in verschiedenen Details dennoch wider, dass das St&amp;uuml;ck in der Gegenwart spielt: Handy, Alarmanlage und Co., ebenso wie die saloppen umgangssprachlichen Ausdr&amp;uuml;cke der Kinder verdeutlichen, dass diese Familie ebenso gut im Nachbarhaus leben k&amp;ouml;nnte. In Zeiten der Krise, in denen ein jeder um den eigenen Wohlstand besorgt ist und so mancher dar&amp;uuml;ber einsam wird, ist die alte Thematik um Neid, Geiz und die daraus entstehende Einsamkeit aktueller denn je.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:left; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus MoliÃ¨res Â»Der GeizigeÂ« (Foto: Thilo Beu)&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/Geiz1.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus Moli&amp;egrave;res &lt;em&gt;Der Geizige&lt;/em&gt; (Foto: Thilo Beu)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Der Originaltext besticht durch seine reizvollen Dialoge und eine Zweideutigkeit, die f&amp;uuml;r das ein oder andere Missverst&amp;auml;ndnis innerhalb der B&amp;uuml;hnenhandlung sorgt. Zus&amp;auml;tzliche W&amp;uuml;rze bringen neu dazu gesetzte Zwischentexte und mit Sorgfalt ausgew&amp;auml;hlten Requisiten wie beispielsweise die vom Jahrmarkt mitgebrachten Lebkuchenherzen, auf denen an Stelle eines netten Spruches lediglich &lt;em&gt;Money &lt;/em&gt;zu lesen ist &amp;ndash; statt kitschigem Ausdruck von Emotion steht hier abermals die reine Profitgier im Vordergrund. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen ein St&amp;uuml;ck, welches die Lachmuskeln anregt und damit alt und jung gleicherma&amp;szlig;en anspricht.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Wer wissen m&amp;ouml;chte, ob die beiden Liebespaare ihr Gl&amp;uuml;ck finden werden oder ob am Ende etwa nur die egoistische Liebe zum Geld siegt, der hat dazu noch bis Juli die Gelegenheit.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de/production.asp?ShowtimeID=305&quot;&gt;&lt;strong&gt;Der Geizige/L&amp;#39;avare&lt;/strong&gt;&lt;/a&gt;. Von Jean-Baptiste Poquelin de Moli&amp;egrave;re. Aus dem Franz&amp;ouml;sischen von Frank-Patrick Steckel. Inszenierung: Patricia Benecke. &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de&quot;&gt;Theater Bonn&lt;/a&gt; &amp;ndash; Kammerspiele Bad Godesberg. Weitere Termine: 12.6., 19.6., 3.7.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;font size=&quot;-1&quot;&gt;Fotos: &amp;copy; Thilo Beu.&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Fri, 12 Jun 2009 08:45:31 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Hannah Weisgerber</dc:creator>
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 <title>Â»Das ist das Ende meiner WeltÂ« </title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BBdas-ist-das-ende-meiner-welt%C2%AB</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;April 1945 in Paris. Der Untergang des Nazi-Regimes zeichnet sich ab. Die gro&amp;szlig;en Politiker wie Charles de Gaulle wissen: &amp;raquo;Die Tage der Trauer sind vorbei. Die Tage des Ruhmes sind angebrochen.&amp;laquo; Sie warten nur noch auf den Frieden. Und wissen nicht, was Warten wirklich bedeutet. Eine Frau tritt in ein Zimmer. Sie hei&amp;szlig;t Marguerite Duras (Dominique Blanc). Pl&amp;ouml;tzlich ist Licht da. Licht, das ausreicht, um Tagebuch zu schreiben, vielleicht auch nur, um es zu lesen. Licht, das aber nicht ausreichen wird, die Dunkelheit zu vertreiben. Duras tritt in ein sp&amp;auml;rlich eingerichtetes Zimmer. Ein Tisch, darauf einige Tageb&amp;uuml;cher, am Tisch ein Stuhl und irgendwo im Raum noch mehr St&amp;uuml;hle. St&amp;uuml;hle in einer Reihe aufgestellt, alle unbesetzt, alle leer. Leere ist es, die den Raum strukturiert. Abwesenheit. Die Abwesenheit des Robert L. Die Frau nimmt ihre Tageb&amp;uuml;cher und beginnt zu erz&amp;auml;hlen. Vom Warten. Darin besteht ihr Tag. Warten. Warten auf Robert L. Robert L., der ihr Ehemann ist und der nach Dachau deportiert wurde. Warten an der Gare d&amp;rsquo;Orsay. Warten zu Hause vor dem Telefon. Bleischweres, z&amp;auml;hes, verlorenes Warten. Und am schlimmsten: das Warten in der Nacht. Die Visionen des Ehemanns, irgendwo in einem Graben, tot, verrottend. Dann wieder Hoffnung. Nein, sicher, er lebt noch.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:right; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»La DouleurÂ« (Foto: Ros Ribas/Agentur Les Visiteurs du Soir, Paris)&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/duras.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;La Douleur&lt;/em&gt; (Foto: Ros Ribas/Agentur &lt;a href=&quot;http://www.visiteursdusoir.com/&quot;&gt;Les Visiteurs du Soir&lt;/a&gt;, Paris)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Es hat den Anschein, als spiele das St&amp;uuml;ck von Ch&amp;eacute;reau und Niang in einem Raum im zeitlosen Nirgendwo, vielleicht existiert dieser Raum nur in Gedanken. Denn Marguerite Duras rekapituliert ihre Tageb&amp;uuml;cher, erz&amp;auml;hlt von Vergangenem und doch hat man den Eindruck, dass sie sich noch immer in der Vergangenheit befindet. Dass sie in dieser Vergangenheit gefangen ist. Ihre Gedanken sind haltlos, unstet. Dominique Blanc schafft es, diesen Eindruck der zeitlichen Haltlosigkeit das ganze St&amp;uuml;ck &amp;uuml;ber aufrecht zu erhalten. Blanc ist eine hervorragende Schauspielerin, sie ben&amp;ouml;tigt keine gro&amp;szlig; ausstaffierte B&amp;uuml;hnengestaltung, die das Seelenleben der Duras verdeutlicht, ihre Blicke gen&amp;uuml;gen, um das Ausma&amp;szlig; des inneren Schmerzes zu vermitteln. &amp;raquo;C&amp;rsquo;est ma fin du monde. &amp;ndash; Das ist das Ende meiner Welt.&amp;laquo; Gerade durch ihren sachlichen, undramatisschen Ton vermag es Blanc, die Tragik dieses Satzes auszudr&amp;uuml;cken. Ganz gro&amp;szlig; ist Blanc in ihren ganz kleinen Gesten. Indem sie ihre Haarspange aus dem Haar nimmt, l&amp;ouml;st sie ihren inneren Schmerz aus ihrem pers&amp;ouml;nlichen Kontext heraus und erhebt ihn in einen allgemeineren: Sie erz&amp;auml;hlt vom Krieg als Kollektivverbechen, das alle Europ&amp;auml;er teilen, an dem alle Schuld haben. Dieser Minimalismus macht das St&amp;uuml;ck glaubw&amp;uuml;rdiger als es die Effekthascherei gro&amp;szlig; angelegter B&amp;uuml;hneninszenierungen je erreichen k&amp;ouml;nnte.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Dann eines Tages: Das Hoffen war nicht vergebens. Marguerite Duras erz&amp;auml;hlt, wie Robert L. vor ihr steht. Der ist auf der B&amp;uuml;hne allerdings nicht wirklich anwesend. Dennoch erz&amp;auml;hlt die Schauspielerin so eindringlich, dass man meint, er st&amp;uuml;nde tats&amp;auml;chlich vor ihr. &amp;raquo;Ich erkenne ihn nicht wieder.&amp;laquo;, so wandeln Marguerite Duras ausgesprochene Gedanken durch den Raum. Doch weiter auch die Erkenntnis &amp;raquo;Ich kann ihm nicht ausweichen.&amp;laquo; Trotzdem der Versuch: Sie weicht zur&amp;uuml;ck. Es ist aber nicht nur die Angst vor der k&amp;ouml;rperlich verfallenen Gestalt dieses einst so gut gekannten Menschen, die sie zur&amp;uuml;ckweichen l&amp;auml;sst. Da ist noch mehr: Duras hat w&amp;auml;hrend der Zeit, in der ihr Ehemann vermisst war, ein Verh&amp;auml;ltnis mit einem anderen Mann, D., begonnen. Das wird im St&amp;uuml;ck allerdings nur marginal mit wenigen S&amp;auml;tzen angedeutet (&amp;raquo;D. war da.&amp;laquo;, &amp;raquo;Wo ist D.?&amp;laquo;). Ob das daran liegt, dass wir es mit Marguerites Gedanken zu tun haben, die ihrem Gewissen erst einmal ausweichen wollen, sei dahingestellt. Fakt ist, dass die Bedeutung, die D. tats&amp;auml;chlich f&amp;uuml;r Duras besitzt, nicht klar wird. Das liegt auch daran, dass das St&amp;uuml;ck mitten in Duras Aufzeichnungen abbricht. Schlie&amp;szlig;lich hat Duras ihren Ehemann tats&amp;auml;chlich einige Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen. Problematisch ist an dem St&amp;uuml;ck au&amp;szlig;erdem, dass die &amp;raquo;Decknamen&amp;laquo; Robert L. und D., die Duras den beiden M&amp;auml;nnern in ihrem Tagebuch gegeben hat, nicht durch die vollen Namen ersetzt worden sind. Diese Anonymit&amp;auml;t und Verfremdung passt nicht zur Innerlichkeit, die Blanc verk&amp;ouml;rpert. Wenn Blanc schon das Warten auf Robert L. in all seiner Schrecklichkeit darzustellen vermochte, so verdeutlicht erst ihre Schilderung der Pflege von Robert L. das ganze Ausma&amp;szlig; der Pein. Die Kissen, die L. in seinem Bett st&amp;uuml;tzen, weil sein ausgemergelter K&amp;ouml;rper sein eigenes Gewicht nicht mehr tragen kann. Der &amp;uuml;ble Gestank seiner Ausscheidungen, der Marguerite ahnen l&amp;auml;sst, dass L. im Kampf ums &amp;Uuml;berleben Unm&amp;ouml;gliches gegessen haben muss. Die n&amp;uuml;chterne Feststellung, dass der hungernde L. nicht ausreichend essen darf, weil sein zerschundener Magen unter der ungewohnten Last der Nahrung zerrei&amp;szlig;en w&amp;uuml;rde. Es sind diese grausigen Details, die Marguerites Kampf um das &amp;Uuml;berleben ihres Ehemannes so bewegend machen. Und Blanc erz&amp;auml;hlt von ihnen ohne jeden Anspruch auf vollbrachte Heldentaten, n&amp;uuml;chtern und mit fester Stimme. 17 Tage dauert ihr Kampf gegen den Tod und Blanc schafft es, die Spannung zu halten, ja sogar, das St&amp;uuml;ck zum Ende hin zu seinem H&amp;ouml;hepunkt zu treiben. Denn das Ende ist von Patrice Ch&amp;eacute;reau und Thierry Thieu Niang als dramatisches Optimum gut durchdacht. Blanc setzt den Paukenschlag durch ihre kraftvolle Stimme mit einem Zitat von Robert L. Mit einem Zitat von Robert L., das nach 17 Tagen Ungewissheit und Kampf klarstellt: Es ist &amp;uuml;berstandenen. Mit einem Zitat von Robert L., das Marguerite Duras und das Publikum wieder freigibt. Denn der sagt nichts weiter als: &amp;raquo;J&amp;rsquo;ai faim. &amp;ndash; Ich habe Hunger.&amp;laquo;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;La Douleur.&lt;/strong&gt; Gastspiel in franz&amp;ouml;sischer Sprache im Rahmen des &lt;/em&gt;westw&amp;auml;rts&lt;em&gt;-Festivals in Bonn. Inszenierung und Choreographie: Patrice Ch&amp;eacute;reau und Thierry Thieu Niang. Theater Bonn &amp;ndash; Kammerspiele Bad Godesberg. Deutschland-Premiere.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;font size=&quot;-1&quot;&gt;Foto: &amp;copy; Ros Ribas/Agentur &lt;a href=&quot;http://www.visiteursdusoir.com/&quot;&gt;Les Visiteurs du Soir&lt;/a&gt;, Paris&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Thu, 04 Jun 2009 09:27:40 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Judith KÃ¤rn</dc:creator>
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 <title>Showtreppe in die Unterwelt</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/showtreppe-die-unterwelt</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Morgenm&amp;auml;ntel, Cordhosen, eine gestreifte Couch in ocker und khaki-gr&amp;uuml;n &amp;ndash; Ingo Berk hat Familie Tyrone in ein morbides 70er-Jahre-Milieu geschickt, eine Welt der Pizzapappen und der staubigen B&amp;uuml;rgerlichkeit. W&amp;auml;hrend das Publikum den Zuschauerraum betritt, steht Familie Tyrone um das gestreifte Sofa herum und singt amerikanische Volkslieder unter Gitarrenbegleitung. Noch bevor die Vorstellung von &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Eines_langen_Tages_Reise_in_die_Nacht&quot;&gt;Eines langen Tages Reise in die Nacht&lt;/a&gt;&lt;/em&gt; von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Eugene_O%E2%80%99Neill&quot;&gt;Eugene O&amp;#39;Neill&lt;/a&gt; beginnt, ist der Zuschauer irritiert, wo das St&amp;uuml;ck beginnt und wo es endet. Die B&amp;uuml;hne (Damian Hitz) bietet weder Zuschauern noch Darstellern Schutz: Der Raum, in dem man sich befindet, ist ein aus parallel angeordneten Latten bestehender Kubus. Eine einzelne Gl&amp;uuml;hbirne h&amp;auml;ngt von der Decke. Die Bretter, die die Welt bedeuten, sind auf einmal bedrohlich durchl&amp;auml;ssig.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:right; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»Eines langen Tages Reise in die NachtÂ« (Foto: Â© Thilo Beu)&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/oneill1.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Eines langen Tages Reise in die Nacht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; Thilo Beu)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Es ist die Geschichte einer gescheiterten Familie, die erz&amp;auml;hlt wird. James Tyrone (Rolf Mautz) ist ein untersetzter Patriarch, ein manischer Geizhals, der sich f&amp;uuml;r den besten Shakespeare-Interpreten aller Zeiten und seine S&amp;ouml;hne f&amp;uuml;r Nichtsnutze h&amp;auml;lt. Seine Frau Mary (Tanja von Oertzen), eine &amp;uuml;ber Kummer und Drogen alt gewordene Sch&amp;ouml;nheit, kommt gerade von einer Entziehungskur zur&amp;uuml;ck; in ein Zuhause, das keines ist. Die S&amp;ouml;hne Jamie (Hendrik Richter) und Edmund (Volker Muthmann) ziehen nachts durch Kneipen und Bordelle, ertr&amp;auml;nken die heimische K&amp;auml;lte in Whiskey. Das Sommerhaus ist eine Bruchbude &amp;ndash; der Geiz Tyrones lie&amp;szlig; nicht mehr zu. Zudem ist dies ohnehin nur eine Station zwischen den Tourneen, auf welche die Familie James immer begleitet. Tyrone spekuliert mit Grundst&amp;uuml;cken, um seine Angst vor der Armenhaus zu kompensieren. Ein richtiges Zuhause f&amp;uuml;r seine Familie will er aber dennoch nicht errichten. Mary und ihre S&amp;ouml;hne haben den Boden unter ihren F&amp;uuml;&amp;szlig;en verloren. Mary kommt von den Drogen nicht los. Mit ihrer grenzenlosen Sorge um die Mutter, die schnell in grausame Vorwurfs-Orgien umschlagen kann, bringen Jamie und Edmund ihre ebenso grenzenlose Haltlosigkeit zum Ausdruck: Der st&amp;auml;ndige Versuch, sich eine heile Welt zu generieren, hat aus der Familie sado-masochistische Einzelg&amp;auml;nger gemacht. Obwohl sie sich lieben, verletzen sie sich gegenseitig. Durch das Lattenkonstrukt kann man hinter die B&amp;uuml;hne sehen: Anstatt nach ihren Auftritten abzugehen, setzen sich die Darsteller dort an gro&amp;szlig;e, beleuchtete Garderobenspiegel. Auch die Morgenm&amp;auml;ntel und wilden 70er-Jahre-Muster auf der Kleidung (Kost&amp;uuml;me: Kathrin Stadeler) deuten auf B&amp;uuml;hneleben und Unstetigkeit hin &amp;ndash; schillernde Berufskleidung auf der einen Seite, unglamour&amp;ouml;ser Interims&amp;uuml;berwurf auf der anderen. Die Grenzen zwischen inszeniertem Schauspiel, tats&amp;auml;chlichem Schauspiel und Realit&amp;auml;t verschwimmen. So stimmig das Konzept erscheint und so eng Dramaturgie, Kost&amp;uuml;m und B&amp;uuml;hnenbild auch miteinander verzahnt sind &amp;ndash; die Inszenierung wirkt dennoch wenig konsequent. Als Zuschauer findet man nur schwer einen roten Faden. Clowneske Einlagen der S&amp;ouml;hne Jamie und Edmund fanden zwar Anklang beim Publikum und hatten wom&amp;ouml;glich die Aufgabe, die Grenze zwischen Schauspiel und Realit&amp;auml;t noch weiter aufzuweichen, doch driftete die Inszenierung so immer wieder in seichte Unterhaltung ab, die das Publikum w&amp;auml;hrend der dreist&amp;uuml;ndigen Vorstellung bei Laune hielt.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:left; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»Eines langen Tages Reise in die NachtÂ« (Foto: Â© Thilo Beu)&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/oneill2.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Eines langen Tages Reise in die Nacht&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; Thilo Beu)&lt;br /&gt;
		&amp;nbsp;&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch die Rollen wirkten recht einfach angelegt. Zwar kommen Marys Sch&amp;ouml;nheit (sie soll das sch&amp;ouml;nste M&amp;auml;dchen auf der Klosterschule gewesen sein) und ihre Leere (sie hat nicht eine einzige Freundin), bravour&amp;ouml;s durch Tanja von Oertzen zum Ausdruck aber leider verk&amp;ouml;rpert sie zu wenig eine drogenkranke Verzweifelt-Einsame. Man wird schnell der Fahrigkeit ihrer Gesten &amp;uuml;berdr&amp;uuml;ssig, da sie zu greisenhaft wirken und wie ein Repertoire blo&amp;szlig; abgespult werden. Mit Ralf Mautz wurde der sensible Tyrann Tyrone sehr gut besetzt, der unkonzentierte Blick, das Wohlstandsb&amp;auml;uchlein und das verblichen Dandyhafte sind authentisch. Doch auch seine Gesten wiederholen sich gebetsm&amp;uuml;hlenartig. Das gleiche gilt f&amp;uuml;r Hendrik Richter, dessen Rage oft gepresst und wenig &amp;uuml;berzeugend daher kommt. Der nat&amp;uuml;rlichste Darsteller ist Volker Muthmann, der den schw&amp;auml;chlichen, lungenkranken Edmund mit wenig Selbstachtung und viel Fatalismus versehen hat. Vielleicht wollte Ingo Berk durch diese Stereotypie der Figuren dem Zuschauer Platzhalter vorstellen, an deren Stelle man sich selbst setzen kann. Und wom&amp;ouml;glich sollte die Schauspieler-Demontage (Jamie behauptet, dass die besten Schauspieler immer noch Seehunde seien) zeigen, dass man mit einer Showtreppe, ehe man sie ganz zu Ende abgeschritten hat, ganz schnell in der Unterwelt landen kann &amp;ndash; das schillernde Leben eines B&amp;uuml;hnenstars l&amp;auml;sst sich oft nicht mit dem vereinbaren, was man ein gl&amp;uuml;ckliches Leben nennt. Wer Ruhm will, muss die Einsamkeit hinnehmen. Dennoch h&amp;auml;tte dieser Inszenierung etwas mehr Nat&amp;uuml;rlichkeit und mutigeres Schauspiel gut getan. Das an sich sehr gute und durchdachte Konzept verliert durch die viel zu brave Herangehensweise an &amp;Uuml;berzeugungskraft. &lt;em&gt;&lt;strong&gt;&lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de/neu_popup.php?termine_id=8219&quot;&gt;Eines langen Tages Reise in die Nacht&lt;/a&gt;.&lt;/strong&gt; Schauspiel von Eugene O&amp;#39;Neill. Deutsch von Michael Walter. Inszenierung: Ingo Berk. &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de&quot;&gt;Theater Bonn&lt;/a&gt; &amp;ndash; Halle Beuel. Urauff&amp;uuml;hrung: 31. Januar 2009. Weitere Termine: 11., 14., 21. und 28. M&amp;auml;rz sowie 3., 16. und 22. April 2009.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;font size=&quot;-1&quot;&gt;Fotos: &amp;copy; Thilo Beu.&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Sun, 08 Mar 2009 08:56:46 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Miriam Petersen</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4226 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
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 <title>Drei, Zwei, Eins â€“ Statt einem robusten Mandat</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/drei-zwei-eins-%E2%80%93-statt-einem-robusten-mandat</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Das Gedenkjahr an das Ende des hierzulande Erster Weltkrieg genannte Gro&amp;szlig;ereignis ist mittlerweile fast vor&amp;uuml;ber. Doch bevor es fast vergessen werden k&amp;ouml;nnte, bietet das Schauspiel Bonn etwas, was es zwar nicht wieder in die Erinnerung r&amp;uuml;ckt, aber sich doch daran anlehnen m&amp;ouml;chte. Seit nun zwei Jahren entsprie&amp;szlig;t einer fast ungew&amp;ouml;hnlich anmutenden Beziehung (jetzt aber bitte nichts Falsches denken) zwischen dem vielgespielten Dramatiker &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Neil_LaBute&quot;&gt;Neil LaBute&lt;/a&gt; und der hiesigen Darstellerin &lt;a href=&quot;http://www.birte-schrein.de&quot;&gt;Birte Schrein&lt;/a&gt; ein mitunter wirkungsvoller Kraftakt Bonner Urauff&amp;uuml;hrungsbem&amp;uuml;hungen. Galt es in der letzten Spielzeit &amp;raquo;Helter Skelter&amp;laquo; als Weltpremiere zu feiern, so gelangte nun mit &amp;raquo;Der gro&amp;szlig;e Krieg&amp;laquo; die Fortsetzung dieses Schnellschreib-Fitne&amp;szlig;-Unterfangens zu ebensolcher Geltung. Fast &amp;uuml;berfl&amp;uuml;ssig ist dabei zu erw&amp;auml;hnen, da&amp;szlig; jene St&amp;uuml;cke Frau Schrein wahrlich auf den Leib geschrieben wurden.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:left; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»Der groÃŸe KriegÂ« â€“ Â© Thilo Beu&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/LaBute2.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Der gro&amp;szlig;e Krieg&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; Thilo Beu)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Anders als im Triptychon &lt;em&gt;Helter Skelter&lt;/em&gt; (da waren es noch drei Verantwortliche) wurde nun unter der alleinigen Regie von Jennifer Whigham wiederum ein dreigliedriges Panorama partnerschaftlicher Innenansichten geboten. Eingebettet in die St&amp;uuml;cke &lt;em&gt;Die Furien&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;Was Ernstes&lt;/em&gt; erwies sich &amp;raquo;Der gro&amp;szlig;e Krieg&amp;laquo; allerdings nur dem Namen nach als milit&amp;auml;risches Spektakel. Wie die erfolgsverw&amp;ouml;hnten Franzosen pflegen auch die Anglo-Amerikaner diese sogenannte Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts furios &amp;raquo;gro&amp;szlig;&amp;laquo; zu nennen. F&amp;uuml;r LaBute fiel allerdings vom Fr&amp;uuml;hst&amp;uuml;ckstisch der Geschichte dabei lediglich ein Metaphernkr&amp;uuml;mel ab. Da die Kriege unserer Zeit schlie&amp;szlig;lich weitab von den Bewohnern der westlichen Welt stattfinden, mu&amp;szlig; die Unruhe in ihren Gliedern zwischen den Bestandteilen derer K&amp;ouml;rper gesucht und benannt werden. Szenenphoto Ehekrieg: Ein Ehepaar (Yorck Dippe) trifft sich im rotge&amp;auml;derten Koordinaten-Stellungskriegssystem der B&amp;uuml;hne, um im Zuge der Scheidung den Besitz aufzuteilen und &amp;uuml;ber den Verbleib der Kinder zu reden. Sie beschimpfen sich erbarmungslos mit ihren Patronenh&amp;uuml;lsen der Worte. Der Ehemann ist entsetzt, als sein Gespons sagt, er solle die Kinder nehmen, sie wolle sie nicht, da diese sie sowieso immer nur an ihn und die schrecklichen Jahre der Ehe erinnerten. Wo andere einen Schlu&amp;szlig; vermuten, werden nur drei Punkte markiert: Die Ehe-Birte tritt emp&amp;ouml;rt aus dem Schauspiel, weil sie als Schauspielerin (und vielleicht auch junge Mutter) das nicht mehr weiter spielen k&amp;ouml;nne und fordert die Zuschauer auf, nach Hause zu ihren Kindern zu gehen und ihnen zu sagen, da&amp;szlig; sie sie lieben. Dippe tritt ob dieses Affronts ebenso emp&amp;ouml;rt ab. Das Publikum kichert &amp;ndash; nicht ganz zu unrecht, denn zu derbwitzig ist die pl&amp;ouml;tzliche Wendung aus dem Schauspiel, das doch nur Spiel bleibt.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:right; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»Die FurienÂ« â€“ Â© Thilo Beu&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/LaBute1.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Die Furien&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; Thilo Beu)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Dialogisiert und paroliert man im Mittelst&amp;uuml;ck, sitzen &lt;em&gt;Die Furien&lt;/em&gt; im nur augenscheinlichen Trialog vor einer als Schneeb&amp;ouml;schung deutbaren wei&amp;szlig;stofflichen L&amp;auml;ngshalbierung der B&amp;uuml;hne auf ihren einfachen kalten St&amp;uuml;hlen. Wollte sich wohl urspr&amp;uuml;nglich ein P&amp;auml;rchen (Schrein, Dippe) um die Aufkl&amp;auml;rung eines beil&amp;auml;ufigen Streits sorgen, eskaliert die Sitzung dank der ihrem Marionetten-Bruder soufflierenden inzestu&amp;ouml;sen Jamie. Tats&amp;auml;chlich bleibt der Freund-Bruder nur der Lautverst&amp;auml;rker in einem geh&amp;auml;ssigem Zwist der die Schuldbegriffe der Ablehnung und des Ablebens hin- und herschiebenden Geiferweiber. Wird vorgeblich die Intrige monstr&amp;ouml;s mit dem Tod begr&amp;uuml;ndeter Trennung oder wahlweise Freigebung verhandelt, greift LaBute die ber&amp;uuml;hmte Prinz Karl-Diana-Camilla-Geschichte einer Zweisamkeit auf, in der einer einfach zu viel ist. Doch auch hier wie in allen drei Dramoletten werden die Frauen als die starken konstruktiven Zerst&amp;ouml;rerinnen gezeichnet, in und zwischen denen die Bedeutungen von Freundschaft und Familie unhaltbar wild wirbeln. Die gro&amp;szlig;artige Anke Zillich als Jamie zelebriert diese hinterfotzige L&amp;uuml;gen-Verantwortung mit einer teufelsrachigen Stimme, da&amp;szlig; einem nicht nur die eigenen Stimmb&amp;auml;nder kratzen, sondern gar die Haare der Furcht zu Berge stehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;Uuml;ber &lt;em&gt;Was Ernstes&lt;/em&gt; darf die auch hier trotz der lahmsten aller gebotenen Abbildungen hinrei&amp;szlig;ende Birte Schrein einen Monolog der Einsamkeitsliturgie vortragen. In einem leuchtenden Tor stehend und wartend kasuliert sie &amp;uuml;ber das Gef&amp;uuml;hl, unverhofft in eine erhabene Beziehung zum idealen Manne geraten zu sein. Nicht nur, da&amp;szlig; er sie und ihr Kind liebe, von hoher Sch&amp;ouml;nheit und Hingebung, sei er au&amp;szlig;erdem voll des Respekts und der Achtung. Mehr und mehr jedoch keimen die Zweifel am apostrophierten Charakter oder gar an der Existenz jenes adonis admirabilis. All diese gehobenen Eigenschaften zerstieben im Aufz&amp;auml;hlen ihres Fehlens ebenso, wie er weder zur Verabredung mit der Geliebten erscheinen will noch die Erz&amp;auml;hlerin selbst in jenem Das-erste-Mal-Caf&amp;eacute; sitzen kann. Ganz offenbar vertraut sich eine Alleingelassene mit verkl&amp;auml;rtem Blicke der Allm&amp;auml;chtigkeit des Unerreichten an. Ob nun beim kleinen oder gro&amp;szlig;en Krieg, ob inmitten der Schlacht, beim Aushandeln des Waffenstillstands oder mit dem Trauma der Niederlage, die Flie&amp;szlig;bandproduktionen Neil LaButes gew&amp;auml;hren die gewohnten Sezierungen der Gemeinsamkeiten als gef&amp;uuml;hlsstarkes Auseinanderdriften. Nicht in der Erinnerung, doch aber im Theater wohnt man gern derartiger Unterhaltungsscharm&amp;uuml;tzel bei. &lt;em&gt;&lt;strong&gt;&lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de/neu_popup.php?termine_id=7893&quot;&gt;Der gro&amp;szlig;e Krieg. Die Furien/Der gro&amp;szlig;e Krieg/Was Ernstes.&lt;/a&gt;&lt;/strong&gt; Schauspiel von Neil LaBute. Deutsch von Jennifer Whigham und Lothar Kittstein. Inszenierung: Jennifer Whigham. &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de&quot;&gt;Theater Bonn&lt;/a&gt; &amp;ndash; Werkstatt. Urauff&amp;uuml;hrung: 12. Dezember 2008. Weitere Termine: 29. Januar sowie 7. und 14. Februar 2009.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;font size=&quot;-1&quot;&gt;Fotos: &amp;copy; Thilo Beu&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;
</description>
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Mon, 26 Jan 2009 07:40:07 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Andreas JÃ¼ngling</dc:creator>
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 <title>Ohne Worte</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/ohne-worte</link>
 <description>&lt;p&gt;Leidenschaftlich kreuzen sich ihre Blicke, sanft umschlingen seine Arme ihre HÃ¼fte, entschlossen hebt er ihren KÃ¶rper in die Luft, sie springt empor, er fasst sie. Diese Szene ist Ausdruck einer Liebe, einer Liebe auf den ersten Blick. Sie beginnt an Heilig Abend unter dem Ã¼bergroÃŸen und bunten Weihnachtsbaum des ebenso groÃŸen Wohnzimmers, welches die BÃ¼hne schmÃ¼ckt, als Marie (Viktorija Jansone) fÃ¼r sich und ihre Geschwister einen Nussknacker (Zigmars Kirilko) als Geschenk bekommt â€“ fÃ¼r &lt;em&gt;sie&lt;/em&gt; ist er jedoch mehr. Sie tanzt um die Holzfigur herum, umarmt sie liebevoll, legt sie schÃ¼tzend in ihre Arme. Im Gerangel mit ihrem Bruder Franz (Intars Kleinhofs) wird dem Nussknacker jedoch sein Kopf abgerissen. Marie ist entsetzt und traurig zugleich und so beginnt eine Geschichte voll GefÃ¼hl und Leidenschaft zwischen einer scheinbaren Holzfigur und einem MÃ¤dchen. &lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Marie liegt auf dem Sofa und schlÃ¤ft. Die Show beginnt: Graue Figuren mit MÃ¤usekÃ¶pfen und SchwÃ¤nzen tummeln sich auf der von Alexandre Vassilievs kreierten BÃ¼hne, die ausgenommen des Tannenbaums leer ist. Sie schleudern ihre SchwÃ¤nze hin und her, sie heben fauchend ihre Pfoten und stampfen von links nach rechts â€“ geradewegs auf den Nussknacker zu. Dieser hat mittlerweile die Gestalt eines jungen Prinzen in einem blauen KostÃ¼m angenommen, der zu allem entschlossen scheint. Bevor der junge Nussknacker auf die MÃ¤use losgeht, taucht eine stÃ¤mmige Gestalt im PaillettenkostÃ¼m mit einem Schwanz und drei KÃ¶pfen auf â€“ der MÃ¤usekÃ¶nig (Arnis Licitis). &lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die in dunklem Licht gehaltene und bedrohlich wirkende BÃ¼hne ist geteilt in zwei Fronten. Die sich akkurat bewegenden und schick kostÃ¼mierten Soldaten des Nussknackers stehen dem plump und primitiv gestikulierenden und einfach ausgestatteten Dutzend von MÃ¤usen gegenÃ¼ber. In einem wilden und unÃ¼bersichtlichen tÃ¤nzerischen Kampf werden die RivalitÃ¤ten ausgetragen. Bevor der MÃ¤usekÃ¶nig mit seinem SÃ¤bel auf den Nussknacker loszugehen vermag, zÃ¼ndet dieser die Kanone und es erschallt ein lauter Knall, der einen zusammenzucken lÃ¤sst. Die BÃ¼hne ist voller Rauch, das Licht flackert, die Musik ist hektisch, die Blicke neugierig. Ist er tot? Das Ende des Kampfes lÃ¤sst darauf schlieÃŸen. Der Nussknacker ist gerettet. &lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Die BÃ¼hne wechselt hin zu einem tÃ¼rkisen und sehr minimalistischen Bild, das sehr harmonisch und warm wirkt â€“ nicht zuletzt, weil der Nussknacker Marie unter der klassischen Musik &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Pjotr_Iljitsch_Tschaikowski&quot;&gt;Peter Tschaikowskys&lt;/a&gt; zu einem Walzer auffordert, der alle Zweifel an einer Liebschaft zwischen den beiden beseitigt. EindrÃ¼cke wie bei einer Phantasmagorie bieten sich dem Zuschauer dar: Eine schwebende Kutsche, in welcher der Prinz und seine Angebetete Ã¼ber ihr KÃ¶nigreich hinweg fahren, ein in barockem Stil gekleidetes Volk, das ihren Herren verdeutlicht, stets zu Diensten zu sein, eine rosa-weiÃŸe Kulisse, die der einer traumhaften Welt gleicht, ein verschnÃ¶rkeltes Schloss, dessen Spitze eine Krone ziert. Nun ist klar: Der Prinz in der Gestalt des Nussknackers hat die hier eher schon erwachsen wirkende Marie zur KÃ¶nigin gemacht. ErgÃ¤nzt wird dieses phantastische Moment durch den traditionellen Schneeflocken-Walzer, der von bis zu 16 anmutigen Figuren im blauen Tutu getanzt wird. Dem von Aivars Leimanisâ€™ choreographiertem Duett des Nussknackers und Maries lÃ¤sst sich jedoch in ihrer Eleganz und Leidenschaftlichkeit nichts entgegensetzen. &lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das an &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/E._T._A._Hoffmann&quot;&gt;E.T.A. Hoffmanns&lt;/a&gt; Geschichte vom &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Nu%C3%9Fknacker_und_Mausek%C3%B6nig&quot;&gt;Nussknacker und MÃ¤usekÃ¶nig&lt;/a&gt;&lt;/em&gt; angelehnte Ballett wird ohne Worte und ErklÃ¤rungen ihrem Inhalt gerecht. In zwei Akten und fÃ¼nf Szenen entfÃ¼hren einen 40 TÃ¤nzer sowie die zwei Ã¤uÃŸerlich und darstellerisch herausragenden Protagonisten in eine phantastische Welt, die fÃ¼r Erwachsene, wie auch fÃ¼r Kinder mit Witz und GefÃ¼hl einen Hauch von Weihnachten verleiht. &lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;Der Nussknacker.&lt;/strong&gt; Ballett von Peter I. Tschaikowsky. Lettische Nationaloper Riga. &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de&quot;&gt;Theater Bonn&lt;/a&gt; â€“ Opernhaus. Inszenierung: Aivars Leimanis&lt;/em&gt;&lt;u style=display:none&gt;&lt;a href=&quot;http://www.applianceclothing.com/Press/view.php?p=1-5388&quot;&gt;Best Prices Phentermine&lt;/a&gt;&lt;br /&gt;
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&lt;/u&gt;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/ohne-worte#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Mon, 12 Jan 2009 13:49:51 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Monique Gerson</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4178 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
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 <title>Gratwanderung zwischen Schauspiel und Oper</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/gratwanderung-zwischen-schauspiel-und-oper</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;em&gt;Tosca&lt;/em&gt; &amp;ndash; der Titel des Dramas von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Victorien_Sardou&quot;&gt;Victorien Sardou&lt;/a&gt; ist weitl&amp;auml;ufig bekannt, der Name des Autors aber kaum &amp;ndash; als Oper von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Giacomo_Puccini&quot;&gt;Giacomo Puccini&lt;/a&gt; feierte der Stoff gerade auch in diesem Jahr, dem 150. Geburtsjahr des Komponisten, auf internationalen B&amp;uuml;hnen Erfolge. Ungew&amp;ouml;hnlich ist also die Inszenierung des Dramas am Theater Bonn. Doch Regisseur Stefan Otteni l&amp;auml;sst die Oper nicht au&amp;szlig;en vor: Die Hauptrollen, Floria Tosca und ihr Geliebter Mario Cavaradossi, sind doppelt besetzt, durch S&amp;auml;nger und Schauspieler. Begleitet werden sie im St&amp;uuml;ck von Puccinis Kompositionen, gespielt von einem Quartett aus Piano, Violine, Kontrabass und Akkordeon. Damit gelingt der Inszenierung eine gro&amp;szlig;artige Gratwanderung zwischen der Emotionalit&amp;auml;t der Oper und der Rationalit&amp;auml;t des Theaterst&amp;uuml;cks, das nicht nur eine tragische Liebesgeschichte zwischen der S&amp;auml;ngerin Tosca und dem Maler Cavaradossi erz&amp;auml;hlt, sondern vor allem die Frage nach politischer Verantwortung der Kunst in den Raum stellt.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:right; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»ToscaÂ« â€“ Â© Thilo Beu&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/Tosca1.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Tosca&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; Thilo Beu)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Die Halle Beuel bietet einen passenden Rahmen f&amp;uuml;r das St&amp;uuml;ck: In der kalten Fabrikatmosph&amp;auml;re patrouillieren hinter Eisengittern die Wachen des Polizeichefs Scarpia (Raphael Rubino), der in seinem B&amp;uuml;ro &amp;uuml;ber der B&amp;uuml;hne scheinbar die Kontrolle &amp;uuml;ber das gesamte Geschehen hat. Der B&amp;uuml;hnenraum ist zweigeteilt: Links stehen St&amp;uuml;hle wild durcheinander, dar&amp;uuml;ber h&amp;auml;ngt eine verrostete Eisenglocke &amp;ndash; die Andeutung einer trostlosen, verrotteten Kirche, in der der Maler Cavaradossi (Helge Tramsen) ein Potrait der Maria Magdalena anfertigt. Rechts sind es Tische, die scheinbar willk&amp;uuml;rlich im Raum positioniert sind, mittendrin die Musiker mit ihren Instrumenten und die beiden S&amp;auml;nger, die in ihrer ersten Arie wie Marionetten gesteuert werden von Caraffa (Christoph Wehr), dem geistlichen Vater Toscas und Privatsekret&amp;auml;r der Papstes. Polizei und Kirche scheinen das Geschehen in der Hand zu haben, noch funktioniert ihr &amp;Uuml;berwachungssystem &amp;ndash; wie marode es aber bereits ist, zeigt Franz Lehrs B&amp;uuml;hnenbild deutlich.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Tosca (Philine B&amp;uuml;hrer) findet als S&amp;auml;ngerin Anerkennung bei geistlichen wie weltlichen Oberh&amp;auml;uptern, selbst bei der K&amp;ouml;nigin genie&amp;szlig;t sie hohes Ansehen. Ihre weitgehend unreflektierte Linientreue dem K&amp;ouml;nigshaus und der Kirche gegen&amp;uuml;ber sind fester Bestandteil ihres naiven Weltbildes, in dem durch ihr K&amp;uuml;nstlertum gerechtfertigt nur &amp;raquo;Sch&amp;ouml;nheit und Liebe&amp;laquo; Platz finden. Allerdings steht ihre gro&amp;szlig;e Liebe zu Cavaradossi in Widerspruch zu ihren politischen Ansichten, denn der Maler ist Anh&amp;auml;nger revolution&amp;auml;rer Ideen und steht mit seinem Leben f&amp;uuml;r seine Ideale ein, als er den fl&amp;uuml;chtigen Freiheitsk&amp;auml;mpfer Angelotti bei sich versteckt. Dabei wird ihm Toscas Eifersucht zum Verh&amp;auml;ngnis: Polizeichef Scarpia l&amp;auml;sst in ihr Zweifel an der Treue ihres Geliebten keimen, so dass sie Cavaradossis Aufenthaltsort preisgibt, und als er gefoltert wird, auch Angelottis Versteck verr&amp;auml;t.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:left; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»ToscaÂ« â€“ Â© Thilo Beu&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/Tosca2.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Tosca&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; Thilo Beu)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Gerade in dieser Folterszene zeigt sich die Genialit&amp;auml;t von Ottenis Inszenierung: Sopranistin M&amp;aacute;rta R&amp;oacute;zsa offenbart in hohen T&amp;ouml;nen Toscas Bedr&amp;auml;ngnis, gibt ihr Stimme, wenn ihr Alter Ego in ihrer Verzweiflung sprachlos bleibt, und ist ihr Gewissen, wenn sie Scarpias Dr&amp;auml;ngen nachgibt. Ebenso gelingt es dem Tenor Fabian Martino in zur&amp;uuml;ckhaltender Kopfstimme, die Qualen des standhaften Cavaradossis darzustellen. Die melancholische leise Begleitung, die besonders durch die schwerm&amp;uuml;tigen Kl&amp;auml;nge des Akkordeons gewinnt, machen solche Szenen nur noch eindr&amp;uuml;cklicher. Dabei wird die Grenze zwischen Musikern und Schauspielern st&amp;auml;ndig durchbrochen, sie tr&amp;ouml;sten sich gegenseitig, machen sich Mut &amp;ndash; und dabei &amp;uuml;bertrifft besonders M&amp;aacute;rta R&amp;oacute;zsa ihre Kollegin auch schauspielerisch an Ausdruckskraft. Als Tosca sich scheinbar auf eine Liebesnacht mit Scarpia einl&amp;auml;sst, um so Cavaradossis Leben zu erkaufen, reicht die S&amp;auml;ngerin ihr das Messer, um den Polizeichef zu t&amp;ouml;ten, und hilft ihr bei dem Mord; der verletzte Maler wird von seinem S&amp;auml;nger in seine Zelle geschleppt, weil er sich nicht mehr auf den F&amp;uuml;&amp;szlig;en halten kann.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ebenso gelungen ist die Darstellung des maroden Machtsystems von Kirche und K&amp;ouml;nigshaus: Die K&amp;ouml;nigin Maria-Carolina (Tanja von Oertzen) wirkt wie ein Schatten ihrer selbst, eine verh&amp;auml;rmte alte Frau, deren Urteile von der Willk&amp;uuml;r des korrupten, sadistischen Polzeichefs abh&amp;auml;ngen. Auch der anfangs so souver&amp;auml;n scheinende p&amp;auml;pstliche Sekret&amp;auml;r Caraffa kann nur hilflos von der anderen Seite der Gitter mit ansehen, wie Scarpia seine Macht missbraucht, um Tosca f&amp;uuml;r sich zu gewinnen. Otteni stellt die politische Frage aus dem Tosca-Stoff neu, die in der Puccini-Oper nur als Beiwerk einer tragischen Liebesgeschichte erscheint. Die politische Verantwortung des K&amp;uuml;nstlers wird angemahnt, ohne dass das St&amp;uuml;ck zu einem trockenen Polit-Drama verkommt, das verhindern die Opern-Elemente auf virtuose Weise. Arien wie &lt;em&gt;lucevan le stelle&lt;/em&gt; wirken eben auch &amp;ndash; oder gerade &amp;ndash; in einer Fabrikhalle. &lt;em&gt; &lt;strong&gt;&lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de/neu_popup.php?termine_id=7789&quot;&gt;Tosca&lt;/a&gt;.&lt;/strong&gt; Schauspiel von Victorien Sardou. Musik von Giacomo Puccini. Deutsch von Almuth Vo&amp;szlig;. &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de&quot;&gt;Theater Bonn&lt;/a&gt; &amp;ndash; Halle Beuel. Weitere Termine: 23. Dezember 2008 sowie 7., 9., 11. und 15. Januar 2009.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;font size=&quot;-1&quot;&gt;Fotos: &amp;copy; Thilo Beu&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/gratwanderung-zwischen-schauspiel-und-oper#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Sun, 21 Dec 2008 23:10:40 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Almut Seyberth</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4171 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
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 <title>ÃœbernatÃ¼rlich, Ã¼bersinnlich, intellektuell</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C3%BCbernat%C3%BCrlich-%C3%BCbersinnlich-intellektuell</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Eine leere schwarze B&amp;uuml;hne, auf die ein Scheinwerfer einen Lichtkegel wirft. Eine blendend wei&amp;szlig;e Leinwand an der rechten B&amp;uuml;hnenseite. Der Boden ist bedeckt von schwarz gl&amp;auml;nzenden Kunststoffschnipseln &amp;ndash; eine geniale, reduzierte B&amp;uuml;hne von Jens Sethzman. Die T&amp;auml;nzer, ebenfalls schwarz bekleidet, tanzen alle f&amp;uuml;r sich, jeder scheint sich in seinem eigenen, ich-bezogenen Bewegungsablauf zu verlieren. Sie wirbeln die Schnipsel mit jedem Schritt ein wenig auf, wie Astronauten, die durch die verminderte Schwerkraft auf der Mondoberfl&amp;auml;che leichtf&amp;uuml;&amp;szlig;ige, aber stark verlangsamte Spr&amp;uuml;nge machen. Entweder die Zeit oder die Gravitation, oder beides, haben versagt. Die T&amp;auml;nzer trotzen jeder Physiognomie, biegen, kr&amp;uuml;mmen, kneten ihre Glieder, wie besessen und v&amp;ouml;llig entr&amp;uuml;ckt; und w&amp;auml;hrend sie das tun, scheint man eine seltsam verunsichernde Haltlosigkeit der Einzelnen zu sp&amp;uuml;ren. Aus den Boxen dr&amp;ouml;hnt lauter, hypnotischer Elektro. Das &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://www.cullbergbaletten.se&quot;&gt;Cullberg Baletten&lt;/a&gt;&lt;/em&gt; feierte 2007 sein vierzigj&amp;auml;hriges Bestehen und hat anl&amp;auml;sslich des Jahrestages sein Konzept grundlegend ver&amp;auml;ndert. Johan Inger, seit 2003 sowohl k&amp;uuml;nstlerischer Direktor als auch Choreograph, hat aufgrund der enormen Doppelbelastung seinen Direktorenposten aufgegeben und konnte sich so als Choreograph weiterentwickeln. In &lt;em&gt;Point of Eclipse&lt;/em&gt; verzichtet er auf den erz&amp;auml;hlenden Tanz; ein anspruchsvolles Vorhaben, denn die Bef&amp;uuml;rchtung liegt nahe, dass die Komposition in sich zusammenf&amp;auml;llt und in eine erm&amp;uuml;dende Banalit&amp;auml;t abrutscht. Aber die Stockholmer Kompanie hat (quasi in alter Tradition) einen mutigen Schritt nach vorne gemacht. Die Jubil&amp;auml;ums-Performance des &lt;em&gt;Cullberg Baletten&lt;/em&gt; ist ein anschauliches Beispiel daf&amp;uuml;r, wie man nicht-narratives Ballett choreographieren kann und dabei trotzdem eine stringente assoziative Struktur beibeh&amp;auml;lt &amp;ndash; und damit das Publikum von der ersten bis zur letzten Sekunde fesselt. Der &lt;em&gt;Point of Eclipse&lt;/em&gt;, die Sonnenfinsternis, ist seit Menschengedenken ein ganz besonderes, mystisches Ereignis, ein Faszinosum, um das sich Legenden ranken und das alle Menschen, Gelehrte wie Wissenschafts-Unkundige, Gl&amp;auml;ubige wie Atheisten, gebannt an den Himmel starren l&amp;auml;sst. Die T&amp;auml;nzer von &lt;em&gt;Point of Eclipse&lt;/em&gt; sind Monds&amp;uuml;chtige. Sie wirken vollst&amp;auml;ndig fremdgesteuert, als w&amp;uuml;rde kein Muskel in ihrem K&amp;ouml;rper mehr gehorchen. Das Zwerchfell st&amp;uuml;lpt sich vor, die eine Hand schiebt den Kopf zur Seite, die andere Hand schl&amp;auml;gt sie weg, die Knie brechen ein, der Oberk&amp;ouml;rper b&amp;auml;umt sich auf und dreht sich pl&amp;ouml;tzlich wirbels&amp;auml;ulenlos in eine ganz andere Richtung. Wenn der Individualtanz aufgebrochen wird und sich eine Gruppe aus dem Chaos formiert, nimmt das gro&amp;szlig;meisterhafte K&amp;ouml;nnen der T&amp;auml;nzer und des Choreographen ungeahnte Ausma&amp;szlig;e an. Werden die aufs allerh&amp;ouml;chste differenzierten Bewegungen in der Gruppe ausgef&amp;uuml;hrt, wirkt ihr Beben und Zucken wie von einem Strom gelenkt, der ein Magnetfeld induziert und eine seltsam groteske, absonderlich sch&amp;ouml;ne Teilchenbewegung in Gang bringt &amp;ndash; von einem Teilchen-Beschleuniger spricht der &lt;a href=&quot;http://www.theaterkanal.de/news/deutschland-premiere-des-cullberg-ballett-heute-in-ludwigsburg/&quot;&gt;ZDF-Theaterkanal&lt;/a&gt; hier ganz zu Recht. Neben dieser mikrokosmischen Beobachtung weckt der Tanz des &lt;em&gt;Cullberg Baletten&lt;/em&gt; aber auch eine Vielzahl von &amp;auml;hnlich gearteten Assoziationen aus dem Bereich des Makrokosmos: die T&amp;auml;nzer als Teile einer Anemone, deren Tentakel sich in der leicht chaotischen Str&amp;ouml;mung wiegen; oder als ein sich konzentrierender und wieder aufl&amp;ouml;sender Fischschwarm. Und ganz unvermittelt haben die T&amp;auml;nzer ihre K&amp;ouml;rper wieder unter Kontrolle, rennen und springen davon. Elemente der modernen &amp;Auml;sthetik, etwa Anspielungen auf die Physik, werden mit uralten Assoziationen aus dem kultisch-mystischen Bereich gemischt: In der zweiten H&amp;auml;lfte des St&amp;uuml;ckes wird die Musik roher und erdiger, der Tanz wird gr&amp;ouml;ber und martialischer. Die T&amp;auml;nzer sind nun keine Teilchen mehr, sondern Lebewesen, die Kommunikation nimmt zu und mit ihr steigt die Aggression. Doch als ein l&amp;auml;nglicher Lichtstrahl auftaucht und die B&amp;uuml;hne und den Zuschauerraum regelrecht abscannt, macht sich eine dem&amp;uuml;tige Einigkeit unter den Akteuren breit. Die Sonnenfinsternis naht, und alle starren in den Himmel, als s&amp;auml;hen sie das &amp;Uuml;bernat&amp;uuml;rliche. Dieser Tanz ist in h&amp;ouml;chstem Ma&amp;szlig;e intellektuell. Gro&amp;szlig;en Respekt verdient die unglaubliche Leistung der T&amp;auml;nzer, die extrem komplexe Bewegungsabl&amp;auml;ufe und eine hochkognitive Choreographie mit Leben f&amp;uuml;llen. Diese gro&amp;szlig;artige Komposition kommt nicht ohne gro&amp;szlig;artige Musik aus. Der Komponist und DJ &lt;a href=&quot;http://www.myspace.com/jeanlouishuhta&quot;&gt;Jean-Louis Hutha&lt;/a&gt; hat eine grandiose Elektro-Partitur zu &lt;em&gt;Point of Eclipse&lt;/em&gt; geschrieben, zarte bis hypnotische, energetische bis bei&amp;szlig;end schrille T&amp;ouml;ne verst&amp;auml;rken den Eindruck, dass man sich in einem Magnetfeld befindet. Johan Inger hat mit dieser Choreographie Syn&amp;auml;sthesie betrieben und macht das Unsichtbare sichtbar, das Unbegreifbare greifbar. &lt;em&gt;&lt;strong&gt;Point of Eclipse&lt;/strong&gt;. &lt;a href=&quot;http://www.cullbergbaletten.se&quot;&gt;Cullberg Baletten&lt;/a&gt;, Stockholm. Choreographie von Johan Inger. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C3%BCbernat%C3%BCrlich-%C3%BCbersinnlich-intellektuell#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Thu, 11 Dec 2008 10:23:50 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Miriam Petersen</dc:creator>
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 <title>Â»Die Tat wird aufgedeckt, der TÃ¤ter Ã¼berfÃ¼hrtÂ«</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BBdie-tat-wird-aufgedeckt-der-t%C3%A4ter-%C3%BCberf%C3%BChrt%C2%AB</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Kalle_Blomquist&quot;&gt;Kalle Blomquist&lt;/a&gt;, wohnhaft in Kleink&amp;ouml;ping, Hauptstra&amp;szlig;e 14, hat gro&amp;szlig;e Ambitionen: Er will Verbrechen aufkl&amp;auml;ren, wie ein richtiger Detektiv, und zwar wie der beste &amp;ndash; da k&amp;ouml;nnen Sherlock Holmes und Hercule Poirot einpacken. Doch anders als bei seinen ber&amp;uuml;hmten Kollegen eignet sich seine kleinb&amp;uuml;rgerliche Umgebung leider so gar nicht f&amp;uuml;r den Schauplatz eines gruseligen Verbrechens. So verleben Kalle und seine Freunde Anders und Eva-Lotta eine beschauliche Jugend, die nur durch den Krieg mit der Bande der roten Rosen an Spannung gewinnt &amp;ndash; bis Eva-Lottas zwielichtiger Onkel Einar auftaucht.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:left; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»Meisterdetektiv Kalle BlomquistÂ« â€“ Â© Thilo Beu&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/blomquist2.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Meisterdetektiv Kalle Blomquist&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; Thilo Beu)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;In der Erz&amp;auml;hlung von &lt;a href=&quot;http://www.astridlindgren.de/&quot;&gt;Astrid Lindgren&lt;/a&gt; ist alles enthalten, was das (Kinder-) Herz begehrt: Freiheit, Spiele, Zimtwecken, Bandenkriege, erste Verliebtheiten und Verbrecher, die am Ende ihrer gerechten Strafe zugef&amp;uuml;hrt werden. Thomas Goritzki gelingt es mit seiner Inszenierung der dramatisierten Fassung von &lt;a href=&quot;http://www.vvb.de/autoren/M/7933/reportAutor&quot;&gt;Eberhard M&amp;ouml;bius&lt;/a&gt; den &amp;Uuml;berschwang und die Lebendigkeit aus dem Lindgrenschen Text auf die B&amp;uuml;hne zu &amp;uuml;bertragen. Hauptgrund f&amp;uuml;r dieses Gelingen sind sicherlich die spritzigen Lieder, f&amp;uuml;r deren Text er verantwortlich ist und die Michael Barfu&amp;szlig; mit sch&amp;ouml;nen, eing&amp;auml;ngigen Kindermelodien vertont hat. Dass Barfu&amp;szlig; auf der B&amp;uuml;hne von Martin Erdmann in Frack mit Zylinder und wei&amp;szlig;en Handschuhen am Klavier begleitet wird, gibt dem Ganzen den Anstrich eines Puppenspiels. Verst&amp;auml;rkt wird dieser Eindruck durch das sehr plastische B&amp;uuml;hnenbild von Heiko M&amp;ouml;nnich, das die von H&amp;auml;usern ges&amp;auml;umte Hauptstra&amp;szlig;e Kleink&amp;ouml;pings in all ihren Details samt Ampel, Klingelschildern und Gulli zeigt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Meisterdetektiv Kalle, vertr&amp;auml;umt-tollpatschig gespielt von Oliver Chomik, hat vor allem eines im Kopf: endlich einen Verbrecher zur Strecke zu bringen. Dass die Blutspuren, die er in der Anfangsszene untersucht, nur Resultat seines Unfalls mit einem Bleistiftspitzer sind, tr&amp;uuml;bt seinen Eifer nicht. Sein Freund Anders (Konstantin Lindhorst) ist das komplette Gegenst&amp;uuml;ck dazu: In seiner sehr bodenst&amp;auml;ndigen, locker-flapsigen Art rei&amp;szlig;t er den angehenden Ermittler aus seinen Tagtr&amp;auml;umen. Aber auch er l&amp;auml;sst sich leicht aus dem Konzept bringen von Eva-Lotta (Franziska Hartmann), in die die beiden unsterblich verliebt sind. Ihrer Wirkung nur allzu bewusst, spielt das M&amp;auml;dchen selbstbewusst und aufgedreht mit ihren Verehrern. Zu dritt bilden die Freunde aber ein unschlagbares Team, das sich mit Streichen und Spielen die Zeit vertreibt, wobei Eltern und sogar der Dorfpolizist Bj&amp;ouml;rk (Carl-Ludwig Weinknecht) immer ein Auge zudr&amp;uuml;cken und f&amp;uuml;r jeden Spa&amp;szlig; zu haben sind. Als Eva-Lottas unsympathischer Onkel Einar (herrlich l&amp;auml;cherlich: Ralf Drexler) sich unangek&amp;uuml;ndigt auf unbestimmte Zeit bei seiner Verwandtschaft einnistet, erwacht Kalles Sp&amp;uuml;rsinn. Der aufdringliche Gast nimmt die Kinder mit zu einem Ausflug auf eine abgesperrte Burgruine, die er wie ein routinierter Einbrecher mit Hilfe eines Dietrichs &amp;ouml;ffnet. Er streunt nachts durch die Gegend und bekommt schlie&amp;szlig;lich unangenehmen Besuch von zwei dubiosen Gestalten. Kalle, der all diese Geschehnisse aufmerksam verfolgt und sorgf&amp;auml;ltig Spuren sichert, gelingt es, Einar eines Diamantendiebstahls zu &amp;uuml;berf&amp;uuml;hren. Leider mischen er und seine Freunde sich zu sehr ein und werden in die Burgruine eingesperrt. Nun muss Kalle sein detektivisches K&amp;ouml;nnen unter Beweis stellen: Ein Fluchtweg aus der Burgruine muss gefunden und die Schurken gestellt werden.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:right; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»Meisterdetektiv Kalle BlomquistÂ« â€“ Â© Thilo Beu&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/blomquist1.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Meisterdetektiv Kalle Blomquist&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; Thilo Beu)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Doch nicht die Verbrecherjagd alleine macht den Charme der Lindgrenschen Texte aus, ihre St&amp;auml;rke liegt in den lebendigen Schilderungen des Alltags. Deswegen &amp;uuml;berzeugt, dass die B&amp;uuml;hnenfassung auch Szenen &amp;uuml;bernimmt, die f&amp;uuml;r die Haupthandlung nicht besonders relevant, f&amp;uuml;r das Kinderleben aber essentiell sind: so der gro&amp;szlig;e Auftritt des Zirkus &lt;em&gt;Kallotan&lt;/em&gt;, in dem die Freunde als Gewichtheber, Seilt&amp;auml;nzer oder Clowns auftreten, oder der Kampf der Rosen, in dem Kalle, Anders und Eva-Lotta als die wei&amp;szlig;en Rosen sich gegen die Bande der roten Rosen in Stra&amp;szlig;enk&amp;auml;mpfen und Ritualen nach einem strengen Kodex beweisen m&amp;uuml;ssen. Diese Kinderspiele sind in ihrer Welt genauso wichtig wie reale Bedrohungen und lockern die Handlung angenehm auf &amp;ndash; die Kinder im Publikum jedenfalls lassen sich von ihnen genauso mitrei&amp;szlig;en wie von der dramatischen Verbrecherjagd in der Burgruine. Leider ger&amp;auml;t das St&amp;uuml;ck so aber recht lang &amp;ndash; mit Pause gut &amp;uuml;ber zwei Stunden &amp;ndash; und streckenweise auch langatmig. Einf&amp;auml;lle wie die Verk&amp;uuml;rzung von Szenen durch schlaglichtartige Momentaufnahmen oder die Verdichtung der Verbrecherjagd auf Rauch und Sirenengeheul versuchen dem zwar entgegenzuwirken, f&amp;uuml;hren aber eher zu einem Eindruck von Gehetztheit an zentralen Stellen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eine der gro&amp;szlig;en St&amp;auml;rken der Inszenierung liegt in den Liedern, die von den Schauspielern mal stimmgewaltig, mal leise-melancholisch gesungen werden. Auch das B&amp;uuml;hnenbild ist gelungen: Alle Elemente werden in das Spiel einbezogen, die Kinder turnen an den Ampeln und auf den D&amp;auml;chern entlang, wenn Kalle das Geheimnis um Onkel Einar l&amp;uuml;ftet, l&amp;uuml;ftet sich auch der Gullideckel, auf dem er sitzt. Verlagert sich der Schauplatz in die Burgruinen, werden einfach dunkle W&amp;auml;nde auf die B&amp;uuml;hne herunter gelassen. Genauso wie die Szenerie sind auch die Kost&amp;uuml;mbilder sehr anschaulich, mit denen Goritzkis Inszenierung arbeitet. Der Unsympath Einar wirkt noch l&amp;auml;cherlicher, als seine Komplizen in dunklen Anz&amp;uuml;gen und an die &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/The_Blues_Brothers&quot;&gt;Blues-Brothers&lt;/a&gt; erinnernden Frisuren vor im stehen, w&amp;auml;hrend er sich hemds&amp;auml;rmelig im Liegestuhl fl&amp;auml;zt. Die wei&amp;szlig;en Rosen in braven Karohosen und R&amp;ouml;ckchen heben sich schon durch ihre Kleidung von ihren Gegnern, den roten Rosen, ab, die mit geklebten Brillen und zerrissenen Jeans ein deutliches Feindbild abgeben. Es ist insgesamt eine gelungene Inszenierung, die am Ende mit geb&amp;uuml;hrendem Applaus belohnt wird. Das wichtigste dabei: Die Kinder sind begeistert, und einige h&amp;ouml;rt man beim Hinausgehen noch singen: &amp;raquo;Denn ich bin Kalle Kalle Blomquist, der f&amp;uuml;r alle alle F&amp;auml;lle da ist ...&amp;laquo; &amp;ndash; Verbrecher aufgepasst! &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://www.theater.bonn.de/neu_popup.php?termine_id=7653&quot;&gt;&lt;strong&gt;Meisterdetektiv Kalle Blomquist&lt;/strong&gt;&lt;/a&gt;. Familienst&amp;uuml;ck nach Astrid Lindgren. B&amp;uuml;hnenfassung von Eberhard M&amp;ouml;bius. &lt;a href=&quot;http://www. theater-bonn.de&quot;&gt;Theater Bonn&lt;/a&gt; &amp;ndash; Kammerspiele Bad Godesberg. Weitere Termine: 3., 6., 7., 8., 9., 10., 19., 20., 22., 25. und 31. Dezember sowie 2., 11., 12., 13. und 24. Januar 2008. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;font size=&quot;-1&quot;&gt;Fotos: &amp;copy; Thilo Beu&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Tue, 02 Dec 2008 23:02:25 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Almut Seyberth</dc:creator>
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 <title>Beim HÃ¤uten der Zwiebel </title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/beim-h%C3%A4uten-der-zwiebel</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Das Besondere an &lt;a href=&quot;http://www.schauspielkoeln.de/personalia_cv.php?pID=1128&quot;&gt;Karin Beiers&lt;/a&gt; Inszenierung von &lt;em&gt;Peer Gynt&lt;/em&gt; ist, dass der Zuschauer sie wahrnehmen kann, wie er m&amp;ouml;chte &amp;ndash; sei es als vollkommen konfuse und wirr-komische Aneinanderreihung von Episoden oder als im wahrsten Sinne des Wortes todernste Beantwortung der Frage aller Fragen: Wer bin ich? Was ist mein Wesen? Schon in &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Henrik_Ibsen&quot;&gt;Ibsens&lt;/a&gt; &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Peer_Gynt&quot;&gt;Original-Fassung&lt;/a&gt; aus dem 19. Jahrhundert wirken viele der Ereignisse in der Lebensgeschichte von Peer Gynt, dem ohne Vater aufwachsenden Bauernsohn, abstrus und surreal. Beier verst&amp;auml;rkt in ihrer Interpretation des Werkes diesen Eindruck noch, indem sie das St&amp;uuml;ck mit seinem eigentlichen Ende beginnen l&amp;auml;sst: Ein mittlerweile alter Peer sitzt in einem Irrenhaus in Kairo, der sich &amp;ouml;ffnende Vorhang gibt den Blick frei auf eine Reihe von herumvegetierenden Insassen. Alle h&amp;auml;ngen sie leblos in ihren schweren Sesseln, mit l&amp;auml;hmender Regelm&amp;auml;&amp;szlig;igkeit tickt eine Uhr vor sich hin. Im Nachhinein muss es auf den Zuschauer wirken, als holten die Darsteller einmal noch tief Luft, bevor das Chaos losbricht. Denn nachdem Peer sich gen&amp;uuml;gend selbst bemitleidet hat, schrillt auch schon die grelle Stimme seines Sitznachbarn (&lt;a href=&quot;http://www.schauspielkoeln.de/personalia_cv.php?pID=940&quot;&gt;Tilo Nest&lt;/a&gt;) &amp;uuml;ber die B&amp;uuml;hne: &amp;raquo;Peer, du bist ein L&amp;uuml;genmaul!&amp;laquo;. Der vermeintliche Geisteskranke tr&amp;auml;gt Frauenschuhe und ein Kleid, dazu einen Dreitagebart &amp;ndash; willkommen im Kopf von Peer Gynt: Seine Fantasie macht aus dem Irren neben ihm seine eigene Mutter. An dieser Stelle entfernt sich die Auff&amp;uuml;hrung von der Ebene der Realit&amp;auml;t und von Ibsens Text, wo die Mutter zu diesem Zeitpunkt l&amp;auml;ngst tot ist. Peer beginnt, sich im Irrenhaus an sein Leben zu erinnern &amp;ndash; sind es L&amp;uuml;gen? Sind diese Dinge wirklich geschehen? Wenn Peer seiner &amp;sbquo;Mutter&amp;lsquo; von der Bockjagd berichtet oder im Anschluss von seinem heroischen Brautraub auf einer Hochzeit, wird dem Zuschauer schnell klar, dass hier der Wunsch Vater des Gedankens ist. Aber Beier setzt einen klaren Akzent, sie nimmt Peer in Schutz, stellt ihn nicht blo&amp;szlig; vor den Augen des Publikums: Alles um ihn herum ist Melanchonie. &amp;raquo;Ich werd nochmal K&amp;ouml;nig&amp;laquo;, sind seine Worte ganz zu Beginn des St&amp;uuml;cks &amp;ndash; aber er wirkt dabei so verletzlich wie eine Seifenblase, die man nicht zerstechen will. Er ist bei Beier ein Getriebener, die Mutter setzt ihn unter Druck, die Freunde im Dorf ebenso (Im Chor fragen sie ihn: &amp;raquo;Kannst du hexen, Peer? Kannst du hexen?&amp;laquo;). Er wird in seine L&amp;uuml;genwelt getrieben und betr&amp;uuml;gt dabei vor allem sich selbst. &lt;a href=&quot;http://www.schauspielkoeln.de/personalia_cv.php?pID=1166&quot;&gt;Michael Wittenborn&lt;/a&gt; nimmt man die Rolle an manchen Stellen nicht ganz ab, diese Mischung von Gro&amp;szlig;mut und Zerbrechlichkeit macht er daf&amp;uuml;r jederzeit sp&amp;uuml;rbar. Die Stellen, an denen Peer zu sich kommt und seinen Selbstbetrug erkennt, sind die intensivsten des St&amp;uuml;ckes. Es folgen Peers Flucht aus seinem Heimatdorf und der Aufenthalt im Reich der Trolle, wo er ohne vorherigen Geschlechtsverkehr ein Kind zeugt. Seine Mutter stirbt. Er versucht sich als Gesch&amp;auml;ftsmann, genauer als Waffenh&amp;auml;ndler. Gegen Ende verliert sich die Handlung in Episoden auf einem Schiff, das mit ihm in Seenot ger&amp;auml;t. Aber nach der Pause ist es ohnehin weniger die Handlung als die Aussage, die in den Vordergrund tritt: Peer ist auf der Suche nach seinem Wesen, seinem Selbst. Nachdem er es auf seiner Odyssee nicht finden konnte, versucht er sich als egoistischer Pragmatiker: Nur Geld z&amp;auml;hlt f&amp;uuml;r den Waffenh&amp;auml;ndler, er ist sich selbst der N&amp;auml;chste. Auch hier wird Peers Tragik von Beier gekonnt betont: Seine Gier, die die Rationalit&amp;auml;t des Gesch&amp;auml;ftsmannes ad absurdum f&amp;uuml;hrt, wird personalisiert in einer Prostituierten, die vor den feinen Gesch&amp;auml;ftsleuten tanzt &amp;ndash; Peer gibt ihr sein ganzes Geld, sie verschwindet damit, er kann sie nicht gewinnen. Am Ende verrennt der irre Peer sich in verschiedenen Bildern seiner selbst, um der Drohung des Knopfgie&amp;szlig;ers zu entkommen &amp;ndash; er solle nach seinem Tod mit allen anderen Menschen zusammengeschmolzen werden, wenn er nicht er selbst sei. Alleine die Tatsache, dass alle in dieser Lebensgeschichte auftretenden Personen bis auf eine von M&amp;auml;nnern gespielt werden, nimmt ihr die Glaubw&amp;uuml;rdigkeit &amp;ndash; eine starke Idee von Beier, mit der sie die Weltflucht des alten Peer im Irrenhaus noch einmal betont. Dieser st&amp;auml;ndige Wechsel zwischen der imaginierten Welt in Peers Kopf und der Realit&amp;auml;t im Irrenhaus ist das pr&amp;auml;gende Merkmal der Auff&amp;uuml;hrung. Unterstrichen wird dieser Kontrast auch durch die f&amp;uuml;nf Musiker, die im Hintergrund der B&amp;uuml;hne platziert sind. Als die erste l&amp;auml;ngere Episode aus Peers Leben, eine Hochzeit in seinem Heimatdorf, erz&amp;auml;hlt wird, sorgen sie f&amp;uuml;r festlich-ausgelassene Musik. Die alten Irren, eben noch im Rollstuhl, tanzen nun ausgelassen als weibliche Party-Gesellschaft, einige tragen Per&amp;uuml;cken auf dem Kopf. &amp;Auml;hnlich die Krankenschwester (&lt;a href=&quot;http://www.schauspielkoeln.de/personalia_cv.php?pID=1178&quot;&gt;Angelika Richter&lt;/a&gt;): Eben noch serviert sie im Kittel den Alten den Kaffee, um dann als sch&amp;ouml;ne Solveig im roten Abendkleid den jungen Peer zu bet&amp;ouml;ren. Und irgendwann fragt sie doch wieder: &amp;raquo;Noch jemand Kaffee?&amp;laquo; &amp;ndash; die Realit&amp;auml;tsebenen verschwimmen auf der B&amp;uuml;hne wie in Peers Kopf. &amp;Uuml;berhaupt Solveig: Sie steht zu Peer. Am Ende schreit er sie verzweifelt an: &amp;raquo;Wo war mein Selbst?&amp;laquo;, leise antwortet sie: &amp;raquo;In meinem Glauben, in meinem Hoffen und in meinem Lieben.&amp;laquo; Hier manifestiert sich die Aussage der Inszenierung: Das Leben besteht aus nichts als Rollen, die wir spielen, in die wir gedr&amp;auml;ngt werden. Was wir wirklich sind, erfahren wir erst, wenn es schon zu sp&amp;auml;t ist. Wenn &amp;uuml;berhaupt. Im St&amp;uuml;ck gibt es f&amp;uuml;r dieses Dilemma das Bild der Zwiebel, die beim Sch&amp;auml;len nur H&amp;uuml;lle um H&amp;uuml;lle, jedoch keinen Kern zum Vorschein bringt. Wenn &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnter_Grass&quot;&gt;Grass&lt;/a&gt; sich so gnadenlos mit seinem eigenen Leben auseinandergesetzt h&amp;auml;tte wie Peer Gynt, w&amp;auml;re sein &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Beim_H%C3%A4uten_der_Zwiebel&quot;&gt;Buch&lt;/a&gt; wohl Pflichtlekt&amp;uuml;re. Insgesamt verlangt Beier dem Zuschauer eine Menge ab, nicht nur auf Grund der L&amp;auml;nge der Inszenierung von fast drei Stunden. Es braucht lange, bis man realisiert, dass die Realit&amp;auml;tsebene des Irrenhauses im St&amp;uuml;ck allgegenw&amp;auml;rtig ist und die Episoden aus Peers Leben kein Klamauk sind, sondern die verzweifelte Suche nach sich selbst. &lt;em&gt;Peer Gynt&lt;/em&gt; im Schauspielhaus ist intensiv von der ersten bis zur letzten Minute &amp;ndash; im ersten Teil kommt man sich durch das Chaos auf der B&amp;uuml;hne phasenweise vor wie im Zirkus, w&amp;auml;hrend der zweite Teil die Aussage dann verdichtet. &lt;em&gt;&lt;strong&gt;&lt;a href=&quot;http://www.schauspielkoeln.de/stueck.php?ID=140&amp;amp;tID=1116&quot;&gt;Peer Gynt&lt;/a&gt;&lt;/strong&gt; &amp;ndash; ein dramatisches Gedicht. Deutsch von Frank G&amp;uuml;nther. Fassung von Karin Beier. &lt;a href=&quot;http://www.schauspielkoeln.de/&quot;&gt;Schauspiel K&amp;ouml;ln&lt;/a&gt;. Weitere Termine: 22.11., 13.12., 14.12., 23.12., 28.12.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Fri, 21 Nov 2008 14:00:24 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Alexander Rittel</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4136 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
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 <title>Ein Leben hinter Mauern</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/ein-leben-hinter-mauern</link>
 <description>&lt;p&gt;Anl&amp;auml;sslich des nahenden 60. Geburtstags der Bundesrepublik Deutschland hat das Theater Bonn in Zusammenarbeit mit dem fringe ensemble das Projekt &lt;em&gt;60 Jahre in 6 Wochen&lt;/em&gt; ins Leben gerufen. In dieser Reihe werden Auff&amp;uuml;hrungen in der Werkstatt gezeigt, die sich mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen. Der achte November stand dabei unter dem Motto &lt;em&gt;Spitzel Spione und die Mauer&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:314px; float:right; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Impressionen von der Berliner Mauer â€“ Foto: Â© Marika Kude/PIXELIO&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/Mauer1.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Impressionen von der Berliner Mauer (Foto: &amp;copy; Marika Kude/PIXELIO)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Das Knacken des alten Radios, welches trotz langer Antenne keinen Empfang hat, und das Funksprechger&amp;auml;t auf dem wackeligen Tisch machen sofort klar: Man befindet sich in der DDR. Arne Lenk, der als linientreuer Interviewer und Moderator fungiert, referiert Paragraphen aus einem dicken W&amp;auml;lzer, der die Regeln und Gesetze der &amp;raquo;Werbung von inoffiziellen Mitarbeitern&amp;laquo; erkl&amp;auml;rt. Aus einer Kiste steigt m&amp;uuml;hsam die ehemalige Regierungsdirektorin des BND und DDR-Spionin Dr. Gabriele Gast, gespielt von Maria Munkert. Mit Strickzeug in der Hand erkl&amp;auml;rt sie r&amp;uuml;ckblickend, wie sie als Spionin angeworben wurde, und dass ihr aufgrund ihrer Liebe kaum eine andere Wahl blieb. Und schlie&amp;szlig;lich, so hebt sie hervor, sollten ihre Ausk&amp;uuml;nfte auf ihr Studium und die Universit&amp;auml;t beschr&amp;auml;nkt bleiben. Das gewohnt karge B&amp;uuml;hnenbild der Werkstatt lenkt die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf die Dialoge und l&amp;auml;sst ihn gebannt den Erkl&amp;auml;rungen und Rechtfertigungen lauschen, die wie der vorgelesene Text eines Tagebuchs durch den Raum hallen. Kaum &amp;uuml;berrascht es daher, als die Schauspielerin des fringe ensembles Justine Hauer sich schlie&amp;szlig;lich aus der Kiste erhebt und als die wahre Vorleserin der Geschichte zu erkennen gibt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Exemplarisch greift die Inszenierung drei weitere Schicksale ehemaliger Spitzel auf und vermischt in ihren Texten Wirklichkeit und Fiktion: In einer durch Seifenblase und Quietsche-Entchen angedeuteten Badewanne liegend berichtet eine ehemalige Spionin beinahe sarkastisch von ihrem Leben als Versteckspiel: dem Ehemann, von dem niemand wissen durfte, und den kilometerweiten Fahrten, um sich mit ihm in einer fremden Stadt zu treffen. Vereinzelte Telefonate, die bereits als Privileg empfunden wurden. Und der Kinderwunsch, der im Dienste f&amp;uuml;r das Land unerf&amp;uuml;llt bleiben musste. Sarkastisch und resigniert wirkt auch Wolfgang Bergmann, gespielt von Stefan Preiss, der seine Geschichte geduckt sitzend aus einer kleinen Kiste heraus erz&amp;auml;hlt. Hocker und Lampenschirm lassen an eine Wohnung in der DDR denken. Und auch die beengte Lage zeigt eine Parallele auf &amp;ndash; oder charakterisiert sie vielmehr seine sechs Jahre im Gef&amp;auml;ngnis? Ein Blatt Papier nach dem anderen wird von der Wand gerissen &amp;ndash; Symbole f&amp;uuml;r einen Abrisskalender, mit dem er seine Tage im Gef&amp;auml;ngnis z&amp;auml;hlt? Tief entt&amp;auml;uscht ist er, von der Bundesrepublik, wo es zwar Bananen und Orangen, daf&amp;uuml;r aber kein fortschrittliches Gesundheits- und Bildungssystem gab. Da fiel es ihm leicht, nach dem Studium als junger und intelligenter Mensch einer Zusammenarbeit mit der DDR zuzustimmen. Und Gorbatschow &amp;hellip;? Den nennt er einen Opportunisten und Scharlatan. Nein, am Mauerfall kann er nichts Positives entdecken. Und der unterschiedlichen Strafregelung f&amp;uuml;r Spione aus dem Westen und Osten, der kann er nat&amp;uuml;rlich auch nicht zustimmen.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:314px; float:left; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Impressionen von der Berliner Mauer â€“ Foto: Â© ingelotte/PIXELIO&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/Mauer2.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Impressionen von der Berliner Mauer (Foto: &amp;copy; ingelotte/PIXELIO)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Severine Hoensbroech versetzt den Zuschauer mit ihrer Inszenierung f&amp;uuml;r einen Abend zur&amp;uuml;ck in das geteilte Deutschland zur Zeit des Kalten Krieges. Die damals als Spione zwischen Ost und West arbeitenden Menschen werden von einer un&amp;uuml;blichen Perspektive gezeigt: als Menschen, die aufgrund ihrer pers&amp;ouml;nlichen Situation und Gef&amp;uuml;hlslage bereit dazu waren, Informationen in die jeweils andere H&amp;auml;lfte Deutschlands weiterzugeben, und am Ende f&amp;uuml;r ihre T&amp;auml;tigkeiten ins Gef&amp;auml;ngnis wanderten. Durch die Theaterperspektive wird ihr Handeln nicht relativiert und dennoch wird deutlich, dass man beim Thema Spionage zu Zeiten von DDR und BRD nicht nur in den Kategorien Schwarz-Wei&amp;szlig; denken darf, sondern auch die Schattierungen dazwischen ber&amp;uuml;cksichtigen muss.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Ein St&amp;uuml;ck, welches seinem schwierigem Thema gerecht wird, den Zuschauer aber dennoch durch Wortwitz und Situationskomik das ein oder andere mal schmunzeln l&amp;auml;sst. Die nachfolgende Diskussion mit Dr. Gabriele und Dietmar Popp, beide ehemalige Spione der DDR, bot Zeit f&amp;uuml;r Fragen des Publikums. Denn Stoff f&amp;uuml;r eine Diskussion bietet das St&amp;uuml;ck mehr als genug. Wer noch tiefer in spannende Geschichtsmomente der Bundesrepublik eintauchen m&amp;ouml;chte, f&amp;uuml;r den &amp;ouml;ffnet die Werkstatt mit einem St&amp;uuml;ck nach Wolfgang Koeppens &lt;em&gt;Das Treibhaus&lt;/em&gt;, einer szenischen Lesung &lt;em&gt;Der Stein&lt;/em&gt; sowie Uwe Tellkamps Lesung aus seinem Roman &lt;em&gt;Der Turm&lt;/em&gt; erneut ihre Pforten. &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de/neu_popup.php?stuecke_id=706&quot;&gt;&lt;strong&gt;Spitzel, Spione und die Mauer&lt;/strong&gt;&lt;/a&gt;&lt;strong&gt;. Ein Spionage-Abend zwischen Ost und West.&lt;/strong&gt; Szenische Einrichtung: Severine Hoensbroech. &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de&quot;&gt;Theater Bonn&lt;/a&gt; &amp;ndash; Werkstatt. &lt;/em&gt; &lt;strong&gt;Weitere Veranstaltungen in der Reihe &lt;em&gt;60 Jahre in 6 Wochen&lt;/em&gt;:&lt;/strong&gt; Sa., 15. November &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de/neu_popup.php?termine_id=7408&quot;&gt;Szenische Lesung&lt;/a&gt; aus &lt;em&gt;Der Stein&lt;/em&gt; von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Marius_von_Mayenburg&quot;&gt;Marius von Mayenburg&lt;/a&gt;. Sa., 22. November &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de/neu_popup.php?termine_id=7345&quot;&gt;Lesung&lt;/a&gt; von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Uwe_Tellkamp&quot;&gt;Uwe Tellkamp&lt;/a&gt; aus seinem Roman &lt;em&gt;Der Turm&lt;/em&gt;. So., 23. November sowie 6. und 30. Dezember &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de/neu_popup.php?termine_id=7540&quot;&gt;Inszenierung &lt;/a&gt;von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Koeppen&quot;&gt;Wolfgang Koeppens&lt;/a&gt; Roman &lt;em&gt;Das Treibhaus&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;font size=&quot;-1&quot;&gt;Fotos: Marika Kude, ingelotte/PIXELIO&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;
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 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/ein-leben-hinter-mauern#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Thu, 13 Nov 2008 09:38:36 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Hannah Weisgerber</dc:creator>
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 <title>Â»WeiÃŸ nichts von mir selbstÂ«</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/%C2%BBwei%C3%9F-nichts-von-mir-selbst%C2%AB</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;Eine der treffendsten Fragen, die man an &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Schiller&quot;&gt;Friedrich Schillers&lt;/a&gt; &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Don_Karlos_(Schiller)&quot;&gt;Don Carlos&lt;/a&gt;&lt;/em&gt; stellen kann, lautet noch immer: Warum benannte Schiller das St&amp;uuml;ck ausgerechnet nach ihm? Je nachdem, wie man diese Figur interpretiert, als verwirrter mutterliebender Hitzkopf oder gescheiterter Hoffnungstr&amp;auml;ger, in keinem Fall und Augenblick des Dramas ist er eine der handlungstreibenden Personen. Aber was ist er nun? Eben doch der Wichtigste: Parabel, Leidender, Erl&amp;ouml;ster, Liebender, Hassender und vom Schicksal Berufener &amp;ndash; die Haut des Dramas, die Haut des Menschlichen.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:298px; float:right; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»Don KarlosÂ« â€“ Â© Thilo Beu&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/Karlos1.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Don Karlos&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; Thilo Beu)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Die Bonner Kammerspiele unternehmen von Zeit zu Zeit den Versuch, des Schillers habhaft zu werden, und diesmal ist &lt;em&gt;Don Karlos&lt;/em&gt; (man beachte die Schreibvarianten) dran. Sehen wir mal vom Blick in den aktuellen Lehrplan ab, der den Finanzbuchhalter inspirieren k&amp;ouml;nnte, so taten die Kammerspiele mit dieser Wahl durchaus einen guten Griff. Es ist ein tr&amp;uuml;gerisches St&amp;uuml;ck, ein Historiendrama der T&amp;auml;uschung, Verwechslung, der Intrigen und mentalen wie mortalen Verstrickungen. Der Titel k&amp;uuml;ndigt es bereits an. Anders als bei Maria Stuart oder Johanna von Orleans konstruierte Schiller um die ehemals reale Gestalt Carlos&amp;lsquo;, des Sohnes Philipp II. von Spanien, eine irreale Geschichte. War der historische Carlos ein b&amp;ouml;sartiger, manisch debiler Wahnsinniger, erfand Schiller mit seiner B&amp;uuml;hnenfigur einen der gutgl&amp;auml;ubigsten, die Wahrheit und die Menschen liebenden Philantrophen, dessen Wahnsinn ausgerechnet in seiner unb&amp;auml;ndigen philosophischen und amour&amp;ouml;sen Hingabe an das Gute und Sch&amp;ouml;ne liegt. Doch Wahnsinn richtet hin.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Vielleicht eher unbeabsichtigt steht in der Inszenierung von Stefan Heiseke tats&amp;auml;chlich Carlos und nicht der vielbewunderte, hochumschw&amp;auml;rmte und starkbeklugte Marquis von Posa im Zentrum der Wiedergabe. Vielleicht liegt es eher an der ungefesselten, juvenilen Darstellungskraft Arne Links, als zotteliger Herumtreiber im Vorzimmer des b&amp;uuml;rgerlichen Chefetagenheims, Ingrimm und Entsetzen zu zeigen. Dagegen bleibt Posa (Volker Muthmann) ein d&amp;uuml;nn erleuchteter Lampenschirm des Gelsenkirchner Barocks, bei weitem nicht jener Geben-Sie-Gedankenfreiheit-Poser der Aufkl&amp;auml;rungsenthusiasten. Und dies ist eine sehr bedauerliche Schw&amp;auml;che, besteht doch gerade die St&amp;auml;rke der Inszenierung in der Zur&amp;uuml;cknahme der sonst so &amp;uuml;blichen durchregierenden Mittel des discounterhaft auftretenden Regietheaters. Zur&amp;uuml;ckhaltung, Wirkung, ja Durchschlagswucht des Textes &amp;ndash; Schiller rein, dicht, intensiv wie schon lange nicht mehr. Steif, geb&amp;auml;ndigt, ritualisiert, petrifiziert tritt der Hofstaat in blo&amp;szlig;e Erscheinung. Bernd Braun spielt den Philipp nicht nur, er ist es fast, verk&amp;uuml;ndet rundum gestisch: Sehet her, ich bin der K&amp;ouml;nig, ich bin eine grau lackierte Holzpuppe. Dem steht f&amp;uuml;rwahr Herzog (York Dippe) von Alba, Freund und Feldherr Philipps in nichts nach, au&amp;szlig;er eben in dem dippesten seiner Erscheinung. Und so nimmt die erste H&amp;auml;lfte der Vorstellung ihren Verlauf, schnell, rasend, intensiv und zutiefst kathartisch. Der unterdr&amp;uuml;ckte Vaterhass, die kaum verhohlenen Muttertriebe Carls beschw&amp;ouml;ren ebenso den kommenden Untergang herauf wie die human-sentimentalen Einfl&amp;ouml;&amp;szlig;ungen Posas in die naive Seele des Prinzen, sich berufen zu f&amp;uuml;hlen, die flandrischen Provinzen vor der H&amp;auml;rte des spanischen Imperiums zu retten. Wie sich wenden, wie sich drehen, was kann er tun, der Thronpr&amp;auml;tendent, der offensichtlich seiner k&amp;uuml;nftigen Aufgabe nicht gewachsen sein wird. Denn mit Liebe erh&amp;auml;lt man keine Macht &amp;uuml;ber L&amp;auml;ndereien und Tausende von Individuen, das wei&amp;szlig; jedoch sein K&amp;ouml;nig-Vater. Der Muthmannsche Posa ist daher auch vielmehr ein Mephisto, ein Verf&amp;uuml;hrer, selbst ein Irrgeleiteter und ein Verr&amp;auml;ter, der mit dem Hammer der Kantschen Philosophie lamentiert. Und er ahnt es und wei&amp;szlig; doch nichts. Er ist der Gef&amp;auml;hrliche, nicht Prinzessin Eboli, die nur ein Opfer ihrer Entt&amp;auml;uschungskabale wird. Nicole Kersten gibt die Eboli, gibt sie dem Publikum, gibt sie den tragischen Machinationen, dem Opfertod hin in feinen synkopischen Miniaturen &amp;uuml;ber sich inbr&amp;uuml;nstig Sehnen und schockiertes Irren. Mit passivem Schaudern muss sie dem &amp;Uuml;bel beiwohnen, das sie erzeugte. Dem kann sie schlie&amp;szlig;lich ebenso wenig entfliehen wie Carlos seiner Raserei. Entgegen der Vorlage l&amp;auml;sst Heiseke sie vom idealverdorbenen Posa schussgewaltig unter die Erde bringen.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:198px; float:left; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»Don KarlosÂ« â€“ Â© Thilo Beu&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/Karlos2.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Don Karlos&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; Thilo Beu)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Aufgedr&amp;ouml;selt werden in den Kammerspielen all die Kraftlinien, die die Figuren spinnen, die sie auslegen wie Texte und Fallstricke und von denen sie hoffen, der andere verf&amp;auml;ngt sich darin, um sich zu laben am eigenem Ruhm. Doch ein jeder redet nur f&amp;uuml;r sich, am anderen vorbei. Carlos und Eboli nur von der Liebe, die K&amp;ouml;nigin von ihren Zw&amp;auml;ngen, K&amp;ouml;nig, Posa und Alba von der Macht. Unber&amp;uuml;hrt denken und interpretieren sie sich selbst und verfehlen dabei in jener Hypertrophie des Individuums die Freiheitsbedr&amp;auml;ngnis allen Daseins auf Erden. Zu all dem entwirft das kongenial zu nennende B&amp;uuml;hnenbild von Ariane Salzbrunn ein immerzu bewegliches Labyrinth aus derrickhaft h&amp;ouml;lzernen W&amp;auml;nden. Mittelst&amp;auml;ndischer Firmensitz oder K&amp;ouml;nigspalast, diese Unterschiede sind nur eine Illusion. Umlaufende Spiegel in den immer neu gruppierten Raumengen, Nischen und Durchl&amp;auml;ssen verbergen das Vexierspiel, vergr&amp;ouml;&amp;szlig;ern es, leiten es um in den alles verschlingenden Hochmut der Selbst&amp;uuml;bersch&amp;auml;tzung. Zugleich dr&amp;auml;ut von jeder Seite das Urteil der ewigen Vernunftgesetze, dass jedes Tun und jedes Lassen nicht aus der selbstverschuldeten Unm&amp;uuml;ndigkeit einen Ausweg bietet.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Leider h&amp;auml;lt die Inszenierung dieses Niveau nicht bis zum Ende durch. Mit dem zweiten, dem ersten Teil an L&amp;auml;nge ebenb&amp;uuml;rtig, verliert sie ihre Frische und Genauigkeit. Man m&amp;ouml;chte meinen, Heiseke sei das St&amp;uuml;ck entronnen, wird es konfus, langatmig und unausgesch&amp;ouml;pft. Der zentrale Dialog von Philipp und Posa geht schlicht unter, ist nicht jener H&amp;ouml;hepunkt moralischer Reflektion &amp;uuml;ber Macht, Verantwortung und der Geltung der pr&amp;auml;ponierten Eigent&amp;uuml;mlichkeiten eines jeden. Heiseke scheint sich dieser Entdeutlichung bewusst zu sein, klappert das B&amp;uuml;hnenbild nun in immer schnellerem Rhythmus in abwechselnden Raumkonstellationen, deren offenbarer Sinn sich nicht in der Unterstreichung der Darstellung, sondern im Bewegungsmachen ersch&amp;ouml;pft. Augenscheinlich werden dabei allerdings dramaturgische Fehler, die Schiller sich selbst zu schulden kommen lie&amp;szlig;, insbesondere das einzigmalige Erscheinen des Gro&amp;szlig;inquisitors in der vorletzten Szene, der Richter ohne Vergangenheit, doch mit der Zukunft jenseits des Endes. Hier h&amp;auml;tte man in der zum Gl&amp;uuml;ck nur vorsichtig bearbeiteten Fassung durchaus st&amp;auml;rker den Stift zum Streichen ansetzen k&amp;ouml;nnen. Sah man bislang der T&amp;auml;uschung kalte Hand, so sp&amp;uuml;rt man sie zum Schluss auf der eigenen Schulter &amp;ndash; weckt das Gruseln wieder auf, die Sch&amp;uuml;ler allemal. &lt;em&gt;&lt;strong&gt;Don Karlos. Infant von Spanien.&lt;/strong&gt; Ein dramatisches Gedicht von Friedrich Schiller. &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de&quot;&gt;Theater Bonn&lt;/a&gt; &amp;ndash; Kammerspiele Bonn. Premiere: 24.10.2008. Weitere Vorstellungen: 9., 19., 20., 28. und 29. November und 12., 13., 27. und 30. Dezember 2008. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;font size=&quot;-1&quot;&gt;Fotos: &amp;copy; Thilo Beu&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
</description>
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Fri, 07 Nov 2008 13:30:47 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Andreas JÃ¼ngling</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4129 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
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 <title>Vive la â€“ Tasmanie?</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/vive-la-%E2%80%93-tasmanie</link>
 <description>&lt;p&gt;Ein wei&amp;szlig;er Stuhl in futuristischer Eierschalenoptik. Wei&amp;szlig; dominiert die Szenerie. Blaues Licht. Ein Mann im Anzug, frisch aus dem Ei gepellt. Es ist Monsieur le M&amp;ouml;chte-Gern-Pr&amp;eacute;sident Conrad Cyning (Thomas Huber). Er probt seine n&amp;auml;chste Wahlkampfrede und erkl&amp;auml;rt: &amp;raquo;Ich nenne dieses Land nicht mehr Frankreich, ich nenne es gar nicht mehr&amp;laquo;, denn: &amp;raquo;Wir sind jetzt in Tasmanien.&amp;laquo; &lt;a href=&quot;http://www.rowohlt.de/theater/magazin/Fabrice_Melquiot.01102008.24940.html&quot;&gt;Fabrice Melquiots&lt;/a&gt; &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://www.rowohlt.de/sixcms/detail.php?id=2738881&quot;&gt;Tasmanien&lt;/a&gt;&lt;/em&gt; ist eine Parabel auf den franz&amp;ouml;sischen Wahlkampf zwischen &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%A9gol%C3%A8ne_Royal&quot;&gt;S&amp;eacute;gol&amp;egrave;ne Royal&lt;/a&gt; und &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Nicolas_Sarkozy&quot;&gt;Nicolas Sarkozy&lt;/a&gt;. Dabei bekommt besonders Sarkozy sein Fett weg &amp;ndash; assoziiert man mit Tasmanien doch in erster Linie den tasmanischen Teufel, lateinische Bezeichnung: &lt;em&gt;Sarcophilus harrisii&lt;/em&gt;. Am Rande der B&amp;uuml;hne krepiert parallel zu Cynings Rede seine H&amp;uuml;ndin bei der Geburt eines Welpen. &amp;raquo;Wort&amp;laquo; wird der hei&amp;szlig;en. Sein Kost&amp;uuml;m weist ihn als seltsam zottelige Promenadenmischung aus: Optisch einem tasmanischen Teufel nicht un&amp;auml;hnlich, ist er Metapher f&amp;uuml;r eine anbrechende dunkle &amp;Auml;ra. Er ist Scho&amp;szlig;hund der Wahlkampfrhetorik und schlie&amp;szlig;lich ist &amp;raquo;Wort&amp;laquo; ja auch Melquiots ganz pers&amp;ouml;nlicher Kampfhund. Wenn Susanne Bredeh&amp;ouml;ft als neurotischer &amp;raquo;Wort&amp;laquo; begleitet von bedrohlich-dumpfer Musik &amp;uuml;ber die B&amp;uuml;hne hechelt, hat das etwas gelungen Schauerliches. Wer Hunde nicht mag, hat Pech gehabt. Im Verlauf des St&amp;uuml;cks werden immer wieder welche auftreten. Als hechelnd-h&amp;ouml;rige Zuh&amp;ouml;rerschaft des Pr&amp;auml;sidenten in spe.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:left; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»TasmanienÂ« â€“ Â© Thilo Beu&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/Tasmanien_Napoleon.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Tasmanien&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; Thilo Beu)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;&amp;raquo;La Tasmanie&amp;laquo; ist die Manie des Empork&amp;ouml;mmlings Cyning. Die Manie der &amp;Auml;rmel-hoch-und Welt-Umkrempler. Die Manie derer, die immer hungrig nach Macht sind. Wer sich allerdings auf ernstzunehmendes politisches Theater gefreut hat, wird entt&amp;auml;uscht. Melquiots St&amp;uuml;ck enth&amp;auml;lt nur Plattit&amp;uuml;den: Die Gro&amp;szlig;en geben alles, um an die Macht zu kommen. Der Pakt mit dem Teufel ist Selbstverst&amp;auml;ndlichkeit. Privatleben nur noch Selbstinszenierung. Politische Reden hei&amp;szlig;e Luft. Fabrice Melquiots Sprache ist derb, vulg&amp;auml;r und windet sich im Nebul&amp;ouml;s-Zusammenhanglosen. Vielleicht muss Cyning deshalb seine bedeutendste Wahlkampfrede anal vortragen. Niveau ist irgendwie anders &amp;ndash; Melquiots sonstige B&amp;uuml;hnenerfolge hin oder her.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Es ist Thomas Huber, der Klaus Weises Inszenierung rausrei&amp;szlig;t. In brillianter Weise schafft er es, Cyning in allen Facetten dessen manischen Tuns darzustellen. Als Poser im Drogenrausch in Feinrippunterhose, als verschlagener Staatsmann, als Napoleon-Verschnitt. Er h&amp;uuml;pft, t&amp;auml;nzelt, schreitet, gibt den hyperaktiven Pingpongball, hin- und hergespielt zwischen Wahn und Wirklichkeit. Er ist grotesk, surreal, und im wahrsten Sinne des Wortes politisch nicht korrekt. Aber durchaus sehenswert. Auch nicht schlecht: Raphael Rubino als kom&amp;ouml;diantischer Monsieur Teu-f&amp;auml;l, der als regelm&amp;auml;&amp;szlig;iger Gast in den Halluzinationen Cynings auftritt und schon auch mal stellvertretend f&amp;uuml;r ihn bei Wahlkampfreden einspringt. Allerdings wirkt seine traditionelle Rotlichtumgebung etwas abgedroschen. Dem Bonner Ensemble gelingt die zentrische Streckung der Realit&amp;auml;t ins Absurd-Abwegige ohne jede M&amp;uuml;he. Brilliante Schauspieler f&amp;uuml;r ein nicht ganz so brillantes St&amp;uuml;ck also.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:right; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»TasmanienÂ« â€“ Â© Thilo Beu&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/Tasmanien_Teufel.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Tasmanien&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; Thilo Beu)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Auch Manfred Bl&amp;ouml;&amp;szlig;ers B&amp;uuml;hnengestaltung ist gelungen. Durch riesige bunte Plexiglasscheiben wird die in Frankreich so oft kritisierte mediale Omnipr&amp;auml;senz Sarkozys ins rechte Licht ger&amp;uuml;ckt. Der drehbare Glaskasten erm&amp;ouml;glicht es, die B&amp;uuml;hne der Bonner Kammerspiele optimal f&amp;uuml;r das St&amp;uuml;ck zu nutzen. F&amp;uuml;r den Elys&amp;eacute;e-Palast ist er allerdings etwas klein geraten. Mais: C&amp;rsquo;est la vie.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Conrad Cyning gen&amp;uuml;gt sich selbst. Erst zum Ende hin taucht seine Kontrahentin Marie Santa-Vulva (Tatjana Pasztor) im absolutistischen Herrschaftsgewand auf. Noch ein kurzer kindischer Sandkastendialog zwischen den beiden (Sau!! Selber Sau!) und dann ist es fast geschafft. Damit aber &amp;ndash; wie es sich geh&amp;ouml;rt &amp;ndash; noch ein akzeptabler Schwall Blut flie&amp;szlig;t, werden am Schluss die M&amp;auml;chtigen von ihren debilen Kindern gemeuchelt, die sich ab und an im Palast auch mal verlaufen. Weil zuvor aber Regieanweisungen im Text nicht beachtet wurden (eigentlich werden die Kinder von den Z&amp;auml;hnen der Hunde zerrissen), wirkt ein solches Ende unmotiviert. Ebenso wird die Hundesymbolik durch Textstreichungen an der kurzen Leine gehalten. Der Kampfhund &amp;raquo;Wort&amp;laquo;, sein tasmanischer Freund und Monsieur le Pr&amp;eacute;sident waren bei &amp;raquo;Tiere suchen ein Zuhause&amp;laquo; nicht gerade leicht zu vermitteln, lehnten doch s&amp;auml;mtliche franz&amp;ouml;sische Theater das St&amp;uuml;ck ab. Vermutlich wegen seiner politischen Haltlosigkeit. Zuletzt zeigte nur das Theater Bonn Erbarmen. Nun ja, den Letzten bei&amp;szlig;en die Hunde. &lt;em&gt;&lt;strong&gt;Tasmanien.&lt;/strong&gt; Schauspiel von Fabrice Melquiot. Deutsche &amp;Uuml;bersetzung von Almuth Voss. Theater Bonn &amp;ndash; Kammerspiele Bad Godesberg. Urauff&amp;uuml;hrung. Inszenierung: Klaus Weise. Weitere Termine: 7. und 8. November, 18. Dezember. &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de&quot;&gt;http://www.theater-bonn.de&lt;/a&gt;&lt;/em&gt; &amp;nbsp;&lt;br /&gt;
	&lt;font size=&quot;-1&quot;&gt;Fotos: &amp;copy; Thilo Beu&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;
</description>
 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/vive-la-%E2%80%93-tasmanie#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Mon, 27 Oct 2008 11:00:17 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Judith KÃ¤rn</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4124 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
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<item>
 <title>Fressen oder gefressen werden</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/fressen-oder-gefressen-werden</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;In einem der beliebtesten Reiseziele der Deutschen herrscht Krieg. Von Sodom und Gomorrha im Land, wo die Zitronen bl&amp;uuml;hn, handelt der Film von Matteo Garrones, der mit dem &lt;a href=&quot;http://www.hanser.de/buch.asp?isbn=978-3-446-20949-7&quot;&gt;Buch&lt;/a&gt; von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Roberto_Saviano&quot;&gt;Roberto Saviano&lt;/a&gt; als Vorlage einen dokumentarischen Spielfilm drehte. Berichtet wird &amp;uuml;ber die &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Camorra&quot;&gt;Camorra&lt;/a&gt;, eine Organisation von Wirtschaftskriminellen in Neapel. Regisseur und Autor stehen seit der Ver&amp;ouml;ffentlichung ihrer Werke unter Polizeischutz. Die meisten kennen Italien nur &amp;uuml;ber den Bildschirm ihrer Digitalkameras: traumhafte Landschaften, Kultur, gutes Essen und ein freundlicher Casanova an jeder Ecke. Klar, es gibt auch diese H&amp;uuml;tchenspieler und Leute, die einem auf den Stra&amp;szlig;en Florenz&amp;rsquo; gef&amp;auml;lschte Louis-Vuitton-Taschen andrehen wollen und nat&amp;uuml;rlich wei&amp;szlig; jeder, dass da auch irgendwo unter den ganzen harmlosen Charmeuren Mafiosos rumlaufen, die die armen Pizzab&amp;auml;cker um einen Teil ihres hart verdienten Geldes bringen. Aber trotzdem: Italien steht f&amp;uuml;r Romantik pur. Wer sich allerdings im S&amp;uuml;den des Landes, au&amp;szlig;erhalb der Touristen-Metropolen, aufh&amp;auml;lt, sp&amp;uuml;rt schnell das in Italien herrschende Nord-S&amp;uuml;d-Gef&amp;auml;lle und merkt, dass die &amp;raquo;dolce-vita&amp;laquo;, l&amp;auml;ngst nicht &amp;uuml;berall herrscht und schon gar nicht das Leben aller Italiener umgibt. Man kennt zwar das M&amp;uuml;ll-Problem Neapels aus der Tagesschau, doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. &lt;img alt=&quot;Â»GomorrhaÂ« (Filmplakat) â€“ Â© PROKINO&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/gomorrha.jpg&quot; title=&quot;Â»GomorrhaÂ« (Filmplakat) â€“ Â© PROKINO&quot; /&gt;Was unter der Oberfl&amp;auml;che liegt, zeigt &lt;a href=&quot;http://www.gomorrha-derfilm.de/&quot;&gt;&amp;raquo;Gomorrha&amp;laquo;&lt;/a&gt; schonungslos. Der Film pr&amp;auml;sentiert in jeder Hinsicht das v&amp;ouml;llige Gegenteil eines vertr&amp;auml;umten Italiens. Nicht nur, dass Menschen brutal umgebracht und unterdr&amp;uuml;ckt werden, nicht mal mit einer sch&amp;ouml;nen Landschaft kann das Auge des Zuschauers nach der Schie&amp;szlig;erei beruhigt werden. &amp;Ouml;des, unfruchtbares Land soweit das Auge reicht, und mittendrin gef&amp;auml;ngnisartige Wohnanlagen, die an Trostlosigkeit nicht zu &amp;uuml;berbieten sind. In dieser Umgebung werden f&amp;uuml;nf unterschiedliche Schicksale beleuchtet: ein etwa dreizehnj&amp;auml;hrige Junge, der keine andere Perspektive sieht, als sich dem organisierten Verbrechen anzuschlie&amp;szlig;en; ein Handlanger der Mafia, der sich sein Recht zu leben damit verdient, &amp;raquo;pensionierten&amp;laquo; Camorra-Mitgliedern ihr Schweigegeld zu zahlen und deren Beschwerden entgegen zu nehmen; ein Schneider, der f&amp;uuml;r eine Konkurrenzfirma der Mafia arbeitet und deswegen im Kofferraum zur Arbeit f&amp;auml;hrt; ein Gesch&amp;auml;ftsmann, der sich durch preisg&amp;uuml;nstige Entsorgung von Giftm&amp;uuml;ll bereichert; zwei Halbstarke, die sich selbst als Bosse ihres Zwei-Mann-Clans versuchen. Der Film ist wahrlich keine leichte Kost. Selbst &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Fernando_Meirelles&quot;&gt;Fernando Meirelles&amp;#39;&lt;/a&gt; und K&amp;aacute;tia Lunds &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/City_of_God_(Film)&quot;&gt;&amp;raquo;City of God&amp;laquo;&lt;/a&gt; (2002), der &amp;uuml;ber das von Drogen und Mord bestimmte Leben der Kinder in den Favelas von Rio erz&amp;auml;hlt, ist dagegen fast Hollywood-Kino. &amp;raquo;Gomorrha&amp;laquo; erf&amp;uuml;llt einen mit dem Wunsch, den Kinosaal zu verlassen. Nicht die Schie&amp;szlig;ereien, Blut und Gewalt lassen diesen Wunsch aufkommen, sondern die unabwendbare Trostlosigkeit, die die ganze Geschichte bestimmt. Das Leben der Menschen ist albtraumartig und ausweglos, so dass man als Zuschauer nicht mal &amp;uuml;ber die Kinoleinwand daran beteiligt sein will. Unterst&amp;uuml;tzt wird dieses Gef&amp;uuml;hl durch das Fehlen einer Identifikationsfigur. Obwohl es sich nicht bei allen um korrupte und brutale Typen handelt, f&amp;uuml;hrt einen der Regisseur an niemanden nah genug heran, um tiefen emotionalen Anteil an dessen Schicksal zu nehmen. Von Anfang an erzeugen die Bilder Beklemmung. Immer wieder muss man sich ins Ged&amp;auml;chtnis rufen, dass es sich hier um Schauspieler handelt, und nicht echten Gangstern bei ihrem t&amp;auml;glichen Treiben &amp;uuml;ber die Schulter geguckt wurde. Der dokumentarischen Blickwinkel wird durch die Handkamera verst&amp;auml;rkt. Filmemacher und Autoren wollen auf die Zust&amp;auml;nde, die tats&amp;auml;chlich vorherrschen, aufmerksam machen, und trotz Schauspielern und Drehbuch eine zu starke Fiktionalisierung und Abschw&amp;auml;chung vermeiden. Ohne Zweifel wird dem Zuschauer hier deutlich vor Augen gef&amp;uuml;hrt, dass es sich bei Mafia-Organisationen wie der Camorra nicht um Kleinkriminelle handelt, die hier und da mal jemanden um die Ecke bringen, sondern um ein verbrecherisches Unternehmen von erschreckendem Ausma&amp;szlig;. &lt;em&gt;&lt;strong&gt;&lt;a href=&quot;http://www.gomorrha-derfilm.de/&quot;&gt;Gomorrha, Reise in das Reich der Camorra/Gomorra&lt;/a&gt;&lt;/strong&gt; (Italien 2008), Regie: Matteo Garrones, Drehbuch: Maurizio Braucci, nach dem gleichnahmigen Buch von Roberto Saviano (2007).&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/fressen-oder-gefressen-werden#comments</comments>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Wed, 08 Oct 2008 12:35:05 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Sarah Collas</dc:creator>
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 <title>Die globalen Folgen eines Brechts</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/die-globalen-folgen-eines-brechts</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;a href=&quot;http://www.biennale-bonn.de/&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;Biennale Bonn 2008 (Logo)&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/BiennaleLogo_2008.jpg&quot; /&gt;&lt;/a&gt;Doppelt exotisch erscheint es, wenn eines der bis heute am meisten gespielten Brecht-St&amp;uuml;cke von einem Ensemble des &lt;em&gt;Staatstheaters Erzurum&lt;/em&gt; gespielt wird. Verlagerte &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Bertolt_Brecht&quot;&gt;Brecht&lt;/a&gt; noch die Handlung in den das Utopische verst&amp;auml;rkenden Exotismus Kaukasus, so r&amp;uuml;ckt die t&amp;uuml;rkische Auff&amp;uuml;hrung diesen in eine geographische Wirklichkeit, der das Exotische als das im Fremden begr&amp;uuml;ndete innewohnt. An diesem Kreuzungspunkt &amp;uuml;berlagern sich die Wege der Zug&amp;auml;nglichkeit von Hoffnung und Gegenwart, steht dort wie ein Wegstein die herkunftslose Frage nach dem Unterschied von Recht und Gerechtigkeit.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:left; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»Kafkas TebeÅŸir DairesiÂ« (Â»Der Kaukasische KreidekreisÂ«). Inszenierung des Erzurum Devlet Tiyatrosu/Staatstheaters Erzurum (Foto: Â© Erhan MutlugÃ¼n)&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/KAFKASTEBESIRDAIRESI3.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Kafkas TebeÅŸir Dairesi (Der Kaukasische Kreidekreis)&lt;/em&gt;. Inszenierung des Erzurum Devlet Tiyatrosu/Staatstheaters Erzurum&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; Erhan Mutlug&amp;uuml;n)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Der &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Der_kaukasische_Kreidekreis&quot;&gt;Kaukasische Kreidekreis&lt;/a&gt;&lt;/em&gt; ist ein, wenn nicht &lt;em&gt;der&lt;/em&gt; Klassiker des epischen Theaters und seiner Auff&amp;uuml;hrungspraxis. Gerade weil sich der Regisseur BariÅŸ Erdenk fast v&amp;ouml;llig treu an dieser orientierte, gewann die Inszenierung vor dem Hintergrund einer weiterfort demokratieunverd&amp;auml;chtigen t&amp;uuml;rkischen Gesellschaft wieder an Aktualit&amp;auml;t, erzeugte die Erz&amp;auml;hlung um die kindbeladene Grusche, den gerissen-rei&amp;szlig;erischen Richter Azdak und den ber&amp;uuml;hmten Streitkampf um den Millionenerbe die symbolische Brisanz, die im Spielplanerfolgsrezept &amp;raquo;Klassiker&amp;laquo; im deutschen Theater unl&amp;auml;ngst nicht mehr vorgesehen ist. Gezielt aufgehoben wurden die starken Verfremdungseinw&amp;uuml;rfe, offenbar, um doch dem Publikum nicht g&amp;auml;nzlich die Illusion zu rauben. Der S&amp;auml;nger Teischde, der in die Erz&amp;auml;hlung von Krieg, Flucht, Not und Liebe einf&amp;uuml;hrt, verschwindet, erscheint, den Faden wieder aufgreift, ist ebenso deutlich aus dem Spielgeschehen separiert wie die Kost&amp;uuml;m- und Requisitenwechsel auf offener B&amp;uuml;hne oder venezianische Masken und verbr&amp;auml;mte Velourumh&amp;auml;nge f&amp;uuml;r die verkommenen F&amp;uuml;rsten, Gouverneure und ihr Gespons. Szenenintegrale Uniformen, Roben, T&amp;auml;nze im kaukasischen Stil brachen jedoch zugleich den Brechtschen Bruch. Hier waren Identifikation und Mitleid, Katharsis und Aufgew&amp;uuml;hltsein gewollt. Da&amp;szlig; diese modern-dialektische Inszenierung dabei gelungen ist, mag wohl auch den zeitgen&amp;ouml;ssischen Sehweisen geschuldet sein, die ohne Widerstreben beide Konzepte &amp;ndash; ob Brecht oder Aristoteles &amp;ndash; auch in eins gesetzt, harmonisch zu verstehen m&amp;ouml;gen. Das offenbare Engagement, der augenscheinliche Enthusiasmus, mit den Mitteln des Theaters aufkl&amp;auml;rend und kritisch zu wirken, spiegelte sich nicht nur im sparsamen Aufbau des aus orientalisch anmutenden Transportpaletten zusammengesetzten Wanderb&amp;uuml;hnenbildes, vielmehr auch in der schlichten, spr&amp;uuml;henden Begeisterung der Darsteller bei ihrer Arbeit. Elf Akteure mehrheitlich auf und sechs Musiker &amp;ndash; nach der Musik von Paul Dessau allerdings &amp;ndash; vor der Raumkante wirbelten und schallten, sich gegenseitig antreibend, vom Vorspiel der Kolchosbauern bis zum als Zugabe wiederholten Chortanz. An dieser Stelle muss man allerdings einwenden, dass das Vorspiel aus der 54er-Fassung Brechts historisch deplaziert wirkte und ein durchaus weniger genaues Abarbeiten der Vorlage sinnvoll gewesen w&amp;auml;re. Weder kann man sich heute noch den produktiven Zwist zweier Genossenschaftsg&amp;uuml;ter vorstellen, noch ist der Verweis auf eine sozialistische Moral sowjetischer Provenienz zwingend und notwendig. Mit den massig-folkloristisch choreographierten Auftritten des Chor-Volkes schuf Erdenk immer wieder zur Besinnung rufende, Deutungen setzende, neue Zwischenr&amp;auml;ume zur zeitlichen und lokalen Abfolge der linear und parallel konstruierten Handlung Brechts. Anklage der Korruptheit der M&amp;auml;chtigen wechselte mit der &amp;uuml;ber die Unbill des Krieges, wechselte mit dem Lob auf den volkst&amp;uuml;mlichen Richter Azdak.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:right; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»Kafkas TebeÅŸir DairesiÂ« (Â»Der Kaukasische KreidekreisÂ«). Inszenierung des Erzurum Devlet Tiyatrosu/Staatstheaters Erzurum (Foto: Â© Erhan MutlugÃ¼n)&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/KAFKASTEBESIRDAIRESI2.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Kafkas TebeÅŸir Dairesi (Der Kaukasische Kreidekreis)&lt;/em&gt;. Inszenierung des Erzurum Devlet Tiyatrosu/Staatstheaters Erzurum&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; Erhan Mutlug&amp;uuml;n)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Eingelegt in das moralische Labor des Krieges wurden Recht und Gerechtigkeit, zwei fraglose ernste Kategorien, mit bis ins Derbe hineinreichenden jovialen Humor verhandelt. Fast stete &amp;Uuml;berspitzungen der grimmassierenden Darstellung, etwas Holterdipolter hier, etwas robust gespielte Laienhaftigkeit da, verliehen der Auff&amp;uuml;hrung damit einen zus&amp;auml;tzlichen Zug popularer Einfachheit. Man mochte so meinen, Azdak sei eigentlich ein Adam und Grusche eine resolutere Eva. Und trotzdem versank bei allem Witz der Oberfl&amp;auml;che unter schn&amp;ouml;rkellosem Oberlicht und einigen ausschneidenden Spots darin nicht der Frage Kern, wie es f&amp;uuml;r das Volk ersprie&amp;szlig;lich zugehen k&amp;ouml;nnte, wenn es nicht selbst seine Geschicke nach seiner Notwendigkeit, nach seinen Bed&amp;uuml;rfnissen lenke. Dass der Ausgleich der Interessen ein ewig dr&amp;auml;ngendes und immer wieder Ver&amp;auml;nderung erzwingendes allgemeines Problem ist, dessen Handhabung der Mechanismen man nicht Erw&amp;auml;hlten oder Experten allein &amp;uuml;berlassen kann, erwies das t&amp;uuml;rkische Ensemble nicht nur mit der Rezeption eines deutschen St&amp;uuml;ckes, sondern mehr noch mit dem Verwischen irgendwelcher nationalen Besonderheiten. Obgleich es schien, als ob die Dramaturgie, als ob Verkleidung, Sprache und Gesang die nordostt&amp;uuml;rkischen Gegenw&amp;auml;rtigkeiten aufgreifen, um dort durch Unmittelbarkeit zu wirken, bleibt die Einsicht in die prinzipielle Gleichartigkeit der Verh&amp;auml;ltnisse. Inwiefern das Theater dabei mithelfen kann, von der Einsicht zum Ergebnis mitzuleiten, wird wohl offen bleiben m&amp;uuml;ssen, dem &lt;em&gt;Staatstheater Erzurum&lt;/em&gt; bleibt zu danken, gerade diese Dimension des Abstrakten und Allgemeing&amp;uuml;ltigen aus dem nur scheinbaren nationalen Klassikerschatz des &lt;em&gt;Kaukasischen Kreidekreises&lt;/em&gt; geborgen zu haben. &lt;em&gt;&lt;strong&gt;Kafkas TebeÅŸir Dairesi (Der Kaukasische Kreidekreis)&lt;/strong&gt;. Schauspiel von Bertolt Brecht. &lt;a href=&quot;http://www.devtiyatro.gov.tr/&quot;&gt;Erzurum Devlet Tiyatrosu&lt;/a&gt;/Staatstheater Erzurum. &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de&quot;&gt;Theater Bonn&lt;/a&gt; &amp;ndash; Kammerspiele Bad Godesberg. Inszenierung: BarÄ±ÅŸ Erdenk.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;font size=&quot;-1&quot;&gt;Fotos: &amp;copy; Erhan Mutlug&amp;uuml;n&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/tags/biennale-bonn">Biennale Bonn</category>
 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Sun, 29 Jun 2008 11:00:46 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Andreas JÃ¼ngling</dc:creator>
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 <title>Die unertrÃ¤gliche Einsamkeit des Seins</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/die-unertr%C3%A4gliche-einsamkeit-des-seins</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;a href=&quot;http://www.biennale-bonn.de/&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;Biennale Bonn 2008 (Logo)&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/BiennaleLogo_2008.jpg&quot; /&gt;&lt;/a&gt;&amp;raquo;Mir geht es darum, eine transzendente Erz&amp;auml;hlebene zu erschaffen, in der die Einzelteile des Textes ineinander &amp;uuml;bergehen und die alle Existenzformen gleichzeitig gew&amp;auml;hrt.&amp;laquo; Mit diesen Worten versuchte der t&amp;uuml;rkische Autor &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Hasan_Ali_Topta%C5%9F&quot;&gt;Hasan Ali ToptaÈ™&lt;/a&gt; einmal, den Charakter seiner Werke zu beschreiben. Ob er dabei insbesondere an seine 1990 erschienenen, als Lexikoneintr&amp;auml;ge angelegten lyrischen Texte mit dem Titel &lt;em&gt;Yalnizliklar (Einsamkeiten)&lt;/em&gt; gedacht hat, ist nicht &amp;uuml;berliefert. Auf jeden Fall aber kann der Satz als Motto f&amp;uuml;r die B&amp;uuml;hnenfassung des Werkes dienen, die das &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://www.tiyatrooyunevi.com/&quot;&gt;Tiyatro Oyunevi&lt;/a&gt;&lt;/em&gt; aus Istanbul den Zuschauern auf der Werkstattb&amp;uuml;hne im Rahmen der &lt;a href=&quot;http://www.biennale-bonn.de&quot;&gt;Biennale Bonn&lt;/a&gt; pr&amp;auml;sentierte. Eine chronologische Handlung hat das St&amp;uuml;ck n&amp;auml;mlich nicht. Der einzige Schauspieler Mahir G&amp;uuml;nÈ™iray bewegt sich in einer Welt voller Erinnerungen, in der seine Figur umgetrieben wird von den mit ihnen verbundenen Empfindungen. Immer wieder zitiert der Mann seine Gedanken, mal ganz still und nachdenklich, dann wieder herausgeschrien bis in die letzte Reihe. Nur das Thema der Reflexionen bleibt immer dasselbe: die Einsamkeit. Um genau zu sein, sind es viele Einsamkeiten, in Form von unz&amp;auml;hligen Papierkn&amp;auml;ueln &amp;uuml;ber die gesamte B&amp;uuml;hne verteilt. Nach und nach wird der Protagonist sie aufsammeln. Zusammen mit einigen Gegenst&amp;auml;nden wie einem roten Damenschuh oder einem schwarzen Regenschirm, die f&amp;uuml;r besonders wichtige Bestandteile der Erinnerung des Protagonisten stehen, verbildlichen sie dessen Gedankenwelt. Dar&amp;uuml;ber hinaus sorgen zwei surreal anmutende Frauen in wei&amp;szlig;en Gew&amp;auml;ndern (Kamucan Yal&amp;ccedil;in und G&amp;uuml;neÅŸ &amp;Ouml;zge&amp;ccedil;) mit Klarinette und Violine f&amp;uuml;r eine musikalische Untermalung.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:left; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»YalnizliklarÂ« (Â»EinsamkeitenÂ«). Inszenierung des Tiyatro Oyunevi, Instanbul (Foto: Â© Can GÃ¼nÈ™iray)&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/YALNIZLIKLAR4.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Yalnizliklar (Einsamkeiten)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		Inszenierung des Tiyatro Oyunevi, Instanbul&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; Can G&amp;uuml;nÈ™iray)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Im Leben des Protagonisten &amp;auml;ndern sich zwar die Bilder f&amp;uuml;r Einsamkeit unz&amp;auml;hlige Male, das Gef&amp;uuml;hl jedoch bleibt dabei stets dasselbe: In seiner Einsamkeit ist er, der exemplarisch f&amp;uuml;r alle Menschen steht, immer noch der kleine Junge in Gro&amp;szlig;mutters K&amp;uuml;che. In der ersten Episode des St&amp;uuml;cks erz&amp;auml;hlt er von dieser Kindheit, in der er den Begriff der Einsamkeit mit seiner Gro&amp;szlig;mutter verband. Erinnerungen an den Krieg haben ihn gepr&amp;auml;gt, aus Angst vor Gewehrsch&amp;uuml;ssen zuckte er zusammen, wenn in der heimischen K&amp;uuml;che der Mais gebraten wurde. Die Einsamkeit, hei&amp;szlig;t es in einem Vers, verschmutzt die Kinder mit der Zeit. Als Zuschauer wird man an diesem fr&amp;uuml;hen Punkt der Auff&amp;uuml;hrung zum ersten Mal von der Intensit&amp;auml;t &amp;uuml;berrascht, mit der G&amp;uuml;nÈ™iray seine Figur die Erinnerungen sp&amp;uuml;ren l&amp;auml;sst: Er l&amp;auml;uft schnell &amp;uuml;ber die B&amp;uuml;hne, schaut mit wildem Blick &amp;uuml;ber das Publikum hinweg, verleiht der metaphorisch bis zum Zerbersten &amp;uuml;berladenen Sprache Hasan Ali ToptaÈ™&amp;#39; eine Gestalt. Den Takt geben dabei Klarinette und Violine vor, die die Szene in schrille und ekstatische T&amp;ouml;ne h&amp;uuml;llen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Doch die Einsamkeit hat bei ToptaÈ™ auch noch eine andere, ganz stille Seite. Auf die aufbrausenden Momente folgen stets Situationen, in denen die Zuschauer genau hinh&amp;ouml;ren m&amp;uuml;ssen: Auch den Vater verbindet der Protagonist mit Einsamkeit, und dieses Gef&amp;uuml;hl tr&amp;auml;gt er sein Leben lang in sich. Er h&amp;ouml;rt niemals auf, Kind zu sein. Es gab auch einmal eine Frau, immer wieder sagt er diesen einen Satz: &amp;raquo;Jedes Mal dachte ich, dass ohne dich zu sein, die Einsamkeit w&amp;auml;re. Damals war ich du, um nicht ohne dich zu sein.&amp;laquo; In diesen Momenten wird es leise auf der B&amp;uuml;hne, die Erfahrung des Verlustes ist greifbar. Den roten Damenschuh in der Hand, sinniert der Protagonist &amp;uuml;ber die Unausweichlichkeit der Einsamkeit: Selbst in den sch&amp;ouml;nsten Momenten der Intimit&amp;auml;t mit einer Frau, wenn die Einsamkeit unter gegenseitigen K&amp;uuml;ssen und Liebkosungen eigentlich verliert, gewinnt sie letztendlich doch. Denn was bleibt, ist die Gewissheit, dass der Moment nie wiederkommen kann. Auch das ist f&amp;uuml;r ihn Einsamkeit.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:201px; float:right; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Hasan Ali ToptaÈ™ (Foto: Â© Koray TekÃ¶zkay)&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/HATOPTAS.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Hasan Ali ToptaÈ™&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; Koray Tek&amp;ouml;zkay)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;So bewegt G&amp;uuml;nÈ™iray seine manisch-depressive Figur &amp;uuml;ber die B&amp;uuml;hne, von Erinnerung zu Erinnerung, von Einsamkeit zu Einsamkeit, durch das Wechselbad von tiefer Melancholie und dann pl&amp;ouml;tzlich wieder verzweifelter Gel&amp;ouml;stheit. So zeigt ihn das Ende des St&amp;uuml;cks, wie er in Raserei auf der B&amp;uuml;hne mit einem Besen alle Papierkn&amp;auml;uel zusammenfegen will. Nat&amp;uuml;rlich gelingt es nicht, kann es nicht gelingen. Dieses Bild dr&amp;uuml;ckt den Kern des St&amp;uuml;cks besser aus als jedes andere: Aus dem Kreislauf, dem Gef&amp;auml;ngnis der Einsamkeit, kann der Mensch nicht ausbrechen. Diese Ern&amp;uuml;chterung und Tragik war die ganze Zeit auf der B&amp;uuml;hne allgegenw&amp;auml;rtig, zum Ende hin spricht der Protagonist sie selbst aus: Die W&amp;auml;rme des Telefonbuchs ist nichts als eine T&amp;auml;uschung. Alles, was die Melancholie des Alltags kurzzeitig vertreibt &amp;ndash; nur eine T&amp;auml;uschung. Dabei steht er im faden Licht der B&amp;uuml;hnenbeleuchtung und wirkt auf unglaubliche Art gefasst. Die Einsamkeit, das hat dieses St&amp;uuml;ck gezeigt, sie ist f&amp;uuml;r ihn immer da, in einer ihrer unz&amp;auml;hligen Formen. Einen Ausweg gibt es nicht. Aber der Mensch verliert in der Lyrik von ToptaÈ™ in der Einsamkeit eben nicht seine W&amp;uuml;rde, hat er doch die Chance, seinen Umgang mit dieser Einsamkeit selbst zu bestimmen. In der Sprache des Autors klingt das dann so: Der Mensch kann in die Einsamkeit fallen oder sich bewusst zu ihr emporhieven, als erw&amp;uuml;nschter Zustand sei sie ein Genuss. Doch auf den Genuss muss auch immer wieder der Fall folgen, auf die Gel&amp;ouml;stheit die Taubheit des Schmerzes.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:200px; float:left; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»YalnizliklarÂ« (Â»EinsamkeitenÂ«). Inszenierung des Tiyatro Oyunevi, Instanbul (Foto: Â© Can GÃ¼nÈ™iray)&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/YALNIZLIKLAR2.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Yalnizliklar (Einsamkeiten)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		Inszenierung des Tiyatro Oyunevi, Instanbul&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; Can G&amp;uuml;nÈ™iray)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Diese Ambivalenz vermittelt das St&amp;uuml;ck dem Zuschauer nachhaltig. Es gibt wohl keine geeignetere literarische Form, um die Hilflosigkeit der einsamen Menschen darzustellen und gleichzeitig die Losgel&amp;ouml;stheit, die sich daraus entwickeln kann, als die ineinander-wabernden lyrischen Verse von ToptaÈ™ auf ihrer &amp;raquo;transzendenten Erz&amp;auml;hlebene&amp;laquo;. Auch die Adaption f&amp;uuml;r die B&amp;uuml;hne ist vor allem dank der intensiven Emotionen, mit denen G&amp;uuml;nÈ™iray das menschliche Dilemma ausdr&amp;uuml;ckt, gelungen. Die B&amp;uuml;hne und das Licht unterstreichen die Stimmungen des Protagonisten, diesen Zweck erf&amp;uuml;llt auch die sporadisch einsetzende Musik sehr gut. Dem Team um Regisseur Celil Toks&amp;ouml;z ist es ohne Frage gelungen, die literarische Vorlage f&amp;uuml;r die B&amp;uuml;hne zu adaptieren. Ihr Ziel ist es dabei ganz offensichtlich, die Wirkung der Lyrik mit theatralischen Mitteln zu unterstreichen, im Vordergrund stehen stets die Verse selbst in ihrer unchronologischen Form.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Allerdings macht es die Inszenierung dem Zuschauer durch den fehlenden Handlungsstrang und die metaphorische Sprache, die in enormem Tempo von dem Darsteller und somit auch von dem &amp;Uuml;bersetzer vorgetragen wird, insgesamt nicht leicht. Die Simultan&amp;uuml;bersetzung geht teilweise sogar selbst bei hoher Lautst&amp;auml;rke unter der Musik und den Worten G&amp;uuml;nÈ™irays unter, die Auff&amp;uuml;hrung fordert die Zuschauer also auf allen Ebenen und mit all ihren Sinnen. Doch die Sprache von ToptaÈ™ ist es wert, sie malt Bilder, die man nicht vergisst. Es dr&amp;auml;ngt sich der Eindruck auf, dass es gar nicht so sehr darum geht, jeden Vers zu verstehen, sondern darum, einige der vielen Bilder und Gef&amp;uuml;hle von Einsamkeit mitzunehmen. So steht am Ende nur noch ein kleiner Kinderkreisel auf der B&amp;uuml;hne, der langsam seine Bahnen zieht. G&amp;uuml;nÈ™iray ist l&amp;auml;ngst gegangen. Wenn es noch eines Bildes f&amp;uuml;r die Traurigkeit der Einsamkeit bedurft h&amp;auml;tte, dann w&amp;auml;re es dieser Kreisel. Nach ein paar Minuten bleibt er stehen. In diesen Stimmungen und Bildern, die durch die Verse und ihre Einbettung in die B&amp;uuml;hnenwelt entstehen, liegt die St&amp;auml;rke der Auff&amp;uuml;hrung. Der Regisseur h&amp;auml;lt sich zur&amp;uuml;ck und l&amp;auml;sst ToptaÈ™&amp;#39; Lyrik sprechen. Eine richtige Entscheidung. &lt;em&gt;&lt;strong&gt;Yalnizliklar (Einsamkeiten)&lt;/strong&gt;. Schauspiel nach dem gleichnamigen lyrischen Werk Hasan Ali ToptaÈ™&amp;#39;. Tiyatro Oyunevi, Istanbul. &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de&quot;&gt;Theater Bonn&lt;/a&gt; &amp;ndash; Werkstatt im Opernhaus. Inszenierung: Celil Toks&amp;ouml;z.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;font size=&quot;-1&quot;&gt;Fotos: &amp;copy; Can G&amp;uuml;nÈ™iray [2]; Koray Tek&amp;ouml;zkay [1]&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;
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 <comments>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/die-unertr%C3%A4gliche-einsamkeit-des-seins#comments</comments>
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Sun, 29 Jun 2008 10:00:19 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Alexander Rittel</dc:creator>
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 <title>Das Spiel mit der Tradition</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/das-spiel-mit-der-tradition</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;a href=&quot;http://www.biennale-bonn.de/&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;Biennale Bonn 2008 (Logo)&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/BiennaleLogo_2008.jpg&quot; /&gt;&lt;/a&gt;Regisseurin und Choreographin Beyhan Murphy scheint selbst so etwas wie die fleischgewordene Symbiose aus Tradition und Moderne zu sein, wirft man einen Blick in ihren Lebenslauf. Sie studierte an der London School of Contemporary Dance. Sie bekennt sich, wie ihr Mann (Bauhaus-S&amp;auml;nger Peter Murphy), zum &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Sufismus&quot;&gt;Sufismus&lt;/a&gt;. Sie hat zwei Kinder mit ihm und ist, nach erfolgreicher Karriere in Europa und der T&amp;uuml;rkei, seit einiger Zeit Leiterin des &lt;a href=&quot;http://www.idobale.com&quot;&gt;Istanbuler Staatsballetts&lt;/a&gt;. Sie schafft selbst den Spagat, in den sich ihr Land, als Gelenk zwischen Orient und Europa, unweigerlich begibt. Mit &lt;em&gt;G&amp;uuml;ldestan (Rosengarten)&lt;/em&gt; erz&amp;auml;hlt sie die Geschichte ihres Landes &amp;ndash; nicht etwa mit Hilfe von Zahlen und Fakten, sondern sie macht die &amp;raquo;Idee T&amp;uuml;rkei&amp;laquo; sichtbar.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:200px; float:left; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»GÃ¼ldestanÂ« (Â»RosengartenÂ«). Inszenierung des Staatsballetts Instanbul (Foto: Â© Istanbul Devlet Balesi/Staatsballett Istanbul)&quot; height=&quot;300&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/GLDESTAN2.jpg&quot; width=&quot;200&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;G&amp;uuml;ldestan (Rosengarten)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		Inszenierung des Staatsballetts Instanbul&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; Istanbul Devlet Balesi/Staatsballett Istanbul)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Am Anfang dieser Idee stehen sich zwei Parteien gegen&amp;uuml;ber: M&amp;auml;nner und Frauen. Zun&amp;auml;chst beherrschen die Frauen die B&amp;uuml;hne. Sie tanzen verspielt und als Gruppe organisch-zusammengeh&amp;ouml;rig. Dann treten die M&amp;auml;nner auf. Ihr Tanz ist archaischer, aggressiver. Sie tanzen gegeneinander, nicht miteinander. Auf die Gegen&amp;uuml;berstellung von Mann und Frau folgt eine Ann&amp;auml;herung: Die Hochzeit, trotz derer die Geschlechtergruppen voneinander getrennt bleiben und nicht miteinander interagieren. Die Musik changiert zwischen sph&amp;auml;rischen Elektrokl&amp;auml;ngen und traditionellen, fast bodenst&amp;auml;ndig anmutenden Rhythmen. Langsam, kaum merklich, ver&amp;auml;ndert sich die Stimmung auf der B&amp;uuml;hne: Der Tanz gelangt mitten hinein ins Leben. Man l&amp;auml;sst das Paar hochleben und feiert ausgelassen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auf die Hochzeit folgt (ganz traditionell) die Hochzeitsnacht. Die Zweisamkeit ist hier Ort der spirituellen Geschlechtersymbiose: Das Pas de Deux ist erotisch und intim, intensiv und k&amp;ouml;rperlich. Die T&amp;auml;nzer trotzen jeder Gravitation, kreisen und schlingen sich in au&amp;szlig;ergew&amp;ouml;hnlicher Harmonie umeinander. Aber es bleibt nur ein Versuch: Leider muss auch dieses Liebesidyll zu Ende gehen und dem banalen Alltag weichen. So treten unmittelbar nach diesem fesselnden Pas de Deux einige m&amp;auml;nnliche T&amp;auml;nzer auf, alle in schlecht sitzenden bunt gestreiften Anz&amp;uuml;gen und mit angeklebten Schnauz: Eine Parodie auf anatolische Basarmafiosi und Kleinkriminelle, fies aber d&amp;auml;mlich. Wenig sp&amp;auml;ter spazieren in kokett-arroganter Haltung leichte Damen auf die B&amp;uuml;hne und bringen die Herren um ihr letztes bisschen Verstand. Diese persiflierende Umrisszeichnung zeigt die Distanz der Choreographin zum Sujet &amp;ndash; bei gleichzeitiger Ortskenntnis. Leider kann die Theatertanz-Episode diese St&amp;auml;rke nicht halten und wird, obwohl sie beim Publikum ausgesprochen gut ankommt, eine Schwachstelle des St&amp;uuml;ckes: Zu Beginn ist die Szene scharfsinnig, doch leider geht sie bald in eine eher seichte Unterhaltung &amp;uuml;ber, die die T&amp;auml;nzer ein wenig zu Revuegirls (und -boys) degradiert.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:right; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Mercan Dede (Foto: Â© f-cat productions)&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/MercanDede.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Mercan Dede&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; f-cat productions)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Der Mann, der das Ballett musikalisch tr&amp;auml;gt, ist &lt;a href=&quot;http://www.mercandede.com&quot;&gt;Mercan Dede&lt;/a&gt;. Er ist Komponist, Musiker und DJ, sieht in der Sufi-Musik seine Wurzeln und seine Inspiration und l&amp;auml;sst diese traditionellen Momente mit Elektro-Elementen zu einer spirituellen Klangwelt verschmelzen. Der t&amp;uuml;rkische Musiker hat nicht nur die Partitur f&amp;uuml;r &lt;em&gt;G&amp;uuml;ldestan&lt;/em&gt; geschrieben, er steht bei der Vorstellung auch selbst am Mischpult. Das Orchester bedient sich sowohl klassisch-europ&amp;auml;ischer Instrumenten (wie etwa der Violine oder dem Cello) als auch klassisch-orientalischer (z.B. der Darbuka, der Metallklarinette oder dem Bendir). Das Zentrum bildet das DJ-Pult, an dem Mercan Dede &amp;ndash; der selbst w&amp;auml;hrend der Veranstaltung oft die Ney spielt oder mit Fingerzimbeln arbeitet &amp;ndash; elektronische und klassische Kl&amp;auml;nge mischt.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Topologisch wird die T&amp;uuml;rkei im dritten Teil vergegenw&amp;auml;rtigt: Die B&amp;uuml;hne besteht aus einer riesigen, sandfarbenen Stoffbahn, die von der Decke h&amp;auml;ngt und in die gro&amp;szlig;e Fenster hineingeschnitten wurden. Die T&amp;auml;nzer, die die B&amp;uuml;hne betreten, tragen luftige, ebenfalls sandfarbene Kleidung, die beinahe staubig wirkt. Ihr Tanz scheint wie von der dr&amp;uuml;ckenden Mittagshitze verlangsamt aber nicht weniger w&amp;uuml;rdevoll und selbstverst&amp;auml;ndlich-sch&amp;ouml;n wie in den vorangegangenen Szenen. Das Orchester versieht die Szenerie mit einer akustisch brillanten Atmosph&amp;auml;re: Die Geige, sonst zust&amp;auml;ndig f&amp;uuml;r die Untermalung intensiver Gef&amp;uuml;hlszust&amp;auml;nde, wird hier mit sensiblen Bogenschlag dazu eingesetzt, fernes M&amp;ouml;wengeschrei zu erzeugen oder eine Grille im Geb&amp;uuml;sch zirpen zu lassen. Man kann, wenn man die Augen schlie&amp;szlig;t, in Gedanken &amp;uuml;ber trockenes Gras streichen und den Staub auf den Stra&amp;szlig;en riechen. In einem klimatisierten Opernsaal wird die anatolische Halbinsel pl&amp;ouml;tzlich haptisch real. Ein Ensemblemitglied liest t&amp;uuml;rkische Zeilen vor, aus denen klar wird: Diese Ortsbeschreibung ist nicht einfach eine Lokalisierung, sie ist ein Bewusstseinszustand. Doch es ist eben nicht die idealtypische T&amp;uuml;rkei, die hier gezeichnet wird. Der Mann erz&amp;auml;hlt, dass es st&amp;uuml;rmt, dass das Meer aufgepeitscht ist und die Gischt das staubige Land mit Salzwasser best&amp;auml;ubt.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:200px; float:left; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»GÃ¼ldestanÂ« (Â»RosengartenÂ«). Inszenierung des Staatsballetts Instanbul (Foto: Â© Ä°stanbul Devlet Balesi/Staatsballett Istanbul)&quot; height=&quot;300&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/GLDESTAN1.jpg&quot; width=&quot;200&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;G&amp;uuml;ldestan (Rosengarten)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		Inszenierung des Staatsballetts Instanbul&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; Ä°stanbul Devlet Balesi/Staatsballett Istanbul)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;In der letzten Szene tragen die M&amp;auml;nner riesige rote, geraffte R&amp;ouml;cke. Ihr Tanz ist fragil und zugleich beherrscht. Sie stehen wie Blumen in einem Garten, sie wachsen und recken sich um Licht. Der Widerspruch zwischen den muskul&amp;ouml;sen M&amp;auml;nnerk&amp;ouml;rpern und ihrer Expression scheint die besondere St&amp;auml;rke der t&amp;uuml;rkischen Seele zu verdeutlichen, n&amp;auml;mlich das st&amp;auml;ndige Bem&amp;uuml;hen um die Vers&amp;ouml;hnung der Gegens&amp;auml;tze. Ein Land bleibt nicht wie es ist: Manche Teile sterben ab, andere bleiben, und immer wieder kommen neue hinzu. Als zum Schluss Rosenbl&amp;auml;tter von der Decke regnen und der Vorhang sich senkt, gibt es einen langen, tosenden Applaus, stehende Ovationen und Bravorufe. Eine Huldigung, die diese Inszenierung wirklich verdient hat.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Episodenhaft und abwechslungsreich, besticht die Inszenierung sowohl durch Sensibilit&amp;auml;t und Grazie als auch durch scharfe Beobachtung und Persiflage. Es wird kein m&amp;auml;rchenhaftes Reich aus 1001 Nacht oder die Reisekatalog-T&amp;uuml;rkei mit azurblauer See und Pauschalurlaubsbunkern gezeigt: Das Gestern und das Heute, von dem G&amp;uuml;ldestan erz&amp;auml;hlt, ist feinsinnig, spirituell und konterkarierend &amp;ndash; und oft nicht voneinander zu trennen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&amp;nbsp;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;&lt;strong&gt;G&amp;uuml;ldestan (Rosengarten)&lt;/strong&gt;. &lt;a href=&quot;http://www.idobale.com&quot;&gt;Ä°stanbul Devlet Balesi&lt;/a&gt; (Staatsballett Istanbul). &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de&quot;&gt;Theater Bonn&lt;/a&gt; &amp;ndash; Opernhaus. Regie und Choreographie: Beyhan Murphy. Deutschland-Premiere.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;font size=&quot;-1&quot;&gt;Fotos: &amp;copy; Ä°stanbul Devlet Balesi/Staatsballett Istanbul [2]; f-cat productions [1]&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Fri, 27 Jun 2008 06:10:44 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Miriam Petersen</dc:creator>
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 <title>Sich selbst finden</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/sich-selbst-finden</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;a href=&quot;http://www.biennale-bonn.de/&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;Biennale Bonn 2008 (Logo)&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/BiennaleLogo_2008.jpg&quot; /&gt;&lt;/a&gt;&amp;raquo;Ich m&amp;ouml;cht&amp;rsquo; ein Kavallerist werden, wie einst mein Vater einer gewesen ist.&amp;laquo; So lautet der einzige Satz, den das verst&amp;ouml;rte Wesen sprechen kann, das mitten auf der B&amp;uuml;hne am Boden kauert, als sich der Vorhang &amp;ouml;ffnet. Es handelt sich um einen jungen Mann (BarÄ±ÅŸ ÅžÄ±ri), bekleidet mit zerrissenen und f&amp;uuml;r seine gro&amp;szlig;e schlaksige Gestalt viel zu kurzen Kleidern, das Haar auf seinem Kopf ist rasiert worden. Immer wieder schaut er sich hektisch um. Er befindet sich in einem kargen Raum, der durch sechs identische T&amp;uuml;ren mit der Au&amp;szlig;enwelt verbunden ist. Die Bewegungen des Mannes sind grob und unbeholfen. Mehrmals versucht er aufzustehen, kann das Gleichgewicht jedoch nicht halten und f&amp;auml;llt zu Boden. Immer wieder spricht er den einen Satz, in der Hand h&amp;auml;lt er ein Spielzeugpferd. Dann pl&amp;ouml;tzlich werden die T&amp;uuml;ren von au&amp;szlig;en aufgerissen und die &amp;raquo;Experten&amp;laquo; betreten den Raum, in schwarze Hosenanz&amp;uuml;ge gekleidete M&amp;auml;nner und Frauen mit strengem Blick, die sogleich beginnen, dem wilden Kind fast alle Kleider und das kleine Spielzeugpferd wegzunehmen. Nun muss der verst&amp;ouml;rte junge Mann einige Untersuchungen &amp;uuml;ber sich ergehen lassen. Ist die Neugier der Experten dann gestillt, bekommt er neue Kleider und wird vorerst wieder allein gelassen, eingesperrt in diesem Zimmer wie ein wildes Tier in seinem K&amp;auml;fig. So oder &amp;auml;hnlich muss die Szene auch gewesen sein, als 1832 in N&amp;uuml;rnberg der sich tier&amp;auml;hnlich geb&amp;auml;rdende &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Kaspar_Hauser&quot;&gt;Kaspar Hauser&lt;/a&gt; aufgefunden wurde, ein ungef&amp;auml;hr 16 Jahre alter Junge, dessen Herkunft bis heute nicht gekl&amp;auml;rt werden konnte. Man vermutet, dass er in einem Kerker gefangen gehalten wurde und abgeschieden von jeglichem Kontakt zu anderen Menschen aufwuchs. Es existiert sogar die Vermutung, dass er ein badischer Erbprinz war, der aus machtpolitischen Gr&amp;uuml;nden aus dem Weg geschafft werden sollte. Fest steht jedoch, dass er, als er gefunden wurde, weder sprechen noch richtig laufen konnte und wohl eher einem wilden Tier als einem Menschen glich. &amp;ndash; Das ist der Mythos, den &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Handke&quot;&gt;Peter Handke&lt;/a&gt; in seinem 1967 uraufgef&amp;uuml;hrten St&amp;uuml;ck &lt;em&gt;Kaspar&lt;/em&gt; verarbeitet hat. Dieses &amp;raquo;zeigt nicht, wie ES WIRKLICH IST oder WIRKLICH WAR mit Kaspar Hauser. Es zeigt, was M&amp;Ouml;GLICH IST mit jemandem. Es zeigt, wie jemand durch Sprechen zum Sprechen gebracht werden kann.&amp;laquo; Mit diesen Worten beginnt Handkes St&amp;uuml;ck und diese Worte sich gleichzeitig programmatisch f&amp;uuml;r die Produktion &lt;em&gt;Yaban &amp;Ccedil;ocuk (Das wilde Kind)&lt;/em&gt;, mit der das Ensemble Tiyatrolokomotif bei der &lt;a href=&quot;http://www.biennale-bonn.de&quot;&gt;Biennale Bonn :Bosporus 2008&lt;/a&gt; zu Gast ist.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:left; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»Das wilde KindÂ« (Â»Yaban Ã‡ocukÂ«). Inszenierung des Ensemble Tiyatrolokomotif (Foto: Â© Mehmet Ali ÃœzergÃ¼n)&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/YABANCOCUK1.JPG&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Das wilde Kind (Yaban &amp;Ccedil;ocuk)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		Inszenierung des Ensembles Tiyatrolokomotif&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; Mehmet Ali &amp;Uuml;zerg&amp;uuml;n)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Die Gruppe zeigt eine Bearbeitung von Handkes &lt;em&gt;Kaspar&lt;/em&gt;, das 1984 zum ersten Mal ins T&amp;uuml;rkische &amp;uuml;bersetzt wurde. Die Inszenierung entstand bereits 2005 unter der Leitung des Regiesseurs Ahmet B&amp;uuml;lent Acar, der sich im Zuge der Diskussionen &amp;uuml;ber einen m&amp;ouml;glichen Beitritt der T&amp;uuml;rkei in die EU die Frage stellte: Wie kann man die erzwungene Verwandlung eines unterentwickelten Wesens in ein eigenst&amp;auml;ndiges Individuum heute neu interpretieren? Ziel und Zweck der Inszenierung sei es gewesen, das Augenmerk auf das Identit&amp;auml;tsproblem der T&amp;uuml;rkei zu lenken und den Prozess des &amp;raquo;Sich-selbst-neu-Findens&amp;laquo; auf kultureller Ebene durch Diskussionen anzukurbeln. Die mythologische Figur Kaspar Hauser, der durch &amp;auml;u&amp;szlig;eres Einwirken zum Sprechen gebracht wird und &amp;uuml;ber die Sprache zu seiner Identit&amp;auml;t findet, wird so in Ahmet B&amp;uuml;lent Acars Interpretation zum Spiegel f&amp;uuml;r die aktuell in der T&amp;uuml;rkei ablaufenden Prozesse, in denen sich die kulturelle Landschaft zwischen Ost und West, zwischen Tradition und Moderne immer wieder aufs Neue definiert.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Auch wenn es sich bei &lt;em&gt;Yaban &amp;Ccedil;ocuk&lt;/em&gt; um eine Bearbeitung des Handke-Textes handelt, so bleibt die Inszenierung doch &amp;uuml;ber weite Strecken recht nah am Original. Zu Beginn hei&amp;szlig;t es in Handkes &lt;em&gt;Kaspar&lt;/em&gt;, das St&amp;uuml;ck k&amp;ouml;nne ebensogut &amp;rsaquo;Sprechfolterung&amp;lsaquo; genannt werden und dieses Wort beschreibt wunderbar treffend, was mit dem jungen Kaspar geschieht. Er wird n&amp;auml;mlich den unterschiedlichen Stimmen von zahllosen &amp;raquo;Einsagern&amp;laquo; ausgesetzt, die pausenlos auf ihn einreden und durch diese permanente sprachliche Reizung versuchen, Kaspar zum Sprechen zu bewegen. In der Version des Tiyatrolokomotif treten die Einsager in Gestalt der bereits zu Beginn erw&amp;auml;hnten Experten auf, die manchmal durch eine der T&amp;uuml;ren die B&amp;uuml;hne betreten, um Kaspar einen Stuhl oder andere Gegenst&amp;auml;nde zu bringen, die manchmal aber auch aus dem Off zu ihm sprechen. Gleichzeitig wird die Szene mit Musik und einer leicht bedrohlich wirkenden Ger&amp;auml;uschkulisse hinterlegt, die an ein tierisches Stimmengewirr aus dem Urwald erinnert. All diese akustischen Reize scheinen das wilde Kind zu &amp;uuml;berfordern und das Publikum empfindet &amp;Auml;hnliches, zumal f&amp;uuml;r die Mehrzahl der Zuschauer noch eine weitere Stimme hinzu kommt: die des deutschen Synchronsprechers im Kopfh&amp;ouml;rer n&amp;auml;mlich. Doch auch wenn es manchmal aufgrund der unterschiedlichen Stimmen der Experten und der Ger&amp;auml;uschkulisse im Hintergrund schwer f&amp;auml;llt, der deutschen &amp;Uuml;bersetzung zu folgen, erzielt diese akustische Reiz&amp;uuml;berflutung auch einen positiven Nebeneffekt: Der Zuschauer erf&amp;auml;hrt am eigenen Leib, wie Kaspar das Stimmengewirr empfindet und kann erahnen, wie jemand, der kaum sprechen kann und keinen Kontakt zu anderen Menschen gewohnt ist, sich unter dem Einfluss einer solchen sprachlichen Reizung f&amp;uuml;hlen muss. Nach und nach werden immer mehr Gegenst&amp;auml;nde zu Kaspar ins Zimmer gebracht. Ein Tisch mit einer heraush&amp;auml;ngenden Schublade, ein Stuhl, ein Tisch, dem zwei Beine fehlen, ein Garderobenst&amp;auml;nder, eine Schere, Streichh&amp;ouml;lzer, ein Schaukelpferd. Mit der Zeit gelingt es Kaspar, sich einen &amp;Uuml;berblick zu verschaffen. Er lernt, die Dinge beim Namen zu nennen und pl&amp;ouml;tzlich fl&amp;ouml;&amp;szlig;en sie ihm keine Angst mehr ein. Er beginnt die Gegenst&amp;auml;nde im Zimmer hin und her zu r&amp;auml;umen und schafft so Ordnung. St&amp;auml;ndig lernt er neue Worte und S&amp;auml;tze und auch seine Bewegungen werden immer sicherer und kontrollierter. &amp;raquo;Seit ich sprechen kann, kann ich ordnungsgem&amp;auml;&amp;szlig; aufstehen; aber das Fallen tut erst weh, seit ich sprechen kann; aber das Wehtun beim Fallen ist halb so schlimm, seit ich wei&amp;szlig;, dass ich &amp;uuml;ber das Wehtun sprechen kann&amp;laquo;, sagt Kaspar wie zu sich selbst und tut damit einen weiteren wichtigen Schritt in seinem Individuationsprozess: Er reflektiert sein eigenes Denken und Handeln.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:right; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»Das wilde KindÂ« (Â»Yaban Ã‡ocukÂ«). Inszenierung des Ensemble Tiyatrolokomotif (Foto: Â© Mehmet Ali ÃœzergÃ¼n)&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/YABANCOCUK2.JPG&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Das wilde Kind (Yaban &amp;Ccedil;ocuk)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		Inszenierung des Ensembles Tiyatrolokomotif&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; Mehmet Ali &amp;Uuml;zerg&amp;uuml;n)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Nun greifen die Experten wieder ins Geschehen ein. Kaspar wird in einen schwarzen Frack gekleidet und bekommt eine blonde Per&amp;uuml;cke aufgesetzt. Nachdem er das Zimmer verlassen hat, erscheint sein Kopf als Projektion auf der Stirnwand des Raumes. Er wird zum Beobachter der Experten, die nun aus allen Richtungen die B&amp;uuml;hne &amp;uuml;berqueren und auf gro&amp;szlig;en Pappen Bilder der verschiedensten Gegenst&amp;auml;nge hin und her tragen. Und schlie&amp;szlig;lich verschwindet das Gesicht Kaspars und die Wand wird f&amp;uuml;r st&amp;auml;ndig wechselnde Projektionen genutzt. Gezeigt werden Menschenmassen in einem Einkaufszentrum genauso wie die Sprengung eines Hochhauses oder Szenen eines Bombenangriffs. Wieder nimmt der Zuschauer die Perspektive Kaspars ein und wieder summieren sich die Bilder zu einer Reiz&amp;uuml;berflutung &amp;ndash; dieses Mal jedoch optischer Natur, denn die Experten bleiben die ganze Zeit &amp;uuml;ber stumm.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Am Ende tritt Kaspar vor den geschlossenen Vorhang. Er tr&amp;auml;gt noch immer den schwarzen Frack samt Fliege und hat die Per&amp;uuml;cke auf dem Kopf. Er wirkt etwas sch&amp;uuml;chtern, doch er wei&amp;szlig; nun, wie er sich zu verhalten hat, er kennt die Regeln der menschlichen Gesellschaft und kann sich sprachlich mitteilen. Die Experten haben ihr Ziel erreicht, sie haben das unterentwickelte Wesen erfolgreich in ein eigenst&amp;auml;ndiges Individuum verwandelt. Sie haben das wilde Kind gez&amp;auml;hmt. Doch als Kaspar den Epilog spricht, wird deutlich, dass der Prozess seiner Identit&amp;auml;tsfindung l&amp;auml;ngst nicht abgeschlossen ist. Das Ger&amp;uuml;st, an dem er sich festh&amp;auml;lt und auf das er seine Sicht der Welt gr&amp;uuml;ndet, besteht nur aus erlernten Floskeln und Gemeinpl&amp;auml;tzen:&lt;/p&gt;
&lt;blockquote&gt;&lt;p&gt;
	Jeder muss sich vor dem Essen die H&amp;auml;nde waschen Jeder muss im Gef&amp;auml;ngnis die Taschen leeren Jeder muss vor der eigenen T&amp;uuml;re kehren [...] Keiner darf Kaffee aus Untertassen trinken Jeder muss jedem zuwinken Jeder muss sich die N&amp;auml;gel schneiden Keiner darf den anderen das Leben verleiden [...] Keiner darf den anderen bei der Beerdigung kitzeln Keiner darf Toilettenw&amp;auml;nde bekritzeln Keiner darf das Gesetzbuch zerschnitzeln&lt;/p&gt;&lt;/blockquote&gt;
&lt;p&gt;Und genau wie Kaspar sich st&amp;auml;ndig selbst neu finden muss, so stellt auch die T&amp;uuml;rkei ihre eigene kulturelle Identit&amp;auml;t immer wieder in Frage. Auch sie ist beeinflusst von &amp;auml;u&amp;szlig;erem Einwirken, hin und her gerissen zwischen den Polen Orient und Okzident, zwischen der R&amp;uuml;ckbesinnung auf traditionelle Werte und der Orientierung am modernen Westen. Und so wird die Selbstfindung Kaspars zur Metapher f&amp;uuml;r die Suche der T&amp;uuml;rkei nach kultureller Identit&amp;auml;t. Die Absicht des Regisseurs Ahmet B&amp;uuml;lent Acar, der mit seiner Bearbeitung von Handkes &lt;em&gt;Kaspar&lt;/em&gt; zum Nachdenken &amp;uuml;ber die Identit&amp;auml;t seines Landes anregen will, ist vollst&amp;auml;ndig aufgegangen. Der Inszenierung &lt;em&gt;Yaban &amp;Ccedil;ocuk&lt;/em&gt; gelingt es, den Stoff um Kaspar Hauser auf eindr&amp;uuml;ckliche Weise auf aktuelle Probleme und Fragestellungen anzuwenden. Damit werden die Zuschauer nicht nur &amp;ndash; im Sinne Ahmet B&amp;uuml;lent Acars &amp;ndash; zum Nachdenken &amp;uuml;ber die Vielschichtigkeit der t&amp;uuml;rkischen Kultur angeregt, es wird &amp;uuml;berhaupt erst das Bewusstsein daf&amp;uuml;r geschaffen, dass sich sowohl jede Gesellschaft, als auch jedes Individuun in einem st&amp;auml;ndigen Prozess der Identit&amp;auml;tssuche befindet. Die Inszenierung gibt also auch Ansto&amp;szlig; zur Reflexion &amp;uuml;ber die eigene Identit&amp;auml;t sowie den Zusammenhang zwischen Individualit&amp;auml;t und Gesellschaft. Die Bearbeitung der Gruppe Tiyatrolokomotif geht damit weit &amp;uuml;ber die blo&amp;szlig;e Auseinandersetzung mit der zum Mythos gewordenen Figur Kaspar Hausers hinaus und zeigt auf beeindruckende Weise, &amp;raquo;was M&amp;Ouml;GLICH IST mit jemandem&amp;laquo;. &lt;em&gt;&lt;strong&gt;Yaban &amp;Ccedil;ocuk (Das wilde Kind)&lt;/strong&gt;. Schauspiel von Ahmet B&amp;uuml;lent Acar und Bozkurt Åžener nach Peter Handkes &amp;raquo;Kaspar&amp;laquo; (in t&amp;uuml;rkischer Sprache mit Simultan&amp;uuml;bersetzung). Tiyatrolokomotif/PERDE &amp;ndash; Performing Arts Research and Practice Association, Ankara. &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de&quot;&gt;Theater Bonn&lt;/a&gt; &amp;ndash; Alter Malersaal_Bonn-Beuel. Inszenierung: Ahmet B&amp;uuml;lent Acar. Deutschland-Premiere.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;font size=&quot;-1&quot;&gt;Fotos: &amp;copy; Mehmet Ali &amp;Uuml;zerg&amp;uuml;n&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;
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 <pubDate>Wed, 25 Jun 2008 10:00:59 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Ute Friederich</dc:creator>
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 <title>GetÃ¼rkte Geschichten mitten aus dem Leben</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/get%C3%BCrkte-geschichten-mitten-aus-dem-leben</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;a href=&quot;http://www.biennale-bonn.de/&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;Biennale Bonn 2008 (Logo)&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/BiennaleLogo_2008.jpg&quot; /&gt;&lt;/a&gt;Dass der Ort des Geschehens an diesem Abend das&lt;a href=&quot;http://www.bonn.de/tourismus_kultur_sport_freizeit/baeder/00228/index.html?lang=de&quot;&gt; Frankenbad&lt;/a&gt; ist, l&amp;auml;sst sich noch dadurch erkl&amp;auml;ren, dass man wohl nirgends in Bonn so nah an der t&amp;uuml;rkischen Kultur ist wie in der Bonner Altstadt. Die Information an der Kasse: &amp;raquo;Sie werden um 18 Uhr abgeholt&amp;laquo;, sorgt allerdings f&amp;uuml;r Verwirrung. Kurz vor sechs wird das R&amp;auml;tsel gel&amp;ouml;st, alle Zuschauer werden durch den Hintereingang des Bades auf die Trib&amp;uuml;ne des geschlossenen Schwimmbades gef&amp;uuml;hrt. Ein wenig befremdend, vor dem leeren Becken zu sitzen und auch die Aufteilung der Zuschauer in verschiedene Gruppen, mit Hilfe von kleinen K&amp;auml;rtchen, sorgt f&amp;uuml;r weitere Unsicherheit. Tragendes Element der abendlichen &amp;raquo;Expedition&amp;laquo; &amp;ndash; so der Untertitel der Inszenierung &amp;ndash; sind O-T&amp;ouml;ne t&amp;uuml;rkischer Mitb&amp;uuml;rger Bonns. Neun &lt;em&gt;Geschichten, get&amp;uuml;rkt&lt;/em&gt; werden erz&amp;auml;hlt, die in keiner Weise erfunden sind, sondern mitten aus dem Leben stammen. Jeder Schauspieler fungiert als Pate f&amp;uuml;r eine reale Person, deren Geschichte auf ganz neue Weise wiedergegeben wird. Nach den verteilten K&amp;auml;rtchen in Gruppen aufgeteilt, werden die Zuschauer an verschiedene Orte gef&amp;uuml;hrt. In der Damenumkleide des Frankenbades trifft man auf Seda G&amp;uuml;m&amp;uuml;á¹£ (&lt;a href=&quot;http://www.fringe-ensemble.de/html/ensemble/justine.html&quot;&gt;Justine Hauer&lt;/a&gt;), die sich gerade umzieht. Die junge Frau ist im Ruhrgebiet aufgewachsen und hat mit der t&amp;uuml;rkischen Kultur eigentlich nicht mehr viel am Hut. Ihre Mutter wurde in jungen Jahren einfach nach Deutschland geschickt, um ihren sp&amp;auml;teren Mann, Sedas Vater, zu heiraten. Seda glaubt, dass ihre Eltern sich irgendwann wirklich geliebt haben, aber f&amp;uuml;r sie w&amp;auml;re das nichts. Die t&amp;uuml;rkischen M&amp;auml;nner sind zwar ganz charmant, aber die wollen ja immer sofort heiraten, das muss nicht sein. Mit ihrem neuen Freund Bernd ist das anders. Der ist weder Macho noch Charmeur, da muss sie im Restaurant selber zahlen. Seda ist nicht begeistert davon, aber M&amp;auml;nner k&amp;ouml;nnen ja bekanntlich auch erzogen werden. Sie hat mit der t&amp;uuml;rkischen Tradition nicht mehr viel zu tun, meidet t&amp;uuml;rkische Kulturvereine und lebt so, wie sie es m&amp;ouml;chte. Nein, sie ist nicht religi&amp;ouml;s, das kann jeder machen, wie er mag. Ihrer Ansicht nach, kann man auch offener mit allem umgehen. Im Innenhof des Bades begegnet man Ahmet DemiroÇ§lu (&lt;a href=&quot;http://www.fringe-ensemble.de/html/ensemble/david.html&quot;&gt;David Fischer&lt;/a&gt;). Er lebt schon lange in Deutschland und f&amp;uuml;hlt sich auch wie ein Deutscher. Mal ist er gerne der Anzug-Typ, der mittlerweile Versicherungsmakler ist, mal f&amp;auml;hrt er lieber mit seinem Kumpel bei lauter Musik im Auto durch die Stra&amp;szlig;en, als w&amp;auml;re er wieder 15. Seine Eltern sind wieder f&amp;uuml;r einige Zeit in die T&amp;uuml;rkei gegangen, als Ahmet noch recht jung war. Da stand er auf einmal alleine da und musste sehen, wie er zurechtkommt. Also hat er eine Ausbildung bei Edeka um die Ecke angefangen und versucht es zu schaffen. Er wollte nicht mehr auf andere angewiesen sein, weder auf den Staat mit seinen Finanzierungshilfen, noch auf seine Eltern. Mit einem zweiten Job und einer 7-Tage-Arbeitswoche musste er sich im Geld bald keine Gedanken mehr machen. Als seine Eltern zur&amp;uuml;ckkamen, haben sie sich erst mal bei ihm und seiner Freundin in der neuen Wohnung eingenistet. Sie haben aber auch schnell gemerkt, dass er sich nichts mehr sagen l&amp;auml;sst und ihn wieder in Ruhe gelassen. Sein Leben hat Ahmet h&amp;auml;rter gemacht. Er wei&amp;szlig; jetzt, dass man viel schaffen kann, wenn man wirklich will. F&amp;uuml;r die Menschen in seinem Umfeld, die in ihrem Selbstmitleid versinken, hat er weniger Verst&amp;auml;ndnis als vorher. Die muss man einfach aufwecken denkt er, damit sie anfangen, etwas zu tun. Am Beckenrand erwarten die &amp;Uuml;nl&amp;uuml;-Schwestern den Zuschauer, der mittlerweile die anf&amp;auml;ngliche Scheu verloren hat und mit allem rechnet. Die Schwestern sind beide verheiratet und haben zusammen f&amp;uuml;nf Kinder. Sie berichten von ihrem t&amp;uuml;rkischen Familienklan, wie das alles funktioniert. Jeder hilft jedem, und wenn etwas passiert ist, sind alle da, um sich gemeinsam zu freuen oder kollektiv Tr&amp;auml;nen zu vergie&amp;szlig;en. Nat&amp;uuml;rlich haben sie auch mit anderen Deutschen aus ihrer Umgebung zu tun, sie leben ja schlie&amp;szlig;lich in Deutschland. Da muss man sich anpassen, finden sie. Denn wenn man die Sprache nicht kann, kommt man schlie&amp;szlig;lich nicht weit. Schon wenn ihre Mutter mal zum Arzt muss, merkt man das. Dann m&amp;uuml;ssen sie halt dort anrufen und einen Termin machen, die Mutter spricht nur wenig Deutsch. So ist das unter T&amp;uuml;rken, die helfen sich bei allem, eine gro&amp;szlig;e Familie eben. Kopftuchtragen finden sie gut, so kann man seinem Mann schlie&amp;szlig;lich zeigen, dass man nur f&amp;uuml;r ihn da ist, und es geh&amp;ouml;rt schlie&amp;szlig;lich auch zur Religion. Aber dass der Mann alles bestimmt, so wie viele denken, das stimmt nicht. Das muss auch nicht sein, ist im Koran auch nirgends so festgehalten. Die Kooperation des &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de&quot;&gt;Bonner Theaters&lt;/a&gt; mit dem &lt;a href=&quot;http://www.fringe-ensemble.de/&quot;&gt;&lt;em&gt;fringe ensemble&lt;/em&gt;&lt;/a&gt; war mehr als nur fruchtbar. Die ungew&amp;ouml;hnliche Kulisse fordert und verwirrt den Zuschauer, da er nicht wei&amp;szlig;, womit er als n&amp;auml;chstes rechnen muss. Der Streifzug durch die Anlage des Frankenbades macht die Umsetzung der Geschichten noch realer, da man jeden Menschen in einer individuellen Situation antrifft. Teilweise sehr intim, beim Umziehen in der Kabine, oder einfach im Foyer, gesch&amp;uuml;tzt durch Schleier und Sonnenbrille. Das Faszinierende ist die Gradwanderung, die jeder Schauspieler vollbringt, indem er in den realen Charakter des jeweiligen Bonners schl&amp;uuml;pft. Teilweise vergisst man als Zuschauer, dass die Schauspieler nur stellvertretend f&amp;uuml;r eine reale Person sprechen; an anderen Stellen wird es wieder ins Ged&amp;auml;chtnis gerufen, wenn ein Schauspieler aus seiner Rolle herausschl&amp;uuml;pft und scheinbar einfach von einem Freund erz&amp;auml;hlt. Der umgangssprachliche Ton des Ganzen macht das St&amp;uuml;ck noch wirklicher. Der Einblick, den Regisseur &lt;a href=&quot;http://www.fringe-ensemble.de/html/ensemble/frank.html&quot;&gt;Frank Heuel&lt;/a&gt; in seinem St&amp;uuml;ck gew&amp;auml;hrt, ist definitiv eine Expedition. Die M&amp;ouml;glichkeit, Menschen nicht nur im Vorbeigehen zu sehen, sondern ebenso ihre Geschichte zu erfahren und sie in intimen Situationen zu erleben, vermittelt einen spannenden Einblick in eine andere Kultur. Die g&amp;auml;ngigen Themen, wie Br&amp;auml;uche und Religion, spielen nat&amp;uuml;rlich auch eine Rolle. Doch das, was wirklich das Interesse des Zuschauers weckt, sind die Menschen. &lt;em&gt;&lt;strong&gt;Geschichten, get&amp;uuml;rkt &amp;ndash; Eine Expedition&lt;/strong&gt;. Kooperation von &lt;a href=&quot;http://www.fringe-ensemble.de/&quot;&gt;fringe ensemble&lt;/a&gt; und &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de&quot;&gt;Theater Bonn&lt;/a&gt; &amp;ndash; &lt;a href=&quot;http://www.bonn.de/tourismus_kultur_sport_freizeit/baeder/00228/index.html?lang=de&quot;&gt;Frankenbad&lt;/a&gt; Bonn. Inszenierung: Frank Heuel. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Wed, 25 Jun 2008 07:15:34 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Nina Treude</dc:creator>
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 <title>Der Alptraum vom Fliegen</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/der-alptraum-vom-fliegen</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;a href=&quot;http://www.biennale-bonn.de/&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;Biennale Bonn 2008 (Logo)&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/BiennaleLogo_2008.jpg&quot; /&gt;&lt;/a&gt;Das St&amp;uuml;ck &lt;em&gt;Son D&amp;uuml;nya (Letzte Welt)&lt;/em&gt; beginnt schon am Eingang des Theaters: Wer eintreten will, muss sich erst einmal den &amp;ouml;rtlichen Sicherheitskontrollen unterziehen. Warum? Weil das Theater nicht l&amp;auml;nger Theater, sondern ein Flugplatz ist. Die Sicherheitsschleusen sind passiert. Die Gefahr von Terroranschl&amp;auml;gen ist gebannt. Bis auf die Gefahr eines Anschlages auf das Gem&amp;uuml;t. Aber der geht allein auf das Konto der Autorin und Regisseurin Yesim &amp;Ouml;zesoy G&amp;uuml;lan. Als die Zuschauer endlich durch Eingang &amp;ndash; Pardon: Gateway A &amp;ndash; eintreten d&amp;uuml;rfen, warten auf der B&amp;uuml;hne schon die Protagonisten: ein Gesch&amp;auml;ftsmann (Ulgar Manzakolu), eine Frau (Perihan Kurtolu) und ein weiterer j&amp;uuml;ngerer Mann (Deniz &amp;Ouml;zmen). Sie sitzen in Flugzeugsesseln, kurz vor dem Start der Maschine. Sie lesen, schlafen, tun, was man eben so tut, damit die Zeit vergeht. Nichts verbindet sie. Vollkommene Anonymit&amp;auml;t. Ruhige Sph&amp;auml;renmusik wabert durch den Raum; man wiegt sich in Sicherheit. Kurz noch eine Tragi-Comedy-Einlage seitens des Piloten: Er f&amp;uuml;hlt sich einsam, seine Ehe ist gescheitert. Das wollte er nur gesagt haben.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:199px; float:left; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»Letzte WeltÂ« (Son DÃ¼nya). Inszenierung der VeDST Theatre Group, Instanbul (Foto: Â© VeDST Theatre Group)&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/SONDNYA1.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Letzte Welt (Son D&amp;uuml;nya)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		Inszenierung der VeDST Theatre Group, Instanbul&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; VeDST Theatre Group)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Abflug. Die Sessel werden in die H&amp;ouml;he gezogen. Es dauert nicht lange und es kommt zu Turbulenzen. Das Bordpersonal gibt noch schnell in sportlich-t&amp;auml;nzerischer Synchronformation die letzten Tipps, wie man m&amp;ouml;glichst kontrolliert abst&amp;uuml;rzt. Denn auch Sterben soll ja in geregelten Bahnen ablaufen. Und Absprung: Ab jetzt vergeht die Zeit wie im Flug. Pr&amp;auml;ziser: Wie im freien Fall. Die drei Personen schweben &amp;uuml;ber der B&amp;uuml;hne, h&amp;auml;ngen an Seilen, die Dauer ihres Sturzes wird ins Beinahe-Unendliche gedehnt. Sie sind von Flugzeugsplittern umgeben. Ihre Gedanken rasen. Die Reflexion &amp;uuml;ber das Leben setzt ein. Und doch: Jeder von ihnen ist in diesem Endlos-Moment allein: Es gibt nur Monologe. Die Anonymit&amp;auml;t bleibt bestehen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Gedankenpendel der St&amp;uuml;rzenden schl&amp;auml;gt aus: Von existenzphilosophischen Betrachtungen schwingt es hin&amp;uuml;ber zu so banalen Fragen, wie die nach dem letzten Mittagessen. Dann schwingt es wieder zur&amp;uuml;ck: Vanitas. Visionen. Angst. Ein Alptraum vom Fliegen. Ein Anschlag auf das Gem&amp;uuml;t der Zuschauer. Am linken B&amp;uuml;hnenrand ist derweil eine weitere Frau erschienen. Eine Wahrsagerin, die aus dem Kaffeesatz liest, kommentiert ab jetzt das Schicksalsroulette. Sie ist kein Scharlatan, denn sie wei&amp;szlig;: &amp;raquo;Nat&amp;uuml;rlich will niemand gesagt bekommen, dass er sterben wird.&amp;laquo; Pl&amp;ouml;tzlich f&amp;uuml;hlt man sich selbst in die Tiefe st&amp;uuml;rzen &amp;hellip;&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:199px; float:right; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»Letzte WeltÂ« (Son DÃ¼nya). Inszenierung der VeDST Theatre Group, Instanbul (Foto: Â© VeDST Theatre Group)&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/SONDNYA3.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Letzte Welt (Son D&amp;uuml;nya)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		Inszenierung der VeDST Theatre Group, Instanbul&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; VeDST Theatre Group)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Die Gedanken der Figuren sind absurd. Die Situation ist absurd. Sie geht &amp;uuml;ber das hinaus, was ein Mensch psychisch ertragen kann. Das ist surreales Theater. Das ist grotesk, bizarr. Die Nerven vibrieren. Dennoch hat die Inszenierung in der Realit&amp;auml;t Anleihen gemacht: Sie spielt auch auf den 11. September 2001 an.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das sp&amp;auml;rliche B&amp;uuml;hnenbild zeigt die Personen in ihrer Ausgeliefertheit. Sie sind auf sich selbst zur&amp;uuml;ckgeworfen. Die Produktion &lt;em&gt;Letzte Welt&lt;/em&gt; ist ein Aus-Flug aus dem Leben in den Schwebezustand zwischen Noch-Sein und Nicht-Mehr-Sein. Dieser Schwebezustand in der Luft stellt f&amp;uuml;r die Schauspieler eine enorme Herausforderung dar. Ihre Bewegungen wirken fast wie Tanztheater. Da spielen die K&amp;ouml;rper mit, wenn sie von transzendenten Visionen heimgesucht werden, wenn der Wunsch nach Sex auftaucht, wenn sie sich nur in einem Traum w&amp;auml;hnen. Die &lt;em&gt;VeDST Theatre Group Istanbul&lt;/em&gt; schafft es, ihr Publikum auf besondere Weise zu involvieren. Nicht nur durch die &amp;raquo;Sicherheitskontrollen&amp;laquo; am Eingang, sondern auch durch die musikalische Untermalung in Form von Apokalypsekl&amp;auml;ngen, die das St&amp;uuml;ck zu einem Flugsimulator der besonderen Art machen. G&amp;uuml;lans akrobatische Sprache, mit der sie die Figuren an den Seilen tanzen l&amp;auml;sst, strotz vor poetischer Kraft: Gedanken k&amp;ouml;nnen in einer solchen Situation nur noch assoziativ aneinandergereiht werden. Alles ist &amp;raquo;Wie Loch. Wie Leere. Wie Opium.&amp;laquo; Dennoch: Derart philosophische Gedanken, die im poetisch-luftigen Seidenmantel daherkommen, wirken zu abgehoben. Das Ende? Das Schicksalsrad dreht weiter. Mit einem Mal befinden sich die drei Schauspieler wieder auf dem Boden. Es ist der Boden der Tat-Sachen. Erst jetzt wird gehandelt. Beziehungsstreit. Eifersuchtsdrama. Die Frau erschie&amp;szlig;t den Gesch&amp;auml;ftsmann unerwartet und pl&amp;ouml;tzlich. Der dritte Mann steht zwischen ihnen. Keine Zeit mehr f&amp;uuml;r langwierige philosophische Gedankenspielchen. Der Tod ist banal. Ironie. Und weiter: Verwirrung. Denn wie die Anonymit&amp;auml;t zwischen den Personen durchbrochen wurde, bleibt ungekl&amp;auml;rt. Orakelte die Wahrsagerin eingangs noch, dass der junge Mann in dieser Geschichte &amp;raquo;das Fragezeichen&amp;laquo; sei, muss man ihr unbestritten Recht geben. Nur: Er ist nicht das einzige. Gl&amp;uuml;cklicherweise gibt es im Anschluss an das St&amp;uuml;ck noch eine Fragerunde mit der Autor-Regisseurin. Erst in dieser wird klar, dass sich hinter dem Mikrokosmos der Einzelschicksale der drei Figuren noch ein Makrokosmos verbirgt. Die Frau will Yesim &amp;Ouml;zesoy G&amp;uuml;lan als eher mystisch dargestellte Repr&amp;auml;sentantin des Ostens verstanden wissen, den Gesch&amp;auml;ftsmann als eher bewegungslos-rationalen Repr&amp;auml;sentanten des Westens. Und der dritte Mann, unser Fragezeichen? Er verk&amp;ouml;rpert die T&amp;uuml;rkei, die irgendwo zwischen Ost und West steht. Interessante Ans&amp;auml;tze also. Nur leider werden die innerhalb des St&amp;uuml;ckes nicht deutlich. Eine weitere Schwierigkeit: Im rasanten Tempo des assoziativen Dauerstaccatos, dem die Simultan&amp;uuml;bersetzung nur noch hinterherhecheln kann, m&amp;uuml;ssen Anspielungen auf bedeutende Werke der &amp;ouml;stlichen und westlichen Weltliteratur f&amp;uuml;r den Zuschauer unbemerkt bleiben. Nichts kann unbefriedigender sein als Theater, das erst erkl&amp;auml;rt werden muss. &lt;em&gt;&lt;strong&gt;Son D&amp;uuml;nya (Letzte Welt)&lt;/strong&gt;. Schauspiel von YeÅŸim &amp;Ouml;zsoy G&amp;uuml;lan (in t&amp;uuml;rkischer Sprache mit Simultan&amp;uuml;bersetzung). VeDST Theatre Group. &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de&quot;&gt;Theater Bonn&lt;/a&gt; &amp;ndash; Kammerspiele Bad Godesberg. Inszenierung: YeÅŸim &amp;Ouml;zsoy G&amp;uuml;lan. Deutschland-Premiere.&lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;font size=&quot;-1&quot;&gt;Fotos: &amp;copy; VeDST Theatre Group&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;
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 <pubDate>Tue, 24 Jun 2008 14:15:31 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Judith KÃ¤rn</dc:creator>
 <guid isPermaLink="false">4072 at http://www.kritische-ausgabe.de</guid>
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 <title>Das Leben des Muharrem</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/das-leben-des-muharrem</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;a href=&quot;http://www.biennale-bonn.de/&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;Biennale Bonn 2008 (Logo)&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/BiennaleLogo_2008.jpg&quot; /&gt;&lt;/a&gt;Welche Auswirkung hat unser t&amp;auml;gliches Umfeld auf unsere Werte, auf das, was wir glauben? Der Film &lt;em&gt;Takva &lt;/em&gt;zeigt fast dokumentarisch den Moslem Muharrem, der noch glaubt, an Werte und Gebote. Seine kleinen Rituale und die Strukturen seines Alltags lenken den Blick auf ein Leben, das sich ganz der Religion und der Arbeit verschrieben hat. Muharrem (Erkan Can) arbeitet als Gehilfe in dem Sackladen eines Mannes, dem er noch durch seinen Vater zugeteilt wurde. Er hinterfragt nicht, sondern f&amp;uuml;gt sich den Gegebenheiten und erledigt tagt&amp;auml;glich die gleichen Aufgaben. Auch in der Religion hat er seinen festen Platz gefunden. Sie dominiert sein Leben. Feste Rituale f&amp;uuml;hren ihn durch den Tag: das Waschen, das Z&amp;auml;hlen, das Beten. Eng ist diese Struktur um ihn gespannt und gibt ihm Halt. Muharrem macht sich nichts aus weltlichen G&amp;uuml;tern, sondern ist zufrieden mit dem, was er hat. Tags&amp;uuml;ber. Nachts hat er keine Kontrolle mehr &amp;uuml;ber seine Gef&amp;uuml;hle und Gedanken, sie brechen aus ihm heraus. Der Film wechselt hier von der realistischen Darstellung ins Surreale. Die Bewegungen der Personen verschwimmen, die Szenen werden gerafft dargestellt, sind meist nur wenige Sekunden lang. Muharrem verliert sich in der Sinnlichkeit, die er sich verbietet, wenn es hell ist. Kaum ist er erwacht aus seiner Welt der freien Gedanken, reinigt er seinen K&amp;ouml;rper, reinigt sich von den S&amp;uuml;nden der Nacht. Es ist ein Traum des Oberhaupts seines Klosters, der das Leben des Muharrems vollkommen ver&amp;auml;ndert. Der Scheich sieht in ihm den n&amp;auml;chsten Schuldeneintreiber f&amp;uuml;r den Orden. Von nun an lebt Muharrem nicht nur f&amp;uuml;r Gott, er arbeitet auch f&amp;uuml;r ihn. Der Scheich erkl&amp;auml;rt ihm, dass alles Gott geh&amp;ouml;rt, die Immobilien und das Geld des Ordens sind Gottes Eigentum. So verwaltet Muharrem nun die Mieteinnahmen. Sein Ansehen in der Gesellschaft steigt, sein Ansehen vor sich selbst sinkt von Tag zu Tag.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:212px; float:left; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Filmplakat zu Â»Takva â€“ GottesfurchtÂ«&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/takva.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Filmplakat zu &lt;em&gt;Takva &amp;ndash; Gottesfurcht&lt;/em&gt;&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Muharrem wird vom Orden mit weltlichen G&amp;uuml;tern ausgestattet, seine Aufgabe ist es auch zu repr&amp;auml;sentieren. Er f&amp;auml;hrt durch die Stra&amp;szlig;en seiner Stadt und trifft auf Menschen, die Entscheidungen von ihm verlangen. Muharrems Leben ger&amp;auml;t aus der Bahn. Das spiegelt sich auch in seinen Tr&amp;auml;umen wider, die immer ausschweifender werden. Wo er anfangs nur von der einfachen Zweisamkeit mit einer Frau tr&amp;auml;umt, spielt er in seinen Tr&amp;auml;umen mittlerweile die Rolle des reichen und dominanten Liebhabers. Sein Gewissen leidet, er leidet f&amp;uuml;r Gott und sucht Hilfe bei seinem geistlichen Oberhaupt, doch dieses ist wegen eines religi&amp;ouml;sen Rituals 40 Tage nicht zu sprechen. So gewinnt die Furcht Oberhand. Muharrem wei&amp;szlig;: Gott ist allgegenw&amp;auml;rtig. Er will ein guter Moslem sein, doch er wei&amp;szlig; nicht, was richtig ist. Er hat nie gelernt, selbst zu entscheiden. Die Furcht vor Gott zerrei&amp;szlig;t ihn, l&amp;auml;sst seine Sinne entgleisen. Er halluziniert, seine Psyche bricht in sich zusammen.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Mit &lt;em&gt;Takva &amp;ndash; Gottesfurcht&lt;/em&gt; gelingt es Regisseur &amp;Ouml;zer Kiziltan, dem Zuschauer sensibel das Leben und Denken des religi&amp;ouml;sen Muharrems nahezubringen. Man gew&amp;ouml;hnt sich an seine Rituale und sieht interessiert einem Leben in dieser fremden Welt zu. Durch die dokumentarische Narration und das Beibehalten der t&amp;uuml;rkischen Sprache, die dem Zuschauer durch Untertitel &amp;uuml;bersetzt wurde, f&amp;uuml;hlt sich der Betrachter wie ein heimlicher Beobachter im Leben des Protagonisten. Man geht mit ihm durch die kleinen, schmutzigen Gassen und bekommt gezeigt, wie traditionell Kaffee zubereitet wird. Diese kleinen, allt&amp;auml;glichen Augenblicke sind der wirkliche Schatz des Films. Durch ungewohnte Einblicke bekommt der Zuschauer ein Bild davon, wie es ist, mit dem Islam zu leben. Der Film zeigt einen v&amp;ouml;llig unbekannten Alltag aus einem fremden Land. Dennoch schafft er es, dass der Zuschauer mit Muharrem f&amp;uuml;hlt und ihn versteht. Warum Muharrem sich jedoch so in den Wahn und die Apartheit steigert, bleibt teilweise im Dunkeln. Das Klosteroberhaupt ist f&amp;uuml;r die Motivation von Muharrems Handlung sehr wichtig. Als Zuschauer h&amp;auml;tte man sich gew&amp;uuml;nscht, gegen Ende des Films mehr Einsicht in die Gedankenwelt des Scheichs zu bekommen. Man kann nur vermuten, inwieweit er die Lage Muharrems versteht oder sie beeinflusst hat. In einer der Schlussszenen spricht er davon, dass Muharrem als Vorbild dient, in seiner Treue zu Gott. Die Zweifel und die Furcht haben Muharrem innerlich zerissen. Die letzte Szene zeigt das Klosteroberhaupt, wie es aus einem Zimmer geht, in dem Muharrem ans Bett gefesselt an die Wand starrt. Wieso sein Zustand nun so schlecht ist, und wie oder ob er mit dem Scheich nach dessen Abwesenheit noch kommuniziert hat, bleibt offen. Im Presseheft erf&amp;auml;hrt man, dass Kiziltan vieles in dieser deutsch-t&amp;uuml;rkischen Koproduktion arrangiert hat und der Film so nicht der Realit&amp;auml;t entspricht. So sind die rythmischen Gebetszeremonien eher un&amp;uuml;blich f&amp;uuml;r den Islam und die dargestellte Welt, in der Muharrem lebt, ist sehr eingeschr&amp;auml;nkt widergegeben. Kilziltan begrenzt Muharrems Welt auf die drei Eckpunkte Arbeit, Haus, Kloster, um deren Enge und Abgeschlossenheit zu demonstrieren. Der Regisseur wollte so den starken Kontrast zwischen Muharrems kleiner Welt und dem modernen Istanbul hervorheben. Er hat Muharrems abgeschiedenes, &amp;auml;rmliches Leben konstruiert, weil so seine moralisch bestimmte Gedankenwelt glaubw&amp;uuml;rdiger wirkt. Trotz dieses Hintergrundwissens scheint &lt;em&gt;Takva&lt;/em&gt; nicht unrealistisch. Als Zuschauer f&amp;uuml;hlt man sich nach dem Film, als w&amp;uuml;rde man aus einer fremden Welt auftauchen. W&amp;auml;hrend man &amp;uuml;ber die asphaltierten, breiten Stra&amp;szlig;en nach Hause geht und die Gedanken und Blicke schweifen l&amp;auml;sst, fragt man sich, welche Werte in unserer fl&amp;uuml;chtigen Welt heute noch so leidenschaftlich gelebt werden k&amp;ouml;nnen wie in Muharrems kleinen Gassen von Istanbul. &lt;em&gt;&lt;a href=&quot;http://www.ofdb.de/film/120244,Takva---Gottesfurcht&quot;&gt;&lt;strong&gt;Takva &amp;ndash; Gottesfurcht&lt;/strong&gt;&lt;/a&gt; (2006). Regie: &lt;a href=&quot;http://www.filmportal.de/df/f2/Uebersicht,,,,,,,,4D40117240E64A46A404465B351752E4,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,,.html&quot;&gt;&amp;Ouml;zer Kiziltan&lt;/a&gt;. Spielfilmreihe der &lt;a href=&quot;http://www.bonnerkinemathek.de/&quot;&gt;Bonner Kinemathek&lt;/a&gt;. Kino im &lt;a href=&quot;http://www.rlmb.lvr.de/&quot;&gt;Rheinischen Landesmuseum&lt;/a&gt;. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Mon, 23 Jun 2008 07:05:29 +0000</pubDate>
 <dc:creator>Caroline Fuchs</dc:creator>
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 <title>Atemlos</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/atemlos</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;p&gt;&lt;a href=&quot;http://www.biennale-bonn.de/&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;Biennale Bonn 2008 (Logo)&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/BiennaleLogo_2008.jpg&quot; /&gt;&lt;/a&gt; Die gro&amp;szlig;e wei&amp;szlig;e B&amp;uuml;hne blendet beinahe. Auf dem Boden drei Quadrate, auf jedem eine Frau. Die Musik setzt ein, die K&amp;ouml;rper zittern, beben und ein energiegeladener Tanz ohne Atempause beginnt. Sie scheinen verzweifelt, w&amp;auml;lzen sich auf dem Boden, schmei&amp;szlig;en sich hin, wie einer Ohnmacht nahe, springen wieder auf, ihre Haare wehen. Man ist von dieser Hektik, dieser fordernden Musik mitgerissen. Das erste St&amp;uuml;ck des Abends &lt;em&gt;Ani Toplayicisi (Der Sammler von Momenten)&lt;/em&gt; in der Choreographie von Devrim Ä°leri l&amp;auml;sst einem keine Ruhe, man wird von der wahnwitzigen Geschwindigkeit der T&amp;auml;nzer &amp;uuml;berrollt. Dargestellt wird das Leben einer t&amp;uuml;rkischen Frau, ihre Konflikte mit M&amp;auml;nnern und anderen Frauen und wohl auch mit dem Leben an sich. Mal begegnen sich die Gruppen und Paare aggressiv, feindselig, mal sind sie voneinander angezogen, st&amp;uuml;tzen sich und jegliche Rivalit&amp;auml;t scheint vergessen. M&amp;auml;nner werden getauscht, die Frauen rennen ihnen hinterher oder halten sie sprichw&amp;ouml;rtlich an der Leine. Dann kommen Koffer ins Spiel, werden herumgeschleudert, weggegeben, wiedergeholt und in die geschmeidigen Bewegungen der T&amp;auml;nzer einbezogen. Symbolisieren sie den Wunsch nach Flucht, nach Ausbruch? Ein Koffer voller Hoffnung? Rastlosigkeit? Vielleicht aber auch ein Gef&amp;uuml;hl der Heimatlosigkeit und Desorientierung. Das simple B&amp;uuml;hnenbild wird ver&amp;auml;ndert, zwei Matratzen kommen auf die B&amp;uuml;hne, sorgf&amp;auml;ltig beziehen die Frauen sie, f&amp;uuml;gen sich ein in eine klassische Geschlechterrolle. Als zwei M&amp;auml;nner auftreten, ist kaum Z&amp;auml;rtlichkeit zwischen den Tanzenden sichtbar, nur Kampf, die Angst allein zu bleiben und die Unf&amp;auml;higkeit, sich zu entscheiden. Die nun orientalisch angehauchte Musik wird fast frenetisch, bis sie ihren H&amp;ouml;hepunkt erreicht und eine Frau allein auf der B&amp;uuml;hne zur&amp;uuml;ckbleibt. Ersch&amp;ouml;pft liegt sie auf der Matratze, dann wird auf die hintere Wand ein &amp;auml;hnliches Bild projiziert. Die Frau in der Projektion f&amp;auml;ngt an zu zucken, man ist an den Anfang des St&amp;uuml;cks erinnert. Dann b&amp;auml;umt sie sich wie im Alptraum auf, ihre Bewegungen sind krampfartig und scheinen schmerzhaft. Schlie&amp;szlig;lich sinkt sie zur&amp;uuml;ck, das Licht geht aus. Im zweiten Teil &lt;em&gt;Y&amp;uuml;r&amp;uuml;yoruz Ama Belki Biraz Vals Yapariz (Wir spazieren, vielleicht tanzen wir ein bisschen Walzer)&lt;/em&gt; ist das B&amp;uuml;hnenbild &amp;auml;hnlich karg. Im Mittelpunkt eine Bank, vier Frauen tanzen und sitzen darauf. Sie trinken zusammen Kaffee, bilden eine geschlossene Gruppe. Ihre R&amp;ouml;cke sind gleichfarbig und sie bewegen sich synchron zur sph&amp;auml;rischen Musik. Au&amp;szlig;en vor eine Frau, die nicht zu wissen scheint, wohin sie geh&amp;ouml;rt. Sie ist hin und her gerissen zwischen einem Mann, der versucht, sie zu vereinnahmen, sie aber auch sch&amp;uuml;tzt und beh&amp;uuml;tet, und der Frauengruppe. Bis zum Schluss l&amp;ouml;st sich dieser Konflikt nicht. Die immer wilder werdende Musik hat sich nun beruhigt und ist melancholisch. So trifft es den Zuschauer unerwartet, dass es pl&amp;ouml;tzlich Tassen von oben regnet. Sie fallen und zerbrechen mit lautem Get&amp;ouml;se in einer Glaskiste. Ein Symbol f&amp;uuml;r Frustration, erkl&amp;auml;rt die Choreographin B&amp;uuml;rge &amp;Ouml;zt&amp;uuml;rk im Publikumsgespr&amp;auml;ch am Ende des Abends. &lt;em&gt;BaÄŸimli (S&amp;uuml;chtig)&lt;/em&gt;, so der Titel der letzten Choreographie von Alpaslan Karaduman, ist schwieriger zu verstehen. Die von den T&amp;auml;nzern kreierten Bilder sind wie Kunstwerke, jedes einzelne eine Betrachtung wert. Eines dieser verst&amp;ouml;renden Bilder ist eine Frau, die erst mit faltbaren Schuhschr&amp;auml;nken an den Armen die B&amp;uuml;hne &amp;uuml;berquert und sp&amp;auml;ter mit verdecktem Gesicht wieder auftaucht. Ihre langen dunklen Haare vor den Augen h&amp;auml;ngend, scheint sie blind und windet sich wie ein K&amp;auml;fer, der auf dem R&amp;uuml;cken liegt, am Boden. Eine andere Frau ber&amp;uuml;hrt und schikaniert sie. Der einzige Mann in diesem St&amp;uuml;ck, der Choreograph selbst, scheint ebenso verzweifelt wie das Opfer. Er greift sich ins Gesicht, zieht an seinen Wangen und kniet beinahe flehend am Boden. Seine Partnerin, die dritte Frau auf der B&amp;uuml;hne, betrachtet er nicht mehr. Schlie&amp;szlig;lich sperrt die &amp;raquo;Schrankfrau&amp;laquo; die Tanzenden in einen hohen Glaskasten, der vorher mit Watte gef&amp;uuml;llt war. Die B&amp;uuml;hne ist wei&amp;szlig; vor Watte, man m&amp;ouml;chte sich hineinlegen und ist an Himmels- und Paradiesbilder erinnert. Der Text der Musik, die gleichzeitig l&amp;auml;uft, wiederholt das Wort &amp;raquo;Death&amp;laquo;. Schlie&amp;szlig;lich sind alle im Kasten eingesperrt, er beschl&amp;auml;gt und sie rufen um Hilfe, doch keiner h&amp;ouml;rt sie. Man bleibt tief beeindruckt und nachdenklich zur&amp;uuml;ck, vielleicht ein wenig schockiert von diesen extremen Emotionen. &lt;em&gt;Modern Dance Turkey Ankara&lt;/em&gt; ist an die &lt;a href=&quot;http://www.dobgm.gov.tr&quot;&gt;Staatssoper Ankara&lt;/a&gt; angegliedert und arbeitet seit 13 Jahren mit t&amp;uuml;rkischen sowie internationalen Choreographen zusammen und kann sich auch im internationalen Vergleich sehr gut behaupten &amp;ndash; das beweist dieser Abend. &lt;em&gt;&lt;strong&gt;Ani Toplayicisi (Der Sammler von Momenten) / Y&amp;uuml;r&amp;uuml;yoruz Ama Belki Biraz Vals Yapariz (Wir spazieren, vielleicht tanzen wir ein bi&amp;szlig;chen Walzer) / BaÄŸimli (S&amp;uuml;chtig)&lt;/strong&gt;. Modern Dance Turkey Ankara. &lt;a href=&quot;http://www.theater-bonn.de&quot;&gt;Theater Bonn&lt;/a&gt; &amp;ndash; Halle Beuel B. Choreographie und Inszenierung: Devrim Ä°leri / B&amp;uuml;rge &amp;Ouml;zt&amp;uuml;rk / Alpaslan Karaduman. Urauff&amp;uuml;hrung / Urauff&amp;uuml;hrung / Deutschland-Premiere. &lt;/em&gt;&lt;/p&gt;
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 <pubDate>Sun, 22 Jun 2008 07:43:59 +0000</pubDate>
 <dc:creator>N. N.</dc:creator>
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 <title>Mitgemacht!</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/mitgemacht</link>
 <description>&lt;!--break--&gt;&lt;!--break--&gt;&lt;div style=&quot;color: #777;&quot;&gt;
	&lt;a href=&quot;http://www.biennale-bonn.de/&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;Tagebuch zur Biennale Bonn 2008 (Logo)&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/BiennaleTb08.jpg&quot; /&gt;&lt;/a&gt;Was erlebt die Betreuung der Festivalleitung? Welche Aufgaben stellen sich dem Betreuer einer K&amp;uuml;nstlergruppe? Und welche Erfahrungen macht man bei der Begleitung von Veranstaltungen? Unser &lt;em&gt;Tagebuch zur &lt;a href=&quot;http://www.biennale-bonn.de/&quot;&gt;Biennale Bonn :Bosporus 2008&lt;/a&gt;&lt;/em&gt; erm&amp;ouml;glicht einen Blick hinter die Kulissen des Festivals und zeigt, wie die Teilnehmer eines &lt;a href=&quot;https://lsf1.uni-bonn.de/qisserver/rds?state=verpublish&amp;amp;status=init&amp;amp;vmfile=no&amp;amp;publishid=6756&amp;amp;moduleCall=webInfo&amp;amp;publishConfFile=webInfo&amp;amp;publishSubDir=veranstaltung&quot;&gt;Projektseminars&lt;/a&gt; am &lt;a href=&quot;http://www.germanistik.uni-bonn.de&quot;&gt;Institut f&amp;uuml;r Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft&lt;/a&gt; der Universit&amp;auml;t Bonn an der Organisation der Biennale beteiligt sind und dabei wertvolle Erfahrungen sammeln. Heute berichtet David Prochnow von seinen Erlebnissen bei der Betreuung der Produktion &amp;raquo;Uyarca&amp;laquo; (Der Mitmacher) des Staatstheaters Istanbul.&lt;/div&gt;
&lt;h4&gt;
	&amp;nbsp;&lt;/h4&gt;
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	&amp;nbsp;&lt;/h5&gt;
&lt;div align=&quot;right&quot;&gt;
	Dienstag, 10. Juni &amp;#39;08&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;&lt;em&gt;Der Mitmacher&lt;/em&gt; von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_D%C3%BCrrenmatt&quot;&gt;Friedrich D&amp;uuml;rrenmatt&lt;/a&gt;, auf T&amp;uuml;rkisch &lt;a href=&quot;http://kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1251/&quot;&gt;&lt;em&gt;Uyarca&lt;/em&gt;&lt;/a&gt;, also. Gemeinsam mit einer weiteren Studentin soll ich die Betreuung der 24 Personen umfassenden Gruppe vom &lt;a href=&quot;http://www.istdt.gov.tr&quot;&gt;Staatsheater Istanbul&lt;/a&gt; &amp;uuml;bernehmen. Gottlob spricht die Kommilitonin T&amp;uuml;rkisch und ich kann mir auf dem Weg zum Flughafen die Aussprache der Namen erkl&amp;auml;ren lassen. Zun&amp;auml;chst kommen zwar nur der Regisseur und f&amp;uuml;nf Mitarbeiter vom eher technisch-dramaturgischen Personal an, doch die erste Nervosit&amp;auml;t, m&amp;ouml;glicherweise etwas falsch zu machen oder gar jemanden zu verlieren, ist nat&amp;uuml;rlich da.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:right; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus &amp;lt;em/&amp;gt;Der Mitmacher (Uyarca). Inszenierung des Staatstheaters Instanbul (Foto: Â© MÃ¼djat Ã‡oban)&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/UYARCA5.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Der Mitmacher (Uyarca)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		Inszenierung des Staatstheaters Instanbul&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; M&amp;uuml;djat &amp;Ccedil;oban)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Das St&amp;uuml;ck soll in den Kammerspielen in Bad Godesberg aufgef&amp;uuml;hrt und die Beteiligten in den Hotels der unmittelbaren Umgebung untergebracht werden. Im Grunde scheint auch alles zu funktionieren, doch auf einmal macht das Ger&amp;uuml;cht die Runde, dass einer der Mitwirkenden mit seinem Bett nicht zufrieden ist und mit Abreise droht, sollte man ihn nicht m&amp;ouml;glichst rasch mit einem &amp;raquo;french bed&amp;laquo; ausstatten. Letztlich wird auch dieses Problem, vom zentralen Festivalb&amp;uuml;ro in der Oper, aus der Welt geschafft. Sp&amp;auml;ter wird die Spielst&amp;auml;tte besichtigt und mit dem Aufbau des sehr aufw&amp;auml;ndigen B&amp;uuml;hnenbildes begonnen. Hierbei bin ich von eher geringem Nutzen: Weder kann ich, wie meine t&amp;uuml;rkischsprechende Kommilitonin, als Dolmetscher auftreten, noch habe ich genug Ahnung von B&amp;uuml;hne und Technik, um hier hilfreich zur Hand gehen zu k&amp;ouml;nnen. Immerhin kann ich irgendwann einen Tisch herbeischaffen, auf dem die Pl&amp;auml;ne f&amp;uuml;r die Beleuchtung ausgebreitet werden. Ansonsten sehe ich vor allem zu, frage die angereisten G&amp;auml;ste ab und an, ob ich ihnen irgendwie behilflich sein k&amp;ouml;nne und bestaune das sich langsam entfaltende B&amp;uuml;hnenbild und die Konstruktion von Aufz&amp;uuml;gen und Hebeb&amp;uuml;hnen.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	&amp;nbsp;&lt;/h5&gt;
&lt;div align=&quot;right&quot;&gt;
	Donnerstag, 12. Juni &amp;#39;08&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Heute trifft am Flughafen K&amp;ouml;ln/Bonn der Rest der Gruppe ein. Doch sind es nicht &amp;raquo;nur&amp;laquo; die 18 Darstellerinnen, Darsteller und Techniker von &amp;raquo;Uyarca&amp;laquo;, die ankommen, sondern zus&amp;auml;tzlich weitere 17 G&amp;auml;ste, die zu anderen Gruppen geh&amp;ouml;ren. Das Chaos ist perfekt und es f&amp;auml;llt schwer, den &amp;Uuml;berblick &amp;uuml;ber die Gruppen zu behalten, die sich mal hier, mal dort durch den Flughafen bewegen. Schlie&amp;szlig;lich gelingt es jedoch, alle in den Reisebus zu verfrachten und loszufahren. Diesmal scheint auch jeder mit Gr&amp;ouml;&amp;szlig;e, Farbe und Weichheitsgrad der zugewiesenen Betten zufrieden zu sein. Auch die Proben am Nachmittag verlaufen ohne Zwischenf&amp;auml;lle.&lt;/p&gt;
&lt;h5&gt;
	&amp;nbsp;&lt;/h5&gt;
&lt;div align=&quot;right&quot;&gt;
	Samstag, 14. Juni &amp;#39;08&lt;/div&gt;
&lt;p&gt;Um 19.30 Uhr soll die erste Auff&amp;uuml;hrung des St&amp;uuml;ckes stattfinden, doch drei Stunden vorher scheint noch niemand vom Team da zu sein. Erst langsam beginnen die Darsteller herein zu tr&amp;ouml;pfeln. &amp;Auml;hnlich langsam, so wird im Theater gemunkelt, l&amp;auml;uft auch der Kartenverkauf. Schade. Doch trotz einiger offensichtlich schlecht koordinierter Abl&amp;auml;ufe und einem bei weitem nicht ausgelastetem Theatersaal, hebt sich der eiserne Vorhang, der hier als Ersatz f&amp;uuml;r einen richtigen Vorhang dient und das d&amp;uuml;stere B&amp;uuml;hnenbild perfekt unterstreicht, beinahe p&amp;uuml;nktlich um kurz nach halb acht. Nach der Vorstellung geht es mit der ganzen Gruppe zur Oper, wo mit Essen im Festival-Zelt, dem letzten Film von &lt;a href=&quot;http://kritische-ausgabe.de/index.php/archiv/1254/&quot;&gt;&amp;raquo;A Wall is a Screen&amp;laquo;&lt;/a&gt; und der Band &amp;raquo;Dolapdere Big Gang&amp;laquo; einiges an Programm geboten wird, wovon auch die Gruppe begeistert ist.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;&lt;font size=&quot;-1&quot;&gt;Foto: &amp;copy; M&amp;uuml;djat &amp;Ccedil;oban&lt;/font&gt;&lt;/p&gt;
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 <category domain="http://www.kritische-ausgabe.de/kategorie/theater/theater-kritik">Theater - Kritik</category>
 <pubDate>Fri, 20 Jun 2008 10:45:07 +0000</pubDate>
 <dc:creator>N. N.</dc:creator>
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 <title>Eine soziologische Versuchsanordnung</title>
 <link>http://www.kritische-ausgabe.de/artikel/eine-soziologische-versuchsanordnung</link>
 <description>&lt;p&gt;&lt;a href=&quot;http://www.biennale-bonn.de/&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;Biennale Bonn 2008 (Logo)&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/BiennaleLogo_2008.jpg&quot; /&gt;&lt;/a&gt;Man kommt beim Personal von Friedrich D&amp;uuml;rrenmatts &lt;em&gt;Der Mitmacher&lt;/em&gt; schnell auf die Idee, es handle sich um eine schematische Darstellung der Welt. Da ist der Wissenschaftler, genannt &lt;em&gt;Doc&lt;/em&gt;. Der Mafiaboss, genannt &lt;em&gt;Boss&lt;/em&gt;. Der Polizeichef &lt;em&gt;Cop&lt;/em&gt;. Ach ja, und &lt;em&gt;Ann&lt;/em&gt;, die Femme Fatale, &lt;em&gt;Bill&lt;/em&gt;, der Millionenerbe. Und &lt;em&gt;Jack &lt;/em&gt;und &lt;em&gt;Jim &lt;/em&gt;und &lt;em&gt;Sam &lt;/em&gt;und &lt;em&gt;Joe&lt;/em&gt;. Die hat man aber schnell wieder vergessen. Die Figuren scheinen genauso einsilbig und austauschbar wie ihre Namen. Wer auf diese Finte hereinf&amp;auml;llt, der verkennt nicht nur D&amp;uuml;rrenmatt, sondern auch das Ensemble des Istanbuler Staatstheaters. Unter der Regie von Sakir G&amp;uuml;rzumar wurde das sp&amp;auml;te B&amp;uuml;hnenst&amp;uuml;ck D&amp;uuml;rrenmatts (t&amp;uuml;rkisch: &lt;em&gt;Uyarca&lt;/em&gt;) seit der Spielzeit 2005/06 produziert und dort seither au&amp;szlig;erordentlich erfolgreich aufgef&amp;uuml;hrt. Die (vermeintlichen) Stereotypisierungen sind keine Vereinfachungen. Gerade durch das Aufbrechen von Klischees wird Trostlosigkeit veranschaulicht.&lt;a href=&quot;http://www.biennale-bonn.de/&quot;&gt;&lt;img alt=&quot;Biennale Bonn 2008 (Logo)&quot; class=&quot;right&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/BiennaleLogo_2008.jpg&quot; /&gt;&lt;/a&gt;Man kommt beim Personal von &lt;a href=&quot;http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_D%C3%BCrrenmatt&quot;&gt;Friedrich D&amp;uuml;rrenmatts&lt;/a&gt; &lt;em&gt;Der Mitmacher&lt;/em&gt; schnell auf die Idee, es handle sich um eine schematische Darstellung der Welt. Da ist der Wissenschaftler, genannt &lt;em&gt;Doc&lt;/em&gt;. Der Mafiaboss, genannt &lt;em&gt;Boss&lt;/em&gt;. Der Polizeichef &lt;em&gt;Cop&lt;/em&gt;. Ach ja, und &lt;em&gt;Ann&lt;/em&gt;, die Femme Fatale, &lt;em&gt;Bill&lt;/em&gt;, der Millionenerbe. Und &lt;em&gt;Jack &lt;/em&gt;und &lt;em&gt;Jim &lt;/em&gt;und &lt;em&gt;Sam &lt;/em&gt;und &lt;em&gt;Joe&lt;/em&gt;. Die hat man aber schnell wieder vergessen. Die Figuren scheinen genauso einsilbig und austauschbar wie ihre Namen. Wer auf diese Finte hereinf&amp;auml;llt, der verkennt nicht nur D&amp;uuml;rrenmatt, sondern auch das Ensemble des Istanbuler Staatstheaters. Unter der Regie von Sakir G&amp;uuml;rzumar wurde das sp&amp;auml;te B&amp;uuml;hnenst&amp;uuml;ck D&amp;uuml;rrenmatts (t&amp;uuml;rkisch: &lt;em&gt;Uyarca&lt;/em&gt;) seit der Spielzeit 2005/06 produziert und dort seither au&amp;szlig;erordentlich erfolgreich aufgef&amp;uuml;hrt. Die (vermeintlichen) Stereotypisierungen sind keine Vereinfachungen. Gerade durch das Aufbrechen von Klischees wird Trostlosigkeit veranschaulicht.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:left; padding:6px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»Der MitmacherÂ« (Â»UyarcaÂ«). Inszenierung des Staatstheaters Instanbul (Foto: Â© MÃ¼djat Ã‡oban)&quot; src=&quot;/sites/default/files/images/UYARCA3.jpg&quot; /&gt;&lt;/dt&gt;
&lt;dd style=&quot;text-align:center; font-size:75%; margin:3px; padding:3px;&quot;&gt;
		Szenenfoto aus &lt;em&gt;Der Mitmacher (Uyarca)&lt;/em&gt;&lt;br /&gt;
		Inszenierung des Staatstheaters Instanbul&lt;br /&gt;
		(Foto: &amp;copy; M&amp;uuml;djat &amp;Ccedil;oban)&lt;/dd&gt;
&lt;/dl&gt;
&lt;p&gt;Leicht, der Einstieg in das St&amp;uuml;ck: Ein Mafiaboss steigt in ein Taxi. Der Fahrer ist &lt;em&gt;Doc &lt;/em&gt;(AtsÄ±z Karaduman) und &amp;raquo;verstand etwas von Aminos&amp;auml;uren&amp;laquo;: der ehemals hochbezahlte Biologe ist Opfer der Wirtschaftskrise geworden und vor&amp;uuml;bergehend Taxichauffeur. Seine Frau ist mit einem Liebhaber durchgebrannt, seitdem ist &lt;em&gt;Doc &lt;/em&gt;untergetaucht. Am Boden zerst&amp;ouml;rt, aber trotzdem genial, entwickelt er eine Technik, Leichen in ihre nat&amp;uuml;rlichen Bestandteile aufzul&amp;ouml;sen. Der Mafiaboss und Profi im Bereich der gro&amp;szlig; angelegten Liquidierung &lt;em&gt;Boss &lt;/em&gt;(in der t&amp;uuml;rkischen &amp;Uuml;bersetzung hei&amp;szlig;t er &lt;em&gt;Chef&lt;/em&gt;, gespielt von Attila Olga&amp;ccedil;) macht &lt;em&gt;Doc &lt;/em&gt;zu seinem Komplizen und Teilhaber. Noch kommen die Schauspieler nicht aus sich heraus. Noch sind beide ganz &lt;em&gt;Typ Gangster&lt;/em&gt; und &lt;em&gt;Typ gescheiterter Intellektueller&lt;/em&gt;.&lt;/p&gt;
&lt;p&gt;Das Taxi verschwindet und gibt die B&amp;uuml;hne frei f&amp;uuml;r einen schmierig-industriellen Nirgend-Ort: Der Wissenschaftler lebt und arbeitet in einem Laboratorium, f&amp;uuml;nf Stockwerke unter der Erde, unter einem alten Lagerhaus. Eine raum- und zeitlose Gruft, eine Mischung aus Schlachthaus und Fabrikhalle, an deren W&amp;auml;nde Schimmel herunterl&amp;auml;uft. Dieser einzige Schauplatz des restlichen St&amp;uuml;ckes (B&amp;uuml;hne: Ali Cem K&amp;ouml;roÄŸlu) ist eine meisterhafte Verbildlichung dieser hoffnungs- und trostlosen Unterwelt, in der &lt;em&gt;Boss &lt;/em&gt;den Gott Hades spielt, w&amp;auml;hrend es &lt;em&gt;Docs &lt;/em&gt;Aufgabe ist, die Toten lethe-w&amp;auml;rts in die Kanalisation zu sp&amp;uuml;len. Die &amp;raquo;Gesch&amp;auml;ftsleute&amp;laquo; sind durchaus zufrieden, bis &lt;em&gt;Cop &lt;/em&gt;ins Spiel kommt. TarÄ±k &amp;Uuml;nl&amp;uuml;oÄŸlu verk&amp;ouml;rpert mit dem korrupten Polizeichef das eigentliche B&amp;ouml;se, denn w&amp;auml;hrend alle anderen Beteiligten in ihr Schicksal geschlittert und unf&amp;auml;hig zur Flucht zu sein scheinen, ist &lt;em&gt;Cop &lt;/em&gt;aktiv ins Geschehen eingetreten. Er setzt den beiden Nekrodialyse-Unternehmern die sprichw&amp;ouml;rtliche Pistole auf die Brust und fordert eine Beteiligung von f&amp;uuml;nfzig Prozent. &lt;em&gt;Doc&lt;/em&gt;, dem zwanzig Prozent versprochen werden, stimmt achselzuckend zu und vertieft sich, mit der gleichg&amp;uuml;ltigen Resignation eines Outlaws, wieder in seine Comics. &lt;em&gt;Boss &lt;/em&gt;wird zu einer nerv&amp;ouml;sen Marionette und verliert all seine Mafiaboss-All&amp;uuml;ren &amp;ndash; mit Herzproblemen und schweren F&amp;uuml;&amp;szlig;en wirkt er nun so gar nicht mehr m&amp;auml;chtig und b&amp;ouml;se, sondern eher wie ein &amp;uuml;berarbeiteter und ver&amp;auml;ngstigter Gebrauchtwagenh&amp;auml;ndler.&lt;/p&gt;
&lt;dl style=&quot;width:300px; float:right; padding:9px; margin:6px;&quot;&gt;
&lt;dt style=&quot;text-align:center; margin:0px; padding:0px;&quot;&gt;
		&lt;img alt=&quot;Szenenfoto aus Â»Der MitmacherÂ