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Postmoderne Untergangsszenarien

Zur Funktion des Theaters heute

Das Ende des Subjekts, das Ende der Geschichte, das Ende der großen Erzählungen, das Ende der Metaphysik, das Ende der Realität, das Ende der Kunst … Untergangsprophezeiungen erleben in der zeitgenössischen Philosophie Hochkonjunktur. In der Diskussion um das Ende der Postmoderne findet das Enden vielleicht ein Ende. Und das Theater? Ebenso wenig wie die Fotografie das Ende der Malerei bedeutete, brachte der Film – trotz gegenteiliger Vorhersagen – das Ende des Theaters. Und das Drama? „Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende“, so lautet der frappierende Beginn von Becketts Endspiel. Was hier zu Ende geht, ist das Drama in seiner etymologischen Bedeutung als Handlung: Becketts anti-aristotelisches Drama verzichtet auf eine kausal logische Handlung und differenzierte Figurenpsychologie. Die Negation bestimmter Genrekonventionen geht einher mit der Transformation und Neuerfindung der dramatischen Gattung, nicht aber mit deren gänzlichen Abschaffung. Wo immer also großspurig das Ende verkündet wird, gilt es zu differenzieren.
 


»in konzentrischen Kreisen immer weiter nach außen gehen«

Katie Mitchell bringt in der Kölner Halle Kalk Sebalds Die Ringe des Saturn auf die Bühne

Inszenierungen von Prosawerken finden sich immer häufiger auf den Spielplänen der Theater. Doch warum – so mag man sich fragen – wagt man sich an den Text eines Autors, der auf 350 Seiten die ›Wallfahrt‹ seines namenlosen Erzählers durch die englische Grafschaft Suffolk beschreibt und den Leser in langen Rückblenden an dessen oft weit abschweifenden Gedanken während der Wanderung entlang der ostenglischen Küste teilhaben lässt? Und wie kann dies gelingen? Regisseurin Katie Mitchell beantwortet diese Frage mit ihrer Bearbeitung von W.G. Sebalds Die Ringe des Saturn, die zur Zeit am Schauspiel Köln zu sehen ist, und einer ganz eigenen Theatersprache.


Skandallos gut

Frank Wedekinds Lulu im Schauspiel Bonn

Wütend zugeschlagene Türen, ein erregtes und laut protestierendes Publikum, sich vor Aufregung überschlagende Feuilletons – welcher Theatermacher träumt nicht von solch einem handfesten Theaterskandal? 


Terrorismus als Schrei nach Liebe oder: die RAF auf der Couch

Andres Veiels Wer wenn nicht wir

Filme über die RAF sind seit Margarete von Trottas Die bleierne Zeit von 1981 so zahlreich gedreht worden, dass man schon von einem eigenen Genre sprechen kann. Es handelt sich um ein Genre, das es durch die Vielzahl der am ›roten Jahrzehnt‹ Beteiligten zulässt, unterschiedlichste Geschichten zu erzählen. Einen vielfach preisgekrönten Beitrag zur filmischen Aufarbeitung hatte der Dokumentarfilmer Andres Veiel mit Black Box BRD (2001) geleistet, einem Film über die Lebensgeschichten des ermordeten Deutsche-Bank-Vorstandssprechers Alfred Herrhausen und des RAF-Terroristen und mutmaßlich am Attentat beteiligten Wolfgang Grams. Interessierten Veiel dort die Umstände politischen Handelns eines ›spätgeborenen‹ Terroristen und seines Opfers, geht es ihm mit seinem ersten Spielfilm Wer wenn nicht wir um die Vorgeschichte der RAF.


Kleist aus der Ferne

Stefan Heiseke setzt den Prinzen von Homburg in den Bonner Kammerspielen in Szene

Als nach anderthalb Stunden Prinz Friedrich von Homburg in den Bonner Kammerspielen das Licht ausgeht, setzt der Premierenapplaus ein, der zwar höflich auf drei Vorhänge ausgedehnt wird, aber sehr auffällig ohne große Anteilnahme oder Leidenschaft gegeben wird. Es ist kein Ärger und keine Ablehnung im Saal zu hören, aber ebensowenig Jubel, als der Regisseur Stefan Heiseke auf die Bühne gebeten wird, sich kurz verbeugt und schnell abgeht. Das Publikum bleibt der Inszenierung gegenüber distanziert. Heißt das nun, dass das Stück nicht angekommen ist, dass der Regisseur ‚versagt‘ hat?


Kunst ganz ungekünstelt

Stefan Herrmann inszeniert Hans Falladas Roman Kleiner Mann, was nun? mit Bonner Laiendarstellern in der Brotfabrik

Kunst. Leben. Und keine Kluft dazwischen. Nach den Leiden des jungen Werther bringt der Theaterregisseur Stefan Herrmann nun Geschichten auf die Bühne der Bonner brotfabrik, wie sie nur das Leben schreibt. Authentisch, wahr, unmittelbar und deshalb berührend. Geschichten über Glück und Unglück, Streben und Scheitern, erfüllte und geplatze Träume, von Bonner Laienschauspielern erlebt und erzählt. Eingebettet wird dieses bunte Mosaik aus Einzelschicksalen in die dramatisierte Romanhandlung von Hans Falladas Kleiner Mann, was nun? (1932).


»Ich will positive Emotionen beim Zuschauer auslösen«

Ein Interview mit dem Theaterregisseur Jan Stephan Schmieding

In der Spielzeit 2009/10 gab Jan Stephan Schmieding in der Bonner Werkstattbühne sein erfolgreiches Regiedebut mit Fritz Katers »HEAVEN (zu tristan)«. Zuvor hospitierte er nach seinem Studium in Bonn am Theater an der Ruhr in Mülheim. Von dort wechselte er als Regieassistent ans Schauspielhaus Zürich, inszenierte und arbeitete weiterhin in Bern, Wien und Salzburg. In der nächsten Saison wird er mit Sophokles‘ »Antigone« einen klassischen Text auf die Bühne bringen. Mit der Kritischen Ausgabe sprach Schmieding über die Schwierigkeiten, denen junge Regisseure mit Ambitionen ausgesetzt sind, über die (finanzielle) Lage am deutschen Theater und wie und warum es im sich wandelnden gesellschaftlichen Umfeld neue Formen und mehr Wagemut entwickeln muß.


Das tut ja weh!

Ein beschaulicher Theaterabend? Nicht mit Antonio Latella! Der Regisseur lässt das Publikum in Die Verwandlung und andere Erzählungen spüren, was Kafka fühlte.

Es ist nicht Antonio Latellas Ziel an diesem Abend im Kölner Schauspielhaus, den Zuschauern eine Geschichte zu erzählen. Der Regisseur hat sich intensiv mit dem Schriftsteller Franz Kafka beschäftigt, mit dessen Texten. Nun glaubt er, Kafka zu kennen. Das Stück Die Verwandlung und andere Erzählungen hat Latella geschrieben, um den Leuten zu zeigen, wie Kafka dachte, wie er fühlte. Er möchte die enorme Wucht von Verzweiflung und Angst erfahrbar machen, der dieser Autor ausgeliefert war und die er nur an guten Tagen auf Papier bannen konnte.


Zum Totlachen

Harald Schmidt und andere namhafte Vorleser präsentieren im Kölner Schauspielhaus Auszüge aus David Foster Wallace' Roman Unendlicher Spaß

Helge Malchow ist glücklich, das sieht man. Für den Chef des Kölner Verlages Kiepenheuer und Witsch stellt es keine Selbstverständlichkeit dar, bei einer Lesung von der Bühne aus in einen bis auf den letzten Platz gefüllten Theatersaal zu blicken. Der Stolz auf das Buch, ›sein‹ Buch, lässt ihn am Rednerpult vor Freude strahlen. Nun, möchte man hinzufügen, es geht ja an diesem Abend im Kölner Schauspielhaus auch nicht um ein gewöhnliches Buch: Auf dem Programm steht der Roman Unendlicher Spaß des amerikanischen Autors David Foster Wallace – ganze 1545 Seiten dick, der Übersetzer benötigte sechs Jahre für die Übertragung aus dem Englischen. Eine bunte Truppe aus Prominenten und Mitgliedern des Kölner Schauspiel-Ensembles hat sich nun angekündigt, um ihre Lieblingsstellen aus dem ›epischen Schwergewicht‹ vorzutragen.


Wenn Geiz die Welt regiert

Patricia Benecke aktualisiert in den Kammerspielen Bad Godesberg Molières Der Geizige

Szenenfoto aus Molières »Der Geizige« (Foto: Thilo Beu)Ein hoher, kostspielig wirkender Raum, in dessen Mitte ein leuchtender Kronleuchter hängt. Edel aber dennoch karg ausgestattet. Da bleibt viel Platz für den Auftritt des »Geizigen« Harpagon, des Protagonisten in Molières gleichnamigen Drama. Wenn Harpagon auf den Stuhl in der Mitte der Bühne steigt und wie in Trance über sein geliebtes Geld lamentiert, so wird dem Zuschauer schnell deutlich, wer hier der Star des Abends ist. Eindrucksvoll und leidenschaftlich gestikuliert der Geizhals und schwärmt von seiner im Garten vergrabenen Geldkassette, mit der ihn eine beinahe menschliche Liebe verbindet.

 


 

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