Skandallos gut
Wütend zugeschlagene Türen, ein erregtes und laut protestierendes Publikum, sich vor Aufregung überschlagende Feuilletons – welcher Theatermacher träumt nicht von solch einem handfesten Theaterskandal? Die saturierten Bürger auf ihren Aboplätzen aus ihrer Lethargie herausreißen und dazu zwingen, zum Geschehen auf der Bühne Stellung zu beziehen. Aufmerksamkeit erzeugen durch gut gesetzte Grenzüberschreitungen – ganze Regiekarrieren sind mit dieser Strategie verbunden (Peymann, Castorf, Schlingensief). Wenn ein solcher Theaterskandal heute überhaupt noch möglich ist, dann doch wohl mit einem Stück wie dem von Frank Wedekind: Lulu, die verruchte Femme fatale, der die Männer verfallen sind und deren Weg von um ihretwillen gestorbene Männer gepflastert ist.

Ein hoher, kostspielig wirkender Raum, in dessen Mitte ein leuchtender Kronleuchter hängt. Edel aber dennoch karg ausgestattet. Da bleibt viel Platz für den Auftritt des »Geizigen« Harpagon, des Protagonisten in Molières gleichnamigen Drama. Wenn Harpagon auf den Stuhl in der Mitte der Bühne steigt und wie in Trance über sein geliebtes Geld lamentiert, so wird dem Zuschauer schnell deutlich, wer hier der Star des Abends ist. Eindrucksvoll und leidenschaftlich gestikuliert der Geizhals und schwärmt von seiner im Garten vergrabenen Geldkassette, mit der ihn eine beinahe menschliche Liebe verbindet.
April 1945 in Paris. Der Untergang des Nazi-Regimes zeichnet sich ab. Die großen Politiker wie Charles de Gaulle wissen: »Die Tage der Trauer sind vorbei. Die Tage des Ruhmes sind angebrochen.« Sie warten nur noch auf den Frieden. Und wissen nicht, was Warten wirklich bedeutet. Eine Frau tritt in ein Zimmer. Sie heißt Marguerite Duras (Dominique Blanc). Plötzlich ist Licht da. Licht, das ausreicht, um Tagebuch zu schreiben, vielleicht auch nur, um es zu lesen. Licht, das aber nicht ausreichen wird, die Dunkelheit zu vertreiben.